Werden und Sein - Friedrich Milbradt - E-Book

Werden und Sein E-Book

Friedrich Milbradt

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Beschreibung

Erzählt wird von einer Berliner Familie in den turbulenten Zeiten des 20. Jahrhunderts, bis hin zu den Bedingungen, nach denen die Menschen durch die Teilung der Stadt in West- und Ostberlin, und zwei unterschiedlichen Währungen, miteinander lebten. Mit dem Bau der Mauer, im August 1961, werden die sich über die Jahre entwickelten Verhältnisse gegenseitiger Vorteilsnahme dann jäh unterbunden. Von nun an galten auch für alle Ostberliner die Regeln des real existierenden Sozialismus, denen sich, seit Gründung der DDR, alle außerhalb Ostberlins lebenden DDR-Bürger unterordnen mussten, wenn sie nicht vorher über die Berliner Sektorengrenzen den Weg in die Freiheit gewählt hatten. Nach dem Fall der Mauer, im November 1989, beginnt für die Ostberliner dann ein schwieriger Integrationsprozess.

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Das Menschenleben ist seltsam eingerichtet: Nach den Jahren der Last hat man die Last der Jahre.

Johann Wolfgang von Goethe

FÜR MEINE KINDER

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Epilog

Prolog

Mit fünf unterschiedlichen politischen Systemen, kann man Deutschland als einmalig in der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhundert ansehen.

Das Kaiserreich endete im Ergebnis eines Eroberungskrieges. Der Kaiser floh nach Holland und die Weimarer Republik wurde ausgerufen. Nach den Krisenjahren von 1919 bis 1923 mit dem sogenannte Kohlrüben- oder Hungerwinter und einer Inflation, nannte man die Jahre von 1924 bis 1929 die “Goldenen Zwanziger“, weil sich Deutschland wirtschaftlich erholte und international wieder Anerkennung und Wertschätzung erfuhr.

Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem Versagen der "Weimarer Republik", endete der Versuch, Deutschland aus einer Monarchie in eine parlamentarische Demokratie umzuwandeln.

Die Nationalsozialisten übernahmen die Macht. Nach einem grausamen Vernichtungskrieg, der mit der Zerschlagung des faschistischen “Dritten Reiches“ endete, sind Deutschland durch die Siegermächte in vier Zonen und Berlin in vier Sektoren aufgeteilt worden.

Unter der Ägide der westlichen Alliierten, USA, England und Frankreich, wurden in ihren Besatzungszonen demokratische Regeln eingeführt und die Bundesrepublik Deutschland gegründet.

Die Deutschen im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands hingegen, wurden nach dem Vorbild der stalinistischen Sowjetunion in eine neue, andere Form der Willkür gezwängt. Sie mussten sich der “Diktatur des Proletariats“ unterwerfen und lebten in der 1949 gegründeten Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

Eine Sonderstellung nahmen dabei die drei Sektoren der Westmächte in Berlin ein. Umgeben von den diktatorischen Strukturen der DDR, lebten hier die Menschen nach den Regeln der Demokratie, mit der D-Mark als Währung, aber ohne direkter Bestandteil der Bundesrepublik zu sein.

Westberlin wurde im "Kalten Krieg“ zum "Pfahl im Fleische der DDR“.

Über die offenen Sektorengrenzen verließen die Menschen massenhaft den Machtbereich des "Arbeiter- und Bauern-Staates“, um der staatlichen Gängelei zu entgehen und ein Leben mit demokratischen Freiheiten zu führen.

Um einen ökonomischen Kollaps zu vermeiden, mauerte die DDR auf eigenen Wunsch und auf Geheiß der Sowjetunion "Westberlin" am 13. August 1961 ein. Aus einer Stadt mit ihren engen familiären Bindungen und Beziehungen, sowie die sich über die Jahre entwickelten Verhältnisse gegenseitiger Vorteilsnahme, wurden jäh unterbunden.

Über Nacht entstanden zwei Städte mit diametral entgegenstehenden Weltanschauungen.

Von nun an galten auch für alle Ostberliner die Regeln des "real existierenden Sozialismus", denen sich, schon seit Gründung der DDR, alle außerhalb Ostberlins lebenden DDR-Bürger unterordnen mussten.

Im November 1989 verlor die Berliner Mauer, nach einer friedlichen Revolution, ihre Funktion und wurde später abgerissen.

Mit dem Ende der politischen, ökonomischen und kulturellen Zwangsteilung des deutschen Volkes durch die Wiedervereinigung, wurden die Unterschiede, die sich in den Jahrzehnten der Trennung auch zwischen der Berliner Bevölkerung entwickelt hatten, schlagartig deutlich.

Während sich für die Menschen in den alten Bundesländern relativ wenig änderte, merkten der überwiegende Teil der Bewohner der ehemaligen DDR und in besonderem Maße die "Ostberliner", dass ihre privaten und beruflichen Biografien plötzlich ganz anders bewertet wurden.

Zur qualitativen Unterscheidung gab es nun die Begriffe "Wessi“ und "Ossi“.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Entwicklung von Bodo, dem Spross einer normalen Berliner Familie. Mit seinen Wahrnehmungen und Lebenserfahrungen werden die wesentlichen Alltagsabläufe während der unterschiedlichen politischen Zustände in der deutschen Hauptstadt, Berlin, deutlich gemacht.

Kapitel 1

Es war zur Zeit der kaiserlichen Mobilmachung 1914, als Hedwig nach über einem Jahr wieder das Haus betrat, in dem ihre Eltern wohnten.

Sie hatte sich damals in einen zehn Jahre älteren Österreicher verliebt und war von zu Hause fortgelaufen. Vielleicht war es wirklich nur wegen der Generalmobilmachung Österreich/Ungarns, dass ihr Partner mit der Begründung für Kaiser und Vaterland ins Feld ziehen zu müssen, überstürzt in seine Heimat zurückkehrte. Er ließ Hedwig hochschwanger zurück, die nun auf sich allein gestellt, kurz darauf von einer Tochter entbunden wurde.

Den Wochentag und die Uhrzeit hatte sie ganz bewusst gewählt, weil nur ihre Mutter zu Hause sein konnte. Ihr Vater und ihr Bruder arbeiteten beide bei der Bahn. Ihr Vater in leitender Stellung und Walter in der Ausbildung zum Lokomotivführer

In der 1. Etage des Vorderhauses verharrte sie mit klopfendem Herzen vor der Wohnungstür. Die 20-jährige starrte auf das protzige Holzbrett mit dem Namensschild Amelang.

Unwillkürlich presste sie ihre drei Wochen alte Tochter an sich und stellte die Reisetasche, die sie in der anderen Hand trug, ab. Dann betätigte sie den kunstvoll gearbeiteten Türklopfer und wartete.

Nach kurzer Zeit öffnete ihre Mutter die Tür und starrte ihre Tochter an, wie einen Geist. Sie wollte die Tür sofort wieder schließen, doch da hörte sie ein leises Babyweinen aus dem Wickeltuch, das ihre Tochter im Arm hielt.

»Auch das noch, du bringst nur Schande über die Familie. Was werden nur die Leute sagen?«

»Bitte, Mutter…«

»Na, gut, komm ’rein.«

Hedwig stellte die Reisetasche auf dem Korridor ab und legte das kleine Bündel auf das elterliche Ehebett. Ihre Mutter schlug das Tuch zur Seite und sah auf ein sehr kleines Baby mit dichten schwarzen Haaren, ihre Enkeltochter.

Hedwig hielt Abstand, ging dann in die Küche und legte dort ein Kuvert auf den Tisch.

»Ich habe sie schon ins Geburtenregister eintragen lassen.« sagte sie, als ihre Mutter hereinkam. »Sie heißt Herta.«

Mutter und Tochter standen sich wortlos gegenüber und weinten. Dann aber umarmten sie sich. Berta, Hedwigs Mutter, wollte nun Einzelheiten erfragen. Doch bevor sie dazu kam, verließ Hedwig, mit den Worten »Ich muss erst mal auf die Toilette.«, die Küche.

Nach einer Weile ging Berta ins Schlafzimmer. »Hedwig?« Hedwig war nicht da. Berta ging zur Toilettentür und klopfte. Keine Antwort. Sie öffnete die Tür, die Toilette war leer. »Hedwig, wo bist du?« Keine Antwort. Berta ging durch die ganze Wohnung und sah die Reisetasche, die Hedwig auf dem Korridor abgestellt hatte.

Dann kam der Schock… Hedwig war nur gekommen um ihre Tochter loszuwerden und war wieder gegangen.

Sie saß wie gelähmt am Küchentisch. Wie würden ihr Mann Arthur und ihr Sohn Walter reagieren? Mechanisch öffnete sie das Kuvert, dass auf dem Küchentisch lag und entnahm die Geburtsurkunde. Vater: unbekannt. Natürlich! Dann entdeckte sie den Brief, der noch in dem Kuvert war. Hedwig schilderte darin die Umstände ihres Tuns, bat ihre Eltern um Verzeihung und darum, Herta bei sich aufzunehmen.

Im Schlafzimmer fing Herta an zu weinen. Berta holte die Reisetasche. Wie sie vermutet hatte, war darin alles zur Erstversorgung für die Kleine. Der Entschluss von Berta stand nun fest, egal wie das Gespräch mit ihrem Mann heute Abend verlaufen würde. Sie würde ihr Enkelkind aufziehen und so geschah es auch. Herta wuchs bei ihren Großeltern auf.

Den Familienzuwachs nahm in der Nachbarschaft kaum jemand war. Es war in den gehobenen Bürgerhäusern zu der Zeit nicht üblich, sich um die Nachbarschaft zu kümmern. Es sei denn, die späte Geburt erregte hier und da zurückhaltendes Unverständnis, denn Berta und Arthur hatten die 40 schon weit überschritten.

Walter war für Herta der große Bruder und ihre Großeltern nannte sie Mama und Vater, weil Walter seine Eltern auch so ansprach. Sie wuchs wohlbehütet heran. Die berufliche Stellung von Arthur sicherte der Familie auch in den schweren Jahren nach dem Ende des I. Weltkrieges ein, für die damaligen Verhältnisse, gutes Leben.

Hedwig arbeitete als Verkäuferin in einem großen Fachgeschäft für Teppiche, Gardinen und Stoffe an der Leipziger Straße. Von ihrer kleinen Wohnung in der Poststraße, konnte sie das Geschäft bequem zu Fuß erreichen.

In regelmäßigen Abständen besuchte sie die evangelische Kirche im Wohnbereich ihrer Eltern. In einem verglasten Schaukasten neben dem Eingangsportal waren die Ereignisse der jeweils nächsten Tage angekündigt. Auf den ersehnten Namen ihrer Tochter und das Taufdatum, musste sie über ein Jahr warten, denn die kleine Herta war in den ersten Lebensmonaten sehr schwach und anfällig. Aber im September 1915 war es soweit. Hedwig wartete bis ihre Familie mit dem weißen Kissen die Kirche betreten hatte und sah der Taufe ihrer Tochter von der weit entfernten Kirchentür zu. Die Tränen waren stärker. Sie musste die Kirche verlassen, um nicht aufzufallen.

Ein Verhältnis, das sie mit dem erheblich älteren Geschäftsinhaber eingegangen war, sicherte Hedwig die Arbeitsstelle über das Kriegsende und die folgenden Krisenjahre hinaus.

Die vielen Briefe, in denen sie ihre Eltern bat, ihre Tochter sehen zu dürfen, wurden nicht beantwortet.

Inzwischen waren sechs Jahre vergangen. Herta würde in diesem Jahr eingeschult werden. Da fasste Hedwig den Entschluss, sich an ihren Bruder Walter zu wenden. Aber wie? Als Lok-Führer, zu der Zeit war er noch Anwärter, arbeitete Walter unregelmäßig, so wie der Fahreinsatzplan es vorgab. Sie wusste aber, wo der beste Freund von Walter wohnte. Dem gab sie ihre Adresse und einen Brief, mit der Bitte ihn Walter zu übergeben und alles vertraulich zu behandeln.

Die Wochen vergingen. Aber dann, an einem Sonntag, klingelte es und ihr Bruder Walter stand vor ihr. Es war eine merkwürdige Situation. Ihr kleiner Bruder war in der Zeit zum Mann geworden. Sie bat ihn herein und es dauerte eine ganze Zeit, bis sich die beiderseitige Beklemmung löste. Hedwig rannen die Tränen über die Wangen und Walter nahm ihre Hand. Das Eis war gebrochen.

Nach seinem Treffen und der Aussprache mit Hedwig, quälte Walter das Problem, wie er den Eltern den Vorschlag seiner Schwester nahebringen konnte. Eines Abends, nachdem Herta schon schlief, sagte er so ganz nebenbei: »Ich habe mit Hedwig gesprochen«, und sah seine Eltern dabei aufmerksam an. Keine Reaktion. Eisiges Schweigen,

»Ich habe Hedwig getroffen und wir haben uns unterhalten. Dabei hat sie mir einen Vorschlag unterbreitet, den ich euch mitteilen wollte.«

»Wir haben keine Tochter mehr.«

»Ach, und was ist Hedwig dann?«

»Was willst du? Ich habe versucht das alles zu vergessen und nun bringst du Unfrieden, wegen einer Frau, die ihr Kind im Stich gelassen hat.« Arthur war sehr erregt und zündete sich mit zitternden Händen seine Pfeife an.

»Und warum nennst du deine Tochter nicht beim Namen? Nur weil sie in ihrer Not einen Fehler gemacht hat?«

Berta hatte bis jetzt reglos vor sich hin gestarrt, aber nun quoll es aus ihr heraus.

»Jetzt, wo Herta aus dem gröbsten ´raus ist, kommt die gnädige Frau und erhebt Anspruch auf ihr Kind. Nie und nimmer.«

»Aber sie will doch Herta gar nicht aus ihrem jetzigen Leben herausreißen, sie will doch nur Kontakt zu ihrer Familie und ihrem Kind.«, rief Walter und musterte seine Eltern wieder aufmerksam, aber er konnte aus ihrer Körpersprache nur Ablehnung erkennen.

Arthur klopfte seine Pfeife aus. »Ich möchte jetzt nichts mehr davon hören.«

»…und ich auch nicht.« stimmte ihm Berta bei, legte das Nähzeug aus der Hand und verließ das Zimmer. Arthur folgte ihr. Walter blieb allein zurück und hatte das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben.

Es war vielleicht eine Woche vergangen, als Berta ihren Sohn unvermittelt fragte: »Was hat sie denn gesagt?«

»Wer?«

»Na, deine Schwester und wie habt ihr euch denn getroffen?«

Walter erzählte seiner Mutter wie das Treffen mit Hedwig zustande gekommen war.

»Und, wie wohnt sie so?«

Walter merkte, dass seine Mutter einen Weg suchte, um die verfahrene Situation zu retten. Er berichtete wo Hedwig wohnte und wo sie angestellt war.

»Wie denkt sie sich denn das mit Herta, habt ihr darüber auch gesprochen?«

»Ja, das war doch die Hauptsache. Hedwig meint, vielleicht könnte sie als entfernte Verwandte zu Hertas Einschulung eingeladen werden.«

»Was? Wie soll das denn gehen?«

»Weiß ich auch nicht….«

»Ich weiß auch nicht, wie dein Vater darauf reagiert, aber ich werde nachher, wenn er von der Arbeit kommt, mit ihm darüber reden. Du musst ja jetzt zum Dienst.«

»Ja, und ich hoffe, dass es einen Weg gibt, der die Familie wieder zusammenführt.« Walter gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und verließ die Wohnung.

Der Tag war gekommen. Herta wurde eingeschult. Stolz trug sie ihre Schultüte und wurde von den anderen Mädchen, die keine oder nur eine kleine Schultüte hatten, mit neidischen Blicken bedacht. Neben ihren Eltern und ihrem Bruder Walter, war noch eine Frau gekommen, die ihr als Tante Hedwig vorgestellt wurde. Herta war viel zu aufgeregt, sich darüber zu wundern, dass diese Frau sie zur Begrüßung ganz fest an sich drückte und sie küsste.

In den folgenden Jahren, kam Tante Hedwig regelmäßig zu den Geburtstagen, an den Feiertagen und ab an auch am Sonntag zu Besuch. Für Herta war das immer spannend, weil Tante Hedwig ihr immer etwas ganz Besonderes mitbrachte.

Nach der Einsegnung und Beendigung der Volksschule, begann Herta eine Lehre als Kontoristin.

Die Lehrstelle hatte ihr Hedwig besorgt, die in dem zum Kleinkaufhaus angewachsenen Geschäft an der Leipziger Straße, in leitender Stellung tätig war. Während dieser Zeit, in der sie sich häufig begegneten, baute sich ein festes Vertrauensverhältnis auf.

Kapitel 2

Gegen Ende ihrer Lehrzeit wird Herta von dem Handelsvertreter Rudolf Riemer umworben. Einige Monate später ist sie schwanger. Da sie die Moralvorstellungen ihrer Eltern kennt, wendet sie sich in ihrer Not an Hedwig.

»Hast du denn Rudolf schon gesagt, dass du schwanger bist?«

»Nein, er ist ja viel unterwegs und es ist mir peinlich und ich habe Angst, wie ich es den Eltern sagen soll.«

»Herta, Rudolf muss es schnellstens erfahren. Ihr müsst heiraten.«

»WAS…??? Was sollen denn die Eltern dazu sagen?«

»Ich habe doch eben gesagt, was du tun sollst.«

»Du, ja, aber Mama und Vater…?«

»Vertraue mir, rede mit Rudolf und zwar schnell.«

In der Woche darauf, trafen sie sich wieder.

»Ich habe mit Rudolf gesprochen. Er freut sich auf das Baby und wird alles für die Hochzeit vorbereiten, aber dazu brauche ich einen Ahnenpass.«

»Ahnenpass, warum das denn?«

»Das habe ich auch gefragt. Rudolf sagt, ohne Ahnenpass würde seine Dienststelle einer Eheschließung nicht zustimmen.«

»Ich denke Rudolf ist Handelsvertreter? Wozu braucht er denn da eine Zustimmung zum heiraten?«

»Er hat gesagt, ich solle ihm vertrauen, dann würde alles gut werden.«

»Na gut, das ist ja alles ziemlich merkwürdig, aber er scheint es ja ehrlich zu meinen. Ich glaube, Walter hat sich einen Ahnenpass besorgt. Er wollte sicher sein, dass unsere Familie reinrassigen Ursprungs ist.«

»Dann werde ich mit Walter reden, vielleicht kann man eine Kopie beantragen, denn da sind ja alle Familienangehörigen aufgeführt, bis zu mir und du stehst bestimmt auch drin.«

Hedwig zögerte, aber dann nahm sie die Hand von Herta und fuhr ihr mit der anderen zärtlich über die Bubikopf-Frisur.

»Herta ich muss dir jetzt etwas sagen, was dein Lebensbild verändern wird…«, sie zögerte wieder.

»Was ist denn so wichtig?«

»Mein Kind«, sie machte eine Pause, »ich bin deine Mutter und Mama und Vater, sind meine Eltern und deine Großeltern…«, so jetzt war es raus und nicht mehr zu ändern.

Während Hedwig ein Gefühl von Erleichterung und Stolz empfand, war Herta völlig verwirrt. Sie versuchte alles zu verstehen, aber es gelang ihr nicht. Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Großeltern?...Mama und Vater?... dann ist Walter ja auch nicht mein Bruder...was ist er denn dann?«

»Walter ist mein Bruder und dein Onkel.«, versuchte Hedwig mit tränenerstickter Stimme zu erklären.

Ihre Erleichterung wandelte sich in Mitleid und Sorge, als sie sah, wie Herta versuchte, das eben gehörte zu verarbeiten. Darum rief sie ihre Mutter an und teilte ihr mit, dass Herta heute bei ihr übernachten würde.

Für Berta war das nicht ungewöhnlich, denn das war in der letzten Zeit schon des Öfteren vorgekommen.

Das Gespräch zwischen Mutter und Tochter dauerte bis spät in die Nacht.

Walter war mit seiner Jugendliebe Käthe Brandt verheiratet. Sie wohnten jetzt mit ihrem fünfjährigen Sohn Kurt, im Seitenflügel eines großen Miethauses in der Warschauer Straße.

Hedwig hatte Walter über ihr Gespräch mit Herta informiert und er war ebenso erleichtert darüber, dass die Heimlichkeiten nunmehr ausgeräumt werden konnten. Walter kümmerte sich auch um eine Kopie vom Ahnenpass der Familie. Weil in der Geburtsurkunde von Herta "Vater: unbekannt“ stand, musste Hedwig nun an Eides statt erklären, wie der Vater hieß und dass er Österreicher war.

Der Hochzeit stand nun, bis auf ein Problem, nichts mehr im Wege. Berta und Arthur waren über die Sachlage noch nicht informiert worden. Bis jetzt hatte man diese Unannehmlichkeit vor sich her geschoben, weil alle ahnten oder wussten, dass ein Eklat drohte.

Doch es kam anders. Am Sonntag nach Neujahr 1932 gingen Berta und Arthur im Park spazieren. Berta erzählte den neuesten Klatsch aus der Nachbarschaft. Plötzlich bemerkte sie, dass Arthur nicht mehr neben ihr war. Sie drehte sich um und sah Arthur auf dem Weg liegen. Andere Passanten kümmerten sich schon um ihn und wollten ihm helfen.

Noch bevor Berta dort angekommen war, schrie eine Frau auf. Arthur war tot.

Nach der Beisetzung hatte Walter in seiner Nähe eine kleinere Wohnung für Berta besorgt. Die Berta zustehende Witwenpension reichte nicht mehr für die Wohnungsmiete, zumal die Wohnung ohnehin zu groß war. Aber ehe noch darüber befunden werden musste, welches Mobiliar für den Umzug in die engere Wahl kam, erkrankte Berta schwer und verstarb kurz darauf.

Die standesamtliche Trauung von Herta fand in engstem Kreis statt. Rudolf und sein Freund Alfred, der auch einer der Trauzeugen war, trugen SA-Uniform.

Daran nahm niemand Anstoß und Walter nahm das sogar wohlwollend zur Kenntnis, denn er war schon seit einigen Jahren Mitglied der NSDAP.

Für die kleine Feier war in der Nähe des Standesamtes in einem Restaurant ein Tisch reserviert worden.

»Sag’ mal Rudolf, warum ist denn deine Familie nicht hier?«, fragte Hedwig.

Rudolf zögerte, dann spannte sich sein Körper und er sah in die Runde.

»Irgendwann werdet es ja doch erfahren. Meine ganze Familie gehört diesem roten Gesockse an, der SPD und ein Onkel ist sogar Funktionär in der KPD. Das ist beschämend. Ich aber habe mich der Bewegung des Führers angeschlossen, weil nur er uns wieder zu alter Größe führen kann.«

Walter nickte zustimmend und fragte: »Bist du denn nicht in diesem bolschewistischen Geist erzogen worden?«

»Ja, aber dann habe ich mit Alfred an einer Kundgebung der NSDAP teilgenommen um zu stören. Je länger wir der Rede des Führers zuhörten, umso klarer wurde uns aber, dass wir uns auf einem Irrweg befanden. Wir haben dann den Kontakt gesucht und sind der Partei und später der SA beigetreten.«

»Das habt ihr richtig gemacht.«

»Jawohl Walter und ich freue mich, jetzt in einer Familie zu leben, die dem Zeitgeist entspricht.«

Rudolf stand auf und erhob sein Glas.

»Ich weihe mein ungeborenes Kind dem Führer und bin froh, dass es im Geist des Nationalsozialismus aufwachsen wird. Heil Hitler!«

»Heil Hitler!« , toastete die Runde zurück.

Von den anderen Tischen aus, beobachteten die Gäste die Zeremonie mit einer Mischung aus zustimmender Aufmerksamkeit und peinlicher Zurückhaltung.

Herta wohnte mit Rudolf in Lichtenberg, in einer Zwei-Zimmerwohnung Was Rudolf tatsächlich beruflich machte, wusste Herta nicht und interessierte sie auch nicht. Sie hatte ihre Stellung aufgegeben und war nun Hausfrau.

Ende August 1932 wurde dann ihre Tochter Ursula geboren. Sie erzog die Kleine fast alleine, denn durch seine Vertretertätigkeit war Rudolf nur unregelmäßig zu Hause.

Doch unbeschadet von all dem, führten sie eine harmonische und glückliche Ehe.

Kurz nach dem dritten Geburtstag von Ursula kam Rudolf eines Tages ganz aufgeregt nach Hause und teilte Herta mit, dass er endlich als Freiwilliger in eine Spezialeinheit der Deutschen Wehrmacht aufgenommen worden ist und ihn das mit Stolz und Freude erfüllt.

»Alfred auch?«, fragte Herta.

»Nein, Alfred übernimmt wichtige Aufgaben in der Heimat.« Herta wunderte sich über den Begriff „Heimat“ und wollte nachfragen, aber dann wurde sie durch Ursula abgelenkt.

Weihnachten 1935 hatte Rudolf Urlaub und Heiligabend traf sich die Familie. Als die kleine Feier vorbei war, sagte Herta zu Rudolf: »Ich habe noch ein Geschenk für dich!«

»Ja? Was denn?«

»Ich glaube, wir kriegen ein Baby.«

Rudolf nahm sie in den Arm und küsste sie.

»Vielleicht wird es diesmal ein Junge, gib dir etwas Mühe.«, sagte er scherzhaft.

Der Sommer kam und der Geburtstermin rückte immer näher.

»Vielleicht wird es ein Olympiakind, dann bekommen wir eine Ehrenurkunde vom Führer«, sagte Rudolf, als Herta in den Wehen lag.

Das war am 01. August 1936, einem Sonnabend, der Tag an dem die XI. Olympischen Sommerspiele eröffnet wurden. In der Geburtsurkunde stand als Geburtszeit 1:18 Uhr am 02. August 1936.

Ihr Sohn, der den Namen Bodo bekam, war kein Olympiakind geworden, dafür aber ein Sonntagskind und dem Volksglauben nach, sollte das Glück bringen.

Zum Weihnachtsfest 1936 war die Familie wieder zusammen. Nebenbei erzählte Rudolf von einem Auftrag des Führers, zu dem er in vier Wochen

abkommandiert werden würde. Die erstaunten Fragen dazu, beantwortete er nicht. »Strengste Geheimhaltung!«, wie er sich ausdrückte.

Mitte Januar war sein Urlaub beendet.

»Wann kommst du denn wieder?«, fragte Herta, als sie seine Sachen zusammenpackte.

»Ach, das dauert nicht lange.«

»Trotzdem wirst du mir schreiben und wehe nicht.«, sagte sie lächelnd.

»Papa, mir musst du aber auch schreiben.«, sagte Ursula, als sich Rudolf von ihr mit einem Kuss verabschiedete.

»Aber selbstverständlich, mein Mädel.«

Er nahm seinen Sohn auf den Arm, umarmte Herta und drückte sie fest an sich. Ursula hielt sein Bein umklammert. Dann verließ Rudolf die Wohnung.

Anfang Februar bekam Herta Post, aber nicht von Rudolf, wie sie gehofft hatte, sondern vom Reichsluftfahrtministerium. Darin wurde der „Volksgenossin Riemer“, im Auftrag des Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Hermann Göring, mitgeteilt, dass Oberfeldwebel Rudolf Riemer, in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und Vaterland, auf dem Feld der Ehre gefallen und auch dort bestattet ist. Unterzeichnet war der Brief vom Stabschef der Legion Condor, Wolfram v. Richthofen. Dem Brief waren noch Hinweise zur Antragstellung für die Hinterbliebenenversorgung beigefügt.

Herta hielt das Schreiben in der Hand und las den Inhalt zum wiederholten Male, ohne zu verstehen, was er bedeute.

Im Nebenzimmer fing Bodo an zu weinen. Mechanisch versorgte sie ihn. Was war mit Rudolf? Das muss ein Irrtum sein.

»Mutti, was ist denn?«, fragte Ursula, als sie sah, wie ihrer Mutter die Tränen über das Gesicht liefen. Herta antwortete nicht, sondern nahm sie nur in den Arm und weinte weiter. Nun fing auch Ursula an zu weinen, nur Bodo krähte satt und vergnügt aus seinem Bettchen.

Es klingelte an der Wohnungstür. Es war Alfred. Die Sekunden, die sie wortlos voreinander standen, kamen Herta wie Minuten vor. Alfred kam herein, schloss die Tür und nahm sie in den Arm. Dann sagte er ihr leise ins Ohr: »Ich weiß…ich habe es eben im Amt erfahren. Ich werde mich um dich kümmern, Rudolf hat mir das Versprechen abgenommen. Du kannst also auf mich zählen.«

Er legte seine schwarze SS-Mütze auf der Garderobe ab und ging mit Herta ins Wohnzimmer.

Die deutsche Wehrmacht hatte Polen überfallen.

Bodo hatte seinen dritten Geburtstag hinter sich und Ursula war in die 2. Klasse versetzt worden.

Onkel Alfred, wie ihn die Kinder nannten, war jetzt Obersturmführer. Das erzählte er an einem Sonntag am Kaffeetisch und ergänzte: »Endlich bin ich einer Kampfeinheit zugeordnet worden und rücke übermorgen aus. Wir sehen uns also für ein Weilchen nicht. Ihr seid artig und hört darauf, was eure Mutter sagt. Das versprecht ihr mir jetzt.« Die Kinder nickten.

»Lauter!«, rief Alfred und die beiden schrien lachend «Jaaa…!«

Wenn Post von Alfred kam, las Herta den Kindern manchmal einige Passagen daraus vor.

Dann kam keine Post mehr, nie mehr. Herta hatte eine Pappschachtel, in der sie die persönlichen Sachen von Rudolf, auch die, die man ihr zuletzt zugeschickt hatte, aufbewahrte. Sie legte die Briefe von Alfred und den Ahnenpass dazu, verschloss die Schachtel mit einer Schnur und stellte sie unten in den Schrank.

Kapitel 3

In den Monaten nach der Pogromnacht vom 9. November 1938, hatte sich die Beziehung zwischen Herrmann Marschner, dem Chef des Kaufhauses, und Hedwig mmer mehr gelockert. Eines Abends kam es aber zu einer Aussprache.

»Was gibt es denn so Wichtiges, das du mich zu dieser Zeit aufsuchst? Ist deine Frau dahinter gekommen, Herrmann?«

»Die Situation ist viel zu ernst, als dass Ironie angebracht wäre«, entgegnete er. »Auf Grund der Ereignisse werde ich das Kaufhaus verkaufen und in die USA zu gehen. Du weißt ja, Gerti hat da …«

»…aber das ist doch kein Grund alles zu verkaufen und das Weite zu suchen.«, unterbrach in Hedwig.

»Lass’ mich bitte ausreden. Sie hat nicht nur deutsche, sondern auch jüdische Wurzeln. Verstehst du nun?«

»Ach, das wusste ich ja gar nicht.«

Dann herrschte eine Weile betretenes Schweigen. Hedwig nestelte nervös an ihrem Taschentuch und Herrmann zündete sich eine Zigarre an.

»Hast du denn schon einen Käufer?«

»Ja, schon seit einiger Zeit. Einen großen Kaufhauskonzern. Ich hoffe, dass das Geschäft reibungslos abläuft. Die Anwälte sind ja optimistisch. Gerti ist gestern nach Schweden abgereist, das ist unauffällig, weil wir jedes Jahr dort ihre Verwandten besucht haben. Ich hole sie dann ab, sobald hier alles geklärt ist.«

»Und wann reist du ab?«

»Wenn alles gut geht, bin ich Pfingsten schon in Schweden.«

»Und die Villa?«

»Die habe ich schon vor einiger Zeit meinem Neffen, Adalbert, überschrieben… «, er streifte die Asche von seiner Zigarre ab, »… und noch etwas. Im Kaufvertrag ist vereinbart, dass du als Direktrice übernommen wirst.«

»Als Direktrice? Herrmann wirklich?«

»Das ist doch das Mindeste, was ich für dich tun konnte.«

Herrmann verließ die Wohnung von Hedwig erst am nächsten Morgen.

Hedwig informierte ihre Tochter telefonisch kurz über die Neuigkeiten und sie verabredeten, dass Herta am Wochenende mit den Kindern zum Kaffee zu ihr kommt.

Kurz nach diesem Telefonat brachte Bodo seiner Mutter einen Brief, der durch den Briefschlitz der Wohnungstür gesteckt worden war. Diesmal war es ein Schreiben vom Oberkommando der Wehrmacht, in der Herta mitgeteilt wurde, dass der Führer, Adolf Hitler, zur Erinnerung an die heldenhaften Leistungen bei der Niederwerfung des Bolschewismus im spanischen Freiheitskampf ein Ehrenkreuz für Hinterbliebene deutscher Spanienkämpfer gestiftet hat. Über die Modalitäten für die Antragstellung, sollte sie sich an die im Schreiben genannte Adresse wenden.

Wunden, die langsam vernarbten, brachen plötzlich wieder auf. Was sollte sie mit einem Ehrenkreuz?

Sie nahm sich vor, Hedwig am Wochenende um Rat zu fragen und legte das Schreiben in die Kennkarte, die man neuerdings immer bei sich tragen musste, denn sie beinhaltete Angaben zur Person und neben einem Passbild auch die Abdrücke beider Zeigefinger.

Am Sonntagnachmittag fuhren sie bis zum U-Bahnhof Klosterstraße. Von da waren es keine zehn Minuten Fußweg bis zur Poststraße, wo Hedwig schon seit Jahren wohnte.

Auf der Straße dorthin standen einige LKW und darum herum, herrschte Menschengewirr mit weinenden Frauen und Kindern und Gebrüll von Männern in SA-Uniform, die mit Gummiknüppeln herumfuchtelten. Herta wollte mit den Kindern schnell an dem Auflauf vorbei, als sie von einem sehr korpulenten SA-Mann angerempelt wurde. Durch den Stoß kam Bodo zu Fall.

»Passen Sie doch auf, wo Sie hinlaufen.«, schimpfte Herta ihn an und hob den weinenden Bodo hoch.

Der Mann in der braunen Uniform blieb ruckartig stehen und musterte die Gruppe. Herta hatte fast schwarze Haare und dunkelbraune Augen und Bodo kam im Aussehen, anders als Ursula, nach seiner Mutter.

»Was willst du…du Zigeunerschickse mit deinen Bastarden? Du kannst gleich mit auf den Wagen.«, brüllte er.

Herta war derart erschrocken, dass sie kein Wort herausbrachte. Doch dann kam ihr das Wissen aus ihrer Zeit mit Rudolf zu Hilfe. Sie sah an den Kragenspiegeln, dass sie einen Rottenführer vor sich hatte.

»Ich werde mich bei Ihrem Sturmführer beschweren, Rottenführer! Holen Sie ihn bitte her!«, sagte sie in scharfem Ton.

»Nun mal langsam, erst zeigen Sie mir mal Ihre Kennkarte.«

Herta holte die Kennkarte aus ihrer Handtasche und gab sie dem SA-Mann. Dann umfasste sie schützend ihre ängstlichen Kinder.

Der SA-Mann klappte die Kennkarte auf, in der das zusammengefaltete Schreiben vom Oberkommando der Wehrmacht lag, er machte es auf, las und wurde blass, verglich noch auf Namensgleichheit und ohne weiter den Inhalt der Kennkarte zu prüfen, nahm er Haltung an und entschuldigte sich bei Herta.

»Das konnte ich ja nicht ahnen, Volksgenossin. Wir haben hier einen Befehl auszuführen. Wenn Sie darauf bestehen, dass ich den Sturmführer herhole, dann werde ich das tun, Ich bitte Sie aber, davon abzusehen.«

Herta nickte und nahm ihre Papiere zurück und verstaute sie wieder in ihrer Handtasche.

Als sie aufblickte, stand der SA-Mann mit erhobenem Arm vor ihr und grüßte »Heil Hitler!«

»Heil Hitler«, grüßten Herta und auch die Kinder mit erhobenen Armen zurück.

Der Rottenführer entfernte sich und die drei gingen weiter. Als sie das Haus von Hedwig erreicht hatten, stürmten die Kinder voraus. Hedwig hatte sie kommen sehen und stand schon mit ausgebreiteten Armen an der geöffneten Wohnungstür um Ursula aufzufangen.

»Mutsch, weißt du, was uns eben passiert ist…«

»Langsam, langsam meine Kleine, erst gibst du mir ein Küsschen und du mir auch.«, sagte sie zu Bodo, der auch ganz aufgeregt angerannt kam. Die Kinder nannten ihre Großmutter Mutsch, weil Hedwig noch nicht Oma sein wollte und von Herta wurde sie mit Hete angesprochen. Erst viel später wurden den Kindern die familiären Zusammenhänge klar.

Als Herta die Wohnung betrat, schlug ihr ein angenehmer Geruch von Kaffee, Kakao und frischgebackenem Kuchen entgegen.

»Was war denn los?«, fragte Hedwig. Noch beim Ablegen der Mäntel begann Herta über das eben Erlebte zu berichten und auch als sie schon am Kaffeetisch saßen, wurde Herta von den Kindern immer wieder auf Details hingewiesen, die ihr unwichtig erschienen.

»Mutsch, dürfen wir uns die Bilderbücher ansehen?«, fragte Ursula.

»Aber ja doch, ihr wisst ja, wo alles liegt.«

Als die Kinder ins andere Zimmer gegangen waren, kam Herta direkt auf ihr Anliegen zu sprechen.

»Hete, ich kann die Wohnung von Rudolfs Rente nicht mehr lange halten. Ich muss mir eine Arbeit suchen und eine Aufsicht für die Kinder finden.«

»Da kommt ja einiges auf uns zu.«, erwiderte Hedwig und berichtete über ihre letzte Zusammenkunft mit Herrmann Marschner.

»Wir stehen jetzt beide vor neuen Situationen und sind alleine auf uns gestellt. Wollen wir nicht zusammenziehen?«

Herta war froh, dass sie nicht den Vorschlag machen musste, denn insgeheim hatte sie auch schon an eine solche Lösung gedacht. In dem nun folgenden Gespräch über Planung und Termine, vergaß Herta vollkommen den Antrag für das Ehrenkreuz und so blieb es auch.

Der Umzug von Hedwig nach Lichtenberg, wurde gefeiert.

Walter, Käthe und Kurt waren gekommen und die Eltern von Käthe, Oskar und Erna Brandt. Man hatte sich lange nicht gesehen, denn Brandt’s wohnten in einer Arbeitersiedlung in Eichwalde.

Sie bestaunten die Wohnung. Zentralheizung, Warmwasser, Balkon.

»Sind denn hier noch Wohnungen frei?«, fragte Oskar.

»Wieso, wollt ihr nach Berlin ziehen?«

»Das ist natürlich ein Traum. Ich muss ja immer zur AEG bis Treptow, da wäre es von hier aus schon bequemer.«

»Das können wir uns doch gar nicht leisten, Oskar.«, warf Erna ein.

»Ich kann mich ja ’mal erkundigen, hier in der Umgebung wurde viel gebaut aber ich glaube Zentralheizung gibt es nicht überall, denn wir haben hier ein Heizhaus auf dem Hof.«

»Herta, das wäre aber sehr nett von dir, ob nun mit oder ohne Zentralheizung.«

Während der Unterhaltung der Erwachsenen, waren die Kinder im Nebenzimmer.

Kurt war Fähnleinführer beim Jungvolk gewesen und vor kurzem in die Hitlerjugend übernommen worden. Stolz war er in der neuen Uniform gekommen. Braunes Hemd, Schulterriemen, schwarzes Dreiecktuch mit Lederknoten um den Hals, die Schulterkordel, die seinen Rang bezeichnete und am Ledergürtel einen Dolch in einer Metallscheide, das Fahrtenmesser.

Gespannt hörten Ursula und Bodo zu, was Kurt über die Hitlerjugend berichtete. Es ging um Heldentum und Kriegserfolge der Wehrmacht, die einzig dem Führer zu verdanken waren. Bodo fragte Kurt, ob die roten Hakenkreuzfahnen, die überall aus den Fenstern hingen, wie die von ihrem Balkon, für den Führer waren, zu dem man »Heil Hitler« sagte und dabei den Arm hoch ausstreckte.

Kapitel 4

Zu den Familien der früheren Kameraden von Rudolf und Alfred pflegte Herta immer noch lockeren Kontakt. Die Kameradschaft hielten die Mitglieder von SA und SS für eine ihrer herausragenden Tugenden. Sie wusste das und machte sich diesen Umstand zunutze. Sie rief einen dieser Bekannten an und erklärte ihm ihr Problem. Für die Betreuung der Kinder brauchte sie für Oskar und Erna eine Wohnung in der Nähe und bat um Unterstützung.

Nach einigen Tagen klingelte das Telefon. Bodo flitzte wie immer als erster auf den Korridor, wo das Telefon auf der Flurgarderobe neben einem Parfümflakon stand. Beide Dinge fand er aufregend. Den Flakon, weil er noch nicht heraus bekommen hatte, woher Mutsch und seine Mutter wussten, dass er wieder einmal den Gummiball gedrückt hatte, um zu sehen wie aus der Düse eine Parfümwolke spritzt und das Telefon, weil unter der Wählscheibe eine Vorrichtung angebracht war, in die zwei 10-Pfennig-Stücke gelegt wurden wenn man anrufen wollte. Meldete sich der Angerufene, dann mussten zwei glänzende Metallstäbe gegeneinander geschoben werden, es machte "klick-klack" und die Münzen waren verschwunden.

Nach dem zweiten Klingeln kam Herta aus der Küche und musste lächeln, als sie Bodo vor dem Telefon stehen sah. Sie nahm den Hörer von der Gabel und meldete sich: »Riemer.«

»Herta Riemer persönlich?«

»Ja.«

»Volksgenossin, ich rufe vom Wohnungsamt an und bin beauftragt Ihnen mitzuteilen, dass in Kürze eine Wohnung in der Metastraße, ganz in Ihrer Nähe, geräumt werden wird. Bitte geben Sie mir die Anschrift der Leute durch, die dort einziehen sollen, damit ich sie benachrichtigen kann.«

»Das ist ja Prima. Einen Moment bitte, ich hole nur mein Notizbuch.«

Herta gab die geforderten Angaben durch, der Anrufer bedankte sich und man verabschiedete sich mit: »Heil Hitler!«

Der erste Schritt war getan. Wenn Brandt’s in die Wohnung umziehen würden, hatte Herta mit Erna eine Tagesaufsicht für Bodo. Sie strich Bodo über den Kopf und fragte ihn: »Wie gefallen dir denn Tante Erna und Onkel Oskar?«

»Hmmm…«, Bodo war schon wieder mit seinen Spielsachen beschäftigt.

Oskar und Erna waren umgezogen und hatten die Familie zur Einweihung in ihre neue Erdgeschoßwohnung eingeladen.

»Stellt euch vor, wir haben jetzt ein Bad mit Badewanne und durch die Gasdurchlauferhitzer oder Boiler oder wie die heißen, auch Warmwasser. Aber jetzt kommt’s, als wir die Wohnung besichtigten, hat man uns gefragt, ob wir Einrichtungsgegenstände übernehmen wollen. Einfach so, und ganz ohne Bezahlung. Die Vorhänge, Gardinen und die Verdunkelungsrollos haben wir genommen und auch den Teppich im Wohnzimmer.«, erzählte Erna und fragte naiv weiter: »Warum lässt man denn seine Sachen zurück, wenn man auszieht?«

Oskar und Walter tauschten einen beziehungsvollen Blick und Herta die ahnte, dass das hier eine Wohnung war, deren Vormieter man deportiert hatte, wechselte das Thema.

Während der Unterhaltung, ließ sie durchblicken, dass sie sich eine Stelle als Kontoristin suchen würde, aber zurzeit noch nicht wüsste wo sie Bodo unterbringen sollte. Ursula war ja nach der Schule in der Horteinrichtung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, kurz NSV genannt, untergebracht.

Der Versuch hatte Erfolg.

»Herta,« sagte Erna, »du kannst doch Bodo tagsüber zu uns bringen, nicht wahr, Oskar? Dann habe ich eine Beschäftigung und wir könnten bei Herta etwas gut machen.«

»Ich habe nichts dagegen, wenn denn Bodo auch damit einverstanden ist.« antwortete Oskar und sah zu Bodo, der auf dem Fußboden saß. Der war aber so mit seinem Spielzeug beschäftigt, dass er von dem Gespräch keine Notiz nahm.

Nachdem Herta diese wichtige Hürde genommen hatte, konnte sie sich nun eine Arbeitstelle suchen.

Das kleine Kino hieß "Lichtspiele" und war nur um die Ecke.

Wenn es schnell genug ging, dann wurde man schon eingelassen, noch während die letzten Besucher der vorangegangenen Vorstellung das Kino verließen. Aus den weit geöffneten Ausgangstüren strömte dann frische Luft herein, die aber nicht ausreichte, die schweißig-stickige Luft aus dem kleinen Raum zu verdängen. Während die Platzanweiserin die Türen schloss und anschließend mit einer Vorrichtung durch den Hauptgang lief, mit der sie Fichtennadelduft zur Luftverbesserung versprühte, gab es die üblichen Balgereien um die Plätze in der ersten Reihe, von wo man am besten sehen konnte.

Am spannensten für Bodo war die "Deutsche Wochenschau", die vor dem Hauptfilm lief. Da wurde über die Siege und Heldentaten der deutschen Soldaten berichtet.

Noch kurz vor seiner Einschulung wurde Bodo in einer evangelischen Kirche getauft. Er hatte sich geweigert, aber umsonst. Er meinte, getauft würden nur Babys und er schämte sich, weil vielleicht auch fremde Menschen in der Kirche waren.

Dann, am Tag der Einschulung aber, war das alles vergessen. Schultüte, Schulranzen mit der Schiefertafel und dem Schwamm, waren wichtiger.

Am darauffolgenden Sonntag besuchten Hete und Herta mit den Kindern das Brandenburger Tor und spazierten in Richtung Schloss. Es herrschte, trotz Sonnenschein, ein eigenartig gedämpftes Licht. Die Straße Unter den Linden war, wegen der zunehmenden Bombenangriffe, mit gelbgrünen Tarnnetzen überspannt.

In Höhe der Friedrichstraße hörte Bodo auf einmal Marschmusik. Dann kamen sie, die "langen Kerls" Friedrich des Großen, in ihren historischen Uniformen an ihnen vorbeimarschiert. Bodo wollte mit ihnen Schritt halten und versuchte sich von der Hand seiner Mutter loszureißen. Herta aber hielt ihn fest, weil die Straße voller Menschen war, die dem Schauspiel begeistert applaudierten. Als sie etwas später an der Neuen Wache, die neben dem Zeughaus lag, angekommen waren, sahen sie gerade noch die letzten Rituale der Parade.

Auf ihrem Weg zum Alexanderplatz besuchten sie auch eine Freiluftausstellung im Lustgarten. Auf dem Platz vor dem Dom waren Nachbauten der Hütten aufstellt, in denen die Juden in Russland angeblich hausten. Die dazugehörigen Figuren, die teilweise von lebenden Menschen dargestellt wurden, sollten zeigen, wie man im russischen Bolschewismus lebt. Herta merkte, dass die Kinder immer stiller wurden und sich dicht an sie drängten. Sie gab Hete ein Zeichen und sie verließen diesen grauenhaften Ort.

Dieses Erlebnis, die Erzählungen von Kurt und die Bilder in den Wochenschauen, formten Bodos Phantasie und Denken über Heldentum und Heldentod für den Führer und das Vaterland.

Kapitel 5

Herrmann Marschner hatte sich nach dem Verkauf nicht mehr bei Hedwig gemeldet. Die Geschäftsübernahme verlief allerdings anders, als sie es sich nach seinen Worten vorgestellt hatte.

Das Kaufhaus bekam nicht nur einen neuen Namen, sondern auch einen neuen Direktor. Ein drahtiger Mann mit einem großen Parteiabzeichen am Revers.

»Volksgenossin Amelang, mein Name ist Rödel. Gemäß der vertraglichen Festlegungen verbleiben sie in ihrer jetzigen, leitenden Tätigkeit in der Gardinenabteilung und auf Grund ihrer gezeigten Leistungen, werden ihre Bezüge erhöht.«, sagte er zackig und fuhr dann fort, »Wir werden uns bestimmt gut verstehen und ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit.«

Hedwig musste sich erst sammeln. Man hatte sie überrumpelt und sie konnte sich nicht dagegen wehren, denn sie konnte doch nicht zugeben, dass sie von der zugesagten Stellung als Direktrice wusste. Sie kannte Herrmann viel zu gut, als dass sie ihm eine solche Lüge zugetraut hätte.

»Na, Sie sagen ja gar nichts?«

»Ich… ich muss das alles erst verarbeiten... ich behalte die Stellung bei höherem Gehalt?«

»Na, aber ja, was denken Sie denn von uns?«, antwortete er in jovialem Ton und lachte.

Die Kinder schliefen schon. Hedwig und Herta saßen im Wohnzimmer und hörten Musik aus dem Radio.

»Ich werde noch wahnsinnig. Ich könnte diesen Rödel umbringen.«

Herta sah Hedwig verwundert an. »Was ist denn los?«

Hedwig erzählte nun von den zunehmenden Schikanen des Direktors ihr gegenüber und ihrer Annahme, dass von irgendwoher ihr Verhältnis zu Marschner an die Geschäftsführung herangetragen worden war.

»Was willst du denn jetzt tun?«

»Gar nichts, dagegen kann ich nichts tun, außer vielleicht...«, Hedwig zögerte nachdenklich.

»…und was vielleicht?«, fragte Herta nach.

»Du kennst doch Karl Börner«

»Natürlich, warum?«

»Als ich letztes Wochenende bei ihm in Wriezen war, hat er mich gefragt, ob wir heiraten wollen. Er ist nun schon fünf Jahre Witwer und möchte den letzten Lebensabschnitt mit mir verbringen. Herta, ich gehe auf die 50 zu und das ist meine letzte Chance, glaube ich.«

»Ich habe ihn allerdings erst ein paar Mal gesehen, aber er machte einen ruhigen und sympathischen Eindruck auf mich und ein attraktiver Mann ist er auch.«, und nach einer kurzen Pause fuhr Herta fort, »Aber Wriezen? Eine Kleinstadt, hast du gesagt, und du kennst nur die Großstadt…«

»…das hat aber auch seine Vorteile. Man hat kurze Wege und Karl hat in seinem großen Haus das Geschäft und gehört zu den Honoratioren des gepflegten Städtchens.«, unterbrach Hedwig, »Und außerdem gibt es da keine Luftangriffe.«

»Das ist wahr...und wann?«

»Noch in diesem Jahr. Ich werde Ultimo kündigen und würde ja sofort hinziehen…aber die Leute, sagt Karl.« Hedwig lächelte. »Darum werden wir in aller Stille in Wriezen heiraten. Karl hat ja keine Angehörigen, dann ziehe ich um und in der Weihnachtswoche kommen wir nach Berlin und machen eine kleine Feier. Ich habe mir das auch einmal alles ganz anders vorgestellt, aber das Zeitgeschehen lässt keinen Spielraum.«

»Na, für so einen einfachen Heiratsantrag sind die Planungen aber schon sehr weit fortgeschritten.«, lachte Herta und umarmte ihre Mutter. »Ich wünsche dir alles Gute und eine glückliche Ehe.«

Sie lagen sich in den Armen und weinten plötzlich.

Wie angekündigt, fand die kleine Feier im Dezember bei Herta statt.

Ein Lokalbesuch war, wegen der Lebensmittelrationierung nicht möglich, denn jeder hätte für seine Essenbestellung die Marken von seiner Lebensmittelkarte "opfern" müssen. In den Lokalen trug die Bedienung sichtbar eine Schere mit sich, mit der sie die auf den Speisekarten angegebenen Abschnitte für Fett, Fleisch, Kartoffeln, Mehl etc, abtrennten.

Deshalb war Hedwig zweimal nach Berlin gekommen und hatte Eingewecktes, Kartoffeln und Zutaten für Kuchen, den Herta backen würde, herangeschafft.

»Wo hast du denn all die Sachen her?« fragte Herta.

»Das sind eben die Vorteile einer Kleinstadt mit Geschäftsbeziehungen, Bauern in der Nähe, und nicht zu vergessen, der große Keller für die Lagerung.«, und übergab Herta eine Tüte mit Röstkaffee.

Beim Mitagessen drehten sich die Gespräche im Wesentlichen um all die Köstlichkeiten, die Hedwig herangeschafft hatte.

Bei Kaffee und Kuchen fragte Herta über den Tisch: »Sag’ mal Walter, kennst du bei euch in der Warschauer Straße eine Firma Heine, die sollen Propeller für Flugzeuge herstellen?«

»Ja, natürlich. Gegenüber von uns ist vorne das große Firmenschild und hinten auf dem Hof, ist das große Fabrikgebäude. Ich habe mir das ’mal angesehen. Warum fragst du?«

Langsam stellte Herta die Sammeltasse ab und blickte in die Runde, die ihre Gespräche unterbrochen hatten und neugierig in ihre Richtung guckten.

»Ich habe da vor einiger Zeit jemanden kennengelernt, der bei Heine beschäftigt ist. Weil die wohl für die Rüstungsproduktion wichtig sind, ist er bis jetzt noch nicht eingezogen worden. Das ist das eine und das andere…..wir wollen im Sommer heiraten.«

»Na, das ist doch ’mal eine Überraschung.«, sagte Hedwig und legte nach, »Und warum wird er uns nicht vorgestellt?«

»Das ist ja die nächste Überraschung, er wollte so gegen 16 Uhr hier sein.«

Alle sahen auf die Standuhr, die in diesem Moment vier dumpfe Laute von sich gab. Kurz darauf klingelte es. Herta lief aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Am Kaffeetisch lauschten alle gespannt auf das Gemurmel auf dem Korridor. Dann ging die Tür auf und ein gutaussehender junger Mann kam, an der Hand von Herta, ins Zimmer.

»Das ist mein Verlobter, Theo Klann«, stellte sie ihn vor und dann jeden Einzelnen.

Bodo fragte danach seine Schwester: »Ist das unser neuer Vati?«

»Du wirst schon sehen, ich weiß das auch nicht.«

»Bestimmt.«, sagte Kurt.

Noch bevor Hedwig von Karl darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie den Zug zurück nach Wriezen nicht verpassen durften, setzte sich Herta zu Walter und Käthe. »Sagt mal, wollt ihr nicht hier einziehen? Die Kinder werden größer und wir brauchen eine größere Wohnung. Wir wollen doch zu den Sommerferien heiraten und dann umziehen, damit die Kinder nicht mitten im Schuljahr umgeschult werden müssen. Diese Wohnung hier, ist doch besser als eure, da in der Warschauer.«

»Na, aber gerne und sofort, nicht wahr, Walter?«, rief Käthe begeistert.

Walter nickte zustimmend und sagte dann zweifelnd: »Wer weiß ob wir eine Genehmigung vom Wohnungsamt bekommen und...«

»…das lasst mal meine Sorge sein.«, unterbrach ihn Herta.

Kapitel 6

Ein Glückskind war Theo nicht. Er war 32 Jahre alt und schon Witwer. Seine Frau war an Leukämie gestorben und im Januar 1943 gehörte er mit zu den ersten, die ihre Wohnung durch einen Bombenangriff verloren hatten. Durch Vermittlung seines Chefs, bezog er ein möbliertes Zimmer in der Revaler Straße, in unmittelbarer Nähe zur Propellerfabrik Heine. Wegen seiner Ausbildung als Motorenschlosser, war er dort als Kraftfahrer angestellt. Das Mietverhältnis dauerte allerdings nicht lange, denn Theo erhielt im Februar seinen Einberufungsbefehl.

Als Konsequenz aus dieser Situation, entschieden sich Herta und Theo für eine Kriegstrauung. So wurden die bürokratischen Wege kurz, zumal Theo im Einvernehmen mit Herta, die Kinder adoptieren wollte. Das führte dazu, dass die Kinder nun auch den Nachnamen Klann trugen.

Zu Hause angekommen, sagte Herta zu den Kindern, dass es doch schön wäre, wenn sie Theo nun Vati nennen würden, weil sie zu ihr ja auch Mutti sagten und sie alle vier nun eine Familie wären.

Als erste ging Ursula zu Theo, gab ihm einen Kuss und sagte: »Vati, schade, dass du jetzt schon wieder weg musst, in den Krieg.«, und Bodo lief danach auf Theo zu, gab ihm auch einen Kuss auf die Wange und rief: »Du bist jetzt mein Vati!«.

Herta liefen die Tränen über die Wangen und auch Theo musste mit der Rührung des Augenblicks kämpfen.

Max Klann war ein despotischer Typ. Er hatte mit seiner Frau Josefine jahrelang eine Eckkneipe in der Bornholmerstraße betrieben. Als Rentner gaben sie das Lokal auf und zogen in eine Nebenstraße, wo sie in der Nähe der Bösebrücke, am Ende der Bornholmerstraße, einen kleinen Garten hatten.

Theo war der einzige Sohn und hatte vier Schwestern, die alle älter als er waren.

Dass sie Herta als Schwiegertochter ablehnten, daraus machten Theos Eltern keinen Hehl. Das war für Herta fasst körperlich spürbar, als Theo sie seinen Eltern vorstellte.

»Vielleicht schaffst du es, zu den beiden Kindern von deiner Frau, auch ein eigenes, zu Stande zu bringen.«, bemerkte sein Vater, wenig taktvoll, später zum Abschied.

Die großen Ferien hatten begonnen und Max hatte die Familie zu seinem 65. Geburtstag in den Garten eingeladen. Theo hatte aus diesem Anlass Kurzurlaub bekommen. Er hatte es nicht weit, denn er war zu einer Flakstellung in Velten bei Berlin abkommandiert worden.

Es waren noch drei Kinder anwesend. Lothar, der Sohn von Herta und die zwei Mädchen von Gertrud, Karin und Claudia. Ihre Väter waren an der Front. Wally war Witwe, ihr Mann war 1941 gefallen und Else war ledig.

Ursula und Bodo sahen ihre angeheiratete Verwandtschaft das erste Mal und sie spürten auch die Ablehnung, die ihnen entgegen gebracht wurde. Die eigenen Enkel bekamen von ihrer Großmutter Josefine Obst, das sie vorher gepflückt und abgewaschen hatte. Zu Ursula und Bodo sagte sie, dass sie sich das herabgefallene Obst unter den Bäumen nehmen könnten. Ursula, mit ihren 11 Jahren, die älteste der anwesenden Kinder, hielt Bodo zurück, als er sich bückte, um Obst aufzusammeln.

»Alle Kinder zu mir in die Laube!«, rief Josefine mit einem Mal laut in den Garten.

Am Tisch, an dem sie hinter der Laube im Schatten saßen, guckten die Schwestern amüsiert, wie die Kinder zur Laube stürmten. Nur Theo sah betreten nach unten und suchte die Hand von Herta.

Als die Kinder in der Laube waren, schloss Josefine die Tür und gab einen gewaltigen Furz von sich und sagte: »Jetzt alle tief einatmen.«, dann lachte sie schallend und entließ die Kinder wieder nach draußen.

»Mutti, da gehe ich nie wieder hin.«, sagte Ursula auf dem Heimweg und Bodo rief: »Ich will da auch nicht mehr hin. Oder muss ich, Vati?«

»Nein, das müsst ihr nicht.«, antwortete Theo.

Herta hatte wieder ihre Beziehungen genutzt. Fast zeitgleich bekamen Walter und sie die Zuweisungen für ihre neuen Wohnungen.

Ab Oktober 1943 hatten beide dann eine neue Adresse. Walter für die Wohnung in Lichtenberg und Herta für eine 3-Raum-Wohnung in der sogenannten "Grünen Stadt". Das war ein Neubaugebiet zwischen Greifswalder Straße und Kniprodestraße. Oberhalb der Pregelstraße jedoch, waren die Wohnblocks wegen dem Kriegsbeginn nicht mehr fertig gestellt worden.

Durch die Briefe von Herta, war Theo immer auf dem neuesten Stand der Ereignisse. Eines Tages hielt es Theo nicht jedoch mehr aus. Er verließ ohne Genehmigung die Flakstellung in Velten, wo er immer noch stationiert war und fuhr mit der S-Bahn zur neuen Wohnung. Zu seinem Glück gab es während seiner Abwesenheit keinen Alarm, sonst hätte es für ihn, wegen Verdacht auf Fahnenflucht, wahrscheinlich sehr unangenehme Konsequenzen gehabt.

Kurze Zeit darauf, wurde Theo an die Westfront versetzt und sie sahen sich erst nach Jahren wieder.

Wegen der zunehmenden Bombenangriffe sollte Bodo die Ferien schon in Wriezen verbringen und auch nach dort in die 2. Volksschulklasse umgeschult werden.

Ursula wurde mit Beginn der Sommerferien für unbegrenzte Zeit durch die Kinderlandverschickung in ein, für diese Zwecke eingerichtetes Lager, nach Thüringen verschickt.

Der Zug mit dem Ursula abfahren würde, stand schon auf dem Schlesischen Bahnhof bereit. Es waren überwiegend Mütter, die sich von ihren Kindern auf dem Bahnsteig verabschiedeten. Bodo war stolz auf seine große Schwester, die in der Jungmädel-Tracht des BDM schon ganz aufgeregt darauf wartete, dass es endlich losging.

Als sich der Zug in Bewegung setzte, war Herta nicht die einzige, der die Tränen über die Wangen liefen.

Als sie den Bahnhof verließen, sagte Herta: »Gucke mal, Bodolein, da drüben auf der anderen Straßenseite, da ist der Wriezener Bahnhof. Von da fahren wir morgen zu Mutsch. Vorher verabschiedest du dich aber noch von Tante Erna und Onkel Oskar.«

Bodo nickte und war beeindruckt von der Tatsache, dass Mutsch an einem Ort wohnte, für den es einen eigenen Bahnhof gab.

Kapitel 7

Die Fahrt nach Wriezen dauerte knapp anderthalb Stunden und war langweilig, fand Bodo. Das einzig aufregende war der Flugplatz Werneuchen. Vom Zug aus, konnte er die Flugzeuge mit dem Hakenkreuz am Rumpf bestaunen.

Der Platz vor dem Bahnhof in Wriezen hatte eine, mit Bäumen gesäumte Mittelpromenade, die links und rechts durch Wohnhäuser begrenzt war. Gegenüber vom Bahnhof, am Ende der Promenade, stand eine große Kirche.

Das interessierte Bodo alles nicht. Sein Interesse galt vielmehr einer Tanksäule, die vor einem Wirtshaus stand und wo zum betanken seines Autos, der Fahrer durch das hin und her bewegen eines hölzernen Hebels, gerade das Benzin in den Tank pumpte.

Vor der Kirche ging rechts die Wilhelmstraße ab, das war die Einkaufsmeile des Städtchens.

Hier stand auch das Haus mit dem Geschäft "ELEKTRO BÖRNER".

Neben dem großen Schaufenster, gelangte man durch einen Flur und über einen großen Hof, zum Eingang des Wohnhauses. Auf dem Hof standen Obstbäume auf einer Wiese, die in einen Garten überging,

Bodo hatte sein eigenes Zimmer auf dem Dachboden. Die Mansarde hatte eine kleine Dachluke, von der man eine gute Aussicht über die Dächer hatte. In der Ferne konnte Bodo sogar die Bäume sehen, die an den Ufern der "Alten Oder" standen.

Im Laufe der Zeit lernte Bodo auch Frau Hartmann kennen. Erwin, ihr Mann, war bei Karl normalerweise als Radiomechaniker angestellt, aber jetzt war er als Soldat eingezogen worden. Hartmanns bewohnten eine Einliegerwohnung, die durch einen Nebeneingang zu erreichen war.

Und dann war da noch Käte, die Hausgehilfin, oder das "Mädchen", wie sie Hedwig im internen Kreis nannte. Käte war von sehr einfachem Naturell, ledig und wohnte mit ihrem Vater in einer kleinen Mansardenwohnung, ein paar Gassen weiter.

An seinem 7. Geburtstag machte Bodo in der Küche eine Entdeckung, die ihn beschäftigte und später noch von Bedeutung sein sollte.

Bodo durfte immer, wenn es zu besonderen Anlässen Pudding gab, den Topf auslecken. Wenn Käte den Pudding fertig hatte und zum abkühlen in drei kleine Schälchen füllte, kam der Rest in eine größere Schüssel, die Käte separat, ganz nach oben, auf den Küchenschrank stellte.

»Für wen ist der denn?«, wollte Bodo wissen.

»Na, dat ist der Rest, nu’ schleck’ du man den Topp aus.«, entgegnete ihm Käte. Das machte Bodo umgehend, aber er verglich dabei immer wieder die Größe der Puddingschalen, die nachher auf dem gedeckten Mittagstisch stehen würden, mit der Schüssel auf dem Schrank.

Die Mahlzeiten wurden immer in dem großen Zimmer eingenommen, das gleichzeitig auch das Arbeitszimmer war. Es lag zwischen dem Geschäftsraum, zu dem drei Stufen herab führten, und der Küche. Zum Mittagessen fragte Bodo: »Mutsch, warum muss Käte denn immer allein in der Küche essen?«

»Das gehört sich so, mein Kleiner.«

Als das Essen vorbei war, guckte Bodo in den Abwasch. Er sah ihre kleinen Puddingschalen und die große Schüssel, die nun auch leer war. "Käte!", dachte er und empfand das als sehr ungerecht.

Kurz vor Ende der Ferien gab es eine freudige Überraschung für Bodo. Seine Mutter war mit Ursula gekommen. Die Freude war groß, weil sie sich ja eine Weile nicht gesehen hatten. Ursula erzählte ihm über das Leben im KLV-Lager und Bodo hoffte, dass er auch einmal in ein solches Lager kommen würde.

Wegen der Umschulung von Bodo, hatte Hedwig mit dem Schuldirektor einen Termin ausgemacht. Gemeinsam mit Herta, als Erziehungsberechtigte, wurden die erforderlichen Formulare ausgefüllt und unterschrieben.

Am nächsten Tag kam die Stunde des Abschieds. Herta musste Bodo trösten, weil er anfing zu weinen und auch Ursula hatte Tränen in den Augen, als sie sich von ihrem kleinen Bruder auf dem Bahnsteig verabschiedet hatte und ihm bei der Abfahrt des Personenzuges, aus dem Abteilfenster zuwinkte.

Kurz vor Schulbeginn verabredete sich Hedwig mit dem Schuldirektor und ging danach mit Bodo zur Schule. Die war nicht allzu weit entfernt und sicher zu erreichen. Der Direktor zeigte Hedwig den Klassenraum und stellte Bodo's neuen Klassenlehrer vor.

Herr Brettschneider war ein kleiner, fülliger Mann, mit kurzgeschnittener Scheitelfrisur und einem Oberlippenbärtchen. Am Revers seiner Jacke trug er, wie auch der Direktor, das Parteiabzeichen der NSDAP. Das gleiche Abzeichen hatte Bodo auch bei Onkel Karl und Onkel Walter gesehen und sich erklären lassen.

Dann kam der erste Schultag in der 2.Klasse der Volksschule Wriezen.

Bodo wurde, wie auch noch drei andere Jungen, von Herrn Brettschneider vorgestellt. Neben ihm saß ein Junge, den er schon gesehen hatte. Er hieß Manfred und gehörte zur Gastwirtschaft, neben ihrem Haus.

Nach der Schule gingen sie gemeinsam nach Hause. Die Gärten der anliegenden Häuser waren durch einen Zaun getrennt.

Die Stelle, wo der Maschendraht lose war und man auf das jeweils andere Grundstück kam, kannte nur Manfred ganz alleine und das war sein Geheimnis. Bodo musste ihm schwören, nichts zu verraten.

Von nun an trafen sie sich morgens zum Schulweg immer an der Gartenpforte, hinten am Grundstück von Bodo. Von da aus war es der kürzeste Weg zur Schule.

Eines Tages geschah etwas Aufregendes. Herr Brettschneider rief zu Beginn des Unterrichts: »Horscht Krampe, zu mir!«

Horst sprang auf und lief nach vorn. Der Lehrer stellte ihn vor sich auf, legte ihm beide Hände auf die Schultern und verkündigte mit seiner akzentbelasteten Stimme: »Jung’s, an Horscht könnt’er euch’n Beispiel nähm. Der hatt sein Vaader als Faarräder ertappt. Sein Vaader hat den Feindsänder jehört und er hat es uns jemäldet, so wie äss unser Führer, Adolf Hitler, befohln hat. Horscht bekommt dafür ’ne Bälobjung. Sätzen Horscht.«

Horst ging stolz zu seinem Platz zurück und bemerkte die Bewunderung seiner Klassenkameraden genau.

Nach der Schule, auf dem Nachhauseweg, sagte Bodo zu Manfred:

»Bei uns dürfen auch keine Verräter hingestellt werden.«

»Woher weißt du denn das?«

»Zeige ich dir gleich.«

An der Gartenpforte war ein Schild angebracht.

DAS ABSTELLEN VON FAHRRÄDERN IST STRENG UNTERSAGT. Der Eigentümer

»Kannst du das lesen?«, fragte Bodo. Manfred reihte mit seinem Buchstabenverständnis die Worte zusammen und kam, wie Bodo, zu dem gleichen Ergebnis. "Faarräder", wie ihr Lehrer gesagt hatte. Bodo erzählte Hedwig das Ereignis aus der Schule und sagte: »Aber wir haben ja ein Schild angemacht, dass Verräter bei uns nicht hingestellt werden dürfen.«

»Was für ein Schild?«

»Na, das hinten am Gartenausgang, wo ich immer zur Schule gehe.«

»Das musst du mir zeigen.«, sagte Hedwig und nahm ihn an die Hand.

Als sie vor dem Schild stand, begriff sie und musste lachen. Sie strich Bodo über den Kopf und klärte ihn über den Unterschied von Fahrrädern und Verrätern auf.

Noch am selben Tag wurde Manfred von Bodo darüber informiert, was wirklich auf dem Schild stand.

Kapitel 8

Bodo hatte von der neuen Wohnung gehört und wollte sie sehen, gab er vor, denn insgeheim dachte er an den spannenden Anblick, wenn sie mit dem Zug am Flugplatz Werneuchen vorbeikommen würden. An einem Wochenende war es dann soweit. Seine Mutter holte ihn ab und Bodo fuhr nach Berlin.

Am Wriezener Bahnhof angekommen, gingen sie über die Straße zum Schlesischen Bahnhof, fuhren mit der S-Bahn zum Ostkreuz und stiegen dort in die Ringbahn um. Kurz vor dem Bahnhof Weißensee, der später in Greifswalder Straße umbenannt wurde, unterquerten sie eine Brücke.

»Guck mal Bodo, dort drüben die Häuser, da wohnen wir jetzt.«, Herta zeigte auf eine Reihe von Neubauhäusern in einiger Entfernung. Bodo interessierten jedoch mehr die vielen Güterwagen, die auf den Gleisen rangiert wurden. Aber alles war viel zu schnell vorbei.

Vom Ausgang des Bahnhofs mussten sie die dunkle Bahnunterführung der Greifswalder Straße passieren. Es war eine breite Straße mit Straßenbahngleisen in der Mitte. Die Linie 74 fuhr hier von der Rennbahnstraße in Weißensee, bis nach Steglitz in die Schloßstraße.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine Mauer, die zum Gaswerk gehörte. Das Gelände zog sich bis zur Danziger Straße hin, wo die riesigen Gasometer standen.

Auf ihrer Seite war die Straße durch einen hohen Holzzaun, zum Bahngelände hin, abgegrenzt.

Sie überquerten die einspurige Fahrbahn der Gumbinner Straße und gingen auf dem Bürgersteig in Richtung Kniprodestraße. Nach einigen Metern wurde der Holzzaun auf der anderen Straßenseite durch einen Drahtzaun ersetzt, der oben mit Stacheldraht abgesichert war.

An der Wehlauer Straße blieb Herta stehen und zeigte auf ein rotes Backsteingebäude. »Da ist die Schule für die Kinder, die hier wohnen.«

»Ich wohne ja bei Mutsch und gehe da zur Schule.«

»Aber doch nicht für immer. Ulla ist ja auch nicht für immer im KLV-Lager und ich will euch doch bald wieder bei mir haben…«

»…und Vati auch.«

»Vati auch. Bald sind wir alle wieder zusammen.«,

Hinter der Bötzowstraße, waren es nur noch wenige Meter bis zur Hausnummer 46. Die Wohnung lag in der 3. Etage. Herta zeigte Bodo das Kinderzimmer. Alles war fremd. Er ging zum Fenster und schaute hinaus.

Hinter dem Zaun gegenüber, war ein großer Lagerplatz. Der Stacheldrahtzaun, der den Platz zum Bahngelände hin, bis zur Brücke absicherte, nahm ihm etwas die Sicht. Trotzdem konnte er die Bewegungen der Güterwagen auf dem Rangierbahnhof gut beobachten. Das machte alles schon wieder interessanter