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Ein erfolgreicher Unternehmer in der Sinnkrise trifft am Strand eine Frau, die sein Leben durcheinanderwirbelt. Ihr Blick auf die Welt eröffnet ihm neue Perspektiven und ein weiteres Bewusstsein. Die tiefe Liebe, die sie verbindet, stellt sie vor Herausforderungen. Sie begreifen einander als Spiegel für die eigenen Ängste und Sehnsüchte, überwinden die Hürden und Rückschläge ihres gemeinsamen Lebens und bemühen sich um Heilung ihrer persönlichen Themen. Trotz aller menschlichen Unvollkommenheit zeigt sich, dass die Liebe letztlich alles überwindet, wenn sie zwei Seelen verbindet. "Wie eine Welle im Ozean" ist ein Buch, das Mut macht, sich der Liebe anzuvertrauen und der Weisheit des Herzens. Es erzählt von neuem Bewusstsein, Einblicken in die energetischen Zusammenhänge des Lebens und zwei Menschen, die sich für eine spirituelle Beziehung entscheiden. Die Geschichte wird abwechselnd aus zwei Perspektiven betrachtet - einem Blick von außen und dem Blickwinkel der weiblichen Ich-Erzählerin von innen.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Sohreya wurde 1966 in Österreich geboren und entdeckte früh ihre Liebe zum Schreiben. Als Jugendliche erhielt sie für ihre Lyrik und Kurzprosa einige Jugendliteraturpreise. Beruflich schlug sie die Laufbahn einer Kulturjournalistin ein, schrieb für verschiedene Printmedien, Radio und Fernsehen.
1999 nahm ihr Leben durch die Begegnung mit dem Kernschamanismus eine neue Wendung. Die Auseinandersetzung mit Energiearbeit und Bewusstseinserweiterung folgten. Journalistisch entstanden fortan vor allem Beiträge, Artikel und Bücher über ganzheitliche Gesundheit. Die ersten spirituellen Texte wurden veröffentlicht: „Reisen ins Licht – Geschichten aus anderen Welten“ und „Sohreya's Herzensbriefe – Für alle Wochen des Jahres“.
Sohreya hält Seminare wie „Schreiben aus dem Herzen“ und begleitet Menschen – in der Einzelarbeit ebenso wie in Gruppen – auf ihrem Seelenweg.
Nähere Infos: www.sohreya.net
Danke der Liebe in allen Gestalten,
die mir begegnet (ist) im Leben.
Vorwort
Die Schleier lichten sich
Sonne auf meiner Haut
Der Tag der Tage
Damals, als alles begann
Gesucht und gefunden
Gezeiten der Liebe
Nähe und Distanz
Wiedergeboren
Zu Hause
Im Zeichen der Liebe
Steine auf dem Weg
Zwischenspiel
Neue Wege
Perfect Timing
Spiel der Gegensätze
Die Freunde aus dem Meer
Wendezeit
Landeinwärts
Tage der Einkehr
Auf und ab
Zurück ans Meer
Transformation
Zeit der Stille
Tage des Zweifels
Prüfungen des Lebens
Liebe auf dem Prüfstand
Abschied und Neuanfang
Jenseits der Wunden
Unter einem Dach
Die nächste Hürde
Leere
Wunden der Vergangenheit
Heilung
Die letzte Hürde
Töne des Lebens
Verwundungen
Abstand
Langsame Annäherungen
Ein neues Kapitel der Liebe
Ja oder Nein
Der Tag danach
3 Jahre später – Ein Epilog
Der Wunsch zu schreiben war mir in die Wiege gelegt. Seit ich schreiben kann, drängt mich alles in meinem Herzen, ihm ohne Wenn und Aber zu folgen. Schon mit 14 Jahren entstand die erste Erzählung auf einer Kofferschreibmaschine, die ich „mein Roman“ nannte. Fünf Jahre später, auf der Maturareise nach Euböa, formulierte ich meine Sehnsucht: „Ich sitze einmal auf einer Insel und schreibe meinen Roman.“ Über 20 Jahre sollten ins Land ziehen, ehe ich – dank einem lieben Freund auf La Gomera (Danke Dir, Severino!) – die Gelegenheit bekam, diesen Traum wahr zu machen. Dort entstand die erste Hälfte dieses Buches. Der Rest hier auf meiner „Insel“ in Loiben, meinem Ankerplatz in der Wachau nahe dem idyllischen Dürnstein.
Die Erzählung auf den folgenden Seiten ist mir zugeflossen, sowohl in Form als auch Inhalt. Diese Geschichte wollte erzählt werden, da war nur eine willige „Zuhörerin“ auf Erden, die jeden Satz entgegennahm, der im Innersten klang. Das Erzählte ist – um allen Spekulationen vorzubeugen – ausdrücklich NICHT autobiografisch, wenngleich sowohl Weltanschauliches einfloss wie selbst Erlebtes und Gehörtes. Herzlichen Dank an alle, die dafür Inspiration waren. Danke auch meinen Leser/innen der ersten Stunde, die mich mit ihrem Feedback bereichert haben. Es ist ins Buch großteils eingeflossen.
Diese Erzählung soll Mut machen, wenn die Gezeiten der Liebe uns wie Wellen im Ozean so manches Auf und Ab bescheren. Sie erzählt die Geschichte einer tiefen Liebe aus zwei verschiedenen Blickwinkeln – von außen und von innen im steten Wechsel. Eine Geschichte von uns allen nur zu gut bekannten menschlichen Unvollkommenheiten, Ängsten ebenso wie Sehnsüchten, aber auch vom Versuch eines bewussteren (spirituellen) Umgangs mit Beziehungshürden. Vielleicht kann sie zum Nachdenken anregen oder eine etwas andere Perspektive zum Thema (menschliche) Liebe beitragen.
So entlasse ich mein „Kind“ in die Welt – möge es zu den Ufern gelangen, die der große Ozean für es vorgesehen hat, und Licht und Liebe in die Welt bringen!
Herzlich(t)e Grüße, Sohreya
Es gibt Momente, in denen die Zeit den Atem anhält. Ein Blick in Augen von unendlicher Tiefe; die fast sakrale Andacht bei Sonnenuntergang am Strand; das Lachen eines Kindes. Momente, in denen die Ewigkeit das Hier und Jetzt berührt. Als würde der Himmel für Sekunden seine Pforten öffnen und Einlass gewähren und das Herz überwältigt zu schlagen aufhören.
Es war ein Moment von diesen Momenten, als er sie am Strand entdeckte. Den Blick in die Ferne gerichtet, stand sie wie eine Erscheinung da, nahezu unbeweglich. Nur der Wind spielte mit ihrem langen dunklen Haar. Es schien, als wäre sie eins mit allem, als würden die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen. Ein Windstoß riss ihn aus seinen Gedanken. Die Reste der Sturmflut letzte Nacht lagen verstreut auf dem Strand. Er musste auf seine Schritte achten. Sie stand noch immer versunken in den Anblick des tosenden Meeres. Der Himmel war wolkenverhangen und manchmal drang der Schrei einer Möwe in sein Bewusstsein. Wer war sie? Er hatte sie hier noch nie gesehen.
Als er langsam an ihr vorbei ging, war ihm, als ob ihre Augen ihm folgten. Für den Bruchteil einer Sekunde spielte er mit dem Gedanken, sich nach ihr umzudrehen, doch etwas hielt ihn davon ab. Als er auf dem Rückweg seines täglichen Strandspaziergangs wieder an der Stelle vorbei kam, war sie gegangen. Vielleicht würde er ihr nie wieder begegnen. Vielleicht hatte er die Chance seines Lebens vergeben, indem er nicht gleich reagiert hatte. Er hätte sie ansprechen können. Ärgerlich verwarf er seine Gedanken und zwang sich zu etwas anderem.
Bald könnte sein großer Tag sein. Seine Firma ging an die Börse. Alles, wofür er in den harten letzten Jahren gearbeitet hatte, wurde mit einem Mal wahr. Trotzdem fühlte er eine unerklärbare Leere in seinem Herzen. Es konnte ihn nicht wirklich berühren. Seine Erfolge, die tollen Berichte über die Höhenflüge der Firma, alles war so unwirklich und so weit weg, als ginge es ihn gar nichts an. Dabei war er sich immer sicher gewesen, wenn er an seine Ziele gedacht hatte, an Anerkennung und Wohlstand, dass es ihn glücklich machen würde, sie eines Tages erreicht zu haben.
Im tiefsten Innersten fühlte er sich unsagbar einsam. Die schönsten Frauen standen Schlange, er war einer der heißest begehrten Junggesellen des Landes, erfolgreich, gutaussehend, intelligent und charmant, und trotzdem interessierte ihn keine von ihnen wirklich. Spätestens am Morgen danach war er meistens dankbar, wenn sie sein Haus verließen, und zwar am besten für immer. Er hatte sich zu einem jener Menschen entwickelt, die er immer gehasst hatte, war berechnend, zynisch und gefühlskalt geworden. Zumindest war das die Ansicht einer seiner Freundinnen, die ihn lange Jahre regelmäßig besucht hatte. Seit er beruflich im Aufwind war, ging es mit seinen Gefühlen bergab.
Wo waren seine Träume geblieben, die Welt von Grund auf zu verändern? Wo waren seine Pläne, es anders zu machen, wenn er selber Erfolg hatte? Ließ das Business noch Platz für Menschen oder nur noch für Zahlen? Er erkannte sich selbst nicht mehr. Wo war der ambitionierte Jungunternehmer mit den strahlenden Augen und dem herzlichen Lachen geblieben, das alle innerhalb von Sekunden mit seiner Fröhlichkeit anstecken konnte? Sein Wesen hatte verzaubert und die Kraft, die er ausstrahlte, war für alle, die ihm begegneten, deutlich spürbar gewesen. Wo war sie hin, diese Kraft? Wohin war sie geflossen? Was wollte er damit anfangen? Alle Wege standen ihm offen, er hatte es tatsächlich geschafft. Und doch war da eine Stimme in ihm, die ihm sagte: Es gibt noch etwas anderes. Das ist erst der Anfang. – Er war noch lange nicht angekommen.
Eine Sehnsucht im Herzen zog ihn zurück an den Strand – und da war sie wieder. Mit wehendem Haar und einem Lachen ging sie an ihm vorüber und für den Bruchteil einer Sekunde berührten ihre Blicke einander und glitten tiefer und tiefer, bis auf den Grund ihrer Seelen. Er rang nach Luft und sah ihr nach, wie sie sich mit schnellen Schritten immer weiter entfernte, und er wusste mit einem Mal: Das war der Beginn von etwas, das er bisher nicht kannte. Ein Tor hatte sich geöffnet und er war im Begriff durchzuschreiten, ohne zu wissen, was ihn auf der anderen Seite erwartete. Doch er hatte keine Wahl, etwas in ihm zog ihn weiter in ein noch unbekanntes Land, in seine Seelenlandschaft.
Als er am nächsten Morgen erwachte, war etwas anders. Die Farben strahlten leuchtender, der Schrei der Möwen klang freudvoller und er roch den nahenden Frühling. Er räkelte sich in seinen Federn und genoss es, ganz langsam wieder im Körper anzukommen. Es war Sonntag, ein Tag zum Feiern und Nichtstun. Vielleicht sollte er ein paar Freunde zu sich nach Hause einladen? Nein, der Gedanke an ihre oberflächlichen Storys über Sex und Drogen war ihm zuwider. Er sehnte sich nach Tiefgang, nach Diskussionen über den Sinn des Lebens und warum er erlebte was er erlebte. Was genau sollte das alles? Wozu das Ganze, wenn er ohnehin sterben musste und nichts mitnehmen konnte?
Die Sonne schickte ihm einen ihrer wärmenden Strahlen direkt durch sein Schlafzimmerfenster und riss ihn aus seinen trüben Gedanken. Zeit aufzustehen und sein Frühstück zu machen. Er liebte die Momente am Morgen, wenn der Tag ganz langsam erwachte und der Nebel sich auflöste, der den Blick auf den Ozean trübte. Dann saß er auf der Terrasse am Strand mit einem großen Espresso und war mit sich und der Welt zufrieden. Zumindest ein Haus in Santa Monica hatte er sich erschaffen. Ein Vogel pickte sich mit seinem Schnabel Häppchen aus der feuchten, löchrigen Sanddecke, immer auf der Flucht vor den Wellen. Menschen sah man selten um diese Zeit am Strand. Der blaue Himmel strahlte ihm klar und sonnig entgegen. Er lächelte gedankenversunken. Würde er sie wiedersehen? Diese Fremde mit dem wehenden Haar ging ihm nicht mehr aus dem Sinn. Wo kam sie her? Was machte sie hier? Lebte sie in der Gegend? Warum hatte er sie bisher noch nie gesehen?
Er beschloss, nach dem Frühstück wieder einen Spaziergang zu machen. Das Wetter war schön und der stürmische Wind hatte spürbar nachgelassen. Vielleicht würde er sie wiedersehen und sie auf einen Drink einladen. Er wollte sie unbedingt kennenlernen. Ganz in Gedanken bestrich er sein Sandwich mit Butter und schlürfte seinen heißen Kaffee. Er hatte alle Zeit der Welt, die Zeit der wirklich Erfolgreichen. Wenn er Lust darauf verspürte, konnte er auf die Bahamas jetten und sich die karibische Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Vielleicht wollte SIE ja mitkommen? Seine Phantasien trugen ihn weiter und er musste schmunzeln. Sie hatten noch kein einziges Wort gewechselt, aber in seinen Gedanken lagen sie sich schon in den Armen. Besser er kühlte sein heißes Gemüt im Pazifik etwas ab.
Die Wellen rauschten ihm entgegen, als wollten sie ihn einladen, barfuß durch die Brandung zu laufen. Das hatte er schon ewig nicht mehr gemacht. Als kleiner Junge hatte er die Vorliebe gehabt, mit den Wellen Fangen zu spielen, bis sie ihn erwischten. Sein Vater lachte aus ganzem Herzen, wenn er prustend vor ihm stand, weil ihn eine besonders große Flutwelle plötzlich erwischt hatte. Seine Mutter empfing ihn lachend und mit trockenem Gewand. Er fühlte sich rundum geliebt und geborgen bei ihnen. Wo waren diese Jahre mit ihrer Leichtigkeit geblieben, dieser kindlichen Freude am Spielen?
Was ihm in den Jahren seiner Jugend wie Armut vorgekommen war, der er entfliehen wollte, schien ihm jetzt wie großer Reichtum. Er hatte nie gesehen, was ihm seine Eltern trotz der bescheidenen Umstände, in denen sie gemeinsam lebten, mitgegeben hatten. Er konnte ihnen beiden nicht mehr sagen, wie sehr er sie liebte und ihnen dankbar war. Sein Vater war in den letzten Jahren aus dieser Welt gegangen, kurz nachdem sein geschäftlicher Höhenflug begonnen hatte. Als hätten er sich gesagt, jetzt müsste er sich keine Sorgen mehr machen, er würde es auch ohne ihn schaffen. Sie waren stolz auf ihn gewesen, das Kind aus einfachen Verhältnissen, das sich mit unentwegtem Eifer hochgearbeitet hatte in den „Olymp der Reichen und Schönen“, wie es eine Gazette nannte. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, meinte sein Vater immer. Wie recht er damit gehabt hatte. Glitter und Glamour, High-Society-Partys und die Einsamkeit der Nächte in den Armen seiner meist betrunkenen und vollgekoksten weiblichen Zufallsbekanntschaften konnten seine Sehnsucht nicht stillen. Wo war die Liebe seiner Kindertage geblieben? Er wischte sich einen salzigen Tropfen aus dem rechten Augenwinkel. Der Wind und die Wellen mussten wohl daran Schuld sein.
Mit melancholischer Schwere im Herzen lief er durch den feuchten Sand, ohne die Brandung zu genießen, als er SIE sah. Sie saß auf einem der Baumstämme, die das Meer an den Strand geschwemmt hatte, als würde sie auf ihn warten. Als er langsam näher kam, wandte sie ihm den Kopf zu und sah ihn unvermutet an. Ihr Blick war ernst und forschend, als könnte sie seine Qualen spüren. Er verlangsamte sein Tempo und ging auf sie zu. Noch einmal würde er nicht an ihr wortlos vorüber gehen. „Hallo! Neu in der Gegend?“, bemühte er sich um einen lockeren Tonfall. Sie sah ihn weiterhin forschend an, ohne die Frage zu beantworten. – „Bist du glücklich?“ Ihr erster Satz holte ihn auf den Boden der Realität zurück und die Erde wankte unter seinen Füßen. Verdattert starrte er sie an, ohne etwas zu sagen.
Glücklich? Nein, er war definitiv nicht glücklich, schon seit vielen Jahren. Aber in der Gesellschaft, in der er verkehrte, vermied man, solche Fragen zu stellen. Als er sich allmählich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, setzte er sich zu ihr auf den Baumstamm und starrte auf das offene Meer. „Was ist Glück für dich?“, versuchte er, mit einer Frage zu kontern, um etwas Zeit zu gewinnen. – „Jedenfalls nicht, was du ausstrahlst.“ Da war es wieder, ihr Lachen, das ihn so eingenommen hatte. Er lachte mit, und das Eis war gebrochen. Schlagfertig war sie, das musste er ihr zugute halten. „Nein, ich bin nicht glücklich. Das hast du richtig erkannt.“ Sie sah ihn mit ihren warmen dunklen Augen forschend an. Er hatte mit einem Mal das Vertrauen, dass er dieser fremden Frau sein Innerstes offenbaren konnte, ohne verletzt zu werden. – „Schön, dass du da bist.“ Sie strahlte ihn an und sein Herz wurde weit. Er entspannte sich immer mehr, als er zu erzählen begann. Und sie blickte ihn an, als würden sie einander schon ewig kennen.
Als ich ihn das erste Mal gesehen hatte, war er mir sofort aufgefallen. Er ging den Strand entlang, als hätte er irgendetwas verloren. Vielleicht sich selbst. Ich hatte das Haus meines Vaters gefunden und stand versunken am Ozean, als er direkt auf mich zukam. Eine Sekunde lang dachte ich, er würde mich gleich ansprechen, aber er ging weiter, und ich schaute ihm lange nach. Er erinnerte mich an Altes, das ich zurückgelassen hatte, die Schwere längst vergangener Tage.
Als ich wieder auf das Meer sah, näherte sich die Sonne schon dem Horizont und zeichnete ein Gemälde in zartem Blau-Rosa. Ich beschloss, ein Stück zu gehen und den Gedanken nachzuhängen. Was hatte ich hier gefunden? Das Haus meiner Kindheit? Ein Stück verlorene Seele? Ich hatte schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu meinem leiblichen Vater und diesem Haus am Strand gehabt. Umso mehr war ich erstaunt als der Brief vom Notar kam, dass er es mir vererbt hatte. Er war gegangen, ohne Lebewohl zu sagen. Typisch Vater. Als er meine Mutter und mich verlassen hatte, war er ebenso schnell verschwunden. Nur ein Brief auf dem Küchentisch war von ihm zurückgeblieben und meine fassungslose Mutter. Sie hatte es nie ganz verwunden.
Als ich im Haus meines Vaters ankam, roch es noch nach ihm. Hier hatte er also all die Jahre verbracht und geschrieben. Er war ein Einsiedler gewesen, so wie ich selbst manchmal, aber er hatte uns geliebt. Auf seine Art, er konnte nicht anders. Heute sah ich die Vergangenheit in einem anderen Licht. Die Jahre, die ich genutzt hatte, um mich selbst zu finden und das Leben zu ergründen, das ich mir geschaffen hatte, vermittelten mir einen neuen Blickwinkel. Ich sah mich nicht mehr als Opfer der Umstände, sondern meinen Anteil an dieser Schöpfung, mein „Drehbuch“, das ich mit all den anderen Seelen und mit Spirit gemeinsam schrieb, um Erfahrungen zu machen und daran zu wachsen. „Es hat alles einen Sinn“, das hatte schon meine Großmutter zu mir als Kind gesagt, und sie musste es wissen. Ihr Leben war hart gewesen, und sie hatte es trotzdem immer genommen, wie es kam. Ihr Anker war der Glaube an Gott.
„Danke dir, Spirit, dass es mich gibt!“, flüsterte ich beim Strandspaziergang und fühlte die warme Welle im Herzen, diese Liebe zu allem was ist. Als ich zum Haus zurückkam, war ER wieder da. Er kam mir entgegen. Ich musste lachen. Das Leben ist schon eigenartig. Wer war dieser Mann? Warum war er da? Warum kreuzten sich unsere Wege? Hatte ich eine Aufgabe in seinem Leben und er in meinem? Was war die Botschaft? „Warte ab und sieh“, meinte die innere Stimme, die immer zur Stelle war, wenn ich fragte.
Als ich am nächsten Morgen auf dem Treibholzstamm vor dem Haus saß, kam er mir von weitem entgegen. Ich hatte ihn gleich erkannt. Diesmal würde ich ihn nicht so einfach davonkommen lassen. Ich sah ihn an, als er auf mich zukam. Sein Gesicht war traurig, ganz gedankenverloren. Er sprach mich an, siehe da. Ich hatte die Worte kaum verstanden, nur den verzweifelten Tonfall. „Bitte, hilf mir!“, kam bei mir an. – „Bist du glücklich?“, habe ich ihn daraufhin gefragt. Er sah mich verdattert an. Damit hatte er nicht gerechnet. Er wirkte wie ein Lebemann, reich und sehr kühl. Doch tief unter der Fassade war noch ein Funke spürbar. Ich wollte dieses Feuer wieder entfachen, ich wollte sein inneres Leuchten sehen, das noch nicht erloschen war. Es war noch nicht zu spät, um zu leben.
Als er sich wieder gefangen hatte, nahm er neben mir Platz und begann zu reden. Sein Leben nahm vor uns Gestalt an, ich konnte es vor mir sehen. Als er mir von sich erzählte, war er der kleine Junge, der trotzige Halbstarke und der verwundete Mann. Ich konnte ihn so gut verstehen, weil ich das alles selbst gefühlt hatte, in meinem eigenen Leben, auf meine eigene Art. Er kam zu einem Ende und wir saßen noch lange schweigend nebeneinander und sahen auf den Ozean.
Die Sonne war schon tiefer gewandert, die Strahlen waren warm auf der Haut. Ich liebte es, die Sonnenstrahlen tief in mich einzusaugen, das Licht förmlich in jede einzelne Zelle einzuatmen und mit jeder Faser des Körpers und meiner Seele aufzunehmen. Ich fühlte dieses Leuchten und Strahlen auch in mir selbst und ließ es gerne in die Welt hinaus strahlen, um die Herzen ein wenig zu wärmen, die mir auf meinem Weg begegneten. Manche strahlten mich ebenfalls an, wenn sie sich an sich selbst erinnerten, an ihr eigenes Leuchten und Strahlen. Andere zogen weiter, ohne etwas zu bemerken, doch der Funke begann zu glühen und irgendwann würde er auch wieder von einer anderen Seele entfacht werden, die in der Liebe lebte, und von Neuem erstrahlen.
Als er sich an diesem Abend von mir verabschiedete, war es schon dunkel geworden. Wir hatten lange beisammen gesessen, viel geredet, gegessen, getrunken. Ich kannte sein halbes Leben, seine erloschenen Sehnsüchte und die vergessenen Träume. Ich fühlte seine Traurigkeit und die Schwere, die Angst vor dem Leben, vor allem was auf ihn zu kam. Er wollte leben, nicht sterben, aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er es anstellen sollte, ohne unterzugehen.
Jetzt, wo er dem Ziel so nah war, wo der Erfolg, dem er all die Jahre so verzweifelt nachgejagt war, endlich dicht vor ihm lag, fühlte er sich, als hätte er den falschen Weg eingeschlagen. Das Glück, das er sich erhofft hatte, die Befriedigung am Abend, wenn er aus dem Büro nach Hause kam, waren nicht vorhanden. Er fühlte sich um sein Leben betrogen. Wer war der Gott, der ihm diese Lektionen erteilen wollte? Er begann, mit dem Leben zu hadern, Gott dafür anzuklagen und ihn für das, was er erlebte, allein verantwortlich zu machen. Er konnte seine Freiheit aus tiefster Seele zu wählen, was er erfahren wollte, nicht mehr erkennen und fühlte sich als Opfer der Umstände. Deshalb war er zu mir gekommen. Ich hatte seinen Ruf vernommen und ich war da, war zu ihm gekommen. Etwas an ihm rührte mich an.
Als er an diesem Abend nach Hause kam, fühlte er sich wie gerädert. Er hatte sein halbes Leben erzählt und noch einmal erlebt. Er wollte nur noch schlafen. Diese Frau mit ihrer stillen und einfühlsamen Art hatte es tatsächlich geschafft, ihn alten Eisblock aufzutauen. Er floss über, als wäre ein Damm gebrochen. Was so lange aufgestaut gewesen war, kam nun wieder ins Fließen. Er war dankbar dafür. Wie lange hatte er nicht mehr gefühlt, was er während dieses Tages am Strand mit ihr gespürt hatte? Er glaubte es schon verloren, aber es war da gewesen, all die Jahre, tief verborgen. Es hatte sich bloß zurückgezogen, weil er zu beschäftigt gewesen war, um auf die innere Stimme zu hören, und irgendwann hatte sie geschwiegen. Doch dieser Funke, das innere Leuchten, das er immer gefühlt hatte, als er noch ein Kind war, war noch immer lebendig und ließ sich wieder entfachen. Er wollte dieses Feuer noch einmal fühlen, das Feuer der Liebe. – Er kroch in sein Bett, ohne zu duschen und war auf der Stelle eingeschlafen.
Als ihn der Wecker am nächsten Morgen unsanft aus dem Schlaf riss, musste er sich erst orientieren. Wo war er? – Ach ja. – Hatte er geträumt oder war der letzte Tag wahr? Sie schien ihm manchmal wie ein Engel, den der Himmel geschickt hatte, um ihn an sich selbst zu erinnern und an seine gewählten Aufgaben in diesem Leben. Man hatte ihn also nicht vergessen. Er musste schmunzeln und schleppte sich unter die Dusche. Der letzte Tag hatte Spuren hinterlassen. Sein Körper arbeitete auf Hochtouren, um all das zu verarbeiten, was er erlebt hatte. Alle Zellen vibrierten. Es war, als würde er unter Strom stehen und die Spannung langsam steigen. „Die Frequenz wird erhöht“, kam in seine Gedanken. – Was? – Woher diese Einfälle kamen? Was mochte das nun wieder bedeuten? – Er schob den Gedanken beiseite und zog sich langsam an. Den dunklen Anzug von Armani, die Designerkrawatte von Gucci, die Schuhe aus feinstem Nappaleder. Man sah ihm sein Leben an. Die Banker an seiner Seite hatten ihm den Tipp gegeben: Willst du ganz oben mitspielen, musst du so wie sie aussehen. Er hatte mitgespielt, viel zu lange. Wie sehr er die Jeans und Pullover genoss, die er bei seinen Strandspaziergängen überziehen konnte!
Heute war sein großer Tag, da ging nichts ohne Anzug, das war ihm klar. Dann auf ein Neues, auf in den Kampf! Er fühlte sich ein bisschen, als würde er in den Krieg ziehen. In diesem Business konnte er niemand vertrauen, nicht mal sich selbst. Er seufzte, zog den Krawattenknopf fester und die Tür hinter sich ins Schloss.
Als er am Abend zurück kam, dröhnte ihm der Kopf. Er lockerte seine Krawatte, streifte sie ab und hängte sein Sakko an den Haken. Jetzt ein heißes Bad nehmen und zeitig schlafen gehen. Der Tag war ein voller Erfolg gewesen, der Börsegang war gut gelaufen, alle in seiner Firma hatten darauf mit ihm angestoßen und ihn hoch leben lassen, doch allmählich schien ihm, sein persönliches Wohlbefinden verhielt sich zum Grad seines Erfolges umgekehrt proportional.
Er wollte nicht mehr nachdenken. Mit einem großen Glas Whisky und einer seiner besten Zigarren stieg er in das dampfende Nass. Sein Körper gab sich der Wärme hin und entspannte sich zunehmend. Wo SIE wohl war? Seine neue Bekanntschaft ging ihm nicht aus den Gedanken. Sie war ihm so nah wie kaum ein Mensch aus seinem „alten“ Leben. Lächelnd registrierte er, dass er mit ihrem Kennenlernen den ersten Tag seines „neuen“ Lebens angesetzt hatte. Na, das konnte ja heiter werden! Er kannte diese Frau noch gar nicht und trotzdem kamen ihm diese Gedanken. Das war irgendwie unheimlich.
Mit einem tiefen Seufzer stieg er aus dem Wasser und trocknete sich ab. Die Müdigkeit kroch durch den Körper und machte der Erschöpfung Platz. Jetzt nur noch schlafen. Er sank in die Daunenkissen und in einen tiefen Schlaf. Und plötzlich war sie da, ganz nah, näher als er sie je gefühlt hatte. Sie tanzten einen unendlichen Tanz, zogen gemeinsam durch die Zeiten, liebten einander, verloren einander und gelobten, sich wieder zu finden.
Als er am Morgen aufwachte, waren die Bilder der Nacht noch spürbar. Er musste sie wiedersehen und ihr davon erzählen. Nach seinem gestrigen Erfolgstag beschloss er, sich heute frei zu nehmen und an den Strand zu gehen. Bei dem Gedanken, sie dort zu treffen, schlug sein Herz mit einem Mal schneller. Er war verliebt, wie schon lange nicht. Als er an den Strand kam, sah er sie schon von Weitem auf ihrem Baumstamm sitzen und auf das offene Meer starren. Wie eine Fata Morgana, flirrend in der Morgensonne, hob sie sich kaum von der Landschaft ab. Sie war da und auch nicht da, irgendwie unwirklich, aber von einer Schönheit, die er nie zuvor gesehen hatte. Sie strahlte aus dem tiefsten Innersten und wenn ihre Augen ihn ansahen, stürzte das Universum förmlich in sich zusammen. Er fühlte eine Vertrautheit, die nicht aus diesem Leben stammte, eine tiefe Verbindung mit dieser Frau.
Sie hörte seine Schritte im Sand erst, als er beinahe schon vor ihr stand. „Wo warst du gerade?“, fragte er, als sie von ihrer Reise zurückkam. „Auf einem anderen Planeten“, antwortete sie lächelnd, und so, wie sie es sagte, war er nicht sicher, ob sie es tatsächlich ernst gemeint hatte.
Er ließ sich neben ihr nieder und sah sie an, während sie seinen Blick erwiderte. Ohne ein Wort zu sagen, saßen sie schweigend auf dem Baumstamm und ihre Seelen reisten gemeinsam durch Zeit und Raum und in alle Leben, die sie miteinander lebten. Nach einer Weile des Schweigens und Betrachtens begann er langsam zu sprechen. Er wollte von letzter Nacht erzählen, von den verwirrenden Traumbildern und der Erinnerung an die Vertrautheit und die Nähe, die sie geteilt hatten. Sie sah ihn an: „Schön, dich wiedergefunden zu haben.“ Noch ehe er ein Wort gesagt hatte, traf ihr Satz wieder mitten ins Schwarze. – „Was weißt du?“ Er brannte darauf zu erfahren, ob sie die selben Erinnerungen an gemeinsame Leben hatte. Sie sah ihn nur wortlos an. Doch vor seinem inneren Auge liefen die Bilder der letzten Nacht wie im Zeitraffer noch einmal ab. Atlantis, Ägypten, die Welt der Maya, Amerika zur Zeit der Siedler, England im 18. Jahrhundert und ferne Sternenwelten. Wo waren sie hergekommen? Was passierte mit ihm gerade?
„Hab keine Angst.“ – Hatte sie das gesagt? Realität und Traum verschwammen. Was war wirklich real? Sie sah ihn an und strahlte aus tiefster Seele. Um sie herum war ein Leuchten, das er zum ersten Mal wahrnahm. Auch um Pflanzen hatte er diesen hellen Schein schon als Kind gesehen, ehe das „wirkliche“ Leben mehr und mehr Raum einnahm und das Strahlen langsam wieder verblasste. Zum ersten Mal seit langem erinnerte er sich an diese Erlebnisse. Damals waren auch Zwerge um ihn gewesen und Elfen, ätherische Sylphen und erdhafte Gnome, Freunde aus seinen Kindertagen. Wie lange er sie nicht mehr besucht hatte. Ob sie noch immer auf ihn warteten?
„Hast du die Bilder gesehen?“ Sie holte ihn aus den Gedanken mit ihrer Frage. „Ja, letzte Nacht und jetzt wieder, die selben. Hast du sie auch gesehen?“ – „Ja.“ – „Und das ist wahr? Kennen wir uns wirklich schon so lange?“ Er fühlte, wie seine Nerven flatterten bei dem Gedanken. Vergangenheit und Zukunft fielen in einem Punkt zusammen. Nur das Jetzt existierte und alles war immer gleichzeitig da. War das tatsächlich wahr? Die neue Erkenntnis verwirrte ihn, plötzlich war nichts mehr linear. Er konnte es so betrachten, um es einfacher zu erfassen, doch das Gefühl, dass alles jetzt war, fühlte sich richtiger an.
„Willkommen zu Hause!“ Sie nahm ihn in ihre Arme und eine Welle der Liebe flutete durch seinen Körper. Ihre Herzen verschmolzen zu einem und die Zeit existierte nicht länger. Sie waren angekommen. Als sie sich von einander lösten, schien ihm, dass sie sich nie getrennt hatten. Über Äonen waren sie einander immer wieder begegnet, hatten den Traum des Lebens geträumt, einander scheinbar verloren, verlassen und wiedergefunden. Doch in Wahrheit war alles ewig und im Jetzt präsent. Sein Herzensraum konnte all das erfassen, aber in seinen Gedanken war Chaos. Seine ganze Lebensauffassung brach mit einem Mal zusammen. Alles, was er bisher immer für wahr gehalten hatte, stellte sich plötzlich in Frage. Er wusste nicht mehr, was Realität und was Einbildung war. Die Erinnerungsbilder und seine starken Erlebnisse während der letzten Tage flossen ineinander.
Er starrte sie sprachlos an. Sie hob sein Leben aus den Angeln, und er war nicht mehr sicher, ob er das wirklich gut fand. Alles, was bisher vertraut gewesen war, stürzte in sich zusammen. „Hab keine Angst.“ Ihre Augen fanden einander und mit einem Mal waren da nur Vertrauen und Liebe. Er wusste, dass alles wahr und trotzdem Illusion war. Sein Leben krachte in sich zusammen, das, was er zu sein dachte, war in diesem Moment gestorben. Doch am Horizont war sein neues Leben schon sichtbar. Er fühlte sich wie neu in seinen Körper hineingeboren, als würde er zum ersten Mal in die Wahrheit erwachen.
Als ich ihn am Strand sah, nach dieser Nacht der Bilder, wusste ich gleich, was passiert war. Ich war ihm so nah gewesen und die Traumbilder waren so real in meinem Innersten, dass ich nicht eine Sekunde lang Zweifel an ihrer Wahrheit hatte. Als er mich ansah, stürzten die Sterne in sich förmlich zusammen, der Urknall im Rückwärtsgang. Einen kurzen Moment lang war der Funke noch fühlbar, mit dem es damals begonnen hatte, der Ausgangspunkt für Äonen von Lebenserfahrungen.
Es tat gut, ihn wiederzufinden und sich gemeinsam zu erinnern, doch es brach mir das Herz zu sehen, wie er sich dabei quälte. Ich wollte ihm so gerne seine Schwere tragen helfen und wusste doch, dass ich es nicht konnte. Er wollte das alles noch erleben und ich hatte kein Recht dazu, ihm die Erfahrungen abzunehmen. Ich konnte einfach nur da sein und ihn dabei unterstützen. Die Zeit hatte ihre Wahrheit verloren, aber ich war kein geduldiger Mensch, wenn ich Leiden erlebte. War es wirklich notwendig, es sich immer so schwer zu machen? Wollten wir durch Schmerzen erwachen? Lernt der Mensch nur durch Leiden? Der Schmerz kann ein Lehrmeister sein, doch ich fühlte, dass es leichter ging. Wir können freiwillig lernen und wachsen, mit der selben Freude wie Kinder, die spielend lernen, wenn sich ihr Körperbewusstsein erinnert, wie Füße einen Schritt machen oder die Lippen Laute bilden.
Alles ist in uns angelegt, wenn wir das Vertrauen haben, es sich entwickeln zu lassen. Aber wir leben in Angst und glauben, alles hänge von uns alleine in der irdischen Realität ab. Dabei vergessen wir oft auf zu Hause, auf den Träumer, die Träumerin, die den Traum träumen und denken, sie seien das alles. Wir erschaffen auf einer anderen als der irdischen Ebene, dort wo wir göttliche Wesen sind, eins mit dem Großen Ganzen. Aber wie sollte ich ihm das sagen, ohne völlig versponnen zu wirken?
Ich kramte meine Sachen zusammen, um mir in Vaters Chaos meinen eigenen Platz zu schaffen und das Haus zu meinem zu machen. Er hatte es mir hinterlassen, aber er war in jedem Winkel noch so präsent und spürbar, als hätte er es nie verlassen. „Hallo, Vater! Ich bin da, ich bin deine Tochter, die dich von Herzen geliebt hat. Danke für alles, was du mich durch dein Dasein gelehrt hast. Und durch dein Nicht-mehr-daSein ebenso.“ Ich holte einen Müllsack und begann, die Sachen zu ordnen, die ich aussortieren wollte. Es hatte sich vieles angesammelt im Laufe dieser Jahre. Der Staub hing in allen Ritzen und die Spinnweben in den Winkeln des Raumes.
Wenn Vater schrieb, vergaß er die Welt um sich herum immer völlig. Das war schon so, als ich noch ein Kind war und er zu Hause arbeitete. Wir konnten ihn manchmal dreimal hintereinander zum Essen rufen, er reagierte mit keinem einzigen Wimpernzucken. Er war in einer anderen Realität und ihn von dort zurückzuholen, war nicht immer einfach. Meine Mutter hatte Probleme, ihn, wenn er schrieb, zu erreichen und litt darunter. Er war häufig da und doch nicht da, nur sein Körper war anwesend, aber er war nicht mehr fühlbar. Wie entrückt und völlig gefangen von den Geschichten, die ihm im Kopf herumgingen. Seine Realitäten waren in anderen Welten, und wenn er Geschichten erzählte, konnte er alle begeistern und in seinen Bann ziehen.
Leider ernährten die Geschichten nicht unsere Familie und Mutter war ungeduldig und überfordert mit Kind, Job und Haushalt. Vater schrieb und sie war zuständig für die Realität auf Erden, die irdischen Dinge wie Kochen, Waschen, Putzen, Bügeln, Kind und Mann versorgen und daneben Geld verdienen. Sie jobbte in dem Lokal um die Ecke und war am Abend meist zu müde, um noch irgend etwas anderes wahrzunehmen, als ihre häuslichen Pflichten. Ihre Vorwürfe wurden lauter, Ruhe und Frieden seltener. Ich verkroch mich, wenn ich das Knistern fühlte, ehe es wieder krachte. Manchmal hatte ich Angst vor der Stille, wenn sie unvermutet nach einem Streit kam. Ich ahnte es schon lange, dass etwas Schweres in der Luft lag. Als Vater uns verlassen hatte, war es für mich nicht überraschend, doch für meine Mutter brach eine Welt zusammen. Sie war seither nie mehr die Alte. Am Abend saß sie manchmal sinnierend vor einem Glas mit Wein. Ich sah sie kaum noch lachen und sie nahm mich nicht wirklich wahr.
Als mein zweiter Vater dann in unser Leben trat, war sie wie ausgewechselt. Sie gingen wieder gemeinsam tanzen, er holte sie mit dem Auto ab und sie lebte endlich das Leben, von dem sie immer geträumt hatte. Aber ich war allein und erschuf mir meine eigene Realität. – Als mein Vater starb, bemerkte ich, wie nah ich ihm gewesen war. Ich war ganz nach ihm geraten. Auch meine Wahrnehmung war nicht ganz von dieser Welt. Ich fühlte mich manchmal wie verloren unter anderen Menschen, so als würde ich hier nicht wirklich hingehören. Doch in der Welt der Geschichten und Träume war ich zu Hause. Ich lebte jenseits der irdischen Realität, und nur selten gelang es jemand, mich dort, wo ich war, zu erreichen und liebevoll dazu einzuladen, ganz auf der Erde zu landen. Es war eine andere Welt jenseits der materiellen Welt, mein wirkliches Zuhause, in dem ich mich geborgen fühlte. Doch ich war oft einsam unter all den Menschen, die rund um mich auf der Erde lebten. Ich wollte gerne landen, doch ich wusste nicht, wie ich das anstellen konnte, ohne mich unsicher und verletzlich zu fühlen.
Gott sei Dank waren mir in den letzten Jahren immer mehr Menschen begegnet, die ich als meine Familie fühlte. Sie würden mich nie bewusst verletzen, sie kamen aus ähnlichen Welten und ihre Herzen strahlten vor Liebe. Es waren die erwachten Seelen, die anderen
