Wiederkunft - Sylvia Taschka - E-Book

Wiederkunft E-Book

Sylvia Taschka

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Beschreibung

Im Jahr 2187 bestimmen Wasserknappheit und Wetterextreme den Alltag in den noch bewohnbaren Teilen der Erde. Die brillante Klimatologin Elli Pryce lebt zurückgezogen in der greeneuropäischen Hauptstadt Berlin. Sie kümmert sich lieber um den vernachlässigten Nachbarsjungen Aadalish als um ihre Beraterstelle bei der northernamericanischen Regierung. Doch als ein mysteriöser Wiederkehrer und Ellis totgeglaubter Erzfeind in derselben Nacht bei ihr auftauchen, kehrt sie notgedrungen in die Welt der Politik und Intrigen zurück. Denn Elli Pryce ist mehr als sie zu sein vorgibt. Kurze Zeit später steht sie erneut im Zentrum eines uralten Kampfes um die Zukunft der Menschheit. Dieser führt sie gemeinsam mit dem Jungen Aadalish zurück in das seit dem Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg gespaltene Amerika. Dort angekommen wird Elli schnell von ihrer rätselhaften Vergangenheit eingeholt. Bald muss sie sich wieder der Frage stellen, die sie schon lange verfolgt: Hat die Menschheit es verdient zu überleben? Und wenn ja: Welche Rolle will Elli dabei spielen?

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wiederkunft

Sylvia Taschka

Prinzengarten Verlag

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright 2022 by Prinzengarten Verlag

Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold

Bild Umschlag: Alaska-Tom by Adobe Stock

ISBN 978-3-89918-830-1

Gewiß steht irgendeine Offenbarung nun bevor;

Gewiß steht nun die Wiederkunft bevor.

Die Wiederkunft! Kaum entweichen diese Worte

Schon türmt sich ein Bild aus Spiritus Mundi

Vor mir auf: Irgendwo in Wüstensänden

Ein Gebilde mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen,

Einem Blick so starr und mitleidlos wie die Sonne,

Bewegt seine langsamen Schenkel, während um es herum

Schatten empörter Wüstenvögel taumelnd kreisen.

William Butler Yeats

ERSTER TEILIRA

Berlin, 2187

1

»Der Sturm wurde zum Wind. Der Wind zur Brise. Nach einer Weile war auch die Brise außer Atem. Endlich war der Himmel still, die Nacht nur noch heiß und dunkel. Die Kinder im Haus schlossen die Augen und ließen leise seufzend ihre Hände los, als der Schlaf sie übermannte. Draußen stiegen die Engel lautlos in die Lüfte. Ihre Arbeit hier war getan.«

Die Frau klappte das Buch zu und strich dem Jungen, der vor ihr im Bett lag und sie noch immer wie gebannt ansah, sanft die Haare aus der Stirn. »Das Ende«, sagte sie lächelnd und blickte zum Fenster hinüber. Die Sirenen der Stufe Eins waren vor einer halben Stunde losgegangen, als der Regen bereits heftig eingesetzt hatte. Ein langes, dunkles Heulen. Mittlerweile stürmte es draußen, aber es war höchstens Windstärke neun. Elli Pryce war nicht besorgt.

»Sollte Mama nicht längst zu Hause sein?«, unterbrach der Junge ihre Gedanken mit der zaghaften Stimme, die er immer benutzte, wenn er sich bei ihr über das Verhalten seiner Mutter vergewissern wollte.

Elli legte ihre Hand auf seine Brust.

»Stufe Eins, hast du vergessen?«, sagte sie und lächelte wieder. »Die Idee von Stufe Eins ist, dass die Menschen sich vorbereiten können, falls es schlimmer werden sollte.«

Mit seinen zehn Jahren wusste der Junge das längst. Die meisten Kinder hatten in diesem Alter bereits einen einigermaßen entspannten Umgang mit der alltäglichen Bedrohung durch das Wetter entwickelt. Aadalish war da keine Ausnahme, weshalb Elli sich ganz sicher war, dass seine Unruhe andere Gründe hatte.

»Aber dann sollte sie erst recht nach Hause kommen, oder?« Aadalishs buschige Augenbrauen zogen sich über seinen braungrünen Augen zusammen.

Elli beschloss, dass es Zeit war, ein wenig zu flunkern.

»Deine Mutter hat mich vorhin sofort angerufen, als die Sirenen losgingen.«

»Wirklich?« Die Brauen des Jungen wanderten zurück nach oben.

Elli nickte.

»Ich habe ihr versichert, dass mit dir alles in Ordnung ist und sie ruhig noch eine Weile wegbleiben kann.«

Sie griff nach dem Buch, das sie ihm gerade zum Einschlafen vorgelesen hatte. Eine der zahlreichen, vom Wetterschutzministerium herausgegebenen Veröffentlichungen, die den Lesern beibringen sollten, wie man sich bei Wetterextremen zu verhalten hatte. Es war eigentlich für Kleinkinder, aber Aadalish hatte in den letzten Wochen wiederholt danach gegriffen, wenn sie ihm abends etwas vorlesen sollte.

Elli spürte, dass er sie besorgt beobachtete. Schnell legte sie das Bilderbuch achtlos zur Seite. Das Letzte, das sie wollte, war ihn in Verlegenheit zu bringen.

Sie griff nach seiner Hand, dann blickte sie wieder zum Fenster, wo dicke Regentropfen an die Scheibe peitschten, auf der sich halbherzig abgewetzte Fensterbilder von Piraten und Segelschiffen befanden. Aadalish war fasziniert von Schiffen und es gab wenige Dinge, die er sich mehr wünschte, als einmal auf einem zu reisen. Elli konnte sich gut vorstellen, wie begeistert er von Flugzeugen gewesen wäre, wenn diese nicht bereits seit fast hundert Jahren aus dem Verkehr gezogen worden wären. Die Wetterverhältnisse hatten damals fast täglich zu Absturzkatastrophen geführt.

»Bei uns ist der Sturm noch nicht außer Atem«, sagte Aadalish nach einer Weile leise zu ihr.

»Nein, aber bald. Stufe Eins, hast du schon wieder vergessen, hm?« Sie zog ihm die Bettdecke bis an die Nasenspitze hoch. »Und jetzt wird geschlafen, sonst wird deine Mutter sauer auf mich, wenn sie gleich nach Hause kommt.«

Der Junge drehte sich folgsam auf die Seite und machte die Augen zu, während Elli rasch wieder die Schutzvorhänge schloss, die sie vorhin geöffnet hatte, damit – wie sie Aadalish schmunzelnd zugeraunt hatte – »wir uns den Kampf der Piraten gegen die Sturmfluten ansehen können.«

Die Wohnung war zwar standardgemäß mit automatischen Sonnenschutzrollos ausgestattet, die sich pünktlich zum Sonnenaufgang absenken würden, aber Aadalishs Mutter Sonja bestand auf zusätzlichen Schutzvorhängen, falls die Technik sie im Stich lassen sollte.

Elli wollte gerade aus dem Zimmer gehen, als Aadalish die Augen wieder öffnete.

»Bist du ein Engel, Elli?«

Elli hielt inne und setzte sich wieder zu ihm auf die Bettkante. Sie schien über die Frage nicht im Geringsten erstaunt zu sein.

»Wieso fragst du, mein Lieber?«

»Mama sagt es die ganze Zeit. Sie sagt, du musst ein Engel sein, den irgendein Gott uns in unserer Not geschickt hat. Stimmt das, Elli?«

Ellis Gesicht blieb freundlich, aber wurde ernster.

»Was glaubst du, Aadalish?«

Der Junge drehte seinen Kopf leicht zur Wand, wo der Traumfänger hing, den Elli ihm vor einigen Monaten geschenkt hatte. Er fing an mit den Fingerspitzen über die kostbare Adlerfeder zu streifen, die an dem mit Leder umwickelten Ring in der Mitte befestigt war.

»Ich weiß nicht«, sagte er schließlich. »Ich meine, ich weiß schon, dass es Engel nicht wirklich gibt. Du bist auch viel schöner als die Engel auf den Bildern.«

»Diese hier?« Elli blätterte zu einer besonders misslungenen Illustration in dem gerade gelesenen Buch.

Aadalish nickte grinsend.

»Viel schöner!«

Elli zog eine Grimasse. Der Junge musste lachen, wurde aber schnell wieder nachdenklich.

»Ich glaube, du bist einer«, stellte er dann fest. »Du riechst wie ein Engel. Mama hat recht.«

Elli schwieg und sah dem Jungen in die Augen.

Aadalish kniff ganz leicht die Augen zusammen, so als ob Ellis Blick ihn etwas blendete. Sie umfasste seine Schulter und drückte sanft.

»Ihr habt keine Not, Aadalish«, bemerkte sie schließlich, »nur eine etwas schwierige Lage. Und mich hat niemand geschickt. Ich bin ganz von selbst gekommen. Und jetzt schlaf schön.«

Sie erhob sich und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal zu ihm. Der Junge wusste nicht, ob ihre blaugrauen Augen ihn an den Morgenhimmel oder das Meer erinnerten. Sie zwinkerte ihm zu. Aadalish vergrub das Gesicht tief in sein Kissen und schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

Elli Pryce ging in die Küche, um aufzuräumen. Sie arbeitete schnell und systematisch, und alle Fröhlichkeit, die sie gerade noch ausgestrahlt hatte, war verflogen. Als sie fertig war, trat sie ans Fenster und sah dem Unwetter zu.

Durchs Küchenfenster konnte man im fahlen Licht einiger Laternen die kümmerlichen Reste des Innenhofgartens der Wohnanlage sehen. Das Bild, das sich ihr bot, war so trostlos, wie Elli sich fühlte. Eine öde Fläche, umrahmt von vier barackenartigen Mehrwohnhäusern, die meisten von ihnen mit kleinen, rechteckigen Balkonen mit Blick auf den Innenhof. Obwohl es Hochsommer war, waren alle Balkone grau und leer.

Elli seufzte. Als sie das letzte Mal hier gewohnt hatte, waren Blumen aus den Balkonen hervorgequollen. Die Luft hatte süß und frisch gerochen. Im Innenhof waren herrliche Bäume gestanden. Diese waren mittlerweile alle wegen der zahlreichen Stürme und der Unfallgefahr gefällt.

Statt der Bäume hatte man als Sonnenschutz eine Art durchsichtige Haut über den ganzen Hof gespannt, die an den Seiten von gigantischen, stählernen Pfosten gehalten wurde. Eines der vielen Strahlenschutzprodukte der Solaris. Das Material war federleicht, konnte aber gleichzeitig wegen seiner Dehnbarkeit selbst heftigem Wind standhalten. Das Unwetter draußen legte sich nur langsam. Elli starrte auf das Schauspiel, wie die Schutzhaut vom Wind wie ein riesiges Schwungtuch nach oben geworfen wurde, um dann mal mehr, mal weniger sanft wieder nach unten zu sacken.

»Unsere Not«, hatte der Junge seine Mutter zitiert. Sie schüttelte den Kopf. Ausgerechnet in diesem Haus von Not zu sprechen, nur weil man sich von einem widerlichen Kerl getrennt hatte und mit einem wundervollen Kind zurückgeblieben war, schien ihr fast ein Sakrileg. Aber Aadalishs Mutter liebte Dramen – und wenn es keine gab, dann erfand sie sich eben welche.

Elli hörte Sonjas Schritte im Gang vor der Haustür. Einen Augenblick später stand sie vor ihr.

»Oh, Elli, danke, danke, danke!« Die Frau, die in die Küche gekommen war, kickte ihre hochhackigen Schuhe ab und fiel Elli mit einem umwerfenden Lächeln um den Hals.

»Es war also schön?«, fragte Elli belustigt.

»Total schön! Mal wieder mit meiner besten Freundin reden. Stell dir vor«, sie band sich geschickt ihre langen Haare nach oben und fing dabei an zu kichern wie ein Schulmädchen, »am Ende haben uns zwei Typen sogar einen Drink spendiert. Ich hab’ mich gefühlt, als ob ich wieder zwanzig wäre!«

Elli nickte ihrer Nachbarin gutmütig zu. Sonjas gute Laune war ansteckend, aber gleichzeitig musste Elli an die Umstände denken, unter denen sie Aadalish kennengelernt hatte, als sie vor einem halben Jahr in die Wohnanlage gezogen war. Sie hatte ihn eines Abends auf dem Balkon weinen hören. Sonja hatte den Jungen allein gelassen, um «endlich mal wieder” ausgehen zu können. Seitdem passte Elli mindestens einmal pro Woche auf ihn auf, während seine Mutter ihrer Jugend hinterher träumte.

»Wie geht es Aadalish?«, fragte Sonja jetzt mit gedämpfter Stimme, als ob sie Ellis Gedanken hätte lesen können. »Hat er die Sirene verschlafen? Ich wäre fast zurückgekommen, aber dann habe ich deine Nachricht gesehen und … «

»Hat alles wunderbar funktioniert«, unterbrach Elli sie, »keinerlei Grund zur Sorge.«

Sonja drehte sich zum Kühlschrank um.

»Aber zum Essen haben uns die feschen Herren leider nicht eingeladen!« Sie trommelte mit ihren lila-grün gestreiften Fingernägeln auf die geöffnete Kühlschranktür, während sie die Inhalte inspizierte. »Ich bin so hungrig!«

Elli fröstelte es auf einmal. Verwundert strich sie über die Gänsehaut, die sich auf ihren Armen gebildet hatte. Sie fror leicht, aber sicher nicht, weil ein Kühlschrank geöffnet wurde.

»Hab vorhin die Reste von den Spaghetti weggepackt«, sagte sie an Sonja gewandt, während sie mit vorsichtigen Schritten durch die Küche Richtung Gang lief. Die Kälte war weg, dafür strömte ihr auf einmal ein Schwung ungewöhnlich heißer Luft entgegen. »Die Dose mit dem grünen Deckel ganz oben rechts. Ist noch genug für dich da.«

Elli war an der Verbindungstür zwischen Küche und Gang angelangt. Ihre Finger legten sich um den Türgriff. Was sie fühlte, war noch außerhalb des Hauses. Aber es kam schnell näher.

Sie drückte die Klinke hinunter und trat in den Gang.

»Oh, kannst du nicht noch ein wenig bleiben?«, hörte sie Sonja hinter sich. Ohne sich umzudrehen, wusste Elli, dass Sonja gerade einen Schmollmund zog. »Ich hasse es allein zu essen!«

Elli blickte kurz über ihre Schulter zurück auf Sonja.

»Es tut mir leid, heute geht es wirklich nicht. Ich …«

Sie erstarrte. Die Luft hatte zu vibrieren begonnen. Was immer sie fühlte, war jetzt im Treppenhaus. Und es war kein Etwas. Es war ein Jemand. Kein Mensch. Ein Wiederkehrer. Aber von welcher Natur? Engel? Dämon?

Um sie herum schwang die Atmosphäre in alle Richtungen, die Luft schien ihr wie aufgescheucht hin und her zu flattern. Sie roch Meer, als ob sie sich plötzlich an der Küste befinden würde. Auch ein Hauch von Jasminblumen wehte durch die Nacht zu ihr.

Elli war sich unsicher, wen sie fühlte. Und seit ihrer eigenen Wiederkunft auf die Erde war sie sich noch nie unsicher gewesen.

2

»Was ist los, Elli?« Sonja machte einen besorgten Schritt auf ihre Nachbarin zu. »Geht’s dir nicht gut?«

»Doch«, Elli hob abwehrend und entschuldigend zugleich ihre Hände, »mir ist nur eingefallen, dass ich noch Besuch bekomme.«

»Besuch? Jetzt noch?« Die Ernsthaftigkeit aus Sonjas Gesicht verschwand und wich einem Grinsen. »Oh la la, wie heißt er? Und vor allem, wie sieht er aus, dass sogar du dich für ihn interessierst?«

»So ist es nicht.« Elli drehte sich um. »Wir sehen uns morgen. Sag Aadalish einen Gruß von mir, wenn er aufwacht.«

»Ok, ok«, murmelte Sonja leicht verwundert und tätschelte ihr von hinten auf die Schulter, »aber morgen erzählst du mir alles, versprochen?«

Elli eilte hinaus und achtete darauf, die Tür hinter sich abzufedern, sodass man nicht hören konnte, wie sie ins Schloss fiel. Dann strich sie vorsichtig ihre Schuhe ab und stieg langsam die Stufen in den ersten Stock zu ihrer Wohnung hinunter. Sie konzentrierte sich und versuchte wieder zu spüren, von welcher Natur der Wiederkehrer im Haus war. Vergeblich. Ihre Anspannung stieg mit jedem Schritt. Dann sah sie ihn.

Die dunkle, große Gestalt, die triefend vor ihrer Haustür stand und auf den Klingelknopf starrte, hatte sie nicht kommen gehört. Elli verharrte einen Moment und sah sich den Neuankömmling genauer an. Der Mann war groß. Muskulös. Lockige schwarze Haare, die ihm bis auf die Schultern fielen. Sein Körper bebte. Ob vor Angst oder Wut konnte sie noch nicht beurteilen. Mit seiner rechten Faust knüllte er langsam einen Zettel zusammen und steckte ihn tief in die Hosentasche seiner Jeans. Dann atmete er hörbar ein und hob seine Hand zur Klingel.

»Was bist du?«, zischte Elli von hinten.

Der Mann fuhr blitzschnell herum und packte ihre Arme, als ob er einem Angriff von ihr zuvorkommen wollte. Elli regte sich nicht. Jetzt, da er sie angefasst und sie keinerlei Schmerzen gefühlt hatte, wusste sie immerhin, dass er kein Dämon sein konnte. Aber ihre Augen funkelten trotzdem bedrohlich.

»Wahnsinn!«, stieß der Mann aus, als er die Frau vor sich sah. Seine Hände ließen sie abrupt los und er wich einen Schritt zurück.

»Wollen Sie mir einen Herzinfarkt verpassen?«, knurrte er nach einer kurzen Verschnaufpause.

Der Mann stand unter Strom, aber er wirkte auch ehrlich bestürzt. Elli konnte ihn noch immer nicht einordnen, doch gefährlich schien er ihr nicht mehr.

»Als ob das möglich wäre«, flüsterte sie. »Und lass das ‚Sie’. Es gibt sehr wenige von uns und wir duzen uns in der Regel.«

Er sah sie verständnislos an.

»Noch einmal«, sprach Elli leise weiter, während sie ihn zur Seite schob, sodass sie zu ihrer Tür gelangen und aufsperren konnte, »was bist du? Und was willst du von mir?«

»Kann ich wenigstens hereinkommen?«, fragte er. Wenn Elli sich nicht täuschte, klang er dabei tatsächlich leicht genervt.

Sie bedeutete ihm mit einer Handbewegung, ihr voraus in die Küche am Ende des Flurs zu gehen. Der Mann strich sich die pitschnassen Stiefel ab, trat ein und ging mit langsamen Schritten voran. Elli blieb dicht hinter ihm.

In der Küche angekommen, blickte er fragend zu ihr, woraufhin sie auf einen Stuhl bei einem schlichten Holztisch in der Mitte des Raumes zeigte, auf den sich der Mann sofort dankbar sinken ließ.

Elli setzte sich ihm direkt gegenüber und betrachtete ihn im Schein der tief über dem Tisch hängenden Küchenlampe, die leise vor sich hin surrte. Obwohl es immer noch fast dreißig Grad hatte, zitterte er leicht.

»Behandelst du alle Leute wie Sträflinge?« Er sah sie mit einem gequälten Lächeln an, das seinen Worten die Schärfe raubte.

»Nur ungebetene Wiederkehrer«, gab Elli zur Antwort. Ihre Miene blieb ausdruckslos.

Der Mann sah ihr kurz in die Augen, blickte aber gleich wieder weg, so abrupt, als ob er sich verbrannt hatte.

»Wiederkehrer …«, fing er schließlich an, während seine Augen kreisförmig vom Boden zum Tisch, auf die Decke und wieder zurück nach unten schweiften, »ist das wirklich, wie man uns nennt?« Der Hohn in seiner Stimme war unverkennbar.

»Hast du deine Aufklärung verschlafen?« Elli blickte ihn weiter durchdringend an. Entweder er war verdammt gut darin, so zu tun, als ob, oder er war wirklich so ahnungslos, wie er klang.

Elli zweifelte trotzdem keinen Augenblick daran, dass er einer von ihnen war. Sein Gesicht war makellos. Die Augen wurden von langen Wimpern und perfekt geschwungenen Brauen eingerahmt, die in einem ovalen Gesicht mit hohen Wangenknochen, einem ausgeprägten Kinn und vollen Lippen standen. Sein Teint war rein. Menschen hatten Unebenheiten auf der Haut, die von Wiederkehrern dagegen sah immer aus, als ob sie frisch mit einem Pinsel aufgetragen worden wäre.

Er war völlig durchnässt. Langsame Rinnsale flossen über sein Gesicht, eine Mischung aus den Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn bildeten, und dem Regenwasser, das noch von seinen Haaren tropfte.

Elli konzentrierte sich auf die Aura ihres ungewünschten Besuchers. Seine Augen waren fast so schwarz wie seine Haare und sie versuchte sich vorzustellen, wie er wohl als Mensch ausgesehen hatte. Eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen. Abgesehen von den Augen sah man völlig anders aus, wenn man zurückgeschickt wurde.

Aber es waren seine Augen, die Elli stutzig machten. Auch wenn sie fast pechschwarz waren, musste sie an hell loderndes Feuer denken, je länger sie ihn beobachtete. Sie sah zu, wie zwei Wassertropfen langsam von seinem Haaransatz zur Nasenwurzel sickerten. Für einen Moment verspürte sie den Impuls, über den Tisch zu langen und sie ihm aus dem Gesicht zu wischen.

Der Mann strich die Tropfen mit seiner Hand ab.

»Hast du vielleicht ein Handtuch?«, fragte er mit einer Mischung aus Schüchternheit und Gereiztheit.

Elli stand auf und reichte ihm eines der sauberen Küchentücher. Nachdem er sich rasch die Haare abgetrocknet hatte, presste er beide Hände flach aufs Gesicht. Er wirkte todmüde. Plötzlich hatte Elli Mitleid mit ihm.

»Du kannst heute Nacht hierbleiben, aber du musst mir zuerst ein paar Fragen beantworten«, sagte sie. »Kannst du das?«

Er ließ seine Hände sinken und nickte.

»Wann und wie bist du gestorben?«

Der Mann räusperte sich. Die Frage hatte er anscheinend nicht erwartet.

»Vor drei Tagen«, antwortete er dann. »Erstochen.«

»Von hinten«, fügte er schnell hinzu, als er den skeptischen Blick Ellis sah.

»Hier in Berlin?«, fragte Elli weiter.

Er schüttelte den Kopf. »In London. Hampstead Heath.«

»Wann war deine Wiederkunft?«

»Heute früh. Ich habe sofort das Schiff von Brighton genommen. Es gab die üblichen Verzögerungen. Das Unwetter reiste mit.«

»Hm.« Elli schob den linken Ärmel ihres Hemdes hoch und sah den Fremden vor ihr an. Der Mann verstand, was sie tun wollte, und nickte ihr stumm zu. Aber er wurde noch angespannter.

Elli drückte auf ein winziges Tattoo auf ihrem Handgelenk. Ihre Worte klangen mechanisch: »Liste der Todesfälle mit Gewalteinwirkung in London vom 15. August 2187.«

»Nein«, unterbrach er sofort mit gerunzelter Stirn, »es war am 20. August. Ich sagte doch vor drei Tagen.«

»Kann nicht sein«, erwiderte Elli, »zwischen Tod und Wiederkunft müssen sieben Tage liegen. Wenn du erst heute zurückgekommen bist, musst du am 15. gestorben sein.«

Ein leuchtender Bildschirm war vor ihr in der Luft erschienen und hatte sich zwischen die beiden geschoben. Nachdem Elli die Liste durchgegangen war, schnalzte sie kurz mit den Fingern und der Bildschirm versank sofort wieder im Nichts. Winzige leuchtend helle Pixel schwebten noch für einige Sekunden in der Luft. Es hatte keinen Todesfall in Hampstead Heath gegeben. Ellis Gesichtsausdruck wurde misstrauisch.

»Es gab Komplikationen während meiner Aufklärung …«, fing der Mann an. Doch dann verstummte er, als ob ihm der Sauerstoff zum Weiterreden ausgegangen wäre.

»Wie heißt du?« Elli lehnte sich mit verschränkten Armen in ihren Stuhl zurück.

»Ira Byrne.«

»Was bist du?«

Er schaute sie verständnislos an.

»Engel oder Dämon oder …?«, fügte sie leicht irritiert hinzu. Sie glaubte die Antwort auf ihre Frage zu kennen, aber sie wollte es von ihm selbst hören.

Sein Blick sank auf den Tisch.

»Ich …, bin mir nicht …«, fing der Mann an, aber verstummte wieder. Als er ihren drängenden Blick spürte, begann er von Neuem: »Ich habe Engel gewählt, dann bin ich …«

»Sie haben dich wirklich wählen lassen?«, unterbrach Elli ihn. Sie kannte nur einen anderen Wiederkehrer, dem die Wahl gegeben worden war.

Ira nickte und starrte wieder auf den Tisch.

»Ich bin so müde«, fing er irgendwann an, doch Elli winkte ab.

»Ich muss ein wenig mehr wissen. Warum bist du ausgerechnet zu mir gekommen? Was ist dein Auftrag? Wer warst du als Mensch?«

Elli hielt ein. Der Mann war auf einmal von seinen Emotionen überwältigt worden, hatte seinen Kopf nach hinten gekippt und sein Gesicht wieder mit den Händen bedeckt. Elli erhob sich und holte ein Taschentuch, das sie wortlos auf den Tisch vor ihm legte. Dann trat sie zum Fenster, um ihm Zeit zu geben, sich zu beruhigen.

Der Sturm draußen war nicht schlimmer geworden, aber er war auch noch nicht ganz abgeflaut. Wie fast immer kein Wetter, das dazu einlud, Tränen zu trocknen. Elli fühlte wieder die Aura des Wiederkehrers hinter sich. Sie mochte, wie er roch. Vor allem die Mischung aus Seeluft und Jasminblüten gefiel ihr. Der Duft der Blumen musste das Sanfte an ihm sein, das, was ihn gerade weinen ließ.

Eine ganze Weile blieb es hinter ihr still.

»Alienor …« Seine Stimme klang heiser und erstarb gleich wieder.

Es war gut, dass Elli sich von ihm abgewandt hatte, denn einen Moment lang stand ihr der Schock ins Gesicht geschrieben.

»Wieso nennst du mich bei diesem Namen?«, fragte sie betont gleichmütig, als sie sich zu ihm umdrehte. Innerlich packte sie ihn bereits an der Gurgel, aber einstweilen lehnte sie sich nur an die Tischkante direkt neben ihm, sodass ihr Bein leicht an seines presste.

»Ist das nicht wie du heißt?« Ira sah sie kurz überrascht an, dann lehnte er sich sofort ganz weit nach hinten in seinen Stuhl zurück. Nur sein Bein bewegte sich nicht. Elli war erstaunt, dass er die Verbindung zwischen ihnen hielt.

»Beantworte meine Frage!« Ihr Tonfall ließ keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass die Nettigkeiten fürs Erste vorbei waren.

Ira zuckte zusammen, doch Elli ließ sich nicht beirren. Das letzte Mal, dass jemand sie mit Alienor angesprochen hatte, war im vergangenen Jahrhundert in Washington gewesen, und der Dämon war kurz darauf zurückgerufen worden. Dachte sie jedenfalls bisher.

»Hat er dich geschickt?«, fragte sie misstrauisch.

»Was? Wer jetzt?« Iras Gesichtsausdruck war wieder bestürzt, aber sie konnte auch das Brodeln darunter erkennen.

Ellis Hand legte sich auf seine Schulter. Ihre Finger begannen sich tief in sein Fleisch zu bohren.

»Ich glaube, du weißt ganz genau, wen ich meine.« Nun rückte Iras Bein doch von ihr ab.

Aber bevor sie weitersprechen konnte, hörten sie beide das Poltern und Geschrei im Treppenhaus.

»Wir sind hier noch lange nicht fertig«, raunte sie ihm ins Ohr, dann eilte sie zur Eingangstür.

3

»Hannek, bitte!« Sonja klang verzweifelt, genauso wie Aada­lishs panisches Schreien nach seiner Mutter.

Elli riss ihre Wohnungstür auf. Sonjas Ex hatte das ganze Treppenhaus mit seiner Alkoholfahne verpestet und polterte gerade zur Eingangstür hinunter. Über seiner Schulter trug er den wild um sich tretenden und schluchzenden Aadalish. Oben saß Sonja zusammengesackt auf der Treppe und presste beide Hände gegen eine stark blutende Wunde auf ihrem Kopf. Sie stöhnte und versuchte aufzustehen.

»Bleib sitzen«, rief Elli ihr zu, »ich werde gleich …«

In diesem Moment schob Ira sich an ihr vorbei und fing an, die Treppe hinunterzustürmen.

»Hey, lass den Jungen los! Sofort!«, bellte er hinter Hannek her, der so überrascht darüber war, eine Männerstimme in der weitgehend unbewohnten Wohnanlage zu hören, dass er kurz stehenblieb und sich umdrehte.

Binnen Sekunden hatte Elli Ira eingeholt und bugsierte ihn mit ihrem Körper gegen die Wand.

»Was soll das?«, protestierte Ira. »Ich will doch nur dem Kind …« Er machte eine Geste in Richtung Eingangstür, die gerade hinter Hannek und Aadalish ins Schloss fiel.

Ellis rechte Hand griff nach seinem Kinn und zwang ihn ihr in die Augen zu sehen.

»Bei allen Jahrhundertgewittern …«, fing er an zu schimpfen, aber nach einem Blick in Ellis Augen verstummte er.

»Aadalish? Elli?«, schrie Sonja von oben. »Lass Hannek nicht mit ihm wegfahren, er ist betrunken. Wenn Aadalish etwas passiert …, ich …, ich komme gleich …« Sie stöhnte wieder.

»Du«, wies Elli Ira an, »gehst jetzt zurück nach oben und rufst einen Arzt für meine Nachbarin. Und dann wartest du bei ihr. Nichts anderes. Verstanden?«

Ira verdrehte die Augen zur Decke, aber er nickte.

Elli ließ ihn los und preschte auf die Straße.

Hannek versuchte gerade, den Jungen mit Gewalt auf die Rückbank seines Solarcars anzuschnallen.

»Lass mich raus hier, ich will nicht mit!« Aadalish wehrte sich mit Händen und Füßen gegen seinen Vater.

»Dann eben ohne Gurt!«, grölte Hannek und knallte seinem Sohn die Tür vors Gesicht.

»Hannek?«, sagte Elli freundlich von hinten.

Er drehte sich schwerfällig um.

»Kann ich dir helfen, Hannek?«

Elli hatte Aadalishs Vater kurz nach ihrem Einzug kennengelernt und Sonjas Entscheidung, sich von ihm getrennt zu haben, als Aadalish noch ein Kleinkind war, sofort für richtig befunden. Hannek war zwar eher ein schwacher als ein schlechter Mensch, aber das machte ihn in Ellis Augen gefährlich genug. Er war viel zu leicht zu beeinflussen. Für Dämonen ein gefundenes Fressen.

Der einzige Vorteil war, dass sie nun gleichfalls leichtes Spiel mit ihm haben würde. Elli hatte Hannek, während sie ihn angesprochen hatte, betont schüchtern angelächelt. Jetzt stemmte sie sich scheinbar hilflos gegen den immer noch heftigen Wind. Ihr Improvisationstheater zeigte unmittelbare Wirkung. Hannek beruhigte sich merklich und zog sie neben sich, sodass sie in seinem Windschatten stand.

Danach musste Elli nicht mehr viel machen, außer »danke« zu sagen und verwirrt zu Hannek aufzuschauen.

»Ich weiß überhaupt nicht mehr, warum ich das hier mache, Elli«, fing er denn auch prompt an. Er blickte wild um sich herum und fuhr sich ständig durch die Haare. In Elli stieg das ungute Gefühl auf, dass es nicht nur übermäßiger Alkoholkonsum gewesen sein konnte, der Hannek dazu gebracht hatte, Sonja zu schlagen und diesen aberwitzigen Entführungsversuch zu unternehmen. Dieser Mann scherte sich normalerweise nicht um Kinder, nicht einmal um seinen eigenen Sohn.

»Wieso bist du heute Abend gekommen?«, fragte Elli daher, immer noch mit großer Anteilnahme in ihrer Stimme.

»Was weiß ich …« Er torkelte ein wenig und druckste herum wie ein Kleinkind. Elli fiel auf, dass er noch mehr zugenommen hatte, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Eine Dusche hatte er auch bitter nötig.

»War in der Kneipe …, in der Birkestraße. Kennst du …? Na …, auf einmal kam so’n Typ und fing an mir einen Schnaps nach dem anderen auszugeben. Und gelabert hat der! Ich …, ich weiß auch nicht, Elli, aber … – auf einmal musste ich einfach kommen! Ich … hab sie geschlagen, Elli. Ich glaube, ich habe sie richtig verletzt!« Er fing an zu heulen.

Ellis ungutes Gefühl verstärkte sich. Sie wollte Hannek über den Mann in der Kneipe ausfragen, aber zunächst musste Aadalish in Sicherheit gebracht werden, also tätschelte sie nur verständnisvoll Hanneks Oberarm. Dann fing sie an beruhigend auf ihn einzureden, dass er den Jungen gehen lassen sollte.

Wie von ihr erwartet war es kein Problem, Hannek zu überzeugen. Nach mehreren lallenden Monologen – »es ist so schwer, Elli, ohne Arbeit, ohne Frau« – ließ er Aadalish aus dem Solarcar heraus. Der Junge sprang aus dem Fahrzeug, griff nach Ellis Hand und begann sie in Richtung Hauseingang zu ziehen.

»Lass mich Aadalish nur schnell ins Haus bringen«, raunte Elli Hannek zu, während sie Aadalish hochhob und zur Tür lief. »Ich komm’ gleich noch mal zurück.«

Sie trug den verängstigten Jungen in die Wohnung nach oben. Dort warf sich Aadalish sofort in die Arme seiner Mutter, die gut verarztet auf dem Sofa lag. Sonja blickte zu Elli und bewegte ihre Lippen zu einem stummen Danke. Elli nickte.

Dann bat sie Ira, der neben dem Sofa stand, ihr in die Küche zu folgen.

»Ich muss noch einmal nach unten. Hast du einen Arzt …?«

Ira unterbrach sie: »Ich bin Arzt. Die Wunde ist versorgt. Sie hat eine leichte Gehirnerschütterung. Das Wichtigste ist, dass sie liegen bleibt.«

Er zögerte kurz. »Bist du dir sicher, dass ich nicht mit nach unten kommen sollte?«

Als Antwort fing Elli leise zu lachen an.

»Du willst unbedingt ein Held sein, hm?«, neckte sie ihn.

Iras Gesichtsausdruck schwankte kurz zwischen beleidigt und amüsiert, aber dann breitete sich ein Grinsen in seinem Gesicht aus.

»Ok, ok, mächtige Alienor«, spöttelte er zurück, »Ihr Untergebener wird hier oben am Fenster auf Sie warten und von den billigen Plätzen aus zusehen.«

»Nenn mich nicht mehr Alienor«, entgegnete sie leise, »ich heiße hier Elli.«

Dann drehte sie sich um und ging rasch zurück nach unten.

»Sei vorsichtig«, rief Ira ihr nach.

Hannek saß mit vornüber gebeugtem Kopf hinter dem Steuer und trommelte mit seinen Fingern gegen das Armaturenbrett. Elli klopfte kurz an die Beifahrertür und stieg ein. Wenigstens hatte er mit der Heulerei aufgehört.

»Hannek«, sagte sie, merklich kühler als vorher, »wie sah der Mann aus, der dir die Drinks spendiert hat?«

»Warum willst‘n das wissen?«

Elli antwortete nichts, sah ihn nur weiter eindringlich fragend an.

»Er hat auch nach dir gefragt. Kein Wunder, dass ihr euch kennt. Zusammen gebt ihr jedenfalls ein echt heißes Paar ab.«

Er lachte dreckig.

Dann war es wahr. Verdammte Pest!

»Was wollte er wissen, Hannek?«

»Gott, Elli, hab‘ doch schon gesagt, dass ich getrunken hab! Was weiß ich! Er hat rumgefragt, nach dir, nach Sonja. Männersachen, weißte? Ob du mit einem Mann zusammen bist, ob …«

»Ob ich mit einem Mann zusammen bin?«, unterbrach Elli.

»Ja, Frau, jetzt stell dich doch nicht so an! Kann ja nicht das erste Mal sein, dass ein Mann dir nachstellt, oder? In diesem Fall sieht er wenigstens genauso hübsch aus wie du.« Hannek ließ seinen Blick bedeutungsvoll über Elli schweifen.

Elli seufzte innerlich. Sie würde von Hannek keine weiteren brauchbaren Informationen erhalten.

»Ich geh dann mal wieder hoch«, sagte sie und wollte aussteigen.

Hannek hielt sie am Ärmel fest.

»Pass auf Sonja auf, hörst du?« Zum ersten Mal heute Abend wirkte er nüchtern. »Du wirst dich um sie kümmern, ja?«

Am liebsten hätte Elli ihm dafür ins Gesicht geschlagen, dass er keinen Gedanken an Aadalish verschwendete, aber stattdessen nickte sie nur. Dann machte sie sich von seiner Hand los und stieg aus.

Draußen bedrängte Elli die schwüle, heiße Luft von allen Seiten, als ob sie in einer Tube gefangen wäre, aus der jemand gerade den letzten Rest Creme herauspressen wollte. Sehnsüchtig dachte sie an die lauen Sommernächte von früher, während sie Hanneks Wagen hinterherblickte, bis die roten Rücklichter in einem Schwenker nach rechts verschwanden. Die Räder rammten kurz den Bürgersteig, weil er die Kurve zu eng gefahren war.

Elli blieb mitten auf der Straße stehen. Die Sträucher am Wegesrand krächzten noch ab und an, wenn sie von einer Böe erfasst wurden, aber ansonsten war jetzt alles ruhig, die Straße menschenleer.

Um diese Zeit war es hier sonst manchmal noch recht lebendig. Zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht unternahmen die Menschen im Schutz der Dunkelheit gerne noch etwas. Aber das Unwetter und die entsetzliche Schwüle hatten alle in die Häuser verjagt. Mit geschlossenen Augen sog Elli tief die feuchte Luft ein. Sie konnte die Tropfen auf ihrer Zunge spüren, als ob sie mit einem Atemzug hundert winzig kleine Tropfen Wasser trinken würde.

Sie wusste längst, dass er hier war. Einen mächtigen Dämon konnte Elli sogar aus großer Entfernung spüren. Und dieser war in den letzten Minuten näher und näher gekommen.

Wieder atmete Elli so tief wie möglich ein. Sie wollte sich noch nicht umdrehen. Er war es, kein Zweifel. Sie würde das Gefühl, den Geschmack, den Geruch seiner Nähe nie vergessen. Die Luft roch immer, als ob es brannte, wenn er kam. Aber wie war es möglich, dass er hier war?

Das letzte Mal hatte sie ihn im Jahr der amerikanischen Sezession in Washington gesehen. Also vor über einem Jahrhundert. Selten hatte sie ihn so zufrieden erlebt. Die einstige Hauptstadt der Vereinigten Staaten war ein Schlachtfeld, der Bürgerkrieg hatte selbst vor dem Kapitol und dem Weißen Haus nicht Halt gemacht. Die Vereinigten Staaten waren zerbrochen, die Abspaltung mit dem Treaty of Pride offiziell besiegelt. Elli war sich damals sicher, dass er seinen Auftrag hier erfüllt hatte und die Wächter, die ihn einst auf die Erde geschickt hatten, ihn zurücklassen würden. Das war wenigstens ein kleiner Trost für sie gewesen.

Hatte sie sich getäuscht? War er niemals gegangen? Aber hätte er sich wirklich so lange von ihr fernhalten können?

Mittlerweile stand er so nah hinter Elli, dass sie ihn schnaufen hörte. Nach einem letzten tiefen Atemzug fing Elli an zu sprechen.

»Abyarimani«, sagte sie ruhig. »Ich hatte tatsächlich geglaubt, ich müsse dich nie wiedersehen. Was macht mich das? Naiv?«

Dann drehte sie sich zu ihm um.

4

»Schönste aller Schönen«, erklang Abyarimanis melodische, tiefe Stimme. Der Dämon griff blitzschnell nach Ellis Hand. Sie durchzuckte sofort ein furchtbarer Schmerz. Engel und Dämonen durften sich nicht berühren, das war eines der Gesetze der Wächter. Wenn sie es doch taten, rasten die Schmerzen wie Furien durch ihre Eingeweide. Niemand konnte das lange aushalten.

Auch jetzt sah Elli, dass es Abyarimani genauso ging wie ihr. Er hatte zu atmen aufgehört, aber er zwang seinen Kopf trotzdem nach unten und küsste ihre Fingerspitzen. Sein wunderschönes Gesicht zerfloss dabei wie in einem Zerrspiegel. Abrupt ließ er ihre Hand fallen und wich ein paar Schritte zurück.

»Immer noch so unerträglich wie im letzten Jahrhundert!«, knurrte er schließlich, sobald er wieder einigermaßen zu Atem gekommen war.

Elli hatte nie herausgefunden, wer Abyarimani als Mensch gewesen war. Zum ersten Mal war sie ihm im Paris der Religionskriege begegnet. Sie hatte sich an eine Mauer in einer Seitengasse gedrückt, als sie ihn von Weitem näherkommen fühlte. Aber Abyarimani war trotzdem schnurstracks auf sie zugegangen.

Seine stechend blauen Augen, seine leicht gebräunte Haut, sein athletischer Körper. Wenn der Sommer ein Mensch wäre, würde er so aussehen, hatte sie damals gedacht.

Er war vor ihr stehen geblieben und hatte ihr eine gefühlte Ewigkeit in die Augen geschaut. Sie wusste sofort, dass er anders war. Nicht einmal die meisten Dämonen vermochten ihr länger als ein paar Sekunden in die Augen zu sehen.

»Da bist du also«, hatte er endlich angefangen zu sprechen. »Der mächtigste Engel auf Erden. So erzählt man sich jedenfalls in den Geschichten.«

Danach hatte er versucht, seine Hände neben ihren Kopf auf die Mauer aufzustützen, aber sie hatte sich weggeduckt. Nicht rasch genug, um zu verhindern, dass sich ihre Arme kurz berührt hatten. Der Schmerz hatte sie damals beide genauso intensiv getroffen wie eben. Sie hatte zu taumeln angefangen, Abyarimani hatte sich keuchend an die Mauer gelehnt.

Dort war er eine ganze Weile stehen geblieben und hatte sie wieder stumm gemustert.

»Mhm. Faszinierend. Der Schmerz bei dir fühlt sich anders an. Verzeih meine Offenheit, aber du bist in der Tat noch unerträglicher als deine Bundesgenossen.«

Statt einer Antwort war sie einfach davongegangen.

»Warte, Verehrteste, was für eine Kränkung, mir einfach so den Rücken zu kehren«, hatte er ihr in gespielter Aufregung hinterhergerufen. »Willst du denn gar nicht wissen, mit wem du es zu tun hast?«

Sie war stehen geblieben.

»Ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Du nennst dich Abyarimani, nicht wahr?«

»Ah, du kennst mich bereits?«

»Dein Ruf eilt dir voraus. Und nun«, sie war in einen ironischen Knicks gesunken, »verzeih, aber ich benötige frische Luft.«

Wieder hatte sie sich umgedreht und war betont langsam davon geschlendert. Eine Weile war es hinter ihr still geblieben. Aber dann hatte er ihr nachgerufen. Ein einziges Wort. Zuerst leise. Sie hatte erst gedacht, sie hätte sich verhört.

»Alienor.«

»Alienor!« Lauter.

»ALIENOR!« Ein lang gezogener Schrei. Die Wut in seiner Stimme hatte ihren Menschennamen wie einen Fluch klingen lassen.

Ohne sich umzudrehen, war sie damals stur weitergegangen, trotz der Schauer, die ihr über den Rücken gelaufen waren. Die Wächter hatten den geschickt, der ihren ursprünglichen Namen kannte. «Und dein Schicksal wird dich bei deinem Menschennamen kennen”, hatten sie ihr kurz vor ihrer Wiederkunft prophezeit.

Alle anderen Wiederkehrer hatten Aufträge bekommen und die Versicherung, dass sie, sobald sie ihre Aufträge erfüllt hätten, die Erde endgültig verlassen dürften, um in ein höheres Dasein einzutreten, wie die Wächter sich in ihrer unnachahmlich schwülstigen Art ausgedrückt hatten.

Alienor dagegen hatte von ihnen weder einen klaren Auftrag noch die Erinnerungen an ihr menschliches Dasein erhalten. Der Name Alienor war das einzige, das ihr von ihrem Menschenleben geblieben war. Obwohl sie sich an jedes Detail erinnern konnte, das seit ihrer Wiederkunft geschehen war, hatte sie im Gegensatz zu allen anderen Wiederkehrern keinerlei Erinnerung an ihr Menschenleben. Diese Amnesie war auch durch Abyarimanis damaliges Auftauchen nicht vorübergegangen. Das Einzige, was sie seitdem wusste, war, dass es sich nicht gut angefühlt hatte, von ihm so genannt zu werden.

Und nun stand er wieder vor ihr. Fröhlich, selbstsicher, charismatisch. Sie fragte sich, ob sie ähnlich auf ihn wirkte oder ob er ihr die Verdrossenheit an der Welt ansah.

Sie hatte so sehr gehofft, dass sie sich in dieser Wohnanlage für mindestens die nächsten zehn Jahre vor den Weltgeschehnissen hätte verstecken und Aadalish beim Aufwachsen helfen können. Die Tatsache, dass gleich zwei unerwartete Wiederkehrer in einer Nacht bei ihr auftauchten, machte diese Hoffnung zunichte, umso mehr, wenn einer davon Abyarimani war.

»Alienor«, sagte dieser jetzt und holte ihre Gedanken auf die Straße zwischen ihnen zurück. Elli musste kurz daran denken, wie anders es geklungen hatte, als Ira sie vorhin mit ihrem Menschennamen angesprochen hatte.

»Es geht das Gerücht herum, dass sich hier ein neuer Wiederkehrer aufhält, der zu mir gehört«, fuhr Abyarimani fort. »Perfekte Gelegenheit für unser überfälliges Wiedersehen, dachte ich.«

Ellis Gedanken liefen auf Hochtouren. Woher wusste Abyarimani von Ira? Sicher, Ira stand schon die ganze Zeit oben am Fenster und beobachtete sie, was auch Abyarimani nicht entgangen sein konnte. Aber Ira und Elli hatten sich mehrmals berührt, und zwar völlig schmerzfrei. Er war ein Engel – etwas, das Abyarimani nicht zu wissen schien.

Doch wieso kannte Ira ihren ursprünglichen Namen? Abyarimani war bisher der Einzige mit diesem Wissen gewesen. Soviel sie wusste, hatte er selbst seinen engsten Vertrauten ihren Menschennamen nie verraten. Konnte er mit Ira gesprochen haben, bevor dieser zu ihr kam? Oder hatten die Wächter Ira von ihr erzählt?

Ellis Schweigen war ein besseres Mittel, Abyarimani zum Sprechen zu bringen als jede Frage, die sie ihm hätte stellen können.

»Und, nein, ich würde es nicht naiv nennen, dass du geglaubt hast, die Wächter hätten mich nach dem Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg entrissen«, antwortete er jetzt auf die Frage, die sie ihm vorhin zur Begrüßung gestellt hatte. »Eher fahrlässig. Denn wirklich, du hast dir keine besondere Mühe gegeben sicherzugehen, dass ich wirklich auf Nimmerwiedersehen verschwunden war, nicht wahr? Ich war hier, Alienor. Die ganze Zeit. Du kennst doch bestimmt die neue Binsenwahrheit, dass irgendwann jeder von uns Wiederkehrern loszieht, um das rote Glühen des Äquators zu sehen?« Abyarimani schloss die Augen, als ob er sich das Gesehene in Erinnerung rufen würde. »Ich fand die angeblich unbewohnbaren Erdteile übrigens«, fuhr er dann fort, »amüsanter als man gemeinhin behauptet. Trotzdem, ich muss gestehen, ich war gekränkt. Kein einziges Mal Nachforschungen über meinen Verbleib angestellt? Hast du mich gar nicht vermisst?«

Elli schüttelte langsam den Kopf.

»Ich dich schon. Und Elli Pryce ist schnell zu einer meiner Lieblingsidentitäten von dir geworden! Als sie vor einem halben Jahr plötzlich spurlos aus Detroit-Windsor verschwand, war ich besorgt, zumal mir meine Spitzel berichteten, dass du deine Identität nicht gewechselt hattest, sondern dich lediglich hier versteckt hältst.«

Er lächelte spöttisch.

»Ausgerechnet unter dieser vertrauten Adresse! Und wenn meine Nachforschungen stimmen, dann machst du hier … nichts? Einmal wieder Menschlein spielen, so als ob du gar nicht diejenige wärst, die du nun einmal bist? Ts, ts.«

Abyarimanis Lächeln verblasste.

»Mein Auftrag ist nicht erfüllt, Alienor.«

»Soso.« Nun war es sie, die sarkastisch klang. »Vielleicht doch an der Zeit meine Strategie auszuprobieren? Ich predige seit Jahrhunderten, dass ihr alle unsere Aufträge zu ernst nehmt. Ein schöner Gedanke, selbst entscheiden zu können, was man als Nächstes tun soll. Ich kann es nur empfehlen.«

»Genauso arrogant wie eh und je.« Abyarimani warf den Kopf in den Nacken, bevor er weiterredete. »Verflucht, Alienor, als du Mensch warst, hast du wahrscheinlich auch nicht daran geglaubt, dass Engel und Dämonen unerkannt unter den Menschen leben, oder? Und jetzt sieh uns doch mal an! Du bist nicht frei zu tun, was du willst. Es wird Zeit sich einzugestehen, dass sie die Fäden in der Hand halten, nicht du! Wann wirst du endlich begreifen, dass dein Aufbegehren gegen die Wächter sinnlos ist?«

Er seufzte, als er in Ellis ungerührtes Gesicht blickte. »Und nun, Verehrteste, wenn du gestattest … Ich möchte gern das neueste Mitglied meines – sagen wir – ‚Clubs’ begrüßen.« Er breitete seine langen Arme aus und begann lächelnd auf Ira zuzulaufen, der gerade aus der Haustür getreten war.

»Elli?«, Ira blickte fragend zu ihr. Sie sah, wie verwirrt er war. Da war auch ein Funken Angst. Ira schien keine Ahnung zu haben, wer da auf ihn zukam.

Einer spontanen Eingebung folgend, raste sie an Abyarimani vorbei zu Ira.

»Was hast du nicht daran verstanden, als ich dir gesagt hatte, oben auf mich zu warten?«, zischte sie, während sie sich vor Ira hinstellte.

Abyarimanis Schritte wurden langsamer. Elli griff nach Iras Hand. Sobald Abyarimani sah, dass sie ihn problemlos berühren konnte, blieb er stehen.

»Wo ist der Dämon?« Für einen Moment hatte seine Stimme eine kaum merkbare andere Tonlage, aber Elli wusste sofort, dass er überrascht von diesem Gang der Dinge war.

»Keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber ich versuche in der Regel Kontakt mit deinesgleichen zu vermeiden.«

Abyarimanis Aufmerksamkeit richtete sich jetzt ganz auf Ira. Elli bemerkte, dass Iras Hände von einem leichten Zittern überfallen wurden. Abyarimani fiel es auch auf. Er fletschte hämisch die Zähne und für einen Moment sah er so grausam aus, wie er seit Jahrhunderten war. Aber als er seinen Blick auf Elli richtete, war sein Gesicht bereits wieder sanft und schön.

»Ah, die Dinge, die ich mit dir tun würde, wenn du nicht so unberührbar wärest«, raunte er ihr zum Abschied zu. »Auf bald, Schönste aller Schönen!«

Er verbeugte sich theatralisch, dann drehte er sich um und ging davon. Mit jedem Schritt, den er sich entfernte, schmeckte Elli die Luft wieder besser. Im sanften Licht der Straßenlaternen konnten sie bereits nur noch den vagen Umriss Abyarimanis sehen. Plötzlich reckte er seinen Arm in die Höhe und rief: »Auf bald, Schönste aller Schönen! Bald!«

Elli starrte ihm nach, bis ihn die Dunkelheit ganz verschluckt hatte.

»Kein Freund von dir?«, Ira stand noch immer ganz nah bei ihr und lächelte sie jetzt vorsichtig verschmitzt an.

»Nein«, versicherte sie ihm. Auf ihrem Gesicht deutete sich sogar ein müdes Lächeln an. »Komm! Zeit, dich meinem gemütlichen Gästezimmer vorzustellen.«

Ira folgte ihr dankbar zurück in die Wohnung, wo Elli ihn mit Handtüchern und Bettwäsche versorgte. Ira verschwand kurz ins Bad, Elli ging in die Küche, um einen Tee aufzusetzen. Die Nacht war kein Kind mehr, aber Ira schuldete ihr noch ein paar Antworten.

Doch als sie wenige Minuten später an seiner Tür klopfte, blieb es still. Sie klopfte noch einmal, dann öffnete sie die Tür einen Spalt. Ira war bereits im Tiefschlaf.

Ihr erster Impuls war ihn zu wecken. Doch als sie vor seinem Bett stand und seinem tiefen, gleichmäßigen Atem lauschte, zögerte sie. Er würde mehr Sinn ergeben, wenn er etwas Schlaf bekommen hatte. Dann eben morgen, dachte sie und ging in ihr Schlafzimmer.

5

Wieder Schreie. Elli fuhr aus ihrem Bett hoch. Ihr erster Gedanke galt Aadalish, aber die Schreie kamen eindeutig nicht von ihm. Sie besann sich und fühlte nach, ob Abyarimani zurückgekommen war, stellte jedoch beruhigt fest, dass sie außer Ira keinen Wiederkehrer spürte. Die Schreie kamen aus dem Gästezimmer. Elli klopfte an und öffnete vorsichtig die Tür. Ira war in einem Alptraum gefangen und wälzte sich unruhig im Bett hin und her. »Ricarda!«, stieß er immer wieder hervor.

»Ira!« Elli rief mehrmals seinen Namen. Als er keine Anstalten machte aufzuwachen, ging sie näher an sein Bett heran und setzte sich auf die Kante. Sie berührte ihn vorsichtig am Oberarm. Er rief wieder nach Ricarda, gefolgt von einem gequälten Schrei.

»Ira«, sie fing an ihn leicht zu schütteln und beugte sich dabei über ihn. »Wach auf, Ira, wach auf!«

Beim nächsten Schrei riss er die Augen auf. Unmittelbar danach schlug er ihr hart ins Gesicht.

Elli sprang überrascht auf und wich einige Schritte zurück. Für einen Moment spürte sie den Schmerz, den Ira ihr gerade zugefügt hatte. Bei einem Menschen hätte sein Schlag sichtbare Spuren hinterlassen.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte sie jetzt ganz ruhig und ging kurz aus dem Zimmer. Als sie zurückkam, war Ira aufgestanden. Er sah sie immer noch so an, als ob er keine Ahnung hätte, wer sie war. Elli reichte ihm das Glas Wasser, das sie mitgebracht hatte, und knipste ein paar Lampen an. Das Zimmer erleuchtete in warmen Gelbtönen.

Ira trank einen tiefen Schluck, dann sah er sich unsicher um. Elli konnte zusehen, wie kurz darauf die Erinnerung wie eine riesige Welle über ihn schwappte. Auf seinem Gesicht machte sich Bestürzung breit.

»Elli, es tut mir so leid.« Er ging einen Schritt in ihre Richtung, doch Elli hob beschwichtigend die Hände.

»Alles gut«, sagte sie, dann zeigte sie in Richtung Bett. »Besser du legst dich wieder hin.«

Ira schüttelte den Kopf und trat noch einen Schritt näher. Durch das enge Unterhemd, das er trug, konnte sie sehen, wie sich sein Brustkorb immer noch viel zu schnell hob und senkte. Seine Augen starrten sie an. Er schien immer noch entsetzt darüber, was er gerade getan hatte.

»Die meisten träumen in den ersten Monaten schlecht«, versuchte sie ihn zu beruhigen. Dein Tod«, sie zögerte kurz, »dein Tod ist eine traumatische Erfahrung, die du verarbeiten musst. Und wenn du nicht die vollen sieben Tage bei den Wächtern hattest, ist es für dich noch schwieriger. Aber es wird vorbeigehen.«

Ira setzte sich auf die Bettkante und stützte den Kopf in die Hände.

»Was soll ich hier?«, brach es aus ihm heraus. »Ich habe nie an irgendwelche Gottheiten geglaubt. Ich war immer überzeugt, dass nach dem Tod nichts mehr kommt. Jetzt weiß ich zwar, dass das nicht stimmt, aber was genau das hier sein soll, ist mir immer noch rätselhaft.«

Elli sah ihn verständnisvoll an.

»Warum bin ich zurückgeschickt worden?«, fragte er sie dann und zum ersten Mal war er in der Lage, ihr mehrere Sekunden lang in die Augen zu blicken.

»Haben die Wächter dir etwas von einem Auftrag erzählt?« Elli setzte sich neben ihn aufs Bett.

»Nein. Ich bekam einen Namen und eine Adresse.« Er deutete auf den zerknüllten Zettel, der auf dem Nachttisch neben dem Bett lag. Elli griff danach und glättete ihn mit ihren Fingern.

»Alienor«, stand da, gefolgt von ihrer Berliner Adresse.

»Haben die Wächter dir diesen Zettel gegeben?«, fragte sie skeptisch.

Er schüttelte den Kopf. »Als ich mich gestern plötzlich quicklebendig in London wiedergefunden hatte, überfiel mich so eine Panik, den Namen und die Adresse zu vergessen, dass ich sie mir auf den erstbesten Papierfetzen, den ich finden konnte, notierte.«

Elli schmunzelte. »Dass du nichts mehr vergessen kannst, hat dir also auch niemand gesagt?«

»Was soll das schon wieder heißen? Können wir die Rätselstunde auf ein andermal verschieben, bitte?«

Elli ignorierte die kleine Provokation. »Wusstest du, dass Menschen binnen 24 Stunden ungefähr 70 Prozent aller neuen Informationen, die sie erfahren haben, vergessen?«, fragte sie stattdessen.

Ira zuckte mit den Schultern.

»Du dagegen«, fuhr sie fort, »wirst dich für den Rest deines Hierseins an alles, jedes noch so winzige Detail, das um dich herum geschieht, erinnern können. Ein fotografisches Langzeitgedächtnis gewissermaßen. Alle Wiederkehrer sind damit ausgestattet.«

Ira sog tief Luft ein. Elli befürchtete auf einmal, dass er kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehen könnte. Innerlich verfluchte sie die Wächter, ihn so unvorbereitet auf die Erde zurückgeschickt zu haben.

»Wie lange?«, fragte er mit belegter Stimme. »Wie lange müssen wir hier ausharren, bis wir zu diesen Wächtern zurückgehen?«

Ira hatte die Fäuste zusammengeballt. Er schien genauso wütend auf die Wächter zu sein wie sie selbst.

»Kommt auf den Wiederkehrer an«, antwortete Elli ausweichend. »Nur eines ist sicher, eines Tages werden sie dich zurückholen. Wir nennen es ‚entreißen.‘ Ist Dramatik pur, wenn ein Engel oder Dämon entrissen werden, so viel kann ich dir versprechen.«

»Geht es etwas genauer?«, beschwerte sich Ira, der noch schwerer atmete. »Du könntest damit anfangen, mir zu erzählen, seit wann du auf der Erde herumgeisterst!«

Ellis Augen funkelten ihn an. Sofort hob Ira entschuldigend seine Hände.

»Wir reden besser morgen weiter«, sagte Elli und erhob sich.

Sie ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um. Ira hatte sich auf dem Bett ausgestreckt.

»Versuch an etwas anderes als an deinen Tod und deine Zeit bei den Wächtern zu denken. Das verhindert vielleicht einen weiteren Alptraum.« Als Ira nichts entgegnete, senkte sie ihren Blick und fing an, die Tür langsam zuzuziehen.

»Ich habe nicht über meinen Tod geträumt, Elli«, sagte er plötzlich.

Elli hielt inne. Iras Stimme hatte eine Schärfe, die anders war als seine Frustration von eben. Sie schaute erstaunt zu ihm, aber er hatte sich von ihr weggedreht. Nach ein paar Sekunden Schweigen lehnte sie die Tür leise an und ging zurück in ihr Bett. Diese Nacht schien ihr kein guter Zeitpunkt mit Ira auch noch über den Tod eines Menschen zu sprechen, den er liebte.

Da sie ohnehin wieder hellwach war, fuhr sie ihr Internanet hoch, um zu sehen, ob sie etwas über eine Ricarda Byrne herausfinden könnte. Ihre Anfrage ergab zahlreiche Treffer. Die meisten davon zeigten die Aufnahme einer jungen Frau, die stolz lächelnd in einer Bibliothek stand und ihre Schulabschlussurkunde in die Höhe hielt. Der neueste Eintrag, den Elli finden konnte, war ein Update in der Datei der greeneuropäischen Gewaltverbrechen:

Der Dermatologe Ira Byrne, Vater der vor acht Jahren ermordeten Ricarda Byrne, die in einem Park in Galway, Irland brutal misshandelt und dann bewusst dem Sonnentod ausgesetzt wurde, ist am 20. August 2187 im Londoner Park Hamp­stead Heath von einem Unbekannten mit einem Messer getötet worden.

Ricarda Byrnes Mörder wurden 2186 in Dublin gefasst und wegen der ungewöhnlichen Brutalität des Verbrechens zu totaler Haft ohne Bewährung verurteilt. Derzeit deutet nichts auf einen Zusammenhang zwischen den beiden Verbrechen hin. Die Ermittlungen im Fall Ira Byrnes wurden aufgenommen. Hinweise melden Sie bitte …

Elli drückte auf den eintätowierten Punkt auf ihrem Handgelenk und die Suchergebnisse verschwanden wieder im Nichts. Sie griff nach der Bettdecke, wickelte sich ein und legte sich hin. »Bewusst dem Sonnentod ausgesetzt« – sie wollte die Details darüber, was man Iras Tochter angetan haben musste, um das zu bewerkstelligen, nicht wissen. Aber wenn sie die Augen zumachte, sah sie das Bild von der jungen Frau vor sich, ihre fröhlichen Augen, die aschblonden, gewellten Haare, die ihr bis weit unter die Schultern fielen. Elli fragte sich, ob Ira selbst die Aufnahme von der stolzen Schulabgängerin gemacht hatte.

Es war gut, dass die Täter bekannt waren und bereits im Gefängnis saßen. Elli hatte keinen Zweifel daran, dass Ira ansonsten bald unterwegs wäre, um die Mörder seiner Tochter zu finden.

6

Das nächste, was Elli hörte, war wie Ira am Morgen in der Küche herumhantierte. Sie versuchte wegzuhören und die warmen Sonnenstrahlen, die durch das Fenster auf sie schienen, zu genießen. Einer der größten Vorteile dieser Wohnung war, dass es in diesem Zimmer ein Fenster gab, das von außen von niemandem einsehbar war. Außerdem war die Wohnanlage alt genug, dass man die automatischen Schutzrollos leicht aushebeln konnte.

Elli sah nach draußen. Der Himmel war wolkenlos und sie konnte von der Sattheit des Blaus nicht genug bekommen. Nach einem heftigen Sturm wie gestern gab es manchmal einige kostbare Stunden ungetrübter Offenheit, weshalb Elli bereits in der Nacht das Schutzrollo in ihrem Zimmer entsichert hatte. Jetzt schob sie behutsam das Fenster einen Spalt nach oben. Die Luft, die gestern Nacht noch gerochen hatte, als ob jemand ständig Streichhölzer in ihrer Nähe abbrennen würde, war heute frischer. Sie legte sich wieder aufs Bett. Die Strahlen wärmten sie und hielten sich mit der sacht hineinströmenden Brise perfekt die Waage. Sie stellte sich vor, die Sonne könnte sie für die nächsten Wochen auftanken wie eines der riesigen Solarmodule, die sich überall um sie herum befanden. Hier und jetzt, in diesem Sonnenbad, wieder einzuschlafen und nie wieder aufwachen zu müssen.

In der Küche ging gerade etwas zu Bruch, was Elli als Anlass nahm aufzustehen und unter die Dusche zu springen. Danach streifte sie Leggings und eine langärmlige Tunika über.

Ira saß am Küchentisch und trank Tee. Seine Haare waren auch bei Tageslicht pechschwarz. Elli konnte riechen, dass auch er geduscht hatte, und stellte zufrieden fest, dass er relativ entspannt aussah. Sie ging zum Fenster und begann die Schutzvorhänge zur Seite zu schieben.

»Bist du wahnsinnig, ohne Schutz?«

Ira war aufgesprungen und zog Elli vom Fenster weg.

»Guten Morgen«, sagte Elli, »keine Sorge, selbst wenn wir Wiederkehrer noch verstrahlt werden könnten, dieses spezielle Fenster ist zusätzlich zu den obligatorischen Vorhängen erst vor Kurzem mit einem der neuen Schutzfilter der Solaris überzogen worden.«

»Der bietet keinen hundertprozentigen Schutz!«, entgegnete Ira, immer noch aufgebracht. Dann hielt er inne, als ob er erst jetzt die Tragweite dessen verstand, was Elli ihm gerade gesagt hatte.

Sein Gesicht verdüsterte sich. Elli interpretierte das als Zeichen, wie frustriert er davon war, von seinen neuen Daseinsbedingungen so wenig Ahnung zu haben, und beschloss, ihn nach etwas zu fragen, womit er sich auskannte.

»Du hast erwähnt, dass du Arzt warst. Welches Feld?« Sie sah ihn kurz ermutigend an, bevor sie die Vorhänge ein Stück weiter aufzog und sich dann so hinsetzte, dass sie ihre blanken Füße in den fahlen Lichtschein, der auf den Holzboden zwischen ihnen fiel, strecken konnte.

»Chirurg mit Spezialisierungen in der Dermatologie und Kindermedizin.« Er starrte ungläubig auf ihre Füße und schien immer noch darauf zu warten, dass diese jeden Moment anfingen zu erröten und Blasen zu bilden.

»Unterliegen unsere Körper keinerlei Beschränkungen mehr? Kann ich am Ende vielleicht sogar fliegen?«, stieß er zwischen zusammengepressten Lippen hervor.

Die Frage des Fliegens! Früher oder später stellten sie alle.

»Du kannst nicht fliegen«, antwortete Elli ihm ernst, als ob er die Frage ohne den sarkastischen Unterton ausgesprochen hätte. »Aber dein Körper ist unzerstörbar. Du fühlst Schmerzen, doch du heilst sofort. Wenn du von einem Hausdach springen würdest, würdest du zwar nicht abheben, sondern wie jeder Mensch herunterfallen. Aber der Aufprall würde dich nur kurz schocken, nach ein paar Sekunden könntest du aufstehen und weggehen.«

Ira starrte sie fassungslos an.

»Na ja«, fügte sie hinzu, »beim ersten Fall glaubt jeder, dass er wirklich zum zweiten Mal stirbt, und manche verharren sogar für einige Zeit in einer Art imaginären Totenstarre. Aber das ist nur, weil die Erfahrung noch ihre Vorstellungskraft übersteigt. Und früher oder später stehen sie alle auf und laufen davon, als ob nichts gewesen wäre.«

»Ungeschützt durchs Tageslicht«, fügte er nach kurzem Zögern an.

Elli war sich nicht im Klaren, ob das eine Frage war oder nicht, aber zur Sicherheit antwortete sie: »Ja, theoretisch auch ungeschützt durchs Tageslicht, jedenfalls wenn da nicht die Menschen wären, die uns dabei nicht sehen dürfen.«

Sie hielt inne und sah Ira eindringlich an, um ihm zu verdeutlichen, wie wichtig das, was sie ihm jetzt zu sagen hatte, war.

»Menschen dürfen uns nicht erkennen, Ira. Das ist ein weiteres Gesetz der Wächter. Wenn ein Mensch sieht, dass wir schwer oder sogar tödlich verletzt werden und umgehend wieder heilen, musst du deine Identität löschen.«

»Meine Identität löschen?« Ira legte die Stirn in Falten. »Und wie funktioniert das?«

»Meine derzeitige menschliche Identität ist Elli Pryce. Ich benutze sie bereits seit vielen Jahren. Aber wenn ein Mensch erfahren würde, was ich wirklich bin, müsste ich diese Identität aufgeben und mir eine neue zulegen.«

»Das ist doch absurd, die Menschen würden nach dir suchen, sie würden …«

»Nein, würden sie nicht«, unterbrach Elli. »Wir können Menschen alle Erinnerung an uns rauben. Das ist unsere Versicherung, für immer unentdeckt zu bleiben. Wenn ich meine Identität lösche, wird sich von einem Moment auf den anderen kein Mensch mehr an mich erinnern können, alle Spuren, die ich in dieser Identität hinterlassen habe, werden gleichfalls verschwunden sein. Als ob es mich nie gegeben hätte.«

»Was, wenn ich mich weigere? Was, wenn ich den Menschen haarklein davon berichte, was hier gerade mit mir geschieht und dass sich die Atheisten unter ihnen irren, und zwar gewaltig?«

Elli musste schmunzeln. Jeder Wiederkehrer, der nicht in Ehrfurcht vor den Wächtern verstummte, war ihr prinzipiell sympathisch.

»Du kannst es versuchen«, erklärte sie dann, »aber ich rate dir dringend davon ab. Auch die Schmerzen, die dich dann heimsuchen werden, sind überirdisch und mir ist niemand bekannt, der nicht nach wenigen Sekunden winselnd seine Identität gelöscht hätte.«

»Sorry«, fügte sie hinzu, »ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten.«

Ira schloss die Augen, als ob er vor der Flut der Informationen geblendet wäre. Plötzlich sprang er auf, eilte zum Fenster, entfernte alle Schutzvorrichtungen und öffnete es. Er schloss die Augen und ließ die Sonne auf sein Gesicht scheinen. Nach einer Weile starrte er seine Hände im grellen Sonnenschein an und bewegte sie gleitend hin und her, als ob das Licht perlendes Wasser wäre, mit dem er spielen könnte.

Er fing leise zu lachen an, dann immer lauter. Eine kindliche Euphorie erfasste ihn und ehe Elli ihn aufhalten konnte, streifte er auch sein Shirt ab und aalte sich weiter im Sonnenlicht.

Erst als er sich hinauslehnen wollte, sprang Elli auf und hielt ihn zurück.

»Vorsicht!«, warnte sie, »Wie ich dir gerade erklärte, niemand darf dich so sehen! Hier wohnt zwar fast keiner, aber du weißt nie, wann einer der wenigen Anwohner doch einen Blick durch die neuen Schutzfilter riskiert.«

Die Leichtigkeit aus Ellis Stimme war verschwunden und ihre Arme umschlossen ihn von hinten wie Drahtseile und zogen ihn zurück. »Ich benötige meine Identität noch eine Weile und will mit den Menschen hier nicht wieder von vorne anfangen müssen.«

Ira gab nach und sah zu, wie Elli wieder alle Schutzvorrichtungen am Fenster anbrachte.

»Du hast gestern Nacht meine Frage danach, wie lange du schon hier bist, nicht beantwortet«, bemerkte er, während er sich zurück auf den Küchenstuhl sinken ließ.

»Wenn hier irgendjemand Antworten schuldig ist, dann bist es du«, entgegnete Elli kühl.

Ira holte tief Atem, doch bevor er etwas erwidern konnte, klingelte es an der Tür.

Verflucht! Elli warf Ira seine Kleider zu.

»Sie dürfen nichts merken. Du bist mein Freund, ein Arzt und Wissenschaftler, der gestern aus Irland angekommen ist, verstanden?«

Da hörten sie beide auch schon Aadalishs Stimme durch die Tür.

»Elli! Elli, bist du da? Mach’ auf, Elli, wir sind’s!«

»Komme gleich«, rief sie und winkte Ira zu, sich zu beeilen. Als er fertig war und vor seiner Tasse Tee am Küchentisch saß, blickte sie ihn noch einmal eindringlich an. Seine Anspannung war spürbar, aber er nickte ihr zu.

»Ok«, sagte Elli und ging zur Eingangstür.

7

Aadalish und Sonja fielen ihr beide um den Hals, beziehungsweise im Falle Aadalishs die Taille.

»Danke, danke, danke!«, sagte Sonja mit Tränen in den Augen. Wie selbstverständlich machte sie sich auf den Weg in die Küche, während sie Elli sofort in allen Details berichtete, wie Hannek gestern plötzlich aufgetaucht war. Sonja verstummte abrupt, als sie Ira erblickte, der immer noch am Tisch saß und ihr jetzt freundlich zuzwinkerte.

»Guten Morgen, Sonja! Wie fühlen Sie sich? Sie sollten heute eigentlich im Bett bleiben«, sagte er und zeigte bedeutungsvoll auf ihren Kopfverband. Dann streckte er Aadalish die Hand entgegen.

»He, junger Mann! Wir haben uns noch nicht richtig kennengelernt, stimmt’s? Mein Name ist Ira. Ich bin gestern spät abends hier bei Elli angekommen.«

Aadalishs Lächeln und Leichtigkeit waren verschwunden, sobald er den fremden Mann in Ellis Küche erblickt hatte.