Wie starb Murdock? - Isabel Ackermann - E-Book

Wie starb Murdock? E-Book

Isabel Ackermann

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Beschreibung

Da steht sie nun: Talentiert, schön, Mitte zwanzig - und krank. Lebt mit dem 19-jährigen Nick zusammen, den Louise erst ein paar Monate kennt und muss sich damit anfreunden, dass ihr Leben kaputt ist. Doch da kommt Stepheny, das Nachbarskind, mit einem lächerlich wichtigen Auftrag: "Murdock ist ermordet worden. Er war mein bester Freund. Mama sagt, ihr beide habt nichts zu tun. Findet ihr den Mörder... bitte?" Während Louise und Nick tatsächlich versuchen, die Todesumstände des Katers Murdock zu klären, passiert so einiges: Wutausbrüche, Liebesgeständnisse, Verfolgungsjagden, das Aufdecken krimineller Machenschaften. Und immer wieder zeigt sich, dass in den Sackgassen des Lebens die besten Begegnungen stattfinden, dass lang Herbeigesehntes nicht immer Erlösung birgt und umgekehrt - dass der größte Verlust manchmal zum größten Gewinn führt. Eine Novelle voller Wortwitz und Poesie, Alltagssprache und Anmut, die Mut macht zum Lieben, Leben und Sterben. Ein Buch für Krimiliebhaber, Lebenslustige und Verzweifelte, Gott-Verweigerer und -Sucher.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Isabel Ackermann

Wie starb Murdock?

Eine Novelle

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Die Katze ist tot

2. Der Auftrag

3. Fragen

4. Auf der Mauer, auf der Lauer

5. Killerbaby

6. Gespräche

7. Möglichkeiten

8. Übern Gartenzaun

9. Rattenfänger

10 Größer

Impressum neobooks

1. Die Katze ist tot

Im Angesicht des Todes sind alle gleich.

Der August blies eine warme Brise in das Wohnzimmer, als Louise die Haustür öffnete. Genüsslich sog sie die Luft ein, schluckte den Rest ihres Latte Macchiato herunter und senkte den Blick auf den kleinen Menschen, der an ihrer Tür geklingelt hatte.

Er hieß Stepheny, war zehneinhalb Jahre alt und atmete schwer, als stünde er kurz vor einer Explosion. Stepheny war wütend. So wütend, dass ihre Augen dunkler waren als sonst, ihre Nasenflügel riesig und ihr Körper so gespannt und aufrecht, dass sie zehn Zentimeter größer wirkte.

Louise war alarmiert, obwohl sie das Kind nicht gut kannte.

„Was ist los? Stepheny, sag!“

Das Mädchen öffnete kurz den Mund, um zu sprechen. Haltung zu bewahren kostete sie allerdings soviel Anstrengung, dass sie nichts herausbrachte. Stattdessen warf sie Louise einen verzweifelten, kämpferischen Blick zu, drehte sich um und lief davon.

Verwirrt blickte Louise ihr nach.

„Was war das denn?“, fragte sie laut.

„Was war was?“ Nick, ihr Mitbewohner, hatte zwar nur wenige Schritte entfernt auf dem Sofa gesessen, aber nichts von der verstörenden Szene mit bekommen, weil er Play Station spielte. Andere Welt.

Louise wunderte sich kurz, dass er ihre Frage überhaupt gehört hatte.

„Die kleine Mowig war gerade hier. Sie war total aufgeregt. Wollte irgendwas sagen, aber sie brachte nichts heraus. Keine Ahnung, was das sollte.“

„Keinen Plan.“, erwiderte Nick, völlig versunken in sein GTA oder was auch immer er da spielte und nicht weiter in der Lage, Interesse vorzutäuschen.

Louise setzte sich neben ihn.

Noch immer fühlte sie sich nicht heimisch hier. Diese Wohnung war alles andere als das, was sie gewohnt war. Und der Halbwüchsige, wie sie den Neunzehnjährigen vor sich in Gedanken nannte, war alles andere als die Art Mann, mit der sie eigentlich ihren Lebensabend verbringen wollte.

Sie lachte kurz, vom Halbwüchsigen unbemerkt.

Das weiche Sofa lud sie dazu ein, sich zurückzulehnen und ihre braungebrannten, schmalen Füße auf dem Tischrand abzustützen. Sie goss sich einen zweiten Milchkaffee nach und ließ ihn lange auf der Zunge liegen, bevor sie schluckte.

Dabei sah sie Nick an. Das tat sie gern, und oft kam dabei ein Gefühl tiefer Zärtlichkeit in ihr auf. Freundschaft. Vertrautheit.

Wie kommt es, dass dieser Junge mir am Ende meines Lebens am nächsten steht?

Sie dachte zurück.

Vor einem Jahr hatten sie sich im Krankenhaus kennen gelernt und gleichzeitig erfahren, dass sie sehr krank waren, Louise sogar todkrank. Vier Jahre hatten sie ihr gegeben, vielleicht. Mit Mitte zwanzig. Einfach so. Ohne Vorwarnung.

Nick hatte einen Herzfehler.

Beide verloren gleichzeitig ihre Arbeit, und beide hatten gleichzeitig ihre Behausungen verloren, Louise ein luxuriöses Apartment. Nicks Eltern waren nach Südafrika ausgewandert, kurz bevor seine Krankheit erkannt worden war.

Bis heute hatte er sie nicht darüber informiert. Stattdessen hatte er, wie verabredet, ihren Haushalt aufgelöst, den Hund verkauft und sich eine WG gesucht. Nur dass er seine Wohnung nun mit einer sieben Jahre älteren Frau teilte und nicht mit einem Kumpel.

Louise und Nick hatten sich im Flur des Hospitals getroffen und einander ohne höfliches Kennenlern-Geplänkel erzählt, was mit ihnen los war, wie es ihnen mit dem nahen Tod so ging, dass sie Angst hatten und eigentlich noch beschissen viel erleben wollten. Unheimlich befreiend war das gewesen, mit jemandem zu reden, auf den sie keine Rücksicht nehmen mussten, weil sie ihn nicht kannten. Mit jemand zu reden, der nicht wusste, wie sie sonst waren, dadurch nicht aus der Rolle fallen zu können, nicht alarmierend anders zu sein als sonst, das war unendlich befreiend für beide gewesen. Und deshalb war alles so schnell gegangen, dass Vertrautheit wuchs und man sich kannte wie sonst keiner. Kennen lernen ohne jeden Schutz, den brauchte man ja nicht mehr, ohne jede Maske, dafür war zu wenig Zeit.

Beide merkten damals: Im Angesicht des Todes sind alle gleich. Also muss es eigentlich auch im Leben so sein.

Ihr Altersunterschied, ihr unterschiedliches Geschlecht, ihre sehr unterschiedlichen Biografien konnten ihrer Vertrautheit nicht im Wege stehen und wo andere eine verzweifelte, unpassende Affäre unterstellten, gab es in Wirklichkeit nur zwei Seelen, die sich an den Händen hielten, die miteinander verweilen wollten, weil sie sich nun mal gefunden und für gut befunden hatten.

Erneutes Klingeln riss Louise aus ihren Gedanken. Sie sprang auf und öffnete die Tür. Wieder stand Stepheny da, aber dieses Mal hielt sie ihre Arme steif geknickt, als ob sie ein Tablett trüge und präsentierte ihrem Gegenüber eine quer darüber liegende Katze.

Schnell atmend blickte das Kind auf sein Tier, das offensichtlich überfahren worden war. Und dann schaute es hoch, bohrte sich in Louises Augen und sagte: „Murdock ist ermordet worden. Er war mein bester Freund. Mama sagt, ihr beide habt nichts zu tun. Findet ihr den Mörder... bitte?“

2. Der Auftrag

Alles, was wir mit Wärme und Enthusiasmus ergreifen, ist eine Art von Liebe.

Karl Wilhelm Freiherr von Humboldt

Louise hatte das kleine Mädchen hereingebeten und ihm vor lauter Verwirrung einen Espresso hingestellt, den es – ebenso verwirrt - herunterstürzte. Nick schaute lächelnd und kopfschüttelnd zu.

„Nun erzähl erst mal. Was genau ist passiert?“

Die Katze Murdock lag auf dem Abtreter, die Tür hatten sie aufgelassen, damit ihn niemand wegnehme, wie Steph befürchtete. Sie dachte kurz nach, blickte sehr konzentriert und sprach dann:

„Am Montag sah ich, wie ein blauer großer Wagen schnell die Straße hochkam, als Murdock sie überquerte. Der Wagen machte extra einen Schlenker, wie um Murd zu überfahren. Aber Murdock ging schneller und schaffte es auf den Bürgersteig. Gestern war es wieder so... Murdock kam jeden Abend gegen siebzehn Uhr heim, weil ich ihm da Futter gab. Und gestern kam wieder das große blaue Auto und versuchte, ihn zu überfahren. Und heute hat er es geschafft. Gerade eben. Ich wollte Murdock abholen, weil ich mir sowas schon gedacht hab, dass er es wieder versuchen würde, aber ich kam zu spät… Ich sah gerade noch das blaue Auto nach da fahren...“, sie streckte ihren Arm aus um die Richtung anzuzeigen, „und Murdock lag schon tot am Straßenrand.“

„Konntest du erkennen, wie der Fahrer aussah?“, fragte Louise.

„Ich weiß nicht mehr. Ich hab immer nur auf Murdock geschaut.“

„Hmm.“, machte Louise und sah Nick an.

Sie war den Umgang mit Kindern nicht gewöhnt. Wusste nicht, was zu tun war. Trösten? Nach Hause schicken?

Nick übernahm. Er setzte sich aufrecht hin und sah Stepheny fest in die Augen.

„Was möchtest du jetzt von uns?“; fragte er ernst.

„Ihr habt Zeit, sagt Mama. Könnt ihr den Mörder finden und bestrafen? Ich meine, sowas darf man doch nicht! Sowas muss bestraft werden...“

„Natürlich muss es das. Ich sehe das so wie du. Das sind wir Murdock schuldig. Aber es wird eine schwierige Aufgabe, und ich weiß nicht, ob wir es schaffen. Leider haben wir nicht viele Informationen. Ich hoffe, es reicht.“

„Also macht ihr es?“ Stepheny sah Nick mit großen Augen an. Der wiederum blickte zu Louise, und sie nickte ihm zu.

„Wir versuchen es! Wir geben alles!“

Als das Kind draußen war, lehnten beide sich zurück und atmeten gleichzeitig geräuschvoll aus. Sie lachten darüber.

„Meine Güte, was haben wir uns da aufgebürdet? Als ob wir nicht genug Kack am Hacken hätten!“

„Ach was!“, beschwichtigte Nick. „So ein kleiner Mordfall am Lebensabend.. wenn wir DAS klären, dann haben wir nicht umsonst gelebt!“ Wieder lachten sie. „Okay. Wie fangen wir es an?“ fragte Louise. „Observation der Straße? Nachbarn befragen? Den Tatort untersuchen?“

„Den Tatort untersuchen.“, pflichtete Nick bei.

Also fanden sie sich draußen auf der Straße wieder und lachten albern, als sie nach Bremsspuren oder ähnlichem suchten. Wonach eigentlich?

Aber alles sah aus wie immer. Noch nicht einmal Blut war zu sehen. Nur ein bisschen Fell, das auf der Straße klebte.

„Das reicht für heute. Protokoll: Es wurde nicht gebremst. Das unterstreicht den Verdacht, dass jemand es darauf angelegt hat, das Tier zu überfahren. Oder dass er die Reaktionszeit eines Hundertjährigen hatte. Oder dass er hundert IST. Oder dass er abgelenkt war, weil seine Freundin neben ihm saß. Oder auf ihm. Oder dass er generell nicht für Tiere bremst. Oder so.“ Nick zwinkerte Louise zu.

„Wer sagt dir, dass es ein Mann war? Vielleicht war’s ja auch eine Frau. Das würde alles erklären, hat mal wieder Bremse und Gas verwechselt.“ Louise grinste.

„Jap. Okay, das war leicht. Der nächste Fall, bitte!“

„Und morgen .... morgen befragen wir die Nachbarn.“

3. Fragen

Alles hat seine Zeit.

Prediger 3,1(Bibel)

Louise führte die dampfende Kaffeetasse zum Mund und hatte wieder einmal das seltsame Gefühl, dass ihre Augen beschlugen. Bella war ihre Freundin, die einzige, die nah bei ihr wohnte, nur über die Straße.

„Och, Mensch! Die arme Stepheny! Murdock war wirklich wichtig für sie. Ihre Eltern sind, gelinde gesagt, merkwürdig.“

„Was meinst du?“, fragte Louise.

„Na ja, irgendwie leben die so, als sei die Kleine gar nicht da. Oder als sei sie ein Haustier. Sie arbeiten beide Vollzeit. Das muss ja nicht schlimm sein. Aber sie kümmern sich auch nicht um sie, wenn sie zu Hause sind.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich Augen habe. Und Ohren. Und direkt daneben wohne.“, erwiderte Bella. Sie ließ sich neben ihrer Freundin auf die altmodische Sitzbank fallen. Alles in dieser Miniwohnung war alt, aber originell. Bella hatte jedes einzelne Möbelstück eigenhändig aufgemotzt, lackiert, beklebt, mit anderen verbunden.

„Meine Wohnung ist ein Einzelstück. Wie ich.“, hatte sie lachend gesagt, als Louise zum ersten Mal zu Besuch gewesen war. Und Louise hatte sich zu Nick umgedreht, ihren Zeigefinger in den Mund geschoben und die Augen verdreht, weil sie im Angesicht von so viel Frieden mit sich selbst immer einen Brechreiz verspürte.

„Was meinst du? Augen. Ohren? Was läuft da? Ein Fall fürs Jugendamt?“, bohrte Louise nach.

„So leicht machen sie es einem nicht. Sie misshandeln das Mädchen nicht im herkömmlichen Sinn: Es gibt keine körperliche Gewalt oder sowas. Sie bekommt zu essen und zu trinken und hat saubere Kleidung und saubere Zähne. Aber sie beschäftigen sich nicht mit ihr. Ich spüre keine Zärtlichkeit, wenn sie mal mit ihr reden. Es gibt scheinbar nie eine ‚Nur-für-dich-Zeit’ mit Steph.“

Louise dachte nach. Hatten ihre Eltern ‚Nur-für-dich-Zeiten’ für sie gehabt? Die Mutter nicht. Oder? Sie erinnerte sich, dass sie manchmal zusammen Scrabble gespielt hatten oder Kniffel. Allerdings hatte ihre Mutter dabei immer so gewirkt, als ob sie eigentlich viel lieber irgendetwas anderes machen würde, was ihr aber verwehrt blieb. Sie hatte gelacht, ja. Aber sie hatte auch eine nach der anderen geraucht und war ruhelos, sprang auf, setzte sich wieder, seufzte hier und da.

Und ihr Vater?

Der war so früh gestorben. Sie konnte sich nur an wenig erinnern. Sie war damals etwas jünger gewesen als Steph heute. Was sie erinnerte, waren mehr Gefühle, Gerüche und Farben. Kleinigkeiten. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater ihr oft abends eine Gute-Nacht-Geschichte erzählte. Er kniete dabei vor ihrem Bett und machte zwischendurch mit seiner tiefen Stimme ‚Hmhm’. Sie mochte das eigentlich. Er war wie eine Wand, wenn er da so kniete, die alles Böse von ihr abhalten konnte. Aber sie erinnerte sich auch, dass sie auf seine Mundwinkel starrte. Dort sammelte sich beim Erzählen weißes Zeug, und er merkte das nie und erzählte weiter. Dabei entstand noch mehr weißes Zeug. Louise ekelte sich davor. Jedes Mal hoffte sie wieder, er würde es merken und irgendetwas dagegen tun. Aber umsonst. Also schloss sie die Augen, immer wenn der Ekel zu groß wurde, und hörte nur noch die warme Stimme und das ‚Hmhm’ zwischendurch. Sah braun. Fühlte braun. Wärme. Hmhm.

Das waren ‚Nur-für-dich-Zeiten.’

„Alles okay?“, fragte Bella und legte ihre Hand auf Louises Arm.

„Jap. Nur ein wenig nachgedacht, danke.“ Sie atmete leise aus. „Armes Ding. Armes, kleines Ding.“

******

„Wie ist er gestorben, dein Vater?“

Es war eines von diesen Gesprächen im Krankenhaus, bei denen sie sich in Schallgeschwindigkeit kennen gelernt hatten. Nicks Frage hing eine Weile im Raum, bevor Louise antwortete.

„An derselben Krankheit wie ich. Er hatte die Tücke. Ich hab sie wohl von ihm. Damals war ich sieben. Meine Mutter schrie nur und lief zu den Nachbarn, als der Anruf aus dem Krankenhaus kam. Ich saß vor der Sesamstraße und verstand die Welt nicht mehr. Also betete ich. Ich dachte, wenn einer jetzt was tun kann, dann der Gott. Aber er tat nichts. Es war zu spät. Ich glaube, ich habe es ihm nie verziehen.“

„Wem? Deinem Vater, dass er so früh gegangen ist, oder Gott, dass er nichts getan hat?“

„Beiden.“

Nick schwieg kurz. Dann lachte er. „Dann ist es ja nur gerecht, Louischen, dass du jetzt bald mal persönlich ein Wörtchen mit beiden reden kannst!“ Sie lachte auch. Und nahm seine Hand.

******

„Wenn man wissen will, wie jemand gestorben ist, muss man schauen, wie er gelebt hat, richtig? Ich werde jetzt Stepheny besuchen und mir dabei einen Einblick in Murdocks Leben verschaffen.“ Louise blinzelte Nick zu. „Kommst du mit?“

„Nee, geh mal und berichte mir dann. Sonst fühlen sich die Mowigs so überfallen. Und wir sehen aus wie ein albernes Ermittlerduo.“

Nick hatte seinen Laptop hochgefahren. Er skypte regelmäßig mit seinen Eltern, meist einmal in der Woche. Kurz vorher war er immer schlecht gestimmt. Er hasste es, etwas vor ihnen zu verbergen. Aber noch mehr hasste er es, seine Mutter zu belasten. Also holte er einmal tief Luft, täuschte ein strahlendes Grinsen vor, schaute Louise an und fragte mit sich kaum bewegenden Lippen: „Geht das so? Wirkt das gesund, frei und übermütig?“

Louise sah ihn lange an und schüttelte dann den Kopf. „Nick. Nicki. Meinst du wirklich...? Ach, mach. Bist alt genug.“

Und sie verschwand.

Kaum hatte sie Mowigs Garten betreten, fühlte sie sich wie in einer anderen Welt. In einer sauberen (Louise hatte den Impuls, sich schon im Garten die Schuhe auszuziehen, so sauber war er – und so besudelt fühlte sie sich im Vergleich). In einer geordneten. In einer leblosen. Der Garten war prachtvoll, ja: Die blickdichten Hecken wie mit dem Lineal beschnitten, die üppigen Blumenbeete setzten an genau den richtigen Stellen die passenden Farbtupfer. Unkraut fand man keines. Die Gestalter dieses Gartens schienen alle Eigendynamik der Natur, jeden unkontrollierbaren Lebenswillen so sehr zu fürchten oder zu hassen, dass sie ihm mit der künstlichen Ordnung ein starkes Korsett auferlegten. Vielleicht war auch alles aus Plastik? Tiere gab es bestimmt keine in diesem Garten. Vermutlich noch nicht mal Würmer und Käfer.

Louise konnte verstehen, dass Murdock lieber umhergestreunt war als sich in diesem Garten aufzuhalten.

An der Haustür angekommen spreizte sie ihren Zeigefinger ab, um auf die Klingel zu drücken. MOWIG stand dort in Edelstahllettern. Doch bevor sie den Knopf erreichte, sprang die Tür schon auf. Stepheny schaute verwundert zu Louise hoch und fragte unumwunden: „Was willst du denn hier?“

„Fakten sammeln. Wenn man wissen will, wie jemand gestorben ist, muss man schauen, wie er gelebt hat. Zeig mir doch mal Murdocks Reich.“

„Ich muss erst fragen, warte.“

Steph ließ den Gast vor der Tür stehen. Louise mochte das Haus ebenso wenig wie den Garten. Die weiße Villa hatte schwarze Fenster mit dunklen ge-schwungenen Gittern davor. Ihr Unbehagen wuchs, als sie auf das Mädchen wartete.

Die Tür öffnete sich ein zweites Mal, dieses Mal betont langsam. Frau Mowig, eine sehr große Frau Anfang vierzig, gab sich gelangweilt bei der Begrüßung. „Guten Tag, Frau...Louise.“ „Kern.“, stellte diese sich vor.

„Ja. Was kann ich für Sie tun?“

‚Sie können gar nichts für mich tun, SIE haben IHR Kind zu mir geschickt, damit ich ihm über den Verlust seines Katers hinweghelfe, schon vergessen??’, brüllte es in Louise. Doch sie beherrschte sich. ‚Was du kannst, kann ich auch’, dachte sie, richtete sich auf und setzte ein überfreundliches Lächeln auf.

„Ihr Kind wandte sich in seiner Verzweiflung wegen des tragischen Vorfalls mit Ihrer Katze an mich. Es ist Stepheny wichtig herauszufinden, ob Mutwille hinter dem Tod Murdocks steckt. Ich habe mich bereit erklärt, ihr dabei zu helfen. Deshalb bin ich hier. Ich möchte einige Fakten sammeln. Hatte Murdock schlechte Angewohnheiten, die zum Beispiel einige Nachbarn erzürnt haben könnten? Solche Fragen würde ich gern kurz klären.“

Frau Mowig lächelte spöttisch. „Ich sagte es Stepheny ja schon... Wenn jemand für so etwas Zeit haben sollte, dann Sie.“ Sie nickte Louise kurz zu, um ihr anzuzeigen, dass sie herein kommen dürfe und wandte sich noch in dieser Bewegung ab. Ihr schwarz schimmernder Hausmantel wallte um die nackten Beine und die Zigarette in ihrer rechten Hand hinterließ kalten Rauch.