Wie ein Spatz am Alexanderplatz - Joachim Ringelnatz - E-Book

Wie ein Spatz am Alexanderplatz E-Book

Joachim Ringelnatz

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Beschreibung

Joachim Ringelnatz war ein Vagabund des Lebens, ein Streuner und Herumtreiber. 1930 zog er von München nach Berlin – einen Ort, an den er passte, wo das Leben stank und tobte. Die kurze, aber heftige Liaison, die den Dichter mit der Stadt verband, schlug sich nieder in zahlreichen Gedichten. Mitte der Zwanzigerjahre hatte er der brodelnden Metropole schon den – unvollendeten – Roman "… liner Roma …" gewidmet, der bereits vor Alfred Döblins "Berlin, Alexanderplatz" zeigte, wie sich Großstadtliteratur dem Unfassbaren zu nähern vermag.

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Joachim Ringelnatz

Wie ein Spatz am Alexanderplatz

herausgegeben und mit einem Nachwort versehenvon Matthias ZimmermannBerliner Orte

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ebook im be.bra verlag, 2017

© der Originalausgabe:

be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2017

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

[email protected]

Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin

Umschlaggestaltung: Manja Hellpap, Berlin

ISBN 978-3-8393-6160-3 (epub)

ISBN 978-3-89809-141-1 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Gedichte

Ringkampf

Noctambulatio

Stoffwechsel

Lied aus einem Berliner Droschkenfenster

Frühlingsanfang auf der Bank vorm Anhalter Bahnhof

Berlin

Cassel (Die Karpfen in der Wilhelmstraße 15)

Kurz vor der Weiterreise

Berlin (An den Kanälen)

Nächtlicher Heimweg

Die Litfaßsäulen

Berlin, Dezember 1923

Angstgebet in Wohnungsnot

Landflucht

Komm, sage mir, was du für Sorgen hast

Heimweg

Kindergebetchen

Stammtisch Individueller

Aus der Vogelkunde

Raketenwagen auf der Avus

Bürger, den ich meine

Faschingsvollmond

Sehnsucht nach Berlin (1929)

Großplatztauben

Eine Zuschauerin im Flughafen

Nach der Trennung. Lichterfelde

An Berliner Kinder

Silvester bei den Kannibalen

Umzug nach Berlin 1930

Der Abenteurer

Lebensabschnitt

An M. zum Einzug in Berlin

Am Sachsenplatz: Die Nachtigall

Im Aquarium in Berlin

Die Träumer in der Untergrundbahn

Kanäle in Berlin

Wenn die sich Künstler einladen

Müde in Berlin

Gepflegte Wege

Wer hört ein Stäubchen lachen?

Nacht ohne Dach

Großer Vogel

Unter den Linden

»…liner Roma…«

Nachwort

Abbildungsnachweis

Über den Autor

Ringkampf

Gibson (sehr nervig), Australien,

Schulze, Berlin (ziemlich groß).

Beißen und Genitalien

Kratzen verboten. – Nun los!

Ob sie wohl seelisch sehr leiden?

Gibson ist blaß und auch Schulz.

Warum fühlen die beiden

Wechselnd einander den Puls?

Ängstlich hustet jetzt Gibson.

Darauf schluckt Schulze Cachou.

Gibson will Schulzen jetzt stipsen.

Ha! Nun greifen sie zu.

Packen sich an, auf, hinter, neben, in,

Über, unter, vor und zwischen,

Statt, auch längs, zufolge, trotz

Stehen auf die Frage wessen.

Doch ist hier nicht zu vergessen,

Daß bei diesen letzten drei

Auch der Dativ richtig sei.

(Pfeife des Schiedsrichters.)

Wo sind die Beine von Schulze?

Wem gehört denn das Knie?

Wirr wie lebendige Sulze

Mengt sich die Anatomie.

Ist das ein Kopf aus Australien?

Oder Gesäß aus Berlin?

Jeder versucht Repressalien,

Jeder läßt keinen entfliehn.

Hat sich der Schiedsmann bemeistert,

Lange parteilos zu sein;

Aber nun brüllt er begeistert:

»Schulze, stell ihm ein Bein!

Zwinge den Mann mit den Nerven

Nieder nach Sitte und Jus.

Kannst du dich über ihn werfen

Just wie im Koi, dann tu’s!«

Noctambulatio

Sie drückten sich schon beizeiten

Fort aus dem Tanzlokal

Und suchten zu beiden Seiten

Der Straße das Gast- und Logierhaus Continental.

So dringlich: Man hätte können glauben,

Er triebe sie vorwärts wie ein Rind.

Und doch handelten beide im besten Glauben.

Er wollte ihr nur die Unschuld rauben.

Sie wollte partout von ihm ein Kind.

Da geschah es, etwa am Halleschen Tor,

Daß Frieda über dem Knutschen und Schmusen

Aus ihrem hitzig gekitzelten Busen

Eine zertanzte, verdrückte Rose verlor.

Und ein sehr feiner Herr, dessen Eleganz

Nicht so rumtoben tut, folgte den beiden.

Jedoch hielt er sich vornehm bescheiden

Immer in einer gewissen Distanz.

Er wollte ursprünglich zum Bierhaus Siechen.

Aber nun hemmte er seinen Lauf,

Zog die Handschuh aus, hob die Rose auf

Und begann langsam daran zu riechen.

Er wünschte aber keinen Augenblicksgenuß;

Deshalb stieg er mit der Rose in den Omnibus.

Derweilen war Frieda mit ihrem Soldaten

Auf einen Kinderspielplatz geraten.

Dort merkten sie nicht, wie die Nacht verstrich,

Und daß ein unruhiger Mann mit einem Spaten

Sie dauernd beschlich.

Als sich nach längerem Aufenthalt

Das Paar in der Richtung zur Gasanstalt

Mit kurzen, trippelnden Schritten verlor,

Sprang der unruhige Mann plötzlich hervor.

Und fing an, eine Stelle, wo er im Sand

Die Spur von Friedas Stiefelchen fand,

Mit seinem Spaten herauszuheben.

Worauf er behutsam mit zitternder Hand

Die feuchte Form in ein Sacktuch band,

Um sich dann leichenblaß heimzubegeben.

Wie um das dümmste Mädchen

Sich sonderbare Fädchen

Nachts durch die Straßen ziehn –

Die Dichter und die Maler

Und auch die Kriminaler,

Die kennen ihr Berlin.

Hallesches Tor

Stoffwechsel

»Wie glüht er im Glase! Wie flammt er so hold!

Geschliffnem Topase vergleich ich sein Gold.«

Ich aber meinte den Urin

Und dachte mich in Groß-Berlin.

Und dachte eine junge Braut,

Ganz eingehüllt in Bückingshaut.

Da brachte mir der Pikkolo

Den Grog. Ich schnupperte und floh.

Lied aus einem Berliner Droschkenfenster

Auf dem Asphalt das Blut und das verspritzte Gehirn

Verlaufen in zierlichen Fädchen.

Ein Fädchen kann sein aus Seide oder Zwirn.

Damit nähen und sticken die Mädchen.

Sie nähen einen Saum, und sie sticken ein „B“

In ein seifensteifes Unterhöschen.

Im Kielwasser eines Dampfers auf See

Ersäuft ein vertrocknetes Röschen.

Mein Onkel im Rostocker Rathaus erschrickt

Über eine sich lösende Tapete.

Der hat einmal eine Sternschnuppe erblickt,

Die sah aus wie eine Rakete.

Wenn der Gaul sich auf dem Spittelmarkt mal hinlegen will,

Na, dann soll man das dem Vieh auch nicht verwehren.

Nee, dann trink’ ich meinen Gilka. Und belausche dabei still,

Wie die Wanzen sich im Polstersamt vermehren.

Spittelmarkt

Frühlingsanfang auf der Bank vorm Anhalter Bahnhof

Vierter Klasse wär’ es noch mehr billig.

Aber da käme ich später an.

Und dann ist die Stellung vielleicht schon vergeben,

Und die Frau Bauratswitwe sagt dann

Wieder: Ich sei arbeitsunwillig.

Und wovon soll ich dann am Freitag leben?

Am liebsten möchte ich gar nicht fahren.

Da könnten wir all das Fahrgeld sparen,

Und lieber versaufen.

Und da können wir noch die beiden Weinflaschen verkaufen.

Da wird man wieder mal richtig vergnügt.

Und hauen uns nachts auf die Bretter am Halleschen Tor,

Wo manchmal der Bolzenmax liegt.

Jetzt kommen schon die Krokusse vor,

Da ist es schon nicht mehr so kalt.

Und morgen werden wir sehn, wo wir bleiben.

Da werden sie uns auseinandertreiben

Wie die Pferdeäppel auf’m Asphalt.

Ob es wohl wahr ist, wenn man noch lebt – daß man

Seine Knochen an die Akademie verkaufen kann?

Anhalter Bahnhof and Askanischer Platz

Berlin

Da fährt die Hochbahn in ein Haus hinein

Und auf der andern Seite wieder raus.

Und blind und düster stemmt sich Haus an Haus.

Einmal – nicht lange – müßtest du hier sein.

Wo das aufregend gefährlich flutet und wimmelt

Und tutet und bimmelt

Am Kurfürstendamm und am Zoo.

Das Leben in Pelzen und Leder.

Es drängt einen so oder so

Leicht unter die Räder.

Sonst habe ich gut hier gefallen.

Man hat mir hohe Gagen angeboten.

Aber weißt du: jeder verkehrt hier mit allen,

Nur nicht mit stillen Menschen oder mit toten.

Ich bin so stolz darauf, dir einen Scheck zu überweisen.

Ja, ja, hier heißt es sich durchbeißen.

Das gibt mir mancherlei Lehre.

Heute ging mir beim Kofferflicken die Nagelschere

Entzwei. Not bricht Eisen. –

Hausdurchfahrt der Hochbahnlinie in Richtung Gleisdreieck in der Dennewitzstraße

Cassel (Die Karpfen in der Wilhelmstraße 15)

Man hat sie in den Laden

In ein intimes Bassin gesetzt.

Dort dürfen sie baden.

Äußerlich etwas ausgefranst, abgewetzt –

Scheinen sie inwendig

Doch recht lebendig.

Sie murmeln Formeln wie die Zauberer,

Als würde dadurch ihr Wasser sauberer.

Sie kauen Mayonnaise stumm im Rüssel

Und träumen sich gegen den Strich rasiert,

Sodann geläutert, getötet, erwärmt und garniert

Auf eine silberne Schüssel.

Sie enden in Kommerzienräten,

Senden die witzigste von ihren Gräten

In eine falsche Kehle.

Und ich denke mir ihre Seele

Wie eine Kellerassel,

Die Kniebeuge übt. – – –

Ja und sonst hat mich in Kassel

Nichts weiter erregt oder betrübt.

Kurz vor der Weiterreise

In Eile – in vierzig Minuten

Geht mein Zug. Denke dir nur:

Die gelbe Tasche mit Frack und den guten

Hosen, vier Hemden und Onkel Karls Uhr,

Die Metamorphosen von Tacitus,

Zwei Unterwäschen, fast sämtliche Kragen,

Sogar das Glas mit dem Bandwurm in Spiritus

Und vieles andere. – Schluß – herzlichen Gruß.

– – – – – – – –

Ich muß dir ja noch die Hauptsache sagen:

Das alles haben sie mir gestohlen.

Ich habe hier Blut geschwitzt.

Der Teufel soll Berlin holen!

Denn auch mein neuer Hut ist vertauscht.

Pfenniger läßt dich grüßen. Er sitzt

Neben mir. Wir sind dir gut, aber ziemlich berauscht.

Berlin (An den Kanälen)

Auf den Bänken

An den Kanälen

Sitzen die Menschen,

Die sich verquälen.

Saufende Lichter,

Tausend Gesichter

Blitzen vorbei: Berlin.

Übers Gewässer

Nebelt Benzin …

Drunten wär’s besser.

Hinter der Brücke

Flog eine Mücke

Ins Nasenloch.

Loch meiner Nase,

Nasenloch, niese doch

In die stille Straße!

Auf dem Omnibus, im Dach

Rütteln meine Knochen,

Werden gute Worte wach,

Bleiben ungesprochen. – –

Ach, da fällt mir die alte Zeitungsfrau ein –

Vanblix oder Blax soll sie heißen –

Die hat ein so seltsames Schütteln am Bein,

Daß alle Hunde sie beißen. –

An den Kanälen

Auf den dunklen Bänken

Sitzen die Menschen, die

Sich morgens ertränken.

Blick von der Waisenbrücke nach Westen

Nächtlicher Heimweg

Es wippt eine Lampe durch die Nacht.

Trapp klapp –

Ich will mir denken,

Daß meine Mutter jetzt noch wacht

Und will den Hut für sie schwenken.

Wir sind nicht, wie man seien soll,

Wir haben einander nur gern,

Doch meine Mutter ist alt und ist fern.

Und mir ist das Herz heut so voll.

Da kommt eine Frau mir entgegen,

Ich will was Gutes überlegen,

Weil sie so arm und eckig aussieht.

Aber die Frau entflieht.

Ich bin ihr zu verwegen.

Nun wird es still und wunderbar.

Kein Laut auf der Straße Mitte.

Nur drüben am anderen Trottoir

Gehn meine eignen Schritte.

Die Litfaßsäulen

Es stehen die Litfaßsäulen

Verstreut, den Leuchttürmen gleich,

Und lassen vom Wind sich umheulen

Und werden im Regen ganz weich.

Und rufen und locken und preisen

Aus buntem und grellem Papier

Und drohen und stechen und beißen

Und lügen noch schlimmer als wir.

Früh lehnt ein Mann eine Leiter

An das, was Litfaß erfand.

Er reißt ihr vandalisch doch heiter

In Fetzen das bunte Gewand.

Nachdem er sie darauf bekleistert –

Als brächte ihn Nacktes in Zorn –

Klebt er ihr wieder begeistert

Viel Buntes auf Hinten und Vorn.

Theater … – Auktion … – Zigaretten … –

Wohltätigkeits… – Raubmord … – Und Sport

Proteste … – Amtliche … – Betten … –

Kurz alles in Bild oder Wort.