13,99 €
1950: Der Wiederaufstieg beginnt, die Westallee wird bezogen, die Ostbindung verhindert, die Westbindung erreicht. Zuvor 1943 aus dem brennenden Hannover nach Bayern geflohen, zieht die Familie von Herz mit dem neuen Stiefvater nach Trier. Hamstern gehört zum Alltag, bis das neue Haus in der Westallee bezogen wird. 1961 verlässt Dieter Familie und Heimatstadt und geht seinen eigenen Weg. Er studiert, gründet Diskotheken, wird Vater und erlebt die 68er-Revolution. Er beginnt in Stuttgart als Assistent bei Daimler-Vorstand Schleyer; erlebt dessen Ermordung durch die RAF hautnah. Mielkes Stasi zieht erfolgreich seine Fäden. Linksmedien als instrumentalisierte Helfer? Eine fesselnde Erzählung, die – trotz der zeitgeschichtlichen Brüche 1945, 1968 und 1977 – häufig ein Schmunzeln hervorruft.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 3
Dieter von Herz 4
Zitat 6
Einleitung 7
1945 – Heimkehr von Hans 12
1939 – Giselas Hochzeit 16
1943 – Angriff auf Hannover 19
1943 – Nach Süden: Evakuierung 23
1945 – Hans trifft Elvira 26
1939 – Begehrter Junggeselle 28
1950 – Hans beruflicher Neubeginn 31
1945 – Am Ammersee zu Gast 32
1928/1953 – Manfred, der Alleskönner 37
1946 – Gisela begegnet Oskar 39
1935 – Operettensängerin Maria 41
1946 – Oskar und Gisela: ein Paar 48
1946 – Neubeginn in Trier 51
1947 – Zeit des Hamsterns 55
1950 – Die Westallee 58
1960/1970 – Tante Rolly 59
1947 – Ein Mädchen 61
1951 – Heimliche Subvention 64
1950 – Präsident Eintracht Trier 05 66
1954 – Charlotte 70
1954 – Die Ohrfeige fürs Leben 71
1950/1954 – Lehrer Hammurabi 73
1959 – Leistungsfach Kunst 79
1959 – Die Stulle durch den Zaun 84
1959 – Doch Charlotte 86
1958 – Oskar und Dieter 89
1960 – Dieter als Kaufmann! 92
1963 – Verlobung mit Charlotte 94
1961 – Studienbeginn in Köln 97
1961 – Die Unternehmerzeit 99
1961/1962 – Arbeit im Lord’s Inn 102
1962 – Die Disko Nr. 2 110
1962 – Die Würstchenautomaten 115
1962/1963 – Die Disko Nr. 3 117
1962 – Zwanzig Parkplätze 121
1964 – Drei Staatsexamen 123
1965 – Die Hochzeitsreise 127
1965 – Die erste Wohnung 131
1965 – Die Teppichaffäre 133
1966 – Plötzlich stirbt Oskar 139
1966 – Zwillinge mit Zigarren 141
1966 – Vorboten der Revolution 146
1968 – Angestellter Redakteur 149
1968 – Französische Au Pair 153
1970 – Beginn bei Daimler Benz 159
1970 – Fehlende Kinderbetreuung 163
1970 – ‚Erzkapitalist‘ Schleyer 165
1977 – Abschied vom Daimler 179
1981 – Letzter Berufswechsel 183
1991 – Die Pirelli Attacke 185
Danksagung 193
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-258-1
ISBN e-book: 978-3-99131-259-8
Lektorat: Juliane Johannsen
Umschlagfoto: Dieter von Herz; Vector | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Dieter von Herz
www.novumverlag.com
Dieter von Herz
Dieter von Herz ist ein echtes Nachkriegskind. 1940 in Hannover geboren, 1943 aus der brennenden Stadt nach Bayern geflohen, 1945 des Vaters durch Scheidung beraubt, erlebt er die Befreiung Deutschlands, die Einbindung in das westliche Bündnis, durch den Kalten Krieg beschleunigt. Drei Frauen sind für seine Entwicklung wichtig: die wunderschöne Mama, die hochgeliebte Großmutter sowie ein Trierer Mädchen Charlotte, das er bereits mit 14 Jahren gesehen und sich gewünscht hatte – als Ehefrau. Was auch gelang.
Gerade noch durch das Abitur geschlittert, studiert er Betriebswirtschaft in Köln, Kiel und München, macht seinen Doktor in Politischer Wissenschaft. Beginnt als Redakteur am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, dann zu Daimler Benz als Assistent des Vorstands Hanns Martin Schleyer, dessen Ermordung durch die RAF er hautnah erlebt, 1981 landet er schließlich als Kommunikationschef bei der Continental AG in Hannover.
Er gründet 1961 mit Freunden drei Diskotheken, zieht in Köln, Stuttgart und Hannover achtmal um. Ohne seine Frau, die Mutter von Zwillingen wurde, hätte er das nicht geschafft. Mit 58 Jahren wollte er nicht mehr abhängig arbeiten, begann als freier Unternehmensberater, um von 2000 bis 2012 an der TU Dresden „Corporate Communications“ zu lehren. Nach 66 Jahren des Kennenlernens ist Charlotte sein großes Glück und die zweiPänz.
Oma Sophia und Mutter Gisela
Zitat
Goethe sagt zu Eckermann,
dass in den Wahlverwandtschaften
kein Strich enthalten sei,
der nicht erlebt, aber auch keiner so,
wie er erlebt worden war
Einleitung
Vater Hans stand plötzlich vor der Tür. Es war Juni 1945. Keiner hatte ihn erwartet. Seine Frau Gisela arbeitete in der Küche. Ihre Schwester Maria und der Schwager Manfred Curry ordneten Papiere im Büro. Sie alle wussten durch Kameradenberichte, dass er überlebt hatte. Nach den massiven Gefahren in den Jahren des Krieges im Osten verliefen die letzten Monate am Gardasee kurz vor der Kapitulation geradezu köstlich. Wein, Gesang und wie bei Hans nicht anders zu erwarten: Weiber. Sein Hang, fremden Röcken nachzusteigen, war bereits vor Kriegsbeginn in den Hannoveraner Studentenkreisen bekannt gewesen.
Hans von Herz konnte seit Beginn des Hitler-Regimes eine gewisse Distanz zu den Organisationen der Nationalsozialisten wahren. Weder NSDAP noch Waffen-SS hatten an seine Türe geklopft. Er galt als unabkömmlich, als Experte im Bahn- und Straßenwesen. Seine Tätigkeit im Krieg beschränkte sich auf die Planung und Instandhaltung von Bahngleisen und Straßen. Die Amerikaner fingen ihn 1945 in Norditalien, befragten ihn und ließen ihn laufen.
14 Jahre später erzählte er mir, wie sich die Dinge damals zugetragen hatten. Wir unternahmen anlässlich meines Abiturs eine Reise nach Norddeutschland. Hans besaß seit Kurzem einen gebrauchten, roten Skoda, den er mit großem Vergnügen durch den noch spärlichenVerkehr steuerte. Es ging nach Meppen, Aurich, Haren an der Ems und nach Papenburg, der Vorfahren wegen. In den Kirchenbüchern mit Hochzeitseintragungen und Taufregistern verfolgten wir die Spuren früherer Personen mit Namen ‚von Herz‘. Den geschichtlichen Boden des Emslandes erforschten wir erfolgreich, entdeckten zahlreiche Vorfahren, aber 1638 war Schluss. In der Benediktinerabtei von Kornelimünster bei Aachen enttäuschte man uns mit dem Satz, den die Geistlichen bereits häufiger zu sagen gezwungen waren:
„Hier endet es meist, der Dreißigjährige Krieg hat nichts übriggelassen. Sämtliche Kirchenbücher sind verbrannt.“
Damit schienen alle weiteren Wege zu den Ahnen blockiert zu sein. Mein Vater verabschiedete sich, nicht sonderlich enttäuscht über das jähe Ende des gemeinsamen Abenteuers, und kehrte nach Wilhelmshaven zurück; eine langjährige Liebschaft, die er neben seiner zweiten Fraupflegteund der Beruf erwarteten ihn. Ich hatte plötzlich viel freie Zeit. Wieder einmal wollte ich mein geliebtes Frankreich bereisen.
Mehr durch Zufall stieß ich auf die Kathedrale von Bourges, ein gotisches Meisterwerk. Sie wurde in der Blütezeit der französischen Gotik errichtet, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Beim Gang durch die Apsis erblickte ich in einem Kirchenfenster mein Wappen – das Wappen der Familie von Herz (drei Muscheln und drei Herzen). Überrascht blieb ich stehen. Es war kunstvollabgebildet auf dem Heck eines mächtigen Segelschiffs, das einem bedeutenden Kaufmann der damaligen Zeit gehört haben musste. Nicht einmal acht auf vierzehn Zentimeter groß war es, so schätzte ich. Und obgleich es sehr alt war, fand ich die auf Glas eingebrannten Farben in erstaunlich gutem Zustand vor. Wie aber war es hierher gelangt? Mein Familienwappen, mitten im geografischen Zentrum Frankreichs, in dem an kulturellem und landwirtschaftlichem Reichtum gesegneten Berry? Hatte ich etwa französische Vorfahren, von denen ich nichts wusste? Konnte es denn wirklich einen Zusammenhang zwischen Bourges und dem Emsland als Herkunftsregion der Sippe von Herz geben? Wen könnte ich darüber befragen?
Und ich hatte Glück, denn ich traf eine Dame, die mir kompetent Auskunft geben konnte. Madame Bouvier verkaufte im Shop Bücher und Ansichtskarten. Sie entpuppte sich als bewanderte Kunsthistorikerin. Im Hauptberuf leitete sie halbtags die Bibliothek im Rathaus der Stadt. Niemand störte uns, denn in der weiter anschwellenden, flirrenden Hitze gingen alle anderen Menschen an kühlere Orte. So entwickelte sich ein informatives Gespräch.
„Also“, erklärte sie freundlich,„das Wappen gehört zu dem königlichen Vermögensverwalter Jacques Coeur. Als erfolgreicher Kaufmann besaß er zahlreiche Schiffe, die im Mittelmeer unterwegs waren. 300 Kontoren unterhielt er dort; mit seinem Reichtum finanzierte erseinem König sogar Kriege. Aber, Pardon, wie war gleich noch Ihr Name?“, fragte sie, sich leicht nach vorne neigend.
„Dieter von Herz“, antwortete ich bereitwillig.
„Und aus welchem Teil Deutschlands kommen Sie?“
„Gebürtig aus dem Emsland“, sagte ich und fügte erklärend hinzu:
„Haren, Papenburg, Aurich, in den Kirchenbüchern dieser Gemeinden findet man unseren Namen. Pfarrer, Richter und Geldverleiher – das waren die Berufe, die sie ausübten. Also nichts Hochwohlgeborenes.“
Ihre dunklen, südfranzösischen Augen blitzten wie elektrisiert.
„Oh, dort oben, im nördlichen Teil Deutschlands kenne ich mich zufällig gut aus. Mein Mann kommt aus Krefeld. Von Herz, war ihr Name?“
Fast liebkosend formte sie den Namen mit ihrer Zunge, „von Herz? Und Sie sind katholisch?“
Ich bejahte.
„Für das Emsland ist das ja üblich“, meinte sie. Ich schaute sie lange an, zögerte und meinte dann doch nachhaken zu müssen:
„Pardon Madame, aber gestatten Sie mir die Frage, was hat Sie erstaunt, als Sie meinen Namen hörten?“
„Wenn Sie etwas Zeit haben, will ich Ihnen gerne meine Vermutung erzählen.“
Sie bot mir einen Stuhl an, setzte sich ebenfalls, dann erst fuhr sie fort:
„Im 15. Jahrhundert herrschte in Frankreich König Charles VII, genannt ‚Der Siegreiche‘. Als sein Argentier, das heißt als sein Vermögensverwalter, fungierte der legendäre Jacques Coeur. 1395 in Bourges geboren, wurde er 1440 in den Adelsstand erhoben. Zwei Jahre später zählte er bereits zu den Mitgliedern des königlichen Rates.“
Gespannt folgte ich den weiteren Ausführungen von Madame Bouvier.
„Jacques de Coeur, so hieß er nun, hatte fünf Kinder: Jean, Henri, Geoffroy, Ravant und Perette. Als reichsten Mann Frankreichs beneideten ihn viele Menschen und nach Jahren erfolgreicher Arbeit fiel er wegen angeblicher Veruntreuung königlicher Gelder in Ungnade.“
Madame Bouvier atmete tief durch, um fortzufahren:
„Sicher ist, dass um religiös motivierter Querelen aus dem Weg zu gehen, ein, uns nicht bekannter, Nachkomme seiner Familie Frankreich in Richtung Norddeutschland verließ. Er wurde und soll, dies jedenfalls berichten polizeiliche Akten aus dieser Zeit, danach an einer nördlich von Köln gelegenen Grenzstation als Zöllner, als Douanier, gelebt haben.“
Ich glaubte diese Informationen bestätigen zu können:
„Meine Urgroßmutter Franziska murmelte mit ihren fast hundert Jahren stets etwas von einem „Dommier, Dounnier“, wenn wir über unsere Vorfahren sprachen. Ich hattesie im Verdacht, dass sie das etwas schwierige Wort „Douanier“ (Zöllner) nicht richtig aussprechen konnte.“
Madame nahm den Faden auf und fuhr fort:
„Auf der anderen Seite des Rheins lockte ihn wohl ein hübsches Mädchen. Mit einem kleinen Kahn setzte er des Nachts über und verschwand nach Norden ins Emsland. Fortan nannte sich Jean de Coeur Heinrich von Herz und heiratete das Mädchen, das dem Katholizismus und damit auch seinem Religionsbekenntnis, angehörte.“
Wenn das alles stimmte, dann hatte ich die Barriere des Dreißigjährigen Krieges überwunden. Und war mitten im 15. Jahrhundert angekommen. In gleißendem Weißgold strömte das Sonnenlicht durch den Verkaufsraum; der mir mitsamt seinen Regalen, Karten und Büchern im Laufe des Gesprächs immer heller geworden zu sein schien. Die Hitze nahm zu und wurde fast unerträglich. Eine dicke, unappetitliche, blauschwarze Fliege glaubte sich an einem Schweißtropfen über meiner linken Augenbraue gütlich tun zu müssen. Ich verscheuchte sie und begann von einem kühlen Pils zu träumen.
„So erklärt sich die Sache mit ihrem Wappen. Sehen Sie, meine Vermutung war richtig. Ihre Vorfahren kommen hier aus dem Berry. Voila“, schloss Madame.
Warum nicht, dachte ich, nachdem ich mich mit Dank verabschiedet hatte und in ein kleines Lokal gegangen war, denn ich liebte es, Restaurants zu besuchen. Und das Berry war und ist für gutes Essen bekannt. Nach dem kühlen Bier kam zu den Rognons a la Moutarde de Dijon ein filigraner, weißer Burgunder auf den Tisch. Davon verstehen sie eine ganze Menge, die Franzosen, dachte ich bei mir.
Latein beherrschten damals außer den Priestern nur eine Handvoll Gebildeter. Die Geistlichen nutzten ihre Kenntnisse, um ihr Wissen so festzuhalten, dass nicht jeder mitlesen konnte. Ihre Informationen erhielten sie aus der Ohrenbeichte, die bei Katholiken üblich ist. Es konnte geschehen, dass in dem Kirchenbuch unter dem Namen der Braut geschrieben stand: „non virga est“, ist keine Jungfrau. Oder unter dem Namen des Bräutigams las man „moechus“, ein Hurenbock. Pikant fand ich den Eintrag, das Kind Hans-Werner sei nicht von dem im Taufregister vermerkten Vater, sondern von dem Herrn Apotheker. Zweifellos hatten die Pfaffen eine diebische Freude.
1945 – Heimkehr von Hans
Hans von Herz stand ganz plötzlich vor der Tür. Mit seinen 35 Jahren lag das Leben noch vor ihm. Er hatte zunächst gezögert, hatte in der vorwärtsgreifenden Bewegung leicht innegehalten, um dann aber doch die schwere Glocke zu läuten. Ihr mächtiger Klang hallte lange nach. Es war ein massiver, aus Kupfer mit etwas Zinn gefertigter Klangkörper, überreich mit Pflanzen und Ranken verziert. Die Glocke passte zu dem eindrucksvollen Häuserkomplex, den Vater Hans vom Süden, vom See kommend, genauer gesagt vom blauen Ammersee aufsteigend, schon von Weitem erblickt hatte. Dominierender hätten die drei vor ihm liegenden, ineinander geschachtelten Häuser nicht dastehen können. Großzügig gebaut, beherrschten die Villen die bucklige Anhöhe; vor ihnen erstreckte sich eine große Wiese, voll besetzt mit rotgoldgrüngelben Schlüsselblumen. Er liebte diese Wiese.
Hans saß da und blickte zufrieden hinunter auf den Ammersee, der blaugrauschwarz, gestopftem Samt nicht unähnlich, vor ihm lag. Hinter dem See, weiter südlich erhob sich dunkel und nachtmächtig wie ein Schatten das Kloster Andechs. Nach einer Weile stand er auf, reckte die Glieder und wandte sich nun hinauf, dem Curry-Anwesen entgegen. Von der rückwärtigen Seite bot ein wuchtiger Eichenwald Schutz.
Ehefrau Gisela hatte sein Kommen ebenso wenig bemerkt wie der Rest der Familie. Sie bereiteten gerade das Essen vor; ein Tag wie jeder andere und trotzdem strahlte die Mittagstafel eine vornehme Eleganz aus. Acht Gedecke, mit Sorgfalt gesetzt, erwarteten die Familie. Vier Kinder, Großmutter Sophia, ihre Töchter Gisela und Maria sowie Schwiegersohn Manfred schauten mit Vorfreude auf die Forellen mit gebutterten Jungkartoffeln. Beides kam aus eigenen Ernten.
Der kräftige Klang der Glocke verstummte. Dr. med. Manfred Curry, Giselas Schwager, Hausherr, Mediziner und amerikanischer Forscher, durchschritt gemächlich die geräumige Diele und öffnete mit Bedacht Hans von Herz die hohe, eichenschwere Doppeltüre.
Gisela von Herz, in Pirna bei Dresden 1919 mit dem Mädchennamen Hermkes zur Welt gekommen, war seit 1939 mit Hans verheiratet, Gisela hatte sich gut auf diesen Moment jetzt nach seiner Rückkehr vorbereitet. Heute mit ihren 26 Jahren als erwachsene, gutaussehende Frau, heute wusste sie genau, was sie wollte: Das war die Scheidung. Jetzt und sofort und ohne Verpflichtungen gegenüber einander. Die beiden Kinder sollten bei ihr bleiben: Helmuth, zwei Jahre alt, und ich, der den fünften Geburtstag erst vor einigen Wochen begangen hatte. Die Scheidung zog sich lange hin.
Einen neuen Mann gab es nicht. Sehnsucht nach einem Freund, einem Begleiter, Sehnsucht nach Geborgenheit und Zärtlichkeit beschlich Gisela von Zeit zu Zeit. Bereit für eine neue Begegnung war sie jedoch noch nicht. Einige Verehrer lauerten; sie beachtete sie nicht, obwohl es Männer zu dieser Zeit nicht im Überfluss gab. Der Zweite Weltkrieg hatte erst vor einigen Wochen sein Ende gefunden. Millionen Soldaten waren gefallen oder darbten noch in Gefangenschaft. Adenauer holte Zehntausende aus Russland raus.
Giselas Bild von einem Mann hatte in ihrer Jungmädchenzeit Vater Jakob geprägt. Sie war eine Vatertochter. Er arbeitete als Entwickler von Lokomotiven bei der Hannoverschen Hanomag AG. Liebe, Respekt und Zärtlichkeit im Umgang mit der Familie waren bei ihm zu Hause. Mit der Tochter unterhielt er sich häufig und lange. Das war zu dieser Zeit eher die Ausnahme. Die Väter zogen sich normalerweise aus den Familien zurück: Ins Herrenzimmer oder in die Bibliothek zu Zigarren, Zeitung und Zitronenlikör.
Zuwendung zu Kindern, die noch nicht volljährig waren, das war ein Feld, das den Müttern vorbehalten war. Jacob allerdings verhielt sich anders. Er widmete sich mit Freuden seiner Familie. Für ihn war das keine Belastung, im Gegenteil, er schätzte die wache, fröhliche Intelligenz seiner hübsch geratenen, achtzehnjährigen Tochter. Kurzum: ihre Jugend verlief glücklich.
Manfred Curry also, der Hausherr persönlich, öffnete Hans die Türe. Dass er einen amerikanischen Pass besaß, hatte das Leben während des Dritten Reichs erheblich erleichtert. Die Nazis ließen ihn unbehelligt. Man wollte die USA nicht provozieren.
Er stammte aus einer vermögenden Bostoner Juristenfamilie, zeigte keinerlei politisches Interesse und konnte eine arische Ehefrau Maria, geborene Hermkes, vorweisen. Ende der Zwanzigerjahre eingewandert, bewies er in unterschiedlichen Disziplinen wie Fotografie, Eiskunstlaufen, Segeln und Wetterkunde fast geniale Fähigkeiten. In seinem Hauptberuf als Krebsforscher gelangte er mit Fleiß und Begabung zu wichtigen Erkenntnissen, die die medizinische und akademische Welt beeindruckten. Seine industriellen Auftraggeber aus den USA gestatteten ihm ein unabhängiges Leben in finanzieller Sicherheit. Intellektuelle Freiheit war ihm angeboren.
Die straffe Körperhaltung von Manfred, damals noch nicht ganz 45 Jahre alt, ließ Vater Hans zögern; er fragte sich, ob er das Haus betreten dürfe. Drei Treppenstufen über ihm stand dieser kraftvolle, wenn auch nicht besonders groß geratene Amerikaner mit blaugrauem Haar und buchsbaumbuschigen Augenbrauen. Der Heimkehrer kam sich klein, ungelegen und stark reinigungsbedürftig vor. Beide Männer reichten sich ohne ein Wort die Hand. Sie blickten sich kaum an. Viel Gemeinsames gab es nicht zwischen ihnen bis auf die Tatsache, dass Hans als Diplomingenieur und Experte für das Bahnwesen keiner war, dessen man sich in der Familie hätte schämen müssen. Gleichwohl tendierten die Schnittmengen zwischen den beiden Männern gegen Null, in fast jeder Hinsicht.
Bevor das einsetzen konnte, was vielleicht die Bezeichnung Konversation oder gar Begrüßung verdient hätte, machte eine feste, sympathisch helle Stimme auf sich aufmerksam:
„Hans, guten Tag. Schön, dass du offensichtlich gesund bist, das macht die Sache leichter. Ich verlange die Scheidung, die beiden Kinder bleiben bei mir; mein Münchner Anwalt Dr. Lammer wird die Klage begründen, Manfred bringt dich im Gästehaus zum Bad, da kannst du dich waschen. Aus dem Kleiderschrank holt meine Schwester die für dich notwendigen Sachen, dann fährt Manfred dich zum Bahnhof und versorgt dich mit etwas Startgeld für das Zivilleben. Eine gute Zukunft für dich.“
Manfred drehte sich sprachlos um. Das war professionell, kühl und gnadenlos. Aber endlich, nach all den Enttäuschungen, die sie in der kurzen Ehe erlitten hatte, bevor Hans 1940 zur Wehrmacht eingezogen worden war, war es vor allem eines – konsequent.
Gisela hatte wie die meisten Deutschen geglaubt, spätestens 1941 sei der Spuk vorbei. Wilhelm II. war bereits im Ersten Weltkrieg dieser Fehleinschätzung erlegen. Es sollte nicht seine einzige Dummheit bleiben. Der international hochgeschätzte Kanzler Bismarck fehlte. Wilhelm II. hatte ihn entlassen, weil er zu stark geworden war. Absolutistische Herrscher mögen das nicht, vornehmlich wenn sie schwach sind.
1939 – Giselas Hochzeit
Mutter Gisela ging unberührt in die Ehe. Das war für jene Zeit nicht ungewöhnlich. Als erster Sohn kam ich, Dieter von Herz, im März 1940 zur Welt. Die Geburt meines jüngeren Bruders Helmuth im Jahr 1943 war nicht geplant. Es handelte sich um einen Unfall, der während eines Militärurlaubs geschehen war.
Gisela schloss keineswegs Frieden mit ihrem Zustand; sie hatte kein weiteres Kind von Hans gewollt. Aber eine Abtreibung war für sie unmöglich gewesen. Ihre Familie lebte eine fröhliche, rheinisch katholische Religiosität, die, angeführt von Großmutter Sophia Hermkes, alles erlaubt hätte, nur nicht eine Korrektur dieser Empfängnis.
Die Großmutter, von den Erwachsenen und uns Kindern liebevoll mit Söffchen gerufen, kam 1890 zur Welt. Sie hatte den Zusammenbruch der Alten Welt mit dem Untergang des Kaiserreichs mitgemacht. Sie erlebte ebenso den Zerfall der Weimarer Republik. Und auch noch das Ende des Tausendjährigen Reichs sowie den Wiederaufstieg der Bundesrepublik, nicht jedoch die Wende, also die Wiedervereinigung. An sie hatte Sophia immer fest geglaubt, aus historischer Erfahrung, wie sie sagte. Große Völker seien auf Dauer nicht teilbar; Polen etwa überlebte mehrfache Teilungen und sogar den vollständigen Untergang als Nation für 150 Jahre.
Nachdem Hans abgereist war, verfasste Gisela einen Brief für ihren Anwalt; einen Brief, in dem sie die Klage begründete: Fortgesetzter, frecher und rücksichtsloser Betrug mit anderen Frauen. Das war der Grund, warum sie die Scheidung forderte. Dass Hans bereits ein paar Tage nach der Hochzeit mit einer anderen Frau zusammen war und alle ihre guten Freunde davon erfuhren, das hatte sie tief verletzt. Dabei wusste sie, ihre Erscheinung, wenn auch noch etwas mädchenhaft, bezauberte jeden, dem sie begegnete. War die Erziehung, genauer die Vorbereitung auf die Ehe, unzeitgemäß gewesen? War sie doch noch zu sehr einem wilhelminischen Frauenbild gefolgt – einem Frauenbild, das ihre Mutter Sophia geprägt und vermittelt hatte, fragte ich mich.
Sie träumte schon einmal Unschickliches und hörte mit schlechtem Gewissen den Geschichten der Freundinnen zu. Ja, die erzählten auch manchmal Unartiges. Aber: Hans schien der Richtige zu sein. Schnell herrschte Übereinstimmung zwischen der Mutter und den beiden, wesentlich älteren Geschwistern, Robert und Maria. Hans war der Frauenverführer, wusste mit seinen sechsundzwanzig Jahren, wie mit ihnen umzugehen ist. Und doch machte er nun gravierende Fehler in der jungen Ehe mit seiner sehr jungen, zarten Frau.
Formal gab es die Gleichberechtigung der Geschlechter.
Aber: Frauen war vor 1908 in Preußen der Besuch von Universitäten nicht gestattet. Und auch das Frauenwahlrecht konnte erst 1918 durchgesetzt werden. Also ein Jahr vor Giselas Geburt. Und zwar gegen massive Widerstände. In diesem verstaubten, gesellschaftlichen Klima traf man selten selbstbewusste, unabhängige Frauen. Im realen Leben waren sie Hausfrauen und Mütter. Die emanzipierte und studierte Frau blieb die Ausnahme; Madame Curie: ein Einzelfall!
Gisela rebellierte innerlich gegen eine Beziehung ohne Respekt und Wärme. So gab es für sie, schon kurz nach der Hochzeit, kein Zurück mehr. Sie kapselte sich mehr und mehr ab; je stärker die Schwangerschaft voranschritt, desto mehr wuchs die Abscheu gegen ihren Mann. Eine Trennung kann es erst nach dem Tausendjährigen Reich geben. Denn eine deutsche Mutter lässt sich nicht von ihrem Mann scheiden, zumal wenn er im Feld steht. Und Hans stand erst in Polen, dann in Russland.
Nun, Sekunden nach den erlösenden Worten, trat sie aus dem Türrahmen zurück, um im grauschwarzen Nichts der Curry-Villa zu verschwinden. Sie fragte sich noch für einen kurzen Moment, wieso sah er so gebräunt aus, so gesund?
Es geschah alles, wie von Gisela angeordnet; die gelbbraune Cordhose war etwas knapp, passte aber gerade so. Hans, frisch rasiert, drückte Manfred dankbar, aber noch immer leicht überrascht, die Hand. Dieser übergab ihm ein Kuvert, das großzügig mit einigem Geld gefüllt war. Die Lokomotive tönte laut und fordernd, Hans stieg ein. Der Zug setzte sich in Bewegung. Ein Winken erübrigte sich.
1943 – Angriff auf Hannover
Der Zug nahm Fahrt in Richtung Süden auf. Meine Mutter durchlitt noch einmal die letzten Nächte; durchlitt noch einmal den Nachhall der Bombardements. Heftige Beben, massive Erschütterungen und das Getöse der feindlichen Bombeneinschläge über Wochen hinweg hatten sie mürbe gemacht. Sie war vollkommen erschöpft. Sie wollte nur eines: Ruhe und Sicherheit für sich selbst und ihre Kinder.
Es war der Oktober 1943. Die sonst immer verlässlich warnenden Sirenen blieben dieses Mal stumm. Und so schwebten unangemeldet hoch oben am strahlend lichtgraublauen Himmel fast hundert graue Bomber geräuschlos Richtung Zentrum der Stadt. Ich schrie entsetzt auf, worauf meine Mutter mich und den Säugling Helmuth unter die Arme nahm und mit uns in den Luftschutzkeller flog. Außer Atem fühlte sie, wie ihr Herz vor Angst raste. Zu dritt kauerten wir uns in die für uns vorgesehene Nische mit den Nummern 45, 46 und 47.
„Wenn wir hier heil herauskommen, dann hauen wir ab zu meiner Schwester in Bayern“, flüsterte sie leise, sich ängstlich umschauend, mir als Ältestem zu. Niemand durfte Mutter hören. Sie hätte wegen angeblichem Defätismus erhebliche Schwierigkeiten bekommen können. Augenblicklich setzten die Einschläge der Bomben ein, die gefährlich näherkamen. Das Konzert des Grauens begann: Ein Gemisch aus dem Wummern der Brandbomben, dem Klirren der Granatsplitter, dem Heulen der Feuersbrände und dem Rattern der Abwehrflak. Das Inferno hörten und spürten wir hautnah im Keller, fünf Meter unter der Straße. Wir Kinder suchten Schutz bei ihr – Schutz, den sie selbst gebraucht hätte; sie war gerade einmal 24 Jahre alt. Lediglich die vielen anderen Menschen, die mit uns im Keller bangten, verhinderten das Gefühl des völligen Ausgeliefertseins. Es breitete sich eine Stille über uns aus, die nur hin und wieder durch ein gemurmeltes Gebet durchbrochen wurde. Es war die Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943. In dieser Nacht versank Hannover in Trümmern. Um 1.05 Uhr fielen die ersten Bomben. Hundertmal heulten die Stadtteil-Sirenen.
Doch auch diese Gefahr ging irgendwann vorüber. Und Gisela machte ihren seit längerem gefassten Vorsatz wahr, packte nur das Wichtigste, schickte ihre Mutter, das Söffchen, zu deren Schwester Bertha Zuleger nach Ilsenburg in Thüringen und gab der Haushälterin die Schlüssel.
„Wann wir uns wiedersehen, weiß Gott allein“, verabschiedete sie sich von ihr mit Tränen in den Augen. Wir verließen das nun menschenleere, elterliche Haus, eilten dem um die Ecke gelegenen Hauptbahnhof entgegen, lösten drei Fahrkarten und stiegen ein. Der Zug startete Richtung Süden, nach Riederau am Ammersee.
„Das ist geschafft“, entfuhr es meiner Mutter Gisela im Zug sitzend, als sie erleichtert spürte, wie sich der Wagen erst zögernd, dann aber immer schneller in Bewegung setzte. Sie zitterte, am ganzen Körper. Helmuth und ich drückten uns eng an sie. Sie fühlte sich so warm, so weich an und duftete nach einem uns unbekannten Parfüm, das jedoch unverwechselbar zu unserer Mami gehörte.
Ein quietschendes, harsches Geräusch beendete jäh alle Träumereien. Die Abteiltür wurde plötzlich weit aufgerissen. Dahinter lag der Flur im Dunkel. Das verhieß nichts Gutes. Durch den Rahmen stolzierte ein Uniformierter. Im Herbst 1943 war der deutsche Untergang in Stalingrad bereits Geschichte und die militärische Wende Realität. Die siegreiche Zeit in Ost und West lag unwiederbringlich hinter den deutschen Armeen. So massiv bedrängt, witterte die Staatsmacht noch mehr als früher überall den Feind, den Saboteur und Drückeberger.
„Ihre Papiere, aber sofort“, befahl er, noch während er die Hacken zusammenschlug.
Meine Mutter hatte nichts zu verbergen und reichte ihm die Ausweise. Die Papiere durchblätternd fragte der Mann, den sie nun als Mitglied der Staatspolizei einschätzte, „und wohin geht es?“
„Nach Riederau am Ammersee zu meiner Schwester“, kam die verschüchterte Antwort. Bruder Helmuth begann zu weinen, ich nahm ihn in den Arm, um meiner Mutter Bewegungsfreiheit zu verschaffen.
Der Inquisitor trat zurück, verglich erneut Papiere und Gesichter, um dann zu murmeln:
„Verheiratete von Herz? Dem Adel zugehörig und dann auch noch so ein stolzer Vorname: Gisela Henriette. Wohl aus einer reichen Junkerfamilie aus Ostpreußen, mit Gutshof, Personal und so?“
„Nein, Hannoveraner Bürger; der Vater ist Ingenieur. Er baut Lokomotiven für die Reichsbahn“, antwortete Gisela zurückhaltend, aber nicht unterwürfig.
Der Gestapo-Mann wühlte weiter in den Papieren. Sein arroganter Habitus, sein grüner Ledermantel, seine gierigen Augen und seine riesige Nase wirkten bedrohlich. Was er bloß suchte, fragte sie sich.
„So, und Ihr Mädchenname lautet Hermkes. Sie hießen also vor der Heirat Gisela Henriette Hermkes?“
„Ja, das ist richtig“, bestätigte sie.
„Ist das ein Problem?“, fragte sie, vielleicht etwas keck.
Der Offizier demonstrierte nun einen ganz kleinen Teil des Empörungspotenzials, zu dem eine Diktatur fähig ist:
„Sofort aufstehen, Mantel aus, Hut ab. Hände vorgestreckt!“
Es folgte eine Leibesvisitation, die überraschend flüchtig verlief. Denn ein zweiter, älterer Uniformierter wartete im dunklen Hintergrund des Ganges. Dem jüngeren Gestapo-Mann bereitete es dennoch sichtlich großes Vergnügen, die gutaussehende junge Frau aus besseren Kreisen zu demütigen, sie einzuschüchtern, sie anzufassen. Dann brüllte er:
„Dem Deutschen Reich drohen Gefahren von allen Seiten. Und die lauten: Verrat, Hinterhalt und nochmals Verrat. Hier haben wir es wohl mit einer Spionin mit zwei Kindern als Tarnung zu tun.“
„Nein, Hannoveraner Bürger. Ehemann Hans von Herz ist in Russland. Bruder Robert Hermkes ist ebenfalls in Russland. Der eine baut Straßen, der andere zieht Zähne“, sagte Gisela laut und deutlich. Plötzlich wurde es etwas ruhiger im Abteil. Der Mann im grünen Ledermantel bekam graue Züge ins Gesicht. Er roch noch immer nicht gut und wirkte hektisch, fast getrieben. Er machte den Eindruck eines Anglers, dem ein dicker Fisch vom Haken gegangen ist.
„Lass es gut sein, Willy“, kam die Stimme des Älteren aus der Dunkelheit heraus. Gisela hatte sich wieder den Mantel anziehen und mit dem Hut auf dem Kopf hinsetzen dürfen. Ich verstand das Geschehen nicht, spürte lediglich, mit dem Herrn mit der Zinkennase ist nicht gut Kirschen essen. Nachdem meine Mutter den Uniformierten über Zähne, Straßen und Lokomotiven unterrichtet hatte, schloss er sehr langsam seinen vor Sprachlosigkeit weit geöffneten Mund. Dummheit traf auf Unverschämtheit; beide salutierten knapp, worauf Gisela hätte verzichten können.
„Gute Reise! Weiterfahren!“, schnarrte er zum Abschied, ohne beide Hacken nochmals zusammenzuschlagen. Sie sah ihn nicht an.
Am Ammersee lebte ihre Schwester Maria, die Dr. Manfred Curry geheiratet hatte. Zwischen den beiden Hermkes-Schwestern herrschte geschwisterliche Zuneigung. Maria, die Künstlerin, die Sängerin, hatte einen vermögenden Amerikaner, einen Forscher, als Ehemann gefunden. Das konnte kaum übertroffen werden. Aus alldem ergab sich, dass sich Gisela, die Kleine aus Hannover, am Ammersee erst einmal unterzuordnen hatte.
Zwei Wochen nach Giselas Flucht aus Hannover schlug eine Fünf-Zentner-Bombe senkrecht in ihr Elternhaus ein. Sie durchbrach alle drei Geschosse, brachte noch genügend Kraft, Willen und Präzision mit, um die im Keller bangenden, übrig gebliebenen 57 Menschen auf einen Schlag zu vernichten. Alle auf einen Schlag! Diese Katastrophe traf unsere Mutter schwer.
1943 – Nach Süden: Evakuierung
Zu Beginn verlief es für Gisela und uns Kinder nicht einfach am Ammersee. 1943 und in den Jahren danach erlitten fast alle großen deutschen Städte erhebliche Bombenschäden; die Zerstörungen nahmen gewaltige Ausmaße an. Im Vergleich zu vielen anderen ausgebombten Familien hatten wir noch mächtig Glück gehabt. Wir waren an einem Ort gelandet, zu schön für das reale Leben. Ein Ort für Touristen, ein Ort für Postkarten.
„Wie soll es weitergehen?“, fragte meine Mutter. Schwager Manfred sagte:
„Wir finden es völlig in Ordnung, dass ihr hier seid. Ihr gehört zur Familie. Und du wirst uns eine gute Hilfe sein. Außerdem passen deine beiden Kinder gut zu den unseren: zu Sylvia und Charles. Mach dir keine Sorgen. Der Spuk ist bald vorbei. Spätestens, wenn Amerika in den Krieg eintritt – und damit rechnen wir fest.“
