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Wie wird es sein in den letzten Lebenstagen? Wer hört mir zu? Wer hält meine Hand? Wer ist bei mir? Eine Sterbebegleiterin berichtet über ihre Erfahrungen mit Patienten und deren Angehörigen. Sie schildert in Fallbeispielen die Vielseitigkeit und Verschiedenheit von Sterbenden in der letzten Ausnahmesituation des Lebens.
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Seitenzahl: 70
Veröffentlichungsjahr: 2017
Barbara Palsherm-Schäfer
Beobachtungen und Gedanken einer Sterbebegleiterin
© 2017 Barbara Palsherm-Schäfer
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-0174-2
e-Book:
978-3-7439-0176-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Als Sterbebegleiterin im Hospiz habe ich Kontakt zu Menschen in der letzten Lebensphase. Ich sehe die Verschiedenheit ihrer Bedürfnisse und wie sie mit ihrem Schicksal umgehen. In diesem Buch gebe ich meine Beobachtungen und Empfindungen dazu wieder.
Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, umso ruhiger bin ich, wenn ich mit Sterben und Tod konfrontiert werde. Vielleicht geht es Ihnen nach der Lektüre auch so.
Ich werde keine exakte Krankheitsbezeichnungen nennen oder das Alter eines Patienten angeben. Menschen sterben an Krankheiten, durch einen plötzlichen Unfall und in jedem Alter.
Wenn ich die männliche Form eines Berufs, Engagements o.ä. gebrauche, soll das als Fachbezeichnung angesehen werden und weibliche wie männliche Personen bezeichnen.
Warum ließ ich mich für den Hospizdienst ausbilden?
Ich gehörte ehrenamtlich zwölf Jahre zum Besuchsdienst eines Altenheims im Landkreis München. Um mehr über das Älterwerden und Gebrechlichkeit zu erfahren, habe ich während dieser Zeit einen Altenhelferkurs absolviert, eine Ausbildung zur Sitztanzleiterin gemacht und in einigen Heimen Stunden mit Bewegung, Singen und Vorlesen gegeben. Dabei erlebte ich, wie viel Freude, Heiterkeit und fröhliches Beisammensein so in das Leben der Heimbewohner einkehrten.
Ich bekam einen Einblick in den Alltag und die Arbeit in Altenheimen, baute Beziehungen zu den Bewohnern auf und durfte ihren Lebensverlauf begleiten. Viele von ihnen zogen als rüstige Senioren ein, bewohnten ein eigenes Zimmer und hatten Möbel von zuhause dabei. Sie fühlten sich heimisch und nahmen an den Angeboten des Hauses teil.
Im Laufe der Jahre änderte sich das; ihr Aktivitätsradius wurde eingeschränkt. Das Leben verlief ruhiger, der Körper wurde schwächer, Krankheiten stellten sich ein. Es folgte erst ein Umzug in den Trakt für betreutes Wohnen und dann am Ende des Lebens siedelten sie über in die Pflegeabteilung.
Auf der Pflegestation begleitete ich Menschen, die ich im Laufe der Jahre lieb gewonnen hatte und die sich nun auf das Ende vorbereiteten. Diese Phase ist bei jedem Menschen anders. Ich versuchte, da zu sein, noch irgendwie zu helfen. Darüber, wie ich das am besten machen könnte, wollte ich schließlich mehr wissen.
Was passiert in der letzten Phase des Lebens? Wie kann ich professioneller mit dem Sterben umgehen?
Seit Jahren war ich passives Mitglied des Christophorus-Hospiz-Verein e.V. in München, nahm dort an Vorträgen und Veranstaltungen teil, bis ich so weit war, die „Arbeit“ als Sterbebegleiterin zu vertiefen. Ich hatte mich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt und nun war der Zeitpunkt gekommen, eine fundierte Sicht auf das Sterben und den Tod zu erhalten. Ich machte die Ausbildung zur Sterbebegleiterin.
Unser Leben ist faszinierend mit allen Facetten. Mal durchschreiten wir tiefe Täler, erleben Schmerz und Verzweiflung, sei er von uns selbst verursacht oder von außen aufgedrängt. Dann wieder erklimmen wir luftige Höhen, sind erfüllt von Liebe und Glück. Der Alltag erscheint uns oft unscheinbar und wenig erwähnenswert. Aber staunen wir nicht gerade über eine unerwartete Begegnung, die plötzlich kommt wie ein Lichtblick, auf den wir schon lange gewartet haben?
Wir pflegen unser Dasein und lassen es uns gut gehen, wünschen uns, ewig zu leben. Im Alter möchten wir beraten, das erworbene Wissen weitergeben, andere an die Hand nehmen und beschützen. Wir möchten so weitermachen, wie wir es kennen. Wir lernen, um den Geist wachzuhalten; wir treiben Sport, damit der Körper gesund bleibt. Wir reisen, möchten mit lieben Menschen zusammen sein. Es ist ein großer Katalog der Vielfalt, den das Leben bietet.
Aber irgendwann wird es zu einem Ende kommen. Pflanzen und Tiere sterben und machen Platz, damit die nächste Generation wachsen und bestehen kann. Sogar im unendlichen All herrscht Vergänglichkeit. Selbst Sterne sterben.
Die Zeit jedes Menschen auf Erden ist begrenzt. Seien wir realistisch. Stellen wir uns vor, dass Zellen und Gewebe unseres Körpers nur eine bestimmte Anzahl an Jahren erreichen können, um ihren Dienst zu tun und zu funktionieren. Wie alt möchten wir werden? In welchem Zustand möchten wir dieses Alter erreichen?
In der heutigen Gesellschaft haben viele Menschen schon Angst, überhaupt älter zu werden. Von Krankheit und Tod hören wir nicht gerne. Das verdrängen wir – es hat ja noch Zeit. Irgendwann werden wir uns damit beschäftigen, aber nicht jetzt.
Wovor haben wir eigentlich Angst? Ist es der Tod?
Wenn ich mich umhöre, bekomme ich meist folgende Antworten:
• nicht der Tod beunruhigt mich, sondern die Zeit davor,
• die Hinfälligkeit,
• Hilfe annehmen zu müssen,
• abhängig von anderen zu sein,
• mein Leben nicht mehr so gestalten zu können, wie ich es möchte,
• Schmerzen erleiden zu müssen.
Das sind berechtigte Ängste und Befürchtungen, und sie sind gut nachvollziehbar. Zu gerne wollen wir unser Leben selbst gestalten und agieren, wie es zu uns passt. Wir wollen nicht abhängig sein von anderen oder als pflegebedürftige Menschen verwahrt und verwaltet werden.
Und doch wird es für die meisten von uns eine Zeit geben, in der wir nichts mehr selbst gestalten können, weil wir schwächer werden an Körper und Geist. Eine Zeit, in der wir froh sein werden, wenn wir Hilfe erfahren dürfen.
Eine Redensart sagt: Lebe jeden Tag so, als sei es der letzte. So zu leben ist unrealistisch und nicht möglich. Aber wenn wir bewusst leben, dann richten wir unsere Energie und Wünsche auf Erreichbares aus. In der Gewissheit, dass es eines Tages tatsächlich zu Ende sein wird.
Die Einstellung des Menschen zu Sterben und Tod hat sich im Laufe der Jahre immer wieder verändert. 1958, als meine Großmutter starb, habe ich mit der ganzen Familie an ihrem Sterbebett, dem Ehebett im Schlafzimmer, gestanden. Ich war noch ein Kind und habe mir neugierig angesehen, was da vor sich ging. Der Zusammenhalt der Familie bedeutet mir heute noch Wärme, Stärke und Geborgenheit. So habe ich es damals erlebt. Es war ein logischer Ablauf, die Oma war krank und starb dann. Nun war sie im Himmel.
Wie die Erwachsenen es sahen, weiß ich nicht. Wurde je darüber gesprochen? Die Großmutter war längere Zeit krank gewesen. Aber was hatte ihr eigentlich gefehlt? Ich war zu jung, um nachzufragen. Das machte man zu der Zeit auch nicht.
Im Jahre 1982 erlebte ich den Tod meiner Schwiegereltern ganz anders. Die Zeiten hatten sich geändert. Erzählungen kursierten, dass Sterbende im Krankenhaus in Abstellräume oder in Badezimmer abgeschoben und versteckt wurden. Es wurde nicht mehr öffentlich gestorben. Andere Patienten sollten damit nicht belastet werden. Das Pflegepersonal tat so, als wüssten die Betroffenen nicht, wie es um sie stand. Die Situation blieb in der Schwebe.
Als der Schwiegervater im Frühjahr und die Schwiegermutter kurz vor Weihnachten starben, konnten sie es selbst nur ahnen. Die Ärzte sprachen lediglich mit uns Angehörigen. Sie erwarteten von uns, dass wir es den Sterbenden vorsichtig beibrachten, denn das Pflegepersonal hatte ebenso wenig wie wir gelernt, mit dieser Tatsache umzugehen. Sie hofften, dass wir die richtigen Worte finden würden. Als Angehörige kannten wir die Patienten am besten. Die „Fachleute“ gaben die Verantwortung ab in die Hände der Familie.
Heute sieht es so aus, als gäbe es kein Sterben. Wir werden nicht einmal mehr alt. Ein Jugendwahn grassiert, wir besuchen Fitnesscenter, laufen und stretchen uns geschmeidig. Das Leben scheint unendlich, nur arme Loser bekommen fiese Krankheiten oder Schlimmeres.
