Widdershins - Whyborne & Griffin - Jordan L. Hawk - E-Book

Widdershins - Whyborne & Griffin E-Book

Jordan L. Hawk

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Liebe ist gefährlich. Seit dem tragischen Tod des Freundes, den er verehrte, hat Percival Endicott Whyborne gnadenlos jeden Wunsch nach einem anderen Mann unterdrückt. Stattdessen verbringt er seine Tage, indem er tote Sprachen studiert. Als der gutaussehende Griffin Flaherty bei ihm auftaucht, um ein mysteriöses Buch übersetzen zu lassen, will Whyborne den Job so schnell wie möglich beenden und den Detektiv loswerden. Denn Griffins frecher Charme droht Whybornes eiserne Kontrolle zu zerbrechen. Aber als sie Hinweise auf einen mächtigen Kult aufdecken, der dazu bestimmt ist, die Welt zu beherrschen, muss Whyborne wählen: in Sicherheit allein zu bleiben oder alles für den Mann zu riskieren, in den er sich verliebt hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jordan L. Hawk

Widdershins

Whyborne & Griffin Nr. 1

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2017

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Widdershins – Whyborne & Griffin Vol. 1

2012

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte

© Andrey Kiselev – fotolia.com

© Art of Photos – shutterstock.com

© Jakub Krechowicz – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-132-1

ISBN 978-3-96089-133-8 (epub)

Inhalt

Ein zurückgezogen lebender Gelehrter. Ein Privatdetektiv. Und ein Zauberbuch, das die Welt zerstören könnte.

Liebe ist gefährlich. Seit dem tragischen Tod des Freundes, den er verehrte, hat Percival Endicott Whyborne gnadenlos jeden Wunsch nach einem anderen Mann unterdrückt. Stattdessen verbringt er seine Tage, indem er tote Sprachen studiert.

Als der gut aussehende Griffin Flaherty bei ihm auftaucht, um ein mysteriöses Buch übersetzen zu lassen, will Whyborne nur eins: den Job so schnell wie möglich beenden und den Detektiv loswerden.

Kapitel 1

Ich war spät dran für meine Verabredung mit einem toten Mann.

Auch wenn der fragliche Mann vor etwa viertausend Jahren in Ägypten gestorben war, hatte er lebende Vertreter. Nämlich Dr. Hart, den Direktor des Nathaniel R. Ladysmith Museums, der wegen meines verspäteten Eintreffens auf der Personalversammlung der gesamten Belegschaft nicht sehr freundlich aussehen würde.

Ich lief die Merry Cat Lane hinunter zum wartenden Omnibus, meine Arme voller Bücher und loser Notizen. Ich hatte nicht dran gedacht, in der Nacht zuvor den Wecker zu stellen, war in meinen Übersetzungen von Hieroglyphen gefangen, bis ich in meinem Sessel eingenickt war. Jetzt eilte ich in dem Anzug, in dem ich geschlafen hatte, zur Arbeit, meine Wangen zeigten eine hastige Rasur und ich hatte weder Kaffee noch Frühstück gehabt.

Eine Gruppe Büroangestellter kletterte in den Bus. Ich versuchte, nach ihnen einzusteigen, aber der Schaffner versperrte mir den Weg. „Es tut mir leid: alles besetzt.“

„Aber –“

Der Kutscher schwang die Peitsche und der Bus fuhr davon, schleuderte Schneematsch von der Straße auf meine Hose.

Ich schluckte einen Fluch herunter und korrigierte den Griff um meine Notizen und Bücher. Sehr gut. Ich würde eben einen schönen, flotten Spaziergang quer durch die Stadt mit vierzehn Kilogramm Papier unter dem Arm genießen. In meinen nun matschgetränkten Schuhen. Der perfekte Start in die Arbeitswoche.

Am Ende des Blocks tauchte ich in die Menge entlang der River Street, der Hauptstraße, die durch das Zentrum von Widdershins verlief. Eine Gruppe rau aussehender Männer, gekleidet für die Arbeit in der Konservenfabrik, rempelte mich an; ich murmelte eine Entschuldigung und wich einer Schar plappernder Verkäuferinnen aus. Droschken rasten ungeachtet der Fußgänger die Straße auf und ab, samtiger Duft von Kaffee und Gebäck wehte aus einem Café herüber und konkurrierte mit dem allgegenwärtigen Geruch von Fisch. Zeitungsjungen brüllten die Schlagzeilen aus jeder Ecke: „Polizei ratlos wegen Grabraub! Leichnam des Widdershins Gründers immer noch vermisst!“

Etliche Häuserblocks lagen zwischen meiner Wohnung und dem Ladysmith. Als ich die große Eingangstreppe hochsprintete, war ich völlig außer Atem. Mr. Rockwell, der Sicherheitschef, warf mir einen strengen Blick zu, weil ich durch das große Foyer hetzte, ohne auch nur einen Blick auf das Hadrosaurus Skelett, das die Besucher begrüßte, zu werfen.

„Dr. Whyborne“, sagte er, als ob er vermutete, ich könnte im Museum Zuflucht suchen, nachdem ich dem Schauplatz eines besonders abscheulichen Verbrechens entflohen war.

Ich nickte, als ich die Personaltür an der Rückseite der Galerie öffnete, zu sehr außer Atem, um seinen Gruß zu erwidern. Sein Blick ruhte auf mir, bis ich die Tür zwischen uns schloss.

Den öffentlichen Bereichen – und Rockwells Kontrolle – sicher entronnen eilte ich durch den hinteren Flur in Richtung des großen Konferenzraums. Maggie Parkhurst, eine der Büroassistentinnen, rief mich, als ich an ihrem Schreibtisch vorbeihetzte.

„Dr. Whyborne – Ihr Hut und Ihr Mantel?“

„Oh! Äh, ja.“ Schlimm genug, dass ich zu spät zur Sitzung kam; aber es war nicht nötig, noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich schälte mich hastig aus Hut und Mantel und gab sie in ihre wartenden Hände, jonglierte dabei meine Last der Papiere und Bücher von einem Arm zum anderen. „D–danke, Miss Parkhurst.“

„Selbstverständlich, aber Sie beeilen sich besser – die sind bereits seit fünfzehn Minuten dort drin.“

Verdammt. Vielleicht könnte ich mich leise hineinstehlen, einen freien Platz finden und der Aufmerksamkeit des Direktors entkommen. Vorsichtig öffnete ich die Tür und schlüpfte durch den schmalen Spalt. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich erstarrte wie eine Antilope, die auf eine Lichtung wandert, nur um zu erkennen, dass die Löwen bereits warten.

Alle Kuratoren sowie die Abteilungsleiter, Assistenten und Praktikanten waren anwesend, wirklich jeder mit Ausnahme des Büro-, Haus- und Bibliothekspersonals. Einige von ihnen schauten gelangweilt, andere ungeduldig und wieder andere amüsiert. Keiner wirkte besonders freundlich.

Nicht, dass ich das anders erwartet hätte.

„Da sind Sie ja, Dr. Whyborne! Wir haben auf Sie gewartet“, sagte der Direktor unwirsch.

Dr. Hart sah eher wie ein großes Walross aus, das man in einen teuren, jedoch konservativen Anzug gesteckt hatte. Die Wirkung war zum Teil seinem extravaganten Schnurrbart geschuldet und teilweise der Fülle seines Körpers. Er stand auf der Stirnseite des Raumes neben einem Mann, den ich nicht kannte.

„J–ja“, stammelte ich. Ich konnte mir nicht vorstellen, warum der Direktor bei einem Meeting auf mich warten sollte, vor allem bei einem, das die ägyptische Gala betraf. Ich war wohl kaum der wichtigste Mitarbeiter, der daran arbeitete. „Äh, die U–Uhr, ich meine, der Alarm, er, äh …“ Meine Ohren wurden unangenehm warm und ich schlich in Richtung des nächsten freien Stuhls.

„Setzen Sie sich noch nicht, Whyborne“, befahl der Direktor und winkte mich nach vorne. „Wir haben vor der Sitzung etwas Geschäftliches mit Ihnen zu besprechen.“

Ich konnte mir nicht vorstellen, welches Geschäft mich betreffen würde. Mein ganzes Leben hatte ich dem Versuch gewidmet, dafür zu sorgen, dass Geschäfte mich, wann immer möglich, nicht betrafen. Dennoch blieb mir nichts anderes übrig, als unter den auf mich gerichteten Augen all meiner Kollegen an den langen Tischen vorbeizugehen. Ich zog instinktiv meine Schultern hoch und zermarterte mir mein Hirn. Was hatte ich getan, um jemanden auf mich aufmerksam zu machen, ganz zu schweigen vom Direktor? Sicherlich nicht mein letzter Artikel im Journal of Philology; meine Schlussfolgerungen über die Ursprünge der phönizischen Sprache könnten anstößig gewesen sein, aber nicht so weit außerhalb der Grenzen der Schulmeinung, dass der Ruf des Museums geschädigt werden könnte.

Der Fremde schenkte mir ein freundliches Lächeln, als ich mich zu ihnen gesellte. Er war sehr gut aussehend, obwohl sein kastanienbraunes Haar länger war, als die Mode es normalerweise erlaubte. Vielleicht war er frisch aus dem Westen, wo Bill Hickocks fließende Locken den neuesten Trend vorgaben.

Ach du lieber Gott, hatte ich vergessen, meine Haare zu kämmen? Wegen ihrer bedauerlichen Tendenz, gerade nach oben zu stehen, es sei denn durch große Mengen von Makassar-Öl gezähmt, konnte das nicht wirklich etwas ausmachen. Was eigentlich kein großer Trost war.

„Mr. Griffin Flaherty“, sagte der Direktor, „erlauben Sie mir, Ihnen Dr. Percival Endicott Whyborne, unseren vergleichenden Sprachwissenschaftler, vorzustellen.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Dr. Whyborne“, sagte Mr. Flaherty und streckte eine Hand aus. Da ich keine andere Wahl hatte, verlagerte ich die Masse von Papier und Büchern auf meinen linken Arm und streckte meine Hand aus.

Ein Buch in der Mitte des Haufens begann herauszugleiten; ich fummelte herum, um nicht alles fallen zu lassen, aber einen Augenblick später purzelte der ganze Stapel in einer Folge lauter Schläge auf den Boden.

Mehrere meiner Kollegen brüllten vor Lachen. Dr. Putnam gab einen resignierten Seufzer von sich und das Kichern konnte nur von Mr. Osborne sein.

Die Hitze breitete sich von den Ohren bis zu meinem Gesicht aus, als ich auf die Knie fiel und in aller Eile begann das Chaos aufzusammeln. Vielleicht würde ein Blitz im Museum einschlagen oder eine Katastrophe würde den Boden unter mir öffnen.

„Lassen Sie mich Ihnen helfen“, bot Mr. Flaherty an.

„Nicht nötig, äh, ich habe …“

Aber er war schon auf den Knien und sammelte lose Papiere auf. „Unsinn. Es war mein gedankenloses Handeln, das das Unglück verursacht hat; Sie müssen mir erlauben, das wieder gutzumachen.“

Aus der Nähe betrachtet wurde mein erster Eindruck seiner Schönheit nur noch verstärkt. Seine Augen waren grün wie Malachit, durchzogen von Sprenkeln in Rostbraun und Lapislazuli, und er hatte kleine Fältchen in den Augenwinkeln, wenn er lächelte. Er besaß eine gerade Nase, feste Lippen und leicht gebräunte Haut mit Sommersprossen auf seinen Wangenknochen. Zu einem schlichten grauen Anzug, der von einer schneidigen blauen Weste aufgehellt wurde, trug er eine Krawatte passend zur Farbe seiner Augen. Überhaupt nicht wie mein schlaksiges, hässliches Selbst. Ich wandte rasch mein Gesicht ab, sammelte meine Bücher und Papiere auf und nahm den Stapel, den er zusammengetragen hatte.

Er erhob sich mithilfe eines robusten Stocks, den ich vorher nicht bemerkt hatte: Ebenholz mit einem schweren silbernen Knauf. Seine Größe war durchschnittlich, der Körper unter dem Anzug wohlgeformt und breitschultrig. Ich zog die Schultern hoch und versuchte, ihn nicht zu überragen, obwohl ich das bei über 1,83 m nicht wirklich verhindern konnte.

„Wenn Sie fertig sind“, sagte Dr. Hart, als ob ich mich absichtlich zum Affen gemacht hätte, „lassen Sie uns zur Sache kommen. Mr. Flaherty ist Privatdetektiv im Dienste von Mr. Rice.“

„Dem Kurator?“, fragte ich. Wofür brauchte einer der Kuratoren des Museums einen Detektiv? Wenn jemand etwas aus dem Ladysmith gestohlen hätte, würde sich doch sicherlich Mr. Rockwell mit der Sache befassen.

Und was in aller Welt hatte irgendetwas davon mit mir zu tun?

„Ruhig, ruhig“, antwortete der Direktor. „Mr. Flaherty benötigt die Übersetzung eines Buches, deshalb hat Mr. Rice ihn zur Unterstützung zu uns geschickt.“

„Das Buch ist chiffriert“, fügte Mr. Flaherty hinzu. „Mr. Rice wäre selbst gekommen, wurde aber von Geschäften in Boston abgehalten. Ich hoffe, Sie werden uns helfen können.“

„Natürlich wird er das!“ Dr. Harts Schnurrbart sträubte sich alarmierend, als er sprach, und ich fand mich bei seinem üblichen Vortrag wieder. „Wir haben keine unterdurchschnittlichen Mitarbeiter in dieser Institution, Sir! Das Museum Ladysmith wird letztendlich Widdershins, Massachusetts, bekannt machen, sowohl kulturell als auch wissenschaftlich, und zu diesem Zweck stelle ich nur die Besten ein. Die Besten!“

„Percy? Die besten was?“, fragte sich Bradley Osborne laut, obwohl der Direktor ihn überhörte.

„Dann bin ich beruhigt“, sagte Mr. Flaherty, obwohl er eher von Dr. Harts Heftigkeit überrascht zu sein schien. „Vielleicht sollten Dr. Whyborne und ich uns woandershin zurückziehen, um die Angelegenheit zu besprechen?“

„Oh!“, sagte ich. „Aber das Meeting …“

Dr. Hart wedelte mit seiner Hand in meine Richtung. „Einer der Kuratoren will Ihre Zeit, Whyborne. Sie stehen Mr. Flaherty zur Verfügung, solange er Ihre Hilfe braucht.“

Obwohl die Galavorbereitungen mich störten, weil sie die stetige Routine des Museums unterbrachen, würde zumindest mein Anteil zu tatsächlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen führen. Und obwohl ich ganz gerne Chiffren in meiner Freizeit löste, schien es kaum vernünftig, zu fordern, meine eigentliche Arbeit beiseitezulegen, um mit einem Buch zu spielen, das irgendein Detektiv mitgebracht hatte.

„Oh“, sagte ich wieder, mehr fiel mir nicht dazu ein. Dr. Hart und die Kuratoren hatten das letzte Wort über mein Schicksal, solange ich im Museum beschäftigt bleiben wollte.

Ich straffte meine Arme um die Last der Bücher und das hoffnungslose Durcheinander der Papiere. „Ja. Gut. Sie kommen am besten mit mir, Mr. Flaherty.“

~ * ~

Ich führte ihn in mein Büro, ohne etwas zu sagen. Mr. Flaherty folgte, sein Stock klackerte leicht auf dem polierten Holz der Fußböden. Er humpelte nicht oder stützte sich auf den Spazierstock; er war wohl lediglich ein modisches Accessoire.

„Dieser Ort ist eher ein Labyrinth, oder?“, fragte Flaherty, nachdem wir ein paar Minuten gegangen waren. Ich zuckte zusammen wegen der unerwarteten Ansprache.

„Äh, ja.“ Obwohl die öffentlichen Bereiche des Museums so entworfen worden waren, dem Aussehen nach die gepflegte und geordnete Entwicklung durch den Lauf der Geschichte darzustellen, strahlte der Rest des Gebäudes Chaos aus. Abstellräume waren tief in die Erde vergraben, während sich verschiedene Flügel in alle Richtungen erstreckten. Die Bibliothek war ein buchstäbliches Labyrinth und schon kurz nachdem ich angestellt worden war, fühlte ich mich genötigt, das Flachdach von einem der Flügel als den direkten Weg von einer Abteilung zur anderen zu überqueren. Auch wenn das Museum weniger als vierzig Jahre alt war, gab es Gerüchte über verloren gegangene Lagerräume und Büros, und ich zweifelte nicht an dieser Möglichkeit.

„Der Bau begann im Jahre 1859“, erklärte ich, „und der Architekt war ein bisschen, äh … na ja. Sie – sie sagen, dass er verrückt geworden sei, während er die Bibliothek entwarf. Er wurde in eine Anstalt eingewiesen, kurz nachdem der Bau beendet war.“

Mr. Flaherty erschauderte. „Ich verstehe“, sagte er und verfolgte die Sache nicht weiter.

Mein Büro lag im ersten Untergeschoss, zu erreichen über einen langen Flur mit freiliegenden Rohren, die an den Wänden entlangliefen. Flaherty warf einen unbehaglichen flüchtigen Blick darauf.

Ich fummelte meine Schlüssel heraus und öffnete das Büro. Die Bücher in meinen Armen machten dies umständlich, aber zumindest schaffte ich es, ohne den Stapel ein zweites Mal auf den Boden zu kippen.

Ohne Zweifel fragte sich Flaherty, was „der beste“ vergleichende Philologe in einem fensterlosen Raum versteckt machte. Was sollte ich sagen? Ich mochte es gerade wegen seiner Isolation. Tatsächlich, wenn Dr. Putnam vor Ort war, konnte ich Tage oder sogar Wochen verbringen, ohne jemals mit einer Menschenseele zu sprechen.

Mr. Flaherty war bisher freundlich, auch wenn ich mich schon einmal zum Narren vor ihm gemacht hatte, aber ich bezweifelte, dass er meinen Wunsch, mich zu verbergen, verstehen würde. Vielleicht würde er sogar etwas Unheimliches darin sehen; schließlich war er Detektiv.

Das Büro war in seinem üblichen beklagenswerten Zustand. Ich hatte wirklich vorgehabt, hier etwas aufzuräumen, aber es gab immer etwas anderes Wichtigeres und solange ich alles finden konnte, spielte es keine Rolle. Berge von Papier, Zeitschriften und Büchern begruben den Schreibtisch, einen Stuhl und einen guten Teil des Bodens unter sich. Ein Dutzend Tassen kalter Kaffee lauerte hier und da, einige davon erschreckend alt.

Ich legte meine Last auf einen schwankenden Stapel auf dem Schreibtisch und machte den zweiten Stuhl frei, indem ich die Sachen auf den Boden umlagerte. „Bi–Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Flaherty.“

„Danke.“ Kurz flackerte Erheiterung um seinen Mund auf und ich schaute weg.

Ein zögerliches Klopfen erklang an der halb offenen Tür, als ich mich gerade hinsetzen wollte, und Miss Parkhurst steckte den Kopf herein.

„Ich wollte nur nachsehen, ob Ihr Gast – und Sie selbst natürlich – einen Kaffee möchten“, sagte sie atemlos, ihren Blick fest auf Flaherty gerichtet.

„Ja, danke“, sagte ich, gereizter als ich vorhatte. Offensichtlich war ich nicht der Einzige, der das gute Aussehen meines Gastes bemerkt hatte. Sie errötete und zog den Kopf wieder aus der Tür.

Ich beschäftigte mich damit, meinen Haufen von Notizen in Ordnung zu bringen. Was würde Flaherty machen, wenn ich einfach so tat, als wäre er überhaupt nicht hier?

Sich bei Dr. Hart beschweren, natürlich. Ich konnte dem nicht ausweichen. Es war besser, seinem Ansinnen stattzugeben und es schnell hinter mich zu bringen.

„Wenn Sie Ihr Buch hierlassen möchten, werde ich mich der Entschlüsselung annehmen“, sagte ich, den Blick neben meinen Schreibtisch gerichtet. „Zwischen meinen normalen Pflichten, selbstverständlich.“

Flaherty versteifte sich. „Und was sind diese?“, fragte er, seine Stimme klang seltsam neutral.

„Übersetzungen.“ Wie viel würde er verstehen? Ich wusste wenig über sogenannte Privatdetektive, hatte aber den Eindruck, ihre Aufträge gingen von der Ergreifung von Bankräubern bis zur Brechung von Streiks. „Ich arbeite an Artefakten, die von Museumsexpeditionen mitgebracht oder uns per Post von privaten Sammlern, die Unterstützung wünschen, oder anderen Museen geschickt werden. Momentan soll ich Papyrus-Fragmente und Kanopenkrüge übersetzen, die auf der ägyptischen Gala gezeigt werden. Meine Zeit ist heiß begehrt, sodass ich hoffe, Sie verstehen, wenn Ihre Chiffre ein bisschen warten muss …“

Ich brach ab, in der Hoffnung, er würde den Hinweis verstehen. Stattdessen versteifte er sich nur weiter. „Mr. Rice und der Direktor haben mir beide versichert, ich bekäme die Kooperation des Museums.“

„J–ja, natürlich“, sagte ich geschlagen.

Flaherty zog ein kleines Buch aus seiner Manteltasche. Sein feiner Ledereinband trug keinen Titel und ich bemerkte, dass die Seiten ziemlich abgenutzt aussahen, wie von häufiger Benutzung. „Ich nehme an, Sie haben vom Tod von Mr. Rice’ Sohn gehört?“

„Mr. Rice’ Sohn?“ Eine vage Erinnerung kam mir von einer Museums- oder irgendeiner anderen Veranstaltung: ein gut gebauter, robuster Mann mit einem sensiblen Lächeln und stets einem Lachen auf den Lippen. Ich hatte mich natürlich gegen eine Wand gelehnt, in der Hoffnung, von niemandem bemerkt zu werden. „Das heißt, nein, habe ich nicht.“

Flaherty starrte mich an, als ob ich eine fremdartige Spezies wäre, die aus den dunkelsten Dschungeln von Borneo mitgebracht worden war. Miss Parkhurst wählte diesen Moment, um mit dem Kaffee zurückzukommen; in der Zeit, in der wir bedient wurden und Miss Parkhurst wieder gegangen war, spiegelte sein Gesichtsausdruck eine gewisse Verwirrung wider. Wenigstens war es nicht Verachtung.

„Die Zeitungen haben es verschwiegen, um einen Skandal zu vermeiden. Philip Rice’ Körper wurde in einem … nun, sagen wir mal unappetitlichen Teil der Stadt gefunden.“

Die Docks, an denen die Spielhöllen und Bordelle versammelt waren, zusammen mit den Matrosen und Hafenarbeitern, die sie bedienten. Ich hörte sogar flüstern, dass es ein Badehaus in der Gegend gab, obwohl ich es natürlich nie sicher herausgefunden hatte.

Mein Blick fiel auf das Buch, immer noch von Flahertys straffen, starken Händen umklammert. War es ein Tagebuch? Es gab Gründe, warum ein Mann sein privates Tagebuch verschlüsselte, insbesondere, wenn der Inhalt dieser Seiten zu einem ruinösen Skandal führen könnte.

„Am Tag vor dem Mord schickte Philip dieses Buch seinem Vater“, fuhr Flaherty fort. Ich riss meinen Blick weg von dem Buch und sah, dass der Detektiv mich genau beobachtete. „Vor einer Woche hat mich Mr. Rice senior beauftragt, einen genaueren Blick auf den Tod seines Sohnes zu werfen. Dieses Buch, das ist offensichtlich, ist ein potenzieller Hinweis, da Philip es für wichtig genug erachtete, um es seinem Vater zu schicken.“

„Oh.“ Sicher, wenn das Tagebuch diese Art von Informationen enthielte, hätte es Philip nicht seinem Vater anvertraut. „Ich werde tun, was ich kann.“

Das Lächeln, das Flaherty mir zeigte, war unerwartet warm. „Ich danke Ihnen.“ Er hielt mir das ledergebundene Buch entgegen. Als ich es entgegennahm, streiften sich unsere Finger; meine Haut schien von dem zufälligen Kontakt zu brennen und zu kribbeln.

„Ich – ich werde heute beginnen“, stammelte ich. „Sobald ich etwas habe, werde ich Sie benachrichtigen, Mr. Flaherty.“

Er nickte, erhob sich und reichte mir die Hand. Seine Finger waren rau gegen meine eigenen, wenn auch nicht so schwielig wie die eines Arbeiters. Ihre Wärme und das Lächeln, das er mir beim Handschlag schenkte, sandten einen Hitzeschwall durch mich hindurch. Ich rang das Gefühl schonungslos nieder.

„Bitte, weil wir ja zusammenarbeiten, nennen Sie mich Griffin.“

„Guten Tag, Mr. Flaherty.“

Sein Lächeln wurde betrübt, aber er drängte nicht, wie die meisten es täten. „Guten Tag, Dr. Whyborne. Ich freue mich darauf, wieder von Ihnen zu hören.“

Kapitel 2

Sobald er weg war, schloss ich die Tür und sank in meinem Stuhl zusammen. Das Buch, das ich an den Rand des Tisches gelegt hatte, forderte mich still heraus.

Wenn es ein Tagebuch war, wäre es wahrscheinlich eine einfache Ersetzungs-Chiffre. B statt A, D statt C, so in der Art. Wenn ja, würde ich es in wenigen Stunden übersetzt haben.

Und wenn es sich als eine Aufzeichnung von Dingen herausstellte, die niemand öffentlich werden lassen wollte? Wenn die Namen von anderen Männern erwähnt wurden, die anfällig für Erpressungen wären? Was würde ich dann tun? Könnte ich sie irgendwie verheimlichen, vorausgesetzt, sie hatten nichts mit Philips Tod zu tun? Gäbe es eine Möglichkeit, dies zu wissen?

Die Tür flog auf. Ich sprang auf, mein Stuhl stieß gegen die Wand.

„Was in aller Welt ist los, Whyborne?“, fragte Dr. Christine Putnam. Obwohl sie Befürworterin sinnvoller Kleidung war, trug sie als Zugeständnis an das Museum einen strengen Rock und eine zweckmäßige Hemdbluse mit engeren Ärmelweiten, als die Mode es diktierte. Ihr dunkles Haar war ziemlich streng aus dem Gesicht nach hinten gesteckt.

„Kommen Sie herein, Christine“, sagte ich, auch wenn sie bereits in mein Büro schritt und sich auf dem Stuhl niederließ, den Flaherty frei gemacht hatte.

„Ich nehme an, Sie denken, dass Sie einen Glückstreffer hatten, aus der Arbeit für diese abscheuliche Gala herauszukommen“, sagte sie und beäugte mich genau.

Ich richtete die Papiere auf meinem Schreibtisch, bedacht entfernte ich Philips Buch und steckte es in eine Schublade mit Schloss. „Kaum. Es gibt mehrere Papyri, die ich vorher untersuchen wollte. Jetzt werde ich zusätzliche Stunden arbeiten müssen, damit alles reinpasst.“

„Hmpf. Jetzt werden wir beide von unserer Arbeit abgehalten, und für was? Zur Hölle mit den Kuratoren.“ Christine knirschte mit den Zähnen, sah noch grimmiger aus als sonst.

„Sicherlich ist die Gala eine Art, äh, Genugtuung“, schlug ich zögernd vor. Die Kuratoren waren fast verrückt geworden, als Dr. Hart eine Frau eingestellt hatte, um die ägyptischen Ausgrabungen des Museums zu leiten. Aber wie der Direktor Flaherty gesagt hatte, war er wirklich engagiert, „die Besten“ einzustellen, was bedeutete, alle Arten von Eigentümlichkeiten hinzunehmen. Einschließlich, natürlich, weiblich zu sein.

Einige der Kuratoren waren noch unglücklich, aber Christines atemberaubende Entdeckung des Grabes des Schwarzen Pharao Nephren-ka hatte weltweit die Schlagzeilen beherrscht. Im Gegensatz zu allen anderen bisher entdeckten Gräbern blieb Nephren-kas völlig unberührt durch die Jahrtausende. Obwohl die Statuen aus Gold und Möbel mit Edelstein-Intarsien die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen hatten, waren es die vielen Inschriften und intakten Papyri, die mich interessierten.

Christines Augen funkelten. „Ich nehme an, das wäre es – wenn es mich einen Deut scherte, was die Gesellschaft anfangs über mich dachte. Und wenn ich das täte, wäre ich zu Hause geblieben und hätte irgendeinen schrecklichen Jungen geheiratet, wie meine Mutter ihn wollte. Wirklich, Whyborne, würden Sie lieber hier festsitzen, um Gastgeber bei einer hochtrabenden Party zu spielen, oder würden Sie lieber wieder an die Arbeit gehen?“

„Nein, natürlich nicht. Ich verstehe, was Sie meinen.“

Christine winkte ab. „Ich verstehe, dass Sie versuchen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber warum es ausgerechnet Sie stören würde, kann ich mir nicht vorstellen. Aber die Feldsaison in Ägypten beginnt kurz nach Weihnachten. Selbst wenn ich direkt am nächsten Morgen nach dieser idiotischen Gala gehen könnte, wird die Saison zur Hälfte vorbei sein, wenn ich dort eintreffe. Ich könnte genauso gut hier in Widdershins bleiben und Papiere schreiben, aber was bringt mir das?“

„Wussten Sie, dass Mr. Rice’ Sohn ermordet wurde?“, platzte ich heraus, um verzweifelt das Thema zu wechseln.

Sie blinzelte mich an. „Was zum Teufel? Hat das etwas mit dem Detektiv zu tun?“

„Ja. Es gibt ein Buch, wissen Sie. Es könnte ein Tagebuch sein. Ich weiß nicht … da es verschlüsselt ist, wollte er nicht … Ich bin nicht sicher, was ich tun soll.“

Trotz all ihres Getobes war Christine nicht völlig unsensibel. „Hmm. Haben Sie es sich schon angesehen?“

„Ich hatte noch keine Gelegenheit, oder?“

Christine lachte über meine Verwirrung. „Nein, nein, natürlich nicht. Kümmern Sie sich nicht um mich, Whyborne.“ Sie stand auf. „Ich haue ab, um mich mit den Kuratoren herumzuschlagen. Zweifellos werden sie nur die schrecklich langweiligen Stücke der ganzen Sammlung ausstellen wollen. Zumindest kommen sie nicht drumherum, die Mumie zu zeigen, obwohl ich sicher bin, dass der arme Nephren-ka nicht sehr davon angetan wäre, dass seine irdischen Überreste so zur Schau gestellt werden.“

„In der Tat“, sagte ich und blickte zur Schublade, in der ich das Buch versteckt hatte. Hätte Philip den Band seinem Vater geschickt, wenn er gewusst hätte, dass seine Geheimnisse zur Schau gestellt werden, wie Christine es nannte?

Vielleicht. Ich hatte ihn schließlich nicht gekannt. Nie den Mut gehabt, mit ihm zu sprechen, oder zu einem der anderen attraktiven jungen Männer, die regelmäßig bei Veranstaltungen des Museums auftauchten. Selbstbewusst und sich in ihrer eigenen Haut wohlfühlend: Sie könnten auch von einer ganz anderen Spezies sein, genauso wie die leuchtenden Vögel, die ich durchs Fernglas bewunderte.

Auch wenn Philip zu der Sorte gehörte, die Badehäuser besuchte, betrog ich mich nicht selber, zu denken, er hätte irgendwelche Sympathie für mich gehabt, wenn ich mich ihm stammelnd vorgestellt hätte. Ich war zu unbeholfen, zu schüchtern, zu seltsam. Wahrscheinlich hätte er mir ins Gesicht gelacht.

Aber er war tot und ich war am Leben. Ich konnte ihm etwas einseitige Sympathie gewähren.

Ich straffte meine Schultern, öffnete die Schublade, nahm das Buch heraus und begann zu arbeiten.

~ * ~

Was auch immer es sonst sein könnte, aber das Buch war nicht einfach ein Tagebuch. Bei näherer Betrachtung erwies es sich als ziemlich alt. Der Umschlag war aus merkwürdig feinnarbigem Leder, dessen Herkunft ich nicht identifizieren konnte, seine Bindung abgenutzt und rissig. Das Papier war schwere Baumwolle, bemerkenswert gut erhalten. Mehr als eine Hand hatte es geschrieben, obwohl es schien, dass der zweite Schreiber den ersten mit Anmerkungen versehen oder ihn korrigiert hatte. Eine schnelle Durchsicht zeigte eine Reihe von seltsamen Zeichnungen und Symbolen, einige vage bekannt und andere völlig fremd.

Was die Verschlüsselung anging, war es keine einfache Substitution. Es würde natürlich helfen, zu wissen, in welcher Sprache das Buch geschrieben worden war, aber ich konnte nur hoffen, es wäre eine, die ich erkannte, wenn nicht sogar eine, die ich übersetzen konnte. Welches mögliche Interesse ein reicher junger Mann wie Rice an einem Band aus dem Mittelalter, wenn nicht älter, gehabt haben könnte, konnte ich nicht einmal zu erraten versuchen.

Noch in die möglichen Verfahren vertieft, die Verschlüsselung zu lösen, verließ ich mein Büro für ein spätes Mittagessen. Als ich einen der vielen Korridore in den labyrinthartigen Fluren umrundete, lief ich fast direkt in die beiden Männer, die auf dem Flur miteinander im Gespräch waren.

„S–sorry“, stammelte ich, als ich zur Seite trat.

„Percival! Mein lieber Junge, es ist viel zu lange her.“

Erschrocken hob ich meinen Blick vom Boden. Der Sprecher war mein Pate, Addison Somerby.

„Onkel Addy?“, fragte ich fassungslos, benutzte automatisch den kindlichen Namen. Es war schon eine Weile her, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte, und ich war schockiert, wie alt er aussah. Sein dichtes Haar war ganz weiß geworden und seine Schultern waren altersgebeugt unter seinem schwarzen Mantel. Seit über einem Jahrzehnt trug er nun schon nur noch Trauerkleidung. Trotz seiner tristen Kleidung umgab ein Netz von Falten seine blauen Augen und fing sein Lächeln ein.

„Sie kennen also den alten Percy?“, fragte Bradley, mit dem er gesprochen hatte.

„Oh, ja, ja.“ Addison strahlte mich an. „Sein Vater und ich gingen zusammen zur Universität. Ich bin Pate aller Kinder von Niles, aber ich muss sagen, Percival war immer mein Liebling. Er verbrachte die Hälfte seiner Kindheit bei mir zu Hause statt seinem eigenen.“

Ich konnte mich nicht überwinden, ihm ins Gesicht zu sehen. „W–was machst du denn hier?“ Obwohl Addison dem Museum großzügig spendete, im Gegensatz zu meinem Vater, hatte ich ihn nie zuvor in dessen Hallen gesehen.

„Mr. Somerby hatte einige Fragen über Widdershins Geschichte“, sagte Bradley selbstgefällig. „Selbstverständlich bot ich ihm sofort meine Kentnisse an.“

„Die Launen eines alten Mannes“, sagte Addison mit einem warmherzigen Lächeln. „Mr. Osborne war so nett, sich Zeit zu nehmen, mich herumzuführen. Ich nehme nicht an, dass du die Geschichte Widdershins erforscht hast, Percival?“

Bradley lachte wiehernd. „Nicht alt und verstaubt genug für Percy, würde ich sagen. Er kümmert sich nur um die Dinge, wenn sie schon tausend Jahre tot sind, nicht wahr?“

Säure nagte an meinem Magen, aber ich schenkte ihm ein angespanntes Lächeln. „So ist es wohl.“

„Wir haben alle unsere Talente auf dieser Welt“, sagte Addison mir mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit. „Da das Schicksal uns diese Chance gegeben hat, sag mir, dass du heute Abend mit mir essen wirst, mein Junge.“

Mir brach klebriger Schweiß an den Händen aus und meine Kehle war wie zugeschnürt. „Es tut mir l–leid. Ich habe eine vorrangige Verpflichtung.“

„Ah, gut. Dann ein anderes Mal. Mr. Osborne, wenn Sie mir freundlicherweise die Karte zeigen würden, die Sie bereits erwähnten?“

Ich stand in der Halle wie ein Narr, nachdem sie gegangen waren, Übelkeit hatte meinen Hunger verdrängt. Ich konnte mir nicht vorstellen, Addison während eines Abendessens gegenüberzusitzen.

Was könnte ich ihm möglicherweise sagen? „Es tut mir leid ich, dass ich dein einziges Kind getötet habe?“

~ * ~

Ich ging spät am Abend die knarrenden Stufen zu meiner Wohnung im zweiten Stock hinauf, immer noch tief verunsichert. Der mehlige Geruch kochender Nudeln wehte aus dem Erdgeschoss nach oben und die Nachbarn unter mir stritten in ihrer Muttersprache Tschechisch. Ich ging an einem anderen Mieter auf dem Flur vorbei, einem jungen Mann, den ich einmal hinter der Imbisstheke im Kaufhaus hatte arbeiten sehen. Ich kannte seinen Namen nicht noch hatte er sich je nach meinem erkundigt. So war dieser Ort nicht; Leute hier kamen und gingen und zum größten Teil kümmerten sie sich um ihre eigenen Sachen. Nicht einmal die Vermieterin, die am Ersten eines jeden Monats zum Einsammeln der Miete kam, erkundigte sich je nach Details meines Lebens.

Ich hatte einen Laib Brot an der Eckbäckerei gekauft und balancierte diesen jetzt oben auf einem Arm voller Bücher, während ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss. Ich hatte beschlossen, den Abend damit zu verbringen, mein Gedächtnis über verschiedene kryptografische Verfahren aufzufrischen, und zu diesem Zweck hatte ich eine Reihe von Texten unter dem abweisenden Blick der Museumsbibliothekare mitgenommen.

Ich legte die Bücher auf den wackligen Tisch in meinem Wohnzimmer, trat in die kleine Küche und heizte den Ofen an. Die Wärme des Kamins reichte nicht bis in die Küche; ich drängelte mich näher an den Herd heran und zitterte, als ich eine Dose Bohnen öffnete.

Als ich die Bohnen in einen Topf leerte, überschwemmte mich die plötzliche, überwältigende Überzeugung, dass ich beobachtet wurde.

Ich fuhr herum, stieß fast den Topf um. Aber da war natürlich nichts: Nur die leere Wohnung mit ihren schmuddeligen braunen Wänden und die Nacht, die gegen das Küchenfenster drückte.

Nur meine Einbildung. Ich wandte mich wieder zum Herd und stellte den Topf auf die Platte.

Ein leises Geräusch kam aus der Richtung des Fensters, wie Leder, das über Ziegel schabte, begleitet von einem schleimigen Gurgeln.

Ich drehte meinen Rücken zum Tresen und starrte auf das Fenster. Es gab von außen keinen Zugang zu meiner Wohnung im zweiten Stock. Es musste eine Fledermaus sein.

Fledermäuse waren Ende November nicht aktiv.

Vielleicht eine Eule. Der Draakenwood musste voll von diesen Kreaturen sein. Zweifellos hatte das Licht aus meinem Fenster das arme Ding desorientiert.

Das feuchte Gurgeln kam wieder. Ein Kribbeln lief über meine Haut, meine Nackenhaare richteten sich in panischer Urangst auf. Das Geräusch war von keiner Eule gekommen.

Ich öffnete die Besteckschublade mit zitternden Händen, um das größte Messer herauszuholen, das ich besaß, umklammerte es fest und machte einen Schritt in Richtung Fenster, dann einen weiteren.

Die Küche war klein; ein dritter Schritt führte mich zum Fenster. Ich wappnete mich – dann drehte ich schnell den Riegel und schleuderte es heftig auf.

Kalte Luft flutete herein, begleitet von Verwesungsgestank. Ich hielt mein Messer im Anschlag, steckte vorsichtig den Kopf hinaus und sah mich um.

Die Nacht war ruhig und still, bis auf eine Droschke, die die Straße hinunterschepperte, und die Pferdehufe hallten an den Backsteinbauten wider. Weder flog eine Eule von einer Stange vor meinem Fenster noch gab es eine andere Bewegung in der Nähe. Selbst der seltsame Geruch ließ sekundenschnell nach, durch den Winterwind weggeblasen.

Verärgert schloss ich das Fenster und die Verriegelung. Ich war zu alt, um wegen Schatten und eingebildeter Geräusche zu zucken. Es war wahrscheinlich nichts Unheimlicheres gewesen als jemandes Wäsche, die im Wind wehte.

Trotzdem zog ich die Vorhänge zu, bevor ich zu meinem Topf mit Bohnen zurückkehrte.

~ * ~

Der Rest des Abends war ereignislos. Keine seltsamen Geräusche drangen mehr rein und ich konnte in das Puzzle vor mir eintauchen. Ich aß mein Abendessen mit Brot und Bohnen auf meinem Stuhl, über meine Bücher gebückt, und machte mir Notizen auf einem billigen Papierblock.

Ich schaute nicht zum Fenster.

Als ich zu müde war, um weiterzuarbeiten, ging ich in mein kaltes Schlafzimmer, schob eine Wärmflasche zwischen die Decken, bevor ich schnell in mein Nachthemd wechselte. Ich öffnete die oberste Schublade der Kommode, in der Absicht, das Buch dort sicher zu verwahren.

Die Schublade war bis auf einen einzelnen Gegenstand leer. Die Fotografie war so einfach wie ihr silberner Rahmen: Das Porträt eines Jugendlichen an der Schwelle zur Männlichkeit, sein blondes Haar ordentlich, sein Lächeln zuversichtlich, seine Augen funkelten voller Lebensfreude. Leander Somerby: Addisons einziges Kind und mein allerliebster Freund, tot seit nun zehn Jahren im zarten Alter von siebzehn.

Ich nahm das Foto und ließ meine Finger über das kalte Glas gleiten, das Leanders Gesicht bedeckte. Addison hatte mich nicht verantwortlich gemacht, hatte mir nicht einmal die Schuld gegeben, als man den Körper seines Sohnes aus dem Wasser gezogen hatte. Keiner der Retter, die uns aus dem See gezogen hatten, oder die Ärzte, die mich durch den Kampf gegen die Lungenentzündung gepflegt hatten, oder auch mein Vater, der schon an meiner bloßen Existenz etwas auszusetzen hatte, hatten mich verantwortlich gemacht.

Sie lagen alle falsch. Wenn ich nur besser gewesen wäre, stärker, hätte ich einen Weg gefunden, Leander davon abzuhalten, als Erster hinunter zum See zu gehen. Ich hätte den ganzen Haushalt wecken können, wenn es das war, was es brauchte, anstatt mit ihm durch die Dienstbotentür hinauszuschleichen. Wenn ich am Bootshaus angehalten hätte, ihn überzeugt hätte, dass es Wahnsinn war, in einem Sturm mitten in der Nacht hinauszufahren, würde er noch leben.

Hatte ich aber nicht, weil ich nicht wollte, dass er mich gering schätzte. Ich wollte, dass er mich liebte wie ich ihn.

Ich legte das Foto in die Schublade zurück und schloss sie, das Buch fand stattdessen auf der Kommode einen Platz. Addison hatte keinen Grund, in absehbarer Zeit zum Museum zurückzukehren. Ich würde das Buch übersetzen; sein Inhalt würde sich als harmlos erweisen, mich meiner Pflicht entbinden und den Detektiv aus meinem Leben schaffen. Auch wenn es nichts Ungehöriges für Flaherty zu entdecken gab, egal wie genau er meine Tätigkeiten erkundete, konnte ich mir nicht helfen, aber hatte das Gefühl, dass diese grünen Augen heute Morgen mehr gesehen hatten, als ich beabsichtigte.

Ich wollte nicht betrachtet werden. Ich wollte in Ruhe gelassen werden, in meiner kleinen Wohnung und meinem einsamen Bett, das auch kalt blieb, nachdem ich unter die Decke gekrochen war.

Kapitel 3

Nach einer unruhigen Nacht schloss ich mich in meinem Büro im Museum in der Hoffnung ein, etwas Arbeit erledigen zu können. Jemand hatte ein Papyrusfragment auf meinen Schreibtisch gelegt; ein einziger Blick sagte mir, dass es kein Teil der Gala würde. Eine Notiz in Christines fester Handschrift bat mich, ihre Übersetzung der Hieroglyphen zu überprüfen.

Ich unterdrückte einen Seufzer; natürlich hatte sie sich entschieden, dass ihre wichtigsten Aufgaben die rein wissenschaftlicher Natur waren und nichts im Zusammenhang mit der Ausstellung. Ich verstand ihr Anliegen, dem Direktor Grenzen zu setzen, aber ich wünschte mir, dass sie mich da heraushielte.

Ich legte den Papyrus sorgfältig auf eine Seite, wo er vor irgendwelchen etwaigen Kaffeeflecken sicher war, und legte meine Notizen von der Nacht zuvor zusammen mit Philips Buch darauf. Nach einem Moment der innerlichen Ermutigung streckte ich schnell die Hand aus und klappte den Deckel auf.

Die Tür flog ohne Klopfen auf. „Da sind Sie ja, Whyborne!“, sagte Christine, als ob ich mich vor ihr versteckt hätte. „Ich nehme an, Sie haben die Nachrichten nicht gehört?“

„Mr. Farr und Mr. Durfee haben in den hinteren Korridoren aufeinander mit Messern eingestochen?“, fragte ich, als sie sich in den Stuhl mir gegenüber fallen ließ.

„Seien Sie nicht albern. Sie würden sich nur im großen Foyer ermorden, wo sie sich eines Publikums sicher wären.“

„Da haben Sie natürlich recht. Vielleicht hat Dr. Gerritson Gefallen daran gefunden, außerhalb des Büros Frauenunterwäsche zu tragen?“

„Nicht nachdem Dr. Hart ein Wörtchen mit ihm gesprochen hat, um sicherzugehen, dass er die Tür verschlossen hält, wenn er indisponiert ist.“ Christine machte eine wegwerfende Geste. „Leider ist die Wahrheit weitaus nüchterner. Es scheint, dass einige Gegenstände aus der Zoologie und Paläontologie Abteilung entfernt wurden.“

„Ein Diebstahl?“ Ich richtete mich alarmiert auf. Dem Himmel sei Dank wurde nichts von unserer Seite des Museums gestohlen. „Als Leiter der Sicherheit kann Mr. Rockwell nicht sehr angetan sein.“

„Gelinde gesagt. Dr. Hart schreit ihn seit heute Morgen an und es sieht nicht so aus, als gingen ihm in absehbarer Zeit die Worte aus. Alle Wachleute, Tag und Nacht, wurden einbestellt, vermutlich um Rockwell zu ermöglichen, Zeit damit zu verschwenden, sie anzuschreien.“

„Was denken Sie?“

Christine faltete ihre von der Arbeit aufgerauten Hände um ein Knie, das sie in einer eindeutig undamenhaften Weise hochgezogen hatte. „Es ist so, dass nichts von Wert mitgenommen wurde. Keine spektakulären Funde, nur Fragmente von Säbelzahntigerknochen, einen modrigen alten Flughund, einen gewöhnlichen Krokodilschädel, solche Dinge. Nichts, das jemand mit rechtem Verstand haben will.“

„Also … warum?“, fragte ich verwirrt.

Christine zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich hat jemand einen Groll gegen Rockwell. Der Himmel weiß, der Mann ist ein Schwein. Oder einer der Mitarbeiter hat dies und das herausgeschmuggelt, das nicht so leicht vermisst wurde, in der Hoffnung, seine Freunde im Saloon zu beeindrucken. Oder für seine Kinder zum Spielen, was weiß ich.“

„Sie denken, der Dieb gehört zum Personal?“

„Großer Gott, Whyborne, Sie denken doch nicht, dass ein Verbrecher eingebrochen ist, Gefängnis und Prügel durch die Wachleute riskiert, nur um einen Haufen wertlosen Ramsch zu stehlen?“

„Nein. Nein, das denke ich nicht.“ Dennoch war es enttäuschend zu glauben, dass jemand vom Personal, ob Pförtner oder Kurator, Präparate entwendete. Diese Gegenstände mochten keinen Wert für einen Dieb haben, aber keiner wusste, welche Geheimnisse sie als Teil unserer Sammlung für die Wissenschaft hätten offenbaren können.

Meine Tür öffnete sich – wieder ohne die Höflichkeit eines Klopfens – und Bradley Osborne marschierte herein. „Hören Sie mal, Percy, haben Sie schon von dem Trubel erfahren?“

Warum verspürten meine Kollegen das Bedürfnis, mein Büro mit Nachrichten zu überfallen? Und gab es eine Möglichkeit, sie fernzuhalten?

„Ich habe ihm gerade davon erzählt“, sagte Christine steif.

Bradley zeigte ihr ein herablassendes Lächeln. „Natürlich, natürlich, Miss Putnam.“

„Dr. Putnam“, korrigierte ich mit Blick auf den Schreibtisch. Bradley ignorierte mich.

„Nun, der Direktor wird die Dinge bald in Ordnung bringen“, sagte er. „Warten Sie es einfach ab und – lieber Gott, was ist das auf Ihrem Schreibtisch?“

Ich starrte ihn dümmlich an. „Äh, ein Papyrus-Fragment? Es ist aus dem Grab …“

„Sie können solche vulgären Dinge nicht einfach herumliegen lassen!“ Um fair zu sein, einer der Gefährten auf dem Papyrus war in einem sehr erregten Zustand. „Wie können Sie die arme Miss Putnam solch einem Anblick aussetzen und sich immer noch Gentleman nennen?“

„Äh, ich … na ja, das heißt, ich …“

„Ich habe das verdammte Grab ausgegraben“, erwiderte Christine, richtete sich von der Stuhllehne weg gerade auf.

„Aber sicher ließen Sie es von jemand anderem entfernen – so etwas ist für die Augen einer Dame nicht angemessen.“

Christine stieß ein schallendes Lachen aus, aber ich erkannte es als ein Zeichen von Wut und wich in meinem Stuhl zurück. „Lieber Himmel, Bradley, man kann kaum einen Fuß in ein antikes Grab oder einen Tempel setzen, ohne dass männliche Glieder aus jeder Richtung auf einen zeigen!“

Hitze verbrühte mein Gesicht, ich schnappte Rice’ Buch und floh. Ich hätte mich schon elend genug gefühlt, auch ohne noch zusätzlich geradewegs in Griffin Flaherty hineinzurennen.

~ * ~

„Immer mit der Ruhe“, sagte Flaherty, griff meine Schulter, um uns beide davon abzuhalten, mit der Wand zu kollidieren. „Ist alles in Ordnung?“

Ich versuchte eine glaubhafte Lüge zu finden, denn „ich habe zugelassen, aus meinem eigenen Büro von zwei meiner Kollegen vertrieben zu werden“ schien viel zu erbärmlich, um es laut auszusprechen.

Christines Stimme, gestärkt durch das Brüllen von Anweisungen an die Arbeitnehmer bei Ausgrabungsstätten, hallte durch den Flur. „Ich werde meinen Beruf nicht aufgeben, nur weil Männer im Laufe der Geschichte übermäßig von ihren Penissen fasziniert waren!“

Ich schloss die Augen und hoffte, dass die Museumskeller mich verschlucken würden. Meine Rettung ging leider schief, also öffnete ich sie wieder, um Flaherty sich vor leisem Lachen schüttelnd zu sehen. Blaue Schlaglichter funkelten in seinen grünen Augen und das Lächeln glättete die Sorgenfalten in seinem Gesicht, hinterließ einen gewissen jungenhaften Charme.

Seine Hand umklammerte noch immer meine Schulter. Ich sollte zurückweichen, aber meine Füße streikten.

„Ich verstehe, warum Sie in Eile waren zu entkommen“, sagte Flaherty. Seine Finger strafften sich kurz, dann ließ er los. Ich bildete mir ein, dass ich immer noch ihre Umrisse in der anhaltenden Wärme auf meinen Mantel fühlen konnte.

„Ich nehme an, Sie kamen vorbei, um meine Fortschritte zu übe–überprüfen mit der, äh, Chiffre“, stammelte ich. „Wir könnten vielleicht zur, äh, Bibliothek gehen, um zu reden.“

„Könnten wir“, stimmte Flaherty zu; sein Lächeln hatte von Belustigung zu Charme gewechselt. „Aber ich habe eine andere Idee. Wie gefiele es Ihnen, Ihre Fortschritte beim Mittagessen zu besprechen?“

„Mi–Mittagessen?“

„Ja. Die Mahlzeit, die Menschen in der Mitte des Tages essen? Oder ist Mittagessen nicht üblich hier in Widdershins?“

Meine Ohren wurden heiß und ich starrte auf seine Schuhe. Er trug heute robuste Stiefel anstelle von Oxfords; vielleicht hatte er vor, ein bisschen zu Fuß auf den eisigen Gehwegen zu laufen.

„Es war ein Witz“, sagte er sanft, als ich nicht antwortete. „Oder vielleicht sind Sie besorgt, Dr. Putnam mit ihrem Widersacher allein zurückzulassen?“

Christine hatte ihr Ziel erreicht, aber Bradley begann nun auch zu schreien. Ich fing etwas auf wie: „Das passiert, wenn man Frauen in Universitäten lässt“, und zuckte zusammen.

„Nein“, sagte ich. „Christine ist klug genug, um Bradleys Körper nicht irgendwo zu lassen, wo ihn jemand jemals finden würde. Das war, äh, auch ein Witz“, fügte ich hinzu, als er für einen Moment verdutzt aussah.

Seine Überraschung verwandelte sich in Gelächter. „Touché, Dr. Whyborne. Also Mittagessen?“

„Meine Pflichten –“

„Können eine Stunde warten. Mitkommen. Ich werde ein Nein nicht akzeptieren.“

~ * ~

Wir landeten im Marshs, einem kleinen Diner unweit des Museums, das Büro- und Kaufhausangestellte bewirtete. Ich aß selten auswärts, sowohl aus Gründen der Wirtschaftlichkeit als auch weil ich befürchtete, jemand könnte versuchen mit mir zu sprechen. Flaherty übernahm die Pflicht zum Austausch von Small Talk mit unserem Kellner. Leider wollte er auch mit mir plaudern.

„Haben Sie hier schon oft gegessen?“, fragte er, sobald der Kellner unsere Bestellung entgegengenommen hatte.

„Nein.“

Er wartete einen Moment länger, bevor er nickte, als ob ich eine zufriedenstellende Antwort gegeben hätte. „Ich habe bemerkt, dass hier die meisten Restaurants auf Fisch spezialisiert sind. Selbstverständlich für eine Küstenstadt, aber ich vermisse ein gutes Chicago Steak.“

„Oh.“ Ich hatte keine Ahnung, was ich von ihm halten sollte. „Äh, also, die Chiffre?“

Flaherty warf einen Blick unter dichten Wimpern zu mir hoch, als er Zucker in seinen Kaffee rührte. „Ich hatte gehofft, ein angenehmes Mittagessen zu genießen, bevor wir uns ins Geschäft vertiefen.“

„Oh“, wiederholte ich, aber hatte keine Ahnung, wie ich weitermachen sollte.

„Ich habe nicht sehr viele Menschen getroffen, seit ich nach Widdershins umzogen bin, und weil wir für eine kurze Zeit zusammenarbeiten, dachte ich daran, Sie besser kennenzulernen.“

Ich hatte keine Ahnung, wie ich darauf reagieren sollte. Zu meiner Erleichterung kehrte der Kellner mit unseren Fischsandwiches zurück. Dankbar, meine Hände beschäftigen zu können, nahm ich Messer und Gabel und begann das Sandwich in ordentliche Quadrate zu schneiden. „Ich bin sicher, ich würde jemandem wie Ihnen schrecklich langweilig erscheinen“, sagte ich.

Er nahm einen großen Bissen von seinem Sandwich. „Jemand wie ich?“, fragte er, nachdem er heruntergeschluckt hatte.

„Einem Detektiv. Jemandem, der an, äh, Aufregung gewöhnt ist.“

Flaherty hob eine Braue. „Wenn Sie nach meinen Qualifikationen fragen, ich war früher bei der Pinkerton Detektiv Agentur beschäftigt. Ich wurde im Einsatz verletzt und habe anschließend beschlossen, mein eigenes Geschäft zu gründen.“

„Ich – ich wollte nicht andeuten –“

„Es ist alles in Ordnung, Dr. Whyborne.“ Er berührte leicht die Rückseite meiner Hand. „Ich wollte Sie nur aufziehen. Vergeben Sie mir.“

Ich mochte es nicht, auf den Arm genommen zu werden … Aber der Ausdruck auf seinem Gesicht war eher freundlich als spöttisch. „Können wir nun über die Chiffre reden?“

„Wie Sie wünschen.“ Er nahm noch einen riesigen Bissen vom Sandwich und beobachtete mich aufmerksam, als er kaute.

„Es ist komplizierter, als ich erwartet hatte.“ Ich schnitt mein Sandwich in noch kleinere Stücke, verschaffte mir Zeit, während ich meine Gedanken ordnete. „Ich nahm an, es wäre eine einfache Substitutions-Chiffre.“

Er hob seine Hand. „Es tut mir leid, was?“

Ich zögerte, unsicher, ob er es tatsächlich wissen wollte oder seine Worte als Signal gedacht waren, aufzuhören, über Dinge ohne jeglichen Belang für irgendjemanden außer mir selbst zu reden. Aber er schien wirklich neugierig. „Eine Substitutions-Chiffre. Sie schreiben zum Beispiel ein B für ein A und C für B. Somit würde aus F-L-A-H-E-R-T-Y G-M-B-I-F-S-U-Z werden. Einfach genug zu decodieren. Zumindest wenn die Person, die entschlüsselt, die Sprache kennt oder zumindest es als Wörter erkennt und nicht bloß als ein Gewirr sinnloser Buchstaben.“

„Der Direktor hat mir versichert, Sie kennen zwölf verschiedene Sprachen.“

„Ich spreche dreizehn, aber ich kann mehr lesen. Aber viele von ihnen sind seit Jahrhunderten nicht mehr gebräuchlich, wenn nicht Jahrtausende.“

„Warum klingen Sie entschuldigend? Ich kann mir vorstellen, jemand anderes wäre stolz auf eine solche Leistung.“

Die Spitzen meiner Ohren wurden heiß. „Ich, äh …“

Flaherty grinste über mein Unbehagen, verflucht. „Sie denken, ich sei unverschämt, nicht wahr?“

„Eher ja.“

„Vergeben Sie mir. Also, Sie erwarteten eine einfache Substitutions-Chiffre. Bisher haben Sie festgestellt, dass es nicht so ist. Wissen Sie denn, was es dann sein könnte?“

„Noch nicht. Ich habe einige Ideen, aber ich hatte keine Zeit, sie zu testen.“

„Weil unverschämte Detektive darauf bestehen, Sie zum Mittagessen einzuladen.“ Sein Lächeln deutete an, dass er Spaß machte.

„Äh, ganz recht“, sagte ich, unsicher, wie ich reagieren sollte.

Anscheinend zufrieden lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. „Nun, so lange ich Sie von Ihrer Arbeit abhalte, würde es Ihnen etwas ausmachen, mit mir kurz in der Polizeistation vorbeizuschauen?“

„Ich … was? Der Polizeistation? Wozu?“

„Ich möchte noch mal mit dem Detective sprechen – dem offiziellen Detective –, der den Fall untersucht. Ich habe seine Geschichte schon gehört, aber ich hoffte, dass sozusagen ein Paar weitere Ohren etwas aufschnappen könnten, das ich verpasst habe.“

Ich wollte die Polizeistation nicht betreten, egal unter welchen Umständen. Ich war nicht wirklich ein Verbrecher, war meinen Neigungen nie gefolgt. Aber da diese sich wahrscheinlich nicht änderten, könnte nichts Gutes dabei herauskommen, dass die Polizei auf mich aufmerksam würde. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich von Nutzen sein würde.“

„Ich verstehe nicht, warum nicht?“

Was sollte ich antworten? „Ich, äh … Ich nehme an, Sie denken, dass der Detective lügt, oder?“

„Nicht so sehr lügen … eher die Wahrheit übergehen“, sagte Flaherty mit leicht schiefem Mund. Das waren sehr hübsche Lippen, konnte ich nicht umhin zu bemerken: voll und wohlgeformt. „Nach dem offiziellen Bericht war der junge Mr. Rice das Opfer eines Raubes. Als seine Leiche jedoch einige Stunden nach seiner Ermordung gefunden wurde, war diese noch im Besitz eines wertvollen Rings und einer Taschenuhr. Auf die Frage, warum die Diebe das zurückgelassen hatten, bestand Detective Tilton darauf, dass die Räuber von jemandem aufgeschreckt worden sein müssten, der weder Nutzen aus dem Mord zog noch irgendeinen Alarm auslöste.“

„Es kann abgesehen von Inkompetenz keine schlechtere Erklärung geben“, betonte ich. „Das Grab des Gründers der Stadt, Theron Blackbyrne, wurde im letzten Monat aufgebrochen und seine Leiche gestohlen. Laut den Zeitungen hat die Polizei nicht einmal einen einzigen Hinweis.“

„Ja.“ Er schürzte nachdenklich seine Lippen. „Für einen Ort ohne medizinische Hochschule scheint es einen ziemlich blühenden Leichenhandel zu geben. Dennoch sind die Umstände von Philips Tod sogar für diese Stadt merkwürdig.“

Ich hob die Augenbrauen. „Diese Stadt? Was ist falsch mit Widdershins?“

„Neben dem Grabraub?“ Flaherty grinste. „Haben Sie jemals irgendwo anders gelebt, Dr. Whyborne?“

Zweifellos war er ein Weltenbummler. Zumindest sein Akzent deutete an, dass er weiter westlich als New England gewesen war. „Na sicher. Ich bin zur Universität in, äh, Arkham gegangen.“

„Oh, und das ist eine solche Verbesserung?“, murmelte er. „Sind Sie wirklich zufrieden, sich nur durch Ihr Studium weit entfernte Orte vorzustellen? Ägypten oder Griechenland nur in Ihrer Fantasie zu besuchen?“

Ich ballte meine Hände unter dem Tisch. Natürlich verstand er nicht – konnte er nicht verstehen. „Es mag schön und gut für Dr. Putnam sein, auf der ganzen Welt herumzuziehen, aber ich sehe keinen Grund für mich, mich ihr anzuschließen. Ich bin ganz zufrieden, wo ich bin.“

„Sind Sie?“, murmelte Flaherty.

Der Mann war unverschämt. „Natürlich.“ Vielleicht verdiente er ein bisschen Frechheit retour. „Wenn Widdershins solch ein schrecklicher Ort ist, warum haben Sie hier Ihr Geschäft gegründet anstelle von Boston oder Providence?“

Flahertys Belustigung entglitt wie eine Maske, die nicht mehr ganz passte. „Es wirkte wie ein Ort, an dem ein Kerl von vorne anfangen könnte, ruhig leben und sich nicht mit jemandem abgeben, der sich in seine privaten Angelegenheiten einmischt.“

Seine Ehrlichkeit überraschte mich. „Ich verstehe. Nun, da haben Sie sicher recht. Trotzdem scheint es eine seltsame Wahl für einen Mann, dessen Geschäft es ist, sich in die privaten Angelegenheiten anderer einzumischen.“

„Es macht meine Arbeit interessanter“, stimmte Flaherty zu und sein Grinsen kam wieder hervor. Er beugte sich vor, faltete seine Hände unter seinem Kinn und richtete seine Augen auf mich. „Zum Glück genieße ich eher eine Herausforderung.“

Ich senkte den Blick und aß einen Bissen von meinem Sandwich. Meine Fantasie ging mit mir durch. Er flirtete nicht mit mir. Die Idee war absurd.

„Nun, Dr. Whyborne, werden Sie mich auf die Polizeiwache begleiten?“, bohrte er nach.

„Wenn Sie es wünschen“, gab ich nach. „Ich weiß, Sie werden nicht aufgeben, bis Sie Ihr Ziel erreicht haben.“

„In der Tat“, sagte er und lehnte sich mit einem zufriedenen Ausdruck auf seinem Gesicht zurück. „Wie Sie bald sehen werden, kann ich hartnäckig wie eine Bulldogge sein, wenn ich etwas finde, was ich haben will.“

~ * ~

Flaherty führte uns zur Polizeistation. Es war ein plumpes, verdrießliches Gebäude, auf beiden Seiten flankiert von hohen Häusern mit Mansardendächern, die in einen schlechten Zustand verfallen waren. Fast schon abergläubische Furcht kühlte mein Blut, als ich hinter Mr. Flaherty durch die schmale Tür trat. Er schlenderte zu dem Schreibtisch an der Vorderseite des großen Raumes; dem Gesichtsausdruck des dort sitzenden Officers nach war dies nicht das erste Mal, dass er die Wache besuchte. „Ist Detective Tilton verfügbar? Dr. Whyborne und ich haben ein paar Fragen zu seinen Ermittlungen.“

Der Officer warf mir einen überraschten Blick zu. „Lassen Sie mich nachsehen, Sir“, sagte er, verließ seinen Posten und wuselte durch Reihen von Schreibtischen in den hinteren Teil des Gebäudes. Ich warf einen fragenden Blick auf Flaherty, aber dieser erwiderte ihn nicht und konzentrierte sich stattdessen auf die Aufgabe, seine Handschuhe auszuziehen und in seine Jackentasche zu stopfen.

Der Polizist kehrte innerhalb von ein paar Minuten zurück. „Detective Tilton möchte Sie in seinem Büro sehen“, sagte er, mit dem Daumen über die Schulter zeigend, und wies pauschal nach hinten.

Offenbar war Flaherty auch dort bereits zuvor gewesen, weil er voranging, ohne zu zögern. Ich fühlte mich immer unwohler und folgte ihm.

Das Büro stank nach Zigarrenrauch. Ein gestresst aussehender Mann in einem schlecht sitzenden Anzug saß hinter dem Schreibtisch. Bei unserem Eintreten erhob er sich halb und deutete auf die beiden vor ihm platzierten Stühle.

„Mr. Flaherty“, sagte er und klang ganz und gar nicht begeistert. Seine trüben Augen betrachteten mich argwöhnisch, als ob er nicht ganz sicher wäre, was ich in seinem Büro tat. Ich teilte seine Unsicherheit.

„Detective Tilton, darf ich Ihnen Dr. Percival Endicott Whyborne vorstellen?“

Ich streckte zögernd die Hand aus. Detective Tilton schüttelte sie genauso vorsichtig.

Flaherty ließ sich in seinen Stuhl mit perfekter Leichtigkeit nieder. Ich hockte auf dem Rand von meinem. Tilton fuhr fort, mich statt meiner Begleitung anzusehen, und meine Nervosität stieg. Wurde die Polizei geschult, um irgendwie Männer wie mich zu erkennen?

„Na dann“, sagte Flaherty fröhlich, „wir wollten mit Ihnen nur noch einmal die Details des Mordes an Philip Rice durchgehen, Detective.“

„Ich sehe nicht, was es da durchzugehen gibt“, sagte Tilton und schaute endlich Flaherty an. „Ich habe Sie den offiziellen Bericht lesen lassen. Es war ein Raub, der schiefging.“

„Natürlich“, stimmte Flaherty zu. „Aber angesichts des Schmiergeldes, das Ihnen Mr. Rice für die Untersuchung gezahlt hat, hätte ich gedacht, Sie hätten zumindest irgendeinen armen Wicht eingelocht und ihn geschlagen, bis er gesteht.“

Tilton versteifte sich. „Ich mag Ihre Andeutungen nicht, Sir.“

„Verzeihen Sie mir, vielleicht laufen die Dinge hier anders als in Chicago.“ Flaherty lächelte, aber es war nicht aufrichtig.

Tilton richtete seinen scharfen Blick auf mich; ich wich unwillkürlich zurück. „Dr. Whyborne, ich muss Sie fragen … sind Sie hier auf Wunsch Ihres Vaters?“

Die Frage war empörend. „Sicherlich nicht! Ich –“

Oh. Na klar. Aus diesem Grund hatte Flaherty mich gebeten, ihn zu begleiten.

Ein dämliches Gefühl von Enttäuschung überkam mich. Flaherty hatte nicht meine Meinung gewollt oder meine Begleitung zum Mittagessen. Ich war ein Narr gewesen, etwas anderes zu denken.

„Entschuldigen Sie“, sagte ich, stand auf und umklammerte meinen Mantel, als könnte er mich vor der Verlegenheit schützen. „Ich – ich muss gehen.“