Wie man ein Löwenmäulchen zähmt - Eva Lindbergh - E-Book

Wie man ein Löwenmäulchen zähmt E-Book

Eva Lindbergh

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Beschreibung

Gefühlschaos pur: In Eva Lindberghs humorvoll-romantischem Liebesroman dreht sich alles um die Problemzone Herz. Seit dem Liebes-Aus mit Marty hat die Münchnerin Julia die Nase voll von Männern und ihren Marotten. Außerdem beschäftigen sie gerade größere Probleme, denn ihre auf nachhaltige Öko-Unternehmen spezialisierte Werbeagentur steht kurz vor der Insolvenz. Hinzu kommt, dass ihre Mutter Julia mit peinlichen Verkupplungs-Aktionen nervt und ihr Ex-Freund plötzlich wieder vor der Tür steht. Als der Zufall Julia einen großen Werbe-Auftrag in die Hände spielt, stürzt sie sich zusammen mit ihrer besten Freundin Edith in die neue Aufgabe. Die Rettung ihrer Agentur scheint zum Greifen nahe. Doch da tritt Erik in Julias Leben. Der attraktive Kreativ-Direktor ist nicht nur eitel wie ein Löwe, sondern entpuppt sich außerdem als Julias größter Konkurrent im Kampf um den Werbe-Deal. Julia geht zum Angriff über … lockerleichte Unterhaltung mit viel Witz und Gefühl!

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Eva Lindbergh

Wie man ein Löwenmäulchen zähmt

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Julias Leben ist eine einzige Problemzone. Ihre kleine Werbeagentur droht Pleite zu gehen, ihre Mutter nervt mit fragwürdigen Verkupplungsaktionen und dann steht auch noch ihr Ex vor der Tür. Als der Zufall Julia die Beteiligung am Werbe-Pitch einer großen Agentur in die Hände spielt, scheint wenigstens die Rettung ihrer Firma zum Greifen nah. Wäre da nicht Kreativdirektor Erik von der Konkurrenz – gutaussehend, eitel wie ein Löwe und ebenfalls brennend an dem Auftrag interessiert. Julia kämpft mit Klauen und Zähnen. Doch was soll sie tun, wenn ihr Herz in Eriks Nähe andauernd aus dem Takt gerät?

Inhaltsübersicht

1 Gott ist tot, Nietzsche ist tot … und mir ist auch schon ganz schlecht

2 Sex macht schlank – lass uns abnehmen!

3 Merde: Scheiße klingt besser auf Französisch

4 Welcome to the dark side (das mit den Keksen war geschwindelt)

5 Der Inhalt dieses Shirts wird aus politischen Gründen videoüberwacht

6 Es gibt viel zu rauchen – zünden wir es an!

7 Bitte die Models nicht füttern

8 Eine Spülbürste ist wie ein Gabelstapler auf LSD

9 Save butterflies! Eat more margarine!

10 Fössenhofener Sudelbauernmarkt (mit Ponyreiten, Blasmusik und großer Landmaschinen-Ausstellung)

11 Blau ist grüner als Gelb

12 Stein Schere Papier Spock Echse

13 In bed we trust

14 Wer im Glashaus sitzt, hat immer frische Gurken

15 Schöne Schuhe. Ficken?

16 Scheiß auf den Prinzen, ich nehme das Pferd

17 Wer schwankt, hat mehr vom Weg

18 No Atomstrom in my Wohnhome

19 Gib mir die Schokolade und niemand wird verletzt

20 Der Geier ist gelandet

21 Und dann …

Wie man einen Löwen häkelt

1 Gott ist tot, Nietzsche ist tot … und mir ist auch schon ganz schlecht

Buenos días, guapa, immer mit die Ruhä!«

Der Morgen fing damit an, dass ich die Wiedergeburt von Che Guevara über den Haufen rannte. Der Kerl kniete vor dem offenen Kühlschrank unserer Büroküche, in einer Hand den beschmierten Löffel, in der anderen meinen Wintermandeljoghurt mit aufgerissenem Deckel. Und ich, schneeblind von draußen und im Anorak, fiel genau über ihn drüber.

Che Guevara richtete sich auf und strahlte mich an. Ohne den Joghurt, der ihm im Mundwinkel klebte, hätte er verwegen ausgesehen, mit seinem Siebentagebart und dem Armee-Pullover, der eng anlag und seinen muskulösen Oberkörper zur Geltung brachte.

Im Durchgang zum Arbeitsraum tauchte meine Freundin Edith auf. Sie umklammerte ihren grünen Yes We Can-nabis-Kaffeebecher und grinste wie ein Honigkuchenpferd. »Das ist Thiago«, erklärte sie. »Ich fahre ihn nachher zum Flughafen.«

»Und das ist mein Joghurt.« Ich war mies gelaunt. Wegen unserer finanziellen Probleme schlief ich schlecht und hatte ständig meine Mutter am Hals, die sich als Retterin in der Not aufspielte. Außerdem war ich von Neid erfüllt, als ich so zwischen Thiago und Edith hin und her guckte, die garantiert die ganze Nacht Sex miteinander gehabt hatten.

»Sabes qué?« Er zog seine wohlgeformten Augenbrauen hoch und hob den Löffel, von dem die Sahne tropfte. Schöner Joghurt essen mit Adonis. Oh Gott.

Schnell schaute ich zurück zu Edith, die im Gegensatz zu mir lange Beine hat, ein schönes Dekolleté und ein Lolita-Gesicht, umrahmt von kurzen, rotgefärbten Locken. »Sag ihm, wenn er den Bratapfel-mit-Zimt anrührt, bring ich ihn um.«

Mit Edith habe ich vor einem Jahr Strahlkraft, unsere Werbeagentur, aus der Taufe gehoben. Wir wollen die Welt verbessern und dabei reich werden, sie Ersteres, ich eher Letzteres. Ich drängelte mich an ihr vorbei und ließ die Tasche neben meinen Schreibtisch fallen. Ein Quietschen ließ mich zusammenzucken. Empört schoss Robespierre, Ediths kleiner weißer Yorkshireterrier, unter meinem Stuhl hindurch. Verflixt, den hatte ich gar nicht gesehen.

Aus der Küche drang verliebtes Gurren. Mario, unser einziger Mitarbeiter und Ediths langjähriger WG-Kumpel, versteckte sich hinter seinen vielen Monitoren, damit er das Elend nicht sehen musste. Ich konnte nur sein Sweatshirt erkennen, auf dem stand: Gott ist tot, Nietzsche ist tot … und mir ist auch schon ganz schlecht.

Mario himmelt Edith dermaßen an, dass er einem schon leidtun kann. Sie merkt es allerdings nicht einmal. Marios Platz in ihrem Leben ist der des besten Freundes. Und die sind per definitionem schwul oder asexuell. Er traut sich nicht, ihre Fehleinschätzung zu korrigieren, weil er den Status nicht einbüßen will, ihr bester Freund zu sein. Ihr zuliebe füttern wir ihn auch hier mit durch. Jedenfalls, solange das Geld reicht.

Eben das drohte uns in Kürze auszugehen, denn in sieben Tagen war die Büromiete fällig und dann reichten die Barmittel noch für zwei Packungen Klopapier. Außer es geschah ein Wunder und unser Hauptkunde Goldmus, ein großer Obstbetrieb, bezahlte endlich seine Rechnungen.

Das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelte. Meine Mutter, zeigte die Nummer auf dem Display an. Ich setzte mich auf meinen Stuhl und schaltete den Computer ein.

»Dein Telefon klingelt«, tönte Mario aus seiner Deckung.

Ich tippte mein Passwort ein.

»Gehst du jetzt ran, oder was?« Er war genervt wegen Thiago, der mit Edith vor dem Kühlschrank rumschmuste. Konnte ich verstehen. Das Telefon verstummte und fing erneut zu klingeln an.

»Gehst du mal ran?«, rief Edith aus der Küche. »Vielleicht ist das Goldmus!«

Wieso ist es immer mein Job, ans Telefon zu gehen?

Ich hob ab. »Hallo, Mama.«

»Julia, hast du die Frau Ammenrieder schon angerufen?«

Julia, das bin ich.

Meine Mutter war früher Einkäuferin in einer pharmazeutischen Firma. Sie ist sehr resolut und stellt sicher, dass getroffene Vereinbarungen auch eingehalten werden. Vor allem von ihrer Tochter.

»Wollte ich gerade.«

»Nicht, dass du das wieder tagelang vor dir herschiebst. Die Frau Ammenrieder wartet auf deinen Anruf.«

»Ja, Mama. Ich rufe sie gleich an.«

»Aber mach es auch wirklich. Hast du die Nummer?«

»Ja, ich …«

»Dann ist ja gut.« Klick, aufgelegt.

Sie ist sehr effizient, meine Mutter. Verschwendet keine Zeit mit überflüssigen Floskeln. Als ich damals mit der Idee kam, Kunst zu studieren, ist sie fast vom Stuhl gefallen vor Schreck. Kind, du musst doch von etwas leben, hat sie gesagt. Lern was Ordentliches, den Firlefanz kannst du immer noch machen, wenn du in Rente gehst.

Ich bereute schon, ihr von unseren Geldproblemen erzählt zu haben, aber musste auch dankbar sein, dass sie statt gutgemeinter Ratschläge eine handfeste Lösung präsentierte. Frau Ammenrieder, die sie von früher kannte, war fürs Marketing eines Unternehmens zuständig, das medizinische Biokompressen herstellte und zur Einführung ihrer neuen Sumpfgrasedition jemanden suchte, der für wenig Geld tolle Werbung machte.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht unsere Geschäftsidee erläutern: Edith und ich wollten das Angenehme (Reichtum) mit dem Nützlichen (Gutes tun) verbinden und schrieben auf unsere Fahne, dass Strahlkraft ausschließlich Kunden vertritt, die sich hohen ethischen Standards verpflichten. Also Kaffeehändler, denen Fair Trade oberstes Gebot ist, Biohonighersteller aus dem Oberallgäu und Möbelfirmen, die ihre Bretter aus heimischen Wäldern von behinderten, älteren Minderheiten sägen lassen. Wir hofften, Strahlkraft würde sich zu einem weithin anerkannten Gütesiegel entwickeln und die Neukunden würden uns die Tür einrennen, um sich mit unserem Namen zu schmücken. Leider hat sich der Wert dieses Ritterschlags noch nicht herumgesprochen. Vielleicht müssen wir mehr Werbung machen. Haha. Mir war gar nicht nach Lachen zumute.

 

Zwei Stunden später brüllte ich: »Wir haben vielleicht einen Job!«

Mario rollte hinter seinem Schildwall hervor und nahm die Kopfhörer ab. Er könnte süß sein, wenn er nicht so ein Nerd wäre. Seine schmutzig blonden Wikingerhaare zwirbelt er mit Küchengummi zu einem Rattenschwanz zusammen, der auf dem Gürtel seiner Jeans aufstößt. Und die hat auch schon bessere Tage gesehen.

Thiago verschwand alle zehn Minuten zum Rauchen und drückte sich die restliche Zeit zwischen Espressomaschine und Kühlschrank herum. Ich versuchte zu ignorieren, dass Edith mit ihm herumschäkerte, statt bei Goldmus anzurufen und die Marketingtussi zu fragen, wo zur Hölle unser Geld blieb. Die Mädels von Goldmus waren ihre Freunde, nicht meine. Aber Madame Turteltaube hatte ja Wichtigeres zu tun.

»Edith! Wollt ihr jetzt hören, worum es geht, oder nicht?«

Mario grinste boshaft.

Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte sie in der Tür auf. Sie schlürfte den Schaum von ihrer Kaffeetasse und ließ sich auf das blaue Ikea-Sofa unter dem Tigerbild fallen, das mir Marty Jones vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt hat. Es ist das Einzige, was ich mitgenommen habe, als ich bei ihm ausgezogen bin. Ein Cartoon-Tiger rennt in die Ozeanbrandung, während er sich das Fell vom Leib reißt. Nur zwei weiße Füßchen hat er noch an und schwenkt den albern gestreiften Anzug mit Schwanz und Ohren in der Luft. Darunter steht: Wet Greetings, Your Striptease Tiger. Edith findet, ich sei zu sentimental. Aber ich mag das Bild, weil es mich an die Zeit erinnert, als Marty Jones noch kein Arschloch war.

»Okay«, sagte ich. »Was fällt euch zu Sumpfgraskompressen ein?«

»Guter Stoff?«, schlug Mario vor.

Ich warf ihm einen Blick zu. »Du sollst sie nicht rauchen, du sollst sie dir aufs Steißbein kleben.«

»Wie kommen die auf uns?« Edith wischte sich Milchschaum von der Oberlippe, schlüpfte aus ihren hochhackigen Stiefeln und zog die Füße auf die Couch.

»Über meine Mutter.«

»Details, Babe.«

»Die Firma heißt Herbalind, sitzt in Riedelsberg am Lech und macht Umschläge aus Heilpflanzen.«

»Herbalind – Ihre freundlichen Kräuterhexen von nebenan. Plingplongtürili. Bei uns ist gegen jeden Schmerz ein Kraut gewachsen.« Mario ist sehr kreativ. Nur leider nicht kundenkompatibel.

»Sie wollen eine Einführungskampagne für die Sumpfgraskompressen. Einen Produktnamen, Bildmaterial, Broschüren, vielleicht auch noch einen kleinen Film.«

»Was ist der USP?«, fragte Edith.

»Der was?« Mario rollte mit seinem Stuhl ein Stück vor, so dass er die Küche mit dem Feind im Blick behalten konnte.

»Ju-Es-Pi. Unique Selling Point«, sagten Edith und ich gleichzeitig.

»Der eine Wahnsinnsvorteil, den die Herbalind-Sumpfgraskompresse hat, den du nirgendwo sonst findest«, fügte sie hinzu, »weswegen die Kunden nachts vor der Apotheke kampieren, um noch eine davon zu ergattern.«

»Cool«, heuchelte Mario. »Und was ist nun der USP?«

»Die besondere Kombination aus Heilkräutern lindert Rücken-, Glieder- und Gelenkschmerzen.« Ich studierte die Notizen, die ich während meines Telefonats mit Frau Ammenrieder in meinen Block gekritzelt hatte. »Auch geeignet zur Diätunterstützung, für einen flacheren Bauch …«

»Wir heuern drei Models an, ziehen sie nackt aus und fotografieren sie, nur mit der Kompresse bekleidet.«

»Keine Models«, wies Edith ihn zurecht. »Models sind ein Symbol des übersteigerten, turbokapitalistischen Schönheitswahns. Sie stehen für Magersucht und ungesundes Körperbewusstsein und widersprechen unserer Unternehmensphilosophie.«

Edith ist eine leidenschaftliche Verfechterin marxistisch-leninistischer Ideale, gewürzt mit einer Prise Greenpeace und Ökoanarchismus. Wer sie eiskalt erwischen will, muss sie nur mal auf ihren Vater ansprechen, der Aufsichtsrat in einer Berliner Skandalbank ist. Das einzig Materielle in ihrem Leben, das vom Gebot der reinen Vernunft ausgenommen ist, ist ihr Kleiderschrank. Kunstpelzmäntelchen und blaue High Heels sind Insignien der modernen Frau im Klassenkampf.

»Aber Sex sells«, begehrte Mario auf.

Apropos Sex. In der Küche rumpelte Che Guevara im Kühlschrank herum. Wie kann jemand, der so verfressen ist, sich diesen Wahnsinnskörper bewahren?

Edith stand vom Sofa auf. »Ich hol mir noch ’nen Kaffee.«

Das führte gerade alles zu nichts. Sie war verkatert von letzter Nacht und hatte nur Thiago im Kopf. Mario ließ den coolen Max raushängen, um seine Eifersucht zu tarnen. Und ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu explodieren. »Okay, Leute, heute Nachmittag schickt Frau Ammenrieder mir die komplette Produktbeschreibung. Könntet ihr euch bis morgen bitte Gedanken machen, damit ich mich bei ihr mit einem konkreten Vorschlag zurückmelden kann?«

»Hmhm«, machte Edith, mit einem Fuß schon in der Küche. Zwei Sekunden später röchelte die Espressomaschine los und übertönte einen Schwall spanischer Liebesschwüre. Oder vielleicht waren es Obszönitäten. Zum Glück verstand ich kein Wort.

»Ich rufe jetzt in der Kanzlei an«, rief ich ihr nach.

»Julia, mach doch nicht so einen Stress.«

»Hast du in letzter Zeit mal einen Blick auf unsere Kontoauszüge geworfen?«

Geräuschlos schlich Mario mit seinem Stuhl zurück hinter die Monitore. Auch wenn er sich zehn Jahre eine Wohnung mit Edith geteilt und ihr nach Partys beim Kotzen die Haare gehalten hatte, so war er doch offiziell unser Angestellter. Vermutlich fühlte er sich unwohl dabei, einen Streit zwischen seinen Chefinnen mit anzuhören. Vor allem, da sich sein Beitrag zum Agentureinkommen in den letzten drei Monaten auf die Installation eines Virenscanners beschränkt hatte. Wäre ich an seiner Stelle gewesen, ich hätte mich auch mies gefühlt. Allerdings war ich so erbost, dass mir jegliches Mitgefühl fehlte.

»Goldmus verspricht mir seit zwei Monaten, dass sie uns die Kohle gleich nächste Woche überweisen. Also entweder sie verarschen uns oder sie stehen kurz vor der Insolvenz, und falls Letzteres der Fall ist, sollten wir lieber schnell unser Recht geltend machen, bevor die anderen Aasgeier kommen.«

»Sie sind nicht insolvent«, beteuerte Edith. »Sonst hätte Kathrin was gesagt.«

Kathrin ist Ediths Cousine und Assistentin bei Goldmus. Eigentlich ist Goldmus ein netter Laden, aber Edith hat sie so verwöhnt mit ihrer Nachsicht in Sachen Geld, dass sie sich inzwischen verleugnen lassen, wenn ich anrufe.

»Entweder du kriegst sie jetzt ans Telefon, oder ich hetze ihnen einen Anwalt auf den Hals.«

»Aber ich muss Thiago zum Flughafen bringen.«

»Kann der nicht mit der S-Bahn rausfahren?«

Edith sah mich an, als hätte ich von ihr verlangt, Robespierre in einen eisigen Wintersturm zu jagen. Ich kam mir vor wie ein Monster, und es machte mich wütend. Wieso sollte ich nun die Böse sein? Was hatte mich gleich noch mal geritten, mit Edith eine Firma zu gründen? Vielleicht, dass sie meine Freundin war und mein Fels in der Brandung, wenn ich am Sinn des Lebens zweifelte.

Es gibt Tage, an denen ich es so satthabe, Captain Kirk auf dem sinkenden Schiff zu spielen, während um uns herum schon die Piranhas erwartungsfroh mit den Schwanzflossen plätschern. Thiago tauchte aus den Untiefen der Küche auf und reichte Edith ihre Kaffeetasse. Er hatte ein Herz in die Cappuccino-Crema gekratzt.

Ich hasse verliebte Schaumschläger.

 

Als sie endlich weg waren, schnallte ich Robespierre an die Leine und zog ihn raus ins Schneetreiben. Ich brauchte frische Luft, und Mario, der schweigend hinter seiner Monitorbarrikade litt, trug auch nicht dazu bei, mich aufzuheitern.

Unser Büro liegt am äußersten Rand des Futura Medienparks, der früher eine Dosenfabrik war. Edith bildet sich ein, dass die alten Mauern immer noch den Hundefuttergeruch ausdünsten, aber das kann gar nicht sein. Hier wurde nie was abgefüllt, nur Blech in Form gepresst. Heute sind die Hallen zu schicken Lofts umgebaut, in denen sie – Achtung, Witz! – allerlei Blech in Form pressen. In den Innenhöfen kann man wichtigtuerisch am Springbrunnen auf dem iPad tippen oder mit dem Handy am Ohr durch die Ginkgo-Allee eilen. Damit alle denken, dass man mit dem Headhunter telefoniert, der einen für hundertzwanzigtausend im Jahr abwerben will. Mich hat nie einer von den Typen kontaktiert, was ich demütigend fand, während Marty Jones ständig solche Anrufe bekam. Ich hätte so ein Angebot jedenfalls sofort angenommen.

Die Parkplätze in den Höfen kann man einzeln anmieten. Man kriegt ein in Aluminium gefrästes Namensschildchen, damit jeder sieht, wie wichtig man ist. Ein Parkplatz kostet so viel wie das billigste Kellerloch auf dem Gelände, sechzig Quadratmeter Souterrain mit Küche und Klo. Da haben wir sofort zugeschlagen. Also beim Kellerloch.

Es war meine Idee, uns im Futura Medienpark einzumieten. Auf diese Weise besitzen wir die gleiche Hausnummer wie Kaiser&Kaiserlyn, kurz K&K, die angesagteste Kreativschmiede Deutschlands, die jedes Jahr in Cannes die Löwen absahnt. Dass wir die Kellerkinder sind, müssen wir ja niemandem erzählen. Edith war erst dagegen, aber ich habe mit der Hausverwaltung einen guten Preis ausgehandelt, und das V9, der lokale Mittagsitaliener, hat sie wieder versöhnt. Die Gnocchi mit Tiroler Schinken in Sahnesoße sind zum Niederknien und kosten im Menü nur fünf fünfzig.

Ich marschierte die Ginkgo-Allee hinunter und zog den widerspenstigen Robespierre hinter mir her. Dieser Hund ist eine Mimose. Ständig ist ihm zu warm, zu kalt, zu nass. Rechts tauchte die protzige gelbe Glasfassade von K&K auf, links das Parkhaus, wo Kunden und gewöhnliche Sterbliche ihre Autos abstellen. Vorm K&K-Portal hat die Hausverwaltung einen Park angelegt, ein Wasserbecken mit Holzplattform und kleinen Brücken, eingefasst von einer Pergola, auf der im Frühjahr Wein und Rosen ranken. Romantisch, um in lauen Sommernächten Praktikantinnenherzen zu brechen.

Der Wind trieb Eiskörnchen vor sich her. Mir fror fast die Hand mit der Leine ab. Robespierre kläffte und zerrte mich zwischen die Luxuskarossen. Neben einem stahlblauen Porsche blieb er stehen und pinkelte an den Reifen. Die gelben Kleckerspuren vorm Einstiegsbereich verschafften mir vage Befriedigung. Zwar bin ich nicht so klassenkampfmäßig drauf wie Edith, aber Porsche assoziiere ich instinktiv mit Werbewichsern aus der Chefetage, und die brauchen ab und zu Kontakt mit den irdischen Niederungen. Marty Jones fuhr einen BMW Z4, aber Marty war bei meiner alten Agentur ja auch nur Kreativdirektor und kein Partner. Ich nenne einen neun Jahre alten Renault Megane mein Eigen. Was sagt das über mich aus? Bescheidenheit ist eine Zier? Mut zum Klassiker?

»Hey!«, wogte eine Männerstimme durch die Windböen. »Was soll das, nehmen Sie Ihren Köter da weg!«

Der Typ war in einen teuren schaffellgefütterten Wildlederhalbmantel gewickelt. Die Haare trug er wie Tom Cruise in Mission Impossible. Schulterlange, weich fallende Strähnen, wie geschaffen für Cabriofahrten. Schneeflocken tupften die dunkle Pracht. Jaja, solche Typen hängen bei K&K rum. Ich tippte auf Starfotograf oder Hugo-Boss-Model, wenn ihm die Karre gehörte. Ich habe meinen alten Job hingeschmissen, damit ich mich mit solchen Dandys nicht mehr rumschlagen muss.

Robespierre hob das Bein und drückte ein paar Tröpfchen nach.

»Oder wollen Sie, dass ich Ihnen die Rechnung für die Autowäsche schicke?«

»So teuer wird die nicht sein«, frotzelte ich zurück.

»Haben Sie eine Ahnung.« Mit einem satten Klack schnappten die Türschlösser auf. Geistesgegenwärtig riss ich an der Leine, gerade rechtzeitig, dass Robespierre aus der Schusslinie flog, bevor ihm die Tür vor die Puschelohren knallte.

Ich habe eine Theorie. Schönheit und Anstand verhalten sich umgekehrt proportional zueinander. Also meistens. Ausnahmen bestätigen die Regel. Mein alter Chef zum Beispiel, der sah aus wie ein mexikanischer Drogenbaron in Altersteilzeit, mit Pockennarben, Schnurrbart und Wampe. Und der quoll nicht gerade über vor inneren Werten, obwohl er nach meiner Theorie ein Heiliger hätte sein müssen.

Der Schönling schwang sich in seinen Schalensitz aus Exklusivleder, zog den Wagenschlag hinter sich zu und ließ den Motor aufheulen. Idiot. Ich wollte ihm etwas Würdeloses nachbrüllen, aber mein Telefon summte in der Jackentasche. Vor lauter Schmerz, auch die zweite Hand der Kälte aussetzen zu müssen, vergaß ich glatt meinen Zorn. Ich flüchtete unter die kahle Pergola und presste das Handy ans Ohr.

»Hey, Babe, störe ich?« Marty Jones’ Stimme klingt wie der Marlboro Man. Obwohl er seit zehn Jahren in Deutschland lebt, verwandelt sein kalifornischer Akzent jedes Wort in Schokolade. Als er zum ersten Mal an meinen Schreibtisch trat und Hey, Babe, störe ich? sagte, war ich ihm augenblicklich verfallen. Aber die Zeit bleibt nicht stehen. Ich bin raus aus dem System, während er glaubt, er könnte es beherrschen.

»Kommt darauf an.« Nach drei Jahren Zusammenleben haben wir uns im Guten getrennt. Wir reden noch miteinander. Bloß essen gehen wollte ich nicht mehr mit ihm, weil ich wusste, er würde versuchen, mich ins Bett zu kriegen. Schon um mir zu beweisen, dass ich unrecht hatte. Und das Schlimmste: Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm widerstehen konnte.

Er lachte. Er hatte gute Laune. Schön für ihn. Ich nicht. Mir fielen gleich die Finger ab. Robespierre winselte, weil sein Pinkelbaum Beine gekriegt hatte und röhrend vom Hof fuhr.

»Wie läuft’s denn so?«

»Gut. Super.« Schneematsch tropfte mir in den Kragen. Ich wickelte mir die Leine ums Handgelenk, stopfte die Hand in die Manteltasche und nahm Kurs zurück aufs Büro.

»Habt ihr viel zu tun?«

»Warum?«

»Ich hätte da so ein Projekt.«

»Ist gerade ganz schlecht.« Nie im Leben würde ich vor Marty zugeben, dass Strahlkraft nicht so toll lief. Lieber ersetzte ich die Gnocchi mit Tiroler Schinken in Sahnesoße durch Knäckebrot. Jeder, der mal Gnocchi mit Tiroler Schinken in Sahnesoße im V9 gegessen hat, kann ermessen, wie todernst mir die Sache war. »Wir ersticken in Arbeit.«

»Willst du dir nicht wenigstens anhören, worum es geht? Also wir pitchen gerade auf Mocona, das ist –«

»Nein, vergiss es«, fiel ich ihm ins Wort. »Wir können uns vor Aufträgen nicht retten.«

»Echt?« Er klang nur halb überzeugt.

»Echt.«

»Hast du morgen Abend schon was vor?«

»Da muss ich Andromeda gucken.«

Er lachte. »Deine Ausreden waren auch schon mal besser.«

»Und du warst auch schon mal hartnäckiger.«

»Nur wenn ich mir echte Erfolgschancen ausrechne.«

»Warum fragst du dann überhaupt?«

»Wenn ich sage, aus Höflichkeit, nimmst du dann noch ab, wenn ich das nächste Mal anrufe?« Natürlich hätte er niemals zugegeben, dass meine Absage ihn kränkte. Irgendwie versöhnte mich das. Zu wissen, dass das nicht spurlos an ihm vorüberging.

»Vielleicht beim nächsten Mal.« Ich drückte mit dem Ellbogen auf die Klingel, weil ich keine Hand frei hatte, um die Bürotür aufzuschließen. »Ehrlich. Ich bin gerade im Stress. Gib mir ein bisschen Zeit.«

»Klar. Melde dich einfach. Ich würde glatt alle anderen Verabredungen absagen.«

»Angeber.«

»Love you, Babe.«

Darauf falle ich schon lange nicht mehr rein. Amerikaner sagen das bei jeder Gelegenheit. Sie meinen damit so was wie Ciao, Hals- und Beinbruch, meld dich mal wieder, wenn du in der Gegend bist.

»Mach’s gut«, sagte ich und legte auf. Ich hatte den Schlüssel schon halb im Schloss, als Mario endlich aufmachte. »Immer mit die Ruhä, guapa«, äffte er Ediths Latin Lover nach.

»Das hält eh keine zwei Wochen«, versuchte ich ihn aufzumuntern.

 

Keine Ahnung, ob Edith geblieben war, um dem abhebenden Flugzeug nachzuwinken, aber nach zwei Stunden war sie noch immer nicht zurück. Ich fragte Mario, ob er mit mir ins V9 gehen wollte. Er grummelte was von keinem Hunger. Toll. Auf Tiefkühlpizza verspürte ich keine Lust, nachdem Che Guevara mit seinen liebestollen Fingern unsere Vorräte betatscht hatte. Also musste ich wohl oder übel alleine essen.

Ich reckte mich auf Zehenspitzen vor dem Spiegel im winzigen Klo, um meine Haare in einen ansehnlichen Zustand zu bringen. Vielleicht in der unbewussten Hoffnung, dass ich im V9 den einen, für mich bestimmten Prinzen traf. Nach Marty Jones konnte ich einen One-Night-Stand und zwei kurze Affären verbuchen, die letzte mit Andy, Ediths Boheme-Kumpel, der Altphilologie und Literaturdidaktik im siebzehnten Semester studiert, glühende Reden über die Gleichberechtigung der Geschlechter hält und sich seine Wäsche von Mama bügeln lässt.

Seitdem erzähle ich allen, dass ich keine Zeit für eine Beziehung habe und es überhaupt viel besser ist, wenn man morgens das Bad für sich allein hat. Auch kann man sich das ganze Wochenende flache Science-Fiction-Serien reinziehen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Meine Haare sind schulterlang und blond gesträhnt und geschnitten wie bei Kate Beckinsale in Underworld. Nach dem Schneesturm hatten sie ihre Vampirkiller-Glorie eingebüßt und hingen herunter wie nasse Mäuseschwänze. Ich kämmte unschlüssig daran herum, fuhr ein paarmal mit den Fingern durch, zog mir zur Kompensation die Augenbrauen nach und tröstete mich zuletzt damit, dass ins V9 sowieso nur Typen gingen, mit denen ich nichts zu tun haben wollte. Schließlich hatte ich mich nicht grundlos von Marty Jones getrennt.

Draußen stürmte es immer noch, aber wenigstens hatte es aufgehört zu schneien. Einen Treppenaufgang weiter posierte ein bleiches Mädchen mit Netzstrümpfen und schwarzgefärbten Haaren und bibberte sich zu Tode. Die Fotografin gehörte zu Modelmania, einer Agentur, die sich seit der Invasion der Fernseh-Castingshows dumm und dämlich verdient. Sie kassieren hundert Euro Aufnahmegebühr, und wenn dickliche Teenager in Begleitung ihrer Oma auflaufen, verkaufen sie der gleich noch einen Zweitvertrag, denn Models über sechzig sind schwer im Kommen und so. Ich frage mich immer, ob die Mädels nicht misstrauisch werden, wenn sie bei Nieselregen mit einer Ritsch-Ratsch-Klick-Kamera vor grauen Bauzäunen abgelichtet werden. Und wenn sie sich nach einem Jahr wundern, dass Karl Lagerfeld immer noch nicht angerufen hat, verkauft man ihnen das Model-Extra-Plus-Paket, mit Doppelseite in der Kartei, Facebook-Künstlerprofil, Twitter-Account und eigener Website. Damit mal was vorangeht in der Modelkarriere. Die Fotografin lächelte noch verkrampfter als ihr verfrorenes Opfer. Jaja, dachte ich, du bist jung und brauchst das Geld.

»Julia!«, durchdrang es den tosenden Wind. »Julia, warte!«

Ich drehte mich um. Edith kroch gerade durch das Loch im Zaun, der den Futura Medienpark von der benachbarten Kaserne trennt. Man kann dort kostenfrei sein Auto abstellen, was ein gut gehütetes Geheimnis ist.

»Kommst du mit essen?«, brüllte ich zurück.

Sie nickte. Mit ihren blauen High Heels konnte sie nicht rennen, deshalb ging ich ihr ein Stück entgegen.

»Entschuldige noch mal wegen vorhin«, keuchte sie.

»Hmpf«, machte ich. Mein Zorn war sowieso schon wieder verflogen. Ich kann nicht nachtragend sein. Es dauert drei Tage und ich habe vergessen, was man mir Böses angetan hat. Manchmal hasse ich das. Edith zum Beispiel hat ein Elefantengedächtnis. Sie schmiedet noch heute Vergeltungspläne gegen den Kerl, durch den ihr Auto vor sieben Jahren eine Beule bekommen hat. Ich dagegen halte Rachefantasien nie länger als eine Woche durch. Wahrscheinlich ist das der Grund, dass mich niemand als furchteinflößenden Gegner für voll nimmt. Kein Wunder, dass Goldmus uns auf der Nase rumtanzt.

»Manchmal muss frau eben Prioritäten setzen.« So, wie sie grinste, wusste sie, dass ich ihr verziehen hatte. Ich hasse es, durchschaubar zu sein.

»Wie hast du den Typen überhaupt aufgegabelt?«

»Über Andy. Thiago war auf dem Kongress der kommunistischen Weltparteien in Amsterdam und hat eine Europatour drangehängt. Er hat Andy über eine Internetseite gefunden, wo man seine Wohnung als Übernachtungsquartier anbieten kann.«

»Ah«, machte ich. Passte zu Edith.

»Ich dachte mir, ich könnte über Weihnachten nach Argentinien fliegen.«

Ha! Lag ich doch richtig mit Che Guevara. Kein Wunder, dass rote Herzchen in Ediths Augen leuchteten. Nicht nur, dass Thiago ein Bild von einem Mann war, seine politische Einstellung passte auch genau in ihr Beuteschema.

»Bisschen weit für eine Fernbeziehung, findest du nicht?«

»Ich muss unbedingt Spanisch lernen.«

Armer Mario.

Den Rest des Weges verlor sie sich in romantischen Schwärmereien über ihr zukünftiges Leben zwischen Künstlern, Literaten und Politaktivisten in Buenos Aires.

Mir graute jetzt schon vorm Katzenjammer, wenn sich rausstellte, dass Thiago verheiratet und Vater von vier entzückenden Kindern war.

Wir schlüpften in die dunstige Wärme des Restaurants und stellten uns ans Ende der Schlange. Das V9 funktioniert wie eine Kantine. Man bezahlt sein Essen an der Bar und geht mit dem Kassenzettel zum Ausgabeschalter. Der Nachteil ist, dass sich zu Stoßzeiten vierhundert Leute mit dampfenden Tellern durch zwei Meter breite Gänge drängeln.

Vor uns bildete sich ein Stau, weil die Küche mit der Hähnchenbrust auf Zitronen-Kapern-Soße nicht hinterherkam und die Theke unter Spaghetti-Carbonara-Schüsseln zuwucherte. Die Wagemutigsten unter den Hungrigen drängelten sich vor, um ihre Nudeln zu ergattern. Edith und ich tauschten einen Blick und folgten ihnen mitten ins Gefecht. Während Edith sich zwei Portionen angelte, spähte ich einen freien Tisch aus. Wer im Winter um halb eins ins V9 geht, muss bereit sein, für sein Essen zu kämpfen.

Ich sah das Unheil kommen, aber für eine Warnung war es zu spät. Edith drehte sich mit zwei Ladungen Spaghetti genau in dem Moment um, als sich eine blonde Schönheit ins Geschehen stürzte und sie frontal rammte. Es gab zwei dumpfe Aufschläge, als die Schüsseln auf den Fliesen zersprangen. Alle Umstehenden wichen zurück, so dass Edith und die Blondine plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit standen. Edith hatte mehr von den Nudeln abbekommen als die Unfallverursacherin, doch die Carbonara-Soße hob sich auf dem schwarzen Kostüm der Blondine viel besser ab.

Ein Moment schockierten Schweigens folgte.

»Oh Gott«, brach es aus der Blondine heraus, »das tut mir so leid!«

Edith, noch benebelt von Glückshormonen, popelte unschlüssig mit einem Finger in den Nudeln auf ihrem Kunstpelzmäntelchen.

»Zum Glück gab’s ja keine Verletzten«, konstatierte ich.

Schlagartig setzte der Lärm wieder ein. Wie bei einem Unfall auf der Autobahn, wenn die Leute begriffen haben, dass es kein Blut zum Gaffen gibt. Ein Hilfskoch mit Eimer eilte herbei. Die Schlange formte einen Bogen um das Malheur. Die Ankunft zweier Hähnchenbrüste mit Zitronen-Kapern-Soße löste neues Tohuwabohu aus, denn die Geflügelverzehrer versuchten, ihren Platz an der Front zurückzuerobern.

»Es tut mir wirklich leid«, stammelte die Blondine. »Ich lade dich ein, okay? Als Wiedergutmachung.«

»Mich aber auch«, meldete ich mich zu Wort.

So fügte es sich, dass wir Simone Schöneberger kennenlernten, die Frau mit den Lenin-Ohrringen und den makellosen Zehennägeln. Kein Wunder, dass Edith sie gleich in ihr Herz schloss.

 

Auf dem Klo stellten Simone und Edith fest, dass sie die gleiche Leidenschaft für farbenfrohe High Heels und kommunistisch inspiriertes Schmuckdesign teilten. Simone führte stolz ihre Hammer-und-Sichel-Ohrstecker vor, und Edith konterte mit dem Kettenanhänger in Form eines rot-golden emaillierten Sowjetsterns. Bei ihrer Rückkehr zum Tisch hatten sie Freundschaft geschlossen. Deshalb lächelte Edith auch milde verzeihend, als Simone gestand, bei K&K als Account-Managerin zu arbeiten.

Weil’s so nett war, ließen wir das Essen mit einem Cappuccino im Kekshaus ausklingen. Das ist ein Coffeeshop mit freiem WLAN, wo man beim Vanilla Latte in Ruhe seine Rechtfertigungs-E-Mails tippen kann.

»Und was macht ihr so?«, fragte Simone, während sie sich Milchschaum von den perfekt geschminkten Lippen tupfte. Ich konnte Ediths Euphorie über unsere neue Bekanntschaft nicht recht teilen, denn Simone flößte mir trotz der Soßenflecken auf ihrem Kostüm Minderwertigkeitskomplexe ein. Ihre blonden Locken sahen aus wie frisch von den Wicklern geschüttelt.

Ich nippte schweigsam an meinem Cappuccino und versuchte, mir nicht einzubilden, dass alle die nassen Mäuseschwänze auf meinem Kopf anstarrten. Derweil setzte Edith sich in Szene und übernahm die Firmenpräsentation. Sie schlug sich gar nicht schlecht. Das sind die Momente, in denen ich doch wieder froh bin, Strahlkraft mit ihr gegründet zu haben.

»… und unsere witzigen und überraschenden Kreativkonzepte setzen wir mittels innovativster Medientechnik für unsere Kunden um«, beschloss Edith ihre Rede. Damit meinte sie Mario, der an seinem Computer Meerjungfrauen mit großen Brüsten baut, die durch brennende Reifen springen. Oder sprechende Passionsblumen mit lila Schleifen. Die sehen ziemlich cool aus. Leider will keiner unserer Kunden Geld dafür ausgeben. Vielleicht, wenn’s Sonnenblumen gewesen wären. Andererseits bezahlen die ja nicht mal Geld für das, was sie bestellt haben.

»Innovative Medientechnik?« Simone wirkte plötzlich interessiert. »So mit 3-D-Effekten? Könnt ihr auch Fotos von Sachen machen, die es nicht gibt?«

»Das ist unsere Spezialität«, tönte Edith.

Dazu muss ich einwerfen, das war ein Euphemismus. Oder, wie meine Mutter sagen würde, eine glatte Lüge. Fotorealistisch sahen nicht mal Marios tanzende Skelette aus. Und die Passionsblume … ich versuchte, das Ding ohne lila Schleife und Ballonlippen vor mein geistiges Auge zu beschwören. Kam das wirklich einem Foto nahe?

»Ähm –«, setzte ich an. Und verstummte wieder, als Edith mir einen warnenden Blick zuwarf.

»Wir pitchen gerade auf das Marketingbudget eines neuen Biolebensmittelherstellers, der sich auf die Zielgruppe junger und jung gebliebener, gutverdienender, umweltbewusster, überwiegend urbaner Trendsetter konzentriert. Passt genau in euer Profil!« Simone lächelte ein bezauberndes Lächeln. »Das Konzept unseres Kreativdirektors sieht die Inszenierung von Models in der Interaktion mit lokalen Früchten vor, die in den wertvollen Brotaufstrichen unseres zukünftigen Kunden verarbeitet werden.«

»Wow«, sagte ich vorsichtig.

Ich wartete auf Ediths Einspruch, weil Models doch das kapitalistische Lebensgefühl verkörpern, egal ob nun in Interaktion mit lokalen Früchten oder mit Herbalind-Sumpfgraskompressen um die Hüften. Aber die sagte kein Wort. Auf einmal war ich ganz eifersüchtig. Da gingen sie hin, unsere Ideale. Klar, meine Sumpfgraskompressen konnten gegen die Luxushimbeeren von Kaiser&Kaiserlyn nicht anstinken.

»Dazu gehören Löwenzahn, Hagebutten, Holunderblüten und Schlehdorn«, führte Simone aus, »Früchte mit einem hohen lokalen Identifikationspotenzial. Das Problem ist, dass es uns nicht gelingt, einen Händler zu finden, der das Zeug mitten im Dezember ranschaffen kann.«

»Ups«, fühlte ich mich bemüßigt zu sagen, »das ist aber blöd. Bauen die in Marokko keinen Schlehdorn an? Vielleicht, wenn ihr den Löwenzahn im Töpfchen zieht?«

»Aber das dauert alles zu lange.« Simone entging ganz offensichtlich die Ironie meiner Worte. »Wir müssen in zwei Wochen abgeben.«

»Das ist doch super«, fiel Edith ein. »Unsere 3-D-Abteilung hat gerade Luft, da greifen wir euch gerne unter die Arme.«

»Hach«, flötete Simone, »das wäre super. Kommt einfach morgen zu unserem Pre-Production-Frühstück, da könnt ihr alle kennenlernen.«

Pre-Production-Frühstück. Mann, ich dachte, die Zeiten hätte ich hinter mir gelassen. Marty Jones hätte sich kaputtgelacht, mich so zu sehen.

 

Der Rest des Bürotages verlief weniger glamourös. Mario schmollte hinter seinen Bildschirmen. Edith, die vor Stolz beinahe platzte, rutschte auf meinem Ikea-Sofa herum, trank einen Cappuccino nach dem anderen und wollte alle zehn Minuten von mir bestätigt wissen, wie super sie die Sache mit K&K eingefädelt hatte.

Ich mühte mich vergeblich ab, ein Konzept für Frau Ammenrieders Sumpfgraskompressen zu tippen, und guckte heimlich Katzenvideos auf YouTube. Außerdem setzte ich den Wolllöwen um, der auf meinem Monitor wohnte. Von rechts nach links, von links nach rechts, vom Monitor aufs Telefon und dann wieder zurück. Ich habe ihn eigenhändig gehäkelt. Ja, ich kann häkeln, auch wenn mir das niemand zutraut. Der Löwe war eigentlich als witziges Geschenk für Marty Jones gedacht. Weil Marty so deprimiert war, dass sein Beitrag in Cannes keine Löwentrophäe gewonnen hatte. Als dann alles den Bach runterging, habe ich ihn behalten. Also den Löwen, nicht Marty Jones.

Gegen halb fünf – das deprimierende Grau vor den Fenstern war deprimierender Dunkelheit gewichen – kam ich zum Schluss, dass ich ebenso gut nach Hause fahren konnte, um den Tag mit Chips und trashigen 80er-Jahre-Science-Fiction-Fernsehserien zu beschließen. Ich hatte gerade den Schneematsch von der Frontscheibe meines altersschwachen Renaults gekratzt, da rief meine Mutter an. Ich spielte mit dem Gedanken, nicht dranzugehen, doch was, wenn sie im Schneetreiben stecken geblieben war und meine Hilfe brauchte?

Mit einem Stoßseufzer ließ ich den Wagen an und lenkte ihn einhändig aus der Parklücke, während ich mit der anderen Hand das Handy ans Ohr presste. »Hast du die Frau Ammenrieder angerufen?«, tönte es mir entgegen.

»Ja, Mama.«

»Wo bist du denn? Telefonierst du etwa beim Autofahren?« Ihr Instinkt ist untrüglich. Und Lügen zwecklos.

»Ja, Mama. Aber ich habe doch ein Headset.« Ich ließ schnell das Lenkrad los, um den Blinker zu setzen, und klemmte es anschließend mit dem Knie fest, um vor der Kreuzung runterzuschalten.

»Du musst es ja wissen.« Sie seufzte auf diese Art, wie Mütter es tun, wenn sie die Schwindeleien ihrer Mittdreißiger-Töchter durchschaut haben, allerdings nicht weiter auf dem Thema herumreiten wollen. »Aber warum ich eigentlich anrufe, denkst du noch daran, dass der Herr Hasmeyer nachher vorbeikommt?«

Herr Hasmeyer …?

»Sag bloß, du hast es vergessen?«

»Arschloch«, entschlüpfte es mir, als so ein Idiot mich beim Linksabbiegen schnitt.

»Kind, wo bist du, um Gottes willen?!«

Auf einer schneeglatten sechsspurigen Kreuzung im dichtesten Feierabendverkehr, mit dem Handy am Ohr und von Verrückten umzingelt, die mich blöd anhupen, wenn ich bremse, damit eine Oma mit Gehwägelchen bei Rot über die Ampel humpeln kann. Aber das konnte ich ihr nicht sagen. Stattdessen flötete ich: »Der Herr Hasmeyer? Ich dachte, der wollte morgen kommen?« Ehrlich gesagt, den Herrn Hasmeyer hatte ich total vergessen.

»Julia!« Gleich fragte sie, ob ich meine Steuererklärung fürs vorletzte Jahr schon gemacht hatte. Sie hat wirklich einen untrüglichen Instinkt für Schwachpunkte, meine Mutter. Schmiert mir immer gleich alle anderen zwanzig Verfehlungen aufs Brot, wenn sie mich bei einer ertappt hat. »Das ist bares Geld, das du dem Staat schenkst! Jetzt ist das Jahr fast schon wieder rum, und du hast immer noch nicht –«

»Aber ich bin doch in zwanzig Minuten zu Hause!«, begehrte ich auf. »Dann kann ich den Herrn Hasmeyer treffen und diese blöde Rentenversicherung abschließen, ist doch alles kein Problem, Mama!«

»Na gut.« Sie klang skeptisch. »Und fahr bloß vorsichtig.«

»Mach ich.« Die Räder drehten durch, als ich hinter der Oma mit Gehwägelchen über die Kreuzung schlitterte.

Ich wohne in Giesing, einem Stadtteil, der nur ein paar U-Bahn-Stationen vom Zentrum entfernt liegt, aber so wenige Clubs und Kneipen hat, dass die Mieten erschwinglich bleiben. Wobei erschwinglich natürlich relativ ist. Meine Mutter, die in einem Zweitausend-Seelen-Dorf mit Kirchturm und Blick auf die Alpen lebt, hat fast der Schlag getroffen, als sie herausfand, was ich für meine teilsanierte Zweizimmerwohnung hinblättern muss. Da konnte ich noch so leidenschaftlich argumentieren, dass meine Freunde in Haidhausen fast das Doppelte bezahlen und dass ja schließlich die Traumlage im Herzen Münchens … tja, mit einem eklatanten Mangel an Parkplätzen einhergeht, führte ich den Gedanken im Geiste zu Ende.

Seit vorn an der Ecke die Fift-Autovermietung eingezogen ist und jede verfügbare Lücke mit ihren BMWs vollstellt, wird der Kampf um Parkplätze in unserer Nachbarschaft auf Leben und Tod geführt. Ich kreiste dreimal um den Block, stellte fest, dass auch der Notparkplatz vor der Feuerwehrausfahrt gegenüber vom Supermarkt schon besetzt war, weitete meinen Suchradius aus und fand schließlich ein halb illegales Plätzchen hinter der übernächsten U-Bahn-Station. Nur für Patienten der Kieferorthopädischen Klinik, steht auf dem Schildchen, aber die lassen erst nach neun Uhr morgens abschleppen.

Die Vorstellung, die kommenden Stunden mit dem Versicherungsberater meiner Mutter Rentenmodelle zu diskutieren, hob nicht gerade meine Laune. Das war’s dann mit meinem gemütlichen Fernsehabend. Papierkrieg ist einfach nicht mein Ding. Für Strahlkraft kümmere ich mich um die Finanzen, weil ich eben muss. Privat bin ich, was das angeht, eine totale Niete. Darüber hat sich schon Marty Jones immer lustig gemacht.

Bis über die Ohren in meinen gefütterten Anorak gewickelt, stiefelte ich die anderthalb Kilometer zurück zur Wohnung. Der Wind schnitt mir eisig ins Gesicht, aber wenigstens hatte es aufgehört zu schneien. Aus dem Türschlitz eines türkischen Obstmarktes drangen Adventsklänge. In den Schaufenstern blinkte die Weihnachtsdekoration. Kinder mit Schlitten tobten mir entgegen. Ich wollte schon in weihnachtswehmütiger Milde versinken, da schoss einer dem anderen Jungen einen Schneeball ins Gesicht, und der Getroffene schrie: »Ey, Alda, is deine Mutta Schlampe, oda was?«

Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all, schallte der Chor lieblicher Stimmen durch die verschmierte Glasscheibe.

Ich wechselte schnell auf die andere Straßenseite.

Der Rest meiner Wanderung blieb ereignislos. Ich stapfte mit gesenktem Kopf und tief in den Taschen vergrabenen Händen durch das Wohngebiet mit den Dreißiger-Jahre-Arbeiterblöcken. Stoisch setzte ich einen steifgefrorenen Fuß vor den anderen, bis ich meine Straße erreichte.

Ich wohne im vierten Stock eines altrosa gestrichenen Siebziger-Jahre-Baus, der zwischen zwei Gründerzeithäuser geklemmt ist. Im Keller befindet sich eine Psychotherapie-Praxis, in den Wohnungen der ersten und zweiten Etage liegen Büros. Da gibt die Briefträgerin tagsüber meine Pakete ab. Eins höher wohnt die alte Hexe, die Kette raucht und immer mit weit aufgerissener Tür ins Treppenhaus lüftet. Der Typ vom Sozialdienst, der die Einkäufe für sie besorgt, ist ein ganz Süßer. Nur leider fünfzehn Jahre jünger als ich. Der hat noch nicht mal mit dem Studium begonnen. Nee, Julia, sagte ich mir, als er mich letztens bei den Briefkästen charmant anlächelte, so verzweifelt bist du noch nicht.

Und schließlich gibt’s noch Sonja, meine Nachbarin von gegenüber, Ex-Junkie und Mutter einer kleinen Tochter, die inzwischen allerdings wieder mit beiden Beinen im Leben steht und Single ist wie ich. Manchmal, wenn Edith keine Zeit für mich hat, weil sie den Abend lieber mit einem sexy Möchtegern-Revolutionsführer verbringt anstatt mit ihrer sauertöpfischen Freundin, gehe ich mit einer Flasche Wein zu Sonja rüber und wir lästern über die Schlechtigkeit der Männer.

Im Treppenhaus herrschten arktische Temperaturen. Es stank nach kaltem Rauch und Kölnisch Wasser. So weit, so heimisch. Ich fischte meine Post aus dem Briefkasten, warf dem Fahrstuhl einen sehnsüchtigen Blick zu und nahm die Treppenstufen. Mein tägliches Opfer für die Schönheit. Da ich, im Gegensatz zu Edith, nicht von Natur aus mit elfengleichen Beinen gesegnet bin, muss ich für jedes Sahnehäubchen auf der heißen Schokolade büßen. Die Tür der Hexe stand wie erwartet einen Spaltbreit offen. Eine Treppe höher miaute Sonjas Katze.

Ich bog gerade um den letzten Absatz, da schmetterte mir eine männliche Stimme entgegen: »Frau Neumann?«

Ich verfehlte vor Schreck die letzte Treppenstufe. Der Mann, der direkt vor meiner Tür stand, fing mich auf. Peinlich berührt blickte ich zu ihm auf. Er trug einen Anzug, der um seine Hüften kniff, und hatte fröhliche rote Lachbäckchen. Und eine Krawatte mit lauter Rudolf-Rentieren. Ich konnte meinen Blick nicht von den Elchnasen lösen.

»Ich bin Carsten Hasmeyer!«, verkündete er freudestrahlend.

»Ähm.« Etwas außer Atem vom Treppensteigen brachte ich nur ein Schnaufen hervor. Verdammt, wieso war der denn schon hier? »Ähm, tja.« Ich ergriff die mir hingehaltene Hand, eine richtige Handwerkerpranke. Wahrscheinlich war er Hobby-Dachdecker. Kein Wunder, dass ihm der Anzug nicht passte. Ein Blaumann hätte ihm besser gestanden. »Ähm, hallo.«

Mir war gleich klar, warum meine Mutter ihn so gut leiden konnte. Und nach einem tieferen Blick in diese hoffnungsvollen blauen Augen wurde mir noch etwas anderes klar. Oh nein. Vergiss es, Mama. Ich guckte schnell wieder weg und fummelte den Schlüssel ins Schloss.

»Entschuldigen Sie, es ist nicht besonders aufgeräumt.« Ich stieß die Tür auf und wedelte mit der Hand. »Kommen Sie rein. Ich habe aber nicht viel Zeit.« Mir war eben die Erleuchtung gekommen, warum meine Mutter Herrn Hasmeyer in Wahrheit zu mir geschickt hatte. Das würde ihr so passen, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Rentenversicherung und Enkelkinder aus einer Hand. Sie macht ja keinen Hehl daraus, was sie von meinem Instinkt in Sachen Partnerwahl hält. Sogar Marty Jones duldete sie nur zähneknirschend am Weihnachtstisch. Deshalb hetzt sie mir unter fadenscheinigen Vorwänden Paarungskandidaten auf den Hals.

Gleich beim Eintreten stolperten wir über meine hellbraunen Pumps im Flur. Das ist noch so ein Vorteil am Single-Dasein. Niemand zwingt dich zum Aufräumen. Der Nachteil ist, dass sich die Wohnung über kurz oder lang in eine Messie-Höhle verwandelt. Außer man verfügt über ein ordentliches Maß Selbstdisziplin.

Voll Schrecken fiel mir ein, dass sich auf dem Wohnzimmersofa ein Berg ungelegter Wäsche türmte.

»Moment«, sagte ich, »keine Bewegung. Ich bin gleich wieder da!« Nachdem ich nicht vorhatte, mit Rudi dem Rentier was anzufangen, gingen ihn auch meine Spitzenhöschen nichts an.

Eilig raffte ich den Haufen zusammen und stopfte ihn hinter die nächstbeste Schranktür. Ich drehte mich einmal im Kreis. Der Rest des Zimmers war okay. Ikea-Muster-Wohnung wie aus dem Katalog. Das rote Ledersofa verschwand teilweise hinter einem meterhohen Wall aus Bücher- und DVD-Stapeln. Drei Viertel davon gehörten Edith, die sie nach ihrem Umzug noch nicht wieder abgeholt hatte, weil sie in ihrem Einzimmerapartment noch weniger Platz hat als ich. An der Lampe schaukelte sacht die Installation aus Perlenschnüren und Papiervögeln, die mir Sonja letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hat. Der Schreibtisch quoll über, aber mal ehrlich, wir wollen ja nicht päpstlicher sein als der Papst.

»Okay«, rief ich. »Sie können reinkommen!«

Herrn Hasmeyers Lächeln wirkte etwas unsicherer als zuvor. Gut so. Wer wusste schon, welche Flausen meine Mutter ihm in den Kopf gesetzt hatte. Sollte er sich bloß nicht einbilden, dass ich mehr von ihm wollte als eine Rentenversicherung. Und sogar die nur unter Protest.

»Schön haben Sie es hier«, schmeichelte er mir.

Ich hockte mich im Schneidersitz aufs Sofa und kam mir ein bisschen mies dabei vor, ihm nichts zu trinken anzubieten. Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Ha! Wäre das nicht ein super Slogan für einen Versicherungsvertreter?

»Und so viele Bücher?« Er stellte seine Aktentasche neben dem Couchtisch ab und bückte sich nach einem dicken Wälzer. »Oh, wow, Sie lesen Lenin?«

»Nur samstags zum Frühstück«, sagte ich und strahlte ihn an. »Also, wo muss ich unterschreiben, und was kostet der Spaß?«

»Darf ich mich vielleicht«, er deutete zögerlich auf den Sessel voller Zeitschriften, »dort hinsetzen?«

»Klar. Stapeln Sie das Zeug einfach auf den Boden.«

»Ich soll Ihnen übrigens viele Grüße von Ihrer Frau Mutter ausrichten.«

»Vielen Dank.« Ich sah ihm zu, wie er die Sitzfläche leer räumte. Als er sich hinsetzte, bemerkte ich, dass seine Socken die gleiche Farbe wie der Rentierschlips hatten und mit kleinen roten Punkten getupft waren. Man musste allerdings ganz genau hingucken, um sie zu erkennen.

»Ich habe hier einmal etwas vorbereitet.« Er legte ein paar Ordner und Broschüren auf den Couchtisch, sorgfältig im rechten Winkel zueinander ausgerichtet. Dabei lächelte er unentwegt. Ich konnte fast die Stimme meiner Mutter im Kopf hören. So ein freundlicher junger Mann! Der kann auch mal den Abfluss reparieren, so was ist Gold wert! »Wie Sie ja wissen, wird die staatliche Rente in zwanzig Jahren nicht mehr ausreichen, um …« Ab hier verwandelte sich der Strom seiner Worte in ein Bächlein, das lustig gurgelnd über die Stolpersteine der privaten und gesetzlichen Altersvorsorge plätscherte, dabei nur haarscharf an den Klippen der Pflegeversicherung vorbeitoste und sich schließlich in die Weiten der Anlagemodelle ergoss, in denen Herr Hasmeyer wie ein Fels in der Brandung der Ungewissheit trotzte.

Oder so in der Art.

Draußen im Treppenhaus klapperte der Schlüssel in Sonjas Schloss. Da meine Nachbarin ihre Tochter nicht einfach sich selbst überlassen kann und ihr für einen Babysitter das Geld fehlt, kommt sie noch weniger zum Ausgehen als ich. Ich sah mir Herrn Hasmeyer, diese fleischgewordene Bodenständigkeit, noch mal genauer an: blaue Augen, blondes Haar, genau im richtigen Alter. Da kam mir eine Idee.

»Wenn Sie also jeden Monat hundertfünfundvierzig Euro einzahlen, erhalten Sie bei einem Renteneintrittsalter von fünfundsechzig Jahren …«

»Hundertfünfundvierzig? Das hab ich gehört!«

Irritiert lächelte Herr Hasmeyer mich an.

»Das sind fast zweitausend Euro im Jahr!« Mir fiel sofort wieder Goldmus ein. Meine Magenschmerzen meldeten sich. Was tat ich hier? Ich hatte doch wirklich andere Sorgen als diese blöde Rentenversicherung, die auch noch Geld von mir wollte!

»Ja, aber die Steuerersparnis –«

»Steuern sparen kann man nur, wenn man welche zahlen muss«, belehrte ich ihn.

»Liebe Frau Neumann«, sein Lächeln kriegte einen charmanten Zug, trotz der roten Bäckchen, »wir müssen das ja nicht hier und jetzt entscheiden. Vielleicht möchten Sie erst einmal eine Nacht darüber schlafen? Was halten Sie davon, wenn ich einfach morgen oder übermorgen noch mal vorbeikomme? Dann gehen wir irgendwo nett was essen und besprechen noch einmal in Ruhe, wie das optimale Rentenversicherungspaket für Sie aussehen könnte.«

Sonjas Katze miaute. Die Tür fiel ins Schloss. Ruhe kehrte im Treppenhaus ein.

»Mögen Sie eigentlich Kinder?«, fragte ich.

»Ob ich …« Er wurde tatsächlich rot. Nicht nur auf den Bäckchen, sondern im ganzen Gesicht. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass meine Mutter ihn auf mich angesetzt hatte, dann war es dieser. »Wie meinen Sie das?«

»Ach, nur so.«

»Tja, also ja. Ich mag Kinder. Mein Bruder hat zwei.«

»Super.« Ich sprang auf. »Dann muss ich Ihnen unbedingt meine Nachbarin vorstellen. Die ist nämlich auch nicht privat rentenversichert. Die müssen Sie dringend beraten.«

2 Sex macht schlank – lass uns abnehmen!

Du ziehst sofort das T-Shirt aus!«, fauchte Edith am nächsten Morgen.

Ich hatte mich zeitig aus dem Bett gequält, um mich um acht mit den beiden anderen zu treffen. Das Pre-Production-Frühstück begann um neun. K&K schienen ihren Laden schwer im Griff zu haben, wenn sie ihre Kreativen dazu kriegten, zu dieser Morgenstunde bei einem Meeting aufzutauchen.