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35 ist kein Alter, findet Yvi und beschließt, ihr ungeliebte Single-Leben in Mülheim an der Ruhr künftig zu genießen. An Kandidaten mangelt es nicht, doch welcher davon ist Mr. Right? Und wie wird er reagieren wenn er erfährt, dass Yvi die vielleicht jüngste Oma der Welt ist? - Amüsante Kreuzfahrt zwischen Babywindeln und Liebesleben.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Wickelblues & Wimperntusche
von
Sylvie Wolff
Roman / Version 1.0
© Sylvie Wolff / Sylvia Stuckmann (Hrsg.) 2013 / Alle Rechte vorbehalten
www.buchschmiede.de
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
„Mitternacht, endlich!“ Annis Augen funkelten. „Herzlichen Glückwunsch zum Valentinstag – und zu deinem Geburtstag, Yvi!“
Ich erwiderte ihre Umarmung, so gut es ging, und verteilte den restlichen Sekt in die Gläser. „Cheers, Anni! Bin gespannt, was das neue Lebensjahr so bringt.“
„Das liegt an dir. Zeit für ein paar Vorsätze, denke ich.“
Unternehmungslustig beobachtete ich die Bläschen im Glas. Bis jetzt war der Abend vielversprechend verlaufen: Meine 15-jährige Tochter Svenja hatte sich in Ermangelung eines kostenpflichtigen Geburtstagsgeschenks erboten, auf Annis Zwillinge aufzupassen. „Damit ihr beide einen richtig langen Frauenabend genießen könnt“, stand auf der Glückwunschkarte. Natürlich nahm ich ihr großzügiges Angebot an, genau wie den Pizza-Gutschein meiner Mutter und Annis großzügig spendierter Flasche Sekt, und genoss den Abend. Bis zu diesem Moment, in dem Annis Forderung nach guten Vorsätzen mich daran erinnerte, dass ich Single war. Seit einem halben Jahr!
Pünktlich um fünf Minuten nach Mitternacht betrat ein kleiner, dunkelhäutiger Mann undefinierbaren Alters die Pizzeria, einen Korb rubinroter langstieliger Rosen im Arm. „Valentin-Rose kaufen?“, fragte er und wurde erstaunlich oft belohnt.
„Rosen zum Valentinstag – wie romantisch!“ Anni sah ihm hinterher und seufzte. „Es kann kein Zufall sein, Yvi, dass der Tag der Liebenden ausgerechnet auf deinen Geburtstag fällt. Betrachte es als gutes Omen und verlieb dich mal wieder!“
„Nein, danke. Mein Bedarf an Beziehungsstress ist für die nächsten Jahre gedeckt.“
„Wer spricht denn gleich von festen Beziehungen? Dein Ex-Mann war bescheuert, als er dich sitzen ließ, und die anderen – na ja, es kann ja nicht jedes Los ein Hauptgewinn sein. Aber das ist noch lange kein Grund, der Männerwelt generell abzuschwören.“ Verträumt beobachtete sie das Pärchen am Nachbartisch, das verspielt um seine Rose rang. „Das Leben könnte so schön sein, findest du nicht? Wenn es nur mehr Männer gäbe, dann hätten wir größere Auswahl und mehr Spaß!“
Erste Alkoholwirbel im Kopf machten mich übermütig. „Ich finde, das Leben sollte mehr zu bieten haben als einen Mann.“
„Wer redet denn von einem?“ Wie üblich erstickte die gewichtige Anni meinen Protest. „Wann lernst du endlich, dass Männer nur Frösche sind und keine Prinzen? Vertrau mir: Genieß den Spatz in der Hand und hör auf, der Taube auf dem Dach hinterher zu gurren. Teste lieber deinen Marktwert und staune!“ Beschwörend hob sie die Hände. „Du bist 35 Jahre alt, Yvi, nicht 55. Svenja ist aus dem Gröbsten raus, du bist attraktiv und ungebunden, und das Leben gehört wieder dir. Und wenn du wenigstens ein kleines bisschen daran arbeitest, liegen dir auch die Männer wieder zu Füßen.“
„Wie bei Angelina Jolie?“
„Warum nicht? Nimm dir ein Beispiel an ihr und zeig, was du hast. Du würdest dich wundern, was ein bisschen Marktforschung mit deinem Sexappeal macht!“ Selbstbewusst strich sie mit dem Mittelfinger über das Grübchen an ihrem Halsansatz, was sogar auf mich ausgesprochen erotisch wirkte. So sehr, dass ich verschämt ihre Hand griff und zurück auf den Tisch zog.
„Ich weiß, wovon ich rede“, flüsterte Anni.
„Das ist es ja“, flüsterte ich. „Du bist ganz anders als ich, manchmal beneide ich dich darum. Im Vergleich zu dir wirkt mein Leben wie ein billiger Comic-Strip: Zaghafte Heldin reitet in den Sonnenuntergang, wieder einmal allein.“
„Dann ändere etwas!“
Feigling!, schalt meine innere Stimme.
„Also gut, ich mach’s! Lass uns um eine Flasche Schampus wetten.“ Wir prosteten uns zu. „Was genau habe ich da eigentlich versprochen?“
„Dass du dir die Männer weniger zu Herzen und mehr zum Spaß nimmst.“
Ich nickte mit schon etwas weinseligem Kopf und hob die Hand. „Ich schwöre, Anni: Ab heute wird alles anders. Für die nächsten 365 Tage vergesse ich Drei-Gänge-Menüs mit Vorspeise, Nachtisch und dem ganzen Beziehungskram. Stattdessen Leben à la Carte, zumindest in Männerdingen. Schließlich kauft man ja auch keine Kuh, nur weil man mal Appetit auf ein Glas Milch hat, oder?“
Der Morgen danach bescherte mir einen mittelprächtigen Kater sowie die Erkenntnis, dass sich lange Nächte und Alkohol nicht mehr so gut vertrugen wie früher. Oh Mann, fühlte ich mich alt!
Heute war also wieder mal Valentinstag, an dem sich kein Single wirklich wohl fühlen konnte, weil einfach etwas fehlte. Es sei denn, man war 15 Jahre alt wie Svenja und wartete verliebt auf Nachricht von Dauerfreund Sascha. Die dann auch prompt kam, per SMS und nicht wie früher als Blume oder zartrosa Briefchen.
Da saß meine Süße, als könne sie kein Wässerchen trüben, mit frisch gefärbten Haaren (diesmal in Magenta-Rot) und genauso frisch lackierten Fingernägeln (Schwarz!) auf dem Kuschelsofa und blätterte den Anzeigenteil der Zeitung durch.
„Haushaltshilfe für Seniorenehepaar in Heißen gesucht – wäre das nicht was für dich, Mama?“, fragte sie unschuldig.
Ich verschluckte mich am Kaffee und musste husten, was meine Tochter offenbar nicht beeindruckte: „Oder das hier: Freundliche Bedienung für Biergarten gesucht, vorwiegend an Wochenenden und Feiertagen – klingt doch nach Geld!“
„Und sturmfreier Bude für dich und Sascha“, konterte ich. „Und überhaupt: Warum soll ich mir einen dritten Job suchen? Mit den Kassenschichten bei KESKO und den Thekenabenden im Fitness-Studio ist mein Soll wirklich erfüllt; wenn Robert endlich Unterhalt zahlen würde, wären wir auch aus den roten Zahlen raus. Und falls dir dein Budget nicht reicht: Frau Sanders aus der zweiten Etage fragt, ob du ihre Flurwoche übernehmen könntest, bringt einen Fünfer die Woche. Wenn du dich geschickt anstellst, lässt sich das bestimmt ausweiten.“
„Putzen? Nein danke, da gebe ich lieber weiter Nachhilfe.“
„Was ist an Putzfrau verkehrt?“
Svenja lief rot an. „Jetzt fang nicht wieder damit an, Mama! Wer sagt denn immer, dass ich auch andere Freunde als Sascha treffen soll? Wie soll ich da bitteschön auch noch arbeiten?“
„Ich wüsste da schon noch die eine oder andere Stunde, die man sinnvoller verbringen könnte als mit Musik hören oder knutschen.“
„Lass Sascha da raus, Mama. Halt dich lieber an meinen Erzeuger.“ Genervt verdrehte Svenja die Augen und sah ihrem Vater dabei ähnlicher, als ihr lieb wäre. „Wenn der sich endlich richtige Arbeit suchen würde statt auf Schauspieler zu machen, wären wir nicht chronisch klamm und keiner müsste arbeiten.“
Versuche nie, mit einen Teenager zu diskutieren!
Die Türklingel rettete mich. Ich hielt meine Kaffeetasse hoch und gurrte: „Gehst du?“
Doch Svenja schüttelte den Kopf. „Kann nicht, der Nagellack ist noch nicht trocken. Es sei denn, du magst schwarze Flecken auf den Möbeln ...“
Ich schluckte die Antwort herunter und machte mich auf zur Tür.
„Tag, Frau Grünberg-Becker“, flötete der Briefträger und hielt mir einen Stapel Briefe entgegen.
Vorsichtig, als könnte der obenauf liegende Umschlag plötzlich explodieren, nahm ich den Stapel entgegen.
„Handgeschriebene Briefe bekommt sonst nur meine Tochter“, versicherte ich, nickte dem Briefträger noch einmal zu und ging zurück in die Küche. Die anderen Briefe, einen amtlich wirkenden Umschlag in grauem Umweltpapier sowie mehrere verdächtig nach Rechnung aussehenden Schreiben, legte ich achtlos beiseite und starrte auf die Überraschung.
Sie war Rosa!
Welche alleinerziehende Frau bekommt schon rosafarbene Briefe, noch dazu am Valentinstag?
Eilig ging ich die Flirts der letzten Woche durch, öffnete das rosa Geheimnis und starrte belämmert auf zwei hochglanzbedruckte Flyer. ‚Hotel Aurora‘ stand in goldener Schnörkelschrift darauf. Und: Herzlichen Glückwunsch zum Unabhängigkeitstag.
Unabhängigkeitstag?
Falk! So etwas konnte nur meinem letzten Ex einfallen. Ich flitzte zum Kalender und blätterte zurück. Tatsächlich: 14. August, Trennungstag! Vor genau einem halben Jahr hatte ich mich nach kurzer, aber heftiger Affäre von meinem damaligen Chef, dem erfolgreichen Rechtsanwalt Dr. Falk Wunderland, getrennt. Wie konnte ich das nur vergessen? Wo Svenja mir diese Trennung bis heute vorwarf, war Falk doch der einzige meiner bisherigen Lebensabschnittsbegleiter, der mit Geld nicht knauserig umging. Und der Fantasie hatte, wie ich zugeben musste: Hotel Aurora!
Ich riss mich von der Erinnerung an den großen, schlanken Mann mit maßgeschneiderten Sakkos und heller werdendem Haar los. Was hatte er nur, dass ich immer wieder an ihn denken musste? Obwohl es wirklich genug Gründe gegeben hatte, mich von ihm zu trennen!
Ich setzte mich an den Schreibtisch und griff nach den Flyern. Auf der Rückseite des einen entdeckte ich ein mit einer rosa (!) Büroklammer befestigtes babyblaues Blatt Papier. Und wurde prompt rot. Wie konnte er nur? Ich hasste Babyblau!
Meine liebe Traumfrau! (Ach, auf einmal war ich also wieder die Traumfrau? Gerade nichts zu tun in der Kanzlei, oder wie?) Vor dreizehn Monaten wusste ich bereits, dass ich mit dir zusammen alt werden möchte. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn wir gestritten haben, bis die Fetzen flogen. Aber so war der Plan: Keine glattgebürstete Alltagsbeziehung, die jeden Tag gleich ist, und keine Drei-Tage-Regenwetter-Gesichter. Dann lieber regelmäßig einen Sturm und anschließend reine Luft.
Vor einem halben Jahr hatten wir ja leider keinen Kopf für die Tatsache, dass wir uns nach wie vor blendend ergänzen. Das möchte ich hiermit nachholen: Anbei findest du einen Gutschein für ein Wellness-Wochenende, das du nie vergessen sollst. Viel Spaß damit, meine Teure, und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag - Falk
P.S.: Svenja wird ja bald sechzehn und ist somit alt genug, um auch mal ein Wochenende allein zu bleiben. Mach dir also keine Sorgen und genieße dein Leben!“
„Alt genug, um ein Wochenende allein zu sein?“, schnaubte ich. „Wie allein ist man wohl, wenn man fünfzehn ist, heftig verliebt und sturmfreie Bude hat?“
Ich setzte den Brief ab und dachte an unseren letzten Streit. Wie immer war es um Kleinigkeiten gegangen: Falk hatte sich darüber aufgeregt, dass die Schreibarbeiten, die ich als seine Sekretärin erledigte, nicht rechtzeitig fertig geworden waren. Ich war wütend, weil er mich am Abend zuvor wieder einmal wegen einer Klientin versetzt hatte, und schon war der Abend dahin. Ein Wort gab das andere, und nach gegenseitigen Vorwürfen á la „Du bist chaotisch und unstrukturiert!“ – „Und du bist mit deinem Beruf verheiratet und langweilig!“, flog erst mein Glas an die Wand und dann seine fristlose Kündigung an meinen Kopf. Seitdem hielt ich mich mit einer Halbtagsstelle als Kassiererin und dem Aushilfsjob im Fitness-Studio über Wasser und träumte davon, dass Svenjas Vater ein Engagement bekommen und uns von all dem erlösen würde.
Meine Verlegenheit angesichts der rosafarbenen Liebeserklärung war auf einmal verflogen. Falk war einer der Gründe, weswegen ich heute Nacht den festen Beziehungen abgeschworen hatte. Trotzdem wollte ich sein Geschenk nicht ablehnen, dazu hatte ich Erholung viel zu nötig. Aber wen sollte ich mitnehmen? Schnell ging ich die wenigen Optionen durch: Meine Mutter? Oh nein, dafür war Lotta etwas zu – speziell. Dann vielleicht Svenja? Lieber nicht, zusammengepfercht auf magere 52 Quadratmeter gingen wir uns genug auf die Nerven. Blieb Anni, die treue Seele; mit ihr zusammen könnte so ein Wochenende richtig spannend werden, besonders in Anbetracht meiner neuen Vorsätze.
Ich betrachtete die bunten Flyer und verzog das Gesicht. „Einzelzimmer? Du Geizhals!“
„Mama, du bist unmöglich“, wetterte Svenja. „Freu dich doch über das unerwartete Geschenk, statt zu meckern. Aber wenn du nicht willst lass mich, ich fahre gern!“
„Von wegen!“ Vorsichtshalber hielt ich Gutschein und Brief über meinen Kopf und somit außerhalb ihrer Reichweite, woraufhin sie grinsend die restliche Post durchblätterte.
„Dr. Thea von Grünberg? Wer ist denn das?“
Mir wurde abwechselnd kalt und heiß, dann schnappte ich ihr den Umschlag aus grauem Umweltpapier aus der Hand. Das ausgerechnet dieser Brief mir entgehen konnte …
„Das geht dich gar nichts an!“, keuchte ich
Svenja machte einen langen Hals und las trotzdem. „PEPITA – Ist das nicht die neue Frauenzeitschrift, für die sie im Fernsehen grad Werbung machen?“
„Hast du eigentlich keine Hausaufgaben zu machen?“ Um Zeit zu gewinnen verzog ich mich mit dem Brief auf die Toilette, dem einzigen Ort, an dem ich ein paar Minuten Ruhe haben würde.
Da saß ich nun wie ein Schulmädchen vor der Zeugnisausgabe und starrte auf den Brief. Adressiert war er, wie Svenja richtig bemerkt hatte, an Dr. Thea von Grünberg - es wunderte mich, dass der Postbote es nicht bei meiner Mutter Lotta Grünberg abgegeben hatte, die am anderen Ende der Kruppstraße wohnte.
Vorsichtig zog ich den Brief heraus und faltete ihn auseinander:
Betrifft: Ihren Leserbrief zum Thema ‚Die neue Frau – Power statt Trauer’
Sehr geehrte Frau Dr. von Grünberg! Mit Begeisterung haben wir Ihren Leserbrief gelesen. Er hat die Redaktion zu so spannenden Gesprächen angeregt, dass wir ihn gleich in der nächsten Ausgabe veröffentlichen wollen. Nicht als Leserbrief, sondern als Leitartikel, als Beispiel dafür, dass wir wirklich ein „neues“ Frauenmagazin sind.
Darüber hinaus würden wir in unserer Rubrik „Neue Frau“ gern mehr aus Ihrer Feder bringen und laden Sie daher ein, bei einem persönlichen Treffen am 25. Februar um 11:00 Uhr in den Räumen unserer Frankfurter Redaktion darüber zu sprechen. Bis dahin herzliche Grüße aus Frankfurt - Andrea Calotti, Chefredaktion PEPITA
Atme, Yvi, Atme!
Geräuschvoll stieß ich die angehaltene Luft wieder aus. Was hatte ich getan? Einen frustrierten Leserbrief zum Thema „Frau von heute“ geschrieben, und jetzt wollten die mehr? Meine von Alltagssorgen geplagte Fantasie sah mich bereits als Mitarbeiterin eines jungen, dynamischen Teams und ließ die Sektkorken knallen. Freie Redakteurin der Frauenzeitschrift Pepita – war das jetzt das Tor zur Unabhängigkeit?
Träumer, schalt meine innere Stimme und verbot damit jede weitere Fantasie. Zumal Svenja an der Tür klopfte und die Rückkehr in die Welt der allein erziehenden und völlig überarbeiteten Mutter forderte – von wegen ‚Frau von Welt‘!
„Mama, beeil dich, ich muss auch mal. Dringend!“
Ich seufzte, drückte die Spülung und wischte zu allem Überfluss auch noch mit der Klobürste durch die strahlend weiße Keramik. Dann putzte ich meine Nase, zählte bis drei und öffnete die Tür. „So, du kannst ...“
„Na endlich! Hat ja Ewigkeiten gedauert!“ Svenja schoss an mir vorbei in den nicht eben großzügig angelegten Raum und drehte den Schlüssel herum. Das schien ja wirklich eilig zu sein!
In Anbetracht der Zeit, die Teenager in Bad und Toilette verbringen können, verzog ich mich in die Küche und suchte etwas zum Feiern. Im Kühlschrank musste noch der Piccolo sein, Überbleibsel der Weihnachtsfeier mit den Powerfrauen, einem Kreis allein erziehender Mütter, die sich vor Jahren gesucht und gefunden hatten und seitdem tatkräftig unterstützten. Anni und ich waren als einzige übrig, alle anderen räkelten sich längst wieder in festen Händen.
Der Sekt war rot.
Ich bewegte die Flasche und sinnierte. Rot wie ... die Liebe? Aber nein, danach war mir gerade nicht. Obwohl der Schwur, von nun an nur noch à la Carte zu genießen, anderes verlangte, schließlich war ich immer noch im besten Minirockalter und Svenja tatsächlich fast erwachsen. Beste Voraussetzungen also, um Anni und ihre Marktanalysen ernst zu nehmen.
Wie dann? Rot wie ... Signal? In einem Anfall von Übermut griff ich nach der Sektflöte, füllte das Glas und faltete den PEPITA-Brief auseinander. Er könnte tatsächlich alles verändern, die Eintrittskarte in ein neues Leben sein. In das der Frau Dr. Thea von Grünberg zum Beispiel, promovierte Kommunikations- und Sozialwissenschaftlerin, deren Lebenslauf es an nichts fehlen ließ. Deren kleinste Übung es war, neben Studium und Karriere in einer namhaften Firma auch noch zwei Kinder, die Pflege ihres versnobten Ehemannes und seiner kranken Mutter sowie das tägliche Lauftraining für den Berlin-Marathon unter einen Hut zu bringen. Und das alles mit einem Humor, den ich angesichts meiner eigenen Unzulänglichkeit wirklich nur noch als schwarz bezeichnen konnte.
Ich sah mich um. Haushalt? Karriere? Kinder? Ha! Perfekt war unser Haushalt wirklich nicht, dazu fehlte einfach die Zeit. Außerdem gab es täglich so vieles, das wichtiger war als ein lupenreiner Fußboden und streifenfrei glänzende Gläser. Svenjas Liebeskummer zum Beispiel, wenn sie wieder einmal Krach mit Sascha hatte, oder Anni mit ihrem untrüglichen Gespür für unpassende Momente. Oder ein Schmachtschinken im Fernsehen, bei dem man herzzerreißend heulen konnte und hinterher tagelang auf Wolken schwebte.
Egal, war ich halt nicht perfekt, was machte das schon? Svenja zumindest hatte es nicht geschadet, sie entwickelte sich prächtig. Etwas zu prächtig vielleicht angesichts der Kurven, die sich in letzter Zeit an ihrem sonst so straffen Körper zeigten. Hormone, entschied ich, und sehnte mich trotz aller guten Vorsätze nach einem Gegenüber, der auch nur ansatzweise so intensive Gefühle wecken konnte wie Sascha bei meiner Tochter.
Wie immer öffnete Svenja die Toilettentür so laut, als müsste sie gegen Militärflugzeuge antreten. Ich ließ die Pikkoloflasche in den Mülleimer gleiten, doch Svenja war nicht in Form.
„Mama, ich brauche neue Jeans, meine passen nicht mehr!“ Unglücklich fingerte sie am Bund herum.
„Schon wieder?“ Ich überschlug die restlichen Reserven und schüttelte den Kopf. „Zeig mal her, vielleicht ist ja nur der Reißverschluss kaputt.“ Doch Svenja wollte sich partout nicht anfassen lassen. „Vielleicht sollte ich dir besser ein Buch über Trennkost kaufen“, lästerte ich, „du hast tatsächlich zugenommen, vielleicht solltest du über das Gymnastikangebot im Fitness-Studio nachdenken. Ingo sucht gerade Schüler als Verstärkung im Thekenbereich, auf dem Weg könntest du den Monatsbeitrag abarbeiten und zusätzlich noch etwas verdienen.“ Ich kniff ein Auge zu und sah sie genau an. „Wo kommt denn dein Übergewicht auf einmal her?“
„Hab mit dem Rauchen aufgehört.“
„Seit wann rauchst du?“
„Seit du dumme Bemerkungen über meinen Körper machst!“, fauchte sie und stampfte in ihr Zimmer.
Chapeau!
Los, Yvi, denk nach!
Den PEPITA-Brief fest zwischen den Zähnen, durchwühlte ich meinen Schrank und überlegte, was ich zu dem Vorstellungsgespräch in Frankfurt anziehen sollte. Der Termin war zwar erst in zwei Wochen, aber in der Kasse war Ebbe und Nachschub nicht in Sicht.
Das Ergebnis der Kleiderschau war traurig: Meine Garderobe ähnelte so gar nicht dem Outfit, das ich bei einer Frau Dr. Thea von Grünberg für angemessen hielt. Oder vielleicht doch? Prüfend ließ ich die edlen, wenn auch abgetragenen Stoffe durch die Finger gleiten. Vielleicht ließ sich das eine oder andere Teil ja mit Markenklamotten aus dem Second-Hand-Laden aufpeppen? Svenja hatte es gerade vorgemacht und eine todschicke Jacke zu ihrem Lieblingskleid gekauft, die sie nun wegen der neuen Figur beide nicht mehr tragen konnte. Schade!
Apropos Svenja, warum eigentlich nicht? Trotz schlechter Laune war sie bestimmt ein guter Berater in Sachen Outfit, immerhin war Samstag und sie hatte keine Schule.
Ich machte mich also auf in Richtung Kinderzimmer.
„Svenja?“
„Was ist?“
„Kommst du mit einkaufen?“
„Was denn?“
„Klamotten.“
„Für wen?“
Gab es eine diplomatische Antwort? Nein. „Für uns beide, denke ich.“
„Und was?“
„Was zum Anziehen, hab ich doch gesagt.“
Pause.
Ich dachte schon, das Thema sei beendet, da öffnete sich die Tür und Svenjas verquollenes Gesicht sah heraus. „Und wieso auf einmal?“
„Weil ich dringend etwas Neues brauche und nicht allein gehen will, darum. Außerdem brauchst du tatsächlich eine neue Hose, die hier ist definitiv zu eng.“
Prompt knallte die Zimmertür zwei Zentimeter vor meiner Nase ins Schloss. Der Hinweis auf ihre Figur war wohl nicht gut angekommen.
Na gut, dann eben nicht! Aber wer dann? Verschieben ging nicht, weil bereits am Abend der Job an der Studiotheke auf mich wartete, der diesen Monat unsere Miete sichern würde. Allein ging aber auch nicht, und so dachte ich einen Augenblick lang darüber nach, meine Mutter Lotta mitzunehmen, ließ den Gedanken aber gleich wieder fallen. Nicht genug, dass Lotta sich bereits früh die Anrede ‚Mama‘ verbeten hatte, weil es sie angeblich so alt machte, quälte sie mich jetzt noch damit, nicht zu ihrer Altersgruppe zu gehören. Wie sollte das erst werden, wenn sie wirklich alt war?
Die Zeit drängte; wenn ich heute noch an ein Outfit für das PEPITA-Gespräch kommen wollte, brauchte ich einen Stil-Berater. Außerdem brannte der Brief wie Feuer in meinem BH, Geheimversteck für alles, was Svenja nicht finden sollte. Und ‚geheim‘ führten mich unweigerlich zu Anni.
Warum eigentlich nicht?
Weil Anni eine gute Mutter ist und ihre acht Jahre alten Jungs am Wochenende nicht allein zu Hause lässt und deshalb mit Sicherheit keine Zeit hat, um mit dir shoppen zu gehen!, antwortete die Stimme in meinem Kopf.
Nein, ich leide nicht an Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Ein etwas ruppiges und vorlautes Über-Ich vielleicht, das gnadenlos alle Schwächen und jeden Patzer ans Tageslicht zerrte und sezierte, mehr nicht. Es erscheint mit Vorliebe dann, wenn man es nicht erwartet und schon dreimal nicht brauchen kann. Es schleicht sich von hinten an, um einem das Messer direkt ins Herz zu stoßen, und bohrt mit Vergnügen in nicht verheilten Wunden herum, bis sie wieder bluten. Weshalb ich der Stimme schon früh den Namen Beelzebub gegeben hatte.
„Ach was, einen Versuch ist es wert!“, schob ich seine Bedenken beiseite und drückte Annis Nummer.
„Anni Weiler ...“, kam es vom anderen Ende.
Diplomatisch lud ich die Freundin auf einen Kaffee in die Stadt ein. „Zur Belohnung gibt es auch ein Geheimnis!“, lockte ich.
„Geheimnis?“ Ich konnte förmlich sehen, wie Anni sämtliche Informationen der letzten Woche durchratterte. „Was für eins?“
„Komm mit, dann weißt du es. Als Erste!“ Das musste einfach ziehen, Mutterliebe hin oder her.
„Wirklich? Als Erste?“
„Wenn ich es doch sage. Und nun red‘ nicht lange, sondern ruf jemanden an, der auf die Zwillinge aufpasst, bevor ich es mir anders überlege.“
„Wehe!“ Anni verschluckte sich fast an ihrem Lachen. „Lass mir ein paar Minuten Zeit, ja? Aber einen klitzekleinen Hinweis sollte ich schon haben, damit ich mich auch richtig ins Zeug lege.“
Ich wand mich. Einerseits konnte ich mir im Moment kaum etwas Schöneres vorstellen, als das lange gehütete Geheimnis um den PEPITA-Frustbrief endlich mit jemandem teilen zu können. Andererseits hatte ich mich noch immer nicht entschieden, wie ich meine eigene Rolle in diesem Spiel bewerten sollte. Naivchen im Höhenrausch? Unerkanntes Genie? Letzteres hätte mir schon gefallen, doch ich widerstand der Versuchung und sagte nur: „Gib Gas!“
Anni wartete schon und trug zur Feier des Tages lauter Lieblingssachen: Die knallorangefarbene, superbequeme Baumwollhose mit Gummizug, kombiniert mit einem lockeren, buttergelben und mit großen Blumen verzierten Seidenshirt. Alles in XXXL, obwohl eine Nummer kleiner auch gereicht hätte, aber Anni lag sehr daran, ihren fülligen Körper durch locker fallende Klamotten zu kaschieren. Das aschblonde Haar war zu einem Pferdeschwanz verknotet und mit diversen, farblich abgestimmten Bändern und Klammern geschmückt.
„So“, ächzte Anni und quetschte sich auf den Beifahrersitz. „Jetzt schieß los: Was für ein Geheimnis ist es, das du nicht mal deiner Mutter erzählt hast?“ Da ich nicht gleich antwortete, verzog sie das Gesicht. „Oder doch?“ Drohend fuchtelten ihre fleischigen Hände voll klimpernder Ringe und Armbänder vor meiner Nase herum. „Wehe, wenn alle anderen längst Bescheid wissen!“
„Lass mich aus dieser Spielstraße herauskommen, dann kriegst du deine Sensation!“, versprach ich.
Anni gab sich vorerst damit zufrieden und betrachtete mich von oben bis unten. „Wie machst du das nur?“, fragte sie und zeigte auf meine von Natur aus dunklen Wimpern und Augenbrauen. „Unsereins muss stundenlang mit Wimpernzange und Tusche vor dem Spiegel stehen, und du brauchst nix machen, das ist ungerecht!“ Da Anni Jeans todlangweilig fand, zeigte sie sich über meinen aktuellen Kaufrausch erfreut. „Neue Kluft fällig?“, fragte sie scheinbar unbeteiligt.
Ich nickte.
„Neuer Freund?“
Ich schüttelte den Kopf und verpasste den Moment, in dem die Ampel von Rot auf Grün sprang. Mein Lupo stotterte, machte ein paar Sätze und ging aus. Mitten auf der Kreuzung. Wie peinlich! Zu allem Überfluss überholte noch ein junger Bursche mit Motorrad und hupte ungeduldig.
Anni drehte das Fenster herunter und zeigte ihm den Stinkefinger.
„Ich dachte, man soll Kindern immer ein Vorbild sein“, stichelte ich.
„Siehst du hier welche?“ Ungerührt kurbelte sie das Fenster wieder hoch und bohrte weiter. „Los, sag: Wer ist es?“
„Wer ist was?“
„Jetzt tu doch nicht so: Wer außer einem Mann könnte eine Powerfrau wie dich so aus der Bahn werfen, dass sie ihre Garderobe wechselt?“
„Schon mal an eine Frau gedacht?“
„Eine Frau? Echt? Was für eine?“
Annis Gesicht war zu köstlich, und so gab ich auf. „Sie heißt Dr. Thea von Grünberg, ist studierte Sozialwissenschaftlerin und hat einen ziemlich gewagten Artikel zum Thema ‚Frau von heute‘ geschrieben.“
„Du kennst Leute …“
„Du ja auch.“
Ihre Augen quollen zusehends aus den Höhlen. „Ich kenne ja viele, aber so jemand sicher nicht!“
„Denk doch mal nach: Grünberg, sagt dir das denn gar nichts?“
Vor Anstrengung begann sie zu schwitzen. „Natürlich, Grünberg ist dein Mädchenname. Aber was ist mit Thea und der Frau Doktor? Sollte es da studierte Verwandtschaft geben, die du mir bisher unterschlagen hast?“
Ich schüttelte den Kopf, konnte mir aber ein Grinsen nicht verkneifen. „Kalt, Anni, ganz kalt.“
Annis Stirn zeigte erste Unmutsfalten, während sie an den Fingern aufzählte: „Sie heißt wie du, ist aber keine Verwandtschaft. Deine Mutter ist es auch nicht, die heißt Lotta und arbeitet im Kindergarten. Von einer studierten Verwandten habe ich noch nie etwas gehört, denn die einzige Grünberg, die jemals zur Uni gegangen ist, du bist. Auch wenn es nur zwei Semester waren, weil du danach mit Windelwechseln beschäftigt warst statt mit Studieren.“ Nun zeigte ihr Finger auf mein Gesicht und blieb zitternd in der Luft stehen. „Gestehe!“
„Alles was du willst“, gluckste ich und hupte, als ein schwarzer Sportwagen mir in der autoreichen Innenstadt die Vorfahrt nahm. „Also gut: Ich bin das.“
Annis Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Ich lachte, streichelte über ihren Arm und erzählte endlich die ganze Geschichte mit dem absolut geheimen Frustbrief an PEPITA. Weil mich deren Aufforderung, zu schreiben, was die Frau von heute wirklich denkt, tierisch aufgeregt hatte und ich unbedingt ein paar dumme Sprüche los werden wollte.
„Warum?“
„Weil mein eigenes Leben so ganz anders verlaufen ist als geplant. Und weil mir eine Idee fehlt, wie ich da wieder raus kommen soll. Wer konnte denn ahnen, dass die den Brief für echt halten?“
„Und? Haben sie ihn genommen?“ Annis Blick hing gespannt an meinen Lippen.
„Jaaa ...“
„Was heißt Jaaa? Haben sie oder haben sie nicht?“
„Mehr als das: Sie wollen sich mit mir treffen! Vielleicht legen sie ja noch eine Stelle als freie Mitarbeiterin drauf.“
„Freie Mitarbeiterin? Bei PEPITA?“
Ich nickte. „Sie wollen mehr solcher Artikel haben.“
„Yvi, du hast mehr Glück als Verstand!“ Anni klatschte vor Freude in die Hände. „Das ist doch toll! Weiß gar nicht, warum du so mopsig guckst, das rettet euch vielleicht das Leben!“
„Das Leben vielleicht nicht, aber möglicherweise die Stromrechnung für diesen Monat.“
„Und? Was bringt er?“
„Bringt wer?“ In Gedanken überschlug ich bereits die überfälligen Rechnungen.
„Der Artikel natürlich. Was kommt dabei raus? Euro, Dollar, Cash, mein Hirn verlangt nach Zahlen, Süße!“
Geld? Davon hatte in dem Schreiben gar nichts gestanden.
„Für eine neue Jeans und einen Blazer zum Vorstellungsgespräch sollte es reichen.“
„Du weichst mir aus!“ Sie fixierte mich wie die Amsel den Wurm. „Unterschlägst du mir da gerade ein paar pikante Details?“
„Ich hab gelogen.“
„Gelogen? Was heißt das genau?“ Ihre Augen funkelten schon wieder. „Du meinst abgeschrieben? Darüber mach dir mal keine Sorgen, das interessiert niemanden. Solange du kein Politiker bist zumindest.“
„Hach, wenn es nur das wäre!“ Ich ging vom Gas und suchte nach einem Parkplatz in der Nähe des Forum.
„Jetzt ist Schluss mit lustig, Yvi! Was genau ist so schlimm daran, deinen Mädchennamen zu benutzen? Ist sowieso längst fällig nach fünfzehn Jahren.“
„Ich hab ja auch meinen zweiten Vornamen benutzt, Theresa.“
„Na und? Ist doch ein cooler Name, kommt wieder in Mode.“
„Yvonne Theresa Becker, geborene Grünberg“, ergänzte ich.
„Und das von und die Frau Doktor?“
„Gelogen.“
„Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
Ich versuchte, das Auto in eine freie Parklücke zu bugsieren und gleichzeitig der Freundin einen Knuff zu geben, was natürlich misslang. Ein quittegelber Smart nutzte die Sekunde der Unentschlossenheit, zog an uns vorbei und parkte ein.
„He, das ist unserer!“, protestierte Anni.
„Das war unserer“, stellte ich richtig. „Jetzt reg dich ab, da hinten ist noch einer. Den Rest sollten wir bei einem Kaffee besprechen, dann kannst du auch den ganzen Artikel lesen, der wird im nächsten PEPITA-Heft sowieso gedruckt.“
Dank Annis hervorragender Laune wurde der Nachmittag ein richtig schönen Tag. Sie verschlang den PEPITA-Brief und lachte herzlich über meine Aufschneiderei. Anschließend war sie mehr als bereit, mich bei der Wahl des neuen Outfits zu beraten. Schweren Herzens verzichtete ich auf eine dunkle, ¾ lange Jeans und kaufte stattdessen einen sexy schwarzen Minirock französischer Herstellung, dazu ein buntes Seidentop aus Italien und einen gut erhaltenen, farblich exakt abgestimmten kurzen Leinen-Blazer aus Österreich.
„Multi-Kulti!“, brummte ich zufrieden. „Alles aus der Second-Hand-Boutique. Und auf Pump, leider!“
„Ach, mach dir darüber keinen Kopf, Yvi. Wozu hat man schließlich Freunde?“
Außen Hui, Innen Pfui?, fuhr mein schlechtes Gewissen mich an, als ich die neue Kluft später im Schlafzimmerspiegel bewunderte. Was mich zutiefst verunsicherte.
„Und du glaubst, das trägt die selbstsichere und erfolgsverwöhnte Karrierefrau heute?“ Ehrlich gesagt zweifelte ich an Annis Kompetenzen in Sachen Karrierefrau, vielleicht hätte ich doch Svenja mitnehmen sollen.
„Klar!“ Die Powerfrau hatte ihren fülligen Körper bereits auf mein französisches Bett gewuchtet und blätterte, die Beine lässig untergeschlagen, in der zuvor erstandenen neuesten Ausgabe von PEPITA. „Oder würdest du dich so etwa wohler fühlen?“ Sie zeigte auf ein verhungert wirkendes Model, dessen Hüften provozierend eckig aus einer Jeans hervorstachen, die etwa Kindergröße 156 entsprach. Höchstens!
Neidisch?
Ich warf einen Blick auf das Foto und schüttelte den Kopf. „Nein danke, schließlich bin ich in Ehren 35 geworden und brauche mich nicht mehr in viel zu enge Kleidungsstücke zwängen wie Svenja. Die Süße hat ordentlich zugenommen in letzter Zeit, und wenn ich was sage, tickt sie aus. Ob ich deutlicher werden soll?“
„Um Himmels willen, bist du verrückt?“ Anni strich sich über die Stelle, an der bei anderen Frauen die Taille sitzt. „Mach dir darum keine Sorgen, Yvi, in der Pubertät ticken die Hormone anders. Oder ist sie etwas schwanger?“
„Mal den Teufel nicht an die Wand!“ Halb verärgert, halb belustigt warf ich der Freundin das gerade ausgezogene Top an den Kopf. „Ich hab schon genug Probleme.“
Die Musik aus dem Kinderzimmer hämmerte in einer Lautstärke, die ich nicht länger tolerieren konnte. „Svenja!“, brüllte ich wenig pädagogisch und hämmerte mit der Faust gegen ihre Tür. „Mach die Musik leiser, oder ...“
„Oder was?“
„Wirst du schon sehen.“
Es folgten undefinierbare Geräusche, dann Schritte in Richtung Tür, und schon wurde sie geöffnet. Ehe Svenja mit einer dummen Bemerkung Streit anfangen konnte, drängte Sascha an ihr vorbei in den Flur.
„Tach zusammen“, grüßte er freundlich und griff nach seiner schwarzen Lederjacke. „Bin auf dem Sprung nach Hause, muss nur vorher noch schnell einkaufen.“
So so, einkaufen nennt man das, stichelte Beelzebub, Annis Bemerkung war Wasser auf seine Mühlen.
Doch Saschas Schopf stahl ihm die Show. „Kleinen Unfall gehabt?“, fragte ich und zeigte auf den Streifen giftig grüner Haare, die wie ein Straßenbesen aus dem sonst kahl geschorenen Haupt herausragten.
„Nee, Absicht!“ Svenja stellte sich schützend neben ihren Freund und fuhr ihm mit den Fingern durch die Borsten. „Wenn seine Eltern ihm schon das Tattoo nicht erlauben wollen ...“
„… dann muss es eben eine scheußliche Frisur sein, verstehe. Und ihr meint, grüne Haare stimmt sie um?“
Sascha schüttelte den Kopf. „Eher nicht. Aber vielleicht ärgern sie sich ja, dass sie mir die Unterschrift für das Tattoo nicht gegeben haben, wär nämlich an nicht ganz so öffentlicher Stelle gewesen.“
„Keine Einzelheiten bitte.“
Anni wollte Blut sehen: „Und was ist, wenn sie sich nicht aufregen?“
Der Junge zuckte mit den Schultern. „Dann muss ich mir eben was Neues ausdenken, vielleicht ein selbstgemachtes Piercing durch die Wange oder so. Hauptsache schön auffällig!“
„Tut scheußlich weh!“, kommentierte Svenja und zerfloss vor Mitleid. „Hoffentlich zwingen sie dich nicht dazu!“
Ich verabschiedete Sascha mit einem Zucken um die Mundwinkel. „Dann wollen wir mal hoffen, dass deine Eltern sich gehörig erschrecken, sonst sehen wir dich eines Tages noch als gespickten Hasenrücken wieder.“
Was Anni keine Ruhe ließ. „Schmuckes Kerlchen, dieser Sascha“, sinnierte sie später. „Hast du gar keine Bedenken, wenn er hier den ganzen Tag mit Svenja allein rumhängt?“
„Sascha? Quatsch, der gehört doch zur Familie. Außerdem nimmt Svenja die Pille.“
„Seit wann?“
„Seit ein paar Wochen. Wegen der Pickel.“
„Und du hältst sie für zuverlässig, was die Einnahme angeht?“ Anni zog eine Schnute. „Wenn du meinst. Aber denk daran: Tausend Mal berührt, Tausend Mal ist nichts passiert. Tausendundeine Nacht – und es hat Zooom gemacht!“ Leise sang sie den Song von Klaus Lage und grinste gehässig.
„Warte nur, bis deine beiden Jungs so weit sind“, konterte ich und stapfte zurück ins Schlafzimmer. „Dann räche ich mich bitterlich!“
Am Abend musste ich die Beichte fortsetzen: Svenja hatte den Brief gefunden und forderte Aufklärung. Dabei fand sie meinen zweiten Vornamen spannender als den Schwindel mit dem falschen Titel.
„Du heißt echt Theresa? Krass!“
„Die Redaktion von PEPITA hat es geglaubt und denkt nun allen Ernstes, dass ich eine adlige Karrierefrau mit Doktortitel bin und es zu meinem Lebensziel erkoren habe, andere weibliche Wesen aus ihrem Mäusedasein herauszuholen.“
„Mäusedasein?“
„So habe ich das in meinem Leserbrief genannt, ja. Den hatte ich eigentlich satirisch gemeint und über das typisch weibliche Rollenbild hergezogen. Dass Frauen an ihrer Doppelrolle als Mutter und Karriereweib verzweifeln, statt ihre persönlichen Stärken zu nutzen und beides in Einklang bringen, und dabei auch noch glücklich und erfolgreich wirken, schließlich sind wir multitaskingfähig. Du kennst das ja.“
Svenja pfiff leise und lehnte sich im Sessel zurück. „Das wird vielen Männern nicht gefallen.“
„Den Frauen dafür umso mehr, ich konnte es kaum glauben. Nicht nur, dass die Redaktion meinen Frustbrief als Titelbeitrag bringt, sie wollen sogar mehr. Und Geld gibt es auch noch!“
„Warum sagst du ihnen nicht einfach, dass du gar keine Frau Doktor bist?“
„Weil sie ihr Angebot dann vielleicht wieder zurückziehen, und das können wir uns angesichts unserer finanziellen Situation nicht leisten.“
Svenja nickte, forderte die frisch erstandenen Klamotten zu sehen und übte sanfte Kritik. „Top und Blazer sind okay, Mama, aber der Rock geht gar nicht. Schließlich bist du keine zwanzig mehr.“ Jaja, Kinder können grausam sein! Mit geübtem Blick ging sie meine Garderobe durch. „Wenn du wirklich als Frau Doktor auftreten willst, solltest du deinen Jeansfimmel ablegen. Frag doch mal Lotta, die hat sich eine echt coole Hose gekauft; sie leiht sie dir bestimmt, wenn du fragst.“
„Lottas Klamotten? Nie im Leben!“ Ich wedelte mit den Händen vor Svenjas Nase herum, als könnte ich den Namen damit ausradieren. „Ich liebe meine Mutter, aber das geht zu weit. Sobald Lotta von dem Brief erfährt, bin ich tot - versprich mir, dass du ihr nichts sagst!“
„Also gut, versprochen. Aber auf Jeans solltest du echt verzichten, wenn du als Frau Doktor durchgehen willst. Und was Lotta angeht – sag ihr einfach, dass du dich wieder mit Falk treffen willst, dann wird sie schnurrig wie eine Katze.“
„Was weißt du denn über Falk?“
„Denkst du, ich weiß nicht, dass du immer noch auf ihn abfährst? Solange ihr miteinander ausgegangen seid, warst du echt besser drauf.“
„Was geht dich mein Liebesleben an?“
„Du bist nicht wirklich informiert über Jugendliche, oder?“ Mit diesem höchst beunruhigenden Kommentar ließ Svenja mich stehen und schaltete den Fernseher ein.
Ungeduldig trommelten meine Finger auf dem Steuer herum. Halb vier, hatte Lotta gesagt, und jetzt war es schon zehn vor!
