Wetter - Jenny Offill - E-Book

Wetter E-Book

Jenny Offill

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Beschreibung

»Das richtige Buch für das Ende der Welt.« LA Times Lizzie Benson, Bibliothekarin mit Hang zu apokalyptischen Gedanken, geht seit Jahren ihrer Berufung als Amateur-Psychologin nach: Sie kümmert sich um ihren Ex-Junkie-Bruder und ihre gottesfürchtige Mutter. Dieses Talent ist auch gefragt, als ihre alte Mentorin Sylvia Liller ihr einen Vorschlag unterbreitet: Lizzie soll die Fanpost zu ihrem alarmistischen Podcast »Hölle und Hochwasser« beantworten. So stürzt sie sich in die Auseinandersetzung mit besorgten Linken, die die Klimakatastrophe kommen sehen, ebenso wie mit den Ultrakonservativen und deren Sorge um den Untergang der westlichen Zivilisation. Wie aber, fragt Lizzie sich immer häufiger, kann sie ihren privaten Garten wässern, wenn die ganze Welt in Flammen steht? »Dieses Buch ist so großartig. Wir sind nicht bereit dafür und haben es nicht verdient.« Ocean Vuong »Ein geschliffenes Meisterwerk, bemerkenswert und von tiefer Resonanz« LA Times

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz

© Piper Verlag GmbH, München 2021

Covergestaltung: zero-media.net, nach einem Entwurf von John Gall

Coverabbildung: John Gall

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

Motto

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Danksagung

Für Lydia

Notizen von einer Versammlung in Milford, Connecticut, 1640:

Beschlossen, dass die Erde dem Herrn gehört

samt all ihrer Fülle; beschlossen,

dass die Erde den Heiligen gegeben wurde;

beschlossen, dass wir die Heiligen sind.

Eins

Morgens kommt die weitgehend Erleuchtete herein. Es gibt unterschiedliche Stadien, und sie denkt, sie befände sich im vorletzten. Dieses Stadium kann man nur mit einer japanischen Wendung beschreiben. Sie lautet »Eimer voll schwarzer Farbe«.

 

Ich verbringe einige Zeit damit, Bücher für den hilflosen Bibliotheksadlatus zusammenzustellen. Er schreibt seit elf Jahren an seiner Dissertation. Ich gebe ihm stapelweise Kopierpapier. Büroklammern und Stifte. Er schreibt über einen Philosophen, von dem ich noch nie gehört habe. Er sei unbedeutend, aber hilfreich, hat er mir erklärt. Unbedeutend, aber hilfreich!

 

Doch gestern Abend hat seine Frau einen Zettel an den Kühlschrank geklebt. Bringt das, was du da gerade tust, Geld ein?, stand darauf.

 

Der Mann in dem abgetragenen Anzug will nicht, dass ihm seine Mahngebühren erlassen werden. Er ist stolz darauf, unsere Institution zu unterstützen. Das blonde Mädchen mit den abgekauten Fingernägeln kommt nach dem Lunch vorbei und geht wieder mit einer Handtasche voller Toilettenpapier.

 

Ich stelle mich einer Theorie über das Impfen und einer über den Spätkapitalismus. »Wünschen Sie sich manchmal, wieder dreißig zu sein?«, fragt der Fachmann für einsame Herzen. »Nein, nie«, sage ich. Ich erzähle ihm den alten Witz über Zeitreisen.

 

Zeitreisende werden hier nicht bedient.

Ein Zeitreisender betritt die Bar.

 

Auf dem Nachhauseweg komme ich an der Frau vorbei, die Kreisel verkauft. Wenn die Studenten richtig stoned sind, kaufen sie manchmal welche. »Heute keine Kunden«, sagt sie. Ich suche einen für Eli aus. Er ist blau und weiß, sieht aber bläulich aus, wenn er sich dreht. Vergiss nicht die Fünfundzwanzig-Cent-Münzen, fällt mir dabei ein.

 

In der Bodega gibt Mohan mir eine Rolle Münzen. Ich bewundere seine neue Katze, aber er meint, sie sei ihm nur zugelaufen. Er will sie trotzdem behalten, weil seine Frau ihn nicht mehr liebt.

 

»Ich wünschte, du wärst ein richtiger Seelenklempner«, sagt mein Mann. »Dann wären wir reich.«

· · ·

Henry ist zu spät dran. Und das, nachdem ich einen Fahrservice bestellt habe, um mich nicht zu verspäten. Als ich ihn endlich sehe, ist er pitschnass. Kein Mantel, kein Regenschirm. Er bleibt an der Ecke stehen und gibt der Frau im Müllbeutelponcho Kleingeld.

 

Mein Bruder hat mir einmal erzählt, dass ihm die Drogen fehlen, weil sie das Geschrei der Welt in seinen Ohren abgestellt haben. »Klingt logisch«, sagte ich. Wir waren im Supermarkt. Um uns herum wollten Dinge ihre wahre Natur verkünden. Aber ihre Ausstrahlung war schwach und noch schwächer in dem Gedudel der schrecklichen Supermarktmusik.

 

Ich versuche ihn schnell aufzuwärmen: Suppe, Kaffee. Er sieht gut aus, finde ich. Klare Augen. Die Kellnerin macht neuen Kaffee, flirtet mit ihm. Passanten hielten früher meine Mutter auf der Straße an. Was für eine Verschwendung, sagten sie. Solche Wimpern bei einem Jungen!

 

Jetzt nehmen wir noch mehr Brot. Ich esse drei Scheiben, während mein Bruder mir von seinem Drogenhilfe-Treffen erzählt. Eine Frau ist aufgestanden und hat über Antidepressiva geschimpft. Was sie am meisten aufgeregt hat, war, dass die Leute sie nicht richtig entsorgen. Man hat Würmer aus der Kanalisation untersucht und festgestellt, dass sie hohe Konzentrationen von Paxil und Prozac enthielten.

 

Wenn Vögel diese Würmer fraßen, flogen sie nicht weit, bauten kompliziertere Nester, wirkten aber desinteressiert daran, sich zu paaren. »Aber waren sie glücklicher?«, frage ich ihn. »Haben sie an irgendeinem Tag auch mehr erledigt?«

· · ·

Das Fenster in unserem Schlafzimmer steht offen. Wenn man sich hinausbeugt und den Hals verdreht, kann man den Mond sehen. Die Griechen dachten, er sei der einzige der Erde ähnliche Himmelskörper. Pflanzen und Tiere bewohnten ihn, die fünfzehnmal stärker waren als unsere.

 

Mein Sohn kommt herein, um mir etwas zu zeigen. Es sieht aus wie eine Schachtel Kaugummi, aber wenn man etwas davon nehmen will, springt einem eine Metallfeder gegen den Finger. »Tut mehr weh, als man denkt«, warnt er mich.

 

Autsch.

 

Ich sage, er solle aus dem Fenster sehen. »Das ist ein zunehmender Mond«, sagt Eli. Er weiß inzwischen so viel über den Mond, wie er je wissen wird, vermute ich. In seiner alten Schule haben sie ihm ein Lied zum Auswendiglernen aller Mondphasen beigebracht. Manchmal singt er es für uns beim Abendessen, aber nur, wenn wir es nicht verlangen.

 

Dem Mond geht es gut, denke ich. Niemand macht sich Sorgen über den Mond.

· · ·

Die Frau mit dem Megafon steht heute Morgen an der Schultür. Sie fordert die Eltern auf, draußen zu bleiben und die Kinder dort hinter der roten Linie abzuliefern. »Sicherheit geht vor!«, schreit sie. »Sicherheit geht vor!«

 

Aber manchmal muss Eli weinen, wenn er in diesem lauten Gedränge abgesetzt wird. Er geht nicht gerne allein von einer Seite der großen Cafeteria zur anderen. Einmal stand er stocksteif mitten in dem Raum, bis ein Helfer ihn am Ellbogen nahm und zu seinem Platz schubste.

 

Also rennen wir heute los und flitzen an ihr vorbei zum vorgesehenen Treffpunkt. Sein Freund ist schon da und hat Tiercracker mitgebracht, und ich kann gehen, ohne dass es Tränen gibt, aber nicht, ohne dass die Megafonfrau mich anschreit. »Keine Eltern! Eltern dürfen ihre Kinder nicht begleiten!«

 

Mein Gott, wie sie dieses Megafon liebt. Etwas schießt durch meinen Körper, wenn ich ihre Stimme höre, aber dann bin ich draußen auf der Straße und ermahne mich, nicht nachzudenken.

 

Ich darf nicht darüber nachdenken, wie groß diese Schule ist oder wie klein er ist. Diesen Fehler habe ich bei anderen Gelegenheiten gemacht. Inzwischen müsste ich mich an die Umstände gewöhnt haben, aber manchmal lasse ich mich aufs Neue verschrecken.

· · ·

Den ganzen Tag mürrische Professoren. Die mit festem Lehrstuhl sind die mürrischsten. Sie rauschen an den Leuten vorbei, die anstehen, um ein Buch abzuholen oder Bestelllisten aufzusetzen. Studien haben bewiesen, dass vierundneunzig Prozent aller Collegeprofessoren denken, sie würden mehr arbeiten als die anderen.

 

Neulich hat man uns einen Leitfaden gegeben. Tipps für den Umgang mit Problemkunden. Professoren waren darin nicht erwähnt. Hier die folgenden Kategorien:

 

Übel riechend

Summt

Lacht

Verstörend

Waschzwang

Streitsüchtig

Schwätzt

Einsam

Hustend

 

Aber wie soll ich den älteren Herrn einordnen, der mich dauernd nach dem Passwort für seinen E-Mail-Account fragt? Ich versuche ihm zu erklären, dass ich es nicht kennen kann, dass nur er es kennt, aber er schüttelt einfach den Kopf auf die empörte Art, die besagt: Was ist das für eine Auskunft?

· · ·

Es gibt ein Plakat von Sylvia an der Bushaltestelle. Da steht, dass sie kommt und auf dem Campus einen Vortrag hält. Vor Jahren gehörte ich zu ihren Promovenden, aber dann habe ich’s hingeschmissen. Ab und zu erkundigte sie sich, ob ich noch immer nichts aus mir machen wolle. Die Antwort war immer Ja. Am Ende hat sie ihre Beziehungen spielen lassen und mir diesen Job besorgt, obwohl ich gar keine richtige Bibliothekarin bin.

 

Auf dem Nachhauseweg höre ich mir ihren neuen Podcast an. Diese Folge heißt »Das Zentrum kann nicht standhalten«. So könnten sie alle heißen. Aber Sylvias Stimme ist das leicht gesteigerte Entsetzen fast wert. Sie klingt tröstlich, obwohl sie nur von den unsichtbaren apokalyptischen Reitern spricht, die auf uns zupreschen.

 

Es gibt wiedererkennbare Muster von Aufstieg und Niedergang. Aber unsere industrielle Zivilisation ist so gewaltig, so weitreichend …

 

Ich sehe aus dem Fenster. Irgendwas in der Ferne humpelt zu den Bäumen.

· · ·

Die Tür wird geöffnet, und Eli wirft sich mir entgegen. Ich helfe ihm, Klebstoff von den Händen zu entfernen, und er setzt sich wieder an sein Spiel. Ein Spiel, das alle mögen. Laut meinem Mann ist es eine prozessual generierte Welt. Ein Lernspiel.

 

Es macht Spaß, ihnen beim Spielen zuzusehen. Sie fügen Gebäude Klötzchen für Klötzchen zusammen und füllen dann die Räume mit Mineralien, die sie mit selbst gebauten Spitzhacken ausgegraben haben. Sie sammeln grüne Felder und züchten Hühner, die gegessen werden sollen. »Ich habe eines getötet!«, ruft Eli. »Es ist schon ganz schön spät«, sagt Ben zu ihm.

 

Es kommen Rechnungen und Supermarkt-Werbung. Und eine Zeitschrift für einen ehemaligen Mieter. Auf der Titelseite wird Hilfe für Depressive versprochen.

 

Was man sagen SOLL:

 

Es tut mir leid, dass es Ihnen so schlecht geht. Ich werde Sie nicht im Stich lassen. Ich werde mich um mich selbst kümmern, also müssen Sie sich keine Sorgen machen, dass Ihr Schmerz mir schaden könnte.

 

Was man NICHT sagen soll:

 

Haben Sie es mit Kamillentee probiert?

· · ·

Ich lasse ausnahmsweise meinen Bruder den Film aussuchen, aber der Film ist so blöd, dass ich es kaum ertragen kann, ihn anzusehen. In den Filmen, die ihm gefallen, droht immer eine große Katastrophe, und es gibt nur die eine unwahrscheinliche Person, die sie verhindern kann.

 

Danach gehen wir im Park spazieren. Möglicherweise habe er jemanden kennengelernt. Aber er glaube nicht, dass es funktionieren wird. Sie unterscheide sich zu sehr von ihm. Es dauert eine Weile, bis mir klar wird, dass sie sich noch gar nicht verabredet haben. »Du willst dich nicht mit jemandem verabreden, der dir ähnlich ist, nicht wahr?«, frage ich ihn. Henry muss lachen. »Du lieber Himmel, nein.«

 

In dem ersten Kurs, den ich bei Sylvia belegt hatte, erzählte sie uns von assortativer Paarung. Was bedeutet: gleich und gleich – Depressive mit Depressiven. Das Problem dabei, sagte sie, sei, dass es einem völlig vernünftig vorkommt, wenn man es tut. Als würde ein Schlüssel in ein Schloss passen und die Tür öffnen. Die Frage sei aber: Ist das wirklich das Zimmer, in dem man sein Leben verbringen will?

 

Also erzähle ich meinem Bruder, dass Ben und mir nie dieselben Dinge auffallen. Wie zum Beispiel, als ich nach Hause kam und er völlig aus dem Häuschen war, weil sie es endlich abgebaut hatten. Was abgebaut?, habe ich gefragt. Und er musste mir erklären, dass das Gerüst, mit dem die Front unseres Hauses seit drei Jahren eingerüstet war, endlich weg war. Und letzte Woche, als ich ihm eine Geschichte über den Burschen aus 5 C erzählte, sagte er: Wie, welcher Drogendealer?

· · ·

Als ich nach Hause komme, will die Hündin einen Eiswürfel. Ich gebe ihr einen, aber sie wirft weiter ihren Futternapf in der Küche herum. »Wie war dein Tag?«, frage ich Ben. Er zuckt die Schultern. »Hab hauptsächlich programmiert und etwas Wäsche gewaschen.«

 

Auf dem Tisch liegt ein beachtlicher Stapel gefalteter Kleidung. Ich finde mein Lieblings-T-Shirt und meine am wenigsten deprimierende Unterwäsche. Ich gehe ins Schlafzimmer und ziehe beides an. Jetzt bin ich ein nagelneuer Mensch.

 

Am dritten Tag ihrer Ehe schrieb Königin Victoria: Mein liebster Albert zieht mir die Strümpfe an. Und ich sah ihm beim Rasieren zu, eine große Freude …

 

Meine Mutter ruft an und erzählt mir von dem Licht, den Reben, dem lebendigen Brot.

· · ·

Sieben Uhr morgens, und Eli spielt Fangen. Ich nehme den Glibberfrosch weg und lege ihn auf den Kühlschrank. »Wir müssen gehen! Hol deinen Rucksack!«, sage ich zu ihm. Der Hund beobachtet mich misstrauisch, den Kopf auf den Pfoten. Ich fahre grob mit der Bürste durch Elis Haare. Er zuckt zurück und rennt weg. »Wir müssen gehen! Zieh deine Schuhe an!«, schreie ich. Dann sind wir endlich zur Tür raus.

 

Mrs Kovinski will mir etwas über die Aufzüge sagen, aber wir rennen an ihr vorbei. Zehn Block. Ich gehe zu schnell, ziehe Eli hinter mir her. Alles falsch gemacht, ich weiß, ich weiß, aber wenn er zu spät kommt, muss ich im Büro ewig anstehen.

 

Ein letzter Sprint über den Spielplatz, und wir schaffen es gerade noch rechtzeitig. Ich bin atemlos, verschwitzt, traurig. Ich küsse Eli auf den Kopf, um das Rennen gutzumachen. Warum habe ich nicht mehr Kinder bekommen, um mehr Gelegenheiten zu haben?

 

Die anderen Mütter sind klug genug, nicht nur ein Kind zu haben. Ein Grüppchen von ihnen steht drüben am Zaun. Sie sprechen Urdu, glaube ich. Eine lächelt mir zu, und ich winke.

 

Wie sehe ich für sie aus?, das frage ich mich, mit meiner trübseligen Kleidung und meiner exzentrischen Brille. Letzte Woche hat sie ein Stück Seidenstoff für die Schultombola gespendet; roter Stoff, mit Goldfäden bestickt. Eli will ihn gewinnen und sich einen Umhang daraus machen lassen. Ich weiß, wie man ihren Namen schreibt, aber ich kann ihn nicht aussprechen.

· · ·

Diese Frau ist eine Seelenklempnerin. Und eine Buddhistin. Sie probiert beides an mir aus, wie ich festgestellt habe. »Sie identifizieren sich nach unten, nicht nach oben. Warum, glauben Sie, ist das wohl so?«

 

Sagen Sie es mir, Madame.

 

Donnerstags gibt sie im Souterrain einen Meditationskurs. Jeder kann mitmachen, nicht nur Universitätsangehörige. Mir ist aufgefallen, dass Margot anders zuhört als ich. Sie ist aufmerksam, behält aber ihre eigenen Geschichten für sich.

 

Heute geht es zäh an, und ich helfe ihr, alles für die Klasse vorzubereiten. Kissen für die Kräftigen, Stühle für die Schwachen. »Du solltest bleiben«, sagt sie immer zu mir, aber ich bleibe nie. Weiß nicht, wo ich mich hinsetzen soll.

· · ·

Hier die Mitternachtsfrage für meinen Mann: Was stimmt nicht mit meinem Knie? »Ich höre das leise Knacken, wenn ich gehe. Und wenn ich die Treppe nehme, tut es manchmal weh.« Er isst einen Löffel Erdnussbutter. Er legt ihn in das Spülbecken und kniet sich dann hin, um mich zu untersuchen. »Tut das weh?«, fragt er, als er leicht auf die Haut drückt. »Oder das? Oder das?« Ich wackle mit der Hand, um anzudeuten, dass es vielleicht wehtut, vielleicht ein bisschen. Er steht auf und gibt mir einen Kuss. »Kniekrebs?«, sagt er.

 

Ein Vorteil an Schlaftablettensucht ist, dass sie nicht als Sucht bezeichnet wird, sondern als Gewohnheit.

· · ·

Merkwürdig, wie Leute einen heutzutage über alles belehren. Die hier auf der Treppe vor der Bibliothek regt sich über mein Schinkensandwich auf. »Schweine sind gelehriger als Hunde! Kühe können zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden!« Und wer will das von Ihnen wissen?, denke ich, aber ich gehe an ihr vorbei und esse das Sandwich an meinem Schreibtisch.

 

Aber der Mann in dem abgetragenen Anzug erzählt mir Dinge, die mich interessieren. Er arbeitet im Hospiz. Er hat gesagt, wenn ein geliebter Mensch stirbt, muss man unbedingt versuchen, drei Tage lang allein im Haus zu bleiben. Dann können die Manifestationen sich bemerkbar machen. Seine Frau manifestierte sich als kleiner Wirbelwind, der die Papiere von seinem Schreibtisch blies. Wunderbar, wunderbar, sagte er.