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Erzählungen über Kindheit, Familie und Gesellschaft in Chile
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
1 Junge, beeil dich, der Zug wartet nicht!
2 Bis ans Ende der Welt
3 Großvaters Geschichten
4 Der steile Aufstieg
5 Die Briefe von Onkel Hernán
6 Weihnachtsgeschenke
7 El Chato
8 Ein rätselhafter Fremder
9 Lass liegen! María macht das schon!
10 Liquinten
11 Auf Dächer klettern,
12 Die Wurzel meines Problems
13 Verwechslungen und Missverständnisse
14 Die Rückkehr
15 Diese Geschichte ist fast wahr
16 Komm doch mal mit, es wird schön sein
17 Von Abenddämmerungen und Zweifeln
18 Die Ankunft der Statue
19 Wir sind am Ende angelangt
Über den Autor
Warum ich dieses Buch herausbringen wollte? Ganz einfach: Ich möchte, dass das heute so kaum mehr existierende Chile von damals nicht ganz verloren geht, ein Land, mein Land, das ich vor einem halben Jahrhundert verlassen habe und das ich im Nachhinein oft wie ein verlorenes Paradies empfand. Und das mich noch heute durcheinanderbringt. Von maßloser Freude, tiefen Enttäuschungen und großen Hoffnungen will ich erzählen.
Natürlich könnte ich hier den Standardsatz einflechten: Alle Personen sind frei erfunden, jegliche Ähnlichkeit ist rein zufällig. Die Wahrheit jedoch ist, dass ich all diese Menschen voller Güte an vielen Orten in Chile gefunden habe. Und auch auf zahlreiche andere bin ich in der ganzen Welt gestoßen. Sie sind also nicht frei erfunden. Ich habe sie getroffen, und als ich begann, diese Erzählungen niederzuschreiben, dienten sie mir als Vorlage. Zum Beispiel die Schwestern und Kusinen, schön wie der Sternenhimmel mit dem Mond. Oder all die Tanten und Onkel, der Großvater und die Großmutter, Mutter und Vater mit ihren besonderen Charakteren, stürmisch und doch von sonniger Klarheit.
Doch auch die Zerstörung unseres Planeten – bis heute der einzige, auf dem Leben herrscht –, auf dem unsere Natur ums Überleben kämpft, drängt und bestürzt mich genauso wie der Hunger in der Welt und die maßlose Arroganz der herrschenden Klasse, der Politiker, der Finanzjongleure oder der auf welche Art auch immer mächtig Gewordenen, die jegliche Bodenhaftung vermissen lassen.
All das ist keineswegs rein zufällig und erfunden, nein, es ist das Leben. Von mir stammt die Bewegung der Menschen in meinen Erzählungen, wie sie ihre Freude ausdrücken und ihren Schmerz. Es ist meine Verantwortung als Autor, ihnen ähnlich wie in einem Theaterstück Leben einzuhauchen, und ich hoffe, der Leser ist damit zufrieden. Vielleicht identifiziert er sich mit dem einen oder anderen ...
Ich möchte dieses Vorwort beenden, indem ich wiederhole: Die Protagonisten habe ich dem wahren Leben entnommen, aber ich stellte sie auf eine Bühne. Sagen wir es mit den Worten Jean Paul Sartres: "Die Komödie ist beendet." Wann aber endet ein Akt? Ich glaube, nicht einmal dann, wenn ein Leben zu Ende geht. Denn es wird immer weiter noch etwas geschehen.
Armando Freyhofer, Ellerbeck 2011
Lass mich dich noch einmal bewundern, mein Land,
deine weißblauen Berge sehen,
mich erinnern an deine rotbraunen Hügel,
deine Flüsse hören, ahnen,
wie sie in wilder, gottvoller Hast
einen Weg ins stolze Meer suchen.
Lass mich ein letztes Mal
deine grünen, weiten Täler riechen,
deine dürre Wüste spüren,
unter den furchterregenden Winden zittern,
deine heiße Sonne genießen.
Lass mich mich erinnern
an deine weichen, sanften Wolken,
die Kissen gleich
zum Träumen anregen.
Lass mich mit Respekt
deine tiefen Fjorde im Süden betrachten,
aus der Ferne den schweigenden
ewigen Schnee erblicken,
die Brise vom Sturm unterscheiden,
die ruhigen Sommernachmittage
von den kühlen Winternächten,
die grünen, frühlingshaften Tagesanbrüche
vom verlustreichen Herbst,
der mich schmerzt ...
Lass mich dich
betrachten, anschauen, greifen,
betasten, umarmen, trinken,
genießen und lieben,
denn du bist mein,
mein Land!
Erinnerst du dich an jenen Bach,
der diesen Weg kreuzte,
und an die Ochsen, die durstig
ihren langen Marsch unterbrachen,
um eine Pause einzulegen?
Erinnerst du dich an diese Mittagssonne,
die meine Erde erwärmte,
und an diesen Wind, manchmal verhalten
und geräuschlos, der dein Antlitz küsste,
die Bäume wiegte,
vorsichtig den Kurs der Vögel umleitete,
die ruhig vorbeiflogen?
Erinnerst du dich an das sanfte Fließen des Wassers,
das bis ans Ende aller Tage nicht innehalten wird?
Erinnerst du dich, dass unter der Wärme der Sonne,
während der Pause im Marsch der Ochsen,
begleitet von sanftem Wind
am kristallklaren Bach
im Schatten der Bäume
du mein gewesen bist?
Ich erinnere mich noch an dich,
an deine Augen, dein Lächeln,
wie du an meiner Seite gegangen bist,
während wir gemeinsam die Zukunft planten.
Sie sind dort geblieben: der Weg,
den das stille Wasser gekreuzt hat,
und der Wind, der die Bäume wiegt
und den Flug der Vögel umleitet,
im Kommen und Gehen des Vergessens.
Du gehst nicht mehr an meiner Seite,
und ich bin allein in anderen Teilen der Welt,
weit weg, sehr, sehr weit
von diesen durstigen und erschöpften Ochsen
neben dem kristallklaren Bach.
Wie ich mich an das Haus meiner Kindheit erinnere, an dieses schon alte Gebäude mit seinen riesigen Lehmziegeln, die noch feucht, so sagte man, hergebracht und montiert worden waren; an jenen Ort, der sich eines Tages mit Leben füllen und in dem viele Menschen das Licht der Welt erblicken würden. Wie sehr erinnere ich mich an all das: an die Nachbarhäuser in diesem halb ländlichen, halb verlassenen Stadtviertel; an den Geruch, den ich so mochte an diesem Ort, wo es keine Spur von Smog gab. Ich hatte in jenen Jahren, als ich noch grün hinter den Ohren war, nicht viele Möglichkeiten, Vergleiche anzustellen, deshalb schildere ich hier meine ureigenen ersten Eindrücke. Und die der anderen? Au weia! Mit den Erfahrungen aus vielen vergangenen Jahren handelte es sich da eher um unzufriedene Bemerkungen, undankbar außerdem, und häufig endeten sie mit einem "Schlussendlich geht es uns nach all dem, was wir erlebt haben, ja nicht schlecht!". Das sagte zum Beispiel der Großvater immer, wenn er seine Frau trösten wollte, die mit ihm einen langen Weg, zunächst im Wohlstand und später im Zeichen der Katastrophe, zurückgelegt hatte.
Und so wurde es mir erzählt: Eines Tages kam der Großvater nach Hause in diese Villa in der Straße der Republik, die ein Kellergeschoss hatte und dreistöckig und der ganze Stolz der Familie war. Er setzte sich – wie immer sehr ruhig, wie es eben seine Art war, und standesgemäß gut gekleidet – in das Wohnzimmer und bat seine Frau. "Margarita, ruf bitte die Kinder." Damit meinte er Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern und wer sonst noch in diesem Haus lebte. Margarita erwartete keine Erklärungen und gab Malvina, einem der Dienstmädchen, den Auftrag, alle herbeizutrommeln, denn der Großvater würde im Wohnzimmer auf sie warten. Ein besonderer Ort, der nur für wichtige Gäste benutzt wurde, allenfalls auch für spezielle Feierlichkeiten, die mit einem außergewöhnlichen Ereignis verbunden waren. Die stumme Frage "Warum im Wohnzimmer?" erriet er sogleich. "Es handelt sich um eine wichtige Mitteilung", erklärte er, als alle versammelt waren.
Dann räusperte er sich und fuhr fort: "Die kürzlich ausgelöste Wirtschaftskrise hat auch uns überrollt, und wir haben alles, was wir besitzen, von heute auf morgen verloren. Es blieb mir keine Zeit für irgendwelche Transaktionen, um wenigstens etwas Geld retten zu können. Meine geliebte Familie, wir besitzen nichts mehr, nur noch dieses Haus, in dem wir weiterhin leben können, bis neue Entscheidungen gefällt werden." Bedächtig setzte er sich in einen Sessel, so, als ob er im Kongress etwas kundgegeben hätte, und während er seine Brille aus der Jackentasche holte, fügte er hinzu: "Ich habe nichts weiter mitzuteilen." Lächelnd begann er die Zeitung zu lesen. Alle waren sich einig, dass sein Verhalten angesichts dieser Situation unangebracht war.
Das bedeutete das Ende des Wohlstands für die Familien Blumental und Hundertfeuer. Nicht viel später mussten sie die Villa veräußern und kauften ein kleines Haus am Stadtrand, wo die verarmte Mittelschicht lebte und noch viel ärmere Menschen ums Überleben kämpften. In diesem Viertel kam ich zur Welt. In der Gegend, wo unser Haus stand, gab es sechs oder sieben ähnliche Häuser, im letzten, etwas abgelegenen Gässchen mit einer Zufahrt für die wenigen Autos, die hier verkehrten, und einem holprigen Gehsteig wohnten wir. Es schien, als ob alles, was normalerweise ein Stadtviertel ausmacht, vergessen worden sei, hier in dieser Ecke am Rande des Ortes, wo man nicht die Absicht hatte, sich entwickeln zu wollen. Die Häuser waren im Kolonialstil errichtet, ausgesprochen praktisch, und U-förmig umstanden sie ein riesiges Stück Land, der Besitz eines Bauern, der noch nicht enteignet worden war. Dort grasten je nach Jahreszeit Pferde und Kühe sowie der eine oder andere einsame Esel, gelangweilt in seinem Alleinsein. Von unserer Eingangstür aus konnte man zwar den Horizont nicht sehen, jedoch diesen herrlichen, unvergleichlichen Berg, auf dessen Gipfel das ganze Jahr hindurch der ewige weiße, jedoch am Morgen bläulich und am Abend rötlich schimmernde Schnee glitzerte. Mit dem Einbruch der Nacht und dem Licht des Mondes glänzte er silbrig.
Genau dort wurde ich geboren, genau dort wuchs ich heran, genau dort entwickelte ich mich. Ich ging so lange nicht fort von hier, bis unaufhaltsame Veränderungen meines Erwachsenwerdens mich zwangsläufig an andere Orte trieben. Ich erinnere mich an die vielen freudigen Augenblicke, und die traurigen möchte ich auch nicht vergessen. Mir ist, als ob Letztere sogar noch viel mehr zu mir gehören.
Mit uns lebte Malvina. Genauer gesagt: Sie arbeitete viele Jahre lang für uns. Mein Großvater sagte oft, sie sei das einzig wertvolle Inventar, das wir aus der Straße der Republik mitgenommen hätten. Er meinte dies ironisch, aber es barg auch ein Fünkchen Wahrheit. Die Blumentals und Hundertfeuers waren also in die Ramírezstraße am Stadtrand gezogen – mit all ihren kostbaren Möbeln, die andere Hundertfeuers einst aus Europa hatten kommen lassen. Malvina war wirklich nicht mit Gold aufzuwiegen. Aus reiner Solidarität beschloss sie, weiterhin im Dienst dieser arm gewordenen Reichen zu bleiben. Sie wusste, was der Herr wünschte: gebügelte und gestärkte Hemden. Die Anzüge frei von jedweder Art von Fleck. Die Socken stopfte sie gemeinsam mit meiner Großmutter und meiner Mutter unter endlosen Plaudereien, die diese langweilige Arbeit kurzweilig machten.
Malvina wusste auch um die Bedürfnisse der jüngeren Damen und Herren des Hauses, sie kannte deren Gewohnheiten und Marotten und war in der Lage, es allen recht zu machen. Sie war fast wie eine Mutter oder Großmutter in diesem Clan, der schnell kleiner wurde, weil einige heirateten und andere in die Städte verzogen oder gar auswanderten in fremde Länder – sehr zum Kummer von Mutter, Großmutter und Malvina, die darüber viele Tränen vergossen haben.
Aber die unersetzbare Malvina begann zu kränkeln. Ihre angeschlagene Gesundheit und besonders das Rheuma machten ihr zu schaffen. Ihren Aufgaben versuchte sie nach wie vor mit Eifer nachzukommen, doch nicht alles gelang wie früher. Keiner sagte ein Wort, denn wer wollte schon gegenüber diesem wunderbaren Menschen undankbar sein? Schließlich kapitulierte sie, akzeptierte die Situation und schlug energisch vor: "Wenn ich schon die Arbeit, die eigentlich die meine ist, mit jemandem zusammen erledigen muss, dann will ich Gebrauch machen von meinem Recht, mir meine Hilfe selbst aussuchen zu können." – "Haben Sie denn schon jemanden, Malvina?", fragte mein Großvater, der der Einzige war, der sich bei solchen Diskussionen auf Augenhöhe mit ihr austauschen konnte. "Ja, Don Alfonso. Ich kenne ein junges Mädchen, das sich sehr glücklich schätzen würde, nach meinen Anordnungen arbeiten zu dürfen." Und das war es auch schon.
Es wurden einige freie Tage eingeplant, und Malvina bereitete sich auf die für sie so große Reise vor. Sie zog ihre besten Kleider an, als ob sie zu einem Konzert gehen würde. Sie packte den Koffer und füllte ihn mit vielen kleinen Geschenken, die sie ihrer Familie und alten Freunden mitbringen wollte. "Ich muss einen guten Eindruck machen in Turacahuel. Denn sonst würde niemand verstehen, warum ich mein ganzes Leben lang hier verbracht habe. Dem Mädchen, das ich mitnehmen will, muss ich sehr imponieren mit dieser Familie und mit allem, was wir 'noch' haben." Sie schnitt eine Grimasse bei den Worten "'noch' haben". Für sie gehörte all das, was die Blumentals und Hundertfeuers besessen hatten, auch ihr, und auch sie zählte sich zu den Verlierern. Ich bin überzeugt davon, dass alle so dachten, meine Mutter, mein Vater, meine Großmutter und all die anderen, die schon längst fortgegangen waren.
Mein Vater und einer seiner Brüder begleiteten Malvina zum Bahnhof. Ein paar große Geldscheine wurden in ihre Börse gesteckt. Man kaufte ihr eine Hin- und Rückfahrkarte für die Erste Klasse. Man bat sie zu schwören, dass sie zurückkommen würde. "Wie könnten wir Blumentals und Hundertfeuers denn ohne sie leben?" Man flehte sie an, den genauen Zeitpunkt ihrer Rückkehr zu nennen. Die Reise selbst sollte sieben Stunden dauern. Man gab ihr Extrageld, damit sie die Reise der "Neuen" bezahlen konnte. Der Abschied war tränenreich. Malvina war die wichtigste Person für die Blumentals und die Hundertfeuers. Man umarmte sich noch einmal. Sie wurde bis zu ihrem Sitzplatz im Zug begleitet, damit man sich vergewissern konnte, dass sie es ja auch bequem habe. Man bat den Schaffner, ihr alle Wünsche zu erfüllen. Dessen unzufriedener Blick gab zu verstehen, dass ein großzügiges Trinkgeld angebracht sei, was ihm sogleich zugesteckt wurde. Man sagte sich noch einmal Auf Wiedersehen, dann setzte sich der Zug in Bewegung. Die beiden Brüder hofften auf eine baldige Rückkehr Malvinas und ihrer Nachfolgerin für diese so wichtige Arbeit, die sie seit vielen Jahren gewissenhaft erledigt hat. Sie schauten sich an und fragten sich, ob sie auch wirklich alles getan hatten, um den Bedürfnissen dieses unersetzlichen, unvergesslichen Menschen Malvina gerecht zu werden.
Aus den drei freien Tagen wurden zwei Wochen. Weder trafen Briefe ein noch sonst ein Lebenszeichen dieser Frau, die ja in diplomatischer Mission unterwegs war. Ich kann mich gut an die Situation damals erinnern und an die Fragen, die meine Familie sich täglich stellte. Malvina war für mich ein Familienmitglied, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es einen Unterschied geben könnte zwischen meiner Großmutter, meiner Mutter oder Malvina. Mir fehlten ihre Liebkosungen, ihre hilfreichen Dienste beim Waschen, Abtrocknen und Anziehen und wie sie mich dann zum Esszimmer brachte, wo sich alle freuten, mich sauber und angezogen, als ob es Sonntag wäre, zu sehen.
Eines Tages jedoch erschien der Briefträger mit der ersehnten Botschaft:
"Sehr verehrte Familien Blumental und Hundertfeuer,
ich habe Sie alle sehr vermisst. Auch wenn diese kurzen Tage mit meiner Familie eine Kostbarkeit waren, an die ich mich nicht mehr habe erinnern können, werde ich am Mittwoch, den 10. der nächsten Woche, um 7.30 Uhr abends zurückkommen. Ich freue mich auf das Wiedersehen.
Hochachtungsvoll,
Ihre Malvina."
Am Mittwoch, den 10. Oktober standen genau um 7.30 Uhr mein Vater, meine Mutter, eine Tante und eine Nachbarin (so waren die Nachbarn damals) und natürlich auch ich am Bahnhof. Aus einem Waggon der Ersten Klasse stieg Malvina aus, gesund, glücklich und von allen geliebt. Sie umarmte meine Mutter, meinen Vater, die Nachbarin, die Tante, und dann schloss sie mich in ihre mütterlichen Arme, die ich so sehr vermisst hatte. Sie sagte: "Ich konnte dort nicht bleiben, nicht ohne noch einmal die Blumentals und Hundertfeuers, die Freude meiner Seele, zu sehen und diesen Jungen, der mein Leben ist!"
Wir machten uns auf den Weg zur Bushaltestelle. Die wirtschaftliche Situation meiner Familie war immer noch weit davon entfernt, als besser bezeichnet werden zu können. Malvina hatte uns viel zu erzählen, zum Beispiel von den langen und nicht enden wollenden Regenschauern, den regenfreien sonnigen Tagen, der reinen Luft usw. Endlich fragten wir sie: "Hast du kein Mädchen gefunden, das mit dir kommen wollte, um hier zu arbeiten?"
Sie schwieg eine Weile, dann antwortete sie: "Ich fand ein fünfzehnjähriges Mädchen, das kommen will und dessen Eltern mehr als einverstanden sind, dass es in eine anständige und respektvolle Familie wechselt. Sie wissen, dass es sich um einen Platz für immer, für das ganze Leben handelt." Sie stieß einen Seufzer aus, der uns spüren ließ, wie sehr sie an ihr eigenes Leben dachte und an das, was sie zurückgelassen hatte. Vater, Mutter, Freunde und ein ganzes Dorf, in dem sich alle kannten. Wir verstanden vielleicht zum ersten Mal, was dies bedeutete. Diese Menschen müssen ihre Gewohnheiten ziemlich ändern, und obwohl sie eher von niedriger sozialer Herkunft sind, haben sie oft eine wunderbare Herzlichkeit und sind gezwungen, sich an andere Sitten anzupassen; das geht sogar so weit, dass die Art zu sprechen eine ganz andere wird.
Malvinas Seufzer machte der Familie klar, wie gedankenlos es ist, jemanden einzuladen, um für uns zu arbeiten – als ob wir ein Paradies anzubieten hätten! Man ist sich gar nicht bewusst, dass diese Menschen ihr Leben und ihre Ideen für ein bisschen Sicherheit und Komfort aufgeben. Malvina erteilte damit den Blumentals und den Hundertfeuers eine Lektion zum Thema Sozialverhalten. Da diese Familie die Dienstboten jedoch immer korrekt behandelt hatte, würde dies nicht allzu radikale Veränderungen nach sich ziehen.
Malvina stellte uns auf die Probe. Zu Hause eingetroffen, kam sie erneut auf das Thema zurück: "Das Mädchen ist, wie man mir sagte, fünfzehn Jahre alt. Aber das weiß man auf dem Land nicht so genau. Lassen Sie mich erklären, wie wir sind." Manchmal erzählte Malvina von ihrer Heimat, ihrer Herkunft, die in keinem Buch beschrieben, aber harte Wirklichkeit waren. "Wir sind keine menschlichen Ungeheuer, aber wir haben eben unsere Grundsätze, an die sich die Familie hält." Ich stellte mir vor, wie Malvina dort, in Turacahuel das Zepter schwingt. Sogar so etwas hatte sie bei den Blumentals gelernt. Es blieben berechtigte Zweifel, ob ihre bescheidene Familie sie verstehen würde.
Erneut machte sie eine lange Pause. Man konnte die Stille förmlich spüren, und ihre Zuhörer warteten geduldig, bis Malvina fortfuhr: "Es gibt ein 'Aber'. Das Mädchen ist schwanger und wird in einem Monat gebären." – "Und ich weiß, Malvina, dass Sie in ihrer großen Güte, der ich hier Beifall spende und die ich gutheiße, dem Mädchen gesagt haben, dass es hierher zu uns kommen solle." Begeistert klatschte der Großvater in die Hände, erhob sich von seinem Sessel und ging auf Malvina zu. Er nahm ihre Hand und küsste sie. Damit erteilte wiederum er uns eine Lektion zu den Themen Sozialverhalten, Verständnis und Toleranz, die ihre Spuren hinterließ in dieser Familie, die dabei war, in diesem Sinne ihr Leben zu gestalten.
Carmelita würde in drei Tagen um halb acht Uhr abends mit dem gleichen Zug wie Malvina eintreffen. Viele Gedanken und Sorgen erfüllten uns. Ich glaube, die Blumentals vergaßen, dass sie ein Mädchen erwarteten, das bei ihnen arbeiten sollte. Das Zimmer, in dem es schlafen würde, war das letzte auf der rechten Seite dieses U-förmigen Hauses; es hatte ein Fenster mit Blick auf diesen hohen Berg, der mir bis zum Ende meiner Tage im Gedächtnis bleiben würde. Die Tür führte in den Hinterhof. Gegenüber dieser Tür gab es eine Dusche, die keiner benutzte. Niemand fragte sich, welche Funktion sie wohl gehabt haben mag in der Geschichte der Menschen, die früher hier lebten. Das Wichtigste war, alles so schnell wie möglich in Ordnung zu bringen.
Es gab lange Diskussionen darüber, ob die Wände tapeziert oder besser gestrichen werden sollten mit einer Farbe, die dem Zahn der Zeit länger widerstehen würde als das Papier der Tapete. Der Lichtschalter war zu reparieren und eine alte Lampe, die an vergangene bessere Zeiten erinnerte, musste ausgewechselt werden. In einem anderen Zimmer stand ein rostiges altes Bett. Bestimmt war es einst Zeuge vieler wilder und unvergesslicher Liebesakte gewesen. Ein Bett, unbeachtet und vergessen, das nun für zu andere Zwecke als den ursprünglich vorgesehenen benutzt wurde. Der Rost hatte sich unbarmherzig vorgearbeitet. Auf der anderen Seite befand sich ein Kinderbettchen sowie ein Nachttisch mit Lampe. Ein Juteteppich wurde aus einem anderen der Dutzend unbenutzten Zimmer herbeigeholt und zunächst aufgehängt, bis man den Fußboden des Raumes, wo das Mädchen schlafen würde, mit harten, schönen Ziegeln ausgebessert hatte. Jemand erwähnte das Kinderbettchen, und der Gedanke wurde ohne Einwände sofort gutgeheißen. Ein Bettchen für den Jungen oder das Mädchen, bald würde man es wissen.
Bilder wurden keine an die Wände gehängt, weil man nichts Passendes fand in den vielen leeren Zimmern, die man erst jetzt entdeckt hatte und die einem Bewohner entgegendämmerten, der die Güte und das Mitleid haben möge, sie von den jahrzehntealten, inzwischen einen eigenen Kosmos bildenden Spinnweben und dem Staub zu befreien.
Malvina wusste von einem großen Spiegel, den sie kurzerhand in Carmelitas Zimmer hängte, und der darauf wartete, schon bald die schönen Formen des jungen, hübschen Mädchens zeigen zu dürfen. Weitere unnütze Gegenstände fanden einen neuen Platz an einem ebenso neuen Ort. Mit der Ankunft dieses Mädchens vom Lande würden andere Töne, freundliche und noch unbekannte, die man sich vorher nicht vorstellen konnte, angeschlagen werden.
All dies könnte man in dem ungeschriebenen Kapitel lesen, in dem die Protagonistin sich in das Leben anderer würde einfügen müssen für den hohen Preis, alles Eigene, die unbeschreibliche und individuelle Welt eines jeden Einzelnen, aufzugeben. Ein zuvor leer stehendes Zimmer, das nun in Ordnung gebracht worden war und das Schlafzimmer von Carmelita sein würde, bedeutete so viel, wie ein Kapitel zu beenden und ein neues aufzuschlagen – nämlich jenes von Malvina, Carmelita und den Blumentals und Hundertfeuers.
"Ein bisschen Sicherheit und Behaglichkeit" hatte ihr die freundliche alte Dame angeboten und ihr damit ihren eigenen Posten zugesichert – und das bis zu ihrem letzten Atemzug! Malvina hatte Carmelita ihr Ehrenwort gegeben. Und das bedeutete viel! Warum? Weil ein Ehrenwort vor achtzig Jahren wertvoller war als Hunderte von Stempeln und Unterschriften, wie sie heute von Autoritäten, Regierungen oder welchen Organisationen auch immer geleistet werden.
Der Tag war gekommen, pünktlich brachte der Zug das Mädchen Carmelita. Selbstverständlich war es Malvina, die ihr die Blumentals und Hundertfeuers am Zentralbahnhof vorstellen würde. Es schien, als habe man genau an diesem Tag die lautesten Lokomotiven eingesetzt. Die Dampfschwaden, die sie ausstießen und die in den blauen Himmel aufstiegen und sich mit ihren Wolkenschwestern vereinten, waren spektakulär. Die Reisenden hasteten auf der Suche nach ihrem Zug, der wahrscheinlich schon im Anrollen war, den Bahnsteig entlang. Andere stiegen mit voluminösem Gepäck aus auf der Suche nach einer besseren Zukunft, weil das Schicksal es bisher nicht gut mit ihnen gemeint hatte.
Als der Zug sich näherte, sah man schon von Weitem, wie jemand winkte, voller Hoffnung, auf sich aufmerksam machen zu können. Eine Hoffnung, die vor allem von dieser sagenhaften Malvina mit ihren ernsten Versprechungen genährt worden war, und die auch die Eltern und Geschwister hatte überzeugen können, diesen gewaltigen Schritt zu tun – nicht zuletzt auch wegen dieser Blumentals und Hundertfeuers, die als Engel beschrieben wurden.
"Da kommt sie", seufzte Malvina erleichtert. Der Zug, müde von seiner langen Reise, beendete hier auf dem Abstellgleis seine Arbeit. Die Lokomotive schien ebenfalls heftig zu seufzen, sie dampfte und qualmte, als ob es ihre Pflicht sei, den blauen Himmel zu schmücken. Ein letztes Bremsen wies die Passagiere darauf hin, dass die Teilnahme an der Reise ihres Lebens zu Ende war, ein pompöser Abschluss unter Applaus des Publikums, das erwartungsvoll dem Ende der Veranstaltung entgegenfieberte. Die Maschine hatte ihre Pflicht, die Menschen sicher in diese Stadt zu bringen, erfüllt. Was weiter geschehen würde, hatte mit ihr nichts zu tun. "Was werden all die Leute hier machen?", lautete allgemein die große Frage, so, als ob man an einem Tisch säße, an dem gerade die Karten ausgegeben, aber noch nicht aufgedeckt worden waren.
Die Dampfwolken wurden kleiner und man inspizierte die Lokomotive, um sie für die Rückreise vorzubereiten. Eine solche war den meisten nicht vergönnt, hier endete die Reise, ein Zurück gab es in der Regel nicht. Es blieb nur eines: den Zug zu verlassen und vorwärtszugehen mit dem Ziel im Blick, eine andere Wahl gab es nicht.
Malvinas Entscheidung sowie das Einverständnis der Blumentals und Hundertfeuers, dieses junge Mädchen Carmelita, das wie geplant um halb acht Uhr abends aus dem Zug stieg, zu akzeptieren, waren nicht mehr als eine Verkettung von Begebenheiten und guten Absichten. Carmelita wurde willkommen geheißen und in das bescheidene Haus in einem Armenviertel in dieser großen Stadt gebracht. Zu Hause wartete ungeduldig der Rest der Familie Blumental; man seufzte ebenfalls erleichtert auf, weil alles gut verlaufen war. Sie musterten das neue, ein wenig eingeschüchterte Dienstmädchen – kein Wunder in Anbetracht einer Familie, die von Malvina so vorteilhaft beschrieben worden war! – neugierig, fast indiskret, von Kopf bis Fuß. Alles wurde unter die Lupe genommen. Die Augen, vor allem die der Frauen, wanderten viele Male zu ihrem beachtlichen "Acht-Monats-Bauch".
Auf jeden Fall fiel die Begutachtung zu Gunsten des Mädchens aus. Hier wurde ja schließlich kein Pferd auf dem Jahrmarkt gekauft, vielmehr handelte es sich um ein junges Geschöpf, das seinem Leben eine neue Wendung geben wollte. Seine Größe war normal, die Figur gut entwickelt, das Haar und die Augen waren dunkelbraun. Das Mädchen sah aus, wie man es tausendfach bereits gesehen hatte. Seine Haut war dunkel mit einem rötlichen Schimmer, der die Herkunft verriet und ihm die beneidenswerte Anmut einer Statue gab, die in einem Museum für Ureinwohner stehen könnte. Niemand wagte zu sagen, Carmelita sei hübsch. Und wenn ich es, so jung wie ich war, festgestellt hätte? Wohl keiner hätte sich für meine Meinung interessiert. War eine solch eingehende Begutachtung denn überhaupt schicklich? An der Situation hätte sich ja wohl nichts geändert, wenn das Mädchen hässlicher gewesen wäre.
Die Nacht brach herein, und Carmelita begann mit ihrer "Lehrzeit". Alle wollten ihr etwas erklären, während sie ihre Kleider auspackte und in einer im letzten Moment aufgetriebenen Kommode verstaute, ein Möbelstück mit Geschichte, ebenfalls aus Spanien herbeigeschafft und vorsichtig befreit von Insekten, die sich daran gewöhnt hatten, in den Schubladen zu wohnen. Bürsten und Säuren hatten sie verscheucht. Gegenüber dieser Kommode stand ein Kleiderschrank, ein Reisegefährte der Kommode auf dem langen Weg von Europa hierher. Er hatte zwei große Spiegel; diese spiegelten den anderen Spiegel an der Wand wider, und die Silhouetten brachen sich darin. So viele Möbel für das kleine Zimmer! Carmelita lächelte voller Freude, als sie das Kinderbettchen entdeckte. Ein gutherziges Mädchengesicht hatte sie.
Man konnte wirklich sagen, dass es keine Schwierigkeiten gab, abgesehen von der beunruhigend heftigen Rundung des Bauches. Ein nicht zu übersehender Fehltritt, der nicht mehr rückgängig zu machen und dennoch mit Vorfreude und Stolz verbunden war. Meine Mutter wollte, dass Carmelita zu Hause niederkam. Man rief einen Arzt, einen Spezialisten, der sie untersuchte, und zwar nicht in ihrem Zimmer, sondern im Salon. Er legte das Geburtsdatum fest – einundzwanzig Tage später! – und stellte den Kontakt zu einer Hebamme her.
Und genau so geschah es.
Ein schöner Frühlingstag brach an mit allem, was einen Frühlingstag ausmacht: angenehme Temperaturen, die Sonne strahlte, die Bäume reckten ihre Zweige, um ihre Freude kundzutun. Es gab nicht ein einziges Wölkchen am Himmel. Morgens um elf Uhr erblickte ein neues Lebewesen mit weiß und rosa schimmernder Haut das Licht der Welt, ein Mädchen, das sogleich Anita genannt wurde (so hieß die Mutter meines Großvaters).
Viele schöne Ereignisse folgten. Es schien, als sei die unvermeidliche Wirtschaftskrise, die alle Menschen überrollt und erschüttert hatte, ins Vergessen geraten. Meinen Beobachtungen zufolge aber konnten die Hundertfeuers nie verzeihen – wem auch immer –, dass sie darunter zu leiden hatten. Die Krise hatte zwar generell Arme und Reiche gebeutelt, aber die einst wohlhabende Mittelschicht war besonders betroffen. Das war schäbig, und trotz aller Versprechungen der Politiker und der ganz Schlauen wird so etwas immer wieder möglich sein.
Doch eigentlich wollte ich ja erzählen, dass mit der Ankunft von Carmelita sehr viele schöne Dinge verbunden waren. Ihr Kleines wuchs heran und wurde die Spielkameradin meiner Schwester. Nicht dass meine Schwester ihre Puppen, weil ausgedient, in den Müll geworfen hätte, auf keinen Fall! Aber das Spielen mit Anita war eine Bereicherung. Auch sie musste gekämmt, angekleidet und ausgezogen und wieder angekleidet werden. Sie wurde zum Schlafen gelegt und wieder aufgeweckt, um dann ein anderes Spiel zu beginnen. Für mich war dieses Spiel nicht ganz so leicht zu durchschauen. Ich hatte einen Lastwagen mit einer Schnur, an der ich ihn hinter mir herzog. Auch wenn er sich durch mich bewegte, so stellte ich mir in meiner Fantasie vor, er hätte einen Motor und wäre in der Lage, damit von einem Ort zum anderen zu fahren, beladen mit Steinen und Erde in unvorstellbaren Mengen.
Zwischen den Gitterstäben, die uns von der Außenwelt trennten, entdeckte ich eines Tages eine Art Tor, etwas kaputt, aber in der Tat ein Tor, dessen Zweck schwer zu erklären war. Durch dieses Tor konnte ich beobachten, was draußen vor sich ging. Mir eröffnete sich eine erstaunliche Welt. Der Regen wusch natürliche Kanäle aus, durch die das Wasser mit der ihm eigenen Geschwindigkeit floss. In diese Kanäle begann ich Hölzchen zu werfen, die für mich die perfekte Form eines Bootes hatten. Da stand ich dann und beobachtete, wie sie sich von selbst über das Wasser fortbewegten.
Der Zufall wollte es, dass ich den Kanal entlangging und mich etwas von unserem Zuhause entfernte. Welch Wunder der Schöpfung: Ich stieß auf ein riesiges Wasserloch, ein Meer fast ohne Grenzen, wo sanfte Brisen Wellen formten. Die Vögel flogen tief und blickten in diesen Spiegel, den in meiner Fantasie die Götter dort geformt hatten.
Ich wollte meiner Schwester und Anita unbedingt diese Welt zeigen. Dabei rutschte meine Schwester unglücklich aus, Anita fiel ihr aus den Armen, hinunter in das von den Erwachsenen als schmutzig bezeichnete Wasser, das fast zwanzig Zentimeter maß an seiner tiefsten Stelle. Anita weinte vor Schreck, meine Schwester weinte über ihre Unachtsamkeit, und wir verließen schleunigst diese wilde, unwirtliche Natur. Unser Weg führte zurück zu unseren Gitterstäben, wo wir durch das kaputte Tor hindurchkrochen und zum Haus gingen. Dort wartete man lächelnd auf uns und machte sich lustig über unseren verunglückten Ausflug.
In diesem Moment wurden wir, also meine kleine Schwester, Anita und ich, von einem Wunder überrascht. Jene Dusche gegenüber von Carmelitas Schlafzimmer funktionierte. Auf einer gewissen Höhe hatte sie einen Griff und einen Messingkopf, aus dem kristallklares Wasser schoss und in der Sonne einen Regenbogen bildete. Auch wenn meine Kleider nicht so angegriffen waren von den Stürmen auf meinem See und den Schicksalsschlägen, zog mich Carmelita aus. So erging es auch meiner Schwester und der kleinen Anita. Wir freuten uns über das erfrischende Wasser, mit dem wir uns den Schmutz vom Leibe wuschen.
Bei meinen Ausflügen in diese jenseitige Welt entdeckte ich auch andere Lebewesen. Das waren wirklich Monster! Sie hüpften respektlos umher ohne zu bemerken, dass sie mich anspritzten. Sie hatten weder die Gestalt von Hunden noch von Katzen, auch nicht von Spinnen, Vögeln oder Fischen. Nichts, das ich bis jetzt in meinem kurzen Leben gesehen hatte, glich ihnen. Ich erzählte meinem Großvater von diesen seltsamen Lebewesen. Er versuchte mir die Evolution und die vielen tausend Varianten der Schöpfung zu erklären. Ich dachte so tiefgründig nach, wie ein Junge von neun Jahren zu denken fähig war, und ich traute mich – dabei fühlte ich mich sehr gescheit – zu fragen: "Dann sind das also neue Geschöpfe der Fauna?" Mein Großvater hatte immer viel Zeit und Geduld, um mir jede Frage zu beantworten. Doch dieses Mal dauerte es wirklich lange. Unser Gespräch, das wir später nie beendet haben, wurde von Malvina unterbrochen, die zum Abendessen rief. Das war ein Glück, denn mein Großvater hatte schon damit begonnen, mir zu erklären, dass das Leben ein für uns unverständlicher Kreislauf sei, er zitierte Weise, Philosophen und Wissenschaftler. Er erzählte, dass andere Lebewesen, mikroskopisch klein und damit für uns unsichtbar, Bakterien und Mikroben von ganz spezieller Form, die Macht hätten, unsere Art in klar umrissenen, sehr genau definierten Grenzen zu erhalten. Er wollte hinzufügen "Und der Tod ist nichts anderes als ..." Da Malvina es nicht ausstehen konnte, warten zu müssen, und weil sie wusste, dass das Philosophieren kein Ende nehmen würde, rief sie uns noch einmal sehr energisch und keinen Widerspruch duldend zum Essen.
