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Benjamin ist am Tiefpunkt seines Lebens, als er den Therapeuten Alexander Senne kennen lernt. Senne versucht, dem jungen Mann zu helfen, doch dann entwickelt sich ihre Beziehung anders als erwartet. Innere Monologe, Traumsequenzen und Rückblenden ziehen sich durch die Geschichte und sorgen dafür, dass der Leser oft mehr weiß als die handelnden Personen.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2019
Anke Schönle
Wie einen seine Mutter tröstet
© 2019 Anke Schönle
Lektorat: Faridah Younès
Umschlaggestaltung: Wendy Phillips
Foto: Julia Theobald
Verlag & Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7482-7814-6
Hardcover:
978-3-7482-7815-3
e-Book:
978-3-7482-7816-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Kapitel 1
Alexander Senne öffnet die Akte, die vor ihm auf dem Schreibtisch liegt. Sie ist mit einem Post-it als „dringend“ markiert. Er überfliegt den Inhalt: 21 Jahre alt; mehrere Vorstrafen wegen Ladendiebstahl; Schlägereien; in Untersuchungshaft, weil er einen Mann mit einem Messer verletzt hat. Soweit nicht ungewöhnlich. Und dann: hat vor sechs Tagen aufgehört zu essen und seitdem mit niemandem gesprochen. Selbstverletzendes Verhalten. Alexander greift zum Telefon und bittet den Beamten, den Häftling bringen zu lassen. Er studiert noch einmal die wenigen Informationen, die er bis jetzt hat. Das Bild, dass sich ergibt, ist widersprüchlich und lückenhaft. Er atmet tief durch. Neue Patienten machen ihn immer nervös. Dieses kleine Flattern, das er insgeheim „Lampenfieber“ nennt, weil es sich anfühlt, als ob er gleich eine Vorstellung geben wird. Was schließlich auch stimmt. Der erste Eindruck ist nicht unabänderlich, aber er ist wichtig. Der Junge will vermutlich nicht mit ihm reden, und es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass er auch nicht reden wird. Der „Junge“ ist 21 und gewaltbereit, ruft Alexander sich in Erinnerung. Er schließt das Fenster und krempelt die Ärmel seines Hemdes ein Stück hoch. Sehr symbolträchtig. Alexander schmunzelt in sich hinein, wird aber ernst, als es klopft. Showtime.
Der Junge sitzt Alexander seit einigen Minuten schweigend gegenüber und hat ihn nicht ein einziges Mal angesehen. Schlank, fast schon zu dünn. Seine langen schwarzen Locken fallen ihm ins Gesicht, und das ist kein Zufall. Die Knöchel seiner rechten Hand sind aufgeschürft. Seine Körpersprache ist extrem abweisend, und er zittert kaum merklich. Sein Blutzuckerspiegel muss bedenklich niedrig sein. Der Junge hungert sich zu Tode. Alexander hasst es, Patienten zwangsernähren zu müssen, aber in manchen Fällen gibt es keine andere Lösung. Der Junge ist nicht mehr sehr weit von diesem Punkt entfernt. Alexander atmet durch. Vorher wird er alles andere versuchen.
„Was ist vor einer Woche passiert?“
Der Junge hebt abrupt den Kopf und starrt Alexander einen Augenblick lang an. Er wirkt verwirrt. Er denkt, ich müsste das wissen. Dass es in seiner Akte steht, was auch immer es ist.
„Benjamin, ich weiß nicht, was passiert ist. Ich weiß nur, was Sie mir erzählen.“
Er hat versucht, herauszufinden, ob Benjamin damit einverstanden ist, dass er ihn beim Vornamen nennt, aber keine Antwort bekommen. Also hat er beschlossen, seiner Intuition zu folgen. Sie sind gerade mal neun Jahre auseinander, allerdings fühlt es sich nach mehr an. Benjamin wirkt jünger als er ist.
Benjamin Godan sieht Alexander an, ohne ihn wirklich zu sehen. Er beißt die Zähne zusammen und schweigt, und dann senkt er den Blick. Und plötzlich erkennt Alexander, was hier gerade passiert: Benjamin kämpft mit den Tränen. Versucht tapfer zu sein, tough, keine Schwäche zu zeigen, diesem Fremden gegenüber, dem er nicht traut. Warum auch. Das ist der kritische Moment. Alexander könnte abwarten, oder er könnte versuchen, ihn zum Reden zu bewegen. Er beugt sich vor.
„Es ist Ihre Entscheidung, Benjamin“, sagt Alexander betont sanft. „Ich würde Ihnen gerne helfen. Aber Sie müssen mich helfen lassen.“
„Ich gehe in den Knast“, presst Benjamin zwischen den Zähnen hervor. „Für gewöhnlich sind die Leute nicht sehr geneigt, mir zu helfen. Warum sollten sie auch.“
„Noch sind Sie nicht verurteilt. Und es ist mein Job, Ihnen zu helfen.“
Benjamin antwortet nicht, aber es ist offensichtlich, dass er mit sich ringt, versucht, eine Entscheidung zu treffen. Als er endlich doch etwas sagt, ist seine Stimme tonlos und so leise, dass Alexander es fast überhört hätte:
„Vor acht Tagen ist meine Mutter gestorben. Sie hatte einen Unfall. Ihr Auto -“
Er schließt die Augen, die Lippen fest zusammengepresst. Er schluckt und zwingt sich, weiterzusprechen:
„Sie war auf dem Weg hierher, um mich zu besuchen. Mein Vater – sie hatten einen Streit, weil er nicht wollte, dass sie herkommt. Er findet, ich hab‘ das nicht verdient. Sie war deswegen aufgewühlt und hat nicht aufgepasst.“
Benjamin sieht Alexander direkt an, und sein Schmerz ist fast greifbar.
„Sie ist tot. Ich hab‘ das einzig Gute verloren, was ich hatte, und es ist meine Schuld.“
Alexander muss einmal tief durchatmen, um seine professionelle Distanz nicht zu verlieren.
„Ich kann Ihnen helfen, damit umzugehen. Ihren Verlust zu verarbeiten.“
Benjamin schüttelt den Kopf.
„Ich brauche keine Therapie.“
Alexander deutet mit dem Kinn auf die Akte, die zwischen ihnen auf dem Tisch liegt.
„Sie benehmen sich nicht gerade wie ein psychisch stabiler Mensch, oder?“
Das hat Benjamin ganz offensichtlich nicht erwartet. Gut. Alexander hat seine Aufmerksamkeit. Er soll nachdenken, reagieren. Alexanders Stimme ist ruhig, aber eindringlich:
„Reden Sie mit mir. Ein paar Sitzungen, bis Sie wieder stabiler sind.“
Lange Zeit passiert gar nichts, zumindest äußerlich nicht. Für Alexander ist es aber offensichtlich, dass es in Benjamin arbeitet. Und dann fällt der Junge eine Entscheidung. Fast unmerklich entspannt er sich, atmet aus.
„Von mir aus.“
Alexander lächelt ihm zu. Na also.
Kapitel 2
Am nächsten Tag redet Benjamin noch immer nicht viel, aber immerhin fängt er wieder an zu essen. Ihre erste reguläre Therapiesitzung verläuft so, wie erste Sitzungen immer verlaufen: Alexander erklärt, wie er arbeitet, versucht, Benjamin nicht zu drängen, macht ihm aber klar, dass er seine Kooperation erwartet.
„Fangen Sie klein an“, sagt er und lächelt in sich hinein. Wie oft hat er diesen Satz schon gesagt?
„Sie müssen mir nicht alles auf einmal erzählen. Aber erzählen Sie mir was. Erzählen Sie mir, wer Sie sind.“
„Steht das nicht in der Akte?“
Alexander lehnt sich zurück.
„Nein, das steht nicht in der Akte. Die Akte besteht aus gesammelten Daten Ihre Person betreffend. Ich möchte wissen, wer Sie sind.“
„Ist das ein Unterschied?“
„Absolut!“
Alexanders Nachdruck scheint Benjamin zu überraschen. Alexander schmunzelt.
„Tut mir leid. Ist ein Steckenpferd von mir.“
Als Benjamin ihn einfach nur ansieht, wird sein Lächeln breiter.
„Sind Sie sicher, dass Sie das alles hören wollen?“
Der Junge wirkt unsicher, aber Alexander beschließt, dass sie genauso gut damit anfangen können wie mit irgendeinem anderen Thema.
„Der Schwerpunkt meiner Forschung war das Thema Selbstbild. Eigentlich ist es das noch immer. Wie jemand sich selbst wahrnimmt im Gegensatz dazu, wie andere ihn wahrnehmen. Oder, um genau zu sein, in Ergänzung dazu. Sind Sie noch bei mir?“
„Ich bin schlauer, als ich aussehe.“
Alexander grinst.
„Ich wollte Ihnen keinen Mangel an Intelligenz unterstellen, höchstens vielleicht mangelndes Interesse. Tut mir leid. Mutmaßungen anzustellen ist unprofessionell.“
„Okay, Sie wollen, dass ich Ihnen etwas erzähle, das nicht in der Akte steht, ich persönlich aber für relevant halte.“
Der Junge kann sich ausdrücken.
„Genau.“
Benjamin atmet tief durch.
„Na ja, dafür müsste ich erst mal wissen, was in der Akte steht, oder?“
Alexander ertappt sich schon wieder bei einem Lächeln. Ohne in die Akte zu sehen sagt er:
„Sohn eines Offiziers im Ruhestand und einer Künstlerin, Lehramtsstudent, ein älterer Bruder bei der Bundeswehr.“
Er macht eine Pause.
„Ihre Mutter ist kürzlich verstorben. Das tut mir sehr leid, Benjamin. Möchten Sie über sie sprechen?“
„War der Plan nicht, dass wir klein anfangen?“
Alexander nickt.
„Okay. Also, was muss ich über Sie wissen?“
Benjamin beißt sich auf die Lippe.
„Also zuerst mal gehe ich nicht wirklich zur Uni.“
Alexander reagiert nicht. Er wartet ab.
„Ich meine, für eine Weile schon, aber dann -“
Er zuckt mit den Schultern.
„Hat es Ihnen gefallen?“
Benjamin blickt auf, überrascht, dass Alexander nicht nach dem Grund fragt. Er nickt und atmet nochmals tief durch.
„Ja. Es war das, was ich immer wollte. Lesen, schreiben, lehren. Literatur, Theater. Hab‘ ich wohl gründlich verbockt.“
„Sie könnten immer noch weiter studieren.“
„Na super. Ich bin sicher, die Eltern meiner zukünftigen Schüler werden begeistert sein, ihre Kinder einem Ex-Knacki zu überlassen.“
Alexander ist jetzt ganz ernst.
„Falls Sie eine Haftstrafe absitzen müssen, werden Sie danach sehr hart arbeiten müssen, um sich das Vertrauen der Menschen zu verdienen. Aber machbar ist es.“
Der Junge setzt sich etwas aufrechter hin.
„Glauben Sie wirklich, die würden mich Lehrer werden lassen?“
„Falsche Frage. Versuchen Sie‘s nochmal.“
Benjamin runzelt die Stirn.
„Will ich es wirklich – so sehr, dass ich bereit bin, darum zu kämpfen? Ist es den Aufwand wert?“
Alexander nickt. Kluges Kerlchen. Benjamins Haltung ändert sich wieder.
„Ich weiß nicht.“
„Ob Sie‘s wollen?“
„Ich weiß nicht, ob ich – ich meine ich hab‘s verkackt. Das war‘s. Ich werde was Anderes finden. Möglichst legal“, fügt er nach einer kleinen Pause hinzu.
Alexander entscheidet, dass es für heute reicht. Er glaubt, dass da noch etwas ist, etwas, das Benjamin ihm nicht sagt, aber er will ihn nicht zu sehr unter Druck setzten.
Im Verlauf der nächsten zwei Wochen sehen sich Benjamin und Alexander jeden zweiten Tag. Benjamin isst größtenteils normal; nur noch selten bemerkt Alexander frische Schürfwunden an Benjamins Fingerknöcheln. Er wirkt stabiler, wenn auch immer noch reserviert. Alexander beschließt, das Thema Studium noch einmal anzusprechen.
„Sie haben gesagt, Sie sind sich nicht, ob Sie zurück an die Uni wollen?“
„Bin ich auch nicht.“
Benjamin sieht zu Boden und spielt mit dem Ärmel seines Pullovers.
„Eigentlich – will ich schon. Ich kann bloß nicht.“
„Was wäre nötig, damit Sie es schaffen?“
Benjamin schließt die Augen und antwortet nicht. Es ist so lange still im Raum, dass Alexander schon nicht mehr mit einer Antwort rechnet. Und dann wird ihm klar, dass Benjamin mit den Tränen kämpft.
„Möchten Sie über etwas Anderes reden?“
„Wie, Sie lassen mich einfach vom Haken?“
Interessant. Er denkt, er müsste unter Druck gesetzt werden. Alexander weigert sich, mitzuspielen.
„Ich lasse es immer noch ruhig angehen.“
Das bringt ihm ein halbes Lächeln ein, aber Benjamin ringt immer noch mit den Tränen.
„Ich kann das nicht“, sagt er nach einer Weile. Seine Schultern sind angespannt. Abwehrhaltung.
„Warum nicht?“
„Es ist armselig.“
„Lassen Sie‘s drauf ankommen.“
Jetzt quellen die Tränen aus Benjamins noch immer geschlossenen Augen hervor. Alexander sagt nichts, lässt ihm Zeit. Benjamin atmet tief durch und öffnet die Augen. Er wischt mit dem Ärmel über sein Gesicht.
„Ich habe immer mit meiner Mutter über mein Studium geredet. Sie hat nach meinen Arbeiten und Prüfungen gefragt, und was ich gerade lese, und sie hat sich immer an alles erinnert. Es – Scheiße.“
Seine Stimme klingt erstickt. Alexander weiß, was gerade passiert. Der Junge zensiert sich. Was er sagen möchte passt nicht zu dem Bild, das er aufrechterhalten will – vielleicht nicht einmal zu seiner Selbstwahrnehmung.
„Es – was?“
„Es fühlt sich verdammt nochmal so an, als ob ich es ohne sie nicht kann, okay? Zufrieden?“
Benjamin hasst ihn gerade, das ist Alexander bewusst. Der Junge fühlt sich, als ob er manipuliert worden ist, etwas zu sagen, was er nicht sagen wollte. Er weint jetzt ganz offen.
„Ich vermisse sie, und das fühlt sich an wie 'ne beschissene Stichverletzung, und ja, ich weiß, wie sich so was anfühlt. Sie ist nicht mehr da, wegen mir, und ich konnte mich nicht mal verabschieden, und das ist auch meine Schuld. Ich hab‘ drauf gewartet, dass mein verschissener, nutzloser, sogenannter Vater mal einen Finger rührt, um mir zu helfen, und, oh Wunder, hat er nicht getan. Welch Überraschung.“
Er atmet ein paar Mal tief durch, peinlich berührt von seinem Ausbruch.
„Ergibt nicht allzu viel Sinn, oder?“
„Ist schon okay. Wir können die Teile später sortieren“, sagt Alexander in dem unbekümmerten Tonfall, der ihm manchmal wie durch ein Wunder genau zum richtigen Zeitpunkt zufliegt.
Benjamin lacht durch seine Tränen hindurch, erleichtert.
„Wie, ich kotze mich aus und wir entwirren es später? So läuft das?“
„Manchmal. Wollen Sie mir sagen, wie Sie sich fühlen?“
„Ernsthaft?“
„Ernsthaft.“
„Okay…ich fühle mich…leichter, schätze ich. Verlegen. Aufgewühlt. Aber ich kriege leichter Luft.“
Alexander mag diesen Jungen. Er ist ein einziger Widerspruch – klug, emotional, eloquent, witzig. Und andererseits kann er aggressiv sein, selbstzerstörerisch, arrogant. Alexander hat diese Seite bisher kaum gesehen, aber sie ist da. Seine Vergangenheit ist gut dokumentiert. Er hat mehrfach Leute zusammengeschlagen, mindestens einmal ein Messer benutzt. Sein Temperament kann von einem Moment auf den anderen mit ihm durchgehen. Warum löst ein junger Mann mit Benjamins Fähigkeiten seine Probleme mit Gewalt? Warum benutzt er seine Fäuste anstelle seiner Intelligenz, schlägt andere blutig und wird selbst zusammengeschlagen? Immer wieder?
Kapitel 3
„Warum fangen wir nicht am Anfang an“, schlägt Alexander vor.
Benjamin seufzt.
„Mit der schweren Kindheit des Delinquenten? Ist das nicht etwas abgedroschen?“
Alexander schmunzelt.
„Vielleicht ein bisschen“, gibt er zu. „Tun Sie mir den Gefallen trotzdem.“
Benjamins Blick wandert durchs Zimmer.
„Ich bin nicht sicher, wo ich anfangen soll.“
„Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an den sehr jungen Benjamin denken?“
„Bücher. Ich habe immer und überall gelesen. Direkt nach dem Aufwachen, auf dem Weg ins Bad, nach dem Frühstück. Meine Mutter musste mir das Buch unter der Nase wegziehen, damit ich rechtzeitig zur Schule kam.“
„Wo war Ihr Vater?“
„Arbeiten. Er hat das Haus früh verlassen und kam spät nach Hause. Ich habe wenig von ihm gesehen.“
„Wie alt waren Sie, als Ihr Vater in den Ruhestand ging?“
Benjamins Schultern spannen sich an. Sein Zögern scheint nicht zu der relativ simplen Frage zu passen.
„15“, sagt er schließlich, und etwas in seiner Stimme hat sich verändert. Irgendetwas ist damals passiert, vielleicht im Zusammenhang mit dem Ruhestand des Vaters, vielleicht auch nur zufällig zur selben Zeit. Alexander wartet ab. Benjamin atmet tief durch.
„Chris fand es super, dass unser Vater mehr zu Hause war. So konnten sie gemeinsam seine Nachfolge regeln.“
Seine Stimme trieft jetzt vor Sarkasmus. Alexander runzelt die Stirn.
„Wie meinen Sie das?“
„Der Herr Oberst ging in den Ruhestand, stellte aber sicher, dass die Familientradition aufrechterhalten wurde.“
„Ihr Bruder war alt genug, um zur Bundeswehr zu gehen.“
„Genau. Damals war ich mir sicher, dass er‘s nur gemacht hat, weil Vater es so geplant hatte. Heute denke ich, er wollte das wirklich. Es scheint ihm zu gefallen.“
„Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Bruder?“
Benjamin seufzt.
„Kompliziert?“
Alexander lächelt.
„Ich sehe ihn kaum. Er ist beim KSK, zurzeit in Afghanistan, glaube ich. Er redet nicht drüber.“
Benjamin schüttelt den Kopf.
„Ist ‘ne andere Welt.“
„Die Welt Ihres Vaters?“
„Ja, genau. Als ob die Beiden eine andere Sprache sprechen als meine Mutter und ich. Ich bin da nie durchgestiegen, und sie wollten mich auch nicht dabeihaben.“
„Was hat Ihre Mutter gemacht, war sie berufstätig?“
Benjamin schluckt, lächelt dann aber tapfer.
„Sie hat Gesang studiert, aber nicht mehr gearbeitet, nachdem sie meinen Vater geheiratet hat. Gesungen hat sie aber immer.“
Sein Lächeln wird weicher.
„Wenn sie uns ins Bett gebracht hat. Und beim Kochen, beim Wäscheaufhängen, beim Autofahren. Eigentlich immer. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, konnte ich sie schon singen hören und wusste sofort, wo sie war.“
Seine Augen sind feucht. Er sieht zu Boden. Alexander nickt.
„Wer spielt sonst noch eine Rolle in Ihrem Leben?“
Benjamin wird ein bisschen rot.
„Na ja, da ist dieses Mädchen. Angie. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, und ich fand sie immer schon toll. Aber irgendwie haben wir‘s nie auf die Reihe gekriegt. Außerdem steht sie mehr auf meinen Bruder.“
Benjamin richtet sich auf.
„Der das natürlich nicht mitkriegt. Idiot.“
„Es war nie etwas zwischen Ihnen?“
„Ein bisschen flirten, und auf einer Party haben wir uns mal geküsst. Da waren wir beide ziemlich betrunken, und danach haben wir so getan, als wäre es nie passiert. Ziemlich verfahren. Sie passt aber sowieso besser zu Chris. Hat tatsächlich selber mal mit dem Gedanken gespielt, zum Bund zu gehen.“
„Sie mögen sie immer noch.“
Benjamin zuckt mit den Schultern.
„Ich schätze, das hab‘ ich auch verbockt. Sie kann sich aussuchen, mit wen sie zusammen sein will. Wird sich wohl kaum für einen Knacki entscheiden.“
„Wer sind Ihre Freunde? Mit wem verbringen Sie Ihre Zeit?“
Benjamin sagt eine ganze Weile nichts.
Der Blick, den Oli ihm zuwirft, als er auf dem Polizeirevier ankommt, spricht Bände. Sein bester Freund hat ihn endgültig aufgegeben. Das ist schlimmer als das Unverständnis und der Schock beim ersten Mal. Die Uniform steht Oli gut. Benjamin weiß, wie er selbst aussehen muss, verschwitzt, blutig, abgerissen; verhaftet bei einer Kneipenschlägerei. Dass Oli einen Kollegen bittet, Benjamins Aussage aufzunehmen, ist wie ein Schlag in die Magengrube. Sie stehen jetzt auf verschiedenen Seiten. Sein ältester Freund will nicht einmal mit ihm in einem Raum sein.
Benjamin reißt sich zusammen.
„Hab‘ ich auch verbockt“, murmelt er dann. „In letzter Zeit war ich wohl hauptsächlich mit den falschen Leuten zusammen“, sagt er und verzieht das Gesicht. „Das ging los, kurz nachdem ich angefangen hatte zu studieren. Meine alten Freunde, mit denen ich zur Schule gegangen bin, haben alle was Anderes gemacht, wir waren in alle Winde zerstreut. An der Uni waren ein paar ganz okay, aber die meiste Zeit bin ich für mich geblieben.“
Er fährt sich durch die Haare.
„Irgendwie war ich dann aber mehr unterwegs, als zu lernen, hab‘ ein bisschen viel getrunken, eins kam zum anderen -“
Benjamin steht in seiner Stammkneipe am Tresen, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürt. Er dreht sich um und erstarrt.
„Lass mich in Ruhe.“
Marks Grinsen wird breiter. Er kommt näher. Benjamin fängt an zu schwitzen, das Hemd klebt ihm am Rücken.
„Ich mein‘s ernst, verschwinde.“
„Und wenn nicht?“
Schneller als er denken kann landet seine Faust mitten in dem widerlichen Grinsen. Das Grinsen verschwindet. Das Nächste, woran Benjamin sich erinnern kann, ist, dass ihn jemand wegzieht.
„Du solltest lieber verschwinden. Kann nicht mehr lange dauern, bis die Bullen hier sind.“
Benjamin versucht, einen klaren Kopf zu bekommen. Der Mann lässt ihn los.
„Komm mit.“
Sie verlassen die Kneipe gemeinsam.
„Du hast ‘nen ganz schönen rechten Haken. Traut man dir gar nicht zu“, sagt der Typ und grinst. Er ist älter als Benjamin, vielleicht Anfang Dreißig.
Benjamin sagt nicht mehr viel in dieser Sitzung, seine Gedanken sind woanders. Abends kann er nicht einschlafen. In seinem Kopf läuft ein Film ab, den er lange nicht gesehen hat.
Kapitel 4
Alexander sitzt am Schreibtisch und dokumentiert seine Sitzung mit Benjamin. Der Gedanke, dass etwas fehlt, lässt ihn nicht los. Etwas Wichtiges. Ein Puzzleteil, oder mehrere, die den Bruch im Leben des Jungen erklären. Er beschließt, ihn nach der Tat zu fragen, wegen der er in Untersuchungshaft ist. Nach Aktenlage eine gefährliche Körperverletzung, die ihm aufgrund seiner Vorstrafen eine mehrjährige Haftstrafe einbringen wird. Er hat dem Opfer, einem 38jährigen Mann, ein Messer in den Oberschenkel gerammt. Für die Tat selbst gibt es keine Zeugen, aber direkt danach kamen zwei Männer hinzu. Sie haben Benjamin am Verlassen des Tatorts gehindert und ihn bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten. Die Abdrücke auf dem Messer stammen ausschließlich von Benjamin. Und trotzdem ist da dieses nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Ist es nur seine Sympathie für den Jungen? Will Alexander einfach keinen Gewalttäter in ihm sehen?
Als Benjamin das nächste Mal auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzt, kommt Alexander direkt zur Sache.
„Erzählen Sie mir von der Tat.“
Benjamin verdreht die Augen.
„Die Akte liegt vor Ihnen.“
„Sie kennen mich. Ich höre es lieber von Ihnen selbst.“
Benjamin verschränkt die Arme.
„Typ kommt mir blöd, Handgemenge, Typ kommt mir zu nahe, Typ hat Messer im Bein. Ende.“
Alexander gibt einen verächtlichen Laut von sich.
„So haben Sie das ausgesagt?“
„Im Prinzip ja, wieso?“
„Weil ich Ihnen das nie im Leben geglaubt hätte.“
Benjamin zuckt mit den Schultern.
„Die Bullen schon. Verzeihung. Die Damen und Herren Beamten.“
Alexander lehnt sich zurück. Die Sache stinkt immer mehr. Benjamin spielt mit dem Ärmel seines Pullovers. Er ist rastlos, versucht aber krampfhaft, ruhig zu wirken. Etwas beschäftigt ihn, ganz nah unter der Oberfläche.
„Ich glaube Ihnen nicht. Ich denke, der Tathergang war ein anderer. Was ich nicht verstehe, ist, warum Sie lügen. Schützen Sie das Opfer?“
Benjamins Fassade bricht zusammen. Treffer. Alexander atmet tief durch. Er beugt sich vor, die Ellbogen auf dem Schreibtisch.
„Benjamin, Sie müssen die Wahrheit aussagen! Wenn irgendetwas der Tat vorausgegangen ist, das Sie entlastet, und Sie es verschweigen, schützen Sie ihn! Er kommt davon und Sie gehen ins Gefängnis. Erklären Sie's mir. Was ist passiert?“
Der Junge ist weiß wie die Wand.
„Ich kann nicht.”
„Ihr Leben hängt davon ab.”
Das bringt Alexander eine Reaktion ein. Benjamin sieht ihn mit hochgezogener Augenbraue an, fast spöttisch.
„Ist das nicht ein bisschen dramatisch?“
„Sie machen sich das Leben so unendlich schwer mit einer Haftstrafe. Die Sie womöglich unschuldig absitzen.“
Alexander hält den Atem an. Er ist sich fast sicher, dass Benjamin eine Entscheidung getroffen hat. Er muss sie nur noch umsetzen. Eine Ewigkeit lang geschieht nichts. Hat der Junge die falsche Entscheidung getroffen?
Und dann beginnt Benjamin zu erzählen:
„Ich war tanzen, alleine. Hab‘ ein bisschen was getrunken. Der Wichser hat mich angegraben. Ich hab‘ ihm gesagt, dass er nicht mein Typ ist. Ich dachte er hätte es kapiert, hatte er aber nicht. Als ich aus dem Club raus bin, muss er mir gefolgt sein, jedenfalls hatte ich ihn plötzlich am Hals. Im wahrsten Sinn des Wortes.“
Benjamin presst die Lippen zusammen.
