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"Sicher kennst du die Frau! … Das hast du schon hundertmal gekocht! … Reiß dich zusammen! … Jetzt tu nicht so! …": Das dachte Werner Nussgraber noch bevor er wusste, dass seine Mutter an Demenz erkrankt ist. Doch bald darauf stand fest, dass sie es allein nicht mehr schafft, Unterstützung braucht und er diese Herausforderung annehmen wird. Als pflegender Angehöriger erlebt er Höhen und Tiefen. Er lernt neue Seiten seiner Mutter kennen. Manchmal treibt sie ihn mit ihrer Unberechenbarkeit an seine Grenzen, manchmal liebt er sie für ihre unbekümmerte Direktheit. Ihr grenzenloses Vertrauen rührt ihn, ihre zeitweilige Desorientiertheit macht ihm Sorgen. Nach und nach gerät er in eine "Aufopferungsfalle", fühlt sich allein gelassen und ist erschöpft. Das Pflegeheim als möglicher Ausweg?
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
Impressum 2
Vorwort 4
Erstes Kapitel 6
Wie alles begann 6
1. Wie kann sie nur? 6
2. Ach, wie schön sind freie Tage 12
3. An Tagen wie diesen 22
4. Wochenend und Sonnenschein 30
5. Ordnung ist das halbe Leben 35
6. Alea iacta est – die Würfel sind gefallen 41
Zweites Kapitel 44
Tagein, tagaus „da Daudalau“ 44
1. Was soll denn schon sein? 44
2. Feste feste feiern52
3. Weihnachten 59
4. Späte Ostern 67
5. Pubertätsdüsen 75
6. Rumkugeln und Globuli 81
7. Guten Morgen, die Frühaufsteher 88
8. Die ganze Woche 94
9. Spaziergänge 102
10. Besuche und Begegnungen 108
11. Da Voda wor bei der SS 120
12. Und jetzt? … Und jetzt? … Und jetzt? 123
13. Perspektivensuche 127
14. Sisyphus 134
15. Grundlegendes 136
Drittes Kapitel 145
Und mir persönlich …? 145
1. Die Aufopferungsfalle 147
2. Versäumt bleibt versäumt 150
3. Krise? 151
Viertes Kapitel 158
Alles hat ein Ende …? 158
1. Die Vergänglichkeit 158
2. Ein Schlag ins Gesicht 162
3. Change 169
4. Aufbruch 172
5. Ein stummes Lächeln 177
6. Da Heim 180
7. Der Ewige Kreis 187
Fünftes Kapitel 190
1. Bildernachweis 190
2. Danke 191
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2020 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-99064-857-5
ISBN e-book: 978-3-99064-858-2
Lektorat: Susanne Schilp
Umschlagfoto: Anneliese Ingrube
Umschlaggestaltung:
novum Verlag, nach einer Idee von Christian Heiling
Layout & Satz: novum Verlag
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Bild 13 ©Bruno Windhaber
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Bild 15, Bild 19 ©Andreas Felberbauer
Bild 20, Bild 32©Matthias Koch
Bild 23 ©Roland Habersack
Bild 24, Bild 25, Bild, Bild 26,Bild27, Bild 28, Bild 29
©Margarethe Ulz
Bild 30 ©Roland Habersack
Bild 34©Klaus Scherr
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Bild 39©Clemens Nussgraber
Bild 41©Werner Nussgraber
Bild 42©Maria Nussgraber
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Vorwort
Eigentlich wollte ich hier schreiben: „Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.“
Kann ich aber nicht, weil es so nicht stimmt!
Da dieses Buch in weiten Teilen vom Zusammenleben mit meiner an Demenz erkrankten Mutter handelt, kann ich es nicht ausschließen, dass sich der eine oder andere aus meinem privaten Umfeld, dem Verwandten- und Bekanntenkreis, darin erkennt. Die Namen der handelnden Personen wurden verändert.
Einige Geschichten in diesem Buch habe ich etwas überspitzt dargestellt. Andere Geschichten sind bewusst abgeschwächt.
Das Buch soll unterhalten! Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Demenz. Es kann zum Lachen – und auch zum Nachdenken – anregen.
Es kann Menschen, die vorhaben, in eine Pflegebeziehung mit einer nahestehenden Person zu gehen, darin bestärken, es zu tun. Beziehungsweise pflegende Angehörige bestärken, es weiter zu tun. Es kann aber genauso gut Menschen, die Ähnliches vorhaben, davon abhalten.
Es ist kein Beschwerdebuch, genauso wenig wie ein reines Geschichtenbuch oder eine Abrechnung. Begonnen mit ein paar Anekdoten und der Niederschrift meiner Emotionen und Gedanken zu einer sehr bewegenden Zeit, in der sich viele meiner bis dahin so klaren Normen und Werte veränderten und ich meine an Demenz erkrankte Mutter zu pflegen begann, entstand dieses Buch.
Es beschreibt einen Abschnitt in meinem Leben voller Ängste, Sorgen, Chancen und die Entdeckung einer Person, die mich zwar zur Welt gebracht hat, die ich aber so nicht kannte und auf seltsame Weise neu kennenlernen durfte. Genauso wie eine weitere Person. Nämlich mich.
Es geht um nichts Geringeres als um das Erkennen der Wichtigkeit der Zeit, des Lebens im Hier und Jetzt, der Veränderung und der Vergänglichkeit.
Erstes Kapitel
Wie alles begann
Vom Erwachen, von der Ohnmacht, vom Ärger, von der Verständnislosigkeit, vom Neuorientieren, vom Umdenken und Abschiednehmen von gewohnten Strukturen
1. Wie kann sie nur?
Es war an einem Dienstagmorgen in der Psychiatrie. Ich war bei den Barmherzigen Brüdern, in den Lebenswelten Steiermark, einer großen Pflegeeinrichtung in der Nähe von Graz, als Pädagoge auf einer Station für Vollzeitbetreuung von Menschen mit Beeinträchtigungen im mentalen wie auch psychischen Bereich tätig. Bereits seit sechs Uhr war ich hier. Der Tag begann, nach einer kurzen Morgenbesprechung und müden Gesichtern im Dienstzimmer, einem Kaffee und dem Richten des Frühstücks, mit Bewohnergesprächen und Deeskalationsmaßnahmen bei einem jungen Mann, der es einfach nicht aushielt, auf sein Frühstück warten zu müssen, und der sehr viel Unruhe in die Wohngruppe brachte, der Begleitung einer Dame zur Blutabnahme und dem Abholen eines Bewohners von der Kantine – relativ gemütlich.
Der Speisesaal füllte sich, der Lärmpegel war wie immer: Unterstützung eines Mannes mit Schluckbeschwerden, Gespräche mit Frau Müller, welche die Ärzte beschuldigte, ihr zu viele Medikamente zu geben, und der inzwischen zehnten Versicherung einer weiteren Patientin gegenüber, dass sie heute nicht zur Arbeit müsse, weil sie schon seit einem Jahr in Pension sei. Einen Mann, der nicht zur Arbeit wollte, musste ich zum Bus bringen, einen anderen, mit großen Orientierungsschwierigkeiten, zu seiner Werkstätte begleiten.
In der Zwischenzeit wurden drei Bewohner für den Besuch des Hallenbades hergerichtet. Wie jeden Dienstag machte ich mit dieser Gruppe einfache Koordinations- und Entspannungsübungen im warmen Wasser des hauseigenen Hallenbads.
Auf dem Weg durch einen unterirdischen Kellergang erzählte mir Herr Mayer, ein Rollstuhlfahrer, wie schön es doch früher gewesen sei, wie reich und unwiderstehlich er sei und warum er Frau Müller nicht mochte. Herr Senekovits ging voraus und versuchte ständig, entgegenkommende Personen um Zigaretten anzuschnorren. Herr Feldhofer ging gemächlich mit den Handtüchern hinterher und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen.
Nach dem Hallenbad gab es das gleiche Schauspiel auf dem Rückweg. Herr Mayer redete wie ein Wasserfall, Herr Senekovits rannte voraus, Herr Feldhofer ging gemächlich hinterher.
Fit und motiviert kamen wir zurück auf die Station. Eine Kollegin half mir, die Bewohner wieder in ihre Alltagskleidung zu bringen. „Noch schnell alles dokumentieren und dann Pause“, dachte ich.
Da läutete mein Handy, und alles sollte sich ändern.Es war eine Festnetznummer mit der Vorwahl meiner Heimatgemeinde Pöllau, einem wunderschönen Flecken Erde, inmitten der Oststeiermark.
„Hallo, da spricht Doris, vom Schloss-Café … Werner, bist du es?“
Ich kannte Doris. Wir hatten zuvor zwar noch keine fünf Sätze miteinander geredet, aber in einer Gemeinde wie der unseren kennt man sich eben. „Ja hallo, was gibt’s?“ Doris fragte in einem etwas eigenartigen Tonfall: „Hast du Zeit?“ Erwartungsvoll, was da wohl kommen würde, sagte ich: „Ja sicher!“
Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr an die Details unserer Unterhaltung erinnern. Doris erzählte mir, dass meine Mutter bei ihr sei und einen verwirrten Eindruck mache. Sie habe auch kein Geld mit, um ihren Kaffee zu bezahlen, was aber nicht das große Problem sei, da sie eh jeden Tag, manchmal auch zweimal, komme. Im weiteren Gesprächsverlauf erzählte sie, dass meine Mutter die Toilette überflutet habe, der Installateur bereits da sei, und sie fragte mich, ob es okay sei, wenn sie mir die Rechnung schicke.
Ich blieb still und versuchte, ihren Ausführungen weiter zu folgen. Hatte sich die Frau verwählt? Sprach sie tatsächlich von meiner Mutter? Langsam merkte ich, wie mein zuvor noch so klares Bild der Dinge verschwommener wurde und sich nach und nach Bretter vor meinen Kopf schoben, um mir regelrecht das Bewusstsein zu lähmen.
Ich glaube, dass sie mir noch erzählte, wie es mit ihrer Mutter begonnen habe und wie schwierig solche Sachen wären, welch tolle 24-Stunden-Pflegerin ihre Nachbarin habe und wie anstrengend es mit ihrer Großtante sei, die einmal fast das ganze Haus abgefackelt habe und immer wieder weggehen wollte, bis sie auf der Umfahrungsstraße von ihrer eigenen Schwiegertochter beinahe überfahren worden sei.
Doris redete in einem durch. Wie ein Wasserfall, den man nicht stoppen konnte. Keine Chance, ins Gespräch zu kommen, Antworten zu geben oder nachzufragen.
Ich glaube, dass sie mich auch fragte, ob meine Mutter eine Inkontinenzversorgung habe und diese vielleicht hinuntergespült habe, weil das WC sooo verstopft sei.
Auf jeden Fall merkte ich, dass ich nicht nur stiller, sondern vor allem auch nachdenklich und irgendwie wütend auf diese Frau wurde. Ich dachte bei mir: „Was ist denn mit der los? Diese überforderte, burnoutgefährdete, inkompetente und törichte Kellnerin beschuldigt meine Mutter, Dinge zu tun, welche meine Mutter nicht macht, und vergleicht sie mit senilen, demenzkranken, labilen alten Omas, die nicht bis drei zählen können.
Wie kann sie nur? Mutter geht nie ohne Geld aus dem Haus und nur sehr selten ins Schloss-Café!“
Das Handy noch am Ohr – Doris hatte längst aufgelegt – sah ich, ohne jemanden mit meinem Blick zielgerichtet zu fixieren, in die Augen von Herrn Mayer: „Schön war das Schwimmen, Werner!“, sagte er, doch ich hörte ihn nicht wirklich.
Mein Blick war starr. Ich ging ins Dienstzimmer, machte mir eine Tasse Kaffee und sah beim Fenster hinaus.
Leer – irgendwie war alles leer. Nichts – mein Blick ging gedankenlos Richtung Haupthaus, dem Dorfplatz, dem „Gasthaus zum Granatapfel“, der Kirche, aber ich sah nichts. Die Luft war draußen. Das Trapattoni-Zitat „Flasche leer – haben fertig“ fiel mir ein.
Plötzlich war ich nicht mehr da und der Boden unter mir weg. Ich suchte Schokolade und dachte: „Wer hat sich da eine Tasse Kaffee gemacht und nicht getrunken?“ Die Tasse war noch warm.
Ich setzte mich zu meinem Kalender. „13:30: Besprechung Pflegedirektion.“ Ein Kollege kam zur Tür herein und fragte, ob ich den PC noch brauche. Ich wollte ja dokumentieren.
„Was eigentlich?“, dachte ich. „Nein, danke. Ich brauche den PC erst später wieder.“ Ich saß noch eine Weile da, ohne klare Gedanken fassen zu können. Was war das bitte?
Es sollte noch ein langer Arbeitstag werden!
Die Besprechung am Nachmittag ging spurlos an mir vorüber. Der Körper war dort, aber meine Gedanken waren irgendwo.
Zurück auf der Station, setzte ich mich zu einer Runde Bewohner auf die Couch, versuchte, zuzuhören und mich einzubringen. Nach kurzer Zeit fragte mich Frau Müller: „Schaust du ins Narrenkastl1?“
1 Der Begriff „Narrenkasten“ war, historisch gesehen, im Mittelalter eine Art Pranger, wo diejenigen, die gegen die Gesetze oder die öffentliche Ordnung verstoßen hatten, vorgeführt wurden. Heute wird der Begriff gerne für den Zustand bei Tagträumereien verwendet, wenn man „Luftschlösser“ baut und dabei einen starren, nicht zielgerichteten Blick hat.
Ich antwortete nur knapp und sagte, dass ich einfach etwas müde sei und mich schon freue, wenn ich nach Hause fahren könne.
„Ich darf nicht nach Hause! Die wollen mich hier einsperren! Das ist gemein!“, erwiderte Frau Müller plötzlich außer sich, laut und voller Zorn.
Es dauerte wieder, bis sie sich beruhigt hatte und erreichbar war.
Sie schlug im weiteren Gesprächsverlauf vor, mich zum Arzt zu begleiten, damit ich gleich die richtigen Medikamente bekäme.
Ich habe dankend abgelehnt.
15 Uhr, die Sonne schien, ein wunderschöner Herbsttag, Dienstschluss!
Ich konnte mich auf ein paar freie Tage freuen. Die besten Voraussetzungen für einen entspannten Abend mit der Familie und Zeit für mich selbst.
Der Weg nach Hause dauerte je nach Verkehr so zwischen 50 Minuten und einer Stunde. Oft zog ich mir Hörbücher rein, hörte laut Musik und sang mit oder rief Freunde an.
Heute vergaß ich alles. Die erste Hälfte des Weges merkte ich nicht einmal, dass kein Radio eingeschaltet war. Das Phänomen, dass man bekannte Strecken mit dem Auto fährt und sich plötzlich nicht erklären kann, wie man angekommen ist, spürte ich heute so deutlich wie noch nie.
Kurzerhand, und dementsprechend unüberlegt, rief ich meine Mutter an. Fragte, wie es ihr so gehe, ob heute irgendetwas Besonderes los gewesen sei und was sie so gemacht habe.
Ihre Antwort fiel wie so oft kurz und eher informationslos aus: „Jo eh – nichts – alles okay.“
Mit dem Wissen, was heute Vormittag los gewesen war, wurde ich wütend, ließ es meine Mutter aber nicht merken. Ich war still, hielt mich im weiteren Gesprächsverlauf ebenfalls kurz und versuchte, das Telefonat so schnell wie möglich wieder zu beenden.
Sie fragte mich noch, wann ich heute nach Hause käme. Ich dachte mir, dass das eigentlich klar sein sollte, wenn ich gerade auf dem Heimweg war und ihr es egal sein konnte. Gut, ich hätte ja noch etwas zu erledigen haben können, doch so klar waren meine Gedanken in diesem Moment nicht.
Nur, was konnte ich von meiner Mutter schon erwarten? Dass sie mir erzählte, dass sie heute ohne Geld im Schloss-Café gewesen war und dort die Toilette überflutet hatte? Sicher nicht! Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf.
Plötzlich blieb ich mit meinen Gedanken wieder beim Telefonat vom Vormittag und dem Gefühl der absoluten Lähmung und Leere im Kopf hängen. Nun wusste ich wieder, woher ich dieses Gefühl kannte.
Vor zwei Monaten war meine Schwiegermutter beim Bergwandern tödlich verunglückt. Von einer Minute auf die andere: weg, nicht mehr da, tot.
Brigitte. Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin in Pension, eine Frau mit viel Lebenserfahrung und Lebensfreude. Sie war die kompetente Anlaufstelle für Fragen aller Art. Vom aufgeschlagenen Kinderknie über Altenbetreuung bis zu Themen aus der Psychiatrie.
Sie wäre wahrscheinlich diejenige gewesen, die ich als Nächstes angerufen hätte. Das Gefühl der Leere wurde von Trauer abgelöst. Mit starrem Blick auf die Straße kramte ich in meinem Rucksack auf dem Beifahrersitz, holte ein Taschentuch heraus und putzte mir die Nase.
Den Rest der Fahrt ließ ich mich von Radiomusik berieseln, freute mich auf meine Familie und einen freien Tag.
Zu Hause angekommen, besuchte ich Mutter. Sie lag auf der Bettbank im Wohnzimmer und ruhte sich aus. Als sie mich bemerkte, setzte sie sich auf, richtete ihre Haare und fragte, ob ich von der Arbeit käme.
„Wir haben gerade telefoniert, Oma! Ja, ich komme von der Arbeit – wie jeden Dienstag um diese Zeit!“
Mit einem beschwichtigenden „Ach so“ legte sie sich wieder hin und gab mir zu verstehen, dass ich gehen konnte.
Beim Weg aus der Wohnung bemerkte ich gestapeltes, ungewaschenes Geschirr und ihre Geldbörse, die offen mitten auf dem Küchentisch lag.
Vielleicht sollte ich mir einmal ihre Medikamente ansehen? Doch heute nicht mehr. Irgendwie fehlte mir die Kraft. Der Wunsch, dass dieser Tag bald zu Ende ging, war größer. Ich sehnte mich nach Ruhe. Und das bereits um halb fünf am Nachmittag.
Ich ging in meinen Wohnbereich, der zwar im selben Haus wie der meiner Mutter ist, aber komplett von ihrem abgetrennt liegt.
Thomas Maier, Lebenshilfe Hartberg,
Tageswerkstätte Pöllau
2. Ach, wie schön sind freie Tage
Wie an den meisten ersten freien Tagen nach einem Frühdienst war ich vor allen anderen munter und lag wach im Bett. Gestern hatte ich nicht einmal Energie und Zeit gehabt, mit meiner Frau Bettina über das Geschehene und das Telefonat mit Doris zu sprechen. Ich war einfach zu müde gewesen und vor dem Fernseher eingeschlafen. Als ich mitten in der Nacht munter wurde, war ich allein im Wohnzimmer. Der Fernseher lief noch und ich schleppte mich zu Bett.
Was für ein Tag sollte das heute nur werden?
Ich liebte meine freien Tage. Wenn einmal alle außer Haus waren, hatte ich die Wohnung für mich, genoss die Stille, das Gefühl, für keinen da sein zu müssen, machte nur das Nötigste und faulenzte dahin. Natürlich nutzte ich die Zeit auch für Erledigungen verschiedenster Art und machte Kleinigkeiten im Haushalt.
Die Programmpunkte für heute waren zwar etwas ungewöhnlich, aber machbar, dachte ich.
Erstens, meine Mutter zur Rede stellen, was da gestern los gewesen war.
Zweitens, ihre Küche wieder in Ordnung bringen.
Drittens, die Medikamente durchsehen, die Beipacktexte lesen und mit dem Arzt darüber sprechen!
Als Extrapunkt hielt ich mir noch offen, ins Schloss-Café zu gehen, mit Doris ein ernstes Wörtchen zu sprechen und vor allem nachzufragen, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte, so über meine Mutter herzuziehen.
Während sich Punkt für Punkt meine To-do-Liste im Kopf erweiterte, kam langsam auch die Motivation, aufzustehen, um klar Schiff zu machen.
Ich war es gewohnt, zielorientiert zu arbeiten, Förderpläne zu erstellen und nötige Maßnahmen zu ergreifen, um individuelle Konzepte zur Steigerung der Lebensqualität zu entwickeln. So ging ich auch positiv, mit viel Energie, Tatendrang und Klarheit, was zu tun war, in den Tag.
Nachdem ich mit meiner Familie gefrühstückt, die Tageszeitung gelesen hatte und alle außer Haus waren, ging ich zu meiner Mutter.
Sie lag wieder auf der Bettbank. Ich wirbelte in ihren Wohnbereich: „Guten Morgen, gut geschlafen, wie geht’s?“ Meine Mutter richtete sich auf und erwiderte: „Jo, eh guat.“ Sie hatte die gleiche Kleidung wie gestern an und machte einen etwas zerzausten Eindruck. Man hätte fast glauben können, dass sie die Nacht hier verbracht hatte.
Ich fragte: „Hast du noch gar nichts gefrühstückt?“ Mit leicht rauer Stimme erwiderte sie: „Oja!“ – „Was denn?“, fragte ich. „Jo, so a Ding, Semmel und an Tee.“ Auf dem Herd stand ein kalter Kochtopf mit Teewasser und in der Brotlade lagen einige harte Semmeln. Etwas verwundert fragte ich: „Hast du eigentlich dasselbe Gewand wie gestern an?“ „Wieso? Nein! Ist eh sauber“, kam zur Antwort.
Ein leichtes Gefühl von Ratlosigkeit und vor allem Ärger kam in mir hoch. Eigentlich konnte es mir egal sein. Sie war eine erwachsene Frau. Sie war mir keine Rechenschaft schuldig. Sie war in Pension. Sie hatte ihren eigenen Wohnbereich und konnte dort tun und lassen, was sie wollte. Mir war es aber nicht egal. Etwas genervt fragte ich: „Hast du heute Nacht hier geschlafen?“
Ohne ein Wort stand Mutter auf, ging zum Spiegel, richtete ihre Haare und verschwand im Badezimmer. Leicht angespannt, mit einer klaren Tendenz, bald fuchsteufelswild zu werden, blieb ich wie angewurzelt stehen.
Ich sah mich an dem Platz, an dem ich groß geworden war, wo vor Jahrzehnten noch meine Autorennbahn aufgestellt gewesen war. Der Tisch, an dem ich Lego gespielt hatte, wo der Weihnachtsbaum gestanden hatte und der beige Vorhang, vor dem uns mein Vater immer so gerne fotografiert hatte, bevor wir aufgebrezelt zu einem Ball gegangen waren. An dem Platz, wo ich meinen Eltern gebeichtet hatte, dass dieses schöne rote Auto mit Heckspoiler, Alufelgen, Sportlenkrad und allem, was sich ein Neunzehnjähriger nur wünschen konnte, nach einem unglaublich coolen Monat mit Totalschaden im Graben lag.
Mein Vater war zehn Jahre älter als Mutter und schon verstorben. Die letzten Jahre seines Lebens benötigte er nach mehreren Schlaganfällen umfangreiche Unterstützung und wurde von Mutter zu Hause gepflegt. Diese Zeit war für sie oft schwer und kraftraubend.
Meine Mutter, eine gelernte Damen- und Herrenschneiderin, die Vater in Graz bei der Arbeit kennengelernt hatte und mit ihm in Pöllau ein Fachgeschäft für Herren- und Kindermoden mit eigener Maßschneiderei aufgemacht hatte, war schon immer das Familienoberhaupt gewesen. Sie war es, die sagte, wo es langging, was angeschafft wurde, wer was zu tun hatte und wie es im Betrieb laufen sollte.
Natürlich hatten mein Vater und ich auch unsere Strategien und wussten, wie wir mit ihr umzugehen hatten, um schlussendlich zu dem zu kommen, was wir wollten. Aber unausgesprochen und klar war, dass sie die Chefin war.
Ich ging ins Schlafzimmer, weil es mir keine Ruhe ließ und ich wissen wollte, ob sie wirklich auf der Bettbank übernachtet hatte.
Als ich die Tür öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Über das Doppelbett verteilt lag jede Menge Kleidung, zum Teil mit Kleiderbügel, zum Teil ohne, nur zusammengerollt. Wobei man nicht überall eindeutig sagen konnte, ob es sich um Schmutzwäsche, saubere Wäsche, zum Bügeln gerichtete Wäsche oder Kleidungsstücke, die nur noch in die offenstehenden Schränke eingeräumt werden mussten, handelte. An einem guten Tag hätte ich meine Mutter gefragt, ob sie etwas gesucht habe. Doch im Moment überwog das Gefühl des Entsetzens.
So etwas passte nicht zu meiner Mutter! Ich nahm einen schmutzigen Kuchenteller und eine halbvolle Tasse mit kaltem Tee, die zwischen Zeitschriften auf dem Nachtkästchen von Mutter stand, und ging damit zurück in die Küche. Dort setzte ich mich.
Mutter kam aus dem Badezimmer. Sie machte einen guten Eindruck. Als ob das Gespräch zuvor nie stattgefunden hätte, fragt sie mich, ob ich mit ihr ins Schloss-Café gehen mochte. Ich mochte nicht! Stattdessen sah ich meine Mutter nur an und suchte nach den richtigen Worten. Ich fragte: „Was ist denn bitte im Schlafzimmer los?“ Sie sah mich an: „Da ist schon lang nichts mehr los“, und lachte. Eigentlich der ideale Zeitpunkt, um mitzulachen. Ich schnaufte durch und versuchte es noch einmal: „Warum liegt da so viel Kleidung im Bett?“ Ohne mir einen Blick zuzuwerfen, antwortete sie: „Du willst ja immer, dass ich etwas anderes anziehe.“ – „Und warum liegen hier überall Geschirr und Zeitschriften herum?“, fragte ich. „Hier sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte!“, fuhr ich etwas boshaft fort.
Meine Mutter legte sich wieder auf die Bettbank und sagte: „Ich tu ein wenig faulenzen“, und schloss dabei die Augen. Schäumend vor Wut verließ ich den Wohnbereich meiner Mutter und ging in meinen.
Ich wusste, dass sie nie gelernt hatte, zu streiten. Oft hatte sie davon erzählt, wie schlimm es für sie gewesen war, wenn ihre Eltern gestritten hatten. Sie ging Konflikten aus dem Weg. Entweder sie hatte recht oder eben nicht. Darüber zu diskutieren, empfand sie, seitdem ich sie kannte, für unnötig. Der mit den besseren Argumenten hatte gewonnen. Wenn das nicht sie war, wurde sie kurz laut, war eingeschnappt – und aus.
Ich brauchte circa eine Stunde, bis ich wieder bereit war, zu ihr zu gehen.
Punkt eins meiner To-do-Liste entpuppte sich also als eine etwas komplexere Angelegenheit. Die Frage war nicht mehr, was gestern los gewesen war – sondern, was da überhaupt los war.
Als gelehriger Schüler meiner Mutter ging ich zu ihr und tat auch so, als ob nichts gewesen sei. Mit den Worten „Was gibt es eigentlich heute bei dir zu Mittag?“, dachte ich, wieder locker ins Gespräch kommen zu können. Als ihre Antwort erneut nicht meinen Vorstellungen entsprach und sie irgendetwas von Pudding und Krapfen daherfaselte, wurde der Handlungsbedarf massiv erhöht. Kurzerhand entschloss ich, mit ihr Mittagessen zu gehen.
Ich begann, Altpapier zusammenzufalten und den Stapel schmutzigen Geschirrs in den Geschirrspüler einzuräumen. Meine Mutter tat so, als ob sie es nicht bemerkte. Bis ich sie darauf ansprach und fragte, ob sie mir nicht helfen wolle. Sie stand auf und begann, mit einem nassen Tuch die Arbeitsplatte in der Küche abzuwischen. Sie schob Dinge von einer Ecke in die andere und wieder zurück. Sie verwendete das Tuch zwischenzeitlich auch gleich dafür, das Küchenregal an einigen Stellen abzuwischen. Als Außenstehender hätte man glauben können, dass sie so etwas noch nie in ihrem Leben gemacht hatte. Nachdem sie fertig war, sah es für mich schlimmer als zuvor aus. Für meine Mutter war es in Ordnung.
Bevor sich Mutter wieder zurückziehen wollte, warf sie einen Blick in die offene Brieftasche auf dem Küchentisch. „Stimmt etwas nicht?“, fragte ich. Doch ich bekam keine Antwort. Etwas verzögert fragte mich meine Mutter: „Weißt du, wem diese Brieftasche da gehört?“ „Weißt du nicht mehr? Die hast du voriges Jahr zu Weihnachten bekommen“, versuchte ich verständnisvoll zur Antwort zu geben. Mit einem leisen „Ach so“ verließ sie die Küche.
Wir gingen also zum Kirchenwirt. Ich wusste, dass sie Essen auf Rädern anboten, was vielleicht auch etwas für meine Mutter hätte sein können.
Als wir im Gasthaus eintrafen, wurde Mutter gleich wie ein Stammgast begrüßt. Von allen Ecken des Lokals kamen begrüßende Zurufe. Von weitem wurde sie laut mit „Hallo Nussi“ begrüßt. Auch der Wirt freute sich, uns zu sehen. Meine Mutter war lange Zeit Kassiererin des örtlichen Eisschützenvereins gewesen und offenbar nicht nur aufgrund ihrer Vergangenheit als Geschäftsfrau eine angesehene Persönlichkeit in diesem Lokal. Doch so viele Ehrenerweisungen waren mir fast ein wenig unheimlich.
Wir setzten uns an einen Tisch in Schanknähe. Der Wirt kam zu uns und fragte, was wir trinken wollten. Ich bestellte ein Glas Bier. Meine Mutter erwiderte sofort: „Nein, ein Bier trink ich nicht!“ Auf die Frage, ob sie dasselbe wie immer trinke und ihr der Wirt einen Erdbeerspritzer brachte, war ich dann aber schon ein wenig verwundert. Ich fragte meine Mutter, seit wann sie Alkohol trinke. Sie sah mich nur an und sagte: „Ich trinke immer das, was die anderen auch trinken.“ Nachdem sie das halbe Glas geleert hatte, fragte sie mich verwundert und leicht grinsend: „Das ist Alkohol?“
Nach dem Essen setzte sich Gerti, die Wirtin, an den Tisch und fragte, wie es uns gehe. Meine Mutter antwortete in gewohnt schlagfertiger Manier oberflächlich und lächelnd. Gerti bat mich zu einem vertraulichen Vier-Augen-Gespräch hinter die Theke und fragte wieder, wie es uns gehe. Sie hatte gehört, was im Schloss-Café los gewesen war. Sie erzählte, dass Mutter auch auf sie öfters einen verwirrten Eindruck mache, wenn sie komme, und dass sie sehr gerne Leute einlade. Zum Teil auch Personen, die sie, Gertis Meinung nach, nicht einmal kenne. Ich teilte der Wirtin, wohlweislich, nicht alle Erlebnisse des heutigen Tages mit, aber erzählte, dass ich gerne Essen auf Rädern für Oma ausprobieren wolle.
Die Wirtin beschrieb sehr detailliert, wie es funktionierte, wer Essen auf Rädern im Tal bekomme und welche Erfahrungen sie damit gemacht habe. Sie gab mir unverbindlich einen Essensplan mit und bat mich, möglichst bald Bescheid zu geben.
„Eine Kleinigkeit wäre da noch“, begann Gerti etwas zögerlich mit leiser Stimme: „Deine Mutter hat einiges anschreiben lassen und mittlerweile beträchtliche Schulden im Lokal.“ Auf meine Frage, seit wann das so gehe und warum sie dann noch etwas bekomme, wenn sie schon des Öfteren nicht bezahlt habe, erhielt ich nur die Antwort: „Ich kann der Frau Nussgraber doch nicht einfach nichts geben, wie sieht denn das aus? Dann ist sie vielleicht beleidigt und kommt nie wieder! Außerdem sind noch immer alle Rechnungen beglichen worden.“ Auf das heutige Mittagessen lud ich Mutter ein, und wir gingen nach Hause.
Auf dem Heimweg fragte ich sie, wer die Leute waren, die sie so freundlich gegrüßt hatten. Als keine Antwort kam, fragte ich noch einmal. „Gäste wahrscheinlich!“, erwiderte meine Mutter stolz. Ich fragte weiter: „Und die kennen alle deinen Namen?“ Darauf meine Mutter: „Göh, do schaust!“
