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Als eine der vielen Ingenieurinnen, die Beta, die Stadt unter dem Meer, am Laufen halten, möchte Mira nur zwei Dinge: dass ihre Familie stolz auf sie ist und sich selbst beweisen. Doch dann, bei einem Soloauftrag in einem verlassenen Teil der Stadt, begegnet sie einem Monster – ein Undine. Ein gefährlicher Meermann aus einer längst vergessenen Zivilisation. Arges hat sein ganzes Leben lang für sein Volk gekämpft und plant, Beta ein für alle Mal auszulöschen, um seine Art zu schützen. Doch als eine menschliche Frau ihn rettet, schafft sie unwissentlich eine Verbindung zwischen ihnen, die er nicht ignorieren kann. Also entführt er sie. Hält sie gefangen. Versorgt sie. Nur um zu erkennen, dass ihre Verbindung weit über die zwischen Gefangene und Entführer hinausgeht …
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Emma Hamm
Übersetzt von Lydia Borsboom
Whispers of the Deep
Copyright der deutschen Ausgabe. © 2026 VAJONA Verlag GmbH
Copyright © 2023 by Emma Hamm
Dieses Werk wurde vermittel durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, Landwehrstr. 17, 80336 München, Germany.
Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Alle Verweise auf historische Ereignisse, reale Personen oder reale Orte werden fiktiv verwendet. Andere Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind Produkte der Fantasie der Autorin, und jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig.
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel
» Whispers of the Deep«.
Druck und Verarbeitung:
FINIDR, s.r.o.
Lípová 1965
737 01 Český Těšín
Czech republic
Übersetzung: Lydia Borsboom
Korrektorat: Lisa Schönfeld
Umschlaggestaltung: Jaqueline Kropmanns – Design
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe
Es war an der Zeit, zu den Monstern zurückzukehren. Ich konnte es in jeder Faser meines Körpers spüren und jetzt...
Na ja. Jetzt lernst du Arges kennen.
»Geh weg vom Fenster, Fräulein!« Der Schrei hallte durch die Glaskuppel, und in jedem Wort schwang Wut mit.
Aber Mira war in den Wohnheimen der Ingenieurstudenten aufgewachsen. Sie kannte jeden Winkel, jeden Spalt und jedes Hindernis, das sich ihr in den Weg stellte. Das Glas würde nicht zerbrechen. Sie hatte es bereits getestet, lange bevor sie mit dem Schweißen des Metallrahmens begonnen hatte. Es war in Ordnung.
Sie nahm den Finger vom Auslöser des Schweißgeräts, riss ihre Schutzbrille hoch und starrte den Mann drei Meter unter ihr an. »Wirklich, Hermon? Glaubst du, ich habe nicht alles getestet, bevor ich mit dem Schweißen begonnen habe?«
»Die ganzen Funken haben mich glauben lassen, dass du es nicht getan hast.« Er deutete mit einem Finger auf die andere Seite des Glases. »Das sieht für mich wie ein Riss aus.«
»Weil es einer ist.« Sie löste ihren Griff um den Saugnapf vor ihr und baumelte in der Luft über ihm. Ihre Seile waren an der Decke des riesigen Raumes befestigt. Ein Raum, der derzeit wegen der vielen Lecks gesperrt war. »Aber dieses Glaspaneel ist nicht mit dem Rest des Paneels verbunden. Der Raum ist nicht durch einen Riss undicht, du alter Tölpel! Es leckt aus der rostigen Niete, die ich gerade entferne. Wenn du also nicht mit mir ertrinken willst, schlage ich vor, du gehst zurück in dein Büro und lässt mich arbeiten.« Er grummelte leise vor sich hin und sie hörte etwas von idiotischen Frauen, die glaubten, schweißen zu können. Mira wusste, wie man schweißte. Sie machte das schon ihr ganzes Leben lang. Es war der Beruf ihres Vaters gewesen, bevor er ertrunken war und ihr all seine Werkzeuge hinterlassen hatte.
Und sie war im Laufe der Jahre wirklich gut darin geworden.
Seufzend schüttelte sie den Kopf, setzte ihre Schutzbrille wieder auf und schwang sich erneut zu dem Saugnapfgriff hinüber. Doch bevor sie die Funken noch einmal fliegen ließ, starrte sie aus der Glaskuppel, die nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt war.
Der Ozean.
Er war erschreckend und schön zugleich.
Ihre Stadt war unter dem Meer gebaut worden. Tiefer als die anderen Städte, aber immer noch verbunden durch Tunnel und lange Schienensysteme, die es den Menschen ermöglichten, zwischen Städten hin- und herzureisen. Dies war nur eine der vielen Kuppeln, die derzeit wegen eines Wasserlecks nicht genutzt werden konnten. Aber sie war eine der Wenigen, die einen Blick in die gesperrten Räume werfen durften. Sie konnte erleben, wie es war, am Rande eines Abgrunds zu sitzen, der in der Dunkelheit verschwand.
Etwa dreißig Meter hinter dem Glas war der Rand. Dort draußen wuchsen noch Pflanzen, lange Seetangranken, die sich in der Strömung bewegten. Winzige Fischschwärme kamen in großen Gruppen zusammen, hielten inne, um sie anzuschauen, und zogen dann weiter. Das Wasser war kristallklar. Es kam ihr vor, als könnte sie meilenweit sehen, aber in Wirklichkeit konnte sie nur den Rest ihrer Stadt erblicken. In der Ferne leuchtete sie dank all der Lichter der hohen Türme schwach blau. Glas und Metall glitzerten.
Ihr Quadrant, der der Beta Corporation gehörte, war hauptsächlich industriell geprägt. Aber es gab auch Räume wie diesen, die der Unterhaltung dienten.
Mira würde die Schönheit dieses Raumes niemals aus ihrem Gedächtnis streichen können. Obwohl er zu ihren Lebzeiten nicht benutzt worden war, war er immer noch wunderschön. Gold-weiße Schachbrettböden, riesige Skulpturen von muskulösen Männern, die die Decke an allen vier Ecken hochhielten, und all das Glas. Es war ein Wunder, dass es nicht schon vor Jahren zerbrochen war.
Aber dieser Riss. Den würde sie lieber früher als später reparieren müssen. Als ihr Chef ihr gesagt hatte, sie solle die Leitung dieses Projekts übernehmen – offenbar wollte eine reiche Person in diesem Raum eine Party schmeißen und akzeptierte kein Nein als Antwort –, hatte sie fast den Verstand verloren. Natürlich würde sie einen Raum übernehmen, der seit Jahren verschlossen war. Natürlich würde sie ihr Leben riskieren und möglicherweise auf tragische Weise sterben, wenn sie dafür das hier zu sehen bekäme.
Diese Schönheit. Diese Magie, die seit Jahren niemand mehr gesehen hatte.
Sie testete das Schweißgerät in ihrer Hand und ließ die Flamme weiß glühend auflodern, bevor sie sich wieder an die Arbeit machte, um die Niete zu ersetzen. Es war ein kleines Leck, aber wirklich beängstigend, wenn es sich in einem Raum befand, der nicht oft benutzt wurde. Jemand würde die Türen schließen und dann in ein oder zwei Wochen knöcheltiefes Wasser vorfinden. Wenn man wie sie unter Wasser lebte, war das ein wirkliches Problem. Also sperrten sie den Zugang komplett ab, um den Rest der Stadt nicht zu gefährden. Jeder Raum hatte aus diesem Grund gummierte und wasserdichte Sturmtüren.
Vielleicht waren alle ein wenig zu »türfreudig«. Aber niemand wollte, dass die ganze Stadt geflutet wurde, und in letzter Zeit gab es eine Menge Probleme.
In einer benachbarten Stadt, Gamma, war genau das geschehen. Keiner hatte überlebt. Das war natürlich schon Jahre her. Ihr Vater hatte ihr Geschichten darüber erzählt, als sie klein war. Er hatte behauptet, die ganze Stadt wäre geflutet worden und alle Menschen wären gestorben. Und die Corporations hatten beschlossen, dass die Stadt zu groß war, um sie zu verlieren. Also hatten sie ein Team geschickt – ihn eingeschlossen – und sie hatten das Leck gefunden. Dann hatten sie das Wasser abgepumpt und zugesehen, wie die Leichen auf den Boden gesunken waren.
Die Geister und die immer gegenwärtige Angst abschüttelnd, versiegelte sie die Niete endgültig. Das geschmolzene Metall würde eine ganze Weile halten, aber irgendwann würde sie wahrscheinlich wieder an dieser Wand hängen und sie reparieren. Aber für den Moment war ihr Wasserproblem gelöst.
Sie schob ihre Brille wieder nach oben, löste ihren Gurt und ließ sich fallen. Es dauerte ein wenig, bis sie sich aus den Seilen befreit hatte, aber dann hatte sie den Raum für sich allein. Für ein paar Stunden würde sie niemand erwarten. Anstatt mit ihrem Bericht zu ihrem Chef zurückzukehren, zog sie einen Apfel aus ihrer metallenen Lunchbox und stellte sich vor die sechs Meter hohe Glaswand. In der Mitte mündete sie zu einer Kuppel, die so weit in die Höhe reichte, dass sie schätzte, es könnten zehn oder zwölf Meter sein.
Sie knabberte an ihrem Apfel und ging durch den Raum. Da war so viel Wasser außerhalb des Glases. So viel.
Sie erinnerte sich, dass ihr bei diesem Anblick ein wenig übel geworden war, als sie noch klein gewesen war. Manchmal war der Anblick der Weite des Ozeans einfach zu viel. Sie war in den Ingenieur-Quartieren aufgewachsen. Die hatten nicht so viel Glück wie andere Berufe. Die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie nur ein einziges Fenster in ihrem Zimmer gehabt und selbst das gab nur einen Blick auf eine Felswand frei. Ein winziges Bullauge, kaum größer als ihr Kopf, war etwas ganz anderes als das hier.
Ein Teil ihres Gehirns flüsterte ihr zu, dass dies gefährlich sei. So viel Glas konnte sicher nicht das gesamte Gewicht des Ozeans aushalten. Und es gab viel mehr Wasser als Land.
Trotzdem. Es war schön.
Ein bunter Fisch blitzte neben dem Fenster auf, und sie folgte seinem Weg. Er schien sie mit sich zu ziehen, seine silberne Seite flackerte jedes Mal auf, wenn er sich etwa einen Meter bewegte und dann auf sie wartete.
Konnten Fische mit Menschen spielen? Sie hatte das Gerücht gehört, dass die Leute im Alpha-Quadranten sie tatsächlich als Haustiere hielten. Sie bauten ein weiteres Glasgefäß, wie das, in dem sie lebten, und sahen dann den Fischen beim Schwimmen zu. Machte er das mit ihr? Vielleicht war sie für diese Fische das Haustier. Schnaubend biss Mira ein weiteres zu großes Stück von ihrem Apfel ab und hielt direkt vor der größten Glasscheibe inne. Das konnte nicht sein. Der Fisch spielte nicht mit ihr, genauso wenig wie die Leute in Alpha mit irgendwelchen Fischen in einem Becken spielten.
Ein Schatten zog über ihre Hand. Seltsam, denn seit sie mit dem Schweißen begonnen hatte, hatte sie keine großen Tiere gesehen. Ab und zu wurde sie mit dem Anblick eines riesigen Wals in der Ferne belohnt. Und manchmal lauschte sie nachts ihren eindringlichen Gesängen, wenn sie an der Stadt vorbeischwammen. Es war wunderschön, und aus irgendeinem Grund traten ihr dabei immer Tränen in die Augen.
Mit vollem Mund, immer noch kauend, schaute sie auf, um die Quelle des Schattens zu finden, und erstarrte.
Ein Ungeheuer schwebte vor dem Glas. Seine schwarze Schwanzflosse, die durch den Seetang strich, war mindestens drei Meter lang. Blaue Flossen, die so eine dunkle Farbe hatten, dass sie mit dem Wasser verschmolzen, schlängelten sich an den schwarzen Schuppen entlang. Sie reichten ihm bis zur Taille und gingen nahtlos in die blasse, fast graue Haut über. Sein Körper war so, wie es alle Gerüchte behaupteten. So gut aussehend, dass es schmerzte, ihn anzusehen, und auf unheimliche Weise den goldenen Skulpturen ähnelnd, die sie umgaben.
Die dunklen Klauen an seinen Händen waren schon einschüchternd genug, aber es waren seine schwarzen Augen, die sich anfühlten, als hätten sie irgendwie ihre Seele eingefangen. Komplett schwarz. Tiefschwarz und dunkel starrten sie durch sie hindurch, als wäre sie ein Nichts. Nur eine Made, die unter ihm zappelte. Langes dunkles Haar umspielte ihn, vielleicht bis zur Taille reichend, das von dicken Strängen durchzogen wurde, viel dicker als ihr eigenes Haar und fast wie Tentakel.
Und wenn die Gerüchte stimmten, steckten hinter seinem vornehmen Mund rasiermesserscharfe Zähne. Er riss seine Beute wie ein Hai, nur viel intelligenter. Und so viel gefährlicher.
Verdammt, sie sollte nicht allein hier sein. Die Undinen, wie ihr Volk sie nannte, kamen nur selten in die Städte. Und wenn sie es taten, dann nur aus einem beschissenen Grund. Sie waren dafür bekannt, Städte wie ihre eigene anzugreifen, und vielleicht steckten sie auch hinter dem Untergang von Gamma. Doch in ihrer Stadt waren sie nicht gesichtet worden. Niemand in Beta hatte eine Undine gesehen, und zwar seit ... Jahren.
Es sei denn, sie beobachteten ihre Leute. Es sei denn, sie benutzten Wege wie diesen, von denen sie wussten, dass niemand in dem Raum sein würde, wenn sie vorbeikamen.
Wie lange hatte er sie beobachtet? Hatte er sie arbeiten sehen?
Das Feuer hätte ihn verscheuchen müssen. Es erschreckte alles andere.
Warum war sie auf der Stelle erstarrt und starrte ihn verängstigt an, wenn sie doch eigentlich rennen sollte?
Ihr Blick fiel auf den Spalt im Glas und nach einer Sekunde erkannte sie, dass er in dieselbe Richtung schaute. Sie waren also intelligent. Er hatte ihre Körpersprache beobachtet, als wäre er damit vertraut, und als er den Riss sah, wurde sein Körper von einer Welle prickelnder Elektrizität durchströmt.
Er sah zu ihr hinunter und grinste. Diese scharfen, strahlenden Zähne waren eine eindeutige Drohung.
Es lag so viel Hass in diesem Blick. Mehr als sie je zuvor gesehen hatte.
Sie bewegten sich zur gleichen Zeit. Sie stürmte zur Tür und er schwamm zum Spalt. Sie hörte ihn. Seine gewaltige Körpermasse, als er gegen das Glas knallte und … und …
Es hielt.
Als sie die Tür erreichte, drehte sie sich um und sah ihn an. Eine dumme Neugier ließ sie zurückblicken. Die schwarze, wogende Schwanzflosse lag auf dem Glas und der Undine starrte auf sie herab. Er hob seine Krallen und kratzte damit über die Oberfläche, das Geräusch hallte ohrenbetäubend wider. Er knirschte mit den Zähnen, dann sah er auf und raste davon. Sie sah zu, wie er immer kleiner und kleiner wurde, doch dann drehte er sich um.
Oh. O nein.
Sie war wieder wie erstarrt, ihr Mund stand offen, als er durch das Wasser auf die Scheibe zuschoss, und eine wahnsinnige Sekunde lang dachte sie: »Er wird sich umbringen.«
Wenn er gegen das Glas prallte, würde ihn die Kraft seines Körpers mit Sicherheit zusammen mit dem Wasser in den Raum katapultieren. Was glaubte er, was dann passieren würde? Er würde auch in dieser Glaskuppel sein. Er würde hier drin festsitzen, wie die Fische, die die Leute in Alpha angeblich hielten.
Aber er hielt nicht an und sie war nicht dumm. Mira wirbelte herum und drückte den Knopf, um die Tür zu öffnen. Sie schlüpfte darunter hindurch, sobald sie genug Platz zum Kriechen hatte, und drückte den Knopf auf der gegenüberliegenden Seite mit einem Schlag, der ihr fast den Finger brach. Die Schutztüren begannen sich zu öffnen, und sie stieß wütend die Luft aus.
»Komm schon«, murmelte sie. »Komm schon.«
Ein Schlag.
Das Geräusch seines Körpers, der auf das Glas aufschlug, war ein unangenehmer Schlag, als wäre jemand aus zu großer Höhe heruntergesprungen. Es erschütterte den Raum wie ein Erdbeben. Alles um sie herum bebte, das Metallgerüst, das sie gerade befestigt hatte, ächzte unter dem Druck und dann das Rauschen des Wassers.
Flüssigkeit strömte aus dem Raum über ihre Füße und stoppte dann, als sich die Sprengtür endlich schloss. Das Gummi hielt. Das Metall war um einiges stärker als das dünne Glas. Es würde halten, selbst wenn der Undine auf dumme Gedanken käme.
Aber ein Teil von ihr, ein besorgter, ängstlicher Teil, öffnete die Klappe des kleinen Gucklochs an der Tür, das noch kleiner war als das Bullauge in ihrem Schlafzimmer. Ihre Hand zitterte, als sie es aufschob und in den nun überfluteten Raum blickte.
Luftblasen verdeckten den größten Teil ihrer Sicht, aber sie konnte ihre Lunchbox in der Ferne schwimmen sehen. Der Raum war mit Wasser gefüllt, aber es schwamm keine riesige Meereskreatur darin. Wie hatte er das nur geschafft? Sie war sich sicher gewesen, dass er so hart aufprallen würde, dass er nicht in der Lage sein würde …
Eine Hand schlug gegen das Guckloch. Schwarze Krallen hackten darauf ein und hinterließen tiefe Furchen. Und dann sah sie ihn. So nah, dass sie ihr eigenes Spiegelbild in diesen schwarzen Augen sehen konnte. Seine Schwanzflosse schlängelte sich hinter ihm wie ein großer Tentakel.
Aber oh, er war so schön. Diese harten Konturen seines Gesichts, fast menschlich, aber doch nicht ganz. Diese scharfen Zähne, die er in ihre Richtung fletschte, als wäre es ihre Schuld. Als ob sie das irgendwie verursacht hätte. Als sie in seine Augen starrte, fragte sie sich, warum so viel Hass darin lag.
Jeder, der jemals über Undinen geflüstert hatte, behauptete, sie seien gefühllose Monster. Aber dieser hier war es nicht. Hass wie dieser brannte jahrelang in einer Person, bevor er jemals so heiß wurde. Er wollte sie umbringen, und es war ihm egal, ob sie jemand vermissen würde. All das konnte sie in seinem zornigen Blick sehen.
Also fletschte sie ebenfalls die Zähne und ahmte seinen Gesichtsausdruck so gut sie konnte nach. »Sorry, du hübscher Mistkerl. Mehr Glück beim nächsten Mal.«
Er gab eine Art Geräusch von sich, das dem eines Wals unheimlich ähnlich war, und schoss dann von ihr weg. Er schwamm mit so viel Anmut durch das Wasser auf die Mitte des Raumes zu. Und dann sah sie, wie er zu dem zerschmetterten Glas aufschaute, das er fast in Stücke gesprengt hatte. Mit einem letzten Blick zu ihr schwamm er durch den Riss zurück nach draußen.
Die Scherben rissen an seiner Schwanzflosse, als er sich hindurchdrängte, und zwangen ihn, für einige Augenblicke langsamer zu werden, sodass sie einen Blick auf das Ende seiner Schwanzflosse werfen konnte. Sie war so atemberaubend, dass es gar nicht so wirkte, als gehörte sie zu seinem Körper. Die Flosse war zart und fein und wurde von blauen Adern durchzogen. Und dann bemerkte sie, dass das Blau pulsierte, leuchtete, wie eine Biolumineszenz, die sie bisher nur auf Bildern gesehen hatte. Mit einem letzten Schwung war er verschwunden. Zurück blieb nur sein schwarz-bläuliches Blut.
»Fuck.« Sie sprach das Wort lang und tief aus.
Sie war fast gestorben. Und jetzt würde sie wieder fast sterben, wenn sie ihrem Chef erzählte, dass der Raum, in dem sie sich befand, überflutet worden war.
Ihr Kunde würde keine Party in einem mit Meerwasser gefüllten Raum veranstalten wollen. Und sollte sie nicht in weniger als einer Woche stattfinden? Sie würde da hineingehen, das Glas reparieren und dann ein Reinigungsteam anheuern müssen. Im Budget war überhaupt kein Reinigungsteam vorgesehen.
Wenn sie nicht gefeuert werden würde, müsste sie das alles auf jeden Fall aus eigener Tasche bezahlen und …
»Ooohh«, murmelte sie und zog das Wort noch einmal in die Länge, bevor sie sich umdrehte und den leeren Flur betrachtete. Hier gab es nur sehr wenige Fenster. Über ihr blinkten Halogenlampen, die sich entlang des langen Metallrohrs erstreckten. »Ich bin so am Arsch.«
Arges hasste die Achromos, wie sie die Farblosen nannten, die in der eingemauerten Stadt lebten. Er war noch ein Kind gewesen, als er ihnen das erste Mal begegnet war. Er war klein und töricht genug gewesen, um sich vor ihren Fenstern aufzuhalten, damit er sie sehen konnte. Ihre Körper waren so seltsam. Diese hässlichen Monstrositäten mit zwei Flossen waren für seinen jungen Verstand einst faszinierend gewesen.
Er erinnerte sich an den brennenden Schmerz ihrer Waffen. Es war schwer, das Gefühl der Hitze in seiner Seite zu vergessen, als einer von ihnen ihm in die Schwanzflosse geschossen hatte. Blut war an diesem Tag im Meer geflossen, nicht nur sein eigenes, sondern auch das des Achromo.
Sein Vater hatte die Kreatur ermordet, die es gewagt hatte, seinen Sohn anzugreifen, und er hatte mit seinem Leben bezahlt, als sie alle auf seinen Vater zu schießen begonnen hatten. Die Achromos waren Ungeheuer. Sie hatten dieses Meer ruiniert, und sie würden es weiter ruinieren, wenn man ihnen erlaubte, zu tun, was sie wollten.
So wurde er zu dem Ungeheuer, das sie bekämpfte.
Arges schob einen Strang Seetang zur Seite und betrachtete das Rohrsystem, das er und sein Schwarm angreifen wollten. Leider war es ihre zweite Wahl. Die Achromo, die ihn herausgefordert hatte, die Frau, die er in der letzten Kuppel gesehen hatte, in welche er eingebrochen war, hatte seinen ersten Plan zunichtegemacht.
Das Rohrsystem, das er ausgekundschaftet hatte, lag direkt vor der Kuppel, an der sie arbeitete. Wären sie zurückgekehrt und hätten Achromos dort vorgefunden, hätte das unweigerlich zu Problemen geführt. Sie hatte alles ruiniert, diese kleine Meeresnymphe, die ihn mit zu viel Mut angestarrt hatte.
Er hatte ihr gezeigt, warum das gefährlich war. Arges fühlte immer noch einen Anflug von Stolz, wenn er sich an die Angst in ihren Augen erinnerte, als er sich dem Riss näherte, auf den sie so töricht hingewiesen hatte. Es war schwierig gewesen, ihn zu durchbrechen, aber er hatte es geschafft.
Leider hatte das nur noch mehr Aufmerksamkeit auf den Raum gelenkt. Die Achromos waren so mühelos in ihrer Hartnäckigkeit. Eine Eigenschaft, die vielleicht bewundernswert gewesen wäre, wenn sie nicht schon viel zu viel von seiner Welt eingenommen und sie mit ihrem Gestank und ihrem Abfall verpestet hätten.
»Bereit?«, fragte sein Bruder. Daios war der Älteste seines Blutes, ein furchterregender Bruder, dessen Färbung hauptsächlich blutrot war. In Anbetracht der vielen Narben, die auch seinen Körper bedeckten, war es schwierig, Daios als etwas anderes als eine Waffe zu betrachten.
»Bereit.« Trotz Daios’ aggressivem Auftreten hatte Arges den Schwarm jahrelang geführt, sehr zum Unbehagen seines Bruders.
Selbst jetzt konnte er sehen, wie Daios ihn musterte, als suchte er nach jeder Form von Schwäche. Arges wusste, was er dachte. Sie hätten die Achromos schon vor Wochen angreifen sollen. Sie hätten sie aus ihren größeren Kuppeln in die Tunnel locken sollen, die sich leicht zum Einsturz bringen ließen.
Aber so konnten sie nicht kämpfen. Nicht mit den Waffen, die die Achromos hatten, oder den seltsamen Metallkreaturen, die sie erschaffen hatten und die überall in ihren Häusern herumkrabbelten. Er hatte gesehen, was in Gamma geschehen war. Ihre Mutter hatte von der Stadt gesprochen, die sie eingenommen hatten und die nur wenige Zyklen später plötzlich wieder zum Leben erwacht war.
Er musste vorsichtig sein. Sie alle mussten in der Nähe dieser schwachen Kreaturen, die ihren Verstand zu ihrem Vorteil nutzten, vorsichtig sein.
»Du kennst den Plan«, sagte Arges, rollte seinen Körper zusammen und wedelte mit der Schwanzflosse kraftvoll durch das Wasser. Sie entfernten sich von ihrem Jagdrevier und kehrten stattdessen dorthin zurück, wo ihr Schwarm wartete. »Es gibt sechs verschiedene Rohre. Jedes einzelne muss gebrochen werden.«
»Warum brechen wir die Rohre?«
»Die Achromos brauchen Luft zum Atmen.« Luft, die er und seine Brüder nicht brauchten.
Genau wie beim ersten Mal, als man ihm von ihren luftbedürftigen Körpern erzählt hatte, schauderte er vor Ekel. Er fuhr mit den Fingern über die zarten Kiemen entlang seines Brustkorbs und strich sanft über ihre kaum wahrnehmbare Beschaffenheit, bevor er seine Aufmerksamkeit auf den Schwarm richtete, der auf sie wartete. Sechs andere Meermänner. Allesamt gewaltige Exemplare, die gegen Haie gekämpft hatten, gegen die Achromos, und lebten, um von beidem zu berichten. Einer von ihnen soll gegen einen Tintenfisch gekämpft haben, der größer war als die Behausungen der Achromos.
Arges hielt vor ihnen und schwebte neben seinem Bruder, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte. »Die Rohre enthalten die Luft, die die Achromos zum Leben brauchen. Wir werden viele von ihnen töten, wenn wir diese Rohre zerstören. Und diejenigen, die fliehen, werden im zentralen Turm festsitzen. Wir lassen nur zwei Rohre übrig. Wenn das nicht alle tötet, dann sind sie genau da, wo wir sie haben wollen. Den zweiten Angriff werden wir gewinnen.«
Alle anderen Meermänner und Meerfrauen stießen ihre Kampfschreie aus wie Orcas, die ohne Gewissen angriffen. Sein Volk war furchterregend und stark. Sie würden sich dieses Meer von den Achromos zurückholen, die meinten, sie hätten es verdient, hier zu leben.
Stolz durchströmte seine Brust und übersäte seine normalerweise graue Haut mit dunklen Flecken. Er konnte spüren, wie dieser Stolz durch seine Adern floss. Er erhitzte sein Blut und ließ ihn durch die Strömung kielholen. Der Ozean zog ihn bis in die hinterste Ecke der Stadt der Achromos. Zu dem Ort, an dem er wusste, dass sein Rohr wartete. Hier würde er seinen letzten Widerstand leisten. Hier würde er sie vernichten, sie alle in den kleinsten Teil ihrer Stadt zwingen, und dann würden sie ertrinken.
Mit einem wilden Grinsen fletschte er die Zähne und zog die Schwanzflosse hinter sich her, während er sich auf das Rohr zubewegte.
Es war grau und lang, eine alberne Vorrichtung, die auf dem Meeresgrund nichts zu suchen hatte. Es grub sich durch die Pflanzen und blubberte an ein paar Stellen, wo die Luft entwich. Es zerstörte alles um sich herum, und das Metall verströmte einen furchtbaren Geruch. Wie Blut. Nichts wuchs in seiner Umgebung, und er wusste, dass es das auch nie tun würde.
Die Achromos beschichteten ihre Rohre mit einem ekelhaften Material, das alles verbrannte, was es berührte. Er kannte das Gefühl gut. Seine mit Schwimmhäuten versehenen Handflächen waren schwielig geworden, seit er mit dieser Arbeit begonnen hatte, nachdem er es gewagt hatte, das zu berühren, was die Achromos geschaffen hatten.
Und doch hatte ihn das nie aufgehalten.
Arges nahm den größten Stein, den er finden konnte, und wandte seine Aufmerksamkeit dem Rohr zu. Mit einer Wildheit, auf die seine Mutter stolz gewesen wäre, schlug er auf das Metall ein. Immer und immer wieder hob er den schweren Stein über seinen Kopf und schlug ihn mit seinem sich windenden Körper zu Boden.
Er kämpfte mit jeder Bewegung gegen den Ozean an, bis seine Muskeln brannten. Bis sein Körper schmerzte, und doch machte er weiter. Blut quoll aus den Schwimmhäuten zwischen seinen Fingern, wo der Stein sich durch die dünnen Membranen gebissen hatte. Doch er würde weitermachen. Er würde die Achromos besiegen und seinen Vater rächen, und …
Das Rohr platzte.
Luft schoss durch das Wasser und schleuderte ihn vom Rohr weg. Sie traf ihn so hart, dass sie ihn gegen die Steinmauer hinter ihm schleuderte. Eine lange Wurfstrecke, so viel war sicher.
Er schlug mit dem Kopf gegen den Felsen. Flecken tanzten vor seinen Augen, weiß und schwarz, schimmernd wie die Schuppen seines Lieblingsfisches. Nein, das war nicht richtig. Er sollte nicht ans Essen denken. Nicht in diesem Moment. Wo … Wo war er?
Er schüttelte den Kopf und ließ das Salzwasser auf der Wunde brennen, während er schnell blinzelte. Richtig. Die Luft, die schräg nach oben geblasen hatte, stieg nun durch das Wasser auf. Luftblasen, so viele, dass seine Brüder sie sicher auch aus der Ferne sehen konnten.
Sein Schwarm schrie auf. Ihr langer, widerhallender Jubelruf war meilenweit zu hören.
Und wieder blähte sich der Stolz in seiner Brust auf. Er war der Erste gewesen. Vom ganzen Schwarm, von allen, die gekämpft hatten, war Arges der Erste, der sein Rohr zerstörte.
Daios mochte denken, dass er nicht würdig genug war, diesen Schwarm anzuführen, aber er war der Erste gewesen. Der Einzige, der die Hingabe hatte, das Metall in so kurzer Zeit zu durchbrechen.
Schwer atmend, mit weit aufgerissenen Kiemen, konnte er sich nicht zurückhalten. Er musste sehen, was er getan hatte. Das Rohr zog sich durch den Felsen, direkt durch die Steingipfel, die von Feuer und Explosionen gesprengt worden waren. Er folgte der Spur der Zerstörung, schlängelte sich über die zersplitterten Steine und durch einen Seetangwald, bevor er die Stelle fand, an der es mit den Metallrohren verbunden war. Allerdings gab es darin keine Fenster. Er konnte sie nicht sehen.
Und oh, er wollte sie sehen. Er wollte den Schrecken in ihren Augen sehen, wenn sie merkten, dass ihnen die lebensbringende Luft ausging. Er wollte ihre Gesichter sehen, wenn sie durch das Glas blickten und wussten, dass er derjenige war, der dies getan hatte. Arges, das schwarzschwänzige Ungeheuer, das sie in ihren Träumen verfolgte.
Links oder rechts?
Er blickte nach rechts und sah die Kuppel, die er bereits durchbrochen hatte. Die Frau war dort gewesen und hatte sie aus irgendeinem Grund repariert. Die Achromos breiteten sich immer gerne aus.
Aber bedeutete das … Seine Augen folgten den Metallrohren der Kuppel. Sie führten zu einem Spinnennetz von Rohren, die schließlich zu den hohen Gebäuden führten, die mehr Stockwerke hatten, als er zählen konnte.
Das bedeutete, wenn er nach links ging, sollte ihn das zu den Unterkünften führen, aus denen sie gekommen sein musste. Er ging also nach links und ließ sich von den Strömungen bis zu einem größeren Raum mit flachen Glasscheiben tragen, durch die er die wenigen Nachzügler sehen konnte. Sie eilten durch den Tunnel in Richtung eines viel größeren Abschnitts, in dem er Räume gesehen hatte, die sich öffneten und dann in höheren Bereichen verschwanden.
Einige der schmutzigen Achromos hielten sich die Hände vor den Mund, ihre Gestalten zitterten, als sie in Richtung des lebensrettenden Raums taumelten, der sich viel zu langsam öffnete und schloss. Sie könnten alle sterben. Ha, und er würde hierbleiben und zusehen, wie sie für alles, was sie angerichtet hatten, leiden mussten.
Bis einer von ihnen ihn sah.
Der Mann war größer als die anderen. Seine Brust und Schultern waren breit und sein Kiefer ausgeprägt. Er zeigte mit rotem Gesicht und weit aufgerissenem Mund auf Arges. Er konnte die Rufe des Mannes gerade noch hören.
Wer wusste schon, was er sagte? Die Sprache der Achromos war simpel und nervtötend. Kurze, stakkatoartige Laute wie das Knacken von aufeinander schlagenden Steinen. Es knirschte in seinen Ohren und seine Wut blitzte wieder auf.
Der Stolz, den er empfunden hatte, als er sie tötete, würde nicht durch diesen einen Narren ruiniert werden. Er schwamm näher und provozierte den Mann. Er wollte sehen, wie das Leben aus seinen Augen verschwand. Er wollte sehen, wie der Mann keuchte und sich krümmte wie ein Aal im Todeskampf.
Wie ein Fischschwarm scharten sich die anderen um den Mann, der ihn anschrie. Die meisten der Achromos verwelkten neben dem seltsamen, verschwindenden Raum. Sie warteten auf ihre Gelegenheit und stürzten sich dann hinein. Sie drängten sich so dicht aneinander, dass sie wie ein einziges Wesen aussahen, mit vielen Augen und vielen Gliedmaßen.
Und dennoch kam Arges näher heran. Als ob er und der Mann miteinander verbunden wären. Sie kamen sich so nahe, dass sie sich hätten berühren können, wenn nicht das Glas zwischen ihnen gewesen wäre. Er blickte in die Augen des Mannes, die ebenso hasserfüllt glühten wie seine eigenen.
Er hasste sie. Er wollte sie alle tot sehen. Aber das war die erste Gelegenheit, die er jemals hatte, um zu sehen, wie das Leben aus einem von ihnen herausfloss. Es würde seltsam und wundersam sein.
Bis der Mann einen Knopf an der Wand drückte. Rote Farbe blitzte um sie herum auf. Diese Farbe hatte er schon einmal bei den Achromos gesehen, ein Warnsignal, das sie für die anderen verwendeten. Aber ein kleines Aufflackern der Sorge traf ihn hart in der Brust, als der Mann von dem Glas zurückwich.
Was tat er?
Warum wirkte er plötzlich so … erfreut?
Etwas schlug Arges hart in den Rücken. Er versuchte, sich zu drehen, aber ein Metallarm hatte ihn von hinten gepackt. Er schlang sich an drei Stellen um seine Taille. Und obwohl er sich in seinem Griff wand und mit den Armen dagegen drückte, bis er glaubte, sie könnten brechen, konnte er sich nicht von dem Dämon befreien, den die Achromos geschaffen hatten.
Er zerrte ihn durch das Wasser, immer näher an die Wand der Metallröhre heran.
Der Achromo würde ihn zerquetschen, das war ihm klar. Er würde gegen die Wand gepresst werden, bis sein Blut um ihn herum wogte.
Doch dann öffnete sich das Metallrohr. Wasser strömte in den dahinterliegenden Raum und riss seine Schwanzflosse mit sich, als die Sogwirkung ihn und den Metallarm hineinzog. Es setzte ihn ab, bevor sich die Wand mit ihm und dem Metallarm im Inneren schloss.
In Panik schlug er gegen das Glas. Einmal, zweimal, dreimal, wobei er sich die Schulter auskugelte. Das verdammte Metall wollte nicht nachgeben. Er hatte nicht genug Platz, um seine Schwanzflosse zu bewegen, also musste er ihn unter sich bündeln und sich nur mit seinen Bauchmuskeln vorwärts schieben. Sie hatten ihn gefangen. Gefangen, wie die kleinen Fischschwärme, die er als Kind in seinen Handflächen eingefangen hatte.
Seine beiden Herzen flatterten in seiner Brust, und er spürte, wie ein Ölfilm seine Haut bedeckte. Die Panikreaktion sollte ihn dazu bringen, schneller durch das Wasser zu gleiten, das ihn nicht mehr zurückhielt, aber er konnte nirgendwohin. Nur Dunkelheit umgab ihn.
Ein zischendes Geräusch durchflutete den Raum, und plötzlich gab es wieder eine Welle von Bewegungen.
Er wurde ins helle Licht hinausgeschleudert, stürzte mit dem Kopf über die Flosse und schlug bei seiner Landung auf einen weiteren harten Gegenstand. Arges versuchte, sich zu orientieren, schaute sich um und schloss sofort seine Kiemen an den Seiten. Er war im Inneren der Röhre.
Er war im Haus der Achromos.
Entsetzen machte sich breit. Sie hatten ihn nicht nur in eine Falle gelockt. Sie hatten ihn in ihren eigenen Tod hineingezogen. Der große Mann stand vor ihm, obwohl sein Gesicht blasser geworden war, als Arges sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. Seine Schwanzflosse schlängelte sich hinter ihm, lang und tödlich, während sich an seinem Rücken langsam Stacheln bildeten. Aus ihnen tropfte bereits Gift, und jeder Tropfen zischte, als er auf den Metallboden traf. Er musste auf dem Glas der Röhre balancieren, aber das würde ihn nicht davon abhalten, den Mann zu töten. Er öffnete den Mund, all seine Zähne blitzten in dem roten, blinkenden Licht, und er zischte lang und leise.
Der Mann zögerte nicht. Er drehte sich um und floh den Tunnel hinunter, um bei den wenigen verbliebenen Achromos zu stehen.
Sie würden ihre Sicherheit in den oberen Stockwerken suchen. Und obwohl er sich zu ihnen schleppte, langsam und lethargisch durch den Mangel an Luft, wusste er, dass er bald atmen musste.
Wasser.
Er brauchte Wasser.
Aber er würde sie mit jeder Faser seines verbleibenden Lebens in Angst und Schrecken versetzen, wenn es sein musste. Und wenn er dabei einen von ihnen vernichten könnte … umso besser.
Er hatte schon immer wissen wollen, wie das Blut eines Achromo schmeckt.
Von allen Zeiten, in denen man sich verspäten konnte, musste Mira das eine Mal wählen, als rote Lichter durch die Flure blinkten. Die, die bedeuteten: »Ernsthaft. Verschwinde sofort von hier.«
Sie war allerdings tief in den Tunneln gewesen. Hermon hatte ihrem Chef erzählt, dass er sie vor dem Riss im Glas gewarnt hatte, und sie sagte, es sei keine große Sache. Sicher, sie hatte auf die riesigen Kratzspuren von innen hingewiesen. Sie hatte ihnen von dem monströsen Undinen erzählt, der das Glas angegriffen und sich dann einen Weg in ihr Haus gebahnt hatte.
Hat ihr jemand geglaubt? Nein, natürlich nicht. Sie lachten ihr ins Gesicht und schickten sie weg, um Routinearbeiten zu erledigen, die eine Verschwendung ihres Talents waren. Aber was kümmerte sie das schon? Sie war jetzt eine Lügnerin, die zu viele Risiken einging. Eine Angestellte, die es nicht wert war, in sie zu investieren. Sie würde jemandem die Augen auskratzen. Es war nicht zu viel verlangt, hier ein wenig gottverdammten Respekt zu zeigen.
Als sie um eine Ecke bog, fluchte sie, als die Luft noch dünner wurde. Sie würde nicht weiterlaufen können, wenn ihnen die Luft ausging. Sie hatte nur noch ein paar Minuten.
Wo waren die Menschenmassen? In diesem Flügel lebten nur Ingenieure, aber niemand war so verrückt, dass er die grellen Lichter einfach ignorieren würde. Und man hatte ihnen vom ersten Tag an beigebracht, kein Held zu sein. Rote Lichter? Lauft und lasst eure Freunde zurück. Jeder für sich selbst.
Sie wollte zum Aufzug gehen. Das war der schnellste Weg, und wahrscheinlich hatten alle denselben Weg genommen. Was bedeutete, dass es eine Schlange geben würde, aber der Aufzug war schnell. Ihr wurde immer ganz flau im Magen, wenn sie ihn benutzte. Das musste doch bedeuten, dass er sie alle rechtzeitig herausbringen konnte. Oder?
Richtig.
Aber dann sah sie den Aufzug am Ende des Flurs und ihr verdammter Chef war der letzte, der hineinlief. Sie konnte diesen Riesen mit niemandem sonst verwechseln. Und das rote Licht am oberen Ende des Aufzugs bedeutete, dass der herzlose Wichser den Notruf im Aufzug eingeschaltet hatte.
»Wartet!«, rief sie. »Ich bin fast …«
Die Türen schlossen sich, und sie saß hier unten fest.
»Dieser verdammte, gottverdammte Hurensohn … Argh!« Sie trat gegen den Boden. Sie musste sich überlegen, was sie als Nächstes tun sollte. Es war absichtlich schwierig, aus dem Ingenieursflügel zu entkommen, denn dort passierten die meisten Unfälle.
Es gab einen anderen Aufzug. Ein gläserner Aufzug, der definitiv noch nicht repariert genug war, um ihn zu benutzen. Aber er würde reichen müssen. Sie musste vielleicht eine Weile die Luft anhalten, aber sie würde die oberen Etagen erreichen.
Das verdammte Ding war draußen.
Ein Zischen erregte ihre Aufmerksamkeit. Noch ein Leck? Das würde das Notfallprotokoll erklären, aber … Sie drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um die massive schwarze Schwanzflosse zu sehen, der sie an der Brust traf und sie über den Boden schleuderte. Zuerst schlug ihre Hüfte auf und ein greller Schmerzstrahl schoss ihr die Wirbelsäule hinauf, bis sie drei Meter entfernt zum Stillstand kam.
Ihr klappte die Kinnlade herunter, als sie den riesigen Undinen anstarrte, der auf dem Boden kauerte. Seine krallenartigen Hände kratzten am Metall, und das Quietschen ließ sie fast noch mehr zusammenzucken als der Blick auf seine seltsamen Züge.
»Du«, zischte sie.
Es war der gleiche verdammte Undine. Derselbe, der ihre erste Kuppelarbeit ruiniert und dann versuchte hatte, sie zu töten.
Sie konnte ihn nicht verwechseln. Die schwarze Schwanzflosse und die leuchtend blauen Ränder mussten für seine Art ungewöhnlich sein. Außerdem war sein seltsam hübsches Gesicht von Wut gezeichnet, und die schwarzen Augen starrten sie mit so viel Hass an, dass es nur er sein konnte.
Und dann machte er ein Geräusch, tief und dröhnend in seiner Kehle. Sie schwor, dass es dasselbe Wort war, das sie gerade gesagt hatte.
Du.
Sie starrten sich an, und sie fragte sich, ob sie mit ihm kämpfen müsste. Mira hatte die Oberhand. Sie waren nicht im Wasser, und er schien sich nicht besonders gut bewegen zu können. Aber dann sah sie, wie er mit seinem ganzen Körper eine seltsame Schluckbewegung machte.
Hielt er … den Atem an?
Ach du Scheiße. Ihre Augen weiteten sich, als sie ihn ansah. Es machte Sinn, dass er den Atem anhielt. Aber sie hatte das seltsame Gefühl, dass er in der Lage sein sollte, so atmen zu können wie sie. Er hatte ein ähnliches Gesicht wie sie. Eine Art Nase und eine vertraute Mundform. Eine Brust, die sich außerhalb des Glases hob und senkte, aber offenbar nicht hier drinnen.
Niemand hatte je eine Undine in die Finger bekommen, weder tot noch lebendig. Kein Mensch wusste, wie sie wirklich funktionierten. Sie hatten immer gedacht, Undinen seien wie Fische. Sie mussten im Wasser sein, um zu atmen. Also … wie lange konnte er die Luft anhalten?
Es sollte keine Rolle spielen. Er hatte ihr erstes großes Projekt zunichtegemacht und saß irgendwie in ihrem Gebäude fest. Ginge es nach ihr, konnte er verrotten wie der Rest der Fische, aber … es fühlte sich falsch an.
Das war nicht nur ein Fisch. Er war ein intelligentes, denkendes Wesen, das sie besiegt hatte, obwohl sie ihm die verdammte Antwort gegeben hatte. Ihn sterben zu lassen, fühlte sich an, als würde sie einen Menschen sterben lassen, und das war nicht ihre Art.
Jetzt musste sie beide von hier wegbringen. Ohne dass einer von ihnen starb.
Denn das war anscheinend die einfachste Möglichkeit.
Seufzend hustete sie in ihren Ärmel, um ihre Lunge zu befreien, bevor sie sich auf Hände und Knie rollte. »Okay, Großer. Ich weiß, du verstehst kein Wort von dem, was ich sage, aber wir müssen zusammenarbeiten, um hier rauszukommen.«
Seine schwarzen Augen verfolgten jede ihrer Bewegungen, beobachteten sie. Er traute ihr eindeutig nicht.
Dazu hatte er keinen Grund. Ihre Artgenossen kämpften schon seit Jahrhunderten gegeneinander, wenn man den Legenden Glauben schenkte. Undinen töteten Menschen im Meer. Die Menschen töteten Undinen, wann immer sie die Gelegenheit dazu hatten.
Wie du mir, so ich dir, nahm sie an. Was dem einen weh tat, tat auch dem anderen weh. Das war ihre Art zu leben.
Aber er könnte sie zu dem Aufzug außerhalb dieser Mauern bringen. Und sie könnte ihn von hier wegbringen. Ihr Chef würde sie wahrscheinlich dafür feuern, aber hey. Vielleicht würde er es nicht herausfinden.
Für diesen ganzen Plan musste sie jedoch den Undinen berühren und der sah ziemlich kränklich aus. Oder ihr Anblick brachte ihn fast zum Erbrechen. Was auch immer es war, er war auf jeden Fall blasser als noch vor ein paar Minuten.
Verdammt, sie musste aufhören, sich über den Fisch vor ihr Gedanken zu machen, und sich überlegen, wie sie beide retten konnte. Okay, Plan. Plan, Plan, Plan.
Mira schaute verzweifelt in den Flur, aus dem sie gekommen war. Wenn sie diesen Bereich überflutete, würde keiner der Ingenieure zurückkehren können. All ihre Sachen würden zerstört werden, und das bedeutete leider, dass ganz Beta Schwierigkeiten haben würde, irgendetwas zu reparieren. Sie brauchten wirklich eine bessere Stadtplanung.
Also, das Wichtigste zuerst …
Sie stürmte den Weg zurück, den sie gekommen war, und ignorierte den Undinen, der mit einem hässlichen Knurren nach ihren Beinen schnappte. Das Ding hasste sie wirklich. Wilde Bestie.
Am Ende des Flurs befand sich eine der Sprengtüren. Sie war nie benutzt worden, denn warum sollte jemand die Ingenieure in ihrem Zuhause einsperren? Sie schlitterte um die Ecke, prallte gegen die Wand und drückte den großen roten Knopf. Dann flitzte sie unter der Sprengtür hindurch zurück in den Tunnel.
Sie war mit dem Undine eingeschlossen, mit weniger Luft als zuvor, so dass ihr wirklich die Zeit davonlief.
Mira sprintete zurück zu ihm. Er hatte sich um sich selbst gewunden, keuchte und hustete, bis er schließlich … undicht zu werden schien? Wasser sprudelte aus seinen Rippen und sie war sich sicher, dass er gestorben war. Vielleicht verwandelten sich Undinen in Glibber, wenn sie starben, und das würde die ganze Sache schwierig machen.
Aber das Wasser spritzte aus ihm heraus und floss über ihre Füße, ohne dass er zusammenbrach. Das Gegenteil war der Fall. Er richtete sich auf, und die versiegelten Nasenlöcher blähten sich auf, als er einen tiefen Atemzug der begrenzten Luft nahm, die noch im Tunnel war.
»Oh«, flüsterte sie. »Du hast zwei Lungenpaare.«
In Anbetracht des dunklen Funkelns in seinen schwarzen Augen hatte sie das Gefühl, dass er die knappe Luft, die er gerade bekommen hatte, nutzen würde, um sie zu töten. Er hob die mit Krallen und Schwimmhäuten versehenen Hände, rollte seine Schwanzflosse unter sich zusammen wie eine Schlange, und sie hatte nur ein paar Sekunden Zeit, um ihn dazu zu bewegen, aufzuhören.
»Stopp!«, rief Mira und hob die Hände, als ob ihn das innehalten lassen könnte. »Warte, warte!«
Und aus irgendeinem seltsamen Grund … tat er es. Er blieb genau dort stehen, wo er war, den Kopf zur Seite geneigt, und wartete auf ihren nächsten Schritt.
Sie ging mit dem Rücken zur nächstgelegenen Glasscheibe und zeigte auf sie. Mira versuchte, ihren Plan so gut wie möglich zu erklären, indem sie mit den Händen gestikulierte, während sie mimte, was sie sagte. »Ich werde dieses Glas durchbrechen. Der Raum wird mit Wasser geflutet, und du wirst mich aufheben und mich zu dem Glaskasten dort drüben tragen.«
Auf den Aufzug zu zeigen, funktionierte nicht so, wie sie es wollte, denn er schien nicht wirklich zu verstehen, was sie sagte. Die Luft war jetzt so dünn, von zu vielen Leuten verbraucht. Und sie hatte den Rest davon verschlossen, was nicht …
Verdammt, sie würde anfangen zu halluzinieren, wenn sie sich nicht beeilen würde.
Mit einem verzweifelten »Bitte töte mich nicht« wandte Mira dem Undinen den Rücken zu und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Wand vor ihr.
Die Glasverkleidung war mit Metall in Industriequalität befestigt. Es war fast unmöglich, das Glas so tief im Ozean zu zerbrechen, es sei denn, es war durch wiederholte Schläge geschwächt, wie das Monster hinter ihr bewiesen hatte. Er hatte den Riss mit Leichtigkeit überwunden, aber sie glaubte, dass es wahrscheinlich ein massiver Stein nach einem Erdbeben war, der diesen Riss ursprünglich verursacht hatte.
Ihre einzige Möglichkeit war, die Niete zu schmelzen. Sie würden nachgeben, und dann könnte sie hart genug zuschlagen, um die Scheibe zu sprengen.
Sie schaltete ihr Schweißgerät ein und begann mit den unteren Teilen. Es dauerte ein bisschen, bis sie geschmolzen waren. Es waren verdammt dicke Biester, aber sie war schnell genug mit dem Boden fertig. Der Schweiß rann ihr in Nacken und Augen und trübte ihre Sicht. Aber es musste schnell gehen, sie hatte keine Zeit, ihn wegzuwischen.
Hände griffen nach ihrer Taille und hoben sie zu den höheren Nieten.
Mira keuchte und blickte hinunter auf die massiven, krallenartigen Hände, die plötzlich ihren gesamten Bauch und ihre Hüften umspannten. »Verdammt, bist du groß«, murmelte sie, bevor sie sich wieder den verbleibenden Bolzen zuwandte, durch die sie durch musste.
Nur noch ein paar, dann wäre sie fertig. Nur noch ein paar, dann könnte sie mit den Füßen gegen die Scheibe stoßen und sie losschlagen.
Die Luft war weg. Ganz plötzlich, einfach weg. Jeder Atemzug, den sie tat, war ein Kampf, als ob sie versuchte, unter Wasser zu atmen. Es gab einfach nicht genug Sauerstoff, weil ihr verdammtes Schweißgerät alles verbrauchte, um das Feuer zu entfachen.
Die letzte Niete war fast geschmolzen. Fast, und plötzlich ging ihr Schweißgerät aus.
»Nein«, murmelte sie und schlug es gegen das Glas, als ob das helfen würde. Sie zündete es immer wieder an, aber es gab nicht genügend Luft, um die Flamme in Gang zu bringen. Nicht einmal annähernd genug.
Sie waren tot. Verlorene Fälle. Sie würden ihre Leiche zusammen mit der von dem Undinen treiben sehen. Oder vielleicht würde er noch leben und ihr Fleisch in einem von ihm selbst geschaffenen Tank verspeisen.
Fuck. Das war schlecht.
Sie wurde schlaff, ihre Lungen blähten sich auf, als sie versuchte, das bisschen Luft, das sie noch hatte, einzusaugen. Aber sie wurde jetzt ein wenig träge. Was hatte ihr Vater immer über den Atem gesagt? Sie atmete etwas aus, das kein Sauerstoff war, so viel war sicher. Und sie musste immer sehr aufpassen, dass sie ihr Schweißgerät nicht in Gegenden benutzte, in denen es nicht genug Sauerstoff gab.
Mira konnte sich einfach nicht erinnern, warum, während ihr Gehirn darum kämpfte, dass ihr Herz weiterschlug.
Schwere Schläge durchbrachen ihre Gedanken, und sie sah, wie der Undine seinen Körper zusammenrollte und gegen die Scheibe schlug. Wieder. Und wieder. Es musste wehtun. Seine Schulter hing bereits seltsam aus der Gelenkpfanne heraus, aber er machte weiter. Er schlug immer wieder auf die Scheibe ein, bis ein wenig Wasser aus dem Boden kam.
Sie war bereits so sehr im Delirium, dass sie bei diesem Anblick kichern musste. Hätte sie mehr Luft zum Sprechen gehabt, hätte sie vielleicht sogar gesagt: »Oh, schau mal, jetzt werde ich ertrinken.«
Aber er hörte nicht bei dem Geräusch auf, das sie machte. Die massive, kräftige Flosse des Undinen leistete einen Großteil der Arbeit, während er mit seinem Oberkörper so oft auf die Platte schlug, dass sie sich schließlich wie der Deckel einer Sardinenbüchse zurückbog. Nach hinten gebogen und eingedellt, so wie sie bei einigen der Ingenieure gesehen hatte, die daraus gegessen hatten.
Das Wasser strömte herein, drückte ihren Körper zurück gegen die Wand und hielt sie dort fest, bis die ganze Welt in Zeitlupe ablief. Alles schwebte. Ihr Schweißgerät, ihr Haar, der Undine, der mit so viel Anmut auf sie zuschwamm, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.
Oh, warte. Das war das Salzwasser.
Er kam näher an sie heran, die scharfen Zähne blitzten, und sie fragte sich, ob sie jetzt sterben würde. Es wäre schön, nicht wach zu sein, wenn er einen Bissen aus ihrem Körper nahm.
Stattdessen rückte er näher und versiegelte seine Lippen mit den ihren.
Oh, er war kalt. Das war ihr erster Gedanke. Und sie war von tiefem, eiskaltem Meerwasser umgeben, das bereits ihren Brustkorb zusammendrückte und das Wenige, was an Luft in ihr war, zum Verschwinden brachte. In wenigen Minuten würde sie eine Unterkühlung erleiden, wenn sie es überhaupt schaffte, zu atmen.
Irgendwie waren seine Lippen kälter als all das, aber sanft, als sie über die ihren glitten.
Seine Zunge streckte sich aus, leckte über ihre Lippen, und sie war so schockiert, dass sie ihre ohne nachzudenken öffnete. Vielleicht wollte er ihr eine Art Gnade erweisen, bevor sie starb?
Seine krallenartige Hand griff nach oben und kniff ihr in den Kiefer, zwang sie, den Mund weiter zu öffnen, und dann hauchte er ihr seinen Atem ein. Ihre Lungen saugten die Luft auf, und sie krallte sich an seinen Armen, seinen Schultern, an allem, woran sie sich festhalten konnte fest, um die Luft einzusaugen, die sie so dringend brauchte. Wieder atmete er aus, und sie atmete noch mehr ein, bevor sie sich von ihm losriss und ins Wasser hustete, während ihre Lungen versuchten, sich daran zu erinnern, was sie mit Luft anfangen sollten.
Sie war am Ertrinken. Oh, sie war am Ertrinken.
Aber der Undine zog ihr Gesicht wieder zu seinem und atmete erneut in ihren Mund. Mira hatte den verzögerten Gedanken, dass sie an dem gegenüberliegenden Paneel gefesselt war, mit Glas im Rücken, eiskaltem Wasser um sich herum und mit einem Undinen knutschte, der gerade versucht hatte, sie zu töten.
Sie atmete erneut ein und hielt diesmal den Atem an, als er sich langsam zurückzog.
Sie konnte sein Gesicht kaum noch erkennen, da alle Halogenlampen erloschen waren. Nur die Lichter außerhalb des Tunnels beleuchteten seinen unbeeindruckten Gesichtsausdruck.
Dann drückte er sie an seine Brust und schwamm mit ihr aus dem Gang hinaus. In den wilden Ozean.
Die Kälte begann sich in ihren Fingern und Füßen festzusetzen. Sie konnte sie nicht mehr bewegen. Konnte sich nicht einmal an ihm festhalten, als er auf den gläsernen Aufzug zuschwamm, auf den sie verwiesen hatte.
Und irgendwie, obwohl sie fast ohnmächtig wurde, sah sie die Tiefen vor ihren Augen aufblitzen. So weit und dunkel. Ein unendlicher Raum, der gleichzeitig überwältigend und so befreiend war.
Sie war ihr ganzes Leben lang in Beta gefangen gewesen. Sie kannte jeden Korridor, den sie betreten durfte, jeden Raum, in dem Ingenieure arbeiten durften. Aber das hier? Oh, das war so viel größer.
Der Undine riss die Fahrstuhltür auf und warf sie so schnell hinein, dass der Fahrstuhl nur etwa zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, bevor die Tür zuschlug.
Mira brauchte ein paar Sekunden, um zu blinzeln angesichts der entsetzlichen Menge an Kraft, die das erforderte, bevor sie sich auf die Steuerung stürzte.
»Knöpfe … drücken …«, murmelte sie durch ihre zitternden Zähne und schaffte es, einen zu drücken. Es war ihr egal, welche, nur irgendeine Etage.
Der Glaskasten hob sich, klirrte und bebte, aber er bewegte sich. Sie ließ sich auf die Knie fallen und fror in dem eisigen Wasser, als sich der Kasten nach oben bewegte. Durch das Glas, das mit ihrem Atem beschlug, sah sie, wie der Undine sie beobachtete. Er schwebte im Wasser, die Augenbrauen verwirrt oder wütend zusammengezogen, während er ihr zusah, wie sie außerhalb der Stadt immer höher stieg. Sein langes Haar schwebte um ihn herum, und all diese elektrisch blauen Blitze leuchteten an seinem schönen Körper auf und ab. Und dann war er mit einem Flossenschlag verschwunden.
Gerade noch rechtzeitig öffnete sich die Tür hinter ihr und sie wurde auf einen sehr teuren Fußboden geschleudert.
Nach der Interaktion mit der Achromo war er völlig verwirrt. Sie war ganz und gar nicht das, was er von ihrer Art zu erwarten hatte.
Ihr Plan war solide, auch wenn er ihm durch verwirrende Handgesten und Worte, die ihm Kopfschmerzen bereiteten, vermittelt wurde. Es war, als würde er einem zwitschernden Kind zuhören, das ständig über Dinge plapperte, die ihn nicht interessierten.
Die Achromo war allerdings ziemlich clever. Wenn sie nur stärker wäre, hätte sie ihren Plan vielleicht beeindruckend schnell zu Ende bringen können. Offenbar war Luft für sie wichtiger als für sein Volk. Sie war fast ohnmächtig geworden, und er hielt immer noch bequem die Luft an.
Er hatte sie ertrinken sehen, hatte zugesehen, wie der Ozean sich an ihrem schlaffen Körper zu schaffen machte, und er … hatte sie einfach nicht sterben lassen können. Es war dumm. Er war ein Risiko eingegangen, indem er sie am Leben ließ, jetzt, wo sie ihn gesehen hatte.
Aber in dem Moment, als seine Lippen die ihren berührten, als er Luft in ihre Lungen gehaucht hatte, wusste er, dass es die richtige Entscheidung war. Tief in seinen Knochen spürte er, dass es richtig war. Als hätten die Ältesten des Ozeans seine Herzen berührt und ihm gesagt, dass sie leben musste. Die Lichter an seiner Flosse leuchteten auf, als ihre winzigen Hände auf seinen Schultern ruhten, und er saugte verzweifelt jede Luft ein, die er für sie erübrigen konnte. Und seine Kiemen hatten entlang seiner Rippen geflattert, sogar die, die normalerweise flach an seinem Kiefer lagen, waren hervorgetreten.
Er hatte noch nie in seinem Leben geflattert. Arges wusste immer seine Kiemen flach und unverändert zu halten, egal welche Frau um ihn herum war. Und doch ließ ihn diese Frau wie ein Kind zittern. Als hätte ihn noch nie eine Frau berührt.
Als er beobachtete, wie das seltsame Gefährt sie hochhob und von ihm wegbrachte, fand er, dass der Anblick auch ihm nicht gefiel. Es war nicht so, dass er ihr folgen wollte. Er konnte nicht in ihr Reich gehen, genauso wenig wie sie im Meer leben konnte.
Aber die Muskeln seiner Schwanzflosse spannten sich trotzdem an. Er wollte sie wieder berühren. Er wollte die starke Hitze ihres Körpers spüren, selbst unter dem kalten Druck der Wellen.
Wie seltsam es war, ihr dabei zuzusehen, wie sie ihn verließ. Zu wissen, dass er sie wahrscheinlich nie wieder sehen würde, und wenn doch, dann würde es ihr treibender Körper sein. Sie würden die Bestie, die Achromos, besiegen. Sie würden sie aus dem Meer beseitigen, und er würde nicht eher ruhen, bis sie alle an der Oberfläche schwammen oder Futter für die Haie waren.
Seine Kiemen flatterten erneut. Diesmal zitterte sogar seine Schwanzflosse. Weitere Lichter flackerten durch seinen Körper und leuchteten auf, als wäre er ein Leuchtfeuer, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Verdammt. Was geschah mit ihm?
Er strich sich mit der Hand über die Schuppen und klopfte ein paar Mal auf seine Schwanzflosse, bevor er sich zwang, sich von der Unterwasserstadt abzuwenden. Arges musste seinen Schwarm und seinen Bruder finden. Sicherlich hatten sie es auch geschafft, und wenn die Achromos im zentralen Gebäude festsaßen, dann war es an der Zeit, sich zu überlegen, wie man den Monolithen angreifen konnte.
Nicht einmal die Wale konnten diesem Gebäude etwas anhaben. Sie waren nicht stark genug, um die Metallkonstruktion zum Einsturz zu bringen, aber bald würden sie ihre Schwachstelle finden. Das taten sie immer.
Er suchte sich eine Strömung und ließ sich von ihr nach Hause leiten. Obwohl er ab und zu mit der Schwanzflosse schlug, um sein Tempo zu halten, ließ er sich meist vom Meer dorthin ziehen, wo es ihn hinführen wollte.
Arges hatte dieses Gefühl immer geliebt. Die wenigen Male, die er an der Oberfläche gewesen war, hatte er seltsame Kreaturen am Himmel gesehen. Er nahm an, dass es das gleiche Gefühl war. Wenn der Boden unter ihm wegbrach und ihn Wasser umgab. Nichts, was er sehen konnte, meilenweit. Nur Wasser, Dunkelheit unter ihm und die ruhige Bewegung des Meeres, die ihn immer weiter von der Stadt wegtrug, die seine Kiemen immer vergiftet hatte.
Er drehte sich auf den Rücken, renkte seine Schulter wieder ein und versuchte, sich zu entspannen, während das Salzwasser ihn näher an das heranbrachte, was er als Erfolg erkannte.
Obwohl er die Aufregung seines Schwarms nicht gehört hatte, wusste er, dass sie Erfolg gehabt hatten. Er hatte eine der Metallröhren zerbrochen, und er war der kleinste unter den Meermännern, die er anführte. Sicherlich hatten sie mehr Schaden angerichtet. Heute Nacht gab es nur Grund zum Feiern.
Etwas schlug ihn aus der Strömung. Seine Schwanzflosse kräuselte sich, während er unruhig durch das Wasser wirbelte. Er streckte seine mit Schwimmhäuten versehenen Hände aus und schlug mit der mächtigen Peitsche seiner Flosse nach seinem Angreifer, um sich und den anderen davor zu bewahren, außer Kontrolle zu geraten.
Er richtete sich auf, blähte seine Brust auf, damit er größer aussah, und stellte sich dem entgegen, der so töricht war, einen des Meeresvolks anzugreifen. Kein Hai suchte so töricht seinen Tod. Auch die gefleckten Wale, die wie sein eigenes Volk in Scharen jagten, würden das nicht tun. Keiner würde so töricht sein, so blind, so …
Wütend.
Sein Bruder schwebte vor ihm. Daios zog den Atem durch seine Kiemen ein, alles flammte weit und wütend auf. Rot schimmernde Stränge pulsierten von seinem Kopf über seinen Rücken bis hinunter zu seiner Schwanzflosse und sogar bis in die feinen Fasern seiner Finger. Er war mehr als wütend. Er war so außer sich, dass Arges befürchtete, sein Bruder würde ihn nicht einmal erkennen.
Arges hielt seine eigenen Hände hoch, die in einem schwachen, beruhigenden Blau pulsierten, und fragte: »Was ist passiert?«
»Was meinst du damit, was ist passiert?«, zischte sein Bruder. »Du warst nicht da. Du solltest den Schwarm anführen und du warst nicht da!«
»Wofür?« Er war sich so sicher gewesen, dass alles genau so war, wie es sein sollte. Dem Schwarm konnte nichts passieren. Er hatte die Achromos vor diesem Angriff monatelang beobachtet. Er wusste, wo alles war, und er hatte ihnen gesagt, was zu tun war.
Daios deutete hinter sie, seine Krallen stachen durch das kalte Wasser. »Die Achromos wussten, dass wir kommen.«
»Sie konnten es nicht wissen.«
»Ekhetes ist tot«, sagte Daios. Seine Worte verhallten im Wasser, aber die Strömung brachte sie immer wieder an Arges’ Ohren zurück.
Ekhetes ist tot.
Tot.
»Wie?«, räusperte er sich. »Alles war genau so, wie es sein sollte.«
»Wo. Warst. Du?«, fragte Daios erneut, doch dann schwamm er etwas näher und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Seine dunklen Augen verengten sich und Arges wusste, was sein Bruder gerochen hatte.
Sie. Natürlich haftete ihr Duft an ihm. Die Achromos hatten alle einen bestimmten Geschmack im Wasser. Selbst jetzt, wenn er sich konzentrierte, konnte er sie an seinen Kiemen schmecken. Sie war süßer als die meisten Achromos, nicht ganz so schrecklich, wenn man sie einatmete.
Sie schmeckte wie jene Süßigkeiten, die sein Volk mochte. Winzige Kapseln mit intensivem Geschmack, die auf der Zunge zerplatzten und ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Nicht ganz sauer, aber ein Geschmack, der gleichzeitig schmerzte und faszinierte.
Sie war überall an ihm und das war seine Schuld. Er hätte durch einen Seetangwald schwimmen und den Geruch von seinen Schuppen abwischen sollen, bevor er sich in die Nähe einer seiner Leute begab. Und doch … Seine Schuppen schienen ihren Duft in sich aufzunehmen. Als ob er sie später schmecken wollte, wenn es nur noch ihn und das Meer gab.
Die Kiemen seines Bruders flammten erneut auf, und dieses Mal stürzte sich Daios auf ihn.
In einem Flossenschlag war er wieder bei Arges.
Arges setzte sich zur Wehr. Blut ergoss sich um sie herum, Wolken aus ihrem schwarzen Blut umhüllten sie, bis er kaum noch etwas sehen konnte. Und dann schloss sich eine krallenartige Hand um seine Kehle. Obwohl er sich gegen den Griff seines Bruders wehrte, stürzten sie bereits in die Tiefe.
Er drehte sich und versuchte, die Oberhand zu gewinnen, aber sein Bruder war riesig. Groß genug, um es mit einigen Walen aufzunehmen. Arges wurde in die Tiefe gezerrt und erschöpfte sich noch mehr, als er versuchte, sich zu befreien. Schließlich gab er nach. Er ließ sich von seiner Schwanzflosse stromlinienförmig ziehen, denn er wusste bereits, wohin Daios ihn bringen würde.
Nach Hause.
Wo sollten sie sonst hin?
In der Ferne sah er das Licht ihrer Heimat. Okeanos. Seine Herzen füllten sich mit Liebe, wie jedes Mal, wenn er es sah, obwohl er zusammenzuckte, als der Schmerz in tiefen Schnitten aufflammte, die sich durch die flachen Ebenen seiner Brust gruben. Das blaue, glühende Licht seines Körpers verblasste bald im hellen Weiß der glühenden Pflanzen, die tief im Inneren ihrer Heimat lebten.
Meistens Korallen, größer als er lang war. Sie waren so groß, dass sie manchmal wie die Gebäude aussahen, welche die Achromos geschaffen hatten. Lange Ranken aus leuchtenden, blassen Korallen tauchten ihre Welt in ein eisiges Licht. Sein Volk hauste am Fuße der Korallen, unter Fels und Stein. Lange Tunnel, die mit Klauen gegraben und mit schnellen Flossenschlägen sauber gehalten wurden.
Und in der Ferne befand sich die größte Koralle, die ihre Ranken über die gesamte Stadt, in der sie lebten, ausstreckte. Ein Wurzelgeflecht, das selbst in der Tiefe nicht durchbrochen werden konnte.
Das Meeresvolk schwamm durch all diese klebrigen, dicken Wurzeln. Die Kleinsten unter ihnen krochen hindurch, blieben an bestimmten Stellen stecken und peitschten mit ihren Schwänzen, bis ihre lachenden Mütter sie befreiten. Er erinnerte sich daran, dass er in denselben Wurzelsystemen stecken geblieben war. Seine Schuppen am Rücken waren so abgekratzt gewesen, dass seine Mutter befürchtet hatte, sie würden ihm nie wieder nachwachsen.
Daios verlagerte seinen Griff in Arges’ Nacken und zwang ihn, auf jeden hinunterzustarren, der zu ihnen hinaufblickte. Schließlich erreichten sie das Zentrum all dieser Korallen. Dort, wo sie sich spiralförmig in einem zentralen Bereich zusammenzog, abflachte und zu einem wirbelnden Muster wurde, auf dem all ihre wichtigsten Entscheidungen getroffen wurden.
Daios schlug ihn so hart in der Mitte nieder, dass sogar die Koralle sich beschwerte. Um ihn herum stiegen Sandwolken auf, die kleine Fischschwärme verstreuten.
