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Sie haben große Pläne, sie wollen raus, wollen es ganz anders machen als die etablierten Bürger, sie schwadronieren, trinken, rauchen und lesen Bücher. Irgendwann werden sie klüger. Nur Bavink nicht. Bavink dreht durch. Die Helden in diesem Band sind junge Bohemiens im Amsterdam des beginnenden 20. Jahrhunderts, unbezähmbare Idealisten, die die Welt des Geldes und der Ordnung verachten und ihren eigenen Weg suchen. Der führt nicht immer zum Erfolg – »doch bevor wir ein Leichentuch des Pessimismus über diesen verfehlten Elan werfen, sollten wir bedenken, dass aus ihm großartige Erzählungen entstanden sind, in denen sowohl der Enthusiasmus als auch das Scheitern ... auf wundersame Weise lebendig geblieben sind.« (Cees Nooteboom) Keiner hat lakonischer und schöner über Draufgängertum und Sehnsüchte junger Menschen, über ihre wilden Träume und ihre Verletzlichkeit geschrieben als Nescio. Von ihm, dem seriösen Geschäftsmann, dem genauen Gegenteil seiner Figuren, wurden zu seinen Lebzeiten nur eine Handvoll Erzählungen veröffentlicht, die bis heute von ihrer Kraft nichts verloren haben.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2016
Sie haben große Pläne, sie wollen raus, wollen es ganz anders machen als die etablierten Bürger, sie schwadronieren, was das Zeug hält, trinken, rauchen und lesen Bücher. Irgendwann werden sie klüger, erbärmlich klug sogar. Nur Bavink nicht. Bavink dreht durch.
Die Helden in diesem Band sind junge Bohemiens im Amsterdam des beginnenden 20. Jahrhunderts, unbezähmbare Idealisten, die die Welt des Geldes und der Ordnung verachten und ihren eigenen Weg suchen. Der führt nicht immer zum Erfolg – »doch bevor wir ein Leichentuch des Pessimismus über diesen verfehlten Elan werfen, sollten wir bedenken, dass aus ihm großartige Erzählungen entstanden sind« (Cees Nooteboom).
Keiner hat lakonischer und schöner über Draufgängertum und Sehnsüchte junger Menschen, ihre wilden Träume und ihre Verletzlichkeit geschrieben als Nescio. Der Geschäftsmann, genaues Gegenteil seiner Figuren, veröffentlichte eine Handvoll Erzählungen, die bis heute von ihrer Kraft nichts verloren haben.
Nescio, eigentlich J. H. F. Grönloh (1882-1961), war einer der Direktoren der Holland-Bombay-Handelsgesellschaft. 1918 erschien sein erstes und lange Zeit einziges Buch, unter dem Pseudonym Nescio, das er erst lüftete, als das Werk hartnäckig einem anderen zugeschrieben wurde. 1996 wurde die lang erwartete Neuausgabe seiner Erzählungen enthusiastisch gefeiert.
»Schon vor fünfzig Jahren habe ich Nescio für mich entdeckt und im Stillen für ihn geworben. Wie schön, dass dieses Juwel der niederländischen Literatur jetzt auch hierzulande bezaubern kann.«
NescioWerke
Aus dem Niederländischen vonChristiane Kuby und Herbert PostMit einem Nachwortvon Cees Nooteboom
De uitvreter (Der Schnorrer) wurde erstmals in De Gids abgedruckt (Januar 1911), Titaantjes (Kleine Titanen) in Groot Nederland (Juni 1915). Gemeinsam mit Dichtertje (Der kleine Poet) erschienen diese Erzählungen 1918 in Buchform bei J. H. de Bois, Haarlem, danach 1933 und 1947 bei Nijgh & Van Ditmar (Rotterdam, später Den Haag, heute Amsterdam). Mene Tekel, eine Sammlung von Skizzen und Erzählungen aus den Jahren 1913 bis 1943, 1946 erstmals publiziert, wurde 1956 in die vierte Auflage der drei großen Erzählungen aufgenommen.
Die vorliegende Ausgabe richtet sich nach dem Text der von Lieneke Frerichs besorgten Gesamtausgabe: Nescio, Verzameld proza en nagelaten werk, Van Oorschot, Amsterdam 1996.
Die Übersetzung dieses Buches wurde von der niederländischen Stiftung für Literatur gefördert.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016
Der vorliegende Text folgt der ersten Auflage der Ausgabe der Bibliothek Suhrkamp 1497.
Erste Auflage 2016
© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2016
© De uitvreter (Der Schnorrer),Titaantjes (Kleine Titanen),
Dichtertje (Der kleine Poet)
1933 erven J. H. F. Grönloh
© Mene Tekel 1956 erven J. H. F. Grönloh
© Nachwort: Cees Nooteboom 2014
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
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Umschlagfoto: Letterkundig Museum, Den Haag
Umschlaggestaltung: Konzept von Willy Fleckhaus
eISBN 978-3-518-74764-3
www.suhrkamp.de
Außer dem Mann, der die Sarphatistraat für den schönsten Ort in Europa hielt, habe ich nie jemanden gekannt, der wunderlicher war als der Schnorrer.
Der Schnorrer, den du mit seinen dreckigen Schuhen in deinem Bett vorfandst, wenn du abends spät nach Hause kamst. Der Schnorrer, der dir die Zigarren wegrauchte und sich mit deinem Tabak die Pfeife stopfte und deine Kohlen verfeuerte, in deine Schränke guckte und dich um Geld anpumpte und deine Schuhe auftrug und sich deinen Mantel anzog, wenn er durch den Regen nach Hause musste. Der Schnorrer, der sich immer auf anderer Leute Rechnung etwas kommen ließ; der auf der Terrasse des »Hollandais« auf Kosten anderer wie ein Fürst Genever trank; der sich Regenschirme auslieh und nie zurückbrachte; der Bavinks gebrauchten Ofen so einheizte, dass er einen Riss bekam; der die gestärkten Kragen seines Bruders trug, und Appis Bücher verlieh und Auslandsreisen machte, wenn er seinen alten Herrn mal wieder geschröpft hatte, und Anzüge trug, die er nie bezahlte.
Er hieß Japi. Seinen Nachnamen habe ich nie erfahren. Bavink brachte ihn eines Tages mit, als er aus Veere zurückkam.
Einen ganzen Sommer lang hatte Bavink in Zeeland gemalt. In Veere war ihm Japi zum ersten Mal aufgefallen. Der hatte dort immer nur rumgehockt. Bavink hatte schon ein paarmal gedacht: Was ist das bloß für ein Kerl? Niemand wusste es, immer traf man ihn irgendwo am Wasser an. Da saß er, stundenlang, und rührte sich nicht. Um zwölf und um sechs ging er für eine Stunde hinein, um etwas zu essen; den restlichen Tag hockte er herum. Drei Wochen ging das so, dann war er verschwunden.
Ein paar Tage später kam Bavink aus Rotterdam zurück. Ab und zu hatte er das Bedürfnis, unter Leuten zu sein. Er war den Hafen rauf und runter geschlendert, bis es ihm zum Hals raushing. Und an Bord der Fähre zwischen Numansdorp und Zijpe, da hockte der Kerl wieder. Es wehte an dem Morgen ziemlich; eine kräftige kühle Brise ging, und die Wellen hatten weiße Schaumköpfe. Ab und zu spritzte am Bug die Gischt über die Reling. Die Glastüren auf dem Vorderdeck waren geschlossen; draußen war kein Mensch. Nur Japi hockte da, starrte über die Reling und wurde erbärmlich nass. »Schau einer an«, dachte Bavink, »da sitzt doch wahrhaftig dieser Kerl wieder.« Er stellte sich zu ihm. Das Schiff rollte und stampfte. Japi saß auf der Bank, hielt seine Mütze fest und ließ sich nass spritzen. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er merkte, dass jemand neben ihm stand. »Hübsches Wetter, was«, sagte Bavink. Japi sah ihn mit seinen großen blauen Augen an und hielt immerfort seine Mütze fest. In dem Moment schwappte ein Wasserschwall über die Reling, die Tropfen perlten ihm übers Gesicht.
»Durchaus«, sagte Japi. Mit einem Satz klatschte der Bug aufs Wasser und bäumte sich wieder auf. Ein Herr bemühte sich vergebens, die Glastür des Salons zu öffnen; der Wind war zu stark. »Wir liegen gut in der Zeit«, sagte Bavink, nur um etwas zu sagen. »So?«, sagte Japi. »Zeit existiert für mich nicht.«
Das Gespräch stockte. Japi blickte in die Wellen. Bavink betrachtete Japis graue Mütze und fragte sich, was das doch für ein Kerl sei. Auf einmal sagte der: »Schaun Sie mal, ein Regenbogen im Wasser.« Tatsächlich war im Wasser ein Stück Regenbogen zu sehen, aber am Himmel nichts. Noch einmal sah Japi Bavink mit seinen großen blauen Augen an und wurde dann plötzlich gesprächig.
»Mir gefällt es hier verdammt gut«, sagte er, »nur schade, dass es nicht immer so bleibt.« »In einer Stunde legen wir an«, sagte Bavink.
»Wollen Sie nach Zierikzee?«, fragte Japi.
»Das heißt«, sagte Bavink, »heute Abend fahre ich weiter nach Veere.« »Ach ja«, sagte Japi, »haben Sie sich da einquartiert?«
»Ja, da habe ich mich einquartiert, und sind Sie nicht der Herr aus Amsterdam, der immer am Wasser sitzt?« Da musste Japi lachen und sagte: »Ich sitze ziemlich oft am Wasser, immer ist ein bisschen übertrieben. Nachts liege ich im Bett, eine Stunde brauche ich zum Anziehen und Frühstücken, eine halbe Stunde sitze ich am Mittagstisch, und um sechs muss ich wieder etwas essen. Aber ich sitze schon ziemlich oft am Wasser. Deshalb komme ich ja nach Zeeland. Ich mache mir noch viel zu viel Gedanken. Letzte Woche war ich in Amsterdam. Ließ sich nicht vermeiden, mein Geld war alle.«
»Sind Sie Amsterdamer?«, fragte Bavink. »Ja, Gott sei Dank«, sagte Japi. »Ich auch«, sagte Bavink. »Malen tun Sie nicht?«, fragte er weiter. Eine etwas spießige Frage, aber Bavink hatte die ganze Zeit überlegt, was das doch bloß für ein Kerl sei? »Nein, Gott sei Dank«, sagte Japi, »und dichten tue ich auch nicht und bin weder Naturfreund noch Anarchist. Ich bin Gott sei Dank gar nichts.«
Das gefiel Bavink nicht schlecht.
Das Schiff bäumte sich auf, fiel zurück, rollte und schlingerte; das Wasser sprühte hoch auf und ergoss sich über die Reling; außer ihnen war niemand an Deck. Vor ihnen war das Meer unabsehbar, voller weißer Schaumkronen, der Schatten einer großen Wolke war eine treibende Insel; in der Ferne stampfte ein schwarzer Frachter vor ihnen. »Da«, sagte Japi, »die ›Stad Gent‹.« Man sah die Gischt zu beiden Seiten des Bugs hoch aufspritzen; rund um die Schraube wirbelte, brauste und schäumte es. Hohl rollten die Wogen mit scharfen Kämmen, grün und blau und gelb und grau und weiß, je nach der Tiefe und der Spiegelung der Wolken, nirgends und nie einen Moment gleich. Ein kleiner Schlepper zog einen Lastkahn und zwei Tjalken.
»Nein«, sagte Japi, »ich bin nichts und ich tu nichts. Eigentlich tue ich noch viel zu viel. Ich übe mich im Verlöschen. Am besten ist es, wenn ich ganz still sitze, bewegen und denken ist was für dumme Menschen. Ich denke auch nicht. Essen und schlafen muss ich leider. Am liebsten würde ich mich Tag und Nacht nicht von der Stelle rühren.«
Das Ganze fing allmählich an, Bavink zu interessieren. Doch er nickte nur. Noch immer umklammerte Japi seine Mütze mit der rechten Hand, mit dem Arm stützte er sich auf die Reling. Der Wind war so stark, dass Bavink sich die Hand an die Nase halten musste, um atmen zu können. Aber Japi hockte da, als wäre er hier zu Hause. Dann sagte er, er habe die Absicht, noch ein paar Wochen in Veere zu versitzen, bis sein Geld alle sei.
Malen war ja ganz patent, wenn man es gut konnte. Er konnte nichts und deshalb tat er auch nichts. Man konnte die Dinge ja doch nicht so wiedergeben, wie man sie erlebte. Er hatte nur einen einzigen Wunsch: zu verlöschen, unempfindlich zu werden gegen Hunger und Müdigkeit, gegen Kälte und Nässe. Das waren die großen Feinde. Ewig musste man essen und schlafen, sich vor Kälte schützen, man wurde nass und fühlte sich elend oder müde. Das Wasser, das hat es gut, das wiegt sich und spiegelt die Wolken wieder, ist immer anders und bleibt sich doch immer gleich. Braucht sich um nichts Sorgen zu machen.
Die ganze Zeit stemmte sich Bavink gegen den Wind, auf seinen Stock gestützt, und nickte. So verrückt ist das gar nicht, dachte er. Und fragte beiläufig, ob Japi auch nach Veere weiterfahre. Und so kam das Gespräch auf Zierikzee, auf Middelburg, auf Arnemuiden und all die Orte, wo beide unzählige Male herumgeschlendert, -gestanden und -gesessen hatten. Denn Japi hatte in seinem Leben doch auch noch anderes getan als nur in Veere am Wasser zu sitzen. Und Bavink merkte schon bald, dass Japi nicht nur schlendern, stehen und sitzen konnte, sondern auch gucken. Und klönen ohne Ende. Und als sie bei Zijpe an Land gingen, zeigte Japi nach Südwesten, zum dicken Turm von Zierikzee, der sich schemenhaft am Horizont abzeichnete, und sagte: »Der dicke Jan, der olle geduldige dicke Jan, der steht noch da. Dacht ich mir's doch. Ja, er steht noch da.« Und Bavink fragte, ob er sich immer so amüsiere, und Japi sagte: »Ja.« Mehr nicht. Und als sie in Zierikzee ankamen und aus der Elektrischen stiegen, ließ Japi seine Schuhsohlen über die heißen Pflastersteine einer schattenlosen Gasse klappern, die in der Sonne vor sich hin brutzelte, streckte und reckte sich und sagte, das Leben sei doch verteufelt amüsant. Und dann drohte er der Sonne mit seinem Spazierstock und sagte: »Diese Sonne, immer scheint sie, aber sie sinkt, steigen tut sie nicht mehr, es ist nach zwölf, runter muss sie: heut Abend wird es wieder kühl. Die Leute würden komisch gucken, wenn sie oben bliebe. Schön warm, was? Die Sachen kleben mir am Körper. Die Seeluft dampft mir aus dem Kragen.«
Und da zeigte sich, dass man das Verlöschen nicht gar so wörtlich nehmen durfte.
Bei Tisch war Japi besonders gesprächig. Er redete für drei und aß für sechs. »Die Seeluft zehrt«, sagt man in Veere. Er trank für sechs weitere und sang das ganze Lied von der Nancy Brick. Kurzum, er war sehr rührig und ausgelassen, und Bavink dachte, so ein Kerl ist doch Gold wert.
Und das war er. Mittags nahm er Bavink mit auf den Ringgraben und ließ ihn dreimal um Zierikzee herumlaufen. Sein Mund stand nicht still, und sein Spazierstock zeigte ständig hierhin und dorthin, und wenn die Zierikzeer stehen blieben und gafften, dann marschierte er auf sie zu und redete sie mit »junger Herr« an und erkundigte sich, ob sie gesund seien, und klopfte ihnen auf die Schulter, so dass Bavink sich vor Lachen die Seiten hielt. Darauf verstand Japi sich: die wohlmeinenden, zivilisierten Holländer in ihre Schranken zu weisen, die keinen akzeptieren, der nicht genauso dumm und geschmacklos aussieht wie sie, und spotten und laut über andere herziehen, als hätten sich nicht seit Jahrhunderten noch im kleinsten Kaff Pfarrer und Pastoren abgemüht, das Volk zu erziehen. Japi war ein Kerl wie ein Zugpferd und schlug zu, wenn es sein musste, mit einer solchen Kraft und Versiertheit, dass noch der grobschlächtigste Rüpel den Kürzeren zog. Soweit kam es in Zierikzee nicht. Die Seeländer sind gar nicht so übel. Japi pflegte zu sagen: »Das Einzige, was ich auf Walcheren vermisse, ist ab und zu eine kleine Rauferei.«
Zwei Tage streiften Bavink und Japi durch Veere, und schon waren sie auf du und du. Stundenlang saßen sie auf dem Dach des »Hospitaal« und schauten über Walcheren, über die Kreek und das Veergat und die Einfahrt in die Oosterschelde und die Dünen von Schouwen. Und da war der dicke Jan auch wieder, der Turm von Zierikzee, jetzt im Norden. Und Goes und der Lange Jan, der Turm von Middelburg, der Mittelpunkt von Walcheren, das Herz dieser Welt. Und das Wasser lief auf und das Wasser lief ab; das Wasser stieg und fiel. Und jeden Abend kam der lahme Hafenmeister und zündete erst das grüne Licht auf der Nordmole an, bei den Buhnen; und wenn er das erledigt hatte, musste er um den ganzen Hafen herumlaufen, und dann sah man ihn wieder beim Turm, wo er das Zauntor öffnete, die Holztreppe hinaufstieg und auch das Licht am Turm anzündete. Und dann sagte Japi: »Wieder ein Tag, Meister«, und der lahme Hafenmeister erwiderte: »Ja, mein Herr, schon wieder einer.« Und wenn man dann Richtung Schouwen blickte, sah man das rotierende Licht an- und ausgehen. Und eine Stunde zum Meer hinaus schaukelte die Boje und leuchtete auf und erlosch. Und das Wasser kabbelte und stieg und fiel, und in der Nacht wanderte die Sonne, die man nicht sah, durch den Norden. Und das letzte Licht des Tages wanderte mit und wurde zum ersten Licht des neuen Morgens. So berührte der eine Tag den andern, wie das im Juni immer der Fall ist.
Für die Erde war das ja ziemlich einfach. Sie drehte sich um ihre Achse und zog ihre Bahn um die Sonne und wusste von nichts. Aber die Menschen auf ihr quälten sich mühsam durch die Tage voller Sorgen und Kummer, als ob es ohne diese Mühen, diese Sorgen und diesen Kummer nicht Abend würde.
So dumm war Japi nicht. Die Sonne würde schon von selber bei den Walcher'schen Dünen wieder im Meer landen. Bavink hingegen hatte es zuweilen ziemlich schwer.
Bavink war jemand, der für gewöhnlich hart arbeitete. Die Leute hielten große Stücke auf ihn. Darüber lachte er bloß. Wenn es nicht sein musste, verkaufte er nichts; seine besten Arbeiten stellte er weg, schenkte ihnen keine Beachtung mehr, ewig unzufrieden. Solange er malte, ging es ihm gut, hatte er etwas fertig, fühlte er sich elend; ab und zu war er völlig am Ende. Wenn die Leute wüssten, wie er die Dinge wirklich sah, wie sie ihm zusetzten, sie würden über seine Pfuscherei lachen, seine grässlich stümperhafte Wiedergabe all der Herrlichkeit. Es gab Zeiten, da machte Bavink gar nichts, er ließ sich herrlich treiben, ließ alles auf sich zukommen und sah alles mit Verwunderung an, vertrödelte seine Zeit, freute sich einfach darüber, dass alles so »verflucht schön« war, wie er sich ausdrückte. Es tat ihm weh im Kopf, wenn er an seine ganzen vergeblichen Versuche dachte, an sein »verdienstvolles Werk«. Verdienstvolles Werk! Kotzen musste er, wenn er daran dachte. »Verdienstvolles Werk«, sagten sie. Sie kannten sich ja aus. Man merkte gleich, Gott hatte sie nicht, wie ihn, am Schlafittchen gepackt und durchgeschüttelt.
Er wollte, er hätte das Malen bleiben lassen können, aber das war auch nicht so einfach: Was in einem steckte, das wollte raus. Und dann fing die Quälerei wieder von vorne an, arbeiten, Tag und Nacht arbeiten, tagsüber malen, nachts darüber brüten, nicht locker lassen, weitermachen, darauf achten, dass man die Dinge richtig wiedergab. Dann schlief und aß er kaum; erst rauchte er eine Zigarre nach der anderen, aber nach dem ersten Tag hörte auch das auf. Dann erlebte er Augenblicke höchsten Glücks, wie es ihm sogar das träge Versinken in all das »herrlich Schöne« nicht schenken konnte. Und dann kam der und der, und sie standen zu zweit, zu dritt, zu viert hinter ihm und glotzten und nickten und zeigten. Und dann auf einmal war es vorbei. Dann sagte er: »Verdammt«, und legte sich auf die Pritsche, ließ ein Tröpfchen Genever kommen und machte gar nichts mehr. Dann wurde nach ein paar Tagen die Leinwand zu den anderen gestellt. An den folgenden Tagen fühlte er sich elend, müde, miserabel, teilnahmslos, krank, und er frönte wieder dem »Schlurren«, wie er das nannte: nichts tun, auf der faulen Haut liegen, rumschlendern. Wenn er Geld brauchte, kramte er irgendwas aus dem »Kehricht« heraus, dann wählte er ein »Bildchen« aus, für das »sie schon was rausrücken« würden, und das verkaufte er dann. Niemand konnte ihm diese Launen austreiben. So war er nun einmal. Seine Stärken und Schwächen waren untrennbar miteinander verbunden. Und wenn er etwas verkauft hatte, dann steckte er die Münzen ein, dann klimperte er mit den Gulden und Rijksdaaldern und spazierte pfeifend durch die Kalverstraat. Begegnete man ihm, hob er die Hand über den Kopf und winkte jovial. Dann stellte er sich leutselig zu einem, zeigte einem geheimnisvoll den »Zaster«, lachte schallend und sagte: »Die Trottel, was?« Geldscheine nahm er nie an: damit könne man nicht klimpern. Gold wollte er haben und Silber, und wenn es ihm zu schwer wurde, würde er sich »den Rest eben später holen«.
So war Bavink; und man kann sich vorstellen, dass ihn ein Herr, der sich im Verlöschen übte, ganz besonders interessierte. Von dem konnte er noch was lernen. Einer, der es genoss, wenn ihm der salzige Seewind um die Nase wehte, ihn bis auf die Haut durchweichte, der mit der Zunge das Salz auf den Lippen kostete, weil es so »verdammt gut« schmeckte; der abends an seinen Händen schnupperte, um das Meer einzuatmen. So einer, der zufrieden war, nur weil er lebte und gesund war und sich vergnüglich zwischen Gottes Himmel und Gottes Erde bewegte und es albern fand, dass die Menschen sich so viel Mühe gaben, und laut über sie lachte, und der sich immer mit einem seligen Lächeln still am Wasser und dem Himmel und den Wolken und den Wiesen ergötzte und sich klitschnass regnen ließ, ohne es zu merken, und dann sagte: »Ich glaube, ich bin nass geworden«, und lachte. Einer, der sich teure Diners und teuren Genever schmecken ließ wie kein zweiter, und zu anderen Zeiten, wenn er unterwegs war (denn er saß durchaus nicht immer, er war hin und wieder tagelang auf den Beinen), von morgens bis abends nur trockenes Brot aß und zu Tränen gerührt war, weil »so eine Brotkruste im Freien so herrlich schmeckte«.
Und wenn Bavink arbeitete, saß Japi neben ihm im Gras oder drinnen rücklings auf einem Stuhl und rauchte. Und wenn sie drinnen waren, holte sich Japi einen zweiten Stuhl dazu und stellte den Schnaps drauf, nach dem er ab und zu die Hand ausstreckte. Und er hielt Bavink in Trab. Noch nie hatte Bavink zu jemandem ein Wort gesagt, wenn er arbeitete; mit Japi unterhielt er sich.
»Zum Teufel«, sagte Japi, »ist doch schnuppe, ob es gut ist, du tust, was du kannst, du bist nun mal ein armer Teufel. Du musst malen. Du kannst es doch nicht lassen. Ist den Dingen doch egal, wenn du sie nicht genau so hinkriegst, wie sie sind. Und die Leute, die kapieren doch nichts. Von den Dingen nichts, von deiner Arbeit nichts und von dir nichts. Ich hätte doch wahrlich auch was Besseres zu tun, als hier rumzusitzen und zu saufen und deine Farbkleckse anzuglotzen. Brech ich mir deswegen einen Zacken aus der Krone?« »Nein, das taugt nichts«, sagte er schon mal, »viel zu blau; das hatten wir doch gestern ausgemacht! Viel zu blau, Mann. Glaubst du, es hätte dich so gepackt, wenn es so'ne komische blaue Farbe hätte?«
Japi war für Bavink Gold wert. Bavink schleppte ihn überall mit. Er hatte Japi zu dem gemacht, was er war, bevor Bavink in Amsterdam mit ihm aufkreuzte.
Japi war schon sehr bald knapper als knapp bei Kasse. Um keinen Preis hätte Bavink ihn ziehen lassen. Japi solle sich was aus dem »Kehricht« aussuchen. Und darauf verstand Japi sich. Nie hatte sich die »Müllkippe« so rentiert. Und seitdem bezahlte Bavink alles oder beinahe alles. Ab und zu bekam Japi etwas Geld von zu Hause geschickt. Aber das war nicht der Rede wert, denn von Zeit zu Zeit lebten die Herren wie die Kapitalisten; wenn ihnen danach war, reisten sie für ein paar Tage nach Amsterdam, nach Brüssel, nach Paris, nach Luxemburg; vierzehn Tage verbrachten sie in der Normandie. Japi schleppte regelmäßig ein paar Sachen mit, »Ableger« von der großen Müllkippe, wie er das nannte. In Frankreich und Belgien quatschte er die Leute auf der Straße an, klingelte an den Türen. Von niemand anderem hätte Bavink so etwas akzeptiert. Aber es verstehe sich auch kein anderer darauf, ihn am Leben zu erhalten, meinte Bavink. Japis Konversation war unerschöpflich. Und ein Gedächtnis hatte er für Landschaften, das grenzte ans Wunderbare. Auf der Eisenbahnstrecke von Middelburg nach Amsterdam kannte er alles, jeden Stein, jedes Feld, jeden Wassergraben, jedes Haus, jede Allee, jede Baumgruppe, jedes Stückchen Heide in Brabant, jede Weiche. Wenn man Stunden im Dunkeln gefahren war und Japi hatte die ganze Zeit geschlafen, alle viere von sich gestreckt, und man weckte ihn und fragte: »Japi, wo sind wir?«, dann musste man etwas warten, bis er richtig wach war, und dann lauschte er kurz und sagte: »Ich glaube, wir sind bei Etten-Leur.« Und so war es dann auch. Er konnte einem genau sagen, wie an dem und dem Tag der Schatten von den und den Bäumen bei Zaltbommel auf die und die Allee fiel und welche Schiffe dann und dann an Kuilenburg vorbei in den Lek tuckerten, während man mit ihm über die Eisenbahnbrücke fuhr. Und er saß voller Erwartung am Fenster: »Jetzt kommt das, jetzt kommt dies.« Stundenlang. Und wenn er etwas sah, das er besonders gut kannte, dann nickte er und lachte. Oder sagte: »Schau, der Baum ist weg«, oder »He, jetzt sind Äpfel dran, die habe ich beim letzten Mal noch nicht gesehen.« Oder: »Vor vierzehn Tagen stand die Sonne gerade hinter den Wipfeln dieses Baumes, jetzt steht sie ein Stückchen weiter nach links und etwas tiefer, das kommt daher, weil wir vierzehn Tage weiter sind, und außerdem haben wir zehn Minuten Verspätung.«
Und so kamen sie mit dem Winter nach Amsterdam, und eines Abends saß Japi in meinem Zimmer und rauchte eine Zigarre nach der anderen, meine Zigarren, die einladend auf dem Tisch lagen.
An dem Abend hatte ich gerade den langen Hoyer zu Besuch, der mal wieder aus Paris hereingeschneit war und jetzt über seine Arbeit und die Mädchen schwadronierte, auf dem Kopf einen Strohhut, im November, und einen lachsfarbenen Mantel an. Er war grad mittendrin in einer unverständlichen Geschichte über eine junge Dame, einen Droschkenkutscher und einen Korb mit Aal, als wir auf der Treppe Gepolter hörten. Es war ja ein Volksviertel, und gewöhnlich konnte man einfach hinaufgehen, die Außentür stand meistens offen.
Bavink kam als Erster herein und sagte: »Na, wie steht's, Junge? Ja, ja, ich bin's. Ha, ha, Hoyerchen. Wie geht's denn, Hoyerchen, immer noch so'n Aufschneider? Nochmals herzlichen Glückwunsch! Dir auch, Koekebakker, auf dass du es noch lange miterlebst.« In der Tür stand Japi. Ein Hauch von Salzwasser und Gras kam mit ihnen herein. »Komm rein, Junge, komm rein!«, forderte Bavink ihn auf, auf meinem Dachboden.
»Ach, werter Herr«, sagte Hoyer, »seien Sie doch so gut und machen die Tür hinter sich zu!« »Koekebakker«, sagte Bavink, »das ist Japi, ein Kerl, an dem du deine Freude haben wirst. Hoyer ist immer noch genauso wohlerzogen wie eh und je, wie ich höre.« »Setz dich, Japi«, sagte Bavink und ließ sich mit einem Plumps auf den einzigen freien Stuhl fallen, »nimm doch die Truhe da.« Eine fahlrote Schiffskiste war das, in der verwahrte ich ein sauberes Hemd und die Briefe meiner Schwester. »Warten Sie, ich helfe Ihnen«, sagte ich. Wir schoben die Kiste zum Tisch, Japi und ich, und dann sah Japi eine leere Kiste von Hoffmann, in der früher Stärke war, mit einer Katze drauf, da hatte ich Erde drin gehabt, aber es hatte nichts wachsen wollen. »So«, sagte Japi, »sonst sitz ich so tief.« »Dann genehmige ich mir mal eine«, sagte Bavink und zündete sich eine Zigarre an. »Bedien dich, Japi.« Und das ließ Japi sich nicht zweimal sagen. »Was hast du denn da?«, fragte Bavink. Auf meinem Tisch lag Le Lys dans la vallée von Balzac. »Ach, Balzac. Kein Grünschnabel, der alte Knacker. Tot, was? Schon lange tot. Natürlich. Und wo kommst du her, Hoyer? Was für einen schönen Mantel du anhast. Steh mal auf. Zu kurz, Junge, viel zu kurz.« Bavink war aufgekratzt. »Das weiß ich auch, du Affe«, sagte Hoyer. »Sag lieber, wo du gesteckt hast. Und wer ist der Herr?«
Und da kam sie, die Geschichte, von Japi mit Nicken und Grinsen begleitet. Und ab und zu ging seine Hand zu meinem Tisch, und auch Hoyer schuftete wie eine Fabrik, und ich hielt mich zurück. »Moment mal«, sagte Bavink, »stimmt ja, hier, paar tolle Zigarren. Qualität, sag ich dir. Kamper Middelburger, von Bessem & Hoogenkamp am Langen Delft.« »Wem sagst du das«, sagte ich.
»Junge, Junge«, sagte Japi und sah sich in meiner Bude um, »Junge, Junge, hier sieht's gemütlich aus. Wirklich, hier ist's gemütlich.« Er stand auf und ging zur Wand. »Aha, Breitner. Ausgezeichnet. Und was haben wir da? Bisschen dunkel ist es hier. Aha, mein Freund Mauve. Und da hängt wahrhaftig auch unser Rathaus.« Es war eine Skizze vom alten Rathaus in Veere. »Bavink«, sagte Japi, »ich glaub, du hast was damit zu tun; ich such mir stante pede 'ne Stelle, wenn das Dingelchen nich von dir is.«
»Da hast du aber Glück gehabt«, sagte Bavink. »Dacht ich mir's doch«, sagte Japi und setzte sich wieder. »Nein, wirklich, hier komm ich wieder her. Hier gefällt's mir.«
In dem Augenblick setzte das Grammophon des Diamantschleifers von gegenüber ein. »Klatschen«, sagte Japi. Und wir klatschten Beifall. Alle vier standen wir am offenen Fenster und applaudierten, dass die Wände wackelten. Überall hörte man Balkontüren aufgehen, die Leute kamen raus. Manche klatschten auch; ein Kind fing zu weinen an; ein Hund jaulte, als würde innerhalb eines Monats der ganze Häuserblock aussterben. Der Diamantschleifer hielt tapfer durch. Ein Fräulein von gegenüber rief: »Deppen!« Ein kleines Mädchen schrie ein paarmal: »Papus!«, »Zeppelin!« Ein Bub spielte Mundharmonika. »Ich glaub, wir müssen mal raus«, sagte Hoyer.
