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Der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King, die Science Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin, der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis und der Rock- und Folkmusiker Tom Morello ("Rage Against the Machine") – sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind Trekkies. Gene Roddenberrys in den Weltraum verlegte Western-Serie mit allen seinen Nachfolgern formuliert nicht nur eine Utopie – überraschenderweise eine Seltenheit im Science Fiction! –, sondern war eine ganz reale Intervention in die Medienwelten der 1960er und dann der 1980er/1990er-Jahre. Bis heute haben die Fernsehserien und bisher 13 Kinofilme Generationen von Trekkies politisch inspiriert. Die Beschäftigung mit der Geschichte von Star Trek und seinen Wirkungen ist daher auch eine Alltagsgeschichte der Linken seit den späten 1960erJahren. Torsten Bewernitz diskutiert im vorliegenden Band Geschlechter- und Klassenverhältnisse, Kriege, Krisen und Pandemien, Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsvisionen, die auch heute noch diskussionswürdig sind. Im Sinne einer »Archäologie der Zukunft« (Ursula K. Le Guin) schürft Torsten Bewernitz in den zukünftigen Geschichten um das Raumschiff Enterprise nach Erkenntnissen für die Gegenwart.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2025
Torsten Bewernitz
What would Picard do?
Star Trek als Social Fiction
mit Gastbeiträgen von Ursula K. Le Guin, Yanis Varoufakis und Jens Kastner Illustrationen von Findus
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Torsten Bewernitz:
What would Picard do?
1. Auflage, März 2025
eBook UNRAST Verlag, September 2025
ISBN 978-3-95405-227-1
© UNRAST Verlag, Münster 2025
Fuggerstraße 13 a, 48165 Münster
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Umschlag: Findus
Satz: UNRAST Verlag, Münster
Anstatt eines Vorworts: Meine Verabredung mit der Enterprise
Einleitung: »We sure ain’t talking Doctor Spock«
Auftakt: Die All-Gegenwart der Pandemie
Eine Archäologie der Zukunft: Utopie und Dystopie
Jetzt ist er endlich vorbei (der Kapitalismus): Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus
Fragen eines fernsehenden Arbeiters: Klassenverhältnisse
Elons Maske: Wann wird das Künstliche intelligent?
Krieg der Welten: Militarismus und Pazifismus
Trek Lives Matter: Antirassismus
Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination: Gender Trouble in Outer Space
Es stimmt was nicht mit der Utopie: Erinnerungspolitik
Anhang:
Star Trek gegen Imperialismus
Der Uhura-Komplex. Vom Ende eines Modells
Literatur
Anmerkungen
In the 24th century
Everything is peachy keen
Everybody has enough
The replicators replicate all kinds of cool stuff
You can wander all across the universe
No quadrant is too far off to traverse
Exploration is humanity’s highest goal
They’ve discovered all kinds of planets, they’re really on a roll
How can we get there from here?
We’ve lost our way, I fear
Oh captain, won’t you show us where to go?
Make it so, make it so, oh, make it so
In the 24th century
Men and women live in harmony
There’s peace and justice within the human race
All shapes and colors floating happily through space
People run around in trios and in pairs
Occupy their time with wild love affairs
Ancient history recalls the world wars
When the rich were rich and the poor were poor
Gotta sprout wings over this brink
Will we rise or will we sink?
Captain, won’t you show us where to go?
Make it so, make it so, oh, make it so
In the 24th century
Even the air is clean
On the earth sparklin’ waters run
All the little kids are having lots of fun
Petrochemicals are a relic of the past
All the little hovercrafts are built to last
There’s not a smokestack in the sky
Just little birdies flyin’ happy and high
I’m trying to predict through the haze
Yeah I’m waitin’ for those good old days
Captain, won’t you tell us where to go?
Make it so, make it so, oh, make it so
(David Rovics, »Make it so«, 1996)
Dieses Buch enthält eine kurze Literaturliste, die sich allerdings auf empfehlenswerte (nur teilweise verwendete) Literatur zum Thema Star Trek beschränkt und die für das Verständnis notwendigen Texte Ursula K. Le Guins enthält. Ich habe mich bemüht, zugunsten von Lesbarkeit ansonsten mit nur wenig Sekundärliteratur zu arbeiten, denn im Wesentlichen soll dieses Buch Vergnügen bereiten und nicht im engeren Sinne eine wissenschaftliche Abhandlung sein. Sekundärliteratur ohne engeren Bezug zu Star Trek ist in den jeweiligen Fußnoten angegeben, ebenso Einzelbeiträge in Sammelbänden.
Die erste und wesentliche Quelle sind allerdings die Serien, Folgen und Filme aus dem Star Trek-Universum, in wenigen Ausnahmen auch Romane, die nicht zum »Kanon« des Star Trek-Universums zählen. Film- und Serienzitate sind jeweils in Klammern angegeben. Die Abkürzungen lösen sich wie folgt auf:
TOS:
The Original Series
(dt. Fernsehen: Raumschiff Enterprise)
TAS:
The Animated Series
TNG:
The Next Generation
(dt. Fernsehen:
Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert
)
DS9:
Deep Space Nine
VOY:
Raumschiff Voyager
ENT:
Enterprise
DSC:
Discovery
LD:
Lower Decks
PIC:
Picard
SNW:
Strange New Worlds
ORV:
The Orville
(es handelt sich hier nicht um eine
Star Trek
-Serie, aus Gründen werden wir uns dennoch damit beschäftigen
[1]
)
Die Doppelziffer hinter dem S gibt die jeweilige Staffel der Serie an, die Doppelziffer hinter dem E die jeweilige Serienepisode. In der Regel wird der deutsche Titel der jeweiligen Episode genannt. Die Kinofilme werden mit römischer Bezifferung und ihrem jeweiligen Titel angegeben.
Seit Jahren habe ich an zwei Abenden pro Woche eine Verabredung mit der Crew der Enterprise. Ich kann kaum mehr glauben, dass ich die Serie zuerst nicht mochte. Ich sagte Sachen wie: »Wie kann Q so blöd sein, wenn er doch alles weiß? Und wie kann Wesley [Crusher] mit seinen 15 Jahren alles wissen?« Aber dann habe ich eine Wiederholung von »Datas Nachkomme« [TNG S03E16] gesehen, in der Data eine Tochter konstruiert, und ich hing am Haken. Es war faszinierend, Brent Spiner [dem Darsteller Datas] dabei zuzusehen, wie er die physischen und psychologischen Subtilitäten einer Rolle entwickelte, die auch nur ein weiterer unbeholfener Androide hätte gewesen sein können. Die Besetzung der Serie war von Anfang an großartig. Gates McFadden, Marina Sirtis und Majel Barrett brachten Tiefe und Komplexität in die konventionell weiblichen Rollen von Dr. Crusher, Counselor Troi und Lwaxana Troi.[2] Viele von uns hätten sich gewünscht, dass Tasha Yar (Denise Crosby) und Fähnrich Ro (Michelle Forbes) an Bord geblieben wären, um für Abwechslung zu sorgen, aber wenigstens haben wir Whoopi Goldberg [als Barkeeperin Guinan], die diese tollen Hüte trägt. Die männlichen Hauptdarsteller, jeder für sich genommen beeindruckend, waren ebenfalls großartige Teamplayer, deren Charaktere sich im Verhältnis zueinander veränderten und vertieften. Worf (Michael Dorn) war meine erste Liebe. Diese Stimme, eine 6,5 auf der Richterskala, diese Stirnwulste, diese dunklen, besorgten Augen, diese ethischen Probleme!
Die Einblicke in die dynastischen Kämpfe der Klingon*innen glichen Shakespeares Stücken über die Könige von England, voller Streitigkeiten, Verrat und einer Verwandtschaft, die sich gegenseitig an die Gurgel geht – genau wie auf einem Familienweihnachtsfest. Ich liebe dieses Zeug. Worf, gefangen zwischen zwei Welten, war eine starke Figur – und eine tragische. Ich war sicher, in ihn verliebt zu sein, bis ich die Folge sah, in der Captain Picard (Patrick Stewart) in 25 Minuten ein ganzes Leben lebt [TNG S05E25, »Das zweite Leben«], und dann die Folge, in der er seine Heimat und seinen Bruder in Frankreich besucht [TNG S04E02, »Familienbegegnung«]. So ein starker, sensibler, intelligenter Mann, so klein, so kahl, so schön – nun, ich bin also wohl eine Bigamistin. Meine Lieblingsfolge ist vielleicht die, in der Picard allein mit Captain Dathon (Paul Winfield) ist, einem Außerirdischen, dessen Sprache nur aus Mythen und Metaphern besteht [TNG S05E02, »Darmok«]. Eine wunderschöne Idee, und die Art und Weise, wie die Seele des Außerirdischen durch sein hässliches, schweinisches, schnauzbärtiges Gesicht hindurchschimmerte, war magisch. In The Next Generation gab es nie ein simples Konzept von Wir/die Schönen/die wahrhaft Menschlichen gegen Sie/die Hässlichen/die Schurken. Natürlich gibt es da draußen Schurken. Als sich die Klingon*innen in wahrhaft Menschliche verwandelten, warteten die Romulaner*innen und Cardassianer*innen – aber auch sie verwandelten sich immer wieder in wahrhaft Menschliche. Die Borg waren eine großartige Verkörperung des Bösen – das mechanisch Böse, die Abwesenheit alles Seelischen. Daher die Kraft der Episode[n], in der Picard, die Seele der Enterprise, zu einem Borg wurde [TNG S03E26, »In den Händen der Borg sowie S04E01, »Angriffsziel Erde«]: Alle, selbst die Besten, können ihre Seelen verlieren. Das ist eine wirklich beängstigende Vorstellung und gleichzeitig ein ausgereiftes Konzept.
Gewalt ist in The Next Generation stets als Problem dargestellt oder als Scheitern bei der Lösung eines Problems, niemals ist sie die wahre Lösung. Das ist ganz bestimmt einer der Gründe, warum die Serie bei erwachsenen Frauen und Männern so beliebt ist. Auch viele junge Leute schauen die Serie, selbstverständlich, und kürzlich erzählte mir eine von ihnen auf einer Konferenz über Science-Fiction, warum: »Eine Menge Science-Fiction zeigt uns eine Zukunft, die genauso aussieht wie jetzt, nur schlimmer«, sagte sie. »Ich mag The Next Generation, weil es uns eine Zukunft zeigt, in der ich leben möchte.«
Was mir selbst am besten gefällt, ist die Art und Weise, wie diese Serie Sichtweisen und Visionen verändert. Das beste Beispiel für diese Magie ist Geordis Visor. Zuerst sah ich Geordi [La Forge] (LeVar Burton) als einen Blinden mit einer Prothese. Ich weiß nicht, wann die Transformation stattfand – wann es begann, dass ich mich unwohl fühlte, wenn ich ihn sah und er seinen Visor abnahm. Ich fühlte dieses Unbehagen sogar in einer Traumsequenz, in der seine Augen völlig normal waren. Wen interessiert schon ›normal‹, wenn man sich für Geordi interessiert?
Das ist es, was Science-Fiction am besten kann. Sie verändert unsere Idee, uns selbst und wie wir uns sehen. Sie stärkt unser Gefühl der Zusammengehörigkeit. Und das war Gene Roddenberrys Vermächtnis an ein großartiges Autor*innen- und Produktionsteam.
Furchtlos und innovativ wie er war, hörte Gene nie auf zu lernen. Ihm war die Überzeugungskraft des Fernsehens bewusst und er wollte diese Macht positiv nutzen. Auf der Enterprise sehen wir jeweils die Unterschiede zwischen verschiedenen menschlichen Ethnien und verschiedenen außerirdischen Spezies, zwischen den Geschlechtern, Behinderungen, offensichtlichen Missbildungen, die schlicht allesamt als verschiedene Arten des Menschlich-Seins akzeptiert werden. In diesem Punkt ist The Next Generation seinen Vorgänger*innen, seinen Nachahmer*innen und praktisch allem anderen im Fernsehen um Lichtjahre voraus gewesen. Die fortwährende Mission des Raumschiffs Enterprise bestand darin, uns aus dem Smog von Angst und Hass in den offenen (Welt-)Raum zu führen, in dem Unterschiede eine Chance sind und Gerechtigkeit von Gewicht ist, und in dem man noch die Sterne sehen kann.[3]
Lemmy Kilmister hat mit dem Zitat,[4] das ich als Überschrift dieser Einleitung gewählt habe, recht und unrecht gleichermaßen. Zuerst einmal zeigt er, dass er nicht so viel Ahnung von Star Trek hat, denn eigentlich ist nie von Dr. Spock die Rede, sondern der Vulkanier wird in der Regel als Mr. Spock angesprochen. Erklärt wird das damit, dass Spocks vulkanischer Vorname für Menschen unaussprechlich sei – was etwas seltsam anmutet, sind doch seine leibliche Mutter, seine Stiefmutter und, wie wir erst seit 2017 aus Discovery wissen, auch seine Adoptivschwester Erdenmenschen. Außerdem wissen wir von Bela B. (Die Ärzte, »Der lustige Astronaut«, 1984), dass Mr. Spock mit Vornamen Karl-Heinz heißt.
Man könnte andererseits vermuten, dass Lemmy Kilmister vielleicht sogar ein besonderer Crack in Sachen Star Trek war (nein, war er nicht): Denn möglicherweise wusste Mr. Kilmister von Mr. Spocks doch recht wahrscheinlicher Promovierung, die allerdings bislang niemals benannt wurde. Damit wäre Spock im Star Trek-Universum alles andere als allein: James Tiberius Kirk, der Captain, unter dem Mr. Spock dient, ist promovierter Historiker. Sein Nachfolger ein Jahrhundert später, Jean-Luc Picard, ist promovierter Archäologe. Der Akademiker*innen-Überhang in der Sternenflotte wird uns noch beschäftigen.
Wir sprechen hier allerdings nicht mit Mr. oder Dr. Spock – das steht über dieser Einleitung, weil dieses Buch den Namen Jean-Luc Picards im Titel trägt und nicht etwa Spocks. Dabei steht letzterer für vieles, das sehr repräsentativ für Star Trek war und ist: Als Sohn eines vulkanischen Vaters und einer terranischen Mutter steht er einerseits für intergalaktische Völkerverständigung und gleichermaßen für die Ausgeglichenheit zwischen Emotionalität und Rationalität. Letzteres mag den einen oder die andere auf den ersten Blick irritieren: Ist das ›Spitzohr‹ nicht immer überlogisch und provoziert damit den hochemotionalen Schiffsarzt Leonard McCoy (Pille, respektive im US-amerikanischen Original Bones)? Wir haben schon ein erstes Indiz, dass hier etwas nicht stimmen kann: Wenn man so rational ist, warum dann jemanden provozieren? Wer ein wenig in formaler Logik geschult ist, findet auch schnell raus, dass McCoys Argumente ebenso logisch – manchmal sogar logischer– sind als Spocks. Es ist der Spaß am Disput, am freundschaftlichen Necken, der Mr. Spock hier antreibt, es ist ein intellektuelles Spiel. Die ikonografisch hochgezogene Augenbraue Spocks interpretiert Klaus Vieweg als vulkanisches Lachen (Vieweg/Vieweg 2016).
Trotz seines interkulturellen Backgrounds steht Spock aber in Star Trek auch für eine vulkanische Philosophie und Ethik, die sich bei genauerer Betrachtung als die Ethik von Star Trek herausstellt: Dazu gehört ein Bekenntnis zur Vielfalt (das vulkanische UMUK-Prinzip – Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination – das zuerst in TOS S03E07, »Die fremde Materie«, erwähnt wird) als auch eine ausgewogene, in Star Trek immer wieder auftauchende Positionierung des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv – wobei hier eben letztlich die Emotion die Rationalität schlägt. Die Schlüsselszene ist jene, als Spock sich in Star Trek II – Der Zorn des Khan für die Mannschaft aufopfert mit dem utilitaristischen Argument: »Das Wohl Vieler wiegt schwerer als das Wohl von Wenigen oder eines Einzelnen.« Star Trek steht aber nicht für einen solchen Utilitarismus, sondern stellt immer wieder diese spezifische Logik infrage, in diesem Fall in persona James Tiberius Kirk im Nachfolgefilm Star Trek III – Auf der Suche nach Mr. Spock: »Weil das Wohl von Einem genauso viel wiegt wie das Wohl von Vielen.« Spock opfert sich zwar für das »Wohl Vieler« auf, er ist jedoch nicht der Typus Logiker, der das zu einer allgemeinen Lebensregel erheben würde – er würde ähnliches nicht von seinen Freund*innen verlangen. Und letztlich ist die vermeintlich utilitaristische Logik auch nur eine Ausrede für Spocks emotionale Motivation: Er opfert sich nicht dem Wohl von anonymen Vielen, sondern dem Überleben seiner Freund*innen.
Spock ist darüber hinaus der über nahezu alle Serien präsenteste Charakter in Star Trek: Er ist bereits in der unausgestrahlten ersten Folge »Der Käfig« (TOS S00E01) Wissenschaftsoffizier von Captain Christopher Pike, dann erster Offizier unter Captain James Tiberius Kirk in The Original Series, in The Next Generation erst Untergrundkämpfer, dann Botschafter auf Vulkans verfeindetem Schwesterplaneten Romulus und erscheint schließlich in Discovery wieder als Adoptivbruder der Hauptperson Michael Burnham und natürlich erneut als Pikes Wissenschaftsoffizier auf der guten alten NCC 1701 in Strange New Worlds. Es spräche also Vieles dafür, mit Spock zu sprechen.
Und doch ist es hier der Captain der Enterprise NCC 1701-D geworden, Jean-Luc Picard, denn dieser kann »als Personifizierung der Gültigkeit dieser Werte gelten« (Ruoff 2000, S. 248). Das ist, ganz klar, in erster Linie eine Generationenfrage. Klaus Vieweg hat sich in seinem Buch zur Philosophie in Star Trek ausschließlich auf The Original Series bezogen und hält diese auch für die philosophische ertragsreichste Serie (Vieweg/Vieweg 2016). Ebenso werden die Serien Enterprise, Discovery, Picard, Lower Decks (für TNG-Sozialisierte allerdings die schönste der neuen Serien) und Strange New Worlds nur wenig Erwähnung finden – man kommt ja ehrlich gesagt auch gar nicht mehr hinterher bei dem Tempo, in dem neue Serien veröffentlicht werden.
Für uns, die Generation X, war The Next Generation prägend, aber offenbar auch noch für die spätere Generation Y: Laura Meschede hat etwa in Die Zeit erklärt, wie Star Trek sie zur Kommunistin gemacht hat. Erst in The Next Generation erklärt Picard, dass es in der Föderation kein Geld mehr gibt. Star Trek hat mich auch zum Antimilitaristen gemacht, aber nicht durch den Inhalt: Als an unserer Schule in den frühen 1990er-Jahren einmal wöchentlich Nachmittagsunterricht eingeführt wurde (zur Kompensierung des abgeschafften Samstags-Unterrichts), hat die Bundeswehr es nicht geschafft, den Beschuss ihres Übungsgeländes auf dem Schulweg mit den neuen Schulzeiten zu koordinieren. Man verpasste deswegen manchmal um 16 Uhr The Next Generation, weil die Bundeswehr einen nicht durchfahren ließ. »Ey, Soldaten, hört auf rumzuballern, wir verpassen Star Trek!«, brüllten wir aus dem Auto (auch das Busunternehmen hatte das mit dem Nachmittagsunterricht nicht auf die Kette bekommen). Auch das begründet meine Abneigung gegen Olivgrün und Tarnfarben, auch wenn ich in meiner Verweigerung des Kriegsdienstes an der Waffe etwas ganz anderes behauptet habe.
Den Ärger über die Bundeswehr, die den Konsum der Lieblingsserie verhinderte, teilten einige. Verabredungen am Telefon wurden passgenau in die Werbepausen von The Next Generation gelegt: Man wusste genau, wann jemand anrief und ebenso genau, wann man auflegen musste.
Diese nerdige Leidenschaft teilten auch später im Studium nicht wenige. Ja, man darf behaupten, dass die Ethik, die The Next Generation präsentierte, ein Band war, das große Teile des linken Milieus in Münster (und wohl auch woanders …) zusammenhielt. Es gab eine kurzlebige Quark’s Bar in Münster (schloss wohl wegen Copyright-Problemen). Es gab Seminare zu Star Trek in Soziologie, Literaturwissenschaften, Philosophie und natürlich in Kulturwissenschaften. Wohl wissend aber, dass man von einer Folge The Next Generation mindestens ebenso viel lernt wie in einem akademischen Seminar, wurden diese auch durchaus verpasst, weil man gerade The Next Generation schauen musste.[5]
Das Duo, das in The Original Series Kirk und Spock darstellen (was so nicht stimmt, erst als Trio mit Dr. Leonard McCoy macht die Figurenkombination Sinn), wird in The Next Generation vom ersten Offizier William Thomas Riker (darum trägt er das T. im zweiten Vornamen, eine Reminiszenz an ›Tiberius‹) und dem Androiden Data verkörpert, der keinerlei Emotionen fähig ist. Etwas Spock – im Sinne des integrierten Außerirdischen – ist zudem der Klingone Mr. Worf, der eben deswegen auch immer als Mr. angesprochen wird und wie Spock eine irdisch-außerirdische Sozialisation hat. Die Figur des Captains ist neu – es ist (zumindest vordergründig) nicht mehr der draufgängerische Captain mit zerrissenem Shirt (aber schaut noch mal Star Trek VIII – Der erste Kontakt!), sondern der distinguierte, Tee (»Earl Grey, heiß«) trinkende Captain, geschult in Diplomatie, der ethische und menschliche Erfahrung besitzt und teilt, nichtsdestotrotz aber nicht sinnlos befiehlt, sondern seine Brückencrew zum Plenum einberuft und demokratisch diskutiert. Als ich mit etwa 16 Jahren einsah, dass es mir mit meinen Geheimratsecken nicht mehr gelingen würde, irgendwann wie Robin of Sherwood in seiner 1984er-Inkarnation auszusehen, entschloss ich mich, mich frisurentechnisch an Jean-Luc Picard zu orientieren.[6] Spock mag als philosophische Inspiration mehr taugen, aber um in moralischen Dilemmata weiterzukommen, erscheint mir die Leitfrage »What would Picard do?« allemal adäquater – weil Jean-Luc Picard mehr als alle anderen Star Trek-Figuren etwas repräsentiert, was nichtsdestotrotz für Spock, Kirk, McCoy, Sisko, Janeway und viele andere ebenso gilt: Er ist in erster Linie (und das hat er durchaus mit seinem Darsteller Patrick Stewart gemein) Radikalhumanist (Rauscher 2003, S. 174).
Wobei die moralische Integrität von The Next Generation
