Wie ich meinem Kind zu einem starken Selbstwertgefühl verhelfe - Heinz-Peter Röhr - E-Book

Wie ich meinem Kind zu einem starken Selbstwertgefühl verhelfe E-Book

Heinz-Peter Röhr

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Beschreibung

Nur wenn Kinder ein starkes Selbstwertgefühl haben, können sie sich gut entwickeln. Störungen der Selbstwertentwicklung haben dagegen oft psychische Probleme und Verhaltensauffälligkeiten zur Folge. Viele Eltern möchten daher die Selbstwertentwicklung bei ihren Kindern fördern. Dies gelingt jedoch nur, wenn sie selbst ein starkes Selbstwertgefühl besitzen. Und wenn sie verstehen, was das Selbstwertgefühl ihrer Kinder untergräbt. Anschaulich zeigt Heinz-Peter Röhr, wie Eltern negative innere Programme bei ihren Kindern erkennen und hilfreich damit umgehen können. Auf diese Weise ist es ihnen möglich, das Selbstwertgefühl ihrer Kinder so zu stärken, dass sie dem Leben gewachsen sein werden.

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Heinz-Peter Röhr

Wie ich meinem Kind zu einem starken Selbstwertgefühl verhelfe

Patmos Verlag

Inhalt

Einleitung: Das Selbstwertgefühl gehört zum Wichtigsten überhaupt

Falsche Annahmen zum Selbstwertgefühl

Die Entwicklung des Selbstwertgefühls

Die Gene spielen eine wichtige Rolle

Die Bedeutung innerer Programme

Die Fragen des Lebens

Negative Programme schaden dem Selbstwertgefühl

Das geheime Programm Ich bin nicht willkommen

Das geheime Programm Ich genüge nicht

Das geheime Programm Ich bin zu kurz gekommen

Weitere typische negative geheime Programme

Ein Plädoyer für die Selbstliebe

Selbstwertanalyse – Eltern werden »hellsichtig«

Die Fragen des Lebens in der Selbstwertanalyse

Fallgeschichten

Grundsätzliches zu geheimen Programmen

Wie man neue Programme verankert

Schwierige Eltern-Kind-Beziehungen

Narzisstischer Missbrauch

Das Kind als Partnerersatz

Das Kind in der Symbiose

Verwöhnung

Wenn ein Elternteil fehlt

Kinder erfolgreicher Eltern

Die Angst der Eltern in der Leistungsgesellschaft

Die Sorgen der Helikopter-Eltern

Was Helikopter-Eltern tun können

Die Entwicklung eines unabhängigen Selbstwertgefühls

Der Umgang mit Lob

Der Umgang mit Kritik

Der Umgang mit Verantwortung

Die Pubertät und das Selbstwertgefühl

Kinder in die Unabhängigkeit entlassen

Lieben, ohne festzuhalten

Wenn »Kinder« sich nicht lösen wollen

Die Sinnfrage

Ein Blick auf die Kinder dieser Welt

Anhang

Psychoedukation in der Schule – zusammenfassende Hinweise für Lehrerinnen und Lehrer

Material für Eltern – Geschichten für Kinder

Abhängigkeit von Computer- und Onlinespielen bei Kindern und Jugendlichen

Adoptierte Kinder

Anmerkungen

Literatur

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Wenn wir wahren Frieden in der Welt

erfahren wollen, müssen wir bei den

Kindern anfragen.

Mahatma Gandhi 1869–1948

Einleitung: Das Selbstwertgefühl gehört zum Wichtigsten überhaupt

Wie werden Kinder zu dem, was sie wirklich sind? Wie kommt es, dass manches Kind nicht so ausgeglichen in sich ruht, wie Eltern oder Erzieher sich dies wünschen oder erwarten? Viele Eltern suchen nach Orientierung und haben jede Unterstützung verdient. Der Elternjob ist so ziemlich der härteste überhaupt, gehört jedoch gleichzeitig auch zum Schönsten, was das Leben zu bieten hat.

Zum Wichtigsten, was man einem Kind mitgeben kann, gehört ein echtes, starkes Selbstwertgefühl. Die körperliche und seelische Gesundheit steht hiermit in unmittelbarem Zusammenhang. Für viel mehr, als man glauben mag, ist ein gesundes Selbstwertgefühl die Basis. Es bestimmt über Erfolg oder Misserfolg, beeinflusst maßgeblich Glück oder Unglück. Wie ein Mensch sich in seiner Haut fühlt, wie er sich in der Gesellschaft anderer bewegt, wie er sein Leben gestaltet, basiert nicht zuletzt auf seinem Wertgefühl. Auch, wie glücklich er in Beziehungen werden kann, wie sehr er sich selbst akzeptieren und lieben kann, wie sehr er andere lieben und wie er geschenkte Liebe integrieren kann, ob er Erfolg genießen kann, wie er Kritik verarbeitet, insgesamt, wie seine Grundstimmung organisiert ist, all dies wird von seinem Selbstwert­gefühl bestimmt.

Für nahezu alle psychischen Probleme und Krankheiten, die keine biologischen oder organischen Hintergründe haben, ist ein gestörtes Selbstwertgefühl die eigentliche Ursache. Auch Verhaltens­störungen machen auf einen Mangel aufmerksam, der mit einem gestörten Selbstwertgefühl einhergeht.

Wir alle leben im Zeitalter des »Raubtierkapitalismus«. Von der sozialen Marktwirtschaft, wenn es sie denn in einigen Ansätzen gegeben hat, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Ein weltweiter gnadenloser Verdrängungswettbewerb lässt immer mehr Menschen in Armut und Elend zurück. Oft herrscht das Recht des Stärkeren vor, und nahezu jeder, der nicht Schritt halten kann, fühlt sich klein, schwach und minderwertig. So scheint es immer schwieriger zu werden »mitzuhalten«, und die Sorge vieler Eltern, dass ihr Kind den immer weiter steigenden Ansprüchen und Anforderungen nicht gerecht werden könnte, wächst stetig. So nimmt der emotionale Stress der Eltern zu und leider auch der ihrer Kinder. Der wachsende Konkurrenzdruck ist ein Nährboden für Fehler. Nicht alle gut gemeinten Maßnahmen fördern das Selbstwertgefühl, sondern bewirken eventuell das Gegenteil. Eine zentrale Frage lautet: Wie kann man gelassen bleiben und sich auf das Wesentliche konzentrieren?

In meinem Buch Die Kunst, sich wertzuschätzen habe ich die »Selbstwertanalyse«, eine von mir entwickelte Methode, beschrieben, die auch in diesem Buch zur Anwendung kommen wird. Mit ihrer Hilfe lässt sich verstehen, wie das Selbstwertgefühl funktioniert und wie es im Alltag wirkt. Die Anwendung ist leicht verständlich und die Veränderungsvorschläge können grundsätzlich von jedem genutzt werden.

Menschen tun unendlich viel dafür, ihr eigenes, aber auch das Selbstwertgefühl ihrer Kinder oder ihres Kindes zu stärken. Dabei unterlaufen viel zu oft gravierende Fehler. Sie vermeiden zu helfen, ist das Anliegen dieses Buches.

Wenn das Auto defekt ist, kann ich es in die Werkstatt geben und es reicht, wenn der Mechaniker weiß, wie es zu reparieren ist. Für die Psyche gilt eine andere Regel: Betroffene müssen selbst Expertin bzw. Experte werden, da nur sie selbst eine wirksame Korrektur vornehmen können. Bestenfalls kann ihnen der Weg gezeigt werden, den sie gehen können. Letztlich hat nur das eine Wirkung, was man selbst tut. Das Selbstwertgefühl funktioniert nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die jeder verstehen kann. Es ist kein Buch mit sieben Siegeln, sondern organisiert sich nach logischen Regeln.

Das Selbstwertgefühl eines Kindes oder eines Heranwachsenden korrespondiert viel stärker mit dem seiner Eltern, als man glauben mag. Eltern sind die wichtigsten Bezugspersonen für ein Kind. Sie vermitteln nicht nur Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten, sondern auch Haltungen und Einstellungen. Vieles, was in der Psyche der Eltern liegt, wandert hinüber in die Seele ihres Kindes; oft geschieht dies unbewusst. Die sinnvollste Herangehensweise ist daher, beides in den Focus zu nehmen: das Selbstwertgefühl der Eltern und das des Kindes – dies ist der besondere Ansatz dieses Buches.

Im ersten Teil wird beschrieben, wie sich das Selbstwertgefühl entwickelt und wie es sinnvoll zu fördern ist. Mit Hilfe der Selbstwertanalyse kann es Eltern gelingen, ein tieferes Verständnis für die Psyche ihres Kindes zu gewinnen.

Im zweiten Teil werden typische, schwierige Beziehungen zwischen Eltern und Kind behandelt und der Frage nachgegangen: Welche Auswirkungen haben diese auf das Selbstwertgefühl und wie kann hier geholfen werden?

Im dritten Teil geht es um ein unabhängiges Selbstwertgefühl und wie man Kinder in die Unabhängigkeit entlässt.

Im Anhang finden sich Vorschläge, wie das Wissen um das Selbstwertgefühl in der Schule vermittelt werden kann. Des Weiteren folgen Geschichten für Kinder zum Selbstwertgefühl.

Für wen ist dieses Buch? In erster Linie für alle, die mit Kindern zusammenleben: Eltern, Großeltern, Lehrer, Erzieherinnen sowie für Kinder- und Jugendlichentherapeuten und alle, die mit Kindern zu tun haben.

Ein besonders liebevoller Dank gilt meiner Frau Annemie, die das Manuskript überarbeitete und mich mit ihren kritischen Anmerkungen und zahlreichen Ideen wesentlich unterstützte.

Bad Fredeburg, im Juni 2017

Heinz-Peter Röhr

Falsche Annahmen zum Selbstwertgefühl

Zunächst einige Überzeugungen, die falsch, aber in unserer Gesellschaft tief verwurzelt sind.

Falsche Annahme Nr. 1: Wer reich ist, hat auch ein gutes Selbstwertgefühl

Viel Geld zu besitzen wird häufig mit Glück und Selbstbewusstsein gleichgesetzt. Selbstverständlich können auch reiche Menschen über ein gutes Selbstwertgefühl verfügen, jedoch fühlen so längst nicht alle. Die psychische Not in der Oberschicht ist genauso groß wie in der Unterschicht. Der Missbrauch von Psychopharmaka ist sogar größer. Wer Menschen beobachtet, die ständig shoppen (müssen), erkennt leicht, dass damit innere Leere und Langeweile kompensiert werden sollen. Was das Selbstwertgefühl betrifft, gelten für alle, für Arm und Reich, die gleichen Regeln. Nicht selten ist Reichtum ein Verhängnis mit großen Nachteilen. Besonders oft leiden menschliche Beziehungen unter der Prämisse, dass Geld den höchsten Stellenwert einnimmt. Dabei haben gerade positive menschliche Beziehungen den größten Einfluss auf Lebensglück und Zufriedenheit. Der Glaube, dass Kinder unweigerlich dann glücklich werden, wenn sie auf einer starken materiellen Basis aufwachsen, ist schlicht falsch. Erwachsene Kinder von Superreichen, die sich in Vergnügungszentren wie Marbella, Kitzbühel, Ibiza usw. exzessiv und arrogant ausleben, sind häufig psychisch krank.

Selbstverständlich kann umgekehrt Armut das Selbstwertgefühl sehr beeinflussen und mindern. Beispielsweise führt es in eine große Stress­situation, wenn man seinen Lebensunterhalt kaum bestreiten kann und erlebt, dass die meisten anderen mehr Geld zur Verfügung haben.

Falsche Annahme Nr. 2: Wer erfolgreich ist, hat ein starkes Selbstwertgefühl

Selbstverständlich verfügen viele erfolgreiche Menschen auch über ein stabiles Selbstwertgefühl. Das Streben nach Erfolg gilt in der Leistungsgesellschaft vielen als das Nonplusultra. Hier wird suggeriert: Wer Erfolg hat, ist besonders intelligent, fähig und stark, er bekommt Anerkennung und verdient somit auch ein starkes Selbstwertgefühl. Viele streben nach Lob, Anerkennung und Geltung, weil sie hoffen, so besser dazustehen, wichtig und mehr wert zu sein. Wie sich jedoch zeigen wird, sind diese Versuche leider vergeblich, eventuell sogar schädlich. Viele sehr erfolgreiche Menschen scheitern an dem Problem, dass sie nie genug bekommen bzw. dass die Anerkennung nie reicht. Dazu gehören Stars und Sternchen, aber auch Manager großer Unternehmen, Politikerinnen und hochgestellte Wissenschaftler.

Wer viel leistet, verfügt nicht unweigerlich über ein gutes Selbstwertgefühl. In der Leistungsgesellschaft wird lediglich suggeriert, dass alle, die viel arbeiten, sich gut, wichtig und wertvoll fühlen dürfen. Viele beuten sich selbst aus, ohne dass dadurch das Selbstwertgefühl besser würde, oft im Gegenteil.

Falsche Annahme Nr. 3: Wer intelligent ist, hat ein starkes Selbstwertgefühl

Eine meiner Patientinnen war mit 27 Jahren bereits Dozentin an einer ausländischen Eliteuniversität. Ihre Intelligenz war überragend, ihr Selbstwertgefühl zutiefst gestört. Ständig litt sie unter Selbstzweifeln; das Gefühl, nie gut genug zu sein, zermürbte sie.

Intelligenten Menschen wird in der Regel mehr Lob und Anerkennung zuteil. Und sicherlich haben viele von ihnen ein stabiles Selbstwertgefühl, aber, das ist nicht unweigerlich so.

Falsche Annahme Nr. 4: Wer schön ist, hat ein starkes Selbstwertgefühl

Mit Kosmetika werden jährlich Milliarden umgesetzt, und unzählige Menschen, vor allem Frauen, verbringen täglich mehrere Stunden mit Schminken und Stylen. Der Irrglaube, dass mit äußerer Schönheit ein labiles Selbstwertgefühl dauerhaft verbessert werden kann, ist weit verbreitet. Klassisches Beispiel sind Models in der Modebranche, deren Leben sich nahezu ausschließlich um den eigenen Körper und Schönheit dreht. Dennoch sind viele von ihnen psychisch krank. Sie leben in dem Wahn, nie schön genug zu sein. Ihre Selbstzweifel sind extrem, obwohl sie nach gängigen Schönheitsidealen »oben« stehen. Ihr Gefühl für den eigenen Wert ist tief gestört.

Tatsache ist, dass hübschere Kinder mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit erhalten, sogar in Schulen mitunter besser bewertet werden. Aber auch ein Mehr an Zuwendung erzeugt nicht automatisch ein stärkeres Selbstwertgefühl.

Falsche Annahme Nr. 5: Wer mächtig ist, hat ein gutes Selbstwertgefühl

Hinter dem Streben nach Macht steckt oft der (unbewusste) Wunsch, sein eigentlich schwaches Selbstwertgefühl zu stärken. Gerade Menschen mit einer narzisstischen Störung streben in Positionen, wo sie über andere herrschen und bestimmen können. Dies trifft zunehmend auf Politiker, Managerinnen und Funktionäre zu, sehr zum Nachteil von Beschäftigten bzw. der Bevölkerung.

Narzissmus bedeutet »Selbstliebe«. Wenn von Narzissmus die Rede ist, dann ist nahezu immer der pathologische, der krankhafte Narzissmus gemeint. Die Betroffenen leiden unter einem Mangel an echter Selbstliebe, und ihre übertriebene Geltungssucht soll dies kompensieren.

Schon bei kleinen Kindern ist zu beobachten, dass sie Macht über andere gewinnen wollen. Mobbing beginnt bereits im Kindergarten. Die wahren Ursachen hierfür liegen, wie sich zeigen wird, in Selbstwert­störungen.

Selbstverständlich gilt auch hier, dass nicht alle Menschen, die Macht haben, über ein schlechtes Selbstwertgefühl verfügen. Macht an sich ist ja nicht grundsätzlich schlecht, sie ist immer dann sinnvoll eingesetzt, wenn sie einer guten Sache dient, wenn es nicht um das Image des Amtsträgers, sondern um seine Aufgabe geht.

Wie diese fünf falschen Annahmen zeigen, glauben viele Menschen, das Selbstwertgefühl lasse sich durch Leistung oder besondere Auszeichnungen verbessern. Das ist jedoch eine Illusion.

Die stärkste Wirkung auf das Selbstwertgefühl, ob positiv oder negativ, hat das Vorbild. Kinder haben feine Antennen dafür, was Eltern spüren, welche Einstellungen sie vertreten, also auch solche, die sie nicht ­direkt äußern, die sie in Gesten und Haltungen ausdrücken. Das Selbstbewusstsein der Eltern ist ein wichtiger Faktor im Zusammenleben mit dem Kind, wobei »selbstbewusst« hier wörtlich zu verstehen ist. Bin ich mir meiner selbst bewusst? Weiß ich, wer und wie ich bin? Kenne ich meine Stärken und Schwächen? Bin ich ehrlich, authentisch? Bin ich mit mir selbst zufrieden?

Wer seinem Kind zu einem starken Selbstwertgefühl verhelfen will, sollte vor allem an der eigenen Zufriedenheit arbeiten. Denn Kinder übernehmen unbewusst die Haltungen und Einstellungen ihrer Eltern.

Die Entwicklung des Selbstwertgefühls

Wer Kinder hat, sollte wissen, wie sich das Selbstwertgefühl entwickelt und in welcher Lebensphase Kinder besonders sensibel sind. Fehler, die z. B. während der frühen Kindheit gemacht werden, lassen sich später nicht so leicht korrigieren.

Das Selbstwertgefühl entwickelt sich maßgeblich während der ­ersten sechs Lebensjahre.

Hierüber besteht in der Forschung nahezu Einigkeit. Frühe Erfahrungen haben prägenden Charakter. Dies gilt es bei allen weiteren Überlegungen zu berücksichtigen.

Die Gene spielen eine wichtige Rolle

Die Bedeutung genetischer Strukturen, auch für das Selbstwertgefühl, wird oft unterschätzt. Neuere Forschungen an eineiigen Zwillingen, die in unterschiedlichen sozialen Umgebungen aufwuchsen, zeigen hohe Übereinstimmungen. Allerdings ist mittlerweile bekannt, dass entscheidend ist, welche Gene durch die soziale Realität aktiviert werden. Durch Erziehung kann sich die Genstruktur verändern, im späteren Leben z. B. auch durch Psychotherapie oder Meditation. Das Gehirn ist bis ins hohe Alter plastisch und lernfähig.

In diesem Buch geht es immer um Dinge, die sich ändern lassen. Es gilt, einen günstigen »Nährboden« für eine positive Genstruktur zu schaffen.

Die Bedeutung innerer Programme

Das Selbstwertgefühl wird von inneren Programmen gesteuert, von Glaubenssätzen, die früh gebildet und gelernt wurden. Die inneren Einstellungen können positiv sein, z. B.: Ich lerne leicht. Ich habe immer Glück. Ich kann mich gut konzentrieren. Viele Menschen mögen mich. Ich habe fast immer gute Laune. Ich bin ein wertvoller Mensch …

Oder negativ, z. B.: Ich habe es schwer. Lernen liegt mir nicht. Ich bin immer der/die Letzte. Immer werde ich beschuldigt. Keiner mag mich. Die anderen haben es leichter …

Wer sich mit dem eigenen Selbstwertgefühl und mit dem seines Kindes auseinandersetzen will, sollte sich mit diesen tief verankerten Glaubenssätzen beschäftigen. In der psychologischen Fachsprache heißen sie »Kognitionen«. Sie steuern unser Denken und somit auch unsere Gefühle und unser Verhalten. Der Mensch ist zwar kein Computer, dennoch wird letztlich jeder von inneren Programmen gesteuert. Wie auf einer Festplatte werden sie früh gespeichert und fest verankert. Ich spreche hier von geheimen Programmen, die das Selbstwertgefühl steuern. Nicht Erfolg, Lottoglück, eine perfekte Ausbildung, das Ansehen der Herkunftsfamilie oder eine große Erbschaft sind für das Selbstwert­gefühl wichtig, sondern die eigenen inneren Programmierungen.

Die Frage ist also, wie sich die inneren Programme entwickeln und wie man sie verändern kann. Sinnvoll ist, das Problem von den Wurzeln her zu verstehen.

Menschen sind viel mehr in ihren Denkmustern gefangen, als ihnen selbst bewusst ist. Schon Buddha formulierte vor 2500 Jahren: Der Mensch ist das, was er denkt. Jeder lebt in seinem »Glaubenssystem«, von dem er zu wissen meint, dass es richtig sei. Derzeit beunruhigt ganze Staaten wie kaum etwas anderes, was wohl im Innern von islamistischen Selbstmordattentätern vorgeht. Viele unschuldige Kinder, Frauen und Männer müssen sterben, weil diese selbsternannten »Gotteskrieger« glauben, sich als Selbstmordattentäter einen Platz im Himmel zu sichern. Das, was Menschen glauben, ist die bestimmende Kraft in ihrem Leben.

Wie umfassend richtig und bedeutend Buddhas Satz ist, kann nicht überschätzt werden. Das Denken kann Menschen krank- oder auch gesundmachen. Es beeinflusst uns zutiefst und wirkt bis in die letzte körperliche Zelle hinein. Dies konnte mit Hilfe eines psychologischen Experiments eindrücklich bewiesen werden: Personen wurden in eine Umgebung geschickt, die ihrer Jugendzeit entsprach. Die Möbel, die Kleidung, die Musik, alles entsprach in etwa dieser vergangenen Zeit. Man stellte fest, dass sich die Versuchspersonen nicht nur jünger fühlten, sondern auch, dass sich verschiedene körperliche Alterungsprozesse zurückentwickelten.

Jeder lebt in seiner eigenen Gedankenwelt, die seine Realität ausmacht. Diese erscheint jedoch nur auf den ersten Blick unverrückbar. Durch Erkenntnisse lassen sich Einstellungen und Denkmuster ver­ändern.

Wer sich mit dem eigenen Selbstwertgefühl und mit dem seines Kindes beschäftigen will, kommt an der Auseinandersetzung mit inneren Programmierungen nicht vorbei. Veränderung ist immer nur möglich, wenn sich am »Glaubenssystem« etwas ändert, also wenn schädliche »geheime Programme« durch bessere ersetzt werden.

Die Fragen des Lebens

Wenn ein Kind geboren wird, stellen sich von selbst drei zentrale Fragen, die für das Selbstwertgefühl von entscheidender Bedeutung sind. Diese Fragen beschäftigen uns alle lebenslang in unserer menschlichen Existenz, ohne dass sie uns immer bewusst wären, es geht dabei um die Ur­bedürfnisse des Menschen. Auch unbewusst sucht jeder danach, auf diese Fragen eine positive Antwort zu erhalten. Viele emotionale Probleme lassen sich auf Schwierigkeiten bei der Beantwortung dieser Fragen zurückführen. Sie lauten:

1. Bin ich willkommen?

2. Genüge ich?

3. Bekomme ich genügend Liebe und Zuwendung?

Im Folgenden werden diese Fragen ausführlich behandelt. Wer alle drei mit einem ehrlichen Ja beantworten kann, verfügt in aller Regel über eine stabile Grundlage für sein Selbstwertgefühl. Er kann sich überaus glücklich schätzen, da er offensichtlich mit wesentlichen Dingen versorgt wurde.

Wie kann sich eine stabile Grundlage für das Selbstwertgefühl bilden, oder: Wodurch kann die Basis gestört werden? Schließlich geht es auch darum, wie effektiv Eltern und Kinder an einem gestörten Selbstwert­gefühl arbeiten können, wie es korrigiert werden kann. Es macht Sinn, nicht nur die kindliche Entwicklung im Auge zu haben, sondern auch die Folgen, die negative innere Programmierungen mit sich bringen, zumal sie sich nur allzu oft wie ein roter Faden durchs Leben ziehen. Die Bedeutung früher Prägungen wird oft unterschätzt. Wer sein eigenes Selbstwertgefühl unter den hier beschriebenen Bedingungen analysiert, wird dies bei sich selbst beobachten können.

Die erste Frage lautet: Bin ich willkommen?

Bin ich willkommen? ist die wichtigste Frage überhaupt! Jeder Mensch möchte sich willkommen fühlen. Von höchster Bedeutung ist sie für Neugeborene und Babys.

Die Entwicklung des Selbstwertgefühls beginnt bereits im Mutterleib, darauf weisen viele Untersuchungen hin. Schocks und traumatische Ereignisse, die Mütter während der Schwangerschaft erleben müssen, haben oft Auswirkungen auf die seelische Entwicklung des Kindes. Schon hier stellt sich die Frage: Bin ich willkommen?

Der erste Schock, den jeder Mensch erlebt, ist der Verlust der Geborgenheit im Mutterleib. Die normale Geburt durch den engen Geburts­kanal bedeutet für das Kind extremen Stress, der darin mündet, dass plötzlich alles sehr hell ist. Das grelle Licht der Scheinwerfer, die unvermittelte Kälte auf der Haut, die lauten Geräusche, all das wirkt extrem auf den Säugling ein. Alles geht plötzlich so schnell; es gibt einen Klaps auf den Po, damit das Neugeborene schnell selbstständig atmet; im Vergleich zur geborgenen Enge im Mutterleib ist alles so grenzenlos. Angst und Panik sind die ersten Gefühle nach der Geburt. Beruhigend wirkt erst der vertraute Herzschlag der Mutter, wenn der Säugling auf ihre Brust gelegt wird.

Entscheidend ist, wie es nun weitergeht: Wie willkommen ist jetzt das Baby? Wie wird es versorgt, berührt, gestreichelt, gehalten und liebkost? Die Bindung an die Mutter ist von größter Bedeutung. Das bekannte Urvertrauen kann sich nur so in der Seele des Kindes verankern. Die ersten Lernprozesse führen über die Haut. Der berühmte Lerntheoretiker Piaget nannte diese Form des Lernens sensumotorisch. Gestreicheltwerden wird normalerweise als angenehm erlebt. Wer diese elementaren Erfahrungen als Säugling nicht erleben durfte, hat möglicherweise Schwierigkeiten mit Hautkontakt, was in Liebesbeziehungen zu Komplikationen führen muss. Es gibt sie, die Unberührbaren, die Nähe und liebevollen Hautkontakt nicht ertragen können. Wenn die Mutter-Kind-Beziehung schwer gestört ist, kann dies schon bei Kindern zu entsprechendem Verhalten führen. Zwangsläufig muss dies später in engen Beziehungen zu großen Problemen führen. Die Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung ist zwar groß, aber ohne dass man sie irgendwie erreichen könnte.

Der englische Kinderarzt Winnicott hat ein wunderbares Bild für die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind gefunden, als er formulierte: Der Glanz in den Augen der Mutter … Ihre Freude über das Kind, ihre tiefe Liebe kann so in der Seele Platz nehmen. So wird das Selbstwertgefühl förmlich grundgelegt. Hier ist die Basis dafür, dass sich ein Mensch willkommen fühlt. Dies ist ganz anders, wenn es nicht möglich ist, die elterliche Liebe zu integrieren. Viele Menschen leben mit dem Grundgefühl, nicht willkommen zu sein. Während meiner therapeu­tischen Arbeit sind mir immer wieder Menschen begegnet, die in ständigem Misstrauen leben mussten. Auch wenn ihr Gegenüber sie wirklich mochte und dies deutlich zum Ausdruck brachte, waren sie unfähig, daran zu glauben. Tief in ihrem Inneren blieben Zweifel und Ängste, ob sie wirklich willkommen waren. Manche benötigten immer wieder die Bestätigung, dass sie tatsächlich geliebt wurden.

Die Wurzeln zur Entwicklung des Selbstwertgefühls werden bereits im Mutterleib grundgelegt: Wie steht die Mutter zu dem, was sich in ihrem Körper bildet? Spürt sie Freude, Glück, Schrecken, Angst oder Ablehnung? Unweigerlich wird die innere Haltung der werdenden Mutter Einfluss auf die Seele des Kindes haben.

Säuglinge brauchen, wie bereits gesagt, Hautkontakt und liebevolles Streicheln, sie lernen zunächst über die Haut. Auch die Sprache, die Satzmelodie, ist von entscheidender Bedeutung, eine Sprache, die liebevolle Hinwendung beinhaltet. Das kleine Wesen bekommt alle Stimmungen und Gemütszustände der nahen Bezugsperson mit. Intuitiv nimmt es wahr, mit welcher Haltung sein Gegenüber ihm begegnet. Reagiert die Mutter beispielsweise überfordert, erzeugt dies Angst und entsprechende Reaktionen wie z. B. Schreien, was die Überforderung der Mutter wiederum weiter verstärkt. Vorteilhaft ist, wenn jemand die Mutter entlasten kann, beispielsweise, wenn diese unter Schlafmangel leidet.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist es schädlich, Kinder zu früh in eine Kita zu geben. Zumindest während des ersten Lebensjahres sollte eine stabile Bezugsperson für das Baby zur Verfügung stehen. So wird das Grundgefühl, willkommen zu sein auf dieser Welt, mit allen Fasern seines Daseins spürbar, es wird zur Gewissheit. Sicherheit und Urvertrauen entstehen, im Gegensatz zu Angst und Unsicherheit.

Zeig deinem Kind immer wieder, dass es willkommen ist!

Die Bindung zwischen Mutter und Kind und etwas später die zwischen Vater und Kind sind die wichtigsten Elemente für die seelische Entwicklung. Wer seinem Kind ein starkes Selbstwertgefühl vermitteln will, sollte dafür sorgen, dass es sich willkommen fühlt. Ein Kind will von beiden Elternteilen hören, dass sie es lieben und dass seine Existenz zum Wichtigsten in ihrem Leben gehört. Väter oder Mütter, die sich nicht um ihr Kind kümmern oder es nicht vorbehaltlos annehmen können, bahnen, ohne es zu wollen, in aller Regel eine unheilvolle Spur, was später nur mit Mühe korrigiert werden kann.

Du bist willkommen, so wie du bist, mit all deinen Vorzügen und Schwierigkeiten!

Die zweite Frage lautet: Genüge ich?

Die zweite Frage ist für die Entwicklung des Selbstwertgefühls ähnlich bedeutend wie die vorhergehende. Wieder ist es sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass die frühe Entwicklung besonders bedeutsam ist, denn wie bereits erwähnt, wird in den ersten sechs Lebensjahren das Fundament für die Entwicklung des Selbstwertgefühls grundgelegt.

Den Erwartungen der Eltern zu genügen, ihre Anerkennung zu erhalten, ist ein Urbedürfnis jedes Kindes, folglich wird es alles dafür tun, seinen Eltern zu gefallen.

Kinder, die ihren Eltern genügen, haben viel eher die Möglichkeit, unbeschwert aufzuwachsen. Dies bedeutet nicht, dass Eltern nicht auch Forderungen stellen dürfen, ihr Kind eventuell auch anspornen können. Für das Selbstwertgefühl ist aber diese grundsätzliche Haltung von größter Bedeutung: Ich liebe dich, so wie du bist, du genügst mir immer. Auch wenn du Fehler machst, auch wenn es eine schlechte Note gibt, auch wenn du ein Ziel nicht erreichst, bleibt meine grundsätzliche Haltung: Du genügst immer, ich glaube an dich, es reicht, wenn du dich bemühst. Ein Kind kann nur gut sein, wenn es glauben kann, dass es gut ist. Ein Kind wird dann böse, wenn es nicht daran glaubt, dass es gut ist.

Aus Du genügst mir wird für das Kind Ich genüge mir. Der eigene Glaube zählt, er liefert die wichtigste Energie zur Entwicklung des Selbstwertgefühls. Ganz entscheidend ist also, dass die Eltern es schaffen, diesen Glauben, diese Überzeugung zu vermitteln, und dass es dem Kind gelingt, diese zu integrieren.

Die dritte Frage lautet: Bekomme ich genügend Liebe und Zuwendung?

Die dritte Frage, die für das Selbstwertgefühl von zentraler Bedeutung ist, hängt eng mit den ersten beiden zusammen.

Ein Kind, das nicht willkommen war, trägt immer einen »Mangel« in sich. Und wer seinen Eltern nicht genügen konnte, musste auch das Gefühl entwickeln, zu wenig Wärme und Zuwendung zu bekommen. Es gibt jedoch auch Kinder, die grundsätzlich willkommen sind, ihren Eltern genügen, aber allein gelassen werden. Die Eltern haben keine Zeit für sie, da sie selbst z. B. unter einer extremen Arbeitsbelastung leiden oder sonst wie nicht zur Verfügung stehen.

Es geht um die innere Gewissheit, dass die Eltern da sind, wenn sie gebraucht werden.

Wird das Kind satt, satt in Bezug auf elterliche Liebe? Verwöhnung beispielsweise macht nicht satt, sondern immer hungriger – es reicht nie! Die Qualität der Liebe spielt eine entscheidende Rolle.

Es kann sein, dass eine alleinerziehende, berufstätige Mutter ihrem Kind das unbedingte Gefühl vermittelt, dass es geliebt ist, auch dann, wenn sie nicht anwesend ist. Später werden diese Erwachsenen sagen: Meine Mutter musste sehr viel arbeiten, aber ich habe mich immer geliebt gefühlt. Wird jedoch die Arbeit zum zentralen Lebensinhalt und das Kind öfter »vergessen«, entsteht genau das Gegenteil: Immer war die Arbeit wichtiger als ich. Auch eine gelangweilte Mutter oder ein unzufriedener Vater wird weniger das Gefühl vermitteln können, dass sie bzw. er das Kind liebt. Dies gelingt zufriedenen und ausgeglichenen Eltern viel eher.

Die natürlichen Bedingungen für eine gute Entwicklung finden Kinder bei Eltern, die eine liebevolle Beziehung miteinander führen. Lieben wird in der Familie gelernt. Eltern, die sich selbst lieben und diese Liebe mit dem Partner teilen, sind gleichzeitig Vorbilder für die Entwicklung eines starken Selbstwertgefühls. Mit etwas Abstand gesehen ist die beste Maßnahme die Arbeit der Eltern an der eigenen Selbstliebe. Denn unweigerlich gehen die Probleme, die Eltern haben, in die Seele des Kindes ein.

Eltern, die zu wenig Zeit für ihr Kind haben, greifen oft zu Mitteln, die einen gewissen Trost spenden sollen, wie Geschenke und Süßigkeiten. Sie wollen ihr schlechtes Gewissen beruhigen und die Dinge irgendwie geradebiegen, gleichzeitig vermitteln sie unbewusst jedoch so auch die Botschaft: Du kommst zu kurz. Das schlechte Gewissen der Eltern wird vom Kind intuitiv wahrgenommen. Die kurzfristige Beruhigung, die solch ein Seelentröster bewirkt, wird jedoch der Frustration bald wieder weichen.

Negative Programme schaden dem Selbstwertgefühl

Im Folgenden werden die tieferen Hintergründe für Störungen der Selbstwertentwicklung beschrieben. Hier geht es um die Frage der Auswirkungen, die destruktive Programme haben. Diese sind zum Teil dramatisch für die psychische Gesundheit.

Die negativen Programme werden in aller Regel versteckt, man schämt sich ihrer, sie sollen geheim bleiben. Oft sind sie ja auch gar nicht bewusst. Daher die Bezeichnung: Geheime Programme. Wer will schon von sich selbst sagen, dass er häufig das Gefühl hat, Erwartungen nicht zu genügen, oder dass er sich nicht willkommen fühlt. Schon Kinder verstecken ihre innere Not, und viele leiden stumm.

Das geheime Programm Ich bin nicht willkommen

Wie schon erwähnt, geht es um die Basis des Selbstwertgefühls. Wenn diese gestört ist, kommt es unweigerlich zu einer Störung der emotionalen Stabilität. Die Korrektur dieses Problems ist entsprechend schwierig. Viele Menschen tragen das Grundgefühl in sich, nicht willkommen zu sein. Dies ist in ihrem Glaubenssystem fest verankert. Häufig waren sie von vorneherein nicht willkommen.

Die Botschaften der Eltern können sehr unterschiedlich ausfallen:

Positive Botschaften:

Wir sind sehr glücklich, dass es dich gibt.

Ich bin gern mit dir zusammen.

Wir freuen uns, dass du da bist.

Du bist das große Glück in meinem Leben.

Negative Botschaften:

Ich (Wir) habe(n) eigentlich keine Kinder gewollt.

Du warst ein »Unfall«.

Wegen dir musste ich meine berufliche Karriere aufgeben.

Du bist genauso (schlecht) wie dein/e Vater/Mutter.

Du hast mein Leben zerstört.

Mir ginge es besser, wenn es dich nicht gäbe.

Ich hasse dich.

Du bist eine Last.

Immer machst du alles verkehrt.

Solche, mitunter beiläufig gesprochenen Sätze wirken oft wie tiefe Kränkungen, die in der Seele haften bleiben. In der Hypnotherapie, wo versucht wird, mit Hilfe der Hypnose Einfluss auf psychische Prozesse zu nehmen, ist die Rede von »Trancebotschaften.« Diese wirken tief in das Unbewusste hinein und können hier auf Dauer Schaden anrichten. Auch wenn diese Sätze vielleicht spaßig gemeint waren, entscheidend ist, was sie verursachen. In der Therapie bin ich immer wieder Menschen begegnet, die über Jahrzehnte bestimmte Sätze nicht vergessen konnten. Sie beinhalten eine Entwertung, die oft zur Selbstentwertung führt. Da ist ein Stachel, der Unbeschwertheit auf latente Weise beeinträchtigt. Offensichtlich gibt es bei vielen Menschen eine größere Sensibilität für das Thema Angenommensein. Nur allzu leicht können Zurückwei­sungen schwere Folgen haben. Darum sollte es nie einen Zweifel daran geben, dass ein Kind willkommen ist, egal wie es ist und was es macht.

Wenn ein Kind den elterlichen Erwartungen wenig oder nicht entspricht, kann es durchaus schwer sein, eine Haltung des Willkommens beizubehalten. Nicht selten bezahlen Eltern und Kind einen hohen Preis dafür, dass die Urbedürfnisse vernachlässigt wurden. Die Verhaltensauffälligkeiten, die auf diese Weise entstehen, bereiten im späteren Leben Kummer und Leid. Entscheidend ist, dass alles getan wird, um einem Kind zu vermitteln, willkommen zu sein. Vielen Eltern gelingt dies auch bei behinderten Kindern. Gerade sie erfahren ein hohes Maß an Zuwendung. Hier besteht eher die Gefahr, dass die Eltern dem Kind zu viel abnehmen, es verwöhnen. Dagegen erfahren Kinder, die nur geringe Abweichungen vom »Normalen« zeigen, häufig stärkere negative Aufmerksamkeit. Alles scheint sich um einen unwichtigen Makel zu drehen: eine Hautanomalie, eine kleine Unregelmäßigkeit im Körperbau etc. Eltern können lernen, ihr Kind auch dann zu lieben, wenn es nicht gänzlich den Normen entspricht. Dies gilt natürlich auch für bestimmte Charakter­eigenschaften oder Verhaltensauffälligkeiten, die das Kind hat: Es erscheint zu langsam, zu ungelenk, zu wenig intelligent … Jedes Kind ist einmalig und darum besonders liebenswert.

Mütter, die nicht lieben können

Es ist völlig normal, dass Eltern ihr Kind mitunter auch als anstrengend und als Last empfinden. Entscheidend ist, dass dies kurze, vorüber­gehende Episoden sind. In den Medien erscheinen immer häufiger Mütter, die sich offen dazu bekennen, dass sie ihr Kind als große Einschränkung ihrer Freiheit empfinden und dass sie es bereuen, überhaupt Mutter geworden zu sein. Dies gilt als Tabubruch, da man als Mutter immer eine »gute Mutter« zu sein hat. Viele Väter, die sich nicht zu ihrem Kind bekennen, haben hier weniger oder keine Schuldgefühle. Dabei schadet auch der Vater, der sein Kind nicht lieben kann, dem Selbstwertgefühl des Kindes in ähnlicher Weise.

Sich zu seiner eigenen inneren Welt zu bekennen, ist zunächst richtig. Wer versucht, etwa die Ablehnung, die er oder sie gegenüber seinem Kind empfindet, zu verleugnen, wird letztlich wenig Erfolg damit haben, vor allem wird er/sie wenig echt wirken, das Kind wird die wahre Haltung ohnehin wahrnehmen. Es wird spüren, dass es letztlich immer wieder zurückgewiesen wird.

Unechte Zuneigung führt in die Konfusion. Die Kinder können dann ihrer Wahrnehmung nicht trauen. Die Folge ist Verunsicherung, auch in Situationen, wo sie sich eigentlich sicher fühlen könnten. Nur allzu oft wird dieses Problem in das Erwachsenendasein mitgenommen und führt in engen Beziehungen zu Unsicherheit und Verwirrung.

Die erfahrene offene Ablehnung ist verletzend und schädlich für die Selbstwertentwicklung des Kindes. Was in der Lebensphase des erwachsenen Menschen möglich bleibt, ist die Auseinandersetzung mit dem Problem.

Es gibt verschiedene Gründe, die zu einer Ablehnung des eigenen Kindes führen. Als Erstes ist die nicht seltene Wochenbettdepression zu nennen. Hier verursacht die hormonelle Umstellung nach der Geburt eine depressive Verstimmung. In dieser Situation leiden Mütter besonders unter Schuldgefühlen, weil sie keine Liebe für das häufig lange ersehnte Kind empfinden können. Sie benötigen ärztliche und psycho­therapeutische Hilfe. Normalerweise klingt die Störung nach einigen Wochen ab.

Andere Gründe, die es schwer machen, ein Kind zu lieben, sind beispielsweise, dass der Vater den Erwartungen nicht entspricht. Eventuell ist die Beziehung während der Schwangerschaft zerbrochen, man kann den Partner nicht lieben oder der Vater ist unbekannt. Eventuelle Hassgefühle gegen den Erzeuger richten sich jetzt möglicherweise auch gegen das Kind, das vielleicht Ähnlichkeiten mit seinem Vater aufweist.

Für viele Mütter, die ihr Kind als Last erleben, sind die Einschränkungen, die dem eigenen Leben abverlangt werden, zu viel; sie sind überfordert oder wollen so nicht leben. Die berufliche Karriere, Freiheit und Freizeit kommen zu kurz. Die Existenz eines Kindes wird als Falle erlebt, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.

Hier gilt das Prinzip: Je lauter jemand Nein schreit, je weniger jemand sich mit seiner Realität abfindet, desto schwieriger wird der Umgang mit den Gegebenheiten.

Menschen ohne Kinder haben auch Nachteile, da ihnen elementare Erfahrungen fehlen: das Wunder der Geburt des eigenen Kindes, die Liebe zwischen Eltern und Kind, die durch nichts zu ersetzen ist. Natürlich müssen Eltern eigene Bedürfnisse auch zurückstellen und mehr Kompromisse eingehen als jemand ohne Kinder. Je stärker sie ihre Rolle jedoch bejahen und auf das schauen, was sie in der Elternrolle gewinnen, desto einfacher fällt der eventuelle Verzicht, und sie wollen dann um nichts in der Welt tauschen.

Wer sein Kind nicht lieben kann, sollte sich die Frage stellen, wie es um die eigene Selbstliebe bestellt ist. Gibt es geheime Programme, die die Wertschätzung für die eigene Person behindern? Hat man eventuell selbst zu wenig Liebe erfahren? Gibt es Wunden, die nicht heilen wollen? Psychotherapie ist möglicherweise ein Weg, sich selbst und damit indirekt dem eigenen Kind zu helfen.

Ohne das eigene Leben auf den Prüfstand zu stellen, ist keine Ver­änderung möglich. Erst wenn man sich den wesentlichen Dimensionen im Leben wieder zuwendet und eine tiefere innere Verbundenheit mit allen Dingen erlebt, können Selbstliebe und Liebe wachsen. Eine wirksame Methode, in diesen Zustand zu gelangen, ist Meditation.

Liebe kann man nicht erzwingen, aber man kann das Lieben lernen. Ein Zugewinn an Selbstliebe führt in aller Regel auch dazu, das eigene Kind mehr lieben zu können.

Wenn ein Elternteil fehlt

Wie bereits gesagt, wollen Kinder von beiden Elternteilen die Bestätigung, dass sie willkommen sind. Fehlt ein Elternteil, wird sich das Kind voraussichtlich lebenslang nach der Liebe sehnen, die es vermissen musste. Mutterliebe und Vaterliebe sind durch nichts zu ersetzen.