Wieder zurück auf Null - Dieter Pasternak - E-Book

Wieder zurück auf Null E-Book

Dieter Pasternak

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Beschreibung

Von seiner Frau hintergangen und verlassen, kämpft Colmar, ein Kieler Gymnasiallehrer, um einen Rest Selbstachtung. Er versucht, für sein Leben ein Stück Normalität zurückzugewinnen und beginnt zu begreifen, dass Partnerschaften sehr zerbrechlich sind und dass sie sich auch nicht so leicht ersetzen lassen.

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Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

1

Er wusste, dass an diesem Sonntag wieder ein langer Abend auf ihn wartete. Die Konferenzen für die Oberstufe waren bereits für den nächsten Nachmittag angesetzt, und dies war seine letzte Chance, wenn er die Arbeiten seines Leistungskurses rechtzeitig korrigieren und an die Schüler zurückgeben wollte. Nicht dass er die Ergebnisse für die Semesternoten benötigte. Er kannte seine Leute gut und hatte die Zensuren bereits in die seit Tagen im Lehrerzimmer ausliegenden Zeugnislisten eingetragen. Aber er hatte dem Kurs die rechtzeitige Rückgabe der Essays versprochen. Zu allem Überfluss hatte ihn noch am Freitagnachmittag eine Schülerin an seine Zusage erinnert.

Er hatte sich nach dem Unterricht noch länger in der Lehrerbücherei aufgehalten, für die er seit einiger Zeit verantwortlich war. Auf dem Weg zu seinem Auto hatte er Annika aus seinem Leistungskurs getroffen. Sie kam mit zwei ihrer Freundinnen gerade aus der Sporthalle.

„Hallo, Herr Colmar!”, rief sie ihm zu. „Bekommen wir am Montag unsere Arbeiten zurück?“

Er hatte sie angegrinst, mit den Schultern gezuckt und war in seinen Golf gestiegen. Es war wirklich seine eigene Schuld, dass er mit seinen Terminen ständig unter Druck geriet. Wieder einmal hatte er den Bitten einiger Schüler nachgegeben und den Abgabetermin verlängert. Und dies hatte ihn nun selber in Zeitnot gebracht. Er war eben doch ein „Softie“, wie seine Frau früher bei solchen Gelegenheiten manchmal im Scherz gesagt hatte.

Es waren noch vier Tage bis zum Ende des Schuljahres und der Ausgabe der Zeugnisse. Diesmal freute er sich ganz besonders auf die Sommerferien, vor allem auf die zwei Wochen, die er mit seinem Sohn auf Sylt geplant hatte. Bei aller Vorfreude sah er dieser gemeinsamen Zeit aber auch ein wenig mit gemischten Gefühlen entgegen. Jost, der nach dem Zivildienst im vierten Semester in Hamburg Medizin studierte, hatte seit längerem begonnen, sein eigenes Leben zu führen. Schon allein der durch sein Studium bedingte enge Zeitplan gab ihnen nicht häufig die Möglichkeit, sich zu sehen. Colmar glaubte zu spüren, dass ihre gemeinsame Basis in der letzten Zeit schmaler geworden war und hatte angefangen, sich darüber Gedanken zu machen, dass die zwei Wochen, in denen sie ungewohnt eng zusammen leben und allein miteinander auskommen mussten, sich vielleicht als ein bisschen lang herausstellen könnten.

Er knipste in seinem Arbeitszimmer die Schreibtischlampe an. Hier wartete der letzte kleine Stapel Hefte auf ihn. Es waren Arbeiten, die von seinem Leistungskurs Englisch im Rahmen eines Literaturprojektes angefertigt worden waren. Aufgabe war es, nach zuvor gemeinsam erarbeiteten Kriterien einen Essay über ein Shakespearestück eigener Wahl zu schreiben. Die drei Interpretationen, die sich mit dem Drama „Romeo & Juliet“ befassten, hatte er sich bis zum Schluss aufgespart, schon allein deshalb, weil seine beiden besten Schüler dieses Thema gewählt hatten. Nach alter Gewohnheit hatte er sich das Gute bis zum Schluss aufheben wollen.

In letzter Zeit hatte er mehr und mehr eine Art Ritual für seine abendliche Schreibtischarbeit entwickelt. Er glaubte, dass es ihm half, sich zu konzentrieren, denn dies war ihm in den vergangenen Monaten zunehmend schwergefallen. Stifte, Wörterbücher und auch seine Lesebrille befanden sich an ihrem Platz. Er setzte sich. Seine letzte Korrektur in diesem Schuljahr konnte beginnen.

Er nahm das Heft, das ganz oben auf dem kleinen Stapel lag, und schlug es auf. Es gehörte Annika, der Schülerin, die ihn noch vor zwei Tagen auf dem Schulhof an sein Versprechen erinnert hatte. Sie war eine der Stützen seines Unterrichts und fiel ihm bei Interpretationen häufig durch ihre feinfühligen Beiträge auf. Es war schade, dass sie in ihren schriftlichen Leistungen bisher immer ein wenig hinter seinen Erwartungen zurückgeblieben war.

Das schien diesmal aber anders zu sein. Annika hatte ihren Aufsatz gedanklich offenbar gut geplant und wirkte sprachlich, was ihn in ihrem Fall etwas überraschte, von Anfang an erfreulich sicher. Wie sonst auch immer arbeitete sie gewissenhaft und eng am Text. Sie beschäftigte sich in ihren Ausführungen besonders mit der Rolle des Zufalls, der ihrer Ansicht nach für das traurige Schicksal der beiden „star-crossed lovers“ eine besondere Bedeutung hatte.

Schon nach den ersten Seiten musste Colmar seine Arbeit unterbrechen. Das ging ja gut los! Er hatte Probleme, sich zu konzentrieren. Vor nicht langer Zeit hatte der Zufall auch in seinem Leben eine erhebliche Rolle gespielt. Er stand von seinem Schreibtisch auf und ging ans Fenster. Von seinem Zimmer aus konnte er in die aufgeräumten Vorgärten seiner Nachbarn blicken und im Dämmerlicht die Blumenbeete und gepflegten Rasenstücke sehen. Hecken und Zäune vermittelten ein trügerisches Gefühl von Schutz und Geborgenheit, denn in den letzten Wochen war es in diesem Teil Kiels wiederholt zu Einbrüchen und Diebstählen gekommen. Er selber hatte bereits Überlegungen angestellt, sich eine Warnanlage installieren zu lassen. Den Gedanken hatte er dann aber doch verworfen. Der Aufwand schien ihm zu groß, und er glaubte auch nicht, dass Maßnahmen dieser Art vor unangenehmen Überraschungen wirklich schützen konnten.

Vom Fenster aus beobachtete er einen seiner Nachbarn, der gerade seinen Rauhaardackel vor dem Schlafengehen noch einmal ausführte. Das machte er jeden Abend. Auf der anderen Seite der Straße, vor dem Haus gegenüber, parkte ein schwarzer Audi. Colmar wusste, dass dort vor kurzem eine neue Familie eingezogen war. Er konnte auf dem Fahrersitz die Umrisse einer Person erkennen. Vielleicht wartete da jemand auf die hübsche Tochter, von der er bereits festgestellt hatte, dass sie häufig erst später am Abend ausging.

2

Er konnte nichts dagegen tun. Das parkende Auto am Straßenrand löste bei ihm eine Kette von Assoziationen aus, die alle mit dem einen Abend im letzten September verbunden waren, an den er eigentlich nicht mehr denken wollte. An jenem Tag hatte er nämlich erfahren müssen, dass sein scheinbar gesichertes Leben ganz plötzlich und völlig unerwartet über ihm zusammenbrach und mit ungeahnter Wucht auf ihm landete.

Als er damals nach einer Konferenz gegen 18 Uhr aus der Schule kam, fand er auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht seiner Frau vor:

„Hallo, Thomas, ich bin’s! Es wird heute leider etwas später. Wir müssen hier noch diesen Entwurf unbedingt fertig machen. Morgen ist mal wieder „Deadline“. Du kennst das ja. Warte nicht mit dem Essen auf mich..“

Dies war nicht ungewöhnlich. Seine Frau arbeitete im Büro einer Werbeagentur. Was dort genau ihre Tätigkeit war, hatte er nie so recht begriffen. Sie hatte in dieser Kieler Nebenstelle einer Hamburger Firma mit einem Halbtagsjob begonnen, als ihr Sohn auf die Unterstufe des Gymnasiums wechselte. Colmar hatte verstehen können, dass sie den Wunsch hatte, außerhalb des Hauses und der Familie eine Aufgabe zu finden, und hatte sie bei der Suche nach einer passenden Beschäftigung unterstützt. Sie hatte vor Jahren ihr Kunststudium abbrechen müssen, als sie mit Jost schwanger wurde. Er hatte deshalb ihr gegenüber immer so etwas wie ein schlechtes Gewissen gehabt. Als ihr Sohn dann die Oberstufe des Gymnasiums erreichte, hatte ihr die Firma eine volle Stelle mit einer beträchtlichen Gehaltserhöhung angeboten. In einer kleinen „Familienkonferenz“ hatte auch er ihr zugeraten, dieses Angebot anzunehmen, zumal die Aufstockung des Familienetats allen eine gute Idee schien.

An diesem Abend hatte er sich eine Kleinigkeit zu essen gemacht, die Küche aufgeräumt und war dann in sein Arbeitszimmer gegangen, um seinen Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten. Es war nach 22 Uhr, als er dann auf die Idee kam, sich noch einmal körperlich zu bewegen. Er hatte irgendwie den ganzen Tag mehr oder weniger gesessen und hatte Lust, noch einmal eine kleine Runde zu joggen. Das tat er nicht regelmäßig, denn im Grunde fand er es ziemlich langweilig, alleine vor sich hinzulaufen. Mit seinen Freunden spielte er normalerweise einmal die Woche Tennis und hatte daran sehr viel mehr Spaß. Aber in Situationen wie dieser war Joggen besser als gar nichts.

Er zog sich seinen Trainingsanzug und seine Laufschuhe an, nahm einen Anorak, steckte seine Schlüssel ein und ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen. Er überlegte einen Moment und entschied sich dann, diesmal zur Förde hinunterzulaufen, denn die Strecke dort war ausreichend beleuchtet, und es gab dort um diese Uhrzeit bestimmt nur wenige Passanten, die stören konnten.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bevor er einigermaßen „rund“ lief. Er war steif vom vielen Sitzen und seine alten „Zipperlein“, das rechte Knie und beide Achillessehnen, meldeten sich. Nach einigen Minuten ging es aber, und er fing an, sich ein bisschen lockerer zu bewegen. Er hatte seine Nachbarschaft verlassen und bog in eine der vielen Nebenstraßen ein, in der zwei einsame Autos parkten. Er blieb plötzlich stehen. Das Auto, das ihm am nächsten war, kannte er. Es war der Wagen seiner Frau. Um sicher zu sein, ging er noch ein paar Schritte näher. Ja, es war ihr Nummernschild. Das Fahrzeug war leer. Dann sah er den Wagen, der davor stand. Es handelte sich um einen schwarzen BMW mit einem Hamburger Kennzeichen und den zusätzlichen Initialen MG, die ihm ebenso bekannt waren wie das Auto. Es gehörte dem Hamburger Inhaber der Firma, für die seine Frau arbeitete. Im Gegenlicht der Lampe, die in einiger Entfernung am Ende der Straße stand, konnte er sehen, dass sich in dem BMW zwei Personen umarmten und küssten.

Er war wie gelähmt. Sein Kopf war völlig leer und ihm wurde schwindlig. Er drehte sich um und ging langsam wieder den Weg zurück, den er gekommen war. Das Joggen war vergessen. Wie lange er so durch die Gegend wanderte, wusste er später nicht, aber irgendwann befand er sich dann auf einer größeren Straße, die ihm bekannt vorkam, und setzte sich an einer beleuchteten Bushaltestelle auf die Bank.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bevor er in der Lage war, in kurzen Zusammenhängen zu denken. Die Situation, in der er sich jetzt so plötzlich befand, war ihm eigentlich nicht unbekannt. Er hatte sie in den verschiedensten Variationen in Filmen und Büchern miterlebt, allerdings immer aus der Distanz eines Beobachters. Für ihn war dies stets eine Angelegenheit gewesen, die anderen passierte, auch wenn er manchmal gedacht hatte, dass er sich gut in die Betroffenen hineinversetzen könne. Er hatte wohl auch immer Angst vor einer ähnlichen Erfahrung gehabt, war sich aber gleichzeitig sicher gewesen, dass er so etwas nicht erleben würde. Seine Ehe war stets eine ganz sichere Größe für ihn gewesen. Vielleicht sogar die sicherste. Unwillkürlich dachte er an die schwierigen Anfänge, Christines ungeplante frühe Schwangerschaft, durch die die Weichen in seinem und ihrem Leben neu gestellt wurden. Sie musste damals ihr Studium abbrechen, ein Entschluss, der für sie sehr schmerzhaft war, auch wenn sie sich beide einzureden versuchten, dass Christine später ihre Ausbildung ja wieder aufnehmen könne. Er selber hatte auch auf eine wissenschaftliche Laufbahn verzichtet, hatte die Arbeit an seiner Dissertation abgebrochen und das Staatsexamen abgelegt. Der Schuldienst schien ihm am schnellsten ein gesichertes Einkommen zu ermöglichen. Trotz aller Schwierigkeiten hatten sie es gemeinsam geschafft, und er war immer stolz auf seine kleine Familie gewesen.

Es kam ein Bus. Die Türen öffneten sich mit einem Zischen. Der einzige Fahrgast, eine ältere Frau, starrte ihn durch das Fenster an, blieb aber sitzen. Als der Fahrer sah, dass er auf seiner Bank keine Anstalten machte einzusteigen, schloss er die Türen, und der Bus setzte sich wieder in Bewegung.

Er kannte Markus Grossmann. Er war ihm verschiedentlich begegnet. Das letzte Mal bei der jährlichen Weihnachtsfeier in der Firma, auf der Colmar sich etwas fremd gefühlt hatte. Christine hatte ihn nur mit Mühe überreden können mitzugehen. Grossmann, der bestimmt sechs bis sieben Jahre jünger war als er, war nicht unsympathisch. Er wirkte in Kleidung und Frisur recht „trendy“, und Colmar hatte sich mit seiner Frau später im Auto über seinen jugendlichen Jargon lustig gemacht. Grossmann lobte Christines Arbeit so sehr, dass es ihr offensichtlich peinlich war. Er nannte sie seine „beste Mitarbeiterin“ und sagte, dass die Firma ohne sie „aufgeschmissen“ sei. An diese Äußerungen musste er jetzt denken. Grossmanns attraktive Frau, eine gebürtige Italienerin, war bei dieser Weihnachtsfeier auch anwesend, aber Colmar hatte nur wenig mit ihr gesprochen. Sie hatten über ihre Kinder geredet, und er erinnerte sich, dass sie eine Tochter hatte, die einige Jahre jünger als Jost sein musste.

Es hatte zu regnen begonnen. Er blieb zunächst sitzen, merkte dann aber, dass er bald völlig nass sein würde. Er erhob sich von seiner Bank und überlegte, was er nun tun sollte. Irgendwann musste er ja nach Hause. Er knöpfte sich den Anorak zu und machte sich langsam auf den Weg. Er fragte sich, wie er von nun an vorgehen wollte und hatte keine Ahnung. Als er in seine Straße einbog, sah er, dass das kleine Auto seiner Frau wie sonst auch immer vor dem Haus parkte. Er schloss die Haustür auf, zog sich die nassen Schuhe aus und ließ seinen Anorak in der Garderobe zurück

Christine war in der Küche und hatte sich offenbar gerade etwas zu essen gemacht. Als er eintrat, hatte sie ihren benutzten Teller in der Hand und war im Begriff, ihn zusammen mit dem Besteck in die Spüle zu stellen. Sie war sichtlich überrascht, ihn zu sehen.

„Hallo! Oben war gar kein Licht mehr. Ich dachte, du hättest dich schon hingelegt. Wo warst du denn?“

„Ich wollte noch einmal eine Runde laufen. Ich musste mich vorm Schlafen einfach noch einmal bewegen.“

„Du bist ja ordentlich nass geworden“, sagte sie und berührte seinen Arm. „Komm, setz dich hin. Ich mache dir einen Tee. Du siehst auch ganz blass aus. Nicht dass du uns noch krank wirst!“

Er setzte sich an den Tisch, während sie den elektrischen Wasserkocher nahm, ihn füllte und einschaltete.

„Und du? Habt ihr alles geschafft?“, fragte er sie.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm am Herd und war dabei, die kleine Teekanne aus dem Hängeschrank zu nehmen.

„Ja. Das war aber auch wichtig. Wir mussten das heute abschließen. Ich glaube, der Entwurf ist ganz gut geworden. Das war ein ganz schönes Stück Arbeit. Wir sind gerade damit fertig geworden.“

Sie stand immer noch mit dem Rücken zu ihm und steckte einen Teebeutel in die Kanne. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, nahm sie ihren Teller und begann ihn von Hand zu spülen.

Er beobachtete sie und konnte sich schließlich nicht länger zurückhalten.

„Warum sagst du mir eigentlich nicht, was los ist, Christine“, brach es aus ihm heraus. „Ich habe vorhin dein Auto in der Heinestraße gesehen. Ich wollte runter zur Förde laufen und habe zufällig einen kleinen Umweg gemacht.“

Sie war erstarrt. Das Wasser im Kessel hatte angefangen zu kochen und schaltete sich nach kurzer Zeit von alleine aus. Sie sagte nichts.

„Euch habe ich übrigens auch gesehen. In seinem Wagen. Ich kann einfach nicht glauben, was du da machst.“

Sie schwieg immer noch. Das Wasser lief weiter über den Teller, den sie in der Hand hielt.

„Bitte sag jetzt bloß nicht, dass alles nicht so ist, wie es aussieht.“

„Mein Gott. Es tut mir alles so leid“, sagte sie schließlich.

Sie drehte den Wasserhahn zu und setzte den Teller langsam in der Spüle ab. Er versuchte die Wut, die in ihm hochstieg, unter Kontrolle zu halten.

„Was meinst du eigentlich damit?“, fragte er dann. „Kannst du mir vielleicht sagen, was genau dir an dieser Sache leidtut?“

Sie drehte sich zu ihm um.

„Ich wollte vor allen Dingen nicht, dass du es so erfährst.“

„Immerhin, erfahren sollte ich es dann ja wohl.“

Sie sah ihn an und antwortete nicht. Seine nächste Frage fiel ihm schwer.

„Wie lange geht das eigentlich schon?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß nicht genau. Zwei oder drei Wochen vielleicht“, sagte sie dann leise.

„Du weißt nicht genau. Aber dass du mit ihm im Bett warst, das wirst du wahrscheinlich genau wissen“, sagte er in einem schwachen Versuch, seine Wut in Sarkasmus zu kleiden.

Auch darauf antwortete sie nicht. Sie kam zu ihm an den Tisch, setzte sich ihm gegenüber und versuchte, seine Hand zu berühren. Er zog sie weg. Sie schwiegen beide und saßen so eine Weile, ohne sich anzusehen.

„Es tut mir alles so leid“, sagte sie dann wieder und fing jetzt an zu weinen.

„Verdammt, Christine. Wieso?“

Er versuchte ruhig zu bleiben.

„Ich dachte immer, so etwas könnte uns nie passieren, für so etwas seien wir uns zu schade. Was ist los mit dir? Menschenskind, wir haben einen Sohn!“

„Jost hat doch damit überhaupt nichts zu tun.“

Sie schwiegen beide wieder eine Zeit lang. Er schüttelte den Kopf.

„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie ich mir vorkomme?“

„Es tut mir leid. Ich wollte das nicht.“

„Du wolltest es nicht? Glaubst du das eigentlich selber?“

„Aber ich habe es doch selber nicht gemerkt, wie das alles begonnen hat. Am Anfang habe ich ...“

Er unterbrach sie sofort.

„Bitte, hör auf! Erspar mir bitte die Einzelheiten. Ich will auch nicht wissen, wie aufmerksam und verständnisvoll er ist. Und auch nicht, wie toll die Hotels waren. Solche Geschichten sind sich alle sehr ähnlich.“

Sie weinte lautlos.

„Er ist doch auch verheiratet. Sie haben eine Tochter“, sagte er dann.

Christine schüttelte den Kopf. Sie hatte Mühe zu sprechen.

„Er will sich scheiden lassen.“

Das war deutlich. Ihm war, als habe er einen weiteren Schlag in den Magen bekommen. Eine Weile sagte keiner etwas. Dann sah sie ihn an und versuchte noch einmal vergeblich, seine Hand zu ergreifen.

„Thomas, ich wollte dir doch ...“

Er hob die Hand und unterbrach sie wieder.

„Bitte nicht. Ich kann das jetzt wirklich nicht.“

Sie saßen sich weiter schweigend gegenüber. Christine weinte immer noch. Dann stand sie langsam auf. Sie hielt sich am Tisch fest.

„Ich kann auch nicht mehr“, sagte sie und versuchte dann, sich mit dem Handrücken die Tränen abzuwischen. „Bei mir dreht sich alles. Wir sollten vielleicht morgen über alles sprechen. Im Moment kann ich sowieso nicht klar denken.“

Sie drehte sich um. Er sagte nichts und schaute ihr nach, wie sie sich langsam durch die Küche auf die Tür zubewegte. Bevor sie diese erreichte, blieb sie einen Moment stehen, als wollte sie noch etwas sagen. Dann aber öffnete sie die Tür und schloss sie hinter sich. Er hörte auch, wie sie die Treppe hoch in ihr Schlafzimmer ging und, wie es schien, den Schlüssel im Schloss umdrehte.

Seine Hände zitterten. Ihm war schlecht. Jetzt, da er allein in der Küche saß, war es auch mit seiner Selbstbeherrschung vorbei. Er hatte einen Weinkrampf. Nach einiger Zeit stand er auf. Er musste sich bewegen, etwas tun. Er zog die nassen Joggingschuhe wieder an, nahm seine Jacke von der Garderobe und verließ das Haus.

Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen. Er wanderte ziellos durch die Nachbarschaft und versuchte die Vorstellungen, die sich ihm aufdrängten, abzuwehren. Es waren vor allem Bilder von seiner Frau und diesem anderen Mann. Seine Gedanken waren ebenso verwirrt wie seine Gefühle, mit denen er den ganzen Abend gekämpft hatte. Eines wurde ihm aber immer deutlicher. Dieser Tag würde sein bisheriges Leben beenden. Im Grunde hatte sich bereits alles geändert, denn was gab es da noch zu retten? Er war sich sicher, dass er bereits verloren hatte, selbst wenn Christine die Affäre ernsthaft beenden sollte und bei ihm bliebe. Er brauchte sich nichts vorzumachen: Das Vertrauen in seine Frau und in seine Ehe, bisher ein zuverlässiges Fundament in seinem Leben, war zerstört.

Der Regen hatte wieder eingesetzt, und als er lange nach Mitternacht erneut vor dem Haus stand, brannte im Zimmer seiner Frau noch Licht. Er ließ seine nassen Kleidungsstücke wieder in der Garderobe und stieg die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer. Als er an ihrer Tür vorbeiging, konnte er hören, dass sie offenbar mit ihrem Handy mit jemandem telefonierte.

Zu dem Gespräch am nächsten Morgen kam es nicht. Er lag noch im Bett, als sie das Haus verließ. Er hörte, wie sie ihren Wagen anließ und wegfuhr. Er glaubte, überhaupt nicht geschlafen zu haben. Schon früh hatte er sie in ihrem gemeinsamen Badezimmer gehört. Sie war dann die Treppe hinunter in die Küche gegangen. Dort hatte sie sich nicht lange aufgehalten. Den Geräuschen nach hatte sie sich Kaffee gemacht. Das wunderte ihn, denn er wusste, dass sie morgens eigentlich Tee bevorzugte. Kurz darauf war sie gegangen.

Er stand jetzt auch auf. In dem gemeinsamen Badezimmer schien ihm alles so zu sein wie sonst auch immer. Er öffnete die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Christine hatte ihr Bett gemacht, und alles wirkte sehr aufgeräumt. In der Küche konnte er erkennen, dass sie tatsächlich nur einen Kaffee getrunken hatte. Die leere Tasse hatte sie in der Spüle abgestellt.

Sie standen sonst immer ziemlich zur gleichen Zeit auf. Auf das gemeinsame Frühstück in der Küche wollten sie schon deshalb nicht verzichten, weil sie dabei alle Angelegenheiten besprechen konnten, die für den Tag wichtig waren. Seit Christine ihre volle Stelle hatte, sahen sie sich normalerweise erst gegen Abend wieder, wenn sie aus dem Büro nach Hause kam. Dann versuchte er manchmal, ihr in der Küche beim Kochen der eigentlichen Hauptmahlzeit des Tages behilflich zu sein. Er war fast immer der erste, der dann morgens aus dem Haus ging. Christine ließ es gewöhnlich ein wenig langsamer angehen, denn sie konnte ihre Arbeitszeit selber bestimmen.

In der Kaffeemaschine war noch ein Rest, den er sich in eine Tasse goss und stehend trank. Ansonsten konnte er noch keinen Bissen herunterbekommen. Dann nahm er seine Büchertasche, schloss die Wohnungstür hinter sich ab und fuhr in die Schule. Es blieb ihm ja nichts anderes übrig, als sich diesem ersten Tag in seinem neuen Leben zu stellen.

Wie er diese Zeit dann hinter sich brachte, wusste er später nicht mehr. Zweimal fragten ihn Kollegen, ob mit ihm alles in Ordnung sei. Die Pausen verbrachte er auf den Schulhof, um den üblichen Gesprächen im Lehrerzimmer aus dem Wege zu gehen. In der Mittagspause zwang er sich dazu, in der Cafeteria der Schule ein Brötchen zu essen.

Als er gegen 16 Uhr nach Hause kam, blinkte der Anrufbeantworter. Es gab zwei Nachrichten. Die erste war von seinem Freund Wolf, der ihn an ihr Tennisdoppel erinnerte, das auch an diesem Samstagvormittag stattfinden sollte. Die zweite Nachricht war von seiner Frau.

„Ich bin’s. Ich habe mich entschlossen bis auf weiteres in Hamburg zu bleiben. Ich glaube, dass dies im Augenblick für alle die beste Lösung ist. Es tut mir alles so leid.“

Pause.

„Ich werde am Donnerstag, wenn du in der Schule bist, einige persönliche Dinge holen.“

Obwohl er so etwas Ähnliches irgendwie befürchtet hatte, traf ihn die Schnelligkeit, mit der die Entscheidung gefallen war, wieder wie ein Schlag.

Am Abend kam ein Anruf seines Sohnes.

„Mama hat mit mir vorhin telefoniert“, sagte er. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich kann das gar nicht glauben.“

„So geht’s mir auch.“

„Habt ihr euch gestritten?“

„Nein.“

„Gibt es sonst irgendeinen Grund dafür?“

„Keine Ahnung. Das kann dir nur deine Mutter beantworten.“

„Hattest du vorher schon irgendwas geahnt?“

„Nein, überhaupt nichts.“

Eine Weile sagte keiner etwas.

„Und wie soll es nun weitergehen? Werdet ihr noch einmal miteinander reden?“

„Wozu sollte das gut sein? Wie es aussieht, hat deine Mutter ja ihre Entscheidung getroffen.“

Sie schwiegen wieder eine Zeit lang.

„Und wie fühlst du dich?“

„Was glaubst du wohl? Wie soll ich mich im Moment wohl fühlen?“

„Möchtest du, dass ich komme?“

„Nein, bloß nicht. Im Augenblick will ich wirklich niemanden sehen.“

„Wenn das mit dir OK ist, werde ich versuchen, am Wochenende nach Kiel zu kommen. Dann bin ich hier mit den Prüfungen auch erst einmal durch.“

„Das klingt gut.“

Ein weiteres Mal entstand eine Pause. Schließlich räusperte sich Jost.

„Also dann. Wenn ich irgendwas für dich tun kann, ruf mich an.“

„OK.“

„Mach’s gut, Papa! Es wird bestimmt alles wieder gut. Bis Samstag dann!“

„Alles klar. Bis Samstag dann.“

Als sie aufgelegt hatten, war er froh, dass er dieses Gespräch mit seinem Sohn, das ihm den ganzen Tag bevorgestanden hatte, hinter sich hatte.

3

Bei seiner Korrektur an diesem Abend freute es ihn, dass Annika Anregungen aus dem Unterricht geschickt in ihren Essay eingearbeitet hatte. Nach seinen Erfahrungen geschah es zu häufig, dass Schüler in Klausuren den Eindruck vermittelten, als seien sie in den Unterrichtsstunden, in denen man sich mit dem Stoff befasst hatte, gar nicht dabei gewesen.

Das war ein erfreulicher Auftakt. Bevor er das nächste Heft in Angriff nahm, benötigte er eine kurze Unterbrechung. Er widerstand zunächst der Versuchung, sich einen Whisky zu genehmigen. Er hatte die Flasche Single Malt mit Absicht nicht mit nach oben genommen. Es war aber Zeit für einen ersten Kaffee an diesem Abend. Er erhob sich und ging die Treppe hinunter in die Küche, wo er die Kaffeemaschine vorbereitete. Das Modell war schon etwas in die Jahre gekommen. Seine Frau, von der das Gerät vor längerer Zeit angeschafft worden war, hatte darauf verzichtet, es bei ihrem Auszug mitzunehmen. Überhaupt hatte sie ihm alle Möbel und alle Gegenstände überlassen, die zum Haushalt gehörten.

Sie war insgesamt dreimal zurückgekommen, um ihre „persönlichen Dinge“ abzuholen. Jedes Mal hatte sie vorher, wenn er morgens in der Schule war, eine entsprechende Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen und ihn gebeten, sich dem Haus in dieser Zeit fernzuhalten. Es war ihm nicht schwergefallen, ihrem Wunsch nachzukommen. Er scheute ohnehin vor einem Zusammentreffen zurück, denn er war überhaupt nicht sicher, wie er sich in diesem Fall verhalten würde. Bei der Vorstellung, bei dieser Gelegenheit vielleicht auch noch Grossmann in die Arme zu laufen, hatte er Schweißausbrüche. Nach Christines letztem Besuch fand er dann bei seiner Rückkehr ihre Wohnungsschlüssel auf dem Küchentisch.

Sie hatte wirklich nur ihre „persönlichen“ Sachen mitgenommen. Das betraf ihre Kleidung, Schmuck, Bücher, Fotos und natürlich ihre schriftlichen, zum Teil beruflichen Unterlagen. Alle Gegenstände aber, die sie sich über die Jahre gemeinsam angeschafft hatten, ließ sie ihm. Selbst die Plattensammlung, die ihnen ja beiden gehörte und von der er immer gedacht hatte, dass sie seiner Frau viel bedeutete, hatte sie nicht angefasst.

Natürlich hat er Frau Harber, die langjährige Haushilfe, über seine neue Situation informieren müssen. Sie zeigte sich geschockt und reagierte im Grunde wie die meisten Leute, die von ihm mit dieser Nachricht konfrontiert wurden. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und sagte: “Das tut mir aber leid.“ Sie versprach, ihm weiterhin im Hause behilflich zu sein. Auch zeigte sie Verständnis, als er ihr mitteilte, dass sie fortan statt wöchentlich dreimal nur noch zweimal vormittags benötigt wurde. Sie räumte Christines Zimmer auf und zog noch einmal frische Bettwäsche auf. Ansonsten aber blieb der Raum mit den leeren Schränken unberührt.

Der Anrufbeantworter war seit Christines Auszug das Medium ihrer einseitigen Kommunikation geblieben. Ihm war es recht so. Denn was gab es im Grunde noch zu sagen? Bei ihrer letzten Botschaft hatte sie auch eine Hamburger Adresse und eine Telefonnummer hinterlassen. Mit Hilfe des Telefonbuches hatte er auf Anhieb ermitteln können, dass es sich bei der Anschrift um den eingetragenen Wohnsitz Grossmanns handelte. Das hatte ihn nicht überrascht und ihn auch nicht unbedingt ermuntert, mit ihr irgendwie selber Kontakt aufzunehmen. Christines Post, die eine Zeit lang noch bei ihm ankam, schickte er ihr nach.

Seine Schwiegermutter, die nach dem Tode ihres Mannes mit einem neuen Lebensgefährten in Bremen lebte, hatte ihn mehrfach angerufen. Sie war über ihre Tochter entsetzt. Sie hielt Christines Verhalten für unverständlich und verantwortungslos. Dies habe sie ihr auch in aller Deutlichkeit gesagt. Sie versicherte ihm ebenfalls, dass ihr diese Wendung „sehr leid“ tue.

Der Kaffee war wieder einmal anders als sonst. Eigentlich schmeckte er, wenn er ihn selber machte, niemals so wie er sich das vorgestellt hatte. Irgendwie hatte er nie herausfinden können, was für ihn das richtige Verhältnis von Wassermenge und Kaffeepulver war. Er goss noch etwas mehr Milch nach und stieg wieder die Treppe hinauf in das Arbeitszimmer.

Er stellte den Kaffeebecher auf den Schreibtisch ab, setzte sich und öffnete das nächste Heft. Jan war auch einer seiner guten Schüler, dem die Beschäftigung mit Shakespeare merklich Spaß gemacht hatte. Unnötigerweise hatte er seiner Interpretation eine lange und etwas umständliche Inhaltsangabe des Stückes vorangestellt. Er konzentrierte sich dann aber gekonnt auf die Figur der Juliet und arbeitete ihre im Verlauf der Handlung wachsende Vereinsamung heraus, die seiner Meinung nach insbesondere in ihrem Verhältnis zu den Eltern deutlich wird.

Colmar lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm einen Schluck von seinem Kaffee, der sich in dem Becher schon etwas abgekühlt hatte. Vor ihm auf dem Schreibtisch hatte er ein Foto seines Sohnes. Das Bild von seiner Frau, das dort auch immer gestanden hatte, war in der Schublade verschwunden, in der er auch das Papier für seinen Drucker aufbewahrte. Diese Aufnahme vor ihm, die schon einige Jahre alt war, hatte er selber irgendwann in den Ferien gemacht. Jost, in einem blauen T-Shirt, saß auf einer Bank und strahlte in die Kamera. Damals waren seine Haare, die inzwischen dunkler geworden waren, noch blond.

Colmar wusste, dass das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern fast immer ein besonderes Kapitel war. Er fragte sich nicht zum ersten Mal, was diese Beziehungen so kompliziert machte. Wahrscheinlich lag es an der Belastung durch gegenseitige Erwartungen, durch Enttäuschungen und vor allem durch wechselseitige Schuldgefühle, die offenbar wuchsen, je älter man wurde. Auch er hatte das mit seinen vor Jahren verstorbenen Eltern so erlebt.

4

Colmars Beziehungen zu seinem Sohn hatten sich äußerlich kaum verändert. Seit Christine bei ihm ausgezogen war, hatte Jost ihn einige Male in Kiel besucht. Das geschah dann an Wochenenden, wenn die Prüfungspläne seines straff organisierten Studiums es erlaubten. Er übernachtete dann in seinem alten Zimmer, das Colmar seit längerem zu seinem eigenen Arbeitsraum umfunktioniert hatte. Bei diesen Besuchen machten sie Spaziergänge, unternahmen kleinere Ausflüge in die nähere Umgebung und gingen auch verschiedentlich zusammen ein Bier trinken. Jost überredete ihn auch zweimal, mit ihm ins Kino zu gehen, was Colmar schon lange nicht mehr getan hatte und überraschenderweise genoss. Jost sprach auch über sein Studium und wirkte dabei etwas genervt, besonders wenn er über seinen zeitlich eingeengten Studiengang klagte.

Es rührte ihn, wie sehr sein Sohn sich bei diesen Zusammenkünften um ihn kümmerte. Colmar war dann selber bemüht, den Eindruck zu machen, dass es zur Sorge um ihn keinen Anlass gab und dass alles „OK“ sei. Jost nahm diese Aussagen mit deutlicher Erleichterung auf, war es doch das, was er augenscheinlich hören wollte. Er versicherte seinem Vater, dass er immer für ihn da sei und dass Colmar ihn in Hamburg, wenn es nötig sei, jederzeit anrufen solle. Er würde dann sofort kommen. Über Christine zu sprechen, vermieden sie.

Sie hatte ihm inzwischen auf dem Anrufbeantworter mitgeteilt, dass sie ab sofort die Hälfte der monatlichen „Aufwendungen“ für ihren Sohn übernehmen würde. Die Erklärung, die er dann Jost über diese formale Änderung seiner Unterstützung gab, nahm dieser ohne einen Kommentar zur Kenntnis. Offenbar war er über diese Umgestaltung bereits unterrichtet.

Jost hatte seine Mutter inzwischen verschiedentlich getroffen und, wie er seinem Vater gegenüber andeutete, sie auch schon in dem Haus besucht, in dem sie jetzt wohnte. Bei diesem Gedanken fühlte sich Colmar immer ziemlich elend. Andrerseits war ihm natürlich auch klar, dass dies im Grunde zu erwarten war, schließlich lebten sie ja beide in Hamburg. Die Trennung der Eltern und die möglichen Gründe, die zu der Entscheidung seiner Mutter geführt hatten, den Vater zu verlassen und mit einem anderen Mann ein neues Leben zu beginnen, waren für Jost anscheinend kein Thema mehr. Colmar wunderte sich darüber ein wenig, äußerte sich dazu aber nicht. Es fiel ihm ja selber immer noch schwer, darüber zu reden, und ganz besonders mit seinem Sohn.

Dieser hatte im Übrigen seine eigenen Probleme. Er war vor einem Jahr mit seiner langjährigen Freundin Judith, die gleichzeitig in Hamburg ein Lehramtsstudium begonnen hatte, in eine kleine gemeinsame Wohnung gezogen. Colmar hatte dies von Anfang an mit gemischten Gefühlen betrachtet. Er fand, dass die beiden noch zu jung waren, um sich ihre Möglichkeiten durch dieses eheähnliche Zusammenleben einzuengen. Nun war es also passiert, denn von dieser Freundin hatte sich Jost vor kurzem getrennt und war bei ihr ausgezogen. Colmar hatte seinerseits ebenfalls vermieden, seinen Sohn über Einzelheiten dieser etwas überraschenden Entwicklung zu befragen. Das einzige, was Jost gesagt hatte, war, dass „es einfach nicht mehr ging“. Danach hatte er allerdings das große Problem, im teuren Hamburg eine neue und erschwingliche Bleibe zu finden. Aber diese Schwierigkeit wurde dann von ihm erstaunlich schnell überwunden. Mit sehr viel Glück gelang es ihm, eine kleine Zweizimmerwohnung zu finden, die ihn monatlich nur unwesentlich mehr belastete als das frühere Domizil. Colmar hatte seinem Sohn versprechen müssen, ihn bei nächster Gelegenheit in seinem neuen Quartier in Hamburg zu besuchen.

Von den Wochenenden mit Jost in Kiel war ihm ein Besuch Anfang November in besonderer Erinnerung geblieben. Wie immer hatte sein Sohn sein Kommen telefonisch angekündigt. Colmars Angebot, ihn wie gewöhnlich vom Bahnhof abzuholen, hatte er abgelehnt.

„Das ist nicht nötig. Ich komme mit dem Auto. Ich wollte diesmal sowieso einige Sachen von zu Hause mitnehmen. Ich brauche die für meine neue Bude.“

Wenn sich die Gelegenheit ergab, hatte Jost sich schon früher manchmal Autos von Freunden geliehen. Er klagte seit längerem über die Umständlichkeit des Bahnreisens und hatte im Zusammenhang mit seinen Fahrten nach Kiel häufig Anlass, sich über Fahrpläne, Baustellen und Preise zu ärgern. Er fand diese Art des Transports nicht nur umständlich, sondern auch teuer und meinte, dass sie ihn zusätzlich Zeit kostete.

Colmar hatte sich schon überlegt, dass ein kleines Auto ein schönes Weihnachtsgeschenk sein könnte, zumal er selber von einer größeren Mobilität seines Sohnes profitieren würde. Er hatte auch schon bei einem lokalen Opelhändler ein Sondierungsgespräch geführt und hatte das Gefühl, vielleicht einen geeigneten gebrauchten Corsa gefunden zu haben.

Am Samstag traf Jost früher ein als sonst. Es war ein wunderschöner Herbstnachmittag. Colmar hatte bereits vom Fenster aus gesehen, wie er vorfuhr und war ihm entgegengegangen. Der Wagen, ein VW Golf, wirkte im Vergleich zu den alten und häufig verbeulten Fahrzeugen, mit denen sein Sohn sonst aufkreuzte, gepflegt und ziemlich neu.

„Nanu, von wem hast du denn diesen vornehmen Schlitten? Das Modell ist ja neuer als meins!“

Sein Sohn strahlte ihn an.

„Überraschung! Das ist meiner! Mama hat ihn mir geschenkt! Komm, ich bringe nur schnell meine Tasche rein. Dann können wir zusammen eine kleine Spritztour unternehmen. Ich muss dir diese Kiste doch mal richtig vorführen.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, trug er seine Reisetasche ins Haus und stellte sie im Flur ab. Colmar ging langsam hinter ihm her und nahm seine Jacke von der Garderobe.

Es sollte der Tag der Überraschungen bleiben. Sie nahmen zunächst den Weg über die Hochbrücke in Richtung Strande. Jost, sichtlich stolz auf seine neue Errungenschaft, war ein sicherer Fahrer, auch wenn er nach dem Gefühl seines Vaters etwas zu schnell fuhr. In Strande dann parkten sie das Auto, überquerten die Uferstraße und gingen in eine beliebte Strandbar, wo sie auch schon früher einige Male eingekehrt waren. Die Sonne schien, es war beinahe windstill, und so nahmen sie an einem kleinen Tisch draußen auf der Terrasse Platz. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit saßen dort bei dem schönen Wetter auch noch andere Gäste. Jost bestellte sich einen Latte Macchiato, und Colmar trank sein übliches Bier. Er verkniff sich eine Bemerkung über die modischen Bezeichnungen italienischer Milchkaffeevariationen, die so populär geworden waren.

Draußen auf der Förde konnte man in der Sonne noch einige vereinzelte Segelboote sehen, und Colmar fragte sich, wann denn die letzten dieser Schiffe vor dem Winter in Sicherheit gebracht wurden. Er hob sein Glas.

„Meinen Glückwunsch! ‚Allzeit gute Fahrt’ muss man hier wohl sagen. Das ist wirklich ein toller Schlitten. Wo habt ihr den denn her?“

„Mama hat ihn aus ihrer Firma. Er wurde nicht mehr gebraucht und sollte abgestoßen werden. Da hat sie für mich zugegriffen.“

Die Formulierung „ihre Firma“ berührte Colmar merkwürdig. Er hatte Schwierigkeiten die Assoziationen zu verdrängen, die sich bei ihm sofort einstellten. Jost schaute ihn an.

„Du bist doch nicht sauer auf mich deshalb?“

„Unsinn! Wie kommst du denn darauf? Nein, ich freue mich für dich. Du kannst doch ein Auto prima gebrauchen. Es macht dich ja auch viel beweglicher, und davon werde ich hoffentlich auch etwas haben.“

„Da hast du recht. Ich bin auf diese Weise unabhängiger von den bekloppten Fahrplänen der Bahn und werde einen kleinen Besuch in Kiel leichter einmal einstreuen können. Übrigens, es wird auch Zeit, dass du mal nach Hamburg kommst. Meine neue Wohnung kennst du ja immer noch nicht.“

„Klar! Das habe ich dir ja auch schon gesagt. Aber vor Weihnachten wird das bestimmt nichts“, sagte Colmar und lehnte sich auf seinem Stuhl etwas vor. „Apropos Weihnachten, was sind eigentlich deine Pläne?“

„Es kommen jetzt bis zu den Ferien noch einige Prüfungen auf mich zu, und wir müssen alle schwer dafür pauken. Ich weiß auch nicht, ob ich es bis Weihnachten noch einmal nach Kiel schaffe. Ich glaube, das kann ich mir zeitlich wirklich nicht leisten.“

„Ich verstehe. Und was ist mit den Weihnachtstagen?“

„Ja, darüber müssen wir reden. Ich habe auch schon mit Mama gesprochen. Ich meine, die beste Lösung wäre, wenn ich am ersten Weihnachtstag zu dir komme. Heiligabend hat Mama mich gebeten, bei ihr zu sein.“

Colmar nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier und signalisierte der Serviererin, dass er gerne ein zweites wollte. Heiligabend hatte er sich anders vorgestellt. Diesmal fiel es ihm etwas schwerer, sich zurückzuhalten.

„Dann habt ihr ja schon alles geregelt.“

„Es tut mir leid, wenn du enttäuscht bist. Woran hattest du denn gedacht?“

„Ich hatte so eine vage Idee. Ich hatte mir vorgestellt, dass es schön wäre, wenn wir beide einmal zur Abwechslung in den Schnee fahren würden.“

„Das wäre sowieso nichts geworden. So viel Zeit habe ich einfach nicht. Unsere Kurse gehen gleich nach Weihnachten weiter.“

Colmar sagte nichts. Was war nur mit den Studenten heute los? Er hatte seine Studienzeit irgendwie anders in Erinnerung. Aber er hatte auch nicht Medizin studiert. Sein Sohn rückte mit seinem Stuhl etwas näher an den Tisch und schaute ihn an.

„Weißt du was, Papa? Ich habe da eine Idee. Warum machen wir im Sommer nicht zusammen Urlaub? Was hältst du davon, wenn wir beide noch einmal nach Sylt fahren? Das waren früher doch immer super Ferien. Ich könnte dann auch mal wieder surfen. Das habe ich lange nicht mehr gemacht.“

Colmar ließ diesen neuen Gedanken langsam sacken. An die Familienferien auf der Insel erinnerte er sich gerne. Jost war damals noch auf der Mittelstufe des Gymnasiums und hatte mit dem Windsurfen angefangen. Sein Sohn setzte nach.

„Na, was sagst du? Hättest du nicht auch Lust dazu? Wir könnten doch versuchen, wieder unser altes Quartier zu bekommen. Wenn das noch möglich ist, heißt das natürlich.“

Colmar war immer noch dabei, den neuen Vorschlag seines Sohnes zu verarbeiten, aber irgendwie fühlte er sich auf einmal nicht mehr ganz so deprimiert. Er gab sich einen Ruck.

„Die Idee gefällt mir gut. Ich stelle mir das toll vor“, antwortete er und nahm einen Schluck von seinem neuen Bier. „OK, ich werde mich dann um die Unterbringung kümmern.“

Sie schwiegen eine Weile. Jost rührte in seinem Kaffeeglas herum. Dann guckte er seinen Vater an.

„Papa, das mit Heiligabend tut mir leid. Aber Mama und Mark haben mich so sehr darum gebeten. Ich glaube, Mama braucht mich, und ich meine, ich bin ihr diesen Gefallen auch irgendwie schuldig.“

Mark. Es traf Colmar, dass sein Sohn den neuen Partner seiner Mutter offenbar so selbstverständlich bereits mit Vornamen nannte.

„Ich verstehe. Das Auto.“

„Ja, aber nicht nur das. Ohne Marks Hilfe hätte ich nie so schnell eine passende Wohnung in Hamburg gefunden.“

Die Sonne war inzwischen so weit gesunken, dass ihr Tisch im Schatten lag. Es war kühl geworden. Die anderen Gäste hatten die Terrasse bereits verlassen. Auf ihrer Fahrt nach Skandinavien zog eine der großen Fähren vor dem Hintergrund des gegenüberliegenden Ufers der Förde, das mit dem Turm von Laboe immer noch Sonne hatte, langsam vorbei in Richtung Ostsee. Nur an zwei kleinen Segelbooten im Vordergrund konnte Colmar erkennen, dass dieses große Schiff, das so gemächlich dahinzuziehen schien, sich tatsächlich mit großer Geschwindigkeit bewegte. Sie standen auf, zahlten an der Bar und fuhren zurück nach Hause.

5

In seiner Interpretation des Dramas ging Jan auch weiterhin dem Thema der Isolation nach. Er stellte heraus, dass Juliet in ihrer schwierigen Situation von den Angehörigen ihrer Familie kein Verständnis erwarten kann. Was ihre Lage zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass es für sie außerhalb der Hausgemeinschaft ein Leben offenbar gar nicht gibt.

Colmar wusste, dass Jans Eltern sich getrennt hatten, als der Junge zwölf Jahre alt war. Während eines Kurstreffens hatte Jan ihm einmal anvertraut, dass er als Kind darunter sehr gelitten habe. Colmar fragte sich nun, ob diese Konzentration auf den Aspekt der Familie etwas mit den persönlichen Erfahrungen seines Schülers zu tun haben könnte.

Er musste daran denken, dass sich seine eigene Familie ebenfalls praktisch aufgelöst hatte, und es war ihm längst klar geworden, wie wichtig neben seinen Freunden sein Beruf für ihn geworden war. Er erinnerte sich daran, wie schwer ihm nach Christines Auszug der schulische Alltag zunächst gefallen war. Eine Zeitlang hatte er sich in einer Art Schockzustand befunden. Ein Gefühl der Lähmung hatte ihn lange nicht verlassen. Er erlebte Schüler, Kollegen, ja selbst seinen eigenen Unterricht wie aus einer Distanz heraus. Es war so, als habe er mit dem, was er tat, gar nicht so recht etwas zu tun.

Doch das änderte sich. Er merkte bald, welche Bedeutung sein Beruf für ihn hatte. Es begriff, dass es außerhalb der Schule nur wenig gab, was ihn von seiner deprimierenden Situation ablenken und verhindern konnte, dass seine Gedanken ständig um seine eigene Person kreisten. Um die tägliche Rückkehr in seine leere Wohnung hinauszuzögern, hatte er begonnen, kleinere Aufgaben der Schulverwaltung zu übernehmen, denen er sich nach Unterrichtsschluss widmete. Für die Vorbereitung seiner eigenen Stunden nahm er sich jetzt ebenfalls mehr Zeit. Das lag auch schon daran, dass ihm die Konzentration schwerer fiel. Alles, was er machte, dauerte irgendwie länger. Auch bei den Korrekturen von Schülerarbeiten war ihm aufgefallen, dass die Aufmerksamkeitsspanne erheblich kürzer geworden war.