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Hast du dich schon mal gefragt, wie du leben willst? Was du werden willst? Wie du sein willst? Diesen Fragen müssen sich Sam und Sasha in ihrem Abschlussjahr stellen. Für Sam bedeutet das erstmal: Noch ein Jahr gemobbt werden, weil er schwul ist. Alle haben es auf ihn abgesehen, vor allem das Senior-Schwimmteam mit seinem ehemals besten Freund, Phil, als Captain. Er versucht, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten und gleichzeitig beste Voraussetzungen für ein Stipendium an der Juilliard School in New York zu schaffen. Dabei vertraut er niemandem, auch nicht Sasha, dem besten Schwimmer der Schule, der ständig in seiner Nähe auftaucht. Sasha kämpft mit ganz anderen Problemen. Er ist beliebt und berühmt für seine Schwimmleistungen. Sein Vater will, dass er ein Sport-Stipendium bekommt, dabei weiß Sasha gar nicht, ob er überhaupt professioneller Schwimmer werden möchte. Trotzdem versucht er es seinem Dad und seiner Freundin, Audrey, recht zu machen, was ihm zunehmend schwerer fällt, als er erkennt, wonach er sich wirklich sehnt. Dieses Buch erzählt vom Erwachsenwerden und ist vor allem geeignet für Lesende zwischen 16 und 30 Jahren, die auf der Suche nach sich selbst sind oder sich selbst besser kennenlernen wollen. Denn: Dieser erste Band der Tetralogie "Wie willst du leben?" ist der Auftakt einer Geschichte über Verlustängste, dem Gefühl, nicht in diese Welt zu passen, und der Suche nach Liebe.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Leben-Reihe
Band 1
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
Deutschsprachige Erstausgabe März 2022
Copyright © Raphaela Schöttler-Potempa
Schlund 5, 58540 Meinerzhagen
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck, auch auszugsweise, nicht gestattet.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Verfasser/Autor: Riley Blind (Pseudonym), rileyblind.com
Sensitivity Reading: Ingo Schröder, sehtext.de
Lektorat: Lea Bollinger, lektorat-zauberwort.de
Korrektur: Sabrina Schumacher, sabrina-schumacher.com, Susann Pacher
Umschlaggestaltung: Christin Giessel, giessel-design.de
Buchsatz: Nina Austermeier
Grafische Gestaltung: Nina Austermeier, Riley Blind
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand,
1. Auflage
Taschenbuch-ISBN: 978-3-7557-8563-7
Tolino-E-Book-ISBN: 978-3-7546-3548-3
Für alle, die das Gefühl haben, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
Für alle, die das Gefühl haben, nicht in diese Welt zu passen.
Ihr seid gut so, wie ihr seid.
Vertrauen, das (Substantiv, neutrum)
überzeugt sein von der Zuverlässigkeit einer Person oder Sache
Synonyme
Zutrauen, Zuversicht, Gewissheit, Glaube, Verlässlichkeit
Triggerwarnung
Dieses Buch behandelt folgende Themen explizit:Mobbing, Homophobie.
Eine ausführliche Auflistung zu Themen, die belastend sein könnten, steht am Ende des Buches.
Zur Themenauflistung
Best of Playlist
Leben-Reihe: Through Eternity – Marc Torch
Opening: Midnight City – M83
Sams Theme: Away – VIZE/ALOTT
Sashas Theme: Make Believe – The Faim
Phils Theme: Half Light – BANNERS
Last Time with Dad: Summer 78 (1) – Yann Tiersen, Claire Pichet
Sams Change: Losing My Religion (Matty Menck Remix) – Jones & Brock, Nicole Cross, Matty Menck
Homecoming: Punching In A Dream – The Naked And Famous
Song for Phil: Bluebird – Alexis Ffrench
Sasha & Audrey: Somebody Else – The 1975
Song for Sasha: Love Me Harder – Niko Kotoulas
Sam & Sasha: Drown (Alle Farben Remix) – Martin Garrix, Clinton Kane, Alle Farben
Outro: I Know A Place – MUNA
Teil 1
Selbstvertrauen
Das nach innen gerichtete Vertrauen.Das Vertrauen in deine Fähigkeiten, auf dein Urteilsvermögen,deine Zuversicht, und dein Glaube an dich selbst.
Es kann dich ausfüllen.Es kann aber auch ein tiefer, schwarzer Abgrund sein.
Sonntag
Etwas knallt ohrenbetäubend und ich schrecke aus dem Schlaf. Mit rasendem Herzen drehe ich den Kopf und versuche, mich zu orientieren.
Es war ein Traum. Nur ein Traum. Das hoffe ich zumindest. Ich schlucke trocken.
Blinzelnd sehe ich zum Fenster. Wird es schon hell draußen? Ich taste nach dem Handy unterm Kopfkissen und aktiviere das Display. Es ist fast sechs Uhr früh. Sam hat sich immer noch nicht gemeldet. Ich seufze. Dieser Kerl macht mich wahnsinnig. Es kann nicht sein, dass ich schon Albträume habe, während er sich vergnügt.
Herrgott, wenn es nur das wäre! Wüsste ich wenigstens, dass er sich vergnügt. Wüsste ich wenigstens, dass derjenige, mit dem er sich vergnügt, ein cooler Typ ist und Sam nicht, na ja, killen will. Aber im Grunde weiß ich gar nichts und bin trotzdem seit Monaten fast jeden Samstag Sams Alibi bei seinen Eltern.
Wieso mache ich da eigentlich mit? Keinen blassen Schimmer.
»Jetzt ist Schluss«, flüstere ich und öffne den Messenger. ›Kannst du mir mal verraten, wieso du dich nicht meldest?! Wo bist du? Ist alles okay?‹, spreche ich ihm eine Sprachnachricht.
Vom Fenster aus ertönt ein hohles Klopfen und ich zucke zusammen. Was war das? Es klopft erneut, diesmal lauter, spitzer. Ich glaube, da ist ein Stein gegen mein Fenster geflogen. Moment. Das ist doch jetzt nicht …!
Ich schlage die Decke zurück und springe auf, bin mit zwei großen Schritten an der Scheibe und schalte die Taschenlampe meines Telefons an. Dann öffne ich das Fenster, ziehe es weit auf und leuchte mit dem Handy nach unten.
»Margo«, zischt ein roter Lockenkopf vom Garten aus.
»Sam?!« Einen schrillen Ton kann ich nur mit Mühe unterdrücken, denn es ist sein Ernst. Es ist wirklich sein Ernst, wie er da im Gras kniet und irgendetwas … sucht? »Was um alles in der Welt machst du hier?«
»Hey!«, ruft er und hält im nächsten Moment sein Telefon samt eingeschalteter Taschenlampe hoch.
»Pscht!« Ich blinzle gegen das Licht.
Er gluckst und ich glaube, dass er sich die Ellenbogenbeuge vor den Mund drückt und schwankt. Ist er etwa betrunken?
»Kann ich bei dir pennen?«
»Was? Ernsthaft?« Ich seufze genervt. »Herrgott, Sam!« Ohne ein weiteres Wort schließe ich das Fenster. Was denkt der sich eigentlich? Na ja, vermutlich gar nichts. Ich sollte ihn da draußen krepieren lassen, aber ich kann nicht anders, schnappe mir meinen fliederfarbenen Morgenmantel und schleiche in den Flur und die Treppen hinunter. Im Haus ist es mucksmäuschenstill und ich hoffe, dass das so bleibt.
So leise es geht, schließe ich die Haustür auf. Das Licht auf der Veranda springt an und in diesem Moment kommt Sam von links über den Weg zum Garten getorkelt.
Er ist nicht bloß besoffen, er ist sternhagelvoll!
Ich presse die Lippen zusammen und schlinge den Mantel enger um mich. So habe ich ihn noch nie gesehen. Ja, er hat mir erzählt, dass er ältere Typen datet, aber müssen die ihn gleich so abfüllen? Meinem Bauchgefühl passt das ganz und gar nicht.
Etwas klirrt und ich erstarre. »Boah, Sam!«
Er hat den einen kleinen Gartenzwerg am Beet an der Treppe umgerannt und zeigt ihm jetzt den Mittelfinger. »Kommt davon, wenn du die nicht anmachst«, flüstert er und meint die Laterne, die der Zwerg in Händen hält.
Ich verdrehe die Augen. Er hat den Verstand verloren.
Sam steigt wankend die Treppe hoch und bleibt vor mir stehen, grinst ein schelmisches Grinsen und lehnt sich mit einem Arm an den Türrahmen. Er hat glasige Augen und ein müder Ausdruck liegt darin. Eine ordentliche Fahne schlägt mir entgegen und ich weiß nicht, ob ich ihn damit aufziehen oder megasauer sein soll.
Erst jetzt fällt mir auf, dass er total anders aussieht als in der Schule.
Er trägt ein lässiges, knallbuntes Hemd offen über einem weißen Shirt. Leuchtend rote Vans und eine knallenge hellblaue Jeans im Used-Look.
»Wie … siehst du denn aus?« Ich streiche mir die langen, schwarzen Haare zurück und muss zugeben, dass ihm die Klamotten stehen. Sie stehen ihm nicht nur, nein, sie lassen ihn sogar ziemlich gut und nicht mehr wie den klassischen Außenseiter aussehen. Innerlich tadle ich mich dafür, dass ich so denke.
»Können wir das drinnen klären? Ich muss echt pissen.«
Widerwillig trete ich einen Schritt zur Seite, spüre, wie mein Mundwinkel zuckt.
»Danke«, flüstert er, streckt den Arm aus und wuschelt mir durchs Haar. Dann geht er an mir vorbei, stützt sich an der Wand ab und steuert die Treppe zum ersten Stock an.
Mit einem stummen Seufzen folge ich ihm. Ich will wütend auf ihn sein. Megawütend, aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass er sich gut fühlt. Dass er unbeschwert ist. Ausnahmsweise mal.
Sam tritt gegen eine Stufe, stolpert und ich bete zu Gott, dass meine Familie den Schlaf von Toten hat.
»Sam!«, flüstere ich und boxe ihm gegen den Oberschenkel. Er gluckst und ich kann gerade so verhindern, zu kichern, weiß gar nicht, ob es zur Stressbewältigung oder doch aus Belustigung wäre.
Oben zielt er in seichten Schlangenlinien auf das Bad zu und ich gehe kopfschüttelnd zurück in mein Zimmer, schalte das Nachttischlämpchen ein und setze mich aufs Bett, um auf ihn zu warten. Mit einem Knopfdruck schaue ich auf die Handyuhr. Wie lange will er denn genau schlafen? Eine Stunde? Zwei? Ich muss ihn auf jeden Fall vor dem Aufwachen meiner Eltern wieder hinauskomplimentieren. Herrgott, am Ende kriegen wir beide den Ärger unseres Lebens. Wobei, nein. Eigentlich nur ich, denn meine Eltern lieben Sam über alles.
Ich höre die Klospülung rauschen und mein Herz setzt einen Schlag aus. Bitte lass niemanden wach werden. Bitte. Ich halte den Atem an, lausche, aber es bleibt still. Nur das Klicken der Badezimmertür ertönt und einen Augenblick später kommt Sam ins Zimmer.
Kommentarlos zieht er Hemd und Hose aus und schmeißt sich in Shirt und Boxershorts auf mein Bett. Sein Gesicht versinkt in den Kissen und ich glotze ihm auf den Hinterkopf.
»Nein, nicht schlafen«, wispere ich und pikse ihm grob in die Seite.
Sam rührt sich nicht und in meiner Kehle staut sich etwas auf, von dem ich nicht weiß, ob es ein Lachen oder ein Schreien ist.
»Du wolltest es mir erklären.«
»Hmm«, brummt es durch den Stoff.
Ich nehme ein Kissen und haue es ihm auf den Kopf. »Sam!«
»Hmm.«
»Sam Wilson, du bist echt ein Arsch!« Meine Stimme bebt und ich weiß, dass er weiß, dass ich recht habe. Ohne ein weiteres Wort rupfe ich die Decke unter seinem Körper weg – beinahe rollt er von der Matratze, aber es ist mir egal –, mummle mich darin ein und schalte das Licht aus. Laut seufzend schließe ich die Augen und dann ist es ruhig.
Ruhig um mich herum, aber irre laut in meinem Kopf.
Wieso tut er das? Wieso bringt er mich in so eine Lage? Wieso ist unsere Freundschaft im Moment so eine Achterbahnfahrt? Weiß er denn nicht, dass ich mir Sorgen mache? Wieso erzählt er mir seit drei, vier Monaten nicht mehr, was in seinem Leben passiert? Schämt er sich etwa, weil er sich mit Jungs trifft? Und wieso trinkt er so viel? Macht er das, um seinen Dates zu gefallen? Oder will er selbst einfach nur den Kopf freikriegen? Warum? Wegen morgen? Wegen der Schule? Wegen allem, was da abgeht?
Oder gibt es etwa noch etwas ganz anderes, von dem ich gar nichts weiß?
Sonntag
Es ist still und ich atme angestrengt in den Stoff, rieche Margos Jasminduft in den Kissen und irgendwie hoffe ich, dass er mich beruhigt. Wenigstens ein bisschen, denn in meinem Hirn explodieren die Gedanken.
Sie drehen sich um Eric. Um die Juilliard. Um Mom. Musik. Phil.
Um morgen.
Altbekannte Panik lauert irgendwo unter dem Alkohol und ich schlucke gegen die Übelkeit an.
Wie viele Drinks hat Eric mir noch mal ausgegeben? Verdammt. Feiern kann der. Und tanzen. Und mich ins Bett kriegen. Ich denke an die Tattoos auf seinem definierten Körper. Wie kann man nur so übertrieben heiß sein? Ich beiße mir auf die Zunge. O Mann. Er wird nicht begeistert sein, wenn er merkt, dass ich weg bin. Mal wieder. Aber nach seiner Aktion vor ein paar Monaten kein Wunder. Und Mom und Dad werden ausrasten, weil mein Bett leer ist. Mal wieder.
Ich drehe mich auf den Rücken und lege einen Arm über meine Augen, damit die dunklen Schemen in Margos Zimmer nicht hin und her kippen. Zu ihr zu gehen, war die einzige Möglichkeit. So betrunken hätte ich niemals zu Hause aufschlagen dürfen. Verkorkste Scheiße. Ich reibe mir mit einer Hand über das Schlüsselbein. Das wird echt ein brillanter Start ins Abschlussjahr.
Verdammt, das Abschlussjahr.
Morgen.
Ab morgen werde ich Phil noch ein ganzes Schuljahr lang über den Weg laufen, die dummen Sprüche hören und mich fragen, was zum Teufel mit uns passiert ist. Und wahrscheinlich werde ich mich das nicht nur bis zum Ende der High School fragen, sondern bis ans Ende meines Lebens.
Hinter meinen Schläfen pocht ein dumpfer Schmerz und ich balle die Hände zu Fäusten. Die Erinnerung von mir und Phil ist in mein Hirn gebrannt, als wäre es gestern gewesen. Als wäre das alles nicht schon eine Ewigkeit her. Nein. Als wäre es gestern gewesen. Ich seufze.
Verdammt.
Morgen.
Montag
Ich starre aus dem Fenster. Die Anspannung in meiner Brust steigt, je näher wir der Schule kommen. Ich fühle mich wie auf dem Weg zu meiner Hinrichtung.
Dass Mom mit ihren Fingern nervös auf dem Lenkrad herumtrommelt, macht es nicht besser. Als meine kleine Schwester, Emily, eben noch mit im Auto saß, war sie entspannter. Aber jetzt, da wir Emily an der Middle School rausgelassen haben, arbeitet Moms Hirn lautstark.
Egal, was ihr auf der Zunge liegt, sie soll es einfach aussprechen.
Und nach zwei überquerten Kreuzungen tut sie es: »Hast du schon was für deine Komposition?«
Ich drehe ihr das Gesicht zu. Sie meint die Komposition, die ich für meine Bewerbungen für ein Stipendium an diversen Universitäten brauche. Energisch kaut sie auf ihrer Wange und ich wende mich ab, frage mich, wie es sein kann, dass dieses Thema mehr Emotionen in ihr auslöst als in mir.
Verdammt. Die Komposition. Die Juilliard.
Die gesamten Ferien bin ich ihr diesbezüglich ausgewichen, aber jetzt? Ich müsste schon aus dem fahrenden Auto springen, um ihr zu entkommen.
»Sam? Hast du?«
Ich atme tief ein und aus. Wieso fragt sie eigentlich? Sie weiß doch, dass ich schon eine ganze Zeit lang kaum Klavier spiele. In der Schule für die Theateraufführungen, ja. Aber ansonsten … Sie weiß, wie viel ich bisher komponiert habe. Nämlich gar nichts. Keinen einzigen Ton.
Wir halten an einer Ampel und ich spüre ihren Blick auf mir. »Meinst du nicht, du solltest dich langsam mal darum kümmern?«
Ich unterdrücke ein Schnauben. Als wäre das so einfach.
»Und was ist mit dem SAT?«
»Hmm.« Ja, der blöde Studienbewerbertest wartet auch noch auf mich.
Sie seufzt, die Ampel springt auf Grün und sie fährt weiter.
Während sie gestern noch stinksauer war, weil ich nachts nicht nach Hause gekommen bin, wirkt es jetzt, als würde sie resignieren. Als wäre ich ein hoffnungsloser Fall.
»Schreibst du mir in den Pausen?«
Ich schließe die Augen. Ein hoffnungsloser Fall und ein Baby.
»Bitte, Sam.« Jetzt bebt ihre Stimme. Sie macht sich Sorgen und weder das noch ihre Resignation kann ich gebrauchen.
»Okay«, sage ich trotzdem und zucke mit den Schultern.
Sie nimmt meine Hand, aber ich ziehe sie weg und lege sie auf meine Hosentasche. Mit dem Daumen fahre ich über das Smartphone darin. Ich will mich ablenken. Von ihr und davon, dass ich Phil gleich wiedersehe. Am liebsten würde ich einfach gar nicht mehr zur Schule gehen, aber ich brauche den Abschluss – einen ausgezeichneten –, um aus diesem Kaff rauszukommen.
Ich, der Jahrgangsbeste. Ich, der Außenseiter. Manchmal tut das alles so beschissen weh, dass ich nicht klar denken kann.
Mom biegt auf den Parkplatz an der Schule ab und mein Atem geht schneller. Sie dreht und hält mit Blickrichtung zum Schulgebäude. »Da wären wir.«
Bevor ich zu Stein erstarre, ziehe ich die Kapuze des grauen Hoodies über meine roten Locken, schnalle mich ab und schiebe die Beifahrertür auf. »Bis dann, Mom.«
Mit zitternden Knien klettere ich aus dem Wagen und schlage die Tür hinter mir zu.
Sofort bricht Stimmgewirr über mir herein. Die Schüler*innenscharen marschieren wie ein riesiger Fischschwarm zum Eingang. Autoabgase dringen in meine Nase. Meine Alarmglocken läuten schrill und ich versuche, meinen Atem zu kontrollieren. Ich stöpsele Kopfhörer in mein Handy, schalte Away von VIZE und ALOTT an und stecke mir die kleinen Lautsprecher in die Ohren.
Auf geht’s.
Mit gesenktem Kopf und den Fäusten in der Bauchtasche des Pullis gehe ich in einer Menschentraube auf das Gebäude zu. Meine Mitschüler*innen beachten mich nicht oder wollen mich nicht beachten – und das beruht auf Gegenseitigkeit.
Wie ich das alles hasse. Schwimmteam hier. Jubel und Gekreische dort. Phil, der König der Schule, Captain der Senior-Schwimmmannschaft. Yippie-Ya-Yeah.Ich will kotzen, weil jeder, der für Phil ist, automatisch gegen mich ist. Und das sind im Grunde alle.
Ich erreiche meinen Spind ohne Zwischenfälle, schnaufe durch und ignoriere mit zusammengepressten Lippen den hellgrauen Fleck an der Tür. Was durfte ich vor den Sommerferien abschrubben? Tunte? Oder Arschficker? Alles sehr originelle Beschimpfungen. Ich schnaube, stopfe die Sachen, die ich heute nicht brauche, ruppig in den Schrank und gehe weiter zu Mr Weights Klassenraum, in dem ich gleich Geschichte habe. Mit einer fahrigen Bewegung ziehe ich die Kapuze tiefer in mein Gesicht, öffne die Tür und linse ins Klassenzimmer.
Erleichterung überschwemmt mich und verwandelt sich dann in kaltes, brüchiges Eis. Denn unmittelbar schräg hinter Margo sitzt Sasha Andrews, bester Schwimmer der Schule und Teamkollege von Phil.
Ich reiße die Kopfhörer aus meinen Ohren. Was zum Teufel hat er in der zweiten Reihe verloren?! Die Evolutionsbremsen sitzen doch sonst immer ganz hinten.
Der Geruch nach Kreide und PVC-Boden schlägt mir entgegen und mir wird schlecht. Margo hebt den Kopf und winkt mir zu, aber ich stehe wie angewurzelt da. Panik fließt durch meine Adern. Ich kämpfe mit dem Drang, meine erste Stunde in diesem Schuljahr zu schwänzen, aber mein Verstand erinnert mich an die Juilliard, – gewinnt – und ich setze langsam einen Fuß vor den anderen. Lasse mich auf den Platz am Fenster direkt vor Sasha und neben Margo fallen. Sie sucht meinen Blick, aber ich fokussiere irritiert das Heft, über das der Schwimmchamp sich schreibend beugt.
So ein Möchtegern-Streber.
Verdammt. Sollte Phil jetzt auch Geschichte haben und sich zu ihm setzen … na dann, Prost Mahlzeit.
»Sam?«, fragt Margo, springt auf und schließt mich in die Arme.
Eine Ladung Haare fliegt mir ins Gesicht und ich puste sie weg, um nicht an ihnen zu ersticken. Der Duft nach Jasmin gemischt mit dem eines heißen Sommertages legt sich drückend über meine Sinne. Jeder Muskel in meinem Körper spannt sich. Sachte tätschele ich ihren Rücken.
Sie lässt mich los. »Alles klar?« Ihre Zähne blitzen auf und sie schiebt das rosa Gestell ihrer Brille die Nase hinauf.
Ich runzle die Stirn. Die ist definitiv neu und kommt durch ihre dunkle Haut gut zur Geltung. Moment. Was hat sie noch mal gefragt?
Margo schürzt die Lippen, setzt sich und wendet sich dem Organizer auf ihrem Tisch zu.
Ist sie etwa wieder zickig, weil ich ihr auf jede Frage nicht sofort Rede und Antwort stehe? Scheiße, ich bin der Einzige, der gerade Grund hat, angepisst zu sein. Sie hat sich vor Sasha Andrews gesetzt. Alarmstufe Rot hoch eintausend! Ich atme schwer aus und ziehe mein Handy aus der Hosentasche.
»Ich habe gefragt, ob alles gut ist«, sagt Margo.
»Ja, alles bestens«, murmle ich und kippele auf dem Stuhl.
Mein Display zeigt mir acht neue Nachrichten auf *Date an. Ich lehne mich mit dem Rücken in Richtung Fenster, sodass möglichst niemand auf meinen Bildschirm gucken kann. Meine Gliedmaßen entspannen sich, ich schiebe die Kapuze vom Kopf und öffne die App.
Drei sind von Eric und fünf von Jungs, mit denen ich noch nie geschrieben habe. Ich kratze mich mit dem Daumen an der Schläfe. Manche Namen sind echt creepy. ToyBoy812. OneNightGentleman. Wie kommt man auf so was? Ich zucke mit den Schultern und schaue mir ein Profil nach dem anderen an. Leider ist ToyBoy812 genau mein Typ. Blond, blauäugig und sportlich. Ich scrolle durch seine unzähligen Oben-ohne-Bilder und schüttle grinsend den Kopf. Da hat aber jemand breite Schultern und muskulöse Arme. Mein Gesicht prickelt und ich schiele hoch.
Margo beobachtet mich mit hochgezogener Augenbraue. Obwohl ihr Blick ziemlich kritisch ist, vergeht mir mein Grinsen nicht. Im Gegenteil. Ich bin jedes Mal erstaunt. Niemand hat so schön geschwungene Augenbrauen wie sie.
Ich will fragen, wie es ihr geht, aber Cooper und Evan erscheinen im Türrahmen. Sofort stoppe ich das Kippeln, umklammere mein Telefon und mache mich auf die erste Attacke gefasst, aber zu meiner Überraschung werfen sie mir nur einen abschätzigen Blick zu und setzen sich in die hinterste Reihe. Glück gehabt.
Mein Handy vibriert und ich sehe aufs Display, reibe mit einer Hand über den schwarzen Stoff meiner Hose und versuche, zu vergessen, dass ich mich wie in einem Haifischbecken fühle.
Eric hat geschrieben. Zum vierten Mal seit gestern. Da bin ich wohl jemandem eine Erklärung schuldig.
Es vibriert noch einmal, aber diesmal ist es Mom. ›Alles gut so weit, Sammy?‹
»Erde an Sam! Was ist denn so wichtig?«
Ich zucke zusammen.
Margo hat sich mir mit verschränkten Armen zugewandt und beugt sich jetzt vor.
Ich sperre das Smartphone und stecke es in die Bauchtasche.
»Ach, komm schon! Ist es wegen Samstag? Wenn ich schon dein Alibi war, dann rück raus mit der Sprache.« Sie wird nicht lockerlassen. Nicht Margo.
»Es war zwar Sonntagmorgen, aber okay …«
Margo kickt mir mit einem Fuß verhältnismäßig sachte vors Schienbein.
Ich mache mir nicht die Mühe, so zu tun, als täte es weh, denn gleich wird es wirklich wehtun. Wenn ich ihr die Wahrheit sage, wird sie mich umbringen, davon bin ich überzeugt. »Ich …« Ein knapper Blick zu Sasha. Der schreibt immer noch irgendwas, aber ich senke trotzdem meine Stimme und kippele mit dem Stuhl in Margos Richtung. »Ich … hab’s schon wieder getan.«
Sie blinzelt mich an. Einmal. Zweimal. Ihr Mund klappt auf. »Du meinst – o Sam!« Sie klingt vorwurfsvoll und in mir zieht sich alles zusammen.
»Wen haben wir denn da?«
Margo fährt blitzschnell herum. Hinter mir klimpert irgendwas über den Boden. Ich sehe irritiert nach rechts zu Sasha, der mich mit großen Augen anstarrt, und folge dann Margos Blick.
Phil stolziert mit breiten Schritten direkt auf mich zu. Mein Körper erstarrt, aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Lehne mich auf meinem Platz zurück und stopfe die Hände samt Telefon in die Bauchtasche des Hoodies.
Meine beste Freundin steht auf und stellt sich zwischen Phil und mich. »Herrgott, Phil, geh einfach weiter, okay? Niemanden interessiert, was du zu sagen hast.« Ihre Stimme ist lustlos, genervt.
Ich presse die Lippen zusammen, um ihr Zittern zu unterdrücken. Keine Schwäche zeigen, Sam. Bloß keine Schwäche zeigen.
»Noch genauso verklemmt wie letztes Schuljahr, Margareth. Du solltest dich echt mal locker machen.« Ich höre, dass Phil grinst, und die Bewegung seines Arms sagt mir, dass er sich durch das blonde Haar fährt. »Ich kann dir dabei helfen.«
Sein Säuseln treibt mir eine Gänsehaut über den Rücken.
»Pah! Das bezweifle ich stark!«
Er schaut für den Bruchteil einer Sekunde an ihr vorbei zu mir. Der Ausdruck in seinen dunkelblauen Augen wird schlagartig kalt.
Mein Herz stolpert.
»Komm, Andrews, wir setzen uns nach hinten. Du willst doch nicht hier vorne beim Homo-Club sitzen.«
Seine Worte versetzen mir einen Stich. Ich warte verkrampft darauf, dass Sasha etwas Verletzendes hinzufügt – dass er dem Ganzen die Krone aufsetzt –, aber es passiert nichts. Es herrscht absolute Stille und ich fixiere einfach Margos geballte Fäuste.
»Sorry, muss dieses Jahr echt aufpassen«, antwortet Sasha.
Wie bitte, was?! Ich wage es nicht, ihn anzusehen.
»Na, wenn du meinst«, sagt Phil und er hört sich an, als würde er ausnahmsweise anstatt mich lieber Sasha kaltmachen. »Dass du das nicht früher oder später bereust, Supersportler.« Er spuckt das letzte Wort wie eine Beleidigung aus und schlendert in die hinterste Reihe.
Margo setzt sich wieder. »Ignorier ihn, irgendwann vergeht ihm die Lust.«
Ich höre gar nicht richtig hin, denn mal abgesehen davon, dass Phil noch nie die Lust vergangen ist, frage ich mich, wieso Sasha nicht mitgezogen ist. Ohne nachzudenken, drehe ich mich zu ihm und glaube für einen Moment, dass er doch zu seinem Team gegangen ist, denn er sitzt nicht auf seinem Platz. Mein Blick wandert nach unten und fällt auf eine große Hand, die sich um einen Bleistift schließt. Dann kriecht Sasha unter dem Tisch hervor zurück auf seinen Stuhl.
Er trägt die gelb-schwarze Murphy-Bulldog-Mannschaftsjacke, die sein Schwimmerkreuz vorteilhaft betont. Dunkelbraunes Haar steht wild in alle Richtungen von seinem Kopf ab. Ich betrachte seine braune Haut und seinen kantigen Kiefer. Eine blasse Narbe verläuft dort zwischen Kinn und Wange und auf seiner knochigen Nase schimmern auch ein paar helle Stellen, ganz so, als hätte er sich als Kind mal so richtig langgelegt und sich dabei das Gesicht aufgeschrammt. Die vollen Lippen scheinen von diesem Unfall aber nichts abbekommen zu haben.
Irgendwo aus den Untiefen meines Bewusstseins meldet sich mein Verstand und sagt mir, dass ich ihn nicht so anglotzen soll. Ich sehe in seine dunkelbraunen Augen und er schaut erschrocken zurück.
In dem Moment ertönt ein Kreischen. »Sasha!«
Ich stöhne entnervt, widme mich meinem Telefon und konzentriere mich krampfhaft darauf, aber diesmal hilft es nicht. Aus dem Augenwinkel beobachte ich Sashas Freundin, Audrey Hanson, wie sie auf ihren Angebeteten zustürmt und ihn überschwänglich begrüßt. Ihr langer, blonder Flechtzopf fliegt umher. Rapunzel und ihr Prinz. Wie passend.
Hinter ihr strömen weitere Schüler*innen herein, gehen alle zum Supersportler. Sie schütteln ihm die Hand, klopfen ihm auf die Schulter, klatschen ihn ab. Als wäre er ein Nationalheld oder so. Ich schnaube. Dieses Gehabe, weil Sasha letztes Jahr irgendeinen bescheuerten Schwimmrekord geknackt hat, ist einfach nur lächerlich.
»Wieso sitzt du hier vorne bei den Strebern?«, fragt Nicole, die beste Freundin von Rapunzel.
Ich schließe die Augen, frage mich, wieso dumme Menschen andere, die einfach klüger sind, runtermachen müssen. Jemand stößt mir mit dem Ellenbogen in die Rippen. Ich schlage die Lider auf.
Margo nickt in Richtung Tafel.
Endlich. Mr Weight lässt gerade seine Tasche und einen Stapel Plakate auf das Pult fallen, es klingelt und die Menge hinter mir zerstreut sich.
Ich atme auf und stecke das Smartphone weg.
Nachdem Mr Weight dem Kurs eine lange Einführung über das Abschlussjahr gegeben hat, möchte er eine für ihn eher untypische Unterrichtsform ausprobieren.
»Also los, finden Sie sich in Dreiergruppen zusammen.«
Das darf doch echt nicht wahr sein.
Er lacht und die Brille auf seiner Nase wackelt. »Nun schauen Sie mich alle nicht so an. Sam, Margareth, drehen Sie sich doch einfach zu Sasha.«
Nein …
Er lacht noch einmal. »Audrey, Sie werden auch eine Stunde ohne ihn auskommen.« Er teilt Rapunzel einer anderen Gruppe zu.
Lautes Stühlerücken und Geplapper bricht los.
Nein, nein, nein!
Margo schnappt sich ihre Sachen und dreht sich um.
Ich fixiere Mr Weight flehend. Wieso kann er nicht einfach tun, was er immer schon getan hat? Über merkwürdige Details der amerikanischen Geschichte faseln und ich schreibe mit. Ich spüre Margos abwartenden Blick auf mir und drehe meinen Stuhl halb herum. Sie legt ihren Stift und einen Block auf Sashas Platz ab, aber ich denke nicht einmal im Traum daran, irgendetwas Derartiges zu tun. Keine Chance. Nie im Leben. Mit verschränkten Armen fokussiere ich die Schulsachen auf meinem Schoß.
Mr Weight kommt bei uns vorbei und reicht uns ein Plakat plus Stift.
»He, Andrews, pass auf, dass du dich nicht ansteckst!«, ruft Phil von hinten.
Cooper und Evan lachen, klatschen und die ganze Klasse macht mit.
Schlagartig ist mir eiskalt. Meine Finger bohren sich in den Stoff meiner schwarzen Jeans.
»Ruhe!«, fordert Mr Weight. Das Lachen wird leiser. Das glaube ich jedenfalls, denn die Geräuschkulisse ist seltsam verzerrt.
Margo berührt mich mit den Fingerspitzen am Bein und ich schüttle kaum merklich den Kopf.
Wenn sie mich jetzt bemuttert, dann kann ich echt einpacken.
»Unsere Frage lässt sich mithilfe der Seiten sechsundzwanzig und folgende beantworten«, sagt sie und blättert geschäftig in ihrem Buch.
Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie dankbar ich ihr bin, dass sie sofort kapiert hat. Dass sie nicht nachbohrt. Dass sie mich nicht schwach aussehen lässt.
Der Supersportler mir gegenüber tut es ihr nach. Er schlägt eine Seite nach der anderen um, als wäre nichts.
Ich lege Stift, Notizblock und Organizer nun doch auf dem äußersten Rand des Tisches ab. Das Rascheln der Seiten nervt. Ein dumpfer Schmerz pulsiert in meinem Kopf. Ich höre immer noch Phils Lachen.
»Ruhe, Phil! Sie hatten Ihren Spaß. Arbeiten Sie jetzt!«, befiehlt Mr Weight.
Ich starre auf das Inhaltsverzeichnis der Lektüre in meinen Händen. Es war klar, dass es so läuft. Ich wusste es. Ich wusste es ganz genau. Aber wieso fühle ich mich dann trotzdem so beschissen? Vorsichtig linse ich hoch.
Sashas braune Augen wandern von links nach rechts, immer wieder. Seine Kiefer mahlen und die Narbe bildet dadurch eine tiefe Kerbe. Er ist angespannt, wünscht sich wohl, woanders zu sitzen. Dann müsste er nicht mit mir, der Schwuchtel, zusammenarbeiten. Eine Haarsträhne fällt ihm in die Stirn, aber es scheint ihn nicht zu stören.
Ich schaue ins Buch und knete meine eiskalten Hände, bis ich meine Finger wieder spüre. Der Supersportler hebt den Kopf und ich weiß, dass er mich ansieht. Scheiße. Ich verziehe den Mund, lehne mich zurück und schlage die entsprechende Seite auf.
»Okay … seid ihr … durch?«, fragt Margo. Ihre Stimme klingt, als wäre sie sich unsicher, ob sie Sasha und mich als ihr bezeichnen dürfe.
»Moment noch«, antwortet Sasha.
Ich stimme ihm mit einem Brummen zu und hasse es, ihm überhaupt in irgendwas zustimmen zu müssen, aber ich habe noch keine einzige Zeile gelesen. Läuft ja super mit dem grandiosen Abschluss.
Die anderen Gruppen kommen ins Gespräch und der Geräuschpegel steigt. Margo und Sasha bereden die Aufgabe zu zweit, während ich keine drei Sätze am Stück durchlesen kann. Verdammt, was ist los mit mir?
Ich kneife die Augen einen Moment lang zu und lasse den Blick dann schweifen.
Phil flirtet ganz ungeniert mit Nicole, das sieht man auf hundert Meilen Entfernung. Ständig fährt er sich durchs Haar und grinst sie an, während sie im Abstand von gerade einmal zwei Sekunden immer wieder seinen Arm oder seine Hand berührt. Ich beiße mir auf die Zunge und sehe weg.
Mir fällt auf, dass nicht nur ich meine Mitschüler*innen beobachte.
Rapunzel stiert mit zusammengezogenen Augenbrauen zu uns herüber. Ich folge ihrem Blick und schaue zwischen Sasha und Margo hin und her. Sie unterhalten sich eifrig darüber, wie wir das Plakat gliedern sollen. Hoffentlich ist Audrey eifersüchtig und hoffentlich kriegt er Stress mit ihr. Das würde ich ihm so richtig gönnen.
Ich halte inne.
Rapunzel arbeitet mit Margo und mir für die Schulzeitung und ich glaube, die beiden verstehen sich ganz gut. Verdammt, ich bin ein Arschloch. Selbst wenn Audrey nicht gut mit Margo befreundet wäre. Wieso sollte ich jemandem wünschen, was ich tagtäglich fühle? Ich checke ja selbst nicht, wie ich wegen Phil nach so vielen Jahren immer noch eifersüchtig sein kann.
»Soll ich die Stichpunkte diktieren und einer von euch schreibt?«, fragt Margo. Ein dezentes Lächeln ruht auf ihren Lippen. Sie sieht zwischen Sasha und mir hin und her.
Ich schiele zu dem Stift, der verflucht nah beim Schwimmchamp liegt. Mein Körper wird steif und ich kann nicht danach greifen. Ich kann einfach nicht.
Sasha zuckt kaum merklich mit den Schultern. »Meinetwegen.«
Meinetwegen? Kann der keine ganzen Sätze bilden? Ein missmutiges Brummen dringt aus meiner Kehle, bevor ich es verhindern kann.
»Willst du lieber?« Margos Stimme klingt nun nicht mehr so geduldig.
Ich starre den Stift an und möchte ihn an mich nehmen. Es ist doch so einfach. Ich müsste mich nur ein wenig vorlehnen und die Hand ausstrecken.
»Jungs, einer von euch muss schreiben. Jetzt habt euch nicht so!«
Manchmal frage ich mich, ob Margos empathische Momente nur Glückstreffer sind. Egal. Bevor er mit seinem Erbsenhirn die ganze Arbeit versaut … Ich überwinde mich und greife nach dem Stift.
Zu spät registriere ich, dass auch Sasha sich bewegt. Unerwartet streift seine Hand meine und ich weiche zurück. Mir wird heiß und kalt zugleich. Mein Kopf muss auflodern wie bei Hades im Kinderfilm ›Hercules‹. In mir explodieren Erinnerungen.
»Sprich mich nie wieder an!«
»Schwuchtel!«
»Alles ist deine Schuld!«
Ein eisiger Schauer treibt mir den Schweiß auf die Stirn.
Sasha schlingt die Finger um den Stift und meidet meinen Blick. Als wäre nichts gewesen, entfernt er den Deckel und beugt sich zum Plakat. Zahlt er mir das später heim?
Hinter ihm bricht tosendes Gelächter aus. Erst jetzt kapiere ich, wie still es war.
»Sasha, ich würde mir schnell die Hände waschen!«
Margo springt auf. »Halt’s Maul, Cooper!«
Ich höre, wie jemand ›Schwulette‹ zischt, und sehe auf meine zitternden Finger.
»Cooper, wollen Sie direkt am ersten Tag beim Direktor landen?«, unterbricht Mr Weights schneidende Stimme das Schauspiel. »Margareth, setzen Sie sich und zügeln Sie ihre Zunge. Ich will nach dem Unterricht mit Ihnen beiden über soziale Umgangsformen sprechen!«
»Und was ist mit Phil? Was ist mit seinen sozialen Umgangsformen?«, fragt Margo.
»Fordern Sie mich nicht heraus. Ich spreche Sie und Cooper.«
Das Lachen wird leiser, ebbt aber nicht vollständig ab. Meine Augen brennen. Am liebsten würde ich sie mir ausreißen, damit ich nicht flennen kann.
Mit einem dumpfen Geräusch plumpst Margo zurück auf ihren Stuhl und nimmt meine Hand. Ihre zittert genauso sehr wie meine. Ich klammere mich an ihr fest, auch wenn es mich schwach aussehen lässt. Auch wenn ich nicht verstehe, wieso sie mich verteidigt.
Mich. Den niemand leiden kann. Den niemand haben will. Diese Gedanken erdrücken mich.
Das Klingeln der Schulglocke war mir noch nie so willkommen. Ich reiße mich von meiner besten Freundin los, stopfe meine Sachen wahllos in den Rucksack und fliehe aus dem Raum.
»Sam!«, ruft Mr Weight mir hinterher. »Sam!«
Es ist mir egal.
Ich renne, während wirre Bilder auf mich hereinbrechen.
Vor 12 Jahren
»Das ist wirklich unglaublich nett von Ihnen, Mrs Wilson.«
Die Frau und Mom schüttelten sich die Hände. Dann bugsierte die große, blonde Dame im Hosenanzug ihren Sohn durch unsere Haustür. Seine Haare waren wasserstoffblond, die Augen dunkelblau. In den Fäusten hielt er seinen Schulranzen.
Wieso sah er so wütend aus? Mom war doch ziemlich gut darin, Hausaufgaben zu erklären.
»Kein Problem. Wir hatten das so ausgemacht. Die beiden sind im selben Jahrgang, das sollte kein Thema sein«, hörte ich Mom sagen, konzentrierte mich aber weiter auf den Jungen.
Mom hatte recht. Ich hatte ihn schon einmal in der Schule gesehen, aber er war nicht in meiner Klasse. Ich legte den Kopf schief.
Stocksteif stand er da und fixierte seine Füße.
Die Haustür fiel ins Schloss und ich trat einen Schritt auf den Jungen zu, hielt ihm meine Hand hin: »Hey, ich bin Sam.«
Er hob den Blick. Seine Brauen waren zusammengezogen, die Mundwinkel zeigten nach unten. Die dunkelblauen Augen schwammen in Tränen und er ignorierte meine Geste. »Ich will nicht hier sein!«
Ich ließ meinen ausgestreckten Arm sinken, verstand nicht, was er meinte.
»Ist schon gut, kommt, wir essen jetzt erstmal was Leckeres.« Mom legte einen Arm um seine Schultern und führte ihn in die Küche. Dabei klammerten sich seine Finger weiterhin an den Rucksack.
Mit federnden Schritten folgte ich ihnen, überlegte, wie ich ihn aufmuntern konnte. »Du brauchst nicht traurig sein. Mom macht die beste Pizza der Welt.« Der Duft von gebackenem Käse stieg in meine Nase. Ich rieb die Handflächen aneinander und grinste.
Mom platzierte den Jungen auf einem Stuhl am Esstisch und nahm ihm die Tasche ab. Ich setzte mich daneben und lächelte ihn an.
Er schniefte.
»Magst du keine Pizza?«, fragte ich verdutzt, während Mom zum Backofen ging. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Pizza war das Leckerste, was es im Universum gab.
»Doch«, grummelte er und kickte mit einem Fuß immer wieder gegen das Tischbein.
»Ich auch! Was magst du am liebsten drauf?«
»Salami«, entgegnete er knapp, ohne mich anzusehen.
»Oh! Ich mag keine Salami. Davon krieg’ ich Bauchschmerzen. Ich mag Pilze und ganz viel Käse drauf.«
Seine Züge wurden weicher und endlich blickte er zu mir auf: »Ich mag auch ganz viel Käse obendrauf.«
Ich grinste und seine Mundwinkel zuckten.
Der Backofen klapperte und Mom schob das Blech auf eine Holzunterlage. »Dann habe ich ja genau das Richtige draufgelegt«, sagte sie lachend und teilte die Pizza mit einem Pizzaschneider.
»Juhu!« Ich hob die Hand, damit der Junge einschlagen konnte.
Mit einem Klatscher, der sich gewaschen hatte, prusteten wir los.
»Ich bin übrigens Phil.«
Mittwoch
Margo und ich sind auf dem Weg zum Versammlungsraum der Schulzeitung. In der Stunde vor dem Lunch wurde das gesamte Team dazu aufgefordert, sich dort vor dem Essen einzufinden. Es gibt irgendeine tolle Neuigkeit, die mich bestimmt nicht vom beschissenen Jahresbeginn ablenken wird.
»Und du willst wegen Montag wirklich nicht mit irgendwem reden, Sam?«
»Nein, immer noch nicht, Margo. Mr Weight war doch dabei. Was sollte es also bringen?« Ich setze meine Kapuze auf und hoffe, dass die Diskussion damit endlich beendet ist.
»Aber … ich weiß nicht. Das geht schon so lange.«
Wenn sie wüsste.
Margo ist zeitgleich mit dem Supersportler, Sasha, nach Murphy gezogen. Sie kennt meine Situation seit gerade mal zwei Jahren. Ich zucke mit den Schultern.
»Aber Sam –«
»Margo, bitte. Lass es.« Wieso versteht sie nicht, dass ich nur noch ein Jahr durchhalten muss? Ich wühle in den Taschen nach meinen Kopfhörern.
»Vielleicht gehe dann einfach ich zum Rektor.«
Ich stolpere beinahe über meine eigenen Füße. Wieso sagt sie das? Es gibt fast nichts, was ich weniger will. Ich stecke mir die Stöpsel in die Ohren, schalte aber keine Musik an, scrolle stattdessen wahllos durch *Date.
Sie seufzt, belässt es aber dabei.
Margo setzt sich an die zusammengestellten Tische in der Mitte des Raumes. Auf ihnen stehen zwei Computer und ein Laptop. Drum herum stapeln sich Unmengen von Zetteln, Mappen und Ordnern. Die Tafel ist vollgekritzelt mit irgendwelchen Notizen, die ich nicht entziffern kann. Es riecht nach Papier, Büchern und Staub.
Ich nehme einen Platz in der Ecke am Fenster ein. Ihr Blick folgt mir, das weiß ich ganz genau. Am liebsten würde sie etwas sagen, so ist Margo einfach. Ich sehe nach draußen und ziehe die Kopfhörer heraus.
Meine beste Freundin atmet hörbar ein, aber ich gebe ihr nicht die Möglichkeit, mich zu bitten, mich zu ihr zu setzen. »Sag mal, hast du gestern zufällig meinen Organizer eingepackt?«
»Was?«
Ich habe sie aus dem Konzept gebracht. »Meinen Planer. Den dunkelblauen. Irgendwie ist der weg.« So entspannt, wie ich mich anhöre, bin ich gar nicht. Als mir gestern aufgefallen ist, dass der Organizer weg ist, habe ich als Erstes mein Passwort für *Date geändert, weil ich glaube, es darin notiert zu haben. Stufenbester, aber trotzdem so blöd, ein Passwort aufzuschreiben.
»Uff. Nein. Tut mir leid, das wäre mir aufgefallen.«
Verdammt. Wo ist der Planer dann nur?
Die Tür geht auf. Der Rest des Teams trudelt ein. Es wird laut und ich spüre all ihre unsicheren, mitleidigen Blicke, fühle mich wie ein Aussätziger. Mit einer Schwuchtel kann eben niemand etwas anfangen. So einfach ist das.
»Ah, wunderbar, Sie sind alle anwesend!«
Ich drehe den Kopf und schaue zu dem großen Mann mit schütterem Haar, Anzug und Krawatte. Was will Direktor Thompson denn hier?
»Es gibt einmalige Neuigkeiten!« Seine Stimme überschlägt sich und das Schulzeitungsteam tuschelt aufgeregt. »Das Schwimmteam der Abschlussklasse und Coach Torres müssten jeden Moment auch hier eintreffen.«
Ich schnaube, lache beinahe los. Er macht Witze, oder? Bitte. Er muss Witze machen.
Aber nein. Er grinst und sieht so aus, als würden Weihnachten, Thanksgiving und sein Geburtstag auf einen Tag fallen. Aufgeregt wippt er auf seinen Fußballen vor und zurück.
Margo schaut ähnlich erschüttert drein, wie ich mich fühle. Moment. Erschüttert oder auffordernd? Will sie etwa, dass ich mich freue?
Coach Torres und das Schwimmteam kommen herein. Phils und mein Blick treffen sich. Seine Gesichtszüge entgleisen. Als hätte ihn ein Blitz getroffen, bleibt er stehen, sodass Cooper in ihn hineinläuft, und sein »Was macht der hier?« übertönt Coopers »Alter«.
Stille.
Alle Köpfe drehen sich zu mir.
Mein Gesicht wird heiß und ich sehe starr zu Margo.
Sie fährt sich aufgebracht durchs Haar. Ihre Augen strahlen pures Mitleid aus und ich habe das Gefühl, als würde mir jemand Eiswasser in die Brust kippen.
Direktor Thompson guckt mit quasi verknoteten Augenbrauen zwischen Phil und mir hin und her.
Logisch. Niemand bemerkt, was hier abgeht. Niemand kapiert, dass Phil mich wahrscheinlich gern aus dem Fenster oder gleich vom Dach werfen würde. Ich schaue wieder zu ihm hin und er ballt seine Hände zu Fäusten. Obwohl mir unendlich warm sein müsste, ist mir bitterkalt.
In dem Moment unterbricht eine große Gestalt mit braunen, verwuschelten Haaren unseren Blickkontakt. Sasha sieht mit ausdrucksloser Miene und unruhig wippendem Bein nach vorne zum Rektor und scheint überhaupt nicht zu registrieren, dass er gerade die angespannte Stimmung auflöst.
»Nun gut«, fährt Direktor Thompson fort und schnauft.
Vielleicht will er ja nicht wahrhaben, was hier abgeht. Genau. Vielleicht bin ich selbst schuld, weil ich nichts sage. Ja, ist klar. Als wäre Phils Hass auf mich nicht offensichtlich. Egal. Es ist alles scheißegal.
Ich drehe mich zum Fenster. Die Blätter der Bäume auf dem Schulgelände wehen sachte im Wind und ihre natürliche Unbeschwertheit fuckt mich ab. Alles fuckt mich so dermaßen ab und bräuchte ich diese verdammten Nachweise nicht für meine Bewerbung, würde ich auf der Stelle aus der Schulzeitung austreten.
»Der Coach und ich haben wunderbare Neuigkeiten!«
Yeah. Trommelwirbel.
»Nun spucken Sie’s schon aus!« Evan gluckst und die anderen stimmen in sein Lachen ein.
Haha, wie witzig … diese geballte Dummheit!
»Wir sind stolz, verkünden zu können, dass sich das Senior-Schwimmteam dieses Jahr für die Vorrunde der Atlantic Championships qualifiziert hat!« Coach Torres’ Stimme wird zum Ende hin immer lauter und auf seine Worte bricht tosender Jubel aus.
Das ist jetzt nicht wahr. Mein Magen zieht sich zusammen und ich schließe die Augen.
Mom würde wahrscheinlich töten, damit ich zum Vorspiel an der Juilliard oder was weiß ich für eine Uni eingeladen werde. Jeden Tag spüre ich ihre Enttäuschung und dann ist es ausgerechnet Phil, dem so eine Chance vor die Füße fällt. Wieso haben gerade die so ein Glück? Es muss Glück sein, denn verdient haben sie es nicht.
»Margareth, ich möchte, dass das in Ihrer allerersten Ausgabe im September ganz vorne und auf dem Titelbild thematisiert wird! Am besten mit einem Foto von Sasha und dem Coach. Es ist acht Jahre her, dass eine Mannschaft der Murphy High das geschafft hat! Nächste Woche bei der Schulversammlung, wenn alles in trockenen Tüchern ist, verkünden wir es der Schule. Sasha, Sie haben einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet. Ihre Zeiten aus dem letzten Jahr – einfach sagenhaft!«
Glückwünsche und Schulterklopfer erfüllen den Raum und ich würde am liebsten direkt hierhin kotzen. Es reicht meinem Schicksal wohl nicht, dass ich Phil und die anderen noch ein Jahr ertragen muss. Nein. Jetzt muss ich zusätzlich Lobeshymnen über ihn und sein Pack schreiben. Ihn fotografieren und mich mehr als ohnehin schon mit ihm auseinandersetzen.
Wie soll ich das alles noch ein Jahr aushalten?
»Ich kann es nicht fassen! Die Atlantic Championships!«, quiekt Margo und der Teller auf ihrem Tablett rutscht gefährlich zur Seite.
Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. »Ja«, sage ich knapp, während wir uns von der Essensausgabe entfernen.
»Oh. Sorry, Sam.«
Mein Blick wandert nervös umher und der schwüle Geruch von Pizza, Burger und Hot Dogs lässt nach. »Wofür?«
»Na ja. Sport ist ja nicht so dein Ding und außerdem …«
»Ja, versteh’ schon.« Ich gehe einen Schritt schneller. »Ist ja nicht deine Schuld. Lass uns einfach nur raus hier, okay?« Ich schwitze, obwohl mir kalt ist. Gleich sind wir am Sportlertisch vorbei. Noch ein paar Schritte.
Ich spüre einen Widerstand am Schienbein und stolpere vorwärts. Mir rutscht die Kapuze vom Kopf, mein Essen fliegt in die Luft und ich lasse das Tablett los, um mich mit den Händen abfangen zu können. Auf allen vieren schlittere ich ein Stück über den Boden bis vor ein Paar grüne Sneaker. Etwas knallt gegen meinen Kopf, dann zerschellt mein Teller zwischen meinen Händen und Pommes verteilen sich auf dem Boden.
Wie eine Welle stürmt tosendes Gelächter auf mich herein. Ich starre von den Scherben eine Jeans hinauf, registriere rote Spritzer genau im Schritt der Hose. Blicke weiter hoch.
Sasha gafft mit aufgerissenen Augen zu mir herunter.
Ich rühre mich nicht.
Das Lachen der anderen vermischt sich zu einem ohrenbetäubenden Rauschen. Manche holen ihre Handys raus und filmen mich – uns.
Sashas Hand zuckt und er greift nach einer Serviette, umklammert sie. Seine Kiefer mahlen. Wut. Da ist ganz eindeutig Wut in seinem Blick.
Meine Sicht verschleiert, aber ich versuche, zu grinsen. Keine Schwäche zeigen. Keine. Schwäche. Zeigen.
Zwei kräftige Hände packen mich an den Schultern und zerren mich unsanft auf die Beine. »Das passiert, wenn du mich zu lange anglotzt, Wilson!«, zischt Phil zwischen seinen Zähnen hervor.
Ich spüre seine Spucke an meinem Ohr. Fokussiere weiterhin Sasha. Bin nicht in der Lage, irgendetwas anderes zu tun. Konzentriere mich einfach auf die tiefbraunen Iriden, spüre meinen Körper nicht mehr. Zittere ich? Hoffentlich nicht. Keine Schwäche …
Margo taucht am Rande meines Blickfeldes auf. »Verpiss dich, Phil!« Ihre Stimme klingt unnatürlich langsam, verzerrt und wie aus weiter Ferne.
Endlich kann ich mich bewegen. Ich drehe den Kopf. Anstatt ein Tablett hält sie ein paar Küchentücher in den Händen.
»Gutes Timing. Die holde Maid ist in Nöten, Smith«, trällert Phil vergnügt und lacht. Evan und Cooper – im Grunde die ganze Schule – stimmen mit ein.
Am liebsten würde ich Phil genauso verletzen wie er mich. »Du bist so arm–!«
»Halt die Fresse, Schwuchtel!«, brüllt Phil, packt mich im Nacken und stößt mich heftig von sich.
Ich stolpere drei Schritte vorwärts, fange mich und wirble herum. Mein Herz rast und ich keuche. Mir fällt auf, dass ein untypischer, penetrant süßlicher Geruch von ihm ausgegangen ist, der sich jetzt verflüchtigt.
Margo macht einen Satz nach vorne, baut sich zwischen Phil und mir auf. »Fick dich! Wie kann man nur so ein Mistkerl sein?« Sie zeigt dem Captain den Mittelfinger. Die Menge verstummt.
Ich glaube, Margo würde sich mit ihm prügeln, wenn es drauf ankäme. Ein seltsames Gefühl macht sich in meiner Brust breit, fast so, als müsste ich gleich lachen. Lachen, um nicht zu weinen.
Vor Dankbarkeit.
Und vor Schmerz.
Immer noch halten einige ihre Handys hoch. Phils Lippen bilden eine schmale Linie und seine blauen Augen funkeln bösartig.
Margo bebt am ganzen Leib und dreht sich zu mir. Sie hat Tränen in den Augen und ich weiß, dass es sie alle Kraft kostet. Sie kommt an meine Seite und schleift mich durch die Menge davon. Wie eine Irre zerrt sie mich durch den Ausgang, wischt mir mit den Tüchern wahllos über Kopf und Kleidung. Sie flucht immer wieder Beschimpfungen, die ich noch nie aus ihrem Mund gehört habe.
»Ich könnte … Herrgott, ich will …!« Sie wettert weiter und ich lache. »Das ist nicht witzig!« Sie zittert immer noch.
»Nein, ist es nicht, aber du und ich, traurig, das ertra–«
Coach Torres und Ms Sato eilen uns entgegen. »Margareth. Sam, was zum –?«
»Sehen Sie sich das an!«, blafft Margo.
»Margareth, Ihr Ton –«
»Mein Ton?!« Sie schreit und ich schaue sie entsetzt an. »Sehen Sie sich das an! Steht Ihr Team dafür? Dafür?!« Margo bohrt mir mit dem Zeigefinger in die Brust.
Ich weiß nicht, ob irgendwer ihr folgen kann.
Ms Sato wirft dem Coach einen Blick zu und macht einen Schritt auf meine beste Freundin zu. Beschwichtigend hebt sie die Hände. »Margareth, bitte beruhige dich.«
»Kommen Sie mir nicht so! Ich will mich nicht beruhigen!« Sie keucht, lässt mich los und rauft sich das Haar. »Wenn es so läuft, will ich nicht über Ihr Schwimmteam schreiben!«
Der Blick des Coaches wandert an mir hinauf und hinab.
Das Gefühl kehrt in meinen Körper zurück. Ich spüre meine brennenden Knie, den Ketchup in meinen Haaren und streife die Kapuze wieder über. Meine Finger tun weh. Ich will gar nicht wissen, wie ich aussehe.
»Das wird ein Nachspiel haben.« Mr Torres macht eine Handbewegung und bedeutet Ms Sato, ihm zu folgen. Sie gehen an uns vorbei und ich frage mich, für wen genau das ein Nachspiel haben wird.
Ich habe das Gefühl, Margo geht mit mir extra einen Umweg zu den Biologieräumen, um ihrer Wut Luft machen zu können.
»Was glotzt du so?!«, motzt sie irgendwen an.
Ich stöpsele mir Kopfhörer in die Ohren und kann wieder so tun, als würde ich die anderen um mich herum nicht wahrnehmen.
»Pack bloß das Handy weg oder soll ich in der Schulzeitung irgendeine nette Story über dich bringen?« Sie zieht mich vorwärts, zeigt zum zweiten Mal heute irgendwem den Mittelfinger.
Ich kann nicht anders und grinse. Sie tut es mir nach und ich glaube, sie weiß, dass ich nicht wirklich Musik höre. Gleichzeitig wird mir klar, dass sie mich noch nie dazu aufgefordert hat, mich selbst zu wehren.
Was sagt das über mich aus?
Wir erreichen die Biologieräume und ich steuere die Toiletten an.
»Soll ich mitkommen?«
Okay, jetzt erinnert sie mich an Mom. »Nein, ich schaff’ das schon.«
Margo lässt mich los und ich trete mit gemischten Gefühlen durch die Tür. Hinter mir fällt sie klickend ins Schloss.
Stille.
Nur mein eigener Atem und Autogeräusche von draußen, die durch ein geöffnetes Oberlicht hereindringen, sind zu hören.
Ich trete an das mittlere von drei Waschbecken, ziehe die Kapuze herunter und sehe in den Spiegel. O verdammt. Ich presse die Lippen zusammen. Ketchup und Pommesreste hängen mir im Gesicht. Meine roten Locken kleben an meinem Kopf und der graublaue Pulli ist auch hinüber. Ich betätige den Wasserhahn, reiße einen Stapel Tücher aus dem Spender, befeuchte sie und versuche, als Erstes den Hoodie zu retten. Verdammt, verdammt, verdammt! Das Rot breitet sich immer weiter durch den Stoff aus. Ich werfe mir selbst einen Blick zu und meine Kehle wird eng.
Hinter mir klickt eine Kabinentür. Mein Herz setzt einen Schlag aus, ich fahre herum und mir klappt der Mund auf.
Sasha steht mir gegenüber und glotzt wie ein verschrecktes Reh.
Meine freie Hand tastet nach dem Waschbecken. »Ihr könnt es nicht lassen, oder?« Ich bin überrascht von der großspurigen Verachtung in meiner Stimme, obwohl sich meine Beine wie Pudding anfühlen.
Sasha senkt den Blick, reibt sich den Nacken und räuspert sich. »Was … meinst du?«
Ich schnaube. Seine Geste ist so … dafür gibt es kein Wort. Ich drehe mich zum Spiegel, schrubbe wieder mit dem Tuch über meinen Hoodie, lasse Sasha aber für keine Sekunde aus den Augen. Er rührt sich nicht und ich sehe hinab. »So ein Scheiß!« Ich pfeffere den matschigen Klumpen in die Tonne und hämmere mit der flachen Hand auf den Wasserregler.
Der Supersportler beobachtet mich bei meiner aussichtslosen Reinigungsaktion. Ist er vielleicht zu Stein erstarrt?
»Mann, was glotzt du denn so?!«
Als würde er aus dem Schlaf erwachen, tritt er zum Waschbecken rechts von mir, wäscht schweigend seine Hände und wischt mit einem trockenen Tuch das Gröbste von seiner Hose.
Obwohl er dicht neben mir nicht so riesig erscheint, wie es mir immer vorgekommen ist, habe ich das Gefühl, von seiner Präsenz erdrückt zu werden.
Okay, nichts wie raus hier!
Ich wende mich zum Gehen, aber eine Hand berührt mich am Oberarm. Sachte, nicht schroff. Ich fahre herum und reiße den Arm weg. »Scheiße, was soll das?!«
Für einen Moment starren wir uns erschrocken an. Mal wieder.
Ich warte auf seine Wut, die ich in der Kantine in seinen Augen gesehen habe, aber stattdessen guckt er mit ausdrucksloser Miene auf meinen Pulli.
»Ja, haha, ganz witzi–!« Ich stocke.
Sasha streift seine Jacke ab, klemmt sie zwischen die Knie und zieht sich den Hoodie über den Kopf. Sein Shirt rutscht ein Stück nach oben und gibt den Bund seiner Calvin Klein Boxershorts und ein wenig Bauch frei.
Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
Im schwachen Licht sieht es aus, als würde sich die glatte Haut makellos über seinen Sixpack wölben. Er hat breite Schultern und glatte, definierte Arme, über die sich markante Venen ziehen. Seine Hände umklammern den Pulli.
Nicht mein Typ. Nein. Nicht mein Typ.
»Hör mal«, murmelt er und hält mir den sauberen Hoodie direkt vor die Brust. An seinem linken Zeigefinger hat er bunte Pünktchen, so als ob er vor Kurzem mit einer Menge Filzstifte hantiert hätte. »Phil …« Er reibt sich den Nacken.»Phil … ist … ein Idiot.« Für einen winzigen Augenblick linst er zu mir.
Ich kann mich nicht bewegen, sehe abwechselnd von seinem Gesicht zu dem Pullover. Welcher Film läuft hier? Meine Finger schließen sich, bevor ich drüber nachdenken kann, um den weichen, warmen Stoff. Dann begreife ich und pruste los.
Sasha wippt auf seinen Füßen vor und zurück.
Ich verstumme, blinzle. »Verrückt! Du kannst das echt gut«, sage ich und meine sein Verständnis, das er mir mit Bravour vorgaukelt. Ich lache weiter. Tränen schießen mir in die Augen. Hitze in meine Wangen.
Eilig streift er die Jacke über sein Shirt und vergräbt seine Hände in den Hosentaschen. Drückt seine Schultern dabei hoch, als würde er sich für irgendwas schämen.
»Denkst du echt, ich bin so naiv?«
Er macht den Eindruck, als würde er kein Wort kapieren oder einfach nur ein brillanter Schauspieler sein.
»Steck dir deinen beschissenen Pulli sonst wohin! Ich will und brauche ihn nicht!« Ich halte ihm den Stoff hin.
Aber er greift nicht danach, sieht stattdessen nur auf meine Hand und dann in meine Augen.
Wärme pulsiert in jeder Zelle meines Körpers. Ich muss dringend hier raus.
Seine Mundwinkel zucken.
Ich lasse die Hand samt Hoodie sinken und weiche zurück. Das ist doch nicht sein Ernst! Was hat er noch mal gesagt? Dass Phil ein Idiot ist? Wer’s glaubt.
»Hast du das Phil auch schon gesagt?«, frage ich ihn herausfordernd und er blinzelt verwirrt. Scheiße, ist der so verpeilt oder tut er nur so? »Ich meine, dass er ein Idiot ist.«
Sasha schließt die Augen. »Nein.«
Ich schnaube. »Dann schieb dir dein Mitleid oder was auch immer sonst wohin. Los, verpiss dich!«
Erst rührt er sich nicht und schweigt. Es hat dem Supersportler wohl die Sprache verschlagen.
Ich wende mein Gesicht ab und endlich kommt er meiner Aufforderung nach.
»Lass dich nicht unterkriegen«, murmelt er und geht an mir vorbei hinaus auf den Flur.
Mittwoch
Sashawendet den Blick von den drei makellosen Autos in der Einfahrt ab und tritt durch die Haustür. Vor ihm erstreckt sich ein hoher, edler Flur. Bis zu seiner Hüfte ist er mit einer hellen Holzverkleidung versehen. Die Wände darüber sind strahlend weiß und mit etlichen Gemälden behangen. Es ist, als ob ihn jemand hundert Jahre in die Vergangenheit katapultiert hätte. Sofort streift er seine Sportschuhe ab. Sein Dad würde ausflippen, wenn er auch nur ein einziges Staubkörnchen auf dem meterlangen Teppich hinterließe. Er verstaut sie in einer dunklen Kommode zu seiner Linken.
Ein pfeifendes Rauschen dringt an seine Ohren. Das muss Michael, einer der Angestellten, mit dem Staubsauger sein.
Zielstrebig geht Sasha auf die Treppe am Ende des Flures zu, reibt sich den Nacken und wird mit jeder Stufe, die er nimmt, langsamer. Es ist, als ob sich ein hauchdünnes Band enger und enger um sein rasendes Herz schließen und das Leben aus ihm herausquetschen würde. Er versteht nicht, wieso, schließlich hat er gute Neuigkeiten. Gute. Solche, die seinen Vater zufrieden stimmen werden.
Oben stellt er seinen Rucksack an das Geländer und geht zur Bürotür. Er hält inne, lauscht, kann hinter der Tür aus massiver Eiche aber nichts hören. Sasha klopft an und sein Herz legt noch einen Zahn zu.
Nichts geschieht.
Er wartet und klopft ein zweites Mal. Sein Körper versteift sich. Am liebsten würde er die Tür eintreten, seinen Dad dazu zwingen, ihn zu empfangen. Und gleichzeitig würde er gern einfach wegrennen.
»Herein.«
Sasha blinzelt das Holz vor sich an, öffnet eine Seite der Flügeltür und hält den Kopf durch den Spalt.
Wie ein Kaiser sitzt Mr Andrews an seinem gigantischen, altmodischen Schreibtisch und starrt ohne jegliche Regung auf seinen Computerbildschirm – ganz so, als würde er nicht wollen, dass seine imaginäre Krone verrutscht. Das Licht des Displays spiegelt sich in seinen eckigen Brillengläsern. Mit einer Hand schiebt er eine Schublade zu und schließt ab, dann streicht er die goldgelbe Krawatte glatt.
»Hey, Dad.« Sasha räuspert sich. »Hast du einen Moment?« Sein Atem geht stoßweise und seine Brust brennt, als wäre er gerade tausend Meilen geschwommen.
Mr Andrews antwortet nicht, nur das unrhythmische Klicken der Maus erfüllt den Raum.
Sasha umklammert die Türklinke, sodass sie quietscht, und wartet.
Ein nachdenklicher Laut dringt aus Mr Andrews Mund, als würde er überlegen, ob er seinen Sohn zwischen zwei Termine quetschen kann. »Komm rein«, meint er mit gelangweilter Stimme und hebt nur für eine Sekunde die Hand, um auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch zu deuten.
Sasha stolpert darauf zu.
Für eine Millisekunde taxiert ihn Mr Andrews. Dann wendet er sich wieder dem Display zu, als wäre nichts gewesen. Sasha lässt sich mit einem dumpfen Geräusch auf den Stuhl fallen.
Mr Andrews’ Mundwinkel wandern nach unten. »Was gibt’s?«, fragt er, klickt weiter auf der Maus herum und schiebt sie ruckartig hin und her.
Sasha beobachtet die hektischen Bewegungen. Seine Augen verfolgen das Kabel, das hinter dem Tisch entlang zum Rechner führt, und für eine Sekunde will er es herausreißen. Stattdessen umklammert er die Armlehnen und konzentriert sich auf die Frage seines Vaters. »Ich habe gute Neuigkeiten.«
»Aha.« Mr Andrews zieht die Augenbrauen hoch.
Sasha lehnt sich vor, beobachtet ihn ganz genau. »Wir …« Er reibt sich über den Nacken, versucht ein Lächeln. »Dad, wir haben es in die Atlantic Championships geschafft.«
Mr Andrews hält inne. Hinter seinen dunkelbraunen Augen scheint es zu arbeiten. Sie schimmern und sein Bart zuckt kaum merklich. Eine Hand schwebt über der Tastatur. Wie in Zeitlupe gleitet sein Blick zu seinem Sohn. Das Glänzen ist verschwunden. »Und?«
Sashas Lächeln verkrampft. »Dad, wir haben es geschafft!«
Würde das Team der Murphy High das Finale erreichen, würden Sasha bedeutende Scouts schwimmen sehen. Darauf haben er und sein Vater, seitdem sie nach Murphy gezogen sind – nein, eigentlich seitdem er ein kleiner Junge war –, hingearbeitet.
Mr Andrews’ Gesichtsausdruck bleibt ungerührt. Er dreht sich auf dem Stuhl zu seinem Sohn, stützt die Ellenbogen auf den Tisch und verschränkt die Finger vor dem Kinn. »Dann weißt du ja, was das für dich bedeutet.« Sasha öffnet den Mund, aber sein Dad kommt ihm zuvor. »Du weißt, dass dir ein Rekord aus dem letzten Jahr nicht mehr hilft. Jetzt musst du diese Leistung zu jeder Zeit bringen.« Mr Andrews zieht ein Adressbuch unter einer Mappe hervor. »Ich lasse deinen Ernährungsplan anpassen. Kein Süßkram. Kein Imbissfraß. Kein Alkohol und keine Drogen. Ich hoffe, du hältst dich endlich daran.«
»Dad, ich halte mich immer dran.«
Mr Andrews verzieht den Mund. »Ich werde mit Rektor Thompson und deinem Coach über Zusatztraining für dich sprechen.«
»Für mich? Was ist mit meinem Team? Wir müssen gemeinsam Punkte holen.«
Sashas Vater macht ein zischendes Geräusch und schüttelt den Kopf. »Mach dich nicht lächerlich. Auf dein Team kannst du dich nicht verlassen. Die anderen müssen dir egal sein. Du musst der Beste sein!« Mr Andrews lehnt sich zurück und lässt die Hände auf seine Oberschenkel sinken.
Sasha presst die Zähne aufeinander. Jetzt will er nicht nur das Kabel der Maus aus dem Rechner reißen, sondern am liebsten gleich den ganzen Tisch abräumen. »Aber Dad …«
Mr Andrews macht eine wegwischende Handbewegung und dreht sich zu dem Bildschirm. »Ich muss nichts weiter hören. Mich interessieren nur deine Leistungen. Sieh zu, dass du sie bringst.«
Sashas Herz zieht sich zusammen. »Dad, ich war in den Ferien im Trainingslager und dieses Schuljahr hatten wir noch nicht einmal Training.«
Die Maus klickt. Einmal. Zweimal. Ununterbrochen. Mr Andrews zuckt mit den Schultern, haut irgendwas in die Tasten und das Klackern bohrt sich wie kleine, glühende Nadeln in Sashas Ohren.
»Ich bitte dich. Das Trainingslager war eine Peinlichkeit. Deine Zeiten waren blamabel. Und kein Training zu haben, hat dich sonst auch nicht vom Trainieren abgehalten.« Er schnalzt mit der Zunge.
Sasha sitzt da und rührt sich keinen Millimeter.
»Wieso weiß ich eigentlich noch nichts von der Qualifikation? Schließlich habe ich den Ausbau eurer Schwimmhalle gesponsert.« Er macht ein abfälliges Geräusch. »Alles muss man selber machen.«
Jetzt springt Sasha auf, taumelt und hält sich am Schreibtisch fest. Wieso ist sein Vater so? So kalt und stumpf. Er öffnet den Mund, um ihn genau das zu fragen, seine Züge sind zu einer wütenden Grimasse verzerrt, aber sein Dad bemerkt es nicht einmal. Anstatt etwas zu sagen, oder möglicherweise etwas Dummes zu tun, wendet Sasha sich ab und stürmt zur Tür.
»He, Junge, ich bin noch nicht fertig!«
Sasha hält auf der Schwelle inne, keucht unterdrückt.
»Übernächsten Sonntag fahren wir mit den Hansons zum Gemeindefest. Ich habe uns mit ihnen verabredet. Es läuft doch gut mit Audrey, oder?«
Sasha drückt sich eine Faust gegen den Bauch, nickt und verlässt fluchtartig den Raum. Er hastet an den Treppen vorbei, schnappt seine Tasche und rennt Michael, der aus einem der vielen Bäder kommt, dabei fast über den Haufen. Auf der anderen Seite des Gebäudes stürzt er in sein Zimmer, knallt die Tür hinter sich zu und gibt – halb schreiend, halb knurrend – einen frustrierten Laut von sich. Er schnappt nach Luft und schlägt den Hinterkopf gegen das Holz, stöhnt vor Schmerz, doch das Stechen hat etwas Polarisierendes, etwas Beruhigendes. Sasha rutscht mit dem Rücken an der Tür hinunter, schlingt die Arme um die Beine und klemmt den Kopf zwischen die Knie. Er drückt sie gegen die Ohren und presst die Lider fest zusammen.
