Wieder am Meer - Richard Wolf - E-Book

Wieder am Meer E-Book

Richard Wolf

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Beschreibung

Ich sollte noch erwähnen, daß ich wieder am Meer lebe. Und daß ich wieder schreibe. Ich schreibe diese Geschichte hier, von der ich nichts weiß. Ich kann nicht einmal sagen, wann sie angefangen hat. Ich weiß es nicht. Niemand kann das sagen, was nicht weiter von Nachteil ist. Denn niemand weiß, wann eine Geschichte anfängt, wo ihre Mitte liegt oder wann genau sie zu Ende ist. Man erfindet einen Anfang, wie man alles andere im Leben erfindet.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Tine Walden und für Dodo Bindel

Für Melanie Woller, für Giulietta Bender und für Aude Masserann

Und für Franziska Jung

Gesehen oder undeutlich gesehen habe ich also in diesen Tagen…

Philippe Jaccottet

Während alles bereit war für meinen Tod, habe ich angefangen, das aufzuschreiben…

Marguerite Duras

Ich bin im großen Zimmer. Die Fenster sind weit geöffnet. Meine Hände fühlen sich vom kalten Seewind wie gefroren an. Der Himmel ist vollkommen schwarz, wie eine undurchsichtige Nacht. Es ist wie in der Zeit vor Gott, in der man voller Furcht und Zittern das kommende Ende erwartet.

Es gibt Tage, da ist es bereits Nacht, wenn es hell ist. An solchen Tagen fühle ich mich zu einer Art von Unglücklichsein hingezogen, dessen Vermeidung mir an anderen Tagen so natürlich scheint. Ich bin dann wie ein Stein oder Packeis. In diesem Zustand fällt es mir schwer, einen minimalen Kontakt mit anderen menschlichen Wesen aufrechtzuerhalten. Die stumpfsinnige Langeweile, die damit einhergeht, ist eine zutiefst verstörende Erfahrung und führt zu einem Elend, das ich verachte. Nur weil ich weiß, daß dieses Elend und mein Leben nicht ein und dasselbe sind, bevorzuge ich es, am Leben zu bleiben.

Zuzeiten träume ich, daß ich weine. Ich weine wie Kinder weinen, unbändig und maßlos, ohne jeden Grund. Obwohl dies nur in meinen Träumen geschieht, fühle ich mich noch Tage später davon innerlich wie aufgerauht. Bisweilen, vor allem nach dem Aufstehen, wünsche ich mir, zu jemandem zu sagen: Wir lieben uns, du und ich, wie schön das ist. Ich finde diesen Satz schrecklich sentimental. Bis ich mir bewußt mache, wie unwiderstehlich seine Worte sind, wenn sie auf einer Liebe beruhen, die von Herzen kommt. Jedesmal erscheint mir mein Wunsch dann über alle Maßen bedeutsam. Ich sage mir, daß ich, wenn ich diese Worte sage, Gründe in mir schaffe, allein indem ich sie sage. Und daß ich, wenn ich sie mit ganzem Herzen sage, damit zum Ausdruck bringe, daß ich mich von diesen Worten weisen und beseelen lasse.

Obwohl ich bestimmte Sätze sentimental finde, habe ich einen opulenten Hang zum Sentimentalen. Opernmusik und Chansons können mich in derselben Weise zu Tränen rühren wie eine Gedichtzeile von Rilke oder ein Satz, den eine Schauspielerin in einem Liebesfilm aus Hollywood sagt. Meine Fähigkeit, mich rühren zu lassen, geht allerdings nicht soweit, daß ich verleugne, wie viele Unwahrheiten über die Liebe verbreitet werden, nicht nur in den Filmen. Mir ist klar, daß wir die Liebe oftmals verwechseln mit den Wirbeln, die durch die Lust, die Romantik und ähnliche Besessenheiten verursacht werden. Ich glaube, daß nur noch wenige wissen, was die Liebe fordert, welche Ängste und Unruhe sie mit sich bringt, wie riskant sie ist und wie sehr sie uns prägt. Was es bedeutet, sich an die Person, die wir lieben, zu binden, sich um sie zu sorgen und sie und uns selbst zu erkunden und zu erkennen. Oder zu verstehen, daß es nicht haufenweise Gründe gibt, weshalb wir einen Anderen lieben, sondern daß wir gerade ihn allein deshalb lieben, weil wir gar nicht anders können. Um so trostloser ist es, wenn wir früher oder später bemerken, daß der Andere geneigt ist, die Liebe zu schwächen oder sich von ihr zu befreien. Wenn wir uns allmählich darüber klar werden, daß wir entweder nie von ganzem Herzen geliebt wurden oder der Andere in sich allmählich Gründe geschaffen hat, die Liebe zu untergraben. Diese Erkenntnis ist bitter, zumindest für jemanden, der von ganzem Herzen liebt. Denn für ihn ist es nicht möglich, die Liebe zum Gehen zu bewegen, so wenig wie den Schmerz, der am Ende der Liebe seltsamerweise nicht mehr verschwindet. Wobei es übrigens genau dieser Schmerz ist, der mich im Lauf des Tages meinen morgendlichen Wunsch, zu jemandem zu sagen: Wir lieben uns, du und ich, wie schön das ist, vergessen läßt.

Ich sollte noch erwähnen, daß ich wieder am Meer lebe. Und daß ich wieder schreibe. Ich schreibe diese Geschichte hier, von der ich nichts weiß. Ich kann nicht einmal sagen, wann sie angefangen hat. Ich weiß es nicht. Niemand kann das sagen, was nicht weiter von Nachteil ist. Denn niemand weiß, wann eine Geschichte anfängt, wo ihre Mitte liegt oder wann genau sie zu Ende ist. Man erfindet einen Anfang, wie man alles andere im Leben erfindet.

In dieser Geschichte hier hat vielleicht alles damit angefangen, daß wir frühmorgens von Paris aus nach Le Havre gefahren sind. Wie jedesmal kamen wir um die Mittagsstunde an und gingen ins Café Singer, das am Strand liegt. Von der oberen Terrasse aus beobachteten wir, wie in der Ferne die gewaltigen Containerschiffe in den Hafen gezogen und dort entladen wurden. Wir saßen im Schatten der Sonnenschirme, tranken Whisky Sour und hingen, jeder für sich, unseren Gedanken nach. Luise schaute verzückt nach dem Licht und dem Himmel, die atemberaubend waren in der Hitze jenes Sommers.

Als ich am Fenster stand, bevor ich anfing zu schreiben, fiel mir wieder ein, daß damals ein Paar im Café Singer war. Und jetzt erinnere ich mich, daß die Frau noch sehr jung war. Ich sehe eine Frau, Mitte bis Ende Zwanzig. Sie strahlt Intelligenz aus, ist kein Mädchen mehr. Der Mann, der ihr gegenüber sitzt, ist bereits alt, in den Sechzigern. Durch sein gepflegtes Äußeres und die Schlankheit seiner Statur, mit der er sich selbst eine gewisse Jugendlichkeit bescheinigt, wirkt er jedoch mindestens zwanzig Jahre jünger. Man hört sie abwechselnd reden. Dann schweigen sie und reden erneut. Ihre Worte sind entmutigend klar. Dennoch klingen sie, als wären sie die Worte von einem Anderen. Als hätte ein Anderer für sie diese Sätze geschrieben, die sie jetzt mühsam aufsagen, und sie hätten sie in der Nacht zuvor auf die unheilvollste Weise auswendig gelernt. Manche ihrer Gesten wirken wie Andeutungen, die ein Geheimnis vor den Blicken des jeweils Anderen ankündigen, ohne es jedoch preiszugeben.

Vorhin, am Fenster, vor dem Schreiben, fragte ich mich, ob die beiden zu etwas Früherem hätten zurückkehren können? Ob sie das, was gerade geschah, hätten aufhalten können, wenn sie bereit gewesen wären, mehr zu zeigen? Nein, eher nicht. Selbst wenn sie dazu bereit gewesen wären, hätte es keine Bedeutung mehr gehabt. Ich sehe, daß sie sich bereits aus den Augen verloren haben, lange bevor sie an diesem Tag ins Café Singer gekommen sind, um sich endgültig zu trennen. Vielleicht waren sie zu naiv gewesen, um das herannahende Unglück zu bemerken. Oder sie haben bewußt weggeschaut. Haben in den gewohnheitsmäßig ausgetauschten Zärtlichkeiten den Verrat nicht wahrgenommen, die seltsam schal gewordene und sich falsch anfühlende Nähe, die ihre Liebe später erstickt hat, unentdeckt gelassen. Die Liebe, die einst von ihnen Besitz ergriffen hatte, war für sie unsichtbar geworden, kaum noch lebendig, fast schon tot. Es gab für sie keinen Grund mehr, noch einmal darauf zurückzukommen.

In einem bestimmten Moment allerdings, als könnte er es nicht vermeiden, hat der Mann dann mit sanfter Stimme von Antibes gesprochen. Von der weißen Ruine des alten Hotelpalastes Provencal im Seebad Juan-les-Pins. Von einem Jazz-Festival im Juli eines bestimmten Jahres, auf dem eine berühmte amerikanische Sängerin ihr letztes Konzert gegeben hatte.

Folgendes sehe ich: Der Schmerz über die bevorstehende Trennung hat sich tief im Gesicht des Mannes eingegraben. Wohl aus diesem Grund bleibt sein Lächeln über die Erinnerung an Antibes eher schwach. Während er spricht, sieht er die Frau fortwährend an. Ich betrachte die Frau mit seinen Augen. Ihr blondes Haar, das der von der See kommende Wind leicht bewegt. Die unfaßbare Helle ihrer Haut, als wäre sie gestern oder heute morgen zum ersten Mal in diesem Sommer für ein paar Stunden am Strand gewesen. Ihre rätselhaften, fast durchsichtigen Augen, die weder blau sind noch grau. Die bloße Haut ihrer Arme. Ihr schlanker Körper in dem Kleid aus roter Seide. Ein Körper, den der Mann kennt wie keinen anderen. Die Frau schließt die Augen. Sie denkt an Antibes, an das alte Hotel in Juan-les-Pins, an die glücklichen Tage und die leidenschaftlichen Nächte. Sie hört die Musik wieder, die auf dem Festival gespielt wurde, die Stimme der Sängerin. Sie seufzt leise. Als sie die Augen wieder öffnet, sind unerwartet Tränen darin zu sehen. Ihre Augen schwimmen in einem See aus Tränen. Und als wäre es unabwendbar, beugt sie sich weit über den Tisch in Richtung des Mannes und überläßt ihm ihren Mund zum Küssen. Daraufhin greift der Mann mit einer innigen Geste nach ihren, auf dem Tisch liegenden Händen und küßt lange den Mund der Frau. Sie läßt dies zuerst zu und erwidert dann seinen Kuß. Nach einer Weile zieht sie zuerst ihren Mund und dann ihre Hände zurück. Als hätte der Kuß niemals stattgefunden, nimmt sie sich eine Zigarette aus der Schachtel, zündet sie an und raucht. Dabei sieht sie den Mann durch den aufsteigenden Rauch der Zigarette an, als wäre er ein Fremder, der sich zufällig an ihren Tisch verirrt hat.

Ich erinnere mich besonders gut an diesen einen Moment, als mir klar wurde, wie sehr der Mann die Frau begehrte, wie sehr er sie noch immer wollte. Diese Frau, der er einmal den schmalen Ehering geschenkt hatte und mit der er zusammengeblieben war, in den guten und den anderen Zeiten, weil er nach diesem inneren Gesetz lebte und nichts anderes kannte. Und neben diesem inneren Gesetz, in dem ihm fremd vorkommenden Raum seiner Gefühle, der von alldem vollkommen unberührt blieb, wollte er mit dieser Frau weiter zusammenbleiben, weil sie alles von ihm wußte, alles begriff, was er war, weil sie die Einzelheiten seines Schmerzes kannte und wußte, wie sehr er an das Glück glaubte. Ich erinnere mich an seine Angst, die jäh sichtbar wurde, als er verstand, daß es zu spät war. Auch die Frau, die ihn ansah, bemerkte diese Angst nun. Und ich hörte sie sagen: Wie schrecklich. Unsere Blicke kreuzten sich. Ich sah sie an und dachte an die Frauen als an eine vollkommen andere Schöpfung. Es war ein beinahe schon körperliches Begreifen, wie grundsätzlich verschieden Männer und Frauen waren. Daß sie um nichts auf der Welt zusammenpaßten. Daß jedes Gefühl, daß sie dennoch zusammengehörten, eine romantische Illusion war. Eine von vornherein aussichtslose Sache. Mann und Frau gingen Beziehungen ein, trennten sich, waren verletzt und frustriert, gingen erneut Beziehungen ein, sahen das, was sie Liebe nannten und was doch nicht mehr war als die vergangene oder neue Beziehung, als eine Lernaufgabe, an der sie sich ihr Leben lang abarbeiteten, so als wären Zusammenleben oder gar die Liebe möglich.

Ich erinnere mich daran, daß der Mann weinte, daß man den Mann weinen sah, zuerst ganz schamhaft, hinter vorgehaltenen Händen, und wenig später laut und ohne jede Hemmung. Ich erinnere mich an das zärtliche Lächeln der Frau, daß man ihr zärtliches Lächeln sah, mit dem sie Partei ergriff für den Mann, wie man Partei ergreift für ein geschlagenes Kind, bevor sie abrupt aufstand und ohne sich noch einmal umzuschauen zur Treppe ging. Die Dramatik, die in dieser zu Ende gehenden Liebesgeschichte lag, war auch Luise nicht entgangen. Ich bemerkte ihren Blick, wie er auf dem Lächeln der Frau haften blieb. Ihr Blick folgte eindringlich der Frau, als diese aufstand und ging. Es war ein Blick, der etwas eingravierte in das, worauf er sich richtete, ein Versprechen, das sie sich selbst gab, nämlich es dieser Frau gleichzutun, sobald sie sich innerlich bereit dazu fühlte. Was ich entdeckte, betraf Luise und mich. Als wäre ich die ganze Zeit über vollkommen ahnungslos gewesen, wurden mir schlagartig ihre Zweifel klar, was unsere Beziehung anging. Daß sie den Wunsch verspürte, ohne mich leben zu wollen. Daß sie gehen wollte.

Ich kann nicht mehr sagen, wann genau Luise etwas bemerkte, ob es so war, daß sie ihren eigenen Blick verfolgte oder in meinem Gesicht die Erschütterung über das soeben Gesehene registrierte. Ich erinnere mich an einen Ausdruck von Hilflosigkeit in ihrem Gesicht, weil sie für das, was ihr auffiel, offenbar in sich selbst keine Worte fand. Dies alles blieb für sie vage, ein unverständliches Gefühl, das ihr, wie ich mich erinnere, unangenehm war. Es war ihr sichtlich auch körperlich unangenehm. So sehr, daß sie nicht mehr ruhig auf ihrem Stuhl sitzen konnte und sich mit den Fingern die Haut an ihren Oberarmen aufkratzte. Anfangs versuchte sie noch, in sich hineinzuhören, sich auf die Spur zu kommen und zu verstehen, was gerade geschah, welche Gefühle sie hatte und was mit mir los war, weshalb ich sie so erschrocken anschaute. Und dann, schlagartig, wie man einen Schalter umlegt, war es vorbei. Luise hatte irgend etwas in sich überwunden, war an dem Unerträglichen vorbei gekommen, ohne es zu sehen oder sich von ihm berühren zu lassen. Und doch war offenbar noch immer etwas hinter ihr her, denn sie redete nun rasch, wie jemand, der sich auf der Flucht befand. Sie sagte Dinge, die wichtig waren oder auch nicht. Mit ihren Worten machte sie das Blau des Himmels noch blauer, das Sonnenlicht des Mittags noch greller, die Kräne an den Docks noch höher, die Container noch kolossaler. Sie übertrieb, lachte ohne Überzeugung, redete weiter über dies und das, gab mir Stichworte, die ich nicht aufgriff. In dem wilden Strudel ihrer widerstrebenden Gefühle redete sie in einem fort, um nicht auf die Worte zu stoßen, die zu dem gehören würden, was sie kurz zuvor gefühlt hatte. Sie wollte bewirken, daß ich das eine oder andere ihrer Worte aufgriff. Wollte, daß ich ihr antwortete, ihr etwas gab, an dem sie sich festhalten konnte, damit sie ihr inneres Schweigen aufrechterhalten konnte. Doch dies geschah nicht, so sehr sie es sich auch wünschte. Ich betrachtete ihr dunkles Haar, ihre weißen Zähne, das Leuchten ihrer jugendlichen Haut, die zu berühren jedesmal, wenn wir uns liebten, wegen der beunruhigenden, mit nichts auszufüllenden Zwischenräume, die unweigerlich entstanden, weil ich mehr als doppelt so alt war wie sie, eine Wunde in mir zurückließ. Sie starrte tapfer auf meinen vor Staunen und Fassungslosigkeit noch offen stehenden Mund, der über alles hinwegschwieg, was sie sagte, auch über dieses nur noch scheinbar Abwegige, was ich gerade entdeckte hatte.

Während ich dies schreibe, glaube ich, Luise wußte, daß ich ihren Wunsch, von mir getrennt zu sein, in seinem Versteck lassen würde, in der Verschlossenheit ihres Unbewußten. Sie wußte dies auf eine Weise, ohne es zu verstehen, ohne davon zu wissen. Auf der Rückfahrt sagte sie, daß es wohl einmal in einem Buch stehen werde: das mit uns. Ich erwiderte nichts darauf. Schweigend fuhr ich den Citroen durch die Rue de Rivoli. In der Rue de Temple machte ich das Autoradio an und suchte Radio Magic. Als wir am Café de la Gare vorbeifuhren, wo noch Leute unter den großen gelben Meteor-Schirmen saßen, spielten sie ein Chanson von Serge Gainsbourg: Die Sonne ist rar, und das Glück auch … Die Mauern des Labyrinths öffnen sich im Unendlichen… Ich glaube, daß mir Tränen in die Augen traten, weil ich Luise ihr Geheimnis nicht entriß, obwohl ich es vermocht hätte. Weil ich ihr nicht sagte, daß sie von nun an zurückbleiben würde, trotz meiner Gegenwart. Daß ich darauf warten würde, daß sie ging. Und daß ich dann schreiben würde. Und daß ich, während ich schrieb, aufhören würde, sie zu lieben. Auch wenn ich damals noch nicht wußte, was das bedeutete, ob es überhaupt möglich war: aufhören, sie zu lieben. Nichts, was ich hätte sagen oder tun können, hätte ihren Entschluß, sich von mir zu trennen, aufgehoben. Ich hätte lediglich einen Aufschub erreicht, der derselbe gewesen wäre wie der, den ich durch mein Schweigen erzwang.

Ich weiß bereits, daß nichts, was ich jemals geschrieben habe, mich auf das vorbereiten konnte, was ich hier schreiben werde. Wegen dieses Jungen mit dem blonden Haar und den blauen Augen, der ich als Kind war und der die ganze Zeit über vollkommen regungslos neben mir steht, weiß ich, daß das, was ich hier schreibe, womöglich die Version einer anderen, größeren Geschichte ist, die ich nicht schreiben werde. Was ich über jene Geschichte, die ich nicht schreibe, sagen kann, ist, daß sie von der Einsamkeit und dem Schmerz dieses Jungen gehandelt hätte. Eine Geschichte, die damit begänne, daß dieser Junge, nachdem man vorsätzlich seinen Körper enteignet und ausgebeutet hat, aufhört, in der Welt der Lebenden zu leben, und es keinem mehr gelingt, die Grenze zu ihm und seinen funkelnden Eigenwelten, in denen er sich zum Verschwinden gebracht hat, zu überschreiten oder den Wunsch in ihm zu wecken, jemals wieder sein Ausgeschlossensein zu verlassen und die Nähe eines anderen Menschen spüren zu wollen. Sobald man den Körper dieses Jungen zu berühren oder zu umarmen versucht, empfindet er sofort Todesangst. Etwas in ihm erinnert sich an die mörderische Brutalität, die seinen Körper verletzte und diesen Körper für ihn zum Fremd-Körper werden ließ. Ohne daß der Junge sich konkret an jene lebensbedrohliche Ereignisse erinnert, erinnert sich sein Körper sofort an die Schmerzen, die ihm bei jenen Ereignissen in seinem Innersten zugefügt wurden. Weil der Körper des Jungen von den Verletzungen in seinem Inneren affiziert wird, weicht er instinktiv vor Berührungen und Umarmungen zurück und kann von den Berührungen und Umarmungen der Anderen nicht mehr affiziert werden, bis diese irgendwann ausbleiben. So kann der Junge sich ins Reine bringen. In der Folge vergißt der Junge schon sehr bald, wie man jemandem entgegenkommt, und alles, was zum kindlichen Leben dazugehört, ist weit entfernt. Es bleibt für den Jungen wie ein schöner Traum, den jemand durchgestrichen hat. Für die Anderen bleibt der Junge fremd. Man erkennt ihn nicht wieder. Man erkennt ihn solange nicht wieder, bis man ihn schließlich nicht mehr kennt. Ein entfernter Junge sozusagen, den man bald sich selbst überläßt und vergißt.

Könnte die Geschichte von dem Jungen mit dem blonden Haar und den blauen Augen geschrieben werden, würde sie von einer großen Sehnsucht handeln, die tief und unlösbar verborgen bliebe in den noch unberührten Gebieten seiner Eigenwelten, in denen es eigentümliche Vögel mit prächtigem Gefieder gäbe, die er wie einen kleinen Hund, der von der gegenüberliegenden Straßenseite auf ihn zugelaufen käme, streicheln würde. Es gäbe kummervolle, bedeutungsschwere Gebete, die ein unsichtbarer und schweigender Gott ohne Antwort ließe. Diese Sehnsucht wäre wie eine gewaltige Kraft, die dem weiteren Leben des Jungen als Werkzeug diente, ohne sich jedoch jemals einzulösen, weil seine Persönlichkeit sich um die beigebrachten Durchstanzungen an der Linie zwischen Austilgung und Davongekommen herum organisiert, statt einem natürlichen Entwicklungsverlauf zu folgen.

Einmal, später, sehr viel später, an einem kalten Wintermorgen, würde der Junge mit dem blonden Haar und den blauen Augen, zu einem Schriftsteller geworden, im Spiegel seines Badeszimmers Umrisse eines Gesicht auftauchen sehen, das seins sein könnte, ohne daß sich seine Züge ihm enthüllten. In seinen gesammelten Erinnerungen fände der Schriftsteller nur einen einzigen Satz, den er auf ein weißes Blatt Papier überträgt: wenn ich gestern nicht war, könnte ich heute sein, oder morgen?