Wie ein Atemzug - Ferzan Özpetek - E-Book
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Wie ein Atemzug E-Book

Ferzan Özpetek

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Beschreibung

Die Geschichte zweier Leben und einer Vergangenheit, zweier Schwestern und eines Geheimnisses, zweier Wahrheiten und eines Verbrechens In ihrer Wohnung in Testaccio, einem angesagten Viertel im wunderschönen Zentrum Roms, sind Sergio und Giovanna gerade dabei, die letzten Vorbereitungen für das sonntägliche Mittagessen mit ihren engsten Freuden vorzubereiten, als es klingelt. Vor der Tür steht eine elegante alte Dame, die sich als Elsa Corti vorstellt. Sie erzählt, sie hätte vor vielen Jahre in dieser Wohnung gelebt und würde sie gern noch einmal sehen. Das junge Ehepaar bemerkt den suchenden, beinahe erschütterten Blick Elsas und bittet sie herein. Der geheimnisvolle Gast bleibt zum Essen, und als die beiden befreundeten Paare eintreffen, beginnt Elsa, ihre Geschichte zu erzählen. Sie beginnt im Rom der Sechzigerjahre, als Elsa und ihre Schwester Adele sich in denselben Mann verlieben. Eine dramatische Dreiecksbeziehung entspinnt sich, an deren tragischem Ende Elsa ihre Heimat Italien fluchtartig verlässt und sich im magischen und sinnlichen Istanbul eine neue Existenz aufbaut. Die Briefe, die sie der Schwester schreibt, bleiben ein Leben lang unbeantwortet. Diese letzte Reise zurück nach Rom, zurück zu den Anfängen, hat Elsa in der Hoffnung angetreten, sich mit ihrer Schwester zu versöhnen. Doch womöglich ist es zu spät. Ein meisterhaft komponierter, atmosphärischer und fesselnder Roman, der uns in zwei faszinierende Städte entführt, mit denen der Autor selbst eng verbunden ist: Rom und Istanbul. In Italien stand dieser Roman auf Platz 1 der Bestsellerliste. Durch die von seinen LeserInnen tausendfach auf Instagram und Facebook geposteten Zitate wurde das Buch zu einem regelrechten Medienereignis. Ferzan Özpetek hat sich bei uns mit seinen Film-Erfolgen »Hamam« oder »Männer al dente« längst einen Namen gemacht. Endlich kann man diesen begnadeten Geschichtenerzähler nun auch als Romanautor entdecken.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Übersetzung aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann

© Ferzan Özpetek

© Mondadori Libri S. p. A., Milano, 2020

Titel der italienischen Originalausgabe:

»Come un respiro« bei Mondadori Libri S. p. A., Mailand, 2020

© Piper Verlag GmbH, München 2021

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

Gedichte

Kaş, 20. Juni 2019

Der Braten ist fast fertig …

Istanbul, 23. Oktober 1969

Seit wie vielen Jahren …

Istanbul, 14. November 1969

Habt ihr schon das Neueste …

Istanbul, 1. Januar 1970

Der Krankenwagen ist da …

Istanbul, 4. Mai 1971

So leid es mir tut, …

Istanbul, 3. August 1973

Als wir noch Kinder waren, …

Istanbul, 15./16. September 1973

Weißt du, wo ich …

Istanbul, 7. Februar 1974

Geht es dir besser?

Istanbul, 20. Dezember 1976

Ich traute meinen Augen …

Istanbul, 10. Oktober 1977

Die Sonne steht schon …

Istanbul, 22. April 1978

Dürfen wir Ihnen vielleicht …

Istanbul, 9. Juni 1979

Giovanna reißt das Fenster …

Danksagung

Für Valter

Für Asaf

Ich liebe dich, doch du

weißt nicht, dass mein Herz mir bricht,

weil mehr es da nicht gibt.

Türkisches Gedicht, anonym

 

Denn unerfüllte Liebe endet nie.

Männer al dente

Kaş, 20. Juni 2019

Liebe Adele,

 

diesen Brief schreibe ich Dir von der Terrasse eines Cafés mit Blick auf den Hafen von Kaş. Ich werde wohl noch eine Woche hierbleiben. Es ist lange her, seit ich mich das letzte Mal bei Dir gemeldet habe, um Dir zu berichten, was ich alles erlebe und wie viel Freude mir mein neues Leben fern der alten Heimat bereitet. Inzwischen ist noch mehr geschehen, und einige Ereignisse sind nicht spurlos an mir vorübergegangen. Im Laufe der Zeit ist mir mein Schwung ein wenig abhandengekommen, aber angeblich ist das normal, schließlich bin ich längst eine »reifere« Frau. Für Dich gilt das ebenso, obwohl ich mir das kaum vorstellen kann.

Das letzte Jahr hat mir ordentlich zugesetzt, auch körperlich, sodass ich mich selbst manchmal kaum wiedererkenne. Jeder Tag verschleißt mich mehr. Wenn ich in den Spiegel blicke, schaut mich eine Fremde an. Ich habe viel Freude erfahren, aber auch viel Leid, doch stets wiegt der letzte Schmerz am schwersten. Vor einem Monat ist mein teurer Freund Dario von uns gegangen. Er lebte zwar nicht mehr in der Türkei, aber wir sind in Kontakt geblieben und haben fast jede Woche miteinander telefoniert. Eigentlich wollten wir uns in diesen Sommertagen hier in Kaş treffen. Der Tod hatte es jedoch eilig und hat ihn geholt, ohne uns Zeit für den Abschied zu lassen. Um ihn weine ich, wie ich vielleicht noch nie zuvor um jemanden geweint habe, nicht einmal um eine unerfüllte Liebe. Immer wieder denke ich an seinen Optimismus, an seine unwiderstehliche Ironie und an seine Ehrlichkeit, mit der er sich einen Weg direkt zu meinem Herzen zu bahnen wusste.

Heute strahlt die Sonne, doch ich sitze im Schatten, zusammen mit den Gespenstern der Vergangenheit, denn eine Angst, die ich nicht beschreiben kann, nimmt mir die wenige Luft zum Atmen, die mir noch bleibt. Wäre das Leben nur etwas gerechter, säße Dario jetzt neben mir, würde an einem türkischen Mokka nippen und hielte eine glimmende Zigarette zwischen den Fingern. Stattdessen bin nur ich zu unserer Verabredung erschienen. Mir ist klar, dass es albern war, trotzdem hierherzukommen, doch genau das war ich ihm meiner Ansicht nach schuldig. Wir haben so viel über diese Reise gesprochen, dass es Verrat gewesen wäre, sie zu stornieren. Mittlerweile weiß ich allerdings nicht mehr, ob es klug gewesen ist, meinem Herzen zu folgen. Seiner Abwesenheit ins Auge zu schauen bringt einen Schmerz mit sich, der sich kaum aushalten lässt. Nicht einmal das unglaublich blaue und glitzernde Meer lindert ihn, im Gegenteil. Ständig wiederhole ich für mich die Zeilen eines Gedichts von Nazim Hikmet: Immer kürzer sind die Tage, bald schon wird es regnen. Meine aufgerissene Tür hat dich erwartet. Warum bist du nicht eher gekommen?

Diese Zeilen verstärken meine Traurigkeit nur noch – und so sitze ich hier, zerbrechlich und untröstlich.

Mein Schmerz reißt alte Wunden auf und zwingt mich, an all das zurückzudenken, was ich verloren habe. An Dich zurückzudenken. Deshalb lasse ich nach langem Schweigen wieder etwas von mir hören.

Wo sind wir damals stehen geblieben? Was ist aus uns geworden?

Fünfzig Jahre sind vergangen, seit sich unsere Wege getrennt haben, und mit Sicherheit haben wir uns an jenem Tag nicht ausgemalt, dass es unser letzter sein würde. Dass wir uns nie wiedersehen würden. Ob Du es mir glaubst oder nicht, aber Italien zu verlassen hat mir seinerzeit nicht das Geringste ausgemacht. Es war die Entscheidung für ein Leben, das es mir erlaubte, noch einmal von vorn anzufangen. Hoffentlich war es für Dich ebenso bedeutsam zu bleiben. Ich konnte durch diesen Schritt abermals lieben, betrügen, lachen und leiden. Und Du? Wie hat Dein Leben ausgesehen, in all den Jahren? Diese Frage habe ich mir an jedem einzelnen Tag gestellt.

Heute habe ich keinen Grund mehr, mich von dem Ort fernzuhalten, an dem alles begonnen hat, und ich würde Dich sehr gern wiedersehen. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Im Moment ist mein Befinden stabil, doch weiß ich, dass sich das rasch ändern kann. Darum möchte ich unbedingt noch auf diese Reise gehen, bevor es zu spät ist. Schon in wenigen Tagen werde ich in Rom eintreffen. Es wird eine Rückkehr in die Vergangenheit sein, was mich mit Freude und Angst gleichermaßen erfüllt. Ich habe meine Lektion gelernt und mache mir keine Illusionen mehr, doch wäre es gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht die Hoffnung hege, Dich wiederzusehen.

Ende des Monats lande ich also in Fiumicino, und mein größter Wunsch ist es, Dir ein letztes Mal zu begegnen. Da ich keine andere Möglichkeit habe, mit Dir Kontakt aufzunehmen, muss ich auf diesen Brief vertrauen, selbst wenn ich nicht damit rechne, dass Du ihn beantworten wirst. Aber ich bete geradezu, dass Du ihn dieses Mal wenigstens liest.

Am 28. werde ich an Deine Tür klopfen. Wir können miteinander reden, aber das muss nicht sein. Auch eine Umarmung könnte ausreichen, falls denn die Zeit alle Wunden geheilt hat.

 

Deine Elsa

 

 

 

Der Braten ist fast fertig und riecht schon ganz wunderbar. Auch das überbackene Gemüse duftet verführerisch. Die große Uhr, die neben dem Kühlschrank hängt, zeigt halb zwölf an. In einer Stunde kommen die Gäste, falls man alte Freunde denn so nennen kann: Giulio und Elena, Annamaria und Leonardo, die ihr erstes Kind erwarten. Als Sergio sich zum Kühlschrank dreht, betrachtet er flüchtig sein Spiegelbild im Küchenfenster und freut sich daran. Er ist ein attraktiver Mann, und das weiß er. Olivfarbener Teint, volles Haar und kastanienbraune Augen, eine hohe Stirn und sinnliche Lippen. Mit seinen vierunddreißig Jahren hat er einen straffen und durchtrainierten Körper, jedoch ohne die Muskelberge, die typisch für alle sind, die sich zu Sklaven eines Fitnessstudios machen.

In seinem Rücken deckt Giovanna effizient wie immer den großen Küchentisch. Die beiden sind seit zwei Jahren verheiratet, aber bereits seit zwölf Jahren ein Paar. Sergio kennt sie derart gut, dass er mit geschlossenen Augen zu sagen wüsste, was sie gerade macht. Oder nicht? Reichen zwölf Jahre wirklich aus, um einander von Grund auf zu kennen? Er dreht sich um. Mit der Konzentration einer Architektin, die das Fundament eines Hauses plant, richtet Giovanna den Tisch für sechs Personen her. Sie trägt noch ihren schlichten Hausanzug, und in ihren blauen Augen liegt ein aufmerksamer, gesammelter Ausdruck. Ihr kurzes blondes Haar ist leicht zerstrubbelt, was sie noch heute ein wenig wie die Studentin wirken lässt, die er in einem Café an der Uni angesprochen hat. Dabei sind sie beide mehr oder weniger gleichaltrig und haben genau wie ihre Freunde vor Kurzem die dreißig überschritten. Sergio lächelt in sich hinein: Seine Frau ist eben doch ein offenes Buch für ihn. Sie ist solide, korrekt, effizient und zuverlässig. Wenn ihr etwas fehlt, dann ist es Impulsivität – und genau dafür liebt er sie.

Genauso solide ist ihre Wohnung in Testaccio, die in einem eleganten Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert liegt. Sie haben sie zwar erst vor knapp zwei Jahren gekauft, meinen aber, schon immer hier gelebt zu haben, entspricht sie doch exakt ihren Vorstellungen. Zwei große, helle Bereiche, einer für den Tag und einer für die Nacht, Letzterer mit Schlafzimmer, begehbarem Schrank und Bad, Ersterer mit dem Wohnzimmer samt angrenzendem Arbeitszimmer, vor allem aber mit der gemütlichen Küche, in der sie sonntags mit ihren Freunden zu Mittag essen. Diese Gewohnheit pflegen sie seit Jahren, sodass sie inzwischen zu einem festen Brauch geworden ist.

Sergio liebt es, für seine Freunde zu kochen. Unter der Woche lassen ihm Termine vor Gericht und seine Anwaltskanzlei keine ruhige Minute. Er ist auf Gesellschaftsrecht spezialisiert und vertritt zahlungskräftige Mandanten in Fällen, in denen es um Millionen geht. Ohne Frage verdient er gut, doch die Arbeit ist stressig. Ein Essen vorzubereiten ist daher seine Art, sich zu entspannen. Als Feinschmecker, der er ist, probiert er in der großen, bestens ausgestatteten Küche voller Dosen, Kräuter und Gewürzpflanzen leidenschaftlich gern neue Rezepte aus. Hier, in dieser Küche, an diesem langen, frei stehenden Holztisch, werden Giovanna und er auch ihre Gäste empfangen. Denn diesen Raum lieben beide am meisten. Weil jeder Gegenstand und jedes Accessoire, weil sämtliche Möbelstücke mit besonderer Sorgfalt ausgewählt worden sind.

Giovanna mag keine Tischdecken, sondern stellt lieber alles direkt auf die Holzfläche. Nachdem sie die Teller und das Besteck verteilt hat, trägt sie die Gläser zum Tisch, ordnet sie einem Gedeck zu und tritt dann einen Schritt zurück, um wie eine Künstlerin, die einen letzten kritischen Blick auf ihr Werk wirft, das Ergebnis zu begutachten. Sergio beobachtet sie aus den Augenwinkeln. Egal, was sie anpackt, sie ist und bleibt eine Perfektionistin. Gerade holt sie die Kürbisblüten aus dem Kühlschrank, steckt einige Chilischoten dazwischen und gibt zwei Miniauberginen dazu. Anschließend nimmt sie eine weiße Porzellanschale aus dem Schrank und richtet ihre Komposition zufrieden darin an. Der perfekte Mittelpunkt für ihren Tisch …

»Mist!«, ruft sie und wirft einen Blick auf die Uhr an der Küchenwand. »Es ist gleich zwölf, und ich habe noch nicht mal geduscht!«

»Keine Panik, ich kümmere mich um den Rest«, beruhigt Sergio sie und schaltet den Herd aus. »Mit dem Kochen bin ich eh fertig.«

»Das Brot ist in dem weißen Beutel in der Speisekammer, und …«

»Raus mit dir, bevor unsere Gäste dich noch im Hausanzug antreffen.«

Diese albtraumhafte Vorstellung – noch nie haben ihre Gäste sie in derart legerer Aufmachung gesehen – treibt Giovanna ins Bad. Sergio öffnet unterdessen die Tür der Speisekammer und findet sofort, was er sucht. Ein frisches, längliches Bauernbrot. Davon wird er wohl nur eine Hälfte aufschneiden, der Rest kann vorerst auf dem Holzbrett bleiben, bei Bedarf reicht er ihn dann nach.

Das leise Rauschen des laufenden Wassers verrät ihm, dass seine Frau unter der Dusche steht. Genau in diesem Moment klingelt es an der Wohnungstür, die direkt in die Küche führt. Das müssen Leonardo und Annamaria sein, denkt Sergio, denn die beiden haben die schlechte Angewohnheit, ständig zu früh aufzutauchen. Bestimmt stand die Haustür offen.

»Dass ihr aber auch immer zu früh kommen müsst! Verdammter Schei…«

Verlegen beißt er sich auf die Zunge.

Er hatte die Tür aufgerissen, ohne vorher nachzusehen, wer eigentlich geklingelt hat, denn er war überzeugt davon, dass es nur seine Freunde sein konnten. Stattdessen hat er jedoch eine Frau vor sich, die mit den Jahren etwas füllig geworden ist und die siebzig bereits hinter sich gelassen haben muss. Die blond gefärbten Haare fallen über ihre Schultern, gewähren aber den Blick auf alte, kostbare Ohrringe. Sie trägt ein petrolfarbenes Leinenkleid von exzellenter Machart, das ihre üppige Figur unterstreicht, ohne sie dabei allzu stark zu betonen. Ihren Hals schmückt eine Bernsteinkette, mit den Händen umklammert sie eine elegante Handtasche mit kunstvoller Stickerei. Über ihrem Gesicht liegt ein Netz feiner Falten, doch darauf achtet Sergio kaum, dazu faszinieren ihn ihre Augen viel zu sehr, die grün und magnetisch sind und von einem leicht verwackelten Kajalstrich akzentuiert werden.

Zwischen Verblüffung und Faszination schwankend mustert Sergio die Frau. Wer ist sie? Mit Sicherheit ist er ihr noch nie zuvor begegnet. Auch sie sieht ihn überrascht an. Ja, mehr als überrascht, geradezu erschüttert, als hätte sie jemand anderen erwartet. Dann huscht ihr Blick zum Klingelschild neben der Tür, als suchte sie eine Bestätigung, doch da steht kein Name. Bisher hat es Sergio und Giovanna an der Zeit – vielleicht auch am Willen – gemangelt, das Schild zu beschriften, eine Nachlässigkeit, die Sergio unversehens inakzeptabel vorkommt.

Bevor er die Unbekannte, die sich inzwischen vom ersten Schreck erholt hat, fragen kann, was sie wünsche, strahlt sie ihn mit einem entwaffnenden Lächeln an, um ihm dann mit unschuldiger Miene fest in die Augen zu sehen: »Verzeihen Sie die Störung, denn in dieser Weise bei jemandem hereinzuschneien, an einem Sonntagvormittag, das gehört sich doch … Nein, das gehört sich ganz und gar nicht!«

Sergio ist so verblüfft, dass er kein vernünftiges Wort herausbringt, was aber auch nicht nötig ist, denn nun stellt sich die Unbekannte erst einmal vor: »Ich bin Elsa Corti und habe vor vielen Jahren hier gewohnt.«

Sie streckt ihm die Hand entgegen und fasst nach seiner, als wollte sie diese nie wieder freigeben. An ihrem kleinen Finger steckt ein goldener Siegelring. Sie linst über Sergios Schulter, dem nichts Besseres einfällt, als sich seinerseits mit Vor- und Zuname vorzustellen und derart verständnisvoll zu nicken, als hätte diese Frau ihm gerade einen entsetzlichen Fehltritt gebeichtet.

»Glauben Sie an das Schicksal?«, fragt sie ihn hoffnungsvoll.

Bei dieser direkten Frage zuckt Sergio zusammen und ertappt sich bei dem Gedanken, wie schön sie als junge Frau gewesen sein muss.

»Als ich unten die offene Tür gesehen habe, war das, als hätte das Haus mich hereingebeten«, fährt Elsa fort. »Ich bin lange Zeit weit weg von Rom gewesen … Beinahe fünfzig Jahre bin ich nicht durch diese Straße gegangen. Heute Morgen habe ich mein Hotel in aller Früh verlassen und wollte nur einen kleinen Spaziergang machen. Eigentlich wollte ich in Richtung Kolosseum schlendern, aber meine Füße haben mich wie von selbst hierhergeführt, wo alles begonnen hat. Als ich mich umgesehen habe, schien mir alles verändert und gleichzeitig seltsam vertraut, und dann stand ich plötzlich vor dieser Tür, und da war mir, als hätte ich Rom nie verlassen. Deshalb hat mich der Wunsch, diese Wohnung wiederzusehen, geradezu überwältigt. Aber natürlich will ich Sie nicht aufhalten, verzeihen Sie also die Störung! Ich weiß gar nicht, wo ich heute meinen Kopf gelassen habe …«

»Aber ich bitte Sie, das macht doch gar nichts, das verstehe ich vollkommen«, stammelt Sergio etwas ratlos. »Wirklich …«

Der überraschende Wortschwall der Unbekannten hat Sergio geradezu die Sprache verschlagen.

Während Elsa sich nochmals für die Störung entschuldigt, wirft sie suchende Blicke in die Wohnung, als müsse sich in ihr etwas befinden, das für sie lebenswichtig ist. Dann aber stockt sie und will gehen.

»Gut, haben Sie vielen Dank und auf Wiedersehen. Falls Sie nichts dagegen haben, würde ich gern in den nächsten Tagen noch einmal vorbeischauen …«

Offenbar schweren Herzens tritt sie den Rückzug an.

In jeder anderen Situation hätte Sergio die Gelegenheit genutzt und dieses Gespräch beendet, das seine sonntägliche Routine durchkreuzt und ihn von den letzten Vorbereitungen fürs Essen abhält. Selbst wenn er nicht so resolut ist wie Giovanna, die jeden Quälgeist im Nu abserviert, indem sie in eine Tonlage wechselt, die keinen Widerspruch duldet, kann auch er es nicht leiden, wenn andere ihn mit ihren Angelegenheiten behelligen. Doch diese Frau hat irgendetwas in Sergio ausgelöst. Eine seltsame Neugier veranlasst ihn daher, sie zurückzuhalten.

»Wenn Sie wirklich nur rasch einen Blick in die Wohnung werfen wollen … Leider habe ich nicht viel Zeit für Sie, denn ich erwarte Gäste zum Essen.«

»Das ist wirklich ausgesprochen freundlich von Ihnen!« Die Unbekannte schenkt ihm erneut ein strahlendes Lächeln. »Und machen Sie sich keine Gedanken, es dauert höchstens eine Minute, ich möchte mich ja nur einmal umsehen.«

Daraufhin betritt sie die Küche und bleibt mitten im Raum stehen.

»Sie ahnen nicht, wie viele Gefühle für mich mit diesem Ort verbunden sind. Allerdings scheint die Wohnung heute eine völlig andere zu sein. Hier war früher einmal eine Wand. Und da, die Speisekammer. Der Herd … natürlich, auch der ist neu«, murmelt sie, während sie wie hypnotisiert auf einen Punkt starrt. Einen Punkt jenseits des Fensters …

In diesem Moment stößt Giovanna zu ihnen. Sie hat sich schon fertig angezogen, ihr Haar aber ist noch nass. Da sie eine unbekannte Stimme gehört hat, will sie wissen, was das zu bedeuten hat. Als sie die Unbekannte sieht, schleicht sich ein Ausdruck von Unmut in ihr Gesicht, doch Sergio kommt ihren Fragen zuvor: »Das ist … Signora Elsa Corti.«

Die ungebetene Besucherin lächelt Giovanna an, wobei ihre Ohrringe kurz auffunkeln.

»Ihr Mann war so freundlich, mich hereinzubitten. Ich würde mir gern ganz kurz die Wohnung anschauen, in der ich früher gelebt habe, und halte Sie bestimmt nicht lange auf«, versichert sie, während sie Sergio einen verschwörerischen Blick zuwirft.

Sie wirkt wie eine Schülerin, die von ihrer Lehrerin bei einer Dummheit ertappt wurde.

Giovannas Blick bleibt ratlos: Wer ist diese Frau?

»Ich habe ihr schon gesagt, dass wir Gäste zum Essen erwarten«, fügt Sergio hinzu.

Doch Giovanna hört nur mit halbem Ohr hin, denn ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit gilt nun der Unbekannten. Trotz ihres Alters strahlt Elsa Corti eine enorme Energie aus. Außerdem ist sie völlig fasziniert von der gewagten Farbkombination ihrer Kleidung, bei der kalte und warme Töne kombiniert werden, so ein petrolblaues Kleid und eine Bernsteinkette. Giovanna, die bis zur Langeweile ihrem Schwarz und Beige treu ist, fühlt sich für den Bruchteil einer Sekunde steinalt. O ja, diese Elsa Corti verfügt über eine besondere Ausstrahlung. Noch ehe sich Giovanna selbst darüber im Klaren ist, hat sie sämtliche Vorbehalte gegenüber der Frau über Bord geworfen und erwidert ihr Lächeln. Warum auch immer, aber sie empfindet für diese Fremde, die behauptet, einst hier gewohnt zu haben, ganz spontan Sympathie.

»Sie haben also früher hier gelebt?«, fragt sie und signalisiert Sergio mit einem Nicken ihr Einverständnis. Ein paar Minuten können sie der Besucherin ruhig widmen, von der beide ja längst völlig fasziniert sind. Elsa dagegen beschränkt sich darauf, mit einem angedeuteten Nicken Giovannas Frage zu bejahen. Sie tritt an das Fenster heran und starrt auf die Scheibe, als durchlebte sie gerade eine Erinnerung.

Die beiden sind inzwischen derart von Elsa gefesselt, dass sie diese mit weiteren Fragen bedrängen.

»Allein?«, fragt Sergio.

»Als Kind?«, kommt es fast wie ein Echo von Giovanna.

Aber Elsa scheint in Gedanken weit weg zu sein. Sie beschränkt sich auf einsilbige Antworten und murmelt zusammenhanglos einige Wörter vor sich hin. »Nein. Warum? … Vielleicht …«

»Haben Sie womöglich einmal die Frau besucht, die vor uns hier gewohnt hat? Sind Sie am Ende mit ihr verwandt?«, will Sergio wissen, wobei er sich eher an Giovanna als an Elsa wendet.

Diese reagiert nun jedoch ganz anders und schüttelt ihre Versunkenheit im Nu ab.

»Wo ist sie?«, fragt sie.

»Wen meinen Sie?«, entgegnet Sergio.

»Sie meinen die frühere Besitzerin?«, vermutet Giovanna.

»Ja, genau. Meine Schwester.«

»Sie lebt schon seit ein paar Jahren nicht mehr in diesem Haus«, antwortet Sergio etwas verdutzt.

Auch Giovanna bleibt nicht gleichgültig und empfindet eine Zärtlichkeit für Elsa, die sie sich selbst nicht zu erklären vermag.

»Wussten Sie das denn gar nicht? Haben Sie den Kontakt zu ihr verloren?«

»Ja, leider. Doch das ist eine lange Geschichte …«

Elsa sieht die beiden an, als wäre ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Sie scheint das Hier und Jetzt gar nicht mehr zu erfassen.

Giovanna erinnert sich noch gut an die Frau, die ihnen die Wohnung verkauft hat. Adele Conforti. Sie hat ihr ganzes Leben hier mit ihrer Familie gelebt, die Wohnung nach dem Tod ihres Mannes aber aufgegeben, weil sie zu groß für eine Person geworden war. Außerdem wollte sie in die Nähe ihres einzigen Sohnes ziehen. Zumindest hatte sie das behauptet. Und noch etwas ist merkwürdig: Elsa sieht Adele Conforti überhaupt nicht ähnlich.

»Ich hatte angenommen, sie würde noch hier wohnen … und sehr auf ein Wiedersehen gehofft«, fährt Elsa mit brechender Stimme fort.

»Dann wollten Sie sich also gar nicht die Wohnung ansehen, sondern sind auf der Suche nach ihr?«

»Ja, das stimmt.«

»Und Sie haben nicht gewusst, dass sie die Wohnung verkauft hat und von hier fortgezogen ist …?«

»Nein, das habe ich nicht.«

Nach und nach taut Elsa ein wenig auf und gibt zu, seit fünfzig Jahren nichts von ihrer Schwester gehört zu haben. Ohne um Erlaubnis gebeten zu haben, streift sie unterdessen durch die Wohnung, irgendwie in Trance, zugleich aber auch recht selbstsicher. Fast als lebte sie noch immer hier. Giovanna und Sergio folgen ihr leicht konfus, als sie sich in ihr Schlafzimmer verirrt, einen Blick ins Bad wirft und die Tür zum Arbeitszimmer öffnet. Dabei entschuldigt sie sich in einem fort für die Unannehmlichkeiten, die sie ihnen bereitet.

»Jetzt gehe ich aber und lasse Sie in Frieden«, wiederholt sie wie ein Roboter. »Ich bin schon viel zu lange geblieben, nun muss ich wirklich aufbrechen.«

Als sie in die Küche zurückkehrt, starrt sie erneut aus dem Fenster.

»Haben Sie meine Schwester noch einmal gesehen?«, fragt sie.

»Ja, aber das ist schon ein Weilchen her. Das war beim Notar, zur Beurkundung. Danach haben wir noch gelegentlich miteinander telefoniert. Es kamen immer wieder Briefe für sie an, die habe ich gesammelt. Irgendwann habe ich sie dann gebeten, jemanden vorbeizuschicken, der sie abholt«, sagt Giovanna, die gern als effiziente und korrekte Frau dasteht.

»Wissen Sie zufällig, wo sie wohnt?«

»Auf dem Land, in einem kleinen Dorf außerhalb von Rom«, antwortet Giovanna. »Doch wie ich schon sagte, wir haben ihre Telefonnummer.«

Diese Frau, die das Leben für derart lange Zeit von ihrer Familie getrennt hat, weckt in ihr ein ganz eigenartiges Gefühl, eine Mischung aus Sympathie und Mitleid. Ob sie will oder nicht, sie versucht, sich in sie hineinzuversetzen, auch wenn das nicht einfach ist. Es muss doch schrecklich sein, nach fünfzig Jahren – deutlich mehr, als sie selbst bisher gelebt hat – in die eigene Wohnung zurückzukehren und alles verändert vorzufinden. Zu sehen, dass nun zwei Fremde darin leben und von den Menschen, die ihr teuer waren, nicht die geringste Spur geblieben ist. Mit welcher Angst und Erwartung Elsa wohl eben an ihrer Tür geklingelt hat? Wie oft sie sich diesen Moment ausgemalt haben muss! Dann geht die Tür auf – und Sergio steht vor ihr. Ein Unbekannter. In dieser Sekunde muss sie doch angenommen haben, ihre Schwester sei tot.

»Würden Sie mir dann ihre Nummer geben?«

Kaum hat Elsa diese Bitte geäußert, läutet es unten an der Haustür.

Istanbul, 23. Oktober 1969

Liebe Adele,

ich weiß nicht, wie oft ich Dir schon schreiben wollte, doch irgendetwas hat mich stets davon abgehalten. Schmerz vielleicht. Schmerz. Ein Wort, das alles sagt, aber nichts erklärt. Ist Dir je aufgefallen, dass darin das Wort Erz steckt? Etwas Dauerhaftes … Du allein weißt, wie viel Schmerz ich kennengelernt habe. Wenn Du aufrichtig liebst, musst Du zu allem bereit sein. Blitz und Donner, Regen und Dürre – all das darf Dich nicht schrecken. Nie kannst Du wissen, wohin Dich dieses Gefühl, das Dich aufzehrt, am Ende verschlägt. Es gelingt Dir ja nicht einmal, Glück von Verzweiflung zu unterscheiden, denn in der Liebe ist das eine häufig Grund für das andere.

Nun aber will ich nicht länger an die Vergangenheit denken. Italien zu verlassen war für mich, als hätte ich den höchsten Berg bestiegen: Erst oben auf dem Gipfel ist mir klar geworden, wie klein und unbedeutend alles ist, während sich in der Ferne ein Horizont voller Möglichkeiten eröffnete. Du solltest einen solchen Aufstieg auch einmal wagen. Der Schmerz bleibt zwar, zieht sich jedoch tief in Dein Inneres zurück, während Dich ein seltsames Gefühl der Herausforderung erfasst. Genau das empfinde ich gerade. Nun, da ich meine Unschuld verloren habe, kämpfe ich Tag für Tag darum, eine mutigere, weniger naive und notfalls auch aufbrausendere Frau zu werden. Eine Frau, die das Hier und Jetzt genießen und sich eine neue Existenz aufbauen kann, zu der eine fremde Sprache und fremde Menschen gehören.

Zugegeben, das ist nicht leicht. Manchmal lässt meine Willenskraft mich im Stich, und Verzweiflung überkommt mich. In solchen Momenten denke ich daran, was ich verloren habe – was wir verloren haben –, und dann ist es aus. Buchstäblich. Dann werfe ich mich aufs Bett und möchte nur noch sterben. Nach einer Weile reiße ich mich aber wieder zusammen und fasse neue Hoffnung. Nicht auf eine bessere Zukunft, aber doch auf eine andere. Ich schlucke die Tränen hinunter und ringe mir ein Lächeln ab. Mehr und mehr komme ich dahinter, dass es nichts Besseres gibt, als sich zur Unbeschwertheit zu zwingen, wenn man sich nicht unterkriegen lassen will. Mach Dich also auf einen Brief voller Banalitäten, Frivolitäten und Kuriositäten gefasst.

Es gab einmal eine Zeit, da war nur ein einziger Mensch willens, sich meine Geschichten anzuhören. Du. Noch heute sehe ich Dich als kleines Mädchen vor mir und erinnere mich, wie wir stundenlang im Garten vor uns hin geträumt haben. Erinnerst Du Dich auch noch daran? Doch nun, da ich Dir tausend Dinge zu erzählen hätte, weiß ich nicht, wo ich beginnen soll.

Um mich nicht völlig zu verfransen, fange ich damit an, wo ich eigentlich gerade bin.

Seit zwei Monaten lebe ich in Istanbul. Während ich Dir schreibe, höre ich die Schreie der Möwen, die draußen ihre Bahnen durch die Luft ziehen. Wenn ich den Kopf zum Fenster rausstecke, kann ich beobachten, wie sie dicht über dem glitzernden Wasser des Marmarameers dahingleiten, um sich schließlich weit über die Dächer dieser riesigen Metropole zu erheben. Von der Straße dringen gedämpft die Geräusche des brodelnden Lebens herauf, die Schreie der fliegenden Händler und das Hupen der Autos. Gerade geht die Sonne unter, und der Himmel schillert wie eine Samtdecke.

Ja, Du hast Dich nicht verlesen! Istanbul! Nicht einmal in unseren kühnsten Kinderträumen hätte ich mir je ausgemalt, dass mich das Leben irgendwann an einen derart fernen Ort führen würde, der so unendlich viel größer ist als das kleine Fleckchen Erde, wo wir aufgewachsen sind. Vor meiner Ankunft habe ich angenommen, eine exotische, abweisende Stadt vorzufinden, wurde dann aber rasch eines Besseren belehrt. Istanbul hat mich mit offenen Armen empfangen und alles darangesetzt, dass ich mich hier zu Hause fühle. Die sinnliche Seele dieser magischen und kraftvollen Stadt hat mich längst verführt.

Wenn ich zurückblicke, erkenne ich mich kaum in jener leiderfüllten jungen Frau wieder, die eines Morgens von Viterbo fortgegangen ist, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden, geschweige denn irgendwem eine Erklärung zu geben. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich auf diese Weise von zu Hause davongestohlen habe, trotzdem wusste ich, dass dieser Aufbruch anders war. Diesmal wäre es für immer. Ich bin zu Fuß zum Bahnhof gelaufen und in den erstbesten Zug nach Norden gestiegen. Über Mailand bin ich weiter nach Venedig gefahren. Am Fahrkartenschalter habe ich mich nach einem Zug erkundigt, der mich möglichst weit weg bringen würde. »Heute Abend um elf geht von Gleis 9 der Orientexpress ab. Sein Ziel ist Istanbul in der Türkei. Ist Ihnen das weit genug weg?«, hat mich der Mann am Schalter gefragt und mich dabei ziemlich schief angesehen. Bestimmt glaubte er, ich wäre auf der Flucht. Eine Kriminelle, die sich in aller Eile aus dem Land absetzen will, um der Justiz zu entkommen. Im Grunde lag er damit ja nicht ganz falsch. Ich habe ihm fest in die Augen gesehen und eine Fahrkarte gekauft. Ohne Rückfahrt.

Da es erst sieben Uhr abends war, stand mir noch eine lange Warterei bevor. Ich bin in ein Bahnhofscafé gegangen und habe mich dann davor an einen Tisch gesetzt, von dem aus ich die Gleise im Blick hatte. Ständig kamen Züge an oder fuhren welche ab. Scharen von Reisenden stiegen aus den Waggons, ebenso viele eilten mit schwerem Gepäck zu ihnen, in Gedanken längst am Ziel ihrer Reise. Drinnen im Café wimmelte es von Menschen, die am Tresen rasch einen Espresso tranken und danach wieder fortstürmten. Hier draußen gab es außer mir aber nur noch eine weitere Frau, und auch sie zeigte keine Eile. Sie war eine sehr elegante Erscheinung, hatte melancholische Augen und rauchte gerade eine Zigarette, die sie aber nicht etwa zwischen ihren Fingern hielt, nein, dafür hatte sie sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: An einem Finger trug sie einen Ring, fast wie ein Schmuckstück, von dem jedoch ein schmaler vergoldeter Stab abging, der am Ende wie eine Pinzette gearbeitet war. Darin klemmte die Zigarette. Die Frau lächelte mir zu und fragte mich, wie spät es sei, doch ohne Zweifel war dies nur ein Vorwand, um mit mir ins Gespräch zu kommen.

Da sie mir gesagt hat, sie würde auf den Orientexpress warten, habe ich ihr erzählt, dass auch ich diesen Zug nehmen und bis nach Istanbul fahren wolle. Daraufhin hat sie nur seltsam gelächelt. Das sei ihre Stadt, hat sie mir gestanden. Nach einer Weile hat sie noch hinzugefügt, sie warte auf einen Freund, dies aber in einem Ton, als wüsste sie, dass er niemals kommt.

Ende der Leseprobe