Widerstand der Dichter - Manlio Argueta - E-Book

Widerstand der Dichter E-Book

Manlio Argueta

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Beschreibung

El Salvador, Zentralamerika: Die drei Dichterfreunde Henri Michó, Pablo Vallejo und Rubén Asturias schrei-ben rebellische, kritische und sozialpolitisch engagierte Gedichte. Zudem haben sie vor Kurzem eine literarische Zeitschrift sowie eine Radiosendung gegründet, in denen sie, allen Warnungen zum Trotz, Politiker der Militärdiktatur sowie »hörige« Intellektuelle und Dichter anklagen. Doch als sowohl Pablo als auch Henri vom Militär entführt und die ersten Bomben in ihren Gärten deponiert werden, wird schnell klar, dass ihr widerspenstiges Schreiben und Sprechen nicht ohne Folgen bleiben wird. Sie müssen reagieren, nur wie? Sollen sie, zu Feinden der Diktatur geworden, ins Exil gehen oder die Waffe der Poesie durch eine echte ersetzen und sich den Guerillagruppen in den Bergen anschließen? Wie Sandkörner werden sie in der Diaspora verstreut: Rubén erforscht die Gedichte eines guatemaltekischen Dichters in Russland, Henri reist nach seiner Festnahme zuerst illegal nach Guatemala und Mexiko, und dann weiter in die USA, und Pablo flieht nach einer Entführung und einem erzwungenen TV-Geständnis nach Kanada, bevor alle drei in Costa Rica wieder aufeinandertreffen. Widerstand der Dichter legt auf wunderbar skurrile Weise und mit bissig schwarzem Humor literarisch Zeugnis von der »generación comprometida« (1956–1996) ab. Einer literarischen Gruppierung avantgardistischer und widerständiger Intellektueller, Dichter, Künstler und Studenten aus El Salvador, deren international bekanntester Vertreter neben Manlio Argueta der Dichter Roque Dalton ist.

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Seitenzahl: 509

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

I. Mehrere Masken, dasselbe Gesicht

II. Die Dichter der Nacht

III. Globaler Tumult

IV. Das Leben im Spinnennetz

V. Das arme Paradies

VI. Die Angst, die den Namen des Entsetzens trägt

VII. Die Welt ausgraben

VIII. Das wunderbare Grauen

IX. Der Samen ist der Baum der Zukunft

X. Enten im Central Park

Originaltitel: Los poetas del mal © Manlio Argueta, 2012

© 2022, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Iris Ferdinand

Cover: Jürgen Schütz

Coverbild: © i-stock

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-903061-98-9

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag

ISBN: 978-3-99120-016-1

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.instagram.com/septimeverlag

Manlio Argueta

Jahrgang 1935, ist einer der renommiertesten salvadorianischen Schriftsteller, Dichter, Literaturwissenschaftler und Universitätsdozenten. Seit 2015 ist er Leiter der Nationalbibliothek von El Salvador. Er war Mitglied der »generación comprometida« (1956–1996). Aufgrund der politischen Situation in El Salvador war Manlio Argueta von 1972 bis 1993 im Exil in Costa Rica. Er lebt heute mit seiner Familie in El Salvador.

Klappentext:

El Salvador, Zentralamerika: Die drei Dichterfreunde Henri Michó, Pablo Vallejo und Rubén Asturias schreiben rebellische, kritische und sozialpolitisch engagierte Gedichte. Zudem haben sie vor Kurzem eine literarische Zeitschrift sowie eine Radiosendung gegründet, in denen sie, allen Warnungen zum Trotz, Politiker der Militärdiktatur sowie »hörige« Intellektuelle und Dichter anklagen. Doch als sowohl Pablo als auch Henri vom Militär entführt und die ersten Bomben in ihren Gärten deponiert werden, wird schnell klar, dass ihr widerspenstiges Schreiben und Sprechen nicht ohne Folgen bleiben wird. Sie müssen reagieren, nur wie? Sollen sie, zu Feinden der Diktatur geworden, ins Exil gehen oder die Waffe der Poesie durch eine echte ersetzen und sich den Guerillagruppen in den Bergen anschließen? Wie Sandkörner werden sie in der Diaspora verstreut: Rubén erforscht die Gedichte eines guatemaltekischen Dichters in Russland, Henri reist nach seiner Festnahme zuerst illegal nach Guatemala und Mexiko, und dann weiter in die USA, und Pablo flieht nach einer Entführung und einem erzwungenen TV-Geständnis nach Kanada, bevor alle drei in Costa Rica wieder aufeinandertreffen. Widerstand der Dichter legt auf wunderbar skurrile Weise und mit bissig schwarzem Humor literarisch Zeugnis von der »generación comprometida« (1956–1996) ab. Einer literarischen Gruppierung avantgardistischer und widerständiger Intellektueller, Dichter, Künstler und Studenten aus El Salvador, deren international bekanntester Vertreter neben Manlio Argueta der Dichter Roque Dalton ist.

Manlio Argueta

Widerstand der Dichter

Roman | Septime Verlag

Aus dem salvadorianischen Spanisch von Jana Fuchs

I. Mehrere Masken, dasselbe Gesicht

Wenn ich gut bin, bin ich sehr gut;

aber wenn ich böse bin, bin ich besser.

Mae West

ENTWIRRUNG DER GEDANKEN. Pablo Vallejo betrachtet seine Gestalt im Spiegel und zeichnet mit den Fingern die Konturen nach. Er ist erleichtert, ein reales Bild zu sehen, das sich von dem aus seinen wiederkehrenden Träumen unterscheidet, in denen er sich von Kanada nach Costa Rica reisen sieht. Vielleicht weil er seit Monaten glaubt, dass er so der Blase der Amnesie entkommen kann, die ihn gefangen hält. Er versucht, sich in dem wiederzuerkennen, was er sein und tun möchte, da er sich am Exil seiner besten Dichterfreunde schuldig weiß, die, wie er, ausgewiesen wurden. Als man ihm anbot, das Land seines Exils frei zu wählen, sagten sie ihm, dass sie alle drei beschuldigt würden, die geistige Gesundheit der jungen Generation zu gefährden. Er suchte sich Kanada aus, wo er eine Ruhe fand, die er nicht gewohnt war, und die er von seinem Mittelamerika mit dem kadaverartigen Frieden nach den Kriegen nicht kannte. Es fiel ihm nicht leicht, dem Vorschlag zuzustimmen, ins Exil zu gehen, auch wenn es so schien, als gelinge es ihm, seine Feigheit beiseitezuschieben, die er in Bezug auf eine mögliche Begegnung mit dem Tod verspürte. Er war überzeugt, es werde ihm wie dem Händler aus Mesopotamien gehen, der von Bagdad, dem Ort, an dem er dem Tod begegnen soll, nach Isfahan flieht, um hierdurch dem vorherbestimmten Tag zu entrinnen. Der Tod ist überrascht, ihn in Isfahan anzutreffen, da es so weit von dem Ort entfernt liegt, an dem er ihm begegnen soll. Denn niemand entkommt ihm, niemals täuscht er sich. Er ist unnachgiebig, was die Stunde und den Tag betrifft, und er wundert sich: »Wie ist dasmöglich, wenn sich seinSchicksal doch in Bagdad erfüllen soll?« Und so nutzt er den Zufall, um seinen Auftrag zu erfüllen. Dir, Vallejo, könnte es wie dem Händler ergehen, der aus Mesopotamien flieht, um sich in Persien zu verstecken. »Scheiß auf die Träume, wenn ich sie nicht Wirklichkeit werden lasse«, sage ich zu meinem Spiegelbild.

Du verlässt das Hotel in Kanada, in dem sie dir Zuflucht gaben, und gehst hinaus in der näheren Umgebung spazieren; du willst dich, allein und traurig, unter einem Himmel aus einem anderen Blau nicht verirren, auch wenn du die weit entfernten Dichterfreunde als Leitsterne und Erinnerung in dir trägst: der eine in Russland, Rubén Asturias, der andere in den beleuchteten Wüsten von Manhattan, Enrique Michó. Mit ihnen fühlst du dich als Teil der Münze mit den drei Seiten und bist zufrieden, trotz der Unterschiede eine gemeinsame Identität mit ihnen zu teilen. Rubén Asturias ist scheu, außer wenn er das Thema Poesie anschneidet, und Enrique oder Henri Michó, der Dichter Mittelamerikas, besitzt die Fähigkeiten eines Chronisten.

Dass du Asturias und Michó im Gedächtnis behältst, hilft dir, die Isolation und die Sehnsucht nach der Heimat abzustreifen, Vallejo; nach ihren Straßen und Bars, ihren Bordellen und Kneipen. Eine verschwommene Erinnerung lässt dich blind in ihnen umherirren, als wärest du in die Falle eines Spinnennetzes getappt. Du fürchtest, dass dich der Tod zufällig findet, so wie den Händler, der sich in Isfahan versteckt hat, um den Tod zu täuschen, der ihn den Prophezeiungen zufolge in Bagdad ereilen sollte. Um diese Angst zu überdecken, liest du ein Interview mit Borges. Es verwirrt dich, dass er einen Preis von der chilenischen Diktatur bekommt und eine Rede hält, in der er sagt, es tue ihm leid, dass nur so wenige Terroristen hingerichtet worden seien, auch wenn er, der Meisterdichter, später erklärt, die Auszeichnung lediglich angenommen zu haben, um die Munition der argentinischen Militärsoldaten noch schärfer zu machen, die ihre chilenischen Kollegen bis auf den Tod hassten. »Die Feinde meines Feindes sind meine Freunde«, sagt der Meister Borges. So oder so: Borges darf dich nicht entmutigen, Vallejo, und du darfst dich auch nicht von den Erklärungen des argentinischen Dichters einschüchtern lassen, weil du weißt, dass es darauf ankommt, seiner Literatur nachzueifern,während sein Verhalten keine Rolle spielt, da es die Entscheidung jedes Einzelnen ist, ein guter oder schlechter Mensch zu sein. Alles, was man sonst gegen Borges sagt, entspringt dem Neid auf ihn wegen seiner europäischen und perfekten Gedichte, die wie von göttlicher Hand geschrieben sind. Er verdient Glück und Privilegien. Er fährt mit der Lektüre des Interviews fort … »Ich möchte nur Ernst Jüngertreffen und mich mit ihm zusammensetzen, der einzigen interessanten Person in diesem Land«, sagt der argentinische Dichter während seines Besuches in Deutschland, und versucht so, mit den Gefühlen zu würfeln. War Jünger ein Offizier im Dienste der Naziarmee? Wusste Borges in seiner homerischen Blindheit, dass er ein Dichter des Bösen war, im Gegensatz zu anderen, die sich für das Böse entschieden, aber niemals gut darin waren?

Unter dem Einfluss eines Betäubungsmittels, das die Wahrheit heraufbeschwor, hatte Vallejo, den man aufgrund seines Naturells El Viejo, »den Alten« nennt, eingewilligt, im Fernsehen aufzutreten. Der Auftritt wurde mehrere Tage im Voraus angekündigt, und so konnten seine Dichterfreunde der Gruppe Bala en Boca, »Kugel im Mund«, die Worte des seit mehr als vier Monate Verschwundenen aufmerksam verfolgen. Sie vertrauten dir und waren nicht enttäuscht, dich zu hören, einen Intellektuellen, der im Fernsehen präsentiert wurde; man wollte dich bezwungen sehen, Vallejo, indem du dich mit dem Militärregime solidarisiertest. Zumindest schien es so, denn sie haben nie verstanden, dass du deine Aussagen durch Ambiguität widerrufen hast, indem du ein Argument anführtest, das auf Cervantes’ Rede über die Waffenkunst und die Wissenschaft basierte: »Wie viel weniger werden im Krieg ausgezeichnet als getötet?« Die Waffen werden von den Worten getragen. Der Soldat muss fürchten und hoffen: »Wird er jeden Augenblick unversehens gen Himmel geschleudert werden – ohne Flügel – und wieder willenlos in die Tiefe stürzen?«; bis es so weit ist, bezahlt man den angesehenen Mann der Worte »mit Zeit, durchwachten Nächten, Hunger, Ärmlichkeit, Schwindel im Kopf, Grimmen im Bauch«. Der alte Vallejo beendete seineFernsehansprache mit einem Aufruf an die Jugendlichen, die politische Opposition gegen das autoritäre Regime aufzugeben.

Die Wirkung der Drogen hielt ihn nicht von seiner Verteidigung im Stil von Cervantes ab, die er mit der Scharfsinnigkeit eines umherziehenden Hidalgos jenes Jahrhunderts vorbrachte, was ihm ermöglichte, der Falle zu entkommen, ohne sich zu verraten. Die erstaunliche Rede, wie sie Cervantes nennt, verwirrte seine Geiselnehmer, und vielleicht ließen sie ihn gerade deswegen sprechen. »Sie haben nicht verstanden, was sich hinter diesen Worten verbirgt«, sagten die von der Gruppe Bala en Boca, die mit dem Inhalt des Auftritts von Vallejo zufrieden waren, denn auch wenn er zwei Namen genannt hatte, ließ ihn das Spinnennetz nicht wie einen Verräter fallen. »Gott erträgt keinen Krieg, und noch weniger ein Dichter«, denn die großen, aber auch die kleinen Konflikte sind Gifttropfen; es sind alles Hurensöhne (hier hört man einen Piepton, aber die Fernsehzuschauer verstehen ihn). Man stimmt Vallejos Argumenten zu: »Wir haben nie einen Schuss abgefeuert, aber wir sind Teil des Krieges; das Wort verletzt ebenso sehr wie eine Gewehrkugel«, und das Volk liefert dem Krieg die Leichen. »Außerdem ist der Tod eines Zivilisten billiger als der eines ehrenwerten Soldaten. Die finanziellen Mittel, die erforderlich sind, um ein Heer zu gründen, sind enorm, während der Bürger den Staat nichts kostet.« Im Besitz einer Waffe zu sein oder nicht – das macht den Unterschied. Wer eine besitzt, ist ein Held, und wer keine hat, das Opfer. Der Tod eines Zivilisten ist die Siegesstrategie. Indem man das Feuer auf ihn umleitet, spart man das Geld, das man anderenfalls in den Mann der Waffen investiert hätte. »Ein gefallener Soldat verursacht Unmut zwischen den Nationen, während den Tod eines Zivilisten nur die Familienangehörigen spüren, die am Leben geblieben sind.« Die Dichter der Gruppe Bala en Boca waren überrascht, Vallejo über Dinge sprechen zu hören, die man im Fernsehen eigentlich nicht sagen durfte.

Obwohl der narkotische Effekt anhielt, war sich Vallejo darüber im Klaren, dass es keinen Krieg gab, der hundert Jahre andauerte, und der eigene erstreckte sich bereits übersechs Jahrzehnte. Es war ein Krieg zwischen zwei grundverschiedenen und unversöhnlichen Banden, und mit einer dritten, die die Rechnung bezahlte: denBürgern. Wer setzt sich für die armen Teufel ein, die in wirtschaftlicher Armut leben? An einem durch Drogen begrenzten Horizont sind die Antworten verworren und die Zukunft diffus. Davon ausgenommen ist nur Vallejos feste Absicht, sein Leben zu retten. Als Schriftsteller ist er nicht zum Helden berufen, aber um zu schreiben, muss er einer sein.

»Als Bürger fühle ich mich denselbenBedingungen wie Cervantes’ Ritter unterworfen: arm wie die Armut selbst und ohne die Achtung, die dem Soldaten dafür entgegengebracht wird, dass er die Königreiche, die Monarchien, die Städte und die Wege zu Wasser und zu Land verteidigt.« Die vorübergehende Hellsichtigkeit im Fernsehen erlaubt dir, Cervantes’ Zauberkraft zu folgen. »Unter den Bürgern sind zahlreiche Verluste zu verzeichnen: Hunderte von ihnen geben ihr Leben für einen Soldaten in Uniform. Ohne Sitte und Anstand würden sich die Soldaten beider Seiten binnen einer Woche selbst vernichten.«

Wenn er denkt, überlebt er. Cogito ergo sum. Er existiert, weil seine Dichtergruppe sich mit Typographen, Schustern, Bäckern, Schneidern, Maispflückern, Näherinnen, Garnherstellern und Maurern befreundet hat. Die Gruppe nennt sich selbst Bala en Boca;sie fühlen sich privilegiert, da drei und mehr Dichter zu ihren Freunden zählen, die ihnen wohlgesinnt und sogar in den Medien präsent sind: Pablo Asturias, Enrique Michó und Rubén Vallejo. Die Bala en Boca hingegen sind auf dem Rücken liegende Götter,Täter und Opfer, die wie zum Tode Verurteilte durch die Straßen der Stadt ziehen. Sie werden jung sterben.

Er hört den Lautsprechern im Flugzeug zu, durch die angesagt wird, dass sie sich Costa Rica nähern. Die Durchsage lässtunterdrückte Emotionen wieder an die Oberfläche treten, die nach seiner Entführung und seinem erzwungenen Fernsehauftritt, bei dem er erklärte, einer regierungskritischen Gruppe anzugehören, nicht unbegründet sind. Was können wir tun, damit Ideen zu weltweit gültigen Wahrheiten werden?, fragt er sich, während jenseits der Berge und Vulkane wie ein Schwarm summender Feuerbienen die Gewehrkugeln zu hören sind; ein Konflikt, der noch immer nicht die Dächer und die Wände der Häuser in den Städten erreicht. »Ein Krieg hat seine Gesetze und ist diesen unterworfen, und die Gesetze fallen ins Gebiet der Wissenschaften und der Gelehrten.« Der Gedanke von Miguel de Cervantes bewahrt vor menschlichen Hekatomben. »Danke Sprache, dass du uns lebendig werden lässt«, sagt Vallejo im Fernsehen.

Er entschied sich, nach Kanada zu gehen, denn obwohl die beiden Dichter, seine Brüder, in Costa Rica waren, erlaubte man ihm nicht, dorthin zu reisen. Rubén Asturias war ausgewiesen worden, weil er gegen die Einwanderungsgesetze verstoßen hatte. Ein Stempel in seinem Reisepass verbot ihm, hinter den Eisernen Vorhang zu reisen, und darüber hinaus hatte er gewisse Fehler begangen, die seine Ausweisung verursachten, als er am Flughafen ankam. Mit Enrique Michó war es anders. Er erhielt anonyme Drohungen per Telefon, und in den Lehranstalten, in denen er Literatur unterrichtete, trafen Drohbriefe ein, auf die schließlich ein sehr überzeugendes Argument folgte: Innerhalb von zwei Wochen wurden in seiner Unterkunft mehrere Bomben deponiert, und so blieb ihm keine andere Möglichkeit, als in ein anderes Land zu gehen und die Stadt der toten Dichter zu verlassen. Er traf wenige Wochen nach Rubén in Costa Rica ein – dem Land, in das nun der Alte flog. Das tatsächliche persönliche Aufeinandertreffen der drei Seiten ein- und derselben Münze war greifbar nah.

Der Priester weigerte sich, ihn zu taufen, da Henri Michó sonderbar klang, sowohl der Vor- als auch der Nachname. Hat er möglicherweise einen ausländischen Vater? »Es tut mir leid, aber er hat nur mich. Er ist der Sohn eines unbekannten Vaters, den ich nur aus einer Nacht kenne, die ich bereue.« Der Priester schlug vor, er solle den Nachnamen der Mutter tragen, »das passiert Frauen, die mit entarteten Männern schlafen«, aber das dachte sich der Priester nur. Letztlich war der Priester mit dem Vorschlag der Mutter einverstanden, ihm den Namen einer Persönlichkeit zu geben, die sich verschiedenen Gebieten der Kunst widmete; sie glaubte an spirituelle Osmose, und so erfüllte sich ihr Traum, einen Schriftsteller als Kind zu haben, so wie sie gerne selbst die Gedichte anderer Dichter geschrieben hätte, die sie auswendig gelernt hatte, und die sie ihrem Kind in den Nächten vorsagte. »Ich wollte dir einen Musiker, Dichter oder Maler als Taufpaten suchen, der dich mit seinem Namen beschützen würde, und dieser Name war perfekt«, sagte die Mutter zu ihm, die jung sterben würde. Sie hatte die Biografie des französischen Dichters in einer Zeitung entdeckt. Der Priester war letzten Endes mit dem Nachnamen einverstanden, aber er schrieb ihn so, wie er klang, »und der Vorname wird Enrique sein«. Die Mutter stimmte zu, aber während sie die Kirche verließ, fühlte sie sich so frei, ihm den Namen Henri zu geben.

In der Schule, in der Vallejo einen Literaturkurs gibt, überzeugt er die jungen Dichter, ihre Poesie in der Realität zu verankern, auch wenn dies auf abstrakte Art und Weise geschieht, wie etwa in der Liebe, im Zorn, in der Enttäuschung oder der Reue. Auch wenn er nur vier Jahre älter als seine Schüler ist, die fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sind, respektieren sie ihn. Sie alle gehören der Gruppe Bala en Boca an. Sie sprechen dir Autorität zu, Vallejo. »Der Schlüssel zum Imaginären ist, Wahrheiten zu sagen, die irreal und utopisch erscheinen«, sagst du.

Henri lernte Vallejo in dessen Unterrichtsraum kennen. Er war zu ihm gekommen, um von ihm in der Herausgabe einer Literaturzeitung unterwiesen zu werden. Vallejo erklärte ihm: »Über den Umgang mit Poesie weiß ich nichts, aber ich werde dir helfen, sie zu schreiben, und vor allem, sie zu leben.« Jedoch nur unter der Bedingung, dass er sie in einem armen Land nicht benutzte, um mit ihr anzugeben. »Das poetische Genre entspringt den persönlichen Intuitionen und navigiert in den Flüssen, die zum Meer fließen.« In den Diskussionen ist er präsent und aufmerksam; er betrachtet ihre Lektüren kritisch und analysiert sie, und zudem macht er ihnen Vorschläge für Schreibübungen, Aufsätze, kritische Prosa und Gedichte. Auf diese Weise entsteht die Gruppe der Dichter, der sich jugendliche Anhänger anschlossen, die keine Schriftsteller waren, aber alle Gedichte lasen. Sie teilten kreative Erfahrungen, Scharfsinn und Verantwortungsbewusstsein, und er betonte, dass in den Gedichten Furcht, Schönheit und unbekannte Emotionen ineinanderfließen müssen, es jedoch am wichtigsten sei, diese so anzunehmen, als ob sie die eigenen seien. »Gedichte sind die Lösung gegen Ängste und Gewalt.« Mit einer Philosophie der Extravaganz wird Vallejo zur zentralen Figur der Gruppe, deren wesentliche literarische Motivation soziale Themen sind.

Ihre ersten Gedichte veröffentlichen sie in jungen Jahren in der monatlich erscheinenden Zeitschrift Gallo Rojo, »Der rote Hahn«, die sie an den Schulen verkaufen, die von jungen Frauen besucht werden, die sie bewundern, und die in ihnen bewundernswerte Dichter sehen, wenn auch ohne Zukunft.

Der Gruppe schlossen sich noch weitere Jugendliche an: ein Buchhalter, vier jugendliche Schüler der Sekundarstufe und ein Angestellter beim Gericht; sie alle nahmen an den von den Dichtern organisierten Veranstaltungen teil. Die jungen Arbeiter waren nicht dabei, weil ihnen die Gedichte gefielen, sondern da sie sich im Kreis der Dichter beschützt fühlten. Sie sahen in ihnen die glorreiche Zukunft der Literatur. Die Gruppe Bala en Boca übernahmdie Aufgabe, die Zeitschrift Gallo Rojo in den Straßen zu verteilen, und zudem halfen sie bei der Organisation von Protesten in der Universität mit. Vallejo ist der Boss: Er wird aus gutem Grund der Alte genannt, denn er weckt keinen Neid und ruft keinen Wettstreit hervor, weswegen sie sich sehr gut mit ihm verstehen. Er verschafft ihnen Orientierung in Sachen Literatur. Nach zehn Ausgaben scheiterte die Zeitschrift, woraufhin sie sie in die Radiosendung Toro de Espadas, »Stier des Matadors«umwandelten. Dies ermöglichte ihnen, als Literaturgruppe zusammenzubleiben, einschließlich derer, die nicht schrieben, dafür aber die Dichter unterstützten, da diese die einzigen waren, die sich trauten, die bewaffnete Macht zu kritisieren.

Treffen in Costa Rica. Der Alte hat nichts publiziert. Er hat nur einen unveröffentlichten Roman, den er nie fertigstellt, sowie seine Mitarbeit bei den Zeitungen. Rubén Asturias und Michó haben hingegen schon in kubanischen und mexikanischen Zeitschriften veröffentlicht; ein Verdienst für Vallejo, dass seine Schüler ihren Lehrer übertreffen. Beide heben sich für die Literatur auf. Michó ist mehr Herr seiner selbst als Asturias, der mit seinem empfindsamen Gemüt immer zu zerbrechen droht, und sich weigert, in Mittelamerika zu publizieren. Er ist so intolerant wie der Hirte der Täuschungen, der in Hameln mit seinem Flötenspiel die Meute anführt. Michó ist besser in seinen Experimenten mit dem Wort, was seinen Schriften Kraft verleiht.

Als Gegenleistung für seine Befreiung hatte Vallejo den Namen des führenden Dichters nennen sollen, der den Widerstand gegen die Regierung organisierte. Es kam ihm in den Sinn, Asturias zu nennen, da er in Russland lebte, außerhalb des Machtbereichs der demokratischen Diktatur, und daher keinen Schaden nehmen würde. »Wir müssen das Paradies der Unterdrückten kennenlernen«, sagte er zu Asturias, um ihn davon zu überzeugen, ins heilige non sancta Russland zu reisen und die Möglichkeit zu nutzen, die die geisteswissenschaftliche Fakultät ihm anbot: ein Stipendium, um die Poesie des guatemaltekischen Dichters Rigoberto Sibrián zu erforschen, der mit siebenundzwanzig Jahren verschwunden war. Das Ziel: aufzuspüren, was dieser in den Zeitschriften des Landes veröffentlicht hatte, wobei es unerheblich war, dass seine Gedichte in russischer Sprache abgedruckt worden waren.

Vallejo wusste nicht, dass Asturias gerade seine Rückreise über Deutschland angetreten hatte, wo er bei Freunden untergekommen war, die er in Russland kennengelernt hatte, um danach in Frankreich zu stranden, da er nun nicht mehr über Rio de Janeiro nach Mittelamerika einreisen konnte. Sie verpflichteten ihn, eine Woche in Paris zu warten; die Ausgaben wurden von der Fakultät bezahlt, aber er hatte kein Geld, um die in den Monumenten konservierte Geschichte der Stadt zu genießen, die er sich durch die Romane von Víctor Hugo angeeignet hatte. Wenigstens erfreute er sich am Hotel Claridge, das mitten auf den Champs Élysées liegt, und ihm nach drei Jahren des Lebens im unwirklichen Sozialismus wie eine Luxuszelle vorkommt. Die Mittel, die sie ihm zukommen ließen, um auf seiner Rückreise nach Mittelamerika zu überleben, waren begrenzt. Außerdem schämte er sich, das Geld der Armen des heiligen Russlands auszugeben. »Es ist nicht gerecht, den Arbeitern das Geld wegzunehmen, aber ich wollte nicht in diesen Tundren stranden«, sagte er zu dem Spiegelbild im Claridge, das ihn so ansah, wie er war: mit seinen Muskeln, dem Bizeps, dem Trizeps und dem Quadrizeps; ganz anders, als er Monate zuvor in den Weiten Sibiriens ausgesehen hatte, mit seiner Cordjacke, seinem Mantel aus Kamelhaut, den hohen Stiefeln und der Pelzmütze, die den Kopf warmhalten und ihn vor den minus zwanzig Grad des Winters schützen sollte. Er lehnte sich aus dem Fenster, um den berühmtesten Boulevard von Paris zu betrachten. Ein Traum der Armen, den jeder Dichter aus den Urwäldern Amerikas träumte. Für einen studentischen und unbedeutenden Touristen war jedoch kein Platz in Paris. Privilegien lehren und verändern. Er erinnerte sich an sein Lieblingsgedicht. Wo wird sie sein, meine süße Rita aus Schilf und Capulí, die aus den Anden herabkam? Das Eingesperrtsein im Hotel Claridge war etwas ganz anderes als der Dracula-Palast in der Stadt der Dichter, von dem Henri Michó erzählt hatte, als er zu Gast in der Sklavenunterkunft gewesen war.

Vor dem Spiegel im Claridge legt er sich nackt auf den Rücken, um Gedichte zu schreiben und den Zauber in sich aufzunehmen, der von dem Palais ausgeht. Er beginnt ein Prosagedicht, in dem er sich fragt: »Wofür schämen wir uns, seitdem Adam den Apfel von Eva genommen hat? War die Sünde von Adam und Eva die Voraussetzung dafür, dass wir die Menschlichkeit erwarben? Die Jungfrauen lebten nackt im Paradies, aber dann kam die Theologie und kleidete sie an, damit die Sünder sich dieMühe machen mussten, sie auszuziehen, und so entstand das weltliche Paradies.« Du beendest das Gedicht, so wie es es verdient, und gehst hinaus auf die Straße und begibst dich auf die Suche nach einem Café.

Ob sich die Älteren von euchnoch an Gary Grant und Audrey Hepburn erinnern, die Schauspieler aus dem Film Charade? Du hast ihn in Irkutsk gesehen, Asturias, in einem alten Filmclub, in dem du in bewegten Bildern das Hotel Claridge zum ersten Mal zu Gesicht bekamst, das kein Vergleich zu den bescheidenen Hotels von Irkutsk gewesen ist. Das einzige, was dir in dem Pariser Hotel fehlte, war die jüngere Version von Audrey Hepburn.

Du beschließt, zum Eiffelturm zu gehen, den du durch die Fenster des Hotels sehen kannst. Hierfür kannst du weder ein Taxi noch die Metro nehmen, aber du vertraust darauf, dass deine Nasenspitze dich zu dem bewundernswerten Phallus bringen wird. Damit du dich nicht verläufst, nimmst du, ohne eine Münze in der Tasche, einen Kompass und eine Fotokamera mit, wie studentische Touristen sie dabeihaben. Du wirst am Eiffelturm ein Foto mit dem Selbstauslöser machen, so dass eines Tages deine Kinder und deine zukünftige Frau dir glauben werden, wenn du ihnen die Fotos zeigen wirst, auch wenn du noch nicht davon ausgehst, dass es sie geben wird: der Dichter im Profil, von hinten, in der Badewanne, in den Posen eines dressierten Hundes, liegend auf dem Prinzen- und Bettlerbett, die Beine gespreizt, schlaffer oder erigierter Penis. Du schaust dich weiter im Spiegel an, während du immer noch an die Gruppe der im Krieg von Mittelamerika gefallenen Dichter denkst. Die Alternative lautet: tot oder lebendig. Die Kühnsten suchten das Martyrium in den Bergen, angestachelt von einem Heldentum, das unumgänglich war. O Zeit, o Dollars, o Rubel, o Euros, o Sitten, o Schmerzen, o Geburten und Wiedergeburten.

Du denkst an einfache Dinge, wie zum Beispiel daran, etwas aus diesem prahlerischen Hotel zu entwenden. Der Spiegel mit dem Rokoko-Rahmen etwa gefällt dir, aber er ist zu groß, um ihn in deinen studentischen Abenteuerrucksack zu packen, und du wärst auch nicht in der Lage dazu, ihn von der Wand zu nehmen. Im Bad betrachtest du die kleinen Flakons mit Parfüm und flüssiger Seife und beschließt, sie dir anzueignen, so wie es sich für einen Mittelamerikaner gehört. Später wird dir klar, dass diese Mixturen im Zimmerpreis inbegriffen sind, und du also gar keinen Diebstahl begehst, wenn du das entwendest, was dir sowieso gehört, auch wenn du dich dabei wie ein fähiger Dieb fühlst, da du das Gehalt einfacher Russen aus dem Fenster geworfen hast. Du hältst dich für einen idiotischen Prinzen im Stil von Dostojewski, und fühlst dich wie jemand, der bereit dazu ist, in den Kriegen des Zaren und danach in denen gegen Hitler zu sterben, bloß weil er meint, dem heiligen Russland Verehrung zu schulden. Du darfst dich nicht beklagen, denn du kannst nun auf Erfahrungen in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang zurückgreifen. Deine Widersprüchlichkeit passt nicht zu dem Vorhaben, den Neuen Menschen zu erschaffen, denn die Menschheit und ihre Schwächen werden niemals vergehen, so lange es keinen nuklearen Big Bang geben wird. Der Mensch wird für immer alt sein, das ist der Schlüssel zum Überleben.

Und all das aufgrund der Nachlässigkeit von Air France. Wenn sie die Reservierung des Fluges nach Südamerika nicht gestrichen hätten, wärst du jetzt nicht den Versuchungen dieses Paradies-Hotels ausgesetzt, dessen Entstehung sich der Undankbarkeit des Jahrhunderts der Raubzüge verdankt, das in Gewalt und Vandalismus zurückfiel. Im Licht der Geopolitik der Welt betrachtet, gelten sie als genetische Degeneration; sie geben jedoch nicht zu, diesen Samen zu säen.

Aufgrund Vallejos Verhandlungen bewilligten sie dir das Stipendium für Studenten, die der Idee des heilbringenden Sozialismus anhängen, Rubén. Du hast die russische Gesellschaft kennengelernt und wie nebenbei die Gedichte des guatemaltekischen Dichters Rigoberto Sibrián gerettet. Du warst glücklich, weil du in jungen Jahren exotische Länder besucht und dir vorgestellt hast, zu bleiben, wenn es dir gefiel und sie dich ließen. Es wurde dir wie ein Paradies angepriesen, das im krassen Gegensatz zu der regionalen Hölle deines Mittelamerikas stand.

Vallejo veröffentlicht Literaturkritiken, die den Medien zufolge für einen jungen Mann ohne Erfahrung von großem Talent zeugen. Aufgrund deiner klugen Kritiken, die sich weder auf die eine noch auf die andere Seite schlagen, reden sie von dir wie von einem vielversprechenden Kulturjournalisten, der weder der einen noch der anderen Bande angehört. Du fühlst dich frei zu schreiben, wonach dir der Sinn steht, und so veröffentlichst du Artikel über verstorbene Dichter der Stadt und wirst so deine Position als unabhängiger Journalist festigen, der in seiner Unabhängigkeit von den jungen Dichtern abhängig ist, die du in der Schule ausgebildet hast. »Die Kriegskultur bringt die Nation in Gefahr. Man muss diesen Teil des Universums retten«, steht in einer deiner Schriften.

Nach und nach wendest du dich Positionen zu, die deine Sicherheit gefährden, Vallejo, aber deine Beobachtungen sagen dir, dass du die Dichter verteidigen musst, die sich in einer kulturellen Erneuerung befinden, die an diejenige erinnert, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Rubén Darío an der Spitze vollzogen hat. In der Zeitungsredaktion denken sie, dass trotz des anarchistischen Charakters der Gruppe dank ihnen neue Werte entstehen können, sei es durch Bohèmiens, wie Darío einer war, oder durch magische Chronisten wie der Guatemalteke Enrique Gómez Carrillo: zwei Mittelamerikaner im Europa des 19. Jahrhunderts, die als hell leuchtende Lichter aus der Peripherie gekommen waren. Dieser élan veranlasst dich dazu, die Zeitschrift Gallo Rojo zu gründen, die sich an Jugendliche richtet und von jungen Leuten der schmutzigen Strömung der Literatur verfasst wird. Die unterentwickelten Typen der Bala en Bocamüssen einen Weg aus Disteln und Dornenbeschreiten; ein Prozess, der sie darauf vorbereitet, Chronisten ihrer Gesellschaft zu werden. Du erwähnst, dass die Intellektuellen die Revolutionen anführten, was jedoch nicht erklärt, weshalb sie die ersten sind, die standrechtlich mit dem Triumph der Revolution erschossen werden, »denn es gibt keine Revolution ohne Involution; die jungen Skorpione verschlingen ihre Mütter«. Es sind dunkle Ideen, die immer wieder auf die jungen Dichter einwirken, um sie vor orthodoxen Abwegen zu bewahren, auch wenn du auf Drängen der Zeitung die »reinenDichter« bevorzugen musst, um dich der Unternehmensphilosophie anzupassen, die besagt, dass die Freiheit der Meinungsäußerung die Freiheit des Urhebers und dessen Recht ist. Diese Einschränkung fällt jedoch nicht ins Gewicht, solange sie dir Bezugnahmen auf Avantgarde-Dichter zugestehen, die aufgrund ihrer Neigung, jung zu sterben, Beerdigungsintellektuelle sind.

Du verabscheust das Publizieren, Asturias, denn du bist anspruchsvoll, ohne einen Grund dafür zu haben, denn der Großteil deiner Arbeiten ist unveröffentlicht; du verlangst Präzision in publizierten Versen. Deine gesamte Poesie befindet sich in einem einzigen Buch mit dem seltsamen Titel: Private und unbekannte Gedichte. Du stellst ihnen die Gedichte vor, indem du sie auf öffentlichen Veranstaltungen liest. »Sie sind zu gut, um gewöhnlichen Lesern zu gefallen. Ich ziehe es vor, sie unveröffentlicht zu lassen«, so die Begründung von Rubén Asturias.

Eines Abends fiel er bei der Flucht vor der Polizeigewalt mitten auf der Straße auf die Nase, und als er realisierte, dass er gefangengenommen werden könnte, zog er die heiligen Papiere aus seiner Tasche. »Mein wertvollster Schatz, der mich im Leben begleitet, sind die Gedichte und meine Mutter«, erzählt er Pablo Vallejo. Er hatte sie in den Abwasserkanal geworfen. »Lieber landen sie in der Kloake, als dass sie konfisziert werden.« Während der Durchsuchung fanden sie nichts Verbotenes, und so ließen sie ihn frei. Danach hatte er sich vorgenommen, in den Jahren, die ihm zum Leben blieben, die Gedichte neu zu schreiben; daher seine Zurückhaltung in Bezug auf das Veröffentlichen, die durch seinen Perfektionismus noch gesteigert wurde, was ihn zu einem langsamen Schriftsteller machte.

»Die Tropen rauben uns die Kraft, die wir fürs Schreiben brauchen.«

»Die Natur hatuns ans Bein gepisst, indem sie aus der äquatorialen Zone eine Hölle machte.«

»Und was wäre, wenn Dante sich die Hölle als einen kalten Ort vorgestellt hätte, und wir so zu Flammen aus Eis verdammt worden wären?«, bemerkte Michó.

»Die Hitze verwandelt die Emotionen in Asche, führt zum Romantizismus und zum Suizid. Die Kälte hingegen friert ein, verewigt das Leben. Trotz allem entscheide ich michfür das tropische Feuer, koste es, was es wolle«, erwiderte Asturias.

Briefe aus Europa. Festbeleuchtung, Kissen, goldene Gardinen, pittoreske Gemälde und hängende Lampen beobachten deinen nackten Körper, und weil du das, was du siehst, einordnen möchtest, denkst du über die Weisheit der alten chinesischen Machthaber nach, die nicht wegen ihrer Raketen, sondern aufgrund ihres Wirtschaftswachstums gefürchtet werden: »Werdet alle reich, produziert, investiert und nehmt am Markt teil.« Nur sokonnten sie ihre blauen Mäntel gegen die bunte Kleidung von Benettonund die blaue von Leviseintauschen.

Rubén Asturias stellt sich vor den Spiegel, um seine Atavismen anzuschauen, die ihn zu einem wilden Bürger machen. Wer wird im Krieg nicht zum Schlächter? Der Markt selbst, der Hauptprotagonist der Welt, wird mit seiner magischen Flöte der neue Rattenfänger von Hameln; er kennt die Schwächen der Welt, die mit der Unschuld in Zusammenhang stehen. Wer dies für eine teuflische Idee hält, sei daran erinnert, dass Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieben hat. Du beschmutzt die Papierserviette, während du darauf wartest, von Paris nach Südamerika und dann weiter nach Mittelamerika zu reisen. Durch das Fenster des Claridge wird der Regen mit seinen Blumen des Bösen sichtbar. Der Dunst von Wermut und Baudelaire kommen dir in den Sinn, was dich dazu inspiriert, verrückte Notizen an Vallejo und Michó zu schreiben: Briefe, die sich lesen wie Prosagedichte.

Du schreibst: »Es sollte ein göttliches Gesetz existieren, das einem erlaubt, sich an imaginären Frauen zu erfreuen. Der einzige Nationaldichter will nur ein Gaukler in der Manege sein, ein Zauberer der Straße, aber er sieht sich nicht dazu verpflichtet, über Dornen zu gehen oder an Adjektiven krankende Gedichte zu schreiben. Es reicht aus, Briefe zu schreiben, die an niemanden gerichtet sind, um eine Schulter zu finden, an die ich meinen Kopf anlehnen kann. In dieser Pose errichten sie mir dann eine Statue als bemerkenswertester Dichter der Stadt der toten Dichter, wie sie die Jugendlichen nennen, die an ihr leiden.«

Du schreibst diese letzten Zeilen an deine Dichterfreunde, um dich an der Einsamkeit des Hotels Claridge zu erfreuen, die in dir die Versuchung weckt, irgendeinen Gegenstand zu entwenden, um ihn als Erinnerung für diejenigen mitzunehmen, die dich in deinem hinterwäldlerischen Amerika erwarten, das Neruda die Taille des Kontinents nannte. Du willst ihnen nicht nur deine Gedichte und die des Guatemalteken Sibrián mitbringen – eine ins Russische übersetzte Poesie, die du nie verstehen wirst, Rubén, aber deren Klang du genießt, die Originalstimme des Dichters erahnend.

Vallejos Geschichte. In der Schule hast du einen Preis als Kinderschauspieler gewonnen, was eine Ehre für ein Kind von sieben Jahren ist. Es war eine der wenigen Situationen, in denen dich dein Vater als seinen Sohn annahm; du erinnerst dich an diesen Kuss, der deine Haut erglühen ließ. Deine Mutter, Eugenia de los Ángeles, war nicht so überschwänglich, aber sie traf dich mitten ins Herz. Während dir der Kuss des Obersten eine Lektion erteilte, war der deiner Mutter eine Liebkosung. Vielleicht weil sie dich nicht mehr wiedersehen würde: Zwei Jahre, nachdem du als Kind den Preis gewonnen hattest, verschwand sie. Du hast es nie verstanden und niemand wollte dir erklären, wohin sie gegangen war. Dies war der Auslöser für deine Amnesie, denn du wolltest deine wiederkehrenden Albträume vertreiben, die dich in den Nächten verfolgten.

Einige Bilder treten in dein Bewusstsein, wie das von Oberst Vallejo, der dich zu trösten versucht, indem er von der Leere spricht, die seine Frau hinterließ. Du glaubst ihm nicht, aber der Oberst Vallejo besteht darauf, dass der Dienst an der Heimat ein Mittel gegen die Trauer ist; eine abstrakte Heimat, die sie ihn zu verteidigen lehrten. Er führt sich selbst als Beispiel an, auch wenn er noch nicht weiß, dass er wegen dieses Dienstes umkommen wird. Aber auch wenn er es wüsste, wäre es ihm vermutlich egal gewesen. Das Heldentum ist es wert, in den Flammen des Bösen zu verbrennen. Er spricht davon, dass du dich für ein Stipendium am Konservatorium bewerben solltest, um Musik oder Theater zu erlernen; er tut dies jedoch nicht, da ihm solche Berufe gefallen hätten, sondern um deine Schule nicht finanzieren zu müssen. Er steht unter finanziellem Druck, denn der Krieg wirft keine Dividenden ab. Ein Feldoffizier hat keinen politischen Einfluss und materielle Anreize sind nicht der Grund, weshalb er kämpft, sondern die Verteidigung des Vaterlandes, die Uniform, die Festtagskleidung, die Märsche, das körperliche Training. »Wenn du das Stipendium bekommst, löst sich unser Problem in Luft auf, und von den künstlerischen Fächern gefällt mir das Theater am besten«, sagt der Oberst, während er an das körperliche Training denkt, das Teil dieses künstlerischen Faches ist. Wenn er seinenKörper von klein auf formt, könnte er ein guter Bürgersoldat werden.

Eines Abends, während du mit deiner Tante María Socorro Vallejo spielst, hörst du deinen Vater sagen, dass du einen Lehrer für den körperlichen Ausdruck bräuchtest, wodurch auch die Wünsche der abwesenden Mutter Berücksichtigung fänden, die in Pablo Vallejo keinen Karrieresoldaten, sondern einen zukünftigen Schriftsteller oder Theaterschauspieler sehen wollte. »Alles ist gut, solange er sich nicht in einen Antipatrioten verwandelt oder Perversionen entwickelt, die ihn die Welt verändern lassen wollen«, sagt der Vater und erteilt hiermit seine Zustimmung. Er würde einen Ausbilder einstellen, der in den Schulferien an den Vormittagen kommen sollte. Einige Tage später kam der Lehrer ins Haus, und du nahmst die starke Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem deines Vaters wahr. Du dachtest, sie seien vielleicht miteinander verwandt. Etwas in seinen Gesten und seinem Blick sagte es dir, aber aus irgendeinem Grund verheimlichten sie die Verwandtschaft, wie du mit deiner kindlichen Mentalität überlegtest. Deine unsichtbare Mutter warnte dich vor dem Lehrer, aber du schenktest dem keine Beachtung. In deinen Träumen nähert sie sich deinem Bett in dem Glauben, dass du schläfst. Sie küsst dich, spricht und geht wieder. »Hüte dich vor den dunklen Versuchungen, die dich belauern.«

Deine Alpträume begannen an dem Tag, als der Oberst Diómedes Vallejo verkündete, deine Mutter werde nicht mehr nach Hause zurückkehren, und als du ihn um genauere Informationen batest, sagte er dir, sie sei in ein anderes Land gegangen, er wisse jedoch nicht, wohin, da sie sich weigere, ihm Anhaltspunkte zu geben. Jahre später gab dein Vater zu, dass sie freiwillig gegangen ist: Sie wollte, dass wir sie vergessen, und dein Vater wollte dich nicht mit der Tragödie einer verschwundenen Mutter schockieren. Es war besser, von verlassen zu sprechen. In deinem jugendlichen Alter nahmst du hin, was dir der Oberst sagte: »Sie verließ uns, um nach Australien oder an irgendeinen anderen Ort der Welt zu gehen. Sorge dich nicht: Wichtig ist, dass sie lebt.« Aber du glaubst, dass Eugenia de los Ángeles Vallejo im Tod lebendig ist.

II. Die Dichter der Nacht

Dieses Buch trägt eine Person in sich.

José Saramago

Reflexionen aus Lanzarote

mit Jorge Halperín

OPTIMISTISCHE TRAGÖDIE DER DICHTER. Wir drei Dichter verloren unsere Anstellung beim Radio, bei dem wir ohne rechtliche Genehmigung als Reporter gearbeitet hatten, um den Journalistenberuf auszuüben.

»Genug der Tragödien, das Leben gehört uns. Wir kennen keinen Schmerz.«

Seit unserer Jugend bestärkte uns der Alte in der literarischen Arbeit. Er führte uns vor Augen, dass man von Gedichten nicht leben kann, aber auch nicht an ihnen stirbt. Daran denke ich, während ich versuche, einen Ausgleich für meine schlechte Laune zu finden, die durch die Entlassung ausgelöst wurde, während wir zum Markt der Artillerie gehen; man nennt ihn so, da sich hier früher die wichtigste Kaserne der Diktaturen befand. Heute findet man dort Läden vor, in denen Kunsthandwerk, Hängematten, bestickte Taschen, Pornofiguren aus Keramik und Schusswaffen, von Pistolen mit Laservisier bis hin zu Handgranaten, als Ausdruck des freien Marktes angeboten werden.

Dieser Ort dient uns als Schutzwall, um zu einer in der Nähe gelegenen Kneipe zu entwischen, die am anderen Ende der Straße liegt; wir betreten den Markt durch einen Eingang und tun so, als ob wir einkaufen würden, und verlassen ihn dann durch einen anderen Ausgang wieder, damit man uns nicht folgt. Warum? Weil die Spitzel keine öffentlichen Orte aufsuchen dürfen, die als Spelunken gelten. Orte, an denen es Frauen gibt, die bereit sind, mit ihrem Körper ihr tägliches Brot und das für das Überleben notwendige Kleingeld zu verdienen.

Regel des 21. Jahrhunderts: das ausschweifende Leben verheimlichen, denn wir sind wie gemacht für die Doppelmoral; dennoch müssen wir zur Katharsis Orte der Zügellosigkeit aufsuchen und diese Besuche verheimlichen, da wir als Berichterstatter Gefahr laufen, erpresst zu werden, wenn wir die Gesetze nicht respektieren; es wäre aber falsch, anzunehmen, dass wir übertreiben. Wir suchen nur selten jene Frauen auf, die man Prostituierte nennt, auch wenn sie heilig sind. Außerdem scheint die Kneipe, die wir besuchen, frei von schlechter Reputation zu sein. Wir gehen dorthin, weil wir in der Nähe wohnen; unser Apartment befindet sich nur wenige Meter entfernt, in dem Haus aus Zellophan, das wir mit dem alten Vallejo gemietet haben und zu gleichen Anteilen bezahlen. Eigentlich heißt das Wohnhaus nicht so, aber wir haben es so getauft, da in der zweiten Etage die Wand zur Straße hin aus Glas ist. Es ist wie ein riesiges Fenster, wodurch das Innere des Apartments einsehbar ist, und wir, da Gardinen fehlen, dem Blick der Menschen ausgesetzt sind, die sich auf dem Bürgersteig auf der anderen Straßenseite befinden. Füreinen Spannerist es leicht, uns bei unsittlichen Aktionen wie intimen Handlungen zu erwischen, die man vor Publikum nicht ausüben sollte.

Wir betreten den Markt in der ehemaligen Kaserne, um ihn auf der anderen Seite wieder zu verlassen, und jetzt stehen wir vor den roten Tischen, die mit Resopal überzogen sind. Wir sind darauf eingestellt, unsere Enttäuschung darüber, dass die Menge der Ideale nicht mit der Realität übereinstimmt, jedes Wochenende in Flüssigkeiten zu ertränken. An diesem Nachmittag werden wir die beiden neuen Kellnerinnen in der Kneipe kennenlernen. Wir haben einen Zettel erhalten, der unter der Tür unseres Apartments hindurchgeschoben wurde: »Besuchen Sie uns heute, und genießen Sie die besondere Aufmerksamkeit unseres jungen Personals.« Man lädt uns ein, weil man uns füranständige und intellektuelle Stammkunden hält, wobei Personal in einer Kneipe bedeutet: Frauen, minderjährige Mädchen mit gefälschten Papieren, auf denen sie älter als in der Wirklichkeit sind. »Also gut, wenn man uns dieses Privileg gewährt, werden wir uns betrinken, um die suizidale Depression zu ertränken«, auch wenn wir fürs Flirten nicht in der richtigen Stimmung sind. Seit wir das Rundfunkgebäude verlassen haben, konzentriert sich unser Gespräch darauf, uns über diejenigen auszulassen, von denen wir glauben, sie seien für die Entlassung verantwortlich; den Programmdirektor des Radiosenders, der uns unter dem Vorwand der Gerechtigkeit verurteilt und sich selbst an die militärische Macht verkauft hat: den Dichter Castillo Rivas, früherer Meister der nationalen Poesie.

Wir sitzen noch keine zehn Minuten und lassen uns noch immer über unsereProbleme aus, als sich der Wirt der Kneipe nähert.

»Schade, dassihr zu dritt seid. Ich will euch meine beiden Patentöchter vorstellen, meine Töchter durch Gottes Gesetz, die seit Kurzem nachts bei mir arbeiten und tagsüber an der Universität Literatur studieren. Sie sind Teil meiner Familie.« Er glaubt, dass er mit dieser Erklärung unsere Kritik entkräften wird. Sie sind noch keine achtzehn Jahre alt, aber ich setze meine Hoffnungen in die Dichter und in die jungen Gäste.

Sie sind ganz nah, nur einige Schritte entfernt, und säubern geradeden Nachbartisch; sie geben sich gleichgültig. Wir schauen sie an. Sie sind wirklich attraktiv, jedenfalls attraktiv genug, um das Gesetz zu brechen, was uns ein Leichtes scheint. Der Wirt fordert uns auf, mehr zu konsumieren, damit wir sie besser kennenlernenkönnen. Gleich wird er sie uns vorstellen. Weil wir Dichter sind, kaufen wir ihm seine Aufrichtigkeit ab, auch wenn er nur so tut als ob. Wir gehen davon aus, dass er sie uns gegen Bezahlung anbietet, aber schon nach wenigen Minuten merken wir, dass wir uns geirrt haben: Der Kneipenwirt will nur seine Patentöchter unterstützen, die wirklich Studentinnen sind. Wäre es anderes gewesen, hätte es uns nicht interessiert, denn heute ist ein schlechter Tag, um uns den Luxus zu leisten, an Frauen zu denken, auch wenn sie anständig sind.

»Die beste Art, Probleme zu lösen, ist sich zu vergnügen«, spornt derKneipenwirt uns an. Sie geben vor, ihm zu glauben, und er tut so, als glaube er, dass sie ihm glauben. Die Dichter werden ihm vorwerfen, minderjährige Mädchen zu beschäftigen, aber er wird ihnen klarmachen, dass es wichtig ist, junge Menschen als Bedienungen anzustellen, da dies das Geschäft fördert.

»Sie werden euch vonheute an bedienen«, schlägt der Wirt vor, der den Kunden stets bereitwillig beipflichtet.

»Abgesehen davon, dass uns das Wasser bis zum Hals steht, sieht es schlecht um unsere Libido aus«, sagt RubénAsturias.

»Ich habe nicht gesagt, dassihr sie respektlos behandeln dürft. Sie sind meine Verwandten nach dem göttlichen Gesetz. Sie sind Arbeiterinnen, die ein Recht darauf haben, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.«

Sie machen den Wirt darauf aufmerksam, dass er auf sie aufpassen muss, denn in einer Kneipe ist bekanntlich alles erlaubt, weshalb die beiden Mädchen Gefahr laufen, als Flittchen abgestempelt zu werden.

Der Wirt sagt: »Meine Patentöchter wissen sich zu verteidigen, sie brauchen keine Ratschläge. Es ist vielmehr so, auch wenn ihr es mir nicht glauben werdet, dass sie sich schon für Intellektuelle halten, obwohl sie noch nicht volljährig sind. Natürlich nicht ganz so wie ihr: Ihr kennt die Literatur, habt sie studiert und studiert sie weiterhin.« (Diese Dichter-Muttersöhnchen. Ich stelle ihnen die Mädels vor, und sie beschimpfen mich, da sie junge Frauen nicht mögen, die aufrichtig sind. Ich weiß, wann ich es mit Weicheiern oder mit Dichtern zu tun habe. Ich möchte nicht das gute Ansehen zerstören, das sie verdienen.)

Er stellt klar, dass seine Adoptivtöchter Respekt verdienen:

»Sie studieren im ersten Jahr an einerdieser Privatuniversitäten, die gerade überallwie Unkraut aus dem Boden schießen, und in denen sie Dinge lernen, die kein Mensch braucht, nur um dann Alles und Nichts zu wissen.« Die Dichter wollen das Bier genießen und haben keine Lust auf Erklärungen. Sie fühlen sich zu schlecht, um davon zu erzählen, dass sie jetzt ein Problem haben, weil sie arbeitslos sind. Nach einigen Minuten wird uns klar, dass er weder lügt noch die Mädchen dem Meistbietenden anbietet.

»Meine Patentöchter nutzen ihrePausen, um Bücher zu lesen«, sagt der Wirt in dem Versuch, seinen unanständigen Vorschlag zurückzunehmen. »Ihr dürft nicht schlecht von mir denken. Die Mädchen sind anders als die Kellnerinnen, die man an anderen Orten antrifft.«

Die drei Dichter hören der Verteidigung der jungen Frauen zu, aber weil sie gerade schlecht gelaunt sind, antworten sie mit einer Aneinanderreihung von Unwahrheiten. Als ob es uns interessieren würde, ob du der Pate des Teufels oder ein Freund Gottes bist, oder ob die beiden Studentinnen sind oder nicht. Wir sind nicht in der Stimmung, uns darüber zu freuen, dass die Mädels zufällig Leserinnen oder dazu in der Lage sind, selbst zu schreiben.

Sie sagten uns ihre Vornamen, Juliana und Francesca, aber nicht ihre Nachnamen, da man an diesen Orten unter einem Decknamen lebt. Dies ist nichts Ungewöhnliches, da es die Voraussetzung dafür ist, an einem gefährlichen Ort einer Arbeit nachgehen zu können. Wegen des Krieges und der sozialen Gewalt fehlt es an Arbeitsplätzen, aber sie müssen überleben und manchmal vor dem Tod fliehen, der immer über Bagdad schwebt, und der beste Weg, ihm zu entgehen, ist, sich in Isfahan zu verstecken.

Es vergingen einige Minuten, bis die Dichter, die angesichts der Schlagfertigkeit der jungen Frauen überrascht waren, erkannten, dass diese wirklich leidenschaftlich gerne lasen und durchaus ihre Qualitäten hatten.

Sie brauchen keine Empfehlungsschreiben, um sich ihnen anzunähern, aber an diesem Tag verstecken sie den Sexismus unter einem Keuschheitsgürtel; sie haben zu viele Probleme, als dass sie sich an junge, berufstätige Mädchen heranmachen könnten, die sie gerade erst kennengelernt haben.

»Wir wollen nur allein sein«, sagt Vallejo. »Wir sterben vor Durst und Traurigkeit.« Die jungen Frauen geben sich ihnen gegenüber gleichgültig, auch wenn diese Gleichgültigkeit nur vorgetäuscht ist.

Sie sagen dem Kneipenwirt, dass sie die beiden Mädchen nicht geringschätzen, im Gegenteil. Sie sind ihm dankbar dafür, dass er so freundlich ist, sie ihnen vorzustellen.

»Die schlechte Laune hat sich wie ein schwerer Teppich über uns gelegt«, sagen sie, ohne die Gründe für diese schlechte Laune zu erklären.

»Ich passe. Ich will nicht in Probleme mit Minderjährigenhineingezogen werden oder riskieren, mich anzustecken.« Die Position von Vallejo ist vorhersehbar: Er will keine Frauen, egal ob sie minderjährig oder älter sind, unbekannt oder bekannt, sichtbar oder unsichtbar, schön oder intelligent; nicht umsonst nennen sie ihn den Alten, langweilig wie er ist, und da er sowohl dem leicht sowie dem schwierig zu bekommendem Sex abgeneigt ist.

»Wirst du eine Frau nach ihrerVersichertenkarte oder ihrem Ausweis fragen, bevor du dich ihr näherst?«

»Ich will nichtzu einem potenziellen Pädophilen werden«, stellt der Alte klar und weist die sexistische Position von Asturias zurück. »Ich bin nicht von Frauen besessen; die menschliche Rasse entwickelt sich langsam zum Hermaphroditismus«, so die These, die sich aus seiner Schüchternheit ergibt.

»Man muss sich mitdem weiblichen Geschlecht verbinden, um die Spezies zu erhalten, Alter«, schaltet sich Enrique Michó ein.

»Fürsolche Zwecke bevorzuge ich die Unmenschlichen«, erklärt RubénAsturias.

Wiedernähert sich derKneipenwirt: »Die Mädchen sind meine Verwandten, und ich bitte euch lediglich um etwas Respekt«, auch wenn sie noch keine achtzehn Jahre alt sind. Und das, obwohl er weiß, dass die Dichter, diese Scheißkerle, nicht an diegöttlichen Gesetze, und noch weniger an die menschlichen glauben.

Mit seinem Misstrauen stößt er bei den Dichtern auf taube Ohren.

»Sie haben uns ausdem Nachrichtensender geschmissen«, sagt Michó, um den Leichenschmaus sowie die päpstliche Glückseligkeit zu rechtfertigen, die auf ihnen lastet. Der Wirt ist überrascht von der Heiligkeit derer, die als Hurensöhne schlechthin, wenn auch als respektable bekannt sind. Er antwortet im Sinne seiner kaufmännischen Berufung:

»Kein Problem, ihr seid meine liebsten Stammkunden, und ihr könnt die Biere anschreiben lassen.« Er schnippt mit den Fingern, woraufhin die Mädchen näherkommen; er fordert sie auf, sich zu den Dichtern zu setzen. Dann zieht er sich zurück und streichelt sich den katzenhaften Schnurrbart. Er würde sie gerne als Anwärter auf seine Patentöchter sehen, aber ihre Maxime lautet, nicht an die Liebe zu glauben, solange sie sie vorher nicht ausprobiert haben, wie es San Martín de Porres sagte.

Juliana und Francesca studieren beide Literatur, und Francesca auch Englisch. Auf den ersten Blick sehen sie nicht wie Schlampen aus, und auch wenn sie welchewären, sind sie Arbeiterinnen und als solche zu respektieren.

»Danke, dass ihr uns in Bezug auf euer Alter vorwarnt«, sagtMichó, der zukünftige Anwalt ohne Ziel oder Beruf, der von Anfang an nicht die Augen von der Dünnerenlässt, die sich mit schüchternem Blick als Francesca vorstellt. »Ich bin Juliana«, sagt die andere mit blitzenden Augen.

Sie erklären, dass ihr Patenonkel sie darum gebeten habe, ihnen besondere Aufmerksamkeit zuteilkommen zu lassen, da es ihm eine Ehre sei, die Dichter bei sich zu Gast zu haben. Francesca spricht mit sanfter Stimme und hat die Beine übereinandergeschlagen, weil die Machos in der Bar so unverschämt sind, auch wenn sie weiß, dass die Dichter anders als die anderen sind. »Wir sind noch nicht volljährig, aber von irgendetwas muss man ja leben.«

Im Gegenzug stellen sich die Dichter mit ihren echten Namen vor. Es ist ihnen egal, sie sind deprimiert, und auch die beiden weiblichen Erzengel, die beiden Gabrielas,können sie nicht von ihrer Frigidität befreien.

»Ich bin Francesca, mein Patenonkel nennt mich Fran.« Sie mag die Poesie. »Meine Lieblingsblume ist die Olivenblume, wegen der Kindergeschichte. Ich studiere Literatur und Englisch«, sagt sie kokett und mit hochgezogenen dunklen Augenbrauen, schmalen Augen, schwingenden Schultern, Hüften wie aus dem Meer und Posen, die sie sich von Schönheitsköniginnen aus dem Fernsehen abgeschaut hat. »Juliana und ich sind Cousinen.«

In den frühen Morgenstunden ist das Lokal leer, nur die Dichter sind da, »es ist kaum sechs Uhr abends«. Ohne sie wäre die Kneipe zu dieser Tageszeit verlassen.

»Und ich leseGedichte, aber bisher so, wie ich jedes Buch lese«, sagt Juliana. Sie genießt es, sich zu unterhalten; es ist ihre Art zu verstehen. »Ich studiere Linguistik mit Schwerpunkt Literatur, aber vor allem bin ich Autodidaktin. Ich mag die Literatur, da sie einen Raum hin zu den Menschen öffnet.«

Michó fragt sie nach ihrer Lieblingsblume und sie antwortet, dass sie keine habe. »Nur Lieblingsmänner, gute Leute wie euch.« Ihr verschmitztes Lächelnlässtsie glaubwürdig erscheinen, womit sie niemanden verführen kann, auch wenn ihre Augen vor Energie nur so sprühen.

»Ihrscheint übertrieben dramatisch zu sein«, sagt sie, das Feuer eröffnend und in die jungfräulichen Dschungel der Dichter eindringend. Ihre Anspielung auf unsere Dramatikversetzt unserem Denken einen ersten Schlag. »Wollte sie ›grammatisch‹ sagen?« Wir waren überrascht, dass die Kellnerinnen in einer solchen Spelunke zwischen Lyrik und Dramatik unterscheiden konnten.

Der Wirt zieht sich zurück, um Sandwiches zuzubereiten, aber sie erinnern sich an die Warnung, die er ihnen mitgegeben hat: »Sie sind weder Prostituierte noch betrachte ich sie als Angestellte; sie sind Teil meiner Familie.« Die Ehrerbietung roch wiedie Falle einer Spinne: »Ich will ihnen nur bei ihrem Studium helfen. Sie unterstützen mich einige Stunden und gehen danach entspannt wieder nach Hause.« Alles ist gut, auchwenn es nicht so aussieht. In der Stadt der Dichter, die sie die Stadt der toten Dichter nennen, kämpfen die Menschen bis in den Tod dafür, sich ihr Brot und ihre Fische zu verdienen, ohne sie jedoch vor den essenden Mündern multiplizieren zu können, und das im Rahmen einer Wirtschaft, die immer deprimierender wird, obwohl sie die am härtesten arbeitenden Menschen der Welt sind, jedenfalls in den manipulativen Fantasien der Mächtigen.

»Wir sindkeine großen Arbeiter, sondern vor allem Händler und Glücksritter mit genügend Gespür, um unsertägliches Brot zu finden, wofür wir auch auf Betrug, Täuschung oder Tricks zurückgreifen, um zu überleben«, aber aufgrund ihrer Berufung für das Soziale lehnen sie den Kampf von Arm gegen Arm ab. Im Gegenteil, Juliana und Fran fühlen sich wie zwei Musketiere: einefüralle und alle für eine.

Etwas mehr über Pablo Vallejo. Mit achtzehn Jahren wollte er der meistgelesene Essayist der Jugendlichen sein, und er erreichte es, indem er aufzeigte, dass Asturias’ Existenz wie die eines Rimbauds in seinem trunkenen Schiff im Meer ist, und Michó der Dichter des sozialen Protests. Auch wenn er hinsichtlich der Vorzüge der beiden Dichter übertrieb, hob er in seiner Kritik die Qualitäten der beiden hervor, indem er die Dichter immer wieder zum Gegenstand seiner Kritik machte. Er bezog sich so häufig auf sie, dass die Zeitungsredakteure ihn in die Enge treiben wollten; er solle keine Gedichte junger Leute veröffentlichen, wenn darin keine Reime verwendet wurden oder sie nicht romantisch waren, da die Geschäftsführer sich an die Standards der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts halten wollten. Denn das war die Dichtung, an die sie gewohnt waren. Sie argumentierten gegenüber Vallejo, dass sie zu viel in die Medien investieren mussten, als es riskieren zu können, einer schmutzigen oder von Pornografie oder Technologie beeinflussten Literatur Raum zu geben. »Wir würden die staatliche und kommerzielle Öffentlichkeit verlieren.« Um Risiken zuvermeiden, verschließen sie sich für das Neue: »Die Literatur musste über Jahrhunderte hinweg dieselbe bleiben«, sagten sie, und meinten es gut. Andererseits war es schwer, Dichter ernst zu nehmen, die gerade erst volljährig geworden waren und sich bereits für kleine salvadorianische César Vallejos hielten.

Pablo befolgte den Rat nur zum Teil, denn sein Vater hatte ihn einer Presseredaktion empfohlen, und er wollte ihm keinen Ärger bereiten. Obwohl er zum Oberst Diómedes Vallejo ein distanziertes Verhältnis hatte, nahm er dessen Unterstützung an. Insbesondere seine Empfehlungen, die ihm halfen, eine gute Arbeit zu finden: Er brauchte sie, um sich von ihm unabhängig zu machen und eine eigene Wohnung zu mieten. Das Weitere erreichte er durch eigene Anstrengung. Lektüre und Bücher machten ihn zum Anführer der literarischen Gruppierung; etwas, das sein Vater niemals gutheißen würde, da die Schriftstellerei in seinen Augen ein Beruf für Dissidenten und Taugenichtse war. Die Literatur war für ihn ein Flakon gefüllt mit Gift, das man, wie Parfüm, in gleichgroßen Mengen abgefüllt hatte.

»Wie vieleVerehrer hast du?« Auf die Frage antwortet ihm Juliana, dass sowohl ihr als auch Fran andere Männer egal seien; wenn sie mit jemandem zusammen sind, erfreuen sie sich einfach daran, und in diesen nächtlichen Stunden widmen sie sich ihnen, den Dichtern, ganz nach dem Willen ihres Patenonkels, der möchte, dass seine Patentöchter in Kontakt mit literarischen Persönlichkeiten kommen. »Warum zur Hölle willst du wissen, ob ich zehn oder hundert Verehrer habe?« Die Dichter sind von den Antworten überrascht und geben zu, dass die jungen Frauen nicht auf den Kopf gefallen sind. Sie drücken sich gut aus, auch wenn sich ihre Kenntnisse auf das beschränken, was sie an den lächerlichen Universitäten gelernt haben; allerdings bilden sie sich auch außerhalb der Universität weiter. »Wir lesen, um unser Leben zu bereichern«, sagt Juliana, während ihre Gesten durchblicken lassen, dass sie sich hierdurch interessant machen will.

Vallejo sagt zu Juliana: »Vermutlich ist es euch verboten, mit jemandem ins Bett zu gehen, weil ihr noch sehr jung seid.« Er sagt dies, ohne den Blick von ihr abzuwenden. (Warum greift eine intelligente Person auf einfältige Affirmationen zurück? Und das, obwohl sowohl die Fragen des Gegenübers als auch das Gegenüber selbst nur allzu oft eine solche Unschuld ausnutzen.) Francesca, die bisher nur als Beobachterin am Gespräch teilgenommen hatte, sagt: »Also ich bin eine Stubenhockerin. Wenn ich nach Hause komme, schlafe ich mit dem Sohn meines Patenonkels.« Alle sind überrascht. »My god, Inzest«, ruft Rubén Asturias.

»Zu deiner Information, er ist erst sechs Jahre alt«, und trotzdem kauft der Dichter es ihr nicht ab. (Oder hat sie sechzehn gesagt?) »Jetzt wird mir klar, warum man sagt, die Dichter hielten sich für was Besseres.«

»Das Bürschchen, mit dem ich schlafe, ist mein Bruder durch Gottes Gesetz«, sagt Francesca voller Überzeugung, um diesem Kapitel im Stil einer völlig belanglosen Fernsehserie ein Ende zu setzen.

Enrique Michó fasziniert diese Art von Antworten, und deshalb fragt er Francesca: »Wer sollte deiner Meinung nach beim Sex die Initiative ergreifen?« Die beiden Mädchen antworten gleichzeitig: »Wir, die Frauen, wenn uns der andere gefällt. Solange du nicht fragst, weil du uns ein Diplom in Hurerei ausstellen willst.«

»Jetzt weißich«, ruft Juliana. »Ihr seidPolizisten oder Journalisten, und nicht nur Dichter. Und das hier ist keine Unterhaltung, sondern ein Verhör. Deshalb wollt ihr alles wissen.«

»Ich magGedichte, ich schreibe auch selbst welche«, sagt Francescain dem Wissen, dass die Dichter als Journalisten tätig sind. Mit ihren Fragen wollen sie die Geschicklichkeit der beiden Frauen neutralisieren, um sie so wie das Bier zu absorbieren, das sie trinken.

Francesca fährt fort: » Ein Risiko, das wir nicht eingehen, ist, schwanger zu werden, da Männer das Recht für sich beanspruchen, ihre Kinder zu verlassen.« Die Dichter haben noch nie gehört, dass sich eine Kellnerin in so einem Nachtlokal Sorgen darüber machte, schwanger zu werden, denn die Religion hat ihnen beigebracht, dass eine Schwangerschaft ein Geschenk Gottes ist, wenn auch als Folge einer Vergewaltigung.

»Fürmichlässt sich unsere Armut dadurch erklären, dass wir Frauen viele Kinder haben«, wirft Juliana ein.

»Die Männer werden nie wissen, was es bedeutet, Kinder zur Welt zu bringen«, fügt Francesca hinzu.

Pablo Vallejo: »Das Problem liegt einzig und allein bei der Frau. Sie wird zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, weil sie mit einem Mann geschlafen hat.«

»Wir sind schon vor der Schlacht besiegt«, sagt Francesca, intelligent und schneidend, und mit einem Anflug von jugendlicher Hilflosigkeit, aber mit lebhaftem Funkeln in ihren chinesisch anmutenden Augen, die intensiv schimmern, und mit ihren schwarzen arabisch-spanisch-indigenen Augenbrauen. Es ist bemerkenswert, dass sie keine Angst hat, sich in diesem Kessel vonMännern die Haut zu verbrennen; sie ist charakterstark, kokett allein aufgrund ihres Frauseins; jede zeigt ihre Reize auf subtile Weise, selbst jungfräuliche Nonnen. Ihre Kleidung ist geblümt, und der Minirock schnürt ihr den Po zusammen.

»Wir sind arm«, beschwert sich RubénAsturias lauthals, damit die Mädchen sie in Ruhe lassen und diesen beschissenen Tag nicht noch schlimmer machen.

»Vielleicht reicht es noch für zwei Bier«, sagtMichó.

»Wir können nicht mit euch teilen, es istnoch zu früh«, entschuldigt sich Pablo Vallejo in der Hoffnung, dass sie sie in Ruhe lassen. Außerdem ist er weder für Sex geschaffen noch wartet er verzweifelt darauf, dass seine Zeit kommt, obwohl er auch kein Heiliger ist. Aber er verweist gerne auf seine sexuelle Enthaltsamkeit, um in dieser Machogesellschaft Missverständnisse zu vermeiden. Alles hat seine Zeit: die Liebe und das Zueinanderfinden.

»Wir sind emotionale Frauen, die sich inspirieren lassen, aber keine Huren«, sagt Juliana und versetzt ihnen damit einen moralischen Schlag. »Um mit uns zu debattieren, braucht ihr kein Geld. Warum denken Männer nur so schlecht über einen?«, beschwert sie sich.

»Weil sie Arschgeigen sind«, mischt sich Francesca ein, ohne damit jedoch die Anwesenden zu beleidigen.

»Sie fürchten sichvor dem, was sie am meisten begehren«, sagt Juliana. »Die Männer spüren, dass sie das Spiel des Lebens verlieren. Sie halten sich für witzig und lustig, obwohl sie sich eigentlich lächerlich machen.«

Henri Michó sagt mit falscher Bescheidenheit: »Wir nehmen unsere Armut hin.« Er will das Vertrauen von Francesca gewinnen, deren Beine er unter dem Tisch mit seinen Knien gestreift hat. Sie reagiert: »Dichter, seit ich deine traurigen Katzenaugen gesehen habe, wusste ich, dass du zu meinem samariterhaften Temperament passen würdest.« Die anderen verstehen nicht, warum sie das sagt, aber es kümmert sie nicht weiter, da jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Rubén Asturias protestiert: »Wir sind nicht arm, wir haben nur gerade kein Geld.«

»Normalerweise sind wir reich«, rühmt sich Michó, »auch wenn wir uns gerade in einer schwierigen Situation befinden.«

»Ein Dichter wird zumindest nie mittellos sein, auch wenn es so aussehen mag«, fasst Francesca mitfühlend zusammen.