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Wien, 1898: Der Berliner Geschäftsmann Christian Lewe versucht im Auftrag seines Vaters in der Hauptstadt der k.u.k. Doppelmonarchie neue Kontakte zu knüpfen. Dabei stößt er auf den jungen Adeligen Sebastian von Lahrenburg, der zwar ein gern gesehener Gast auf diversen Bällen ist, dem man aber auch einen zweifelhaften Ruf nachsagt. So kommt es zu einem verhängnisvollen Zwischenfall, und Christian wird von dem attraktiven Grafensohn angeschossen. Um den Namen seines Vaters aus den Boulevardblättern zu halten, bagatellisiert er den Tatvorgang. Sebastian von Lahrenburg will sich folglich erkenntlich zeigen und stellt ihm sein Wien vor. Schon bald kann Christian hinter die überaus hübsche Fassade seines neuen Gönners blicken und entdeckt unerlaubte Gefühle in sich …
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Seitenzahl: 994
Veröffentlichungsjahr: 2021
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R. A. SKY
Wiener Klänge
Wiener Klänge
Impressum
Widmung
Über den Autor
Wiener Klänge
Kapitel 1
Erste Missklänge in Wien
Ein Silvesterball wie keiner zuvor
Mozarts Erbe und sein Publikum
Die verstimmte Geige
Ein unverbindliches Frühstück
Der erste Blick hinter die Fassade
Kapitel 2
Zufällige und andere Begegnungen
Unerwünscht tiefe Einblicke
Nächtliche Eskapaden
Kapitel 3
Enttäuschungen und Neuanfänge
Vom Zerbrechen von Porzellan
Geteilte Geheimnisse
Kapitel 4
Heimkehr
Nächtliche Bedenken
Berliner Alltag
Alte Freunde
Kapitel 5
Neue Bekanntschaften
Ein Handel mit dem Teufel
Kapitel 6
Ein Treffen im Schnee
Kapitel 7
Ein folgenschwerer Kuss
Die Nacht der Nächte
Vertauschte Rollen
Ein unverschämtes Angebot
Kapitel 8
Gebrochene Schwüre
Besuch in Berlin
Ein geheimes Treffen im Dunkel der Nacht
Kapitel 9
Heimkehr nach Wien
Eine weitreichende Entscheidung
Kapitel 10
Das Fallen aller Masken
Epilog
Nachwort
Programm
Schatten auf dem Regenbogen
(Un)Fair Play
Liebe zwischen geschriebenen Zeilen
Meine Familie, ich und andere Katastrophen, Mein Leben ist ein Kitschroman (Teil 1)
Pizza zum Frühstück
Transberlin
Trans-parent
Der Stammbaum
R. A. Sky
© R. A. Sky, Wiener Känge
© HOMO Littera Romy Leyendecker e. U.,
Am Rinnergrund 14, A - 8101 Gratkorn,
www.HOMOLittera.com
E-Mail: [email protected]
Cover und Gestaltung: © Rofl Schek
Bildnachweis: © theartofphoto by Adobe Stock
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Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages gestattet.
Handlung, Charaktere und Orte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.
Die geschilderten Handlungen dieses E-Books sind fiktiv! Im realen Leben gilt verantwortungsbewusster Umgang miteinander und Safer Sex!
Originalausgabe: Mai 2021
ISBN Print: 978-3-903238-66-4
ISBN PDF: 978-3-903238-67-1
ISBN EPUB: 978-3-903238-68-8
ISBN PRC/Mobi: 978-3-903238-69-5
R. A. Sky stammt aus Österreich und liest leidenschaftlich gern. Die Bibliothek im Hause Sky platzt deswegen regelrecht vor Büchern, Manga und Artbooks. Nach jedem Japanbesuch wird diese umgehend um neue Werke erweitert. Besonders am Herzen liegen R. A. Sky seit dem Studium historische Publikationen, wobei das Setting der jeweiligen Geschichten keine Rolle spielt – Hauptsache, die Welt vergangener Zeiten wird richtig in Szene gesetzt.
R. A. Sky liebt Familie, Freunde und Tiere – und genießt ausgiebiges Joggen ebenso wie gemütliche TV-Abende.
Der Südbahnhof war eine Pracht. Noch während die Dampflok in die Bahnsteighalle einfuhr, ließ die exquisite Baukunst die Reisenden staunen. Sie wirkte selbst auf Christian Lewe, Sohn des Berliner Großunternehmers Philipp Lewe, gigantisch. Die Halle war immerhin breit genug, damit fünf Züge zur selben Zeit ankommen oder abfahren konnten. Sie war auch überaus hell, weil zwei Reihen von Fenstern das Sonnenlicht hereinließen und einen Blick auf die Stadt erlaubten. Nachts musste sie gut ausgeleuchtet sein, da zwischen jedem zweiten Fenster eine Lampe angebracht war.
Christian, der seinen Koffer immer bei sich behielt, so wie sein Vater es getan hatte und dessen Vater vor ihm, stieg aus dem Zug und schaute sich von der Schönheit beeindruckt um. Über eine majestätische Treppe, die sich auf halber Höhe teilte, konnte man entweder zu den erquicklichen Nebenräumen gelangen oder in die Kassenhalle hinuntersteigen. Diese war dank der Oberlichte und großzügigen Fenster ebenso lichtdurchflutet. Darüber hinaus gab es kunstvoll gestaltete Laternen mit gewaltigen Glaskugeln, die mit Schmuckelementen gekrönt waren. Elegant verschnörkeltes Metall zog allerorts die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich. Viel wichtiger war aber die geschmackvoll platzierte Uhr über der Treppe – und ebendiese ließ den jungen Mann vor Schreck zusammenfahren.
Hatte sein Zug Verspätung gehabt? Das herrlichste Bahnhofsgebäude konnte die verlorene Zeit für einen Geschäftsmann nicht wettmachen.
Christian blickte eilig auf seine Taschenuhr. Die Zeiten stimmten überein. Er wartete also nicht darauf, ob ihm jemand für eine Münze Hilfe anbieten würde, sondern packte selbst kräftig an und rannte über den überraschend schmucklos gestalteten Boden zum Ausgang.
Er war pünktlich aus Venedig abgefahren – sein Vater hatte ihn noch verabschiedet, ehe er selbst nach Milano weitergereist war. Dieser hatte mit Sicherheit kein einziges Mal der Gefahr ins Auge geschaut, zu spät einen Bahnsteig zu erreichen. Der langsam in die Jahre kommende Herr plante stets genauestens voraus – und seine Pläne funktionierten immer. Sein Vater würde also mehr als unzufrieden mit ihm sein, wenn er zu spät käme. Christian graute vor der Standpauke, die er zu hören bekommen würde. Er war ein hochgewachsener Mann von kräftiger Statur, aber wenn er der tadelnden Miene seines Vaters ausgesetzt war, fühlte er sich in die Tage seiner Kindheit zurückversetzt, auch wenn diese schon lange zurücklagen.
Wie hatte er sich nur so gehen lassen können? Die Fahrt nach Wien zu unterbrechen und einfach auszusteigen, um den Geburtsort seiner Stiefmutter mit eigenen Augen zu sehen – und dann den nächsten Zug in die Hauptstadt Österreich-Ungarns zu versäumen! Wer hatte jemals etwas Derartiges von einem gewissenhaften Geschäftsmann gehört? Philipp Lewe war bekannt dafür, punktgenau zu Verabredungen zu erscheinen. Oft schon hatte Christian miterlebt, wie der schlicht, aber stets stilvoll gekleidete Herr in der Kutsche vor den Häusern seiner Geschäftspartner gewartet hatte, bis der Sekundenzeiger die letzte Minute vor der vereinbarten Zeit einläutete. Aber er war nun einmal nicht wie sein Vater, und so gerne er all seine Erwartungen erfüllt hätte, so verloren fühlte er sich in seiner Rolle als Nachfolger und Erbe des Familienunternehmens, das sich in wenigen Jahrzehnten einen ebenso guten Namen gemacht hatte wie so manches unzählige Generationen betriebene Geschäft.
Christian verdrängte derartige Gedanken, als er das Bahnhofsgebäude wie ein einfacher Bursche rennend verließ. Der erste Kutscher in der Reihe mehrerer Wagen war ein junger Kerl von vielleicht zwanzig Jahren. Er sah sehr gut aus, und sein schwarzes Haar war ordentlich gekämmt. Er hatte noch alle Zähne, die sauber und gleichmäßig wirkten. Bei genauerer Betrachtung hatte er zwar einen kleinen Buckel, aber das machte das spitzbübische Lächeln wieder wett. Obwohl sie beide Männer waren, setzte der Kutscher es geschickt ein, seine mögliche Stammkundschaft für sich zu gewinnen. Vermutlich hatte er oft Erfolg damit.
Christian eilte auf ihn zu. „Ich muss zum Schneider’schen Haus! Helfen Sie mir mit dem Koffer!“
„Das versteht sich doch von selbst, mein Herr!“, rief der dunkelhaarige Jungspund mit einem schwer einzuordnenden Akzent. Österreich-Ungarn war ein Vielvölkerstaat. Viele Bürger hatten Deutsch zwar als Lingua franca1 gelernt, sprachen in ihren Familien oder mit ihren Freunden aber in der Sprache ihrer Ahnen. „Nach einer langen Zugfahrt muss man sich schließlich ausruhen. Und mit nichts reist man bequemer und zugleich schneller als mit meinem Einspänner. Sehen Sie sich nur meinen Ferenz an! Kräftig, schnell ...“
„Jaja! Das hat schon alles seine Richtigkeit. Ein herrliches Tier!“ Christian deutete auf sein Gepäck. „Den Koffer, bitte!“ Er stieg bereits ein, während der Bursche seine wenigen Sachen verstaute und mit einem gepfiffenen Liedchen wieder auf den Kutschbock kletterte. Nur weil er trotz seiner scheinbaren Gelassenheit doch ein recht flottes Tempo an den Tag legte, ließ sich Christian das ihn nervös machende Gehabe gefallen. Er warf einen weiteren Blick auf die Uhr und rieb sich das Kinn. Noch konnte er es – knapp, aber doch – pünktlich zum Treffen mit Karl Reichstädter schaffen. „Könnten Sie, beim Hotel angekommen, auf mich warten?“, fragte er den Kutscher und beugte sich nach vorne, damit er ihn auch verstand. „Ich habe einen wichtigen Termin und befürchte, dass ich zu spät kommen könnte. Ich möchte nur meinen Koffer dem Concierge übergeben und mich kurz frisch machen. Es soll nicht zu Ihrem Nachteil sein.“
„Aber gerne, mein Herr!“, antwortete der junge Mann mit einem erfreuten Klang in der Stimme. Er hatte wohl nicht oft Kundschaft, die ihn für mehr als eine einfache Strecke vom Bahnhof zu einem der großen Hotels benötigte. Nun, er würde an diesem Tag noch ein paar Münzen mehr sammeln.
Christian atmete tief durch und machte es sich in dem gepolsterten Sitz bequem. Nachdem er ohnehin nichts mehr tun konnte, fand er die Ruhe, sich umzuschauen. Seine Stiefmutter hatte ihm die schwärmerischsten Geschichten von der Perle Europas und Hauptstadt der Musik erzählt – allerdings war selbst der ehrlichsten Dame nicht ganz zu trauen, wenn sie verträumt an die Tage ihrer Mädchenzeit zurückdachte. Er liebte die ebenso zierliche wie kränkliche Frau abgöttisch, und nun, da sich seine Sorgen zu zerstreuen schienen, empfand er fast etwas wie Genugtuung, ihren Geburtsort und ihre Heimat besucht zu haben. Natürlich würde er ihr das unter vier Augen berichten. Immerhin hatte sein Vater ihm eingebläut, direkt nach Wien zu reisen und seinem Geschäftspartner mit größter Ehrerbietung entgegenzutreten.
Sie kamen gerade zum Kärnthner Ring, als sich Christian vornahm, nicht mehr an seinen Vater zu denken. Sich ständig zu sorgen, hätte ihm nur die Herzlichkeit genommen, mit der er bei den Geschäftsgesprächen glänzte – leider fehlte es ihm noch an Erfahrung. Diese Reise diente nicht nur einem Vertragsabschluss mit einem ohnehin seit Jahrzehnten loyalen Geschäftspartner, sie sollte ihn auch auf seine spätere Rolle als Erbe seines Vaters vorbereiten.
„Das dort ist es!“, rief ihm der Kutscher zu und deutete mit einer Hand auf ein großes Gebäude, das in Weiß, Gelb und Grau gehalten war.
Christian lehnte sich neugierig aus dem Gefährt und betrachtete das Hotel. Er schätzte, dass es wohl dreihundert Gästezimmer anbot – vielleicht mit ebenso vielen Badezimmern.
Als er allerdings Minuten später mit seinem Koffer in der Hand eintrat, kümmerte er sich nicht weiter um das Ambiente. Er musste sich so schnell wie möglich frisch machen, einen Hauch Parfum auftragen und einen Schluck trinken.
Ehe er sich versah, saß er nicht nur erneut in der Kutsche, sondern befand sich nur unwesentlich später vor dem gewaltigen Tor eines Anwesens, das man beinahe mit einem Palais hätte verwechseln können. Es stand einem solchen zumindest in der Architektur in nichts nach. Christian ermahnte sich selbst, sich nicht von Derartigem ablenken zu lassen. Das war auch gut so, denn noch bevor er ein zweites Mal klopfen konnte, öffnete sich die Tür, und ein Mann in einer pedantisch ordentlichen Aufmachung musterte ihn – beinahe von oben herab.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Mein Name ist Christian Lewe, und ich habe eine ...“
„Christian!“, erklang die Stimme einer rundlichen Gestalt, die sich in sein Sichtfeld drängte. „Es ist schon gut, Gottlieb. Ich übernehme das.“
„Sehr wohl!“ Der Diener klang – wenn das denn möglich war – noch förmlicher, als er mit seiner Dienstherrin sprach. Er nickte Christian allerdings zu und verabschiedete sich höflich: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, mein Herr!“
„Meine Güte! Wie groß und stattlich du geworden bist!“ Frau Reichstädter legte eine Hand an ihre Wange und lächelte ihn fröhlich an, bevor sie sich kurz zur Seite drehte. „Karl! Karl, unser Besuch ist da! Wo bleibst du denn?“
Christian kam gerade noch dazu, die freundliche Begrüßung zu erwidern, ehe der Geschäftspartner seines Vaters im Türrahmen auftauchte. Karl Reichstädter war ein gestandener Mann mit einem gewaltigen Schnauzer und einer gemütlich-freundlichen Aura. Es war Jahre her, dass sie einander begegnet waren, aber nun kehrten die Erinnerungen an die frühen Kindertage zurück. Christian dachte sogar, dass sich gegen seinen Willen ein Lächeln in sein Gesicht schlich. Es passte allerdings zur Situation. Die beiden Gestalten vor ihm grinsten ihn schließlich regelrecht an.
„Schau dir das an, Frau! Da erwartet man einen Jungen, und dann kommt ein Mann!“ Karl Reichstädter klang ebenso nett, wie er wirkte. „Wie viele Jahre müssen das sein?“
„In dem Jahr wurde Anneliese getauft!“, half seine Gattin weiter.
„Ja, an den Kindern sieht man, dass man alt wird.“ Der immer noch lächelnde Geschäftsmann klopfte Christian auf die Schulter und fragte: „Bist du etwa nervös? Du stehst da, als ob du zur Salzsäule erstarrt wärst.“
Es war unwirklich, wie leger dieses Treffen war. Natürlich handelte es sich bei seinem Gesprächspartner um einen alten Freund seines Vaters, aber eine derartige Zurschaustellung von Freundschaft zwischen Tür und Angel, praktisch in öffentlicher Sphäre, kam ihm nach all den Belehrungen seines Vaters und den Erzählungen seiner Stiefmutter ungewöhnlich vor. Zur Beschreibung der stocksteifen besseren Gesellschaft von Wien passte bisher nur der Diener, der ihm geöffnet hatte. „Ich gestehe, dass ich ein wenig nervös bin, das erste Mal alleine für einen Vertragsabschluss verantwortlich zu sein.“
„Dazu gibt es keinen Grund! Deswegen hat dein Vater mich ja angeschrieben.“
„Karl, ich denke wirklich, ein Du ist nicht mehr angebracht. Schau dir unseren Besuch doch einmal an! Das ist nicht mehr der kleine Lewe. Das ist ein ehrenwerter Herr – und dein neuer Ansprechpartner in Geschäftssachen im Norden noch dazu.“
„Da hast du recht.“ Er nickte in Richtung seiner Frau, bevor er wieder zu Christian sah. „Ich muss mich entschuldigen! Natürlich sind Sie jetzt ein Mann und mein Partner in Vertragsdingen. Wir wollen uns also siezen, aber trotzdem eng miteinander sein, nicht wahr?“
„Ja“, antwortete Christian noch immer überrumpelt. „Natürlich!“
Elisabeth Reichstädter machte einen Schritt zur Seite und verpasste ihrem Ehemann dabei einen kurzen Stoß, damit er es ihr gleichtat.
Christian folgte der Einladung und kam in die Eingangshalle. Sein erster Eindruck von außen hatte ihn nicht getäuscht. Bei der Familie Reichstädter handelte es sich um wohlhabende Menschen mit Geschmack. Der Nachname war Programm – nomen est omen. So mancher Baron hätte sich ein Vorbild an ihrer Inneneinrichtung nehmen können. Christian war beeindruckt – und einmal mehr sprachlos.
„Haben Sie schon gegessen?“, fragte die Dame des Hauses als gute Gastgeberin.
„Wie? Oh! Nein, ich komme direkt vom Bahnhof.“
„Dann sollten wir in ein Kaffeehaus gehen und eine Kleinigkeit zu uns nehmen“, schlug Karl Reichstädter vor. „Haben Sie großen Hunger? Dementsprechend wählen wir aus.“
„Du gehst mir aber nicht in dieser Aufmachung außer Haus! Was, wenn dich die Nachbarn so in die Kutsche einsteigen sehen?“
„Frauen!“, rief Herr Reichstädter mit einem gespielten Seufzen aus und zwinkerte Christian zu. „Man kann nicht ohne sie, aber wehe dem, der eine hat!“
„Ich habe dich ohnehin nur aus Mitleid genommen!“, gab Elisabeth schlagfertig zurück. „Und jetzt geh dich umziehen! Ich läute nach dem Mädchen. Sie trinken doch eine Tasse Kaffee, bis mein Mann fertig ist, Herr Lewe?“
„Das ist nicht nötig. Ich ziehe nur meinen schönen Mantel über. Einen Moment!“ Noch ehe Karl Reichstädter bis zur nächsten Tür schreiten konnte, kam ihm Gottlieb mit einem langen, tiefbraunen Kleidungsstück entgegen. Das wunderte Christian nicht. Seine Stiefmutter betete ihm immer vor, dass eine gute Dienerschaft die Wünsche der Herrschaft erahnte, noch bevor diese sie äußerte.
Die beiden Männer verließen das Gebäude eine Minute später – nach einem nicht enden wollenden Händeschütteln. Christian konnte das Gefühl völliger Überforderung nicht überwinden. Der warme Empfang verwirrte ihn noch mehr, als es ein nüchternes Gespräch getan hätte. Er verbrachte die Fahrt bis zum Stammcafé seines Gefährten deshalb angespannt und nervös. Immerhin musste er davon ausgehen, dass Herr Reichstädter einen genauen Bericht an seinen Vater schicken würde, in dem er alle seine Fehler oder auch nur kleinen Patzer genau beschrieb.
Vielleicht war er nur von der langen Reise übermüdet, machte sich Christian Mut und entschuldigte sich kurz nach der Ankunft im Kaffeehaus, um sich auf die Toilette zurückzuziehen. Er lehnte sich an den Tisch vor dem Spiegel und betrachtete sich. Er sah seinem Vater sehr ähnlich. Von seiner Mutter hatte er nur das Muttermal an der linken Wange und die Form seiner Lippen. Wenn er seinem Vater aber so ähnelte, müsste er ihm dann nicht auch in anderen Dingen gleichen? Wahrscheinlich kam wahre Leichtigkeit erst durch jahrelange Expertise. Nur weil er sich seinen Vater nicht als jungen Mann vorstellen konnte, hieß das nicht, dass er als perfekter Gentleman und Geschäftsmann zur Welt gekommen war.
„Du kannst das!“, munterte er sein unglücklich dreinschauendes Spiegelbild auf.
Er marschierte sogar mit schnellen Schritten an den Tisch zurück, an dem er seinen Gastgeber vor ein paar Minuten zurückgelassen hatte. Christian war so entschlossen, sich im weiteren Gespräch wie der ideale Vertreter seines Vaters zu geben, dass er regelrecht enttäuscht war, als sich sein Gegenüber erhob und ihm auf die Schulter klopfte.
„Jetzt muss ich mich kurz entschuldigen. Wenn Sie so lange warten würden?“
„Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen!“ Christian lächelte, schaute Karl Reichstädter aber unzufrieden hinterher. Er wusste nicht, woran es lag, aber er fühlte sich weiterhin fehl am Platz. Dabei sah das Café genauso aus, wie seine Stiefmutter ihm das typische Wiener Kaffeehaus beschrieben hatte. Es war gemütlich, aber stilvoll. Die beliebten Thonet-Sessel hatten einfache, aber kunstvoll geschwungene Lehnen aus lackiertem Holz. Mehrere Ständergestelle aus Bugholz waren mit Zeitungen bespannt, um es dem Handelstreibenden ebenso wie dem Politiker zu ermöglichen, schon beim Einkehren einen Teil ihrer Arbeit zu verrichten. Tische mit Marmorplatten hingegen lockten Dichter und Schriftsteller an ...
Christian runzelte die Stirn. Das eingespannte Papier vor ihm war wie nach einem Zornesausbruch zerknittert. Karl Reichstädter war aber für seine pedante Art bekannt. Es ging ihn zwar nichts an, er konnte aber nicht ändern, dass er neugierig war. Er blickte hoch, um zu prüfen, ob sein Bekannter bereits an den Tisch zurückkam. Weil dem nicht so war, griff er nach der Zeitung und betrachtete die aufgeschlagene Seite. Ein dunkelhaariger Adeliger mit einem ihm auf den Leib geschneiderten Anzug war darauf abgebildet. Wenn er den ersten Zeilen des Artikels Glauben schenken konnte, handelte es sich bei dem jungen Mann um das Enfant terrible2 des Wiener Adels. Für Klatschgeschichten interessierte er sich nicht besonders, aber das Gesicht kam ihm bekannt vor. Er wusste jedoch nicht, wo er es einordnen sollte, also legte er das Zeitungsgestell zur Seite – gerade zur rechten Zeit.
„Sie sind zum ersten Mal in Wien, nicht wahr?“ Karl Reichstädter schlenderte an den Tisch zurück und lächelte gönnerhaft. „Ich rate Ihnen, morgen unbedingt wieder hierherzukommen. An jedem Sonntagabend gibt es in diesem Kaffeehaus ein Klavierkonzert. Nun ja, Konzert ist natürlich ein wenig zu höflich ausgedrückt, aber die Tochter des Besitzers spielt wie ein Engel – und sie sieht auch wie einer aus.“
Christian hörte nur mit einem Ohr zu. Er war zu interessiert an dem Essen, das man ihm gerade vorsetzte. „Was ist das?“, fragte er schließlich, kaum, dass die Bedienung aus ihrer Hörweite entschwunden war.
„Buchteln mit Vanillesoße. Ich war so frei, etwas für Sie zu bestellen. Probieren Sie gleich, solange sie noch heiß sind!“
„Sie hätten wirklich nicht ...“
„Ich bestehe darauf! Ihr Herr Vater hat sie immer sehr genossen.“ Karl Reichstädter griff beherzt nach dem Besteck und wickelte es aus der schneeweißen Serviette, in der man es aufgetischt hatte. „Ursprünglich stammt dieser Gaumenschmaus aus Böhmen, so wie viele andere Gerichte, die unsere böhmischen Köchinnen zu uns mitgebracht haben. Was typisch für Wien ist, dürfte die Powidlfüllung sein.“
„Powidl?“, wiederholte Christian mit etwas Mühe.
„Die Füllung in den Germknödeln, sie ist aus Zwetschken. Ein Gedicht. Aber ich rede und rede! Probieren Sie, dann erübrigt sich jedes weitere Wort!“
Christian, der sich ohnehin von seiner Lage überfordert fühlte, nickte und war nur zu dankbar dafür, beim Essen schweigen zu dürfen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ein Partner seines Vaters so anders als all die steifen und stets so stoisch wirkenden Geschäftsmänner sein könnte, die er kannte – und nun fand er sich fast in der Rolle eines verlorenen Sohnes wieder. Im tiefsten Inneren seines Herzens war er immer noch der schüchterne Junge, an den sich Karl Reichstädter vermutlich erinnerte. Sein von den Monaten in einer Fabrik gestählter Körper hatte daran nichts geändert.
„Es ist eine Schande, dass Ihr Vater Sie im Winter zu uns geschickt hat!“, riss der beeindruckend große Mann ihn erneut aus den Gedanken. „Sie müssen uns unbedingt einmal in den Sommermonaten besuchen kommen, wenn die Schanigärten geöffnet haben.“ Er lachte, als er Christians unglückliches Gesicht bemerkte und es richtig deutete. „Sehen Sie, die meisten Kaffeehäuser und Gaststuben haben im Sommer kleine Gastgärten, damit man die Sonne genießen kann. Im Winter ist das natürlich unmöglich. Die Märkte zum Weihnachtsfest haben Sie leider schon versäumt.“
„Das ist sehr schade. Ich bin sicher, Wien zur Weihnachtszeit ist hinreißend.“
„Das ist es! Eine der schönsten Hauptstädte der Welt! Aber wissen Sie was? Ich werde Ihnen beweisen, dass Wien zu jeder Zeit des Jahres das Juwel in der Krone Europas ist. Sie begleiten mich heute zum Neujahrsball meiner lieben Bekannten, der Baronin von Penthenberg.“
„Ihr Name ist mir bekannt ... leider erinnere ich mich nicht mehr, wo ich ihn bereits gehört habe.“
„Oh, ich denke, jeder in unserem schönen Österreich kennt die Baronin. Was für eine Tragödie! So jung, so schön, so gebildet und bereits Witwe! Sie werden von ihr hingerissen sein.“
Christian überlegte angestrengt, wie er reagieren sollte. Er war auch ein wenig verstimmt, weil sein Vater ihn ohne jegliche Vorwarnung ins offene Messer hatte laufen lassen. Er war von dem einnehmenden, fast aufdringlichen Wesen der Österreicher überrumpelt. Da es sich bei Herrn Reichstädter nicht nur um einen langjährigen Geschäftspartner, sondern auch Freund der Familie handelte, hätte er die Einladung unter Umständen ablehnen können. Er war müde von der langen Reise und nicht sicher, ob er sich nicht eine Erkältung eingefangen hatte. Dennoch sagte er zu. Sein Vater erwartete es von ihm. Er hatte ihn mit Sicherheit mit Absicht ins kalte Wasser geworfen. Immerhin gab es nur eines, das Philipp Lewe noch wichtiger war als die Familie, und das war sein Unternehmen.
Christian fand sich keine drei Stunden später auf einem Ball wieder, obwohl er keine Menschenseele unter den Gästen kannte. Er hatte sich mit aller Sorgfalt umgezogen und sein Lächeln vor dem mit Gold umrandeten Spiegel geübt. Darüber hinaus hatte er sich auch zwei Zeitungen bringen lassen, um sich über ein paar Persönlichkeiten zu informieren, die sich bestimmt im Palais der Baronin von Penthenberg befinden würden. Er war zu Recht davon ausgegangen, dass sein Geschäftspartner – und Mentor des Abends – ihn den Gästen vorstellen würde, von denen er sich eine zukünftige Zusammenarbeit versprach. Ihnen einige Fragen zur letzten Entwicklung in diesem oder jenem Gewerbe, dem letzten Sieg beim Pferderennen oder der neuesten Erwerbung im Ausland stellen zu können, brachte ihm mit Sicherheit Pluspunkte ein, die später eventuell hilfreich sein würden.
Natürlich konnte er das selbst nicht beurteilen, aber Christian hatte das Gefühl, dass er sich gut machte. Karl Reichstädter warf ihm keine warnenden oder gar abfälligen Blicke zu. Dank der Anwesenheit des umgänglichen Mannes war er auch nicht ganz auf sich alleine gestellt. Das war eine Erleichterung, auch wenn er seinem Begleiter das unerwartete Vergnügen erst verdankte.
Christian hatte gerade seine dritte Vorstellung mit Bravour hinter sich gebracht, als Herr Reichstädter ihn antippte und über die Köpfe der Tanzenden hinweg in Richtung Klavier zeigte. „Diese sirenengleiche Gestalt dort drüben ist unsere Gastgeberin. Warten Sie – ich werde Ihnen die Baronin vorstellen.“
Christian musterte Herrn Reichstädter über sein Champagnerglas hinweg. Er fand den Gedanken, der Baronin vorgestellt zu werden, weniger aufregend, als er es hätte sein sollen. Das lag wohl daran, dass die unterschiedlichen Ränge der Adeligen für ihn irgendwie ein- und dasselbe waren, egal, ob Baronin, Graf oder Erzherzog. Er war ohnehin angespannt genug, auch wenn der Champagner seine Wirkung nicht ganz verfehlte. „Wenn Sie das für richtig halten.“
Karl Reichstädter klopfte ihm einmal mehr auf die Schulter und marschierte mit einem breiten Lächeln auf den Lippen davon. Die Leichtigkeit, mit der er sich als einfacher Mann unter all dem blauen Blut bewegte, war beeindruckend. Andererseits war Karl Reichstädter kein einfacher Mann. Wahrscheinlich besaß er mehr Finanzmittel als so mancher Edelmann mit einem Stammbaum, der bis zu den Anfängen der Habsburger in der Schweiz zurückreichte.
Weil er nichts anderes zu tun hatte, als auf die Rückkehr seines Geschäftspartners zu warten, schaute sich Christian im Getümmel von Farben und Stoffen um. Die Veranstaltung erinnerte mehr an einen Kostümball als an ein Tanzvergnügen zur Begrüßung des neuen Jahres. Manche Männer waren sogar so weit gegangen, sich weiße Lockenperücken aufzusetzen, wie sie zu Zeiten Mozarts in Wien Mode gewesen waren. Christian fand sie ein wenig unpassend, aber er hätte eine derartige Aufmachung seiner eigenen vorgezogen. Immerhin hätte er dann eine Maske tragen können. Dieser Gedanke verwirrte ihn. Schließlich war er in das pompöse Palais der Adeligen gekommen, um Kontakte zu knüpfen. Eine Verkleidung wäre also äußerst kontraproduktiv gewesen.
Sein Blick fiel auf zwei Frauengestalten, die nur halb von einem Paravent verborgen miteinander scherzten und sich vor Lachen bogen – völlig unpassend für Damen, so wie seine Unsicherheit für einen Lewe. Es schickte sich nicht, wie nahe die beiden sich zueinander lehnten, wenn sie sprachen. Ein im rechten Moment gehobener Fächer konnte nicht verbergen, dass rot gefärbte Lippen beinahe ein Ohr liebkosten, wenn ein Geheimnis ausgetauscht wurde. Auch die kostbar wirkenden Masken bedeckten nicht genug von den Augen, die einander anschauten.
Christian wandte sich beschämt zur Seite. Er hatte ein derartiges Benehmen noch nie an der holden Weiblichkeit gesehen. Natürlich gab es auch im Deutschen Reich Busenfreundinnen, die sich in Augenblicken der Freude um den Hals fielen oder einen Kuss auf die Wange pressten, aber ein solch inniges Verhalten hatte er noch nie miterlebt. Lag es daran, dass die meisten Gäste Masken trugen und auch die zum Teil närrisch wirkende Kleidung ihre Figur verhüllte? Durfte man sich mit versteckter Identität erlauben, was im Alltag unmöglich erschien?
Wegen seiner Stellung als – höchstens! – geduldeter Gast, versuchte Christian, sich seine Verwirrung nicht anmerken zu lassen. Er zwang sich sogar ein Lächeln auf, ehe er einen weiteren Schluck des Champagners nahm, um seine Nervosität zu bekämpfen.
„Mein Lieber! Verzeihen Sie, dass ich Sie so lange warten ließ!“, rief jemand aus einiger Entfernung.
Weil Christian nicht damit rechnete, von einer jungen Dame so angesprochen zu werden, reagierte er erst auf die Begrüßung, als er Karl Reichstädter mit einer umwerfend gekleideten Frau durch das Wirrwarr tanzender Paare auf sich zukommen sah. Er musterte die ihm fremde Baronin eilig, bevor sie zu nahe kam, um es zu bemerken. Seine Stiefmutter hatte ihn schließlich davor gewarnt, einer Dame zu offensichtlich Blicke zuzuwerfen. Ihr ungewöhnlicher Gruß kam ihm deswegen gelegen.
Baronin von Penthenberg wirkte wie aus einem Meisterwerk von Mucha entsprungen. Ihr Kleid war in Rosa, Gold und Weiß gehalten, was ihre blasse Haut und ihr braunes Haar besonders zur Geltung brachte. Vom Ausschnitt her floss ein Posament über das gesamte Kunstwerk, das Sonnen und Sterne zeigte. Die kurzen Ärmel und der die Brust umfassende Stoff waren mit goldener Spitze versehen und reichten bis an den in einem satten Rosaton gehaltenen Samtgürtel. Im Widerspruch zu den archaisch wirkenden Symbolen auf dem Posament schlangen sich großflächig gestickte griechische Muster von den Knien zum Saum hin. Eine funkelnde Kette fiel bis zu ihrer Taille. Das märchenhafte Bild wurde schließlich von einem Brisé-Fächer mit Applikationen aus Spitze abgerundet.
Es war an dem Ensemble zu erkennen, dass es sich um eine Frau mit Geschmack handelte, die allerdings ihren eigenen Kopf über den der anderen stellte. Kostümball hin oder her, ein solches Kleid ließ man nicht für einen einzigen Anlass anfertigen.
Erst als Christian zurück zu seinem vor Stolz glühenden Geschäftspartner schaute, kam ihm die Vermutung, dass die junge Frau vielleicht keine Ahnung von Mode oder Stil hatte, sondern sich auf die Beratung ihrer mit Sicherheit weltberühmten Schneiderin verließ. Es würde mehr als einen eiligen Blick auf ein Abendkleid brauchen, um zu erahnen, in welcher Weise er eine Dame ihres Schlages für sich gewinnen konnte.
Die beiden hatten ihn inzwischen erreicht, und Karl Reichstädter stellte seine Bekanntschaft mit einem triumphalen Lächeln vor: „Baronin Penthenberg, Cassandra Maria Ludowika Freifrau von Penthenberg. Mein Freund aus dem fernen Berlin, Christian Lewe.“
Sie musterten einander erneut. Die junge Adelige war fast noch neugieriger als er selbst und schämte sich nicht einmal, ihre Augen von oben bis unten über ihn gleiten zu lassen.
Christian hielt es deshalb für nicht unschicklich, dasselbe zu tun. Die Baronin war keine traditionelle Schönheit. Ihre Statur wirkte kräftiger, und trotzdem war sie hinreißend und anziehend zugleich – und sie hatte noch nicht einmal gelächelt! Erst als sie Christian die in langen Handschuhen steckende Hand zum Kuss reichte, strahlte sie ihn belustigt an. Nun verstand er, wieso sich die Männer um sie scharrten – von ihrem beeindruckenden Besitz einmal abgesehen. Sie wirkte nicht im Geringsten wie eine trauernde Witwe. Das hätte ihr so mancher vorgehalten, aber nicht Christian. Er wusste, wie unglücklich die meisten Ehen waren. Es war ein unchristlicher Gedanke, aber so war nun einmal die Realität. Auch in seiner Familie war es einst so gewesen. Er wäre in der Tat der Letzte, der der lebensfrohen Gestalt Vorwürfe machen würde.
„Was für eine schöne Überraschung! Ein Freund von meinem so geschätzten Herrn Reichstädter muss ein anständiger Mensch sein.“
„Zu viel der Ehre!“ Christian ließ ihre Finger wieder los, fühlte sich aber immer noch magisch von ihr angezogen. Er schaute nur reflexartig von dem hübschen Gesicht fort, als ganz in seiner Nähe ein Getöse erklang. Ein junger Mann und zwei knallbunt gekleidete Frauen in kostbaren Masken zogen beinahe grölend an ihnen vorbei.
„Welch Überraschung! Da ging ich einmal davon aus, dass eine Feier ohne diesem Jungfernschreck stattfinden könnte!“, rief Karl Reichstädter mit einem tadelnden Kopfschütteln.
„Sie klingen persönlich angegriffen, mein Lieber!“
„Ein jeder Ehrenmann sollte das sein, liebste Baronin.“
Die Bemerkungen machten den Fremden nur interessanter. Eine der Frauen in ihrer mit falschen Federn geschmückten Maske stolperte beinahe, was sie selbst und ihre Begleiter auflachen ließ. Die zweite bunt gekleidete Gestalt musterte Christian neugierig und lockte ihn mit dem Zeigefinger, ehe sie das Interesse wieder verlor und sich grinsend an den jungen Mann an ihrer Rechten warf. Der in einen wundervollen Anzug gekleidete Herr flüsterte ihr etwas ins Ohr und schenkte ihnen dabei einen kurzen Blick. Sein Lächeln war gewinnend – auch wenn es nicht ihnen galt. Er war außergewöhnlich attraktiv, aber für die anwesenden Damen zählten seine Finanzen bestimmt weit mehr.
Christian hätte sich niemals erdreistet, ihnen das vorzuwerfen. Auch sein Interesse galt in dieser Nacht nur dem Geschäft. Wie reich der Mann sein musste, konnte selbst er an der kostbaren Kleidung erkennen, so wenig der Fremde sich auch darum zu kümmern schien. Sie lag in Falten, der dunkle Stoff war von vielen Händen verzogen, und das Hemd war am Kragen mit roter Farbe beschmiert.
„Ist dieser ... Herr wirklich ein Gast von Ihnen?“, hörte sich Christian fragen, bevor er sich dessen überhaupt bewusst wurde.
„Aber natürlich“, antwortete die Baronin in einem Ton, der frei von Entrüstung klang. „Kein Skandal auf einem Ball ohne den Herrn von Lahrenburg.“
„Johann Sebastian von Lahrenburg“, flüsterte ihm Karl Reichstädter zu. „Ein Kerl, von dem man sich besser fernhält. Es sei denn, man legt nicht viel Wert auf sein Vermögen oder seinen Namen.“
Christian rümpfte die Nase. Von Männern, die sich derart betranken, hielt er nichts. Frauen konnte man nicht vorwerfen, wenn sie in ihre Salons gesperrt aus Mangel an Möglichkeiten das eine oder andere Glas leerten, aber deren Gatten, Väter und Brüder, denen die ganze Welt offenstand und ihre Freiheit nicht nutzten, waren ihm zuwider. Er war ein Lewe, und so wie sein Vater und dessen Vater vor ihm, wusste er Privilegien zu schätzen, weil er sich diese hart erkämpfen musste. Seine Handflächen waren immer noch rau von dem Jahr in der Fabrik – und er war dankbar dafür. Er würde die Annehmlichkeiten seiner Stellung nie mehr als gegeben hinnehmen.
„Bieten Sie ihm gar nicht erst ein Publikum“, drängte sich Karl Reichstädters Stimme in seine Gedanken.
Ihre Blicke trafen sich just in diesem Moment. Das Blau der Augen war einzigartig. Vielleicht starrte Christian ihn deswegen zu lange an, denn Herr von Lahrenburg zwinkerte ihm zu. Christian dachte zumindest, dass die freche Geste ihm galt, denn die spitzbübisch funkelnden Augen waren auf ihn gerichtet und nicht etwa auf die schöne Baronin an seiner Seite.
Und mit einem Schlag fügten sich die einzelnen Teile zusammen. Christian wusste nun, wer der Mann war. Er hatte ihn wenige Stunden zuvor in der Zeitung gesehen, die Herr Reichstädter voll Zorn zerknüllt hatte. Es handelte sich um einen jungen Adelsspross – einen zukünftigen Grafen sogar –, der gerne mit Skandalen von sich reden machte und dessen Ruf längst bis ins ferne Berlin vorgedrungen war.
Sein Geschäftspartner drehte sich theatralisch um und begann von einem Augenblick zum nächsten in erneut überschwänglichem Ton: „Wo waren wir? Ich denke, ich wollte Ihnen gerade den eifrigen Sohn meines engen Freundes und Geschäftspartners Philipp Lewe vorstellen.“
„Ach, von der Familie Lewe! Dann freut es mich umso mehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Die Baronin lächelte Christian noch einmal an, faltete ihren Fächer aber zusammen und klopfte sich damit an das Kinn, als müsste sie eine schwierige Denkaufgabe lösen. „Dann ist das also kein rein freundschaftliches Kennenlernen. Nun, ich wäre die Letzte, die Ihnen das krummnehmen würde, Herr Lewe. Ob Sie es für möglich halten oder nicht, ich selbst halte mich für eine Geschäftsfrau – eine gerissene noch dazu.“
„Wer das anzweifelt, ist ein Schuft!“, gab ihr Karl Reichstädter Schützenhilfe.
„Ich bin sicher, dass es einem klugen Kopf und einer guten Bildung bedarf, um ein Vermögen wie das Ihre zu verwalten, Baronin von Penthenberg.“
„So ist es in der Tat.“ Sie nickte ihm zu, ließ ihre Augen aber von ihm abschweifen. „Oh, ich muss mich einen Moment entschuldigen. Die Aufgaben einer Gastgeberin! Sie verstehen ...“
„Ich habe Ihnen schon zu viel Zeit gestohlen, meine Liebe!“, entschuldigte sich Herr Reichstädter.
„Mitnichten! Es ist mir immer wieder eine Freude! Besonders, wenn Sie mir Ihre hinreißenden Bekannten vorstellen.“ Sie hielt Christian noch einmal die Hand hin. „Ich sehe Sie später. Unterhalten Sie sich in der Zwischenzeit gut!“
Karl Reichstädter deutete eine Verbeugung an, woraufhin die Dame auflachte und ihm scherzhaft mit dem Fächer auf die Schulter schlug. Dann stolzierte sie – so gut es in einem Kleid mit einer Schleppe ging – an den Tänzern vorbei in Richtung Terrasse.
„Ich denke, Sie haben einen guten Eindruck auf die Baronin gemacht!“, lobte Herr Reichstädter ein wenig zu gönnerhaft. „Sie ist eine außergewöhnliche Frau, die weniger auf ihr Vermögen achtet, als Sie es ihr eben zugesprochen haben.“
Christian schaute sich in dem herrlichen Saal mit den antik anmutenden Statuen und der kunstvoll gestalteten Zimmerdecke um. Wer solchen Reichtum besaß, konnte es sich leisten, nicht jeden Heller zweimal umzudrehen. „Ich habe das Gefühl, dass Sie ihr sehr zugetan sind. Lassen Sie uns also hoffen, dass sie ihre Finanzen mehr im Auge behält, als Sie es ihr zusprechen.“
„Geld ist nicht immer das Wichtigste auf der Welt. Glück kann man nicht kaufen, sagt man, aber ich denke, manchmal kann man das eben doch.“ Karl Reichstädter führte Christian zu einem der Fenster, an denen ein Diener gerade Gläser verteilte. „Das Hutgeschäft einer alten Bekannten hätte vor drei Jahren zusperren müssen. Derzeit ist eben nur schick, was direkt aus Paris kommt – und welches einfache Mädel kann sich schon ein Kleidungsstück bester Qualität leisten? Die Baronin hat nach Rücksprache mit mir sofort gehandelt und nicht nur ihr Geld, sondern auch ihren guten Namen eingesetzt. Die alte Frau konnte somit glücklich sterben, als es diesen Frühling so weit war und der Herrgott sie zu sich gerufen hat. Verstehen Sie, was ich meine? Es ist nur ein Vorurteil, dass man sich Zufriedenheit nicht kaufen kann ... manchmal muss man nur etwas geben.“
„Nun klingen Sie aber ganz und gar nicht so, wie mein Vater Sie mir beschrieben hat, Herr Reichstädter.“
„So?“ Er rieb sich verlegen das Genick, ehe er mit Daumen und Zeigefinger über seinen vollen Bart strich. „Nun ja, ich habe inzwischen wohl die nötigen Finanzen, um nicht bei jeder Investition auf den Gewinn alleine sehen zu müssen.“
„Das macht Sie überaus sympathisch.“
„Na, das hört man doch gern! Vor allem, wenn es von einem Lewe kommt!“ Er lachte und klopfte ihm einmal mehr kraftvoll auf die Schulter. „Ein frohes neues Jahr!“
„Sie sind etwas zu früh, Herr Reichstädter.“
„Das ist wahr. Leider ruft aber die Pflicht. Wenn Sie mich also entschuldigen würden?“
Christian schaute ihn mehr erschrocken als überrascht an. Zum Glück hatte Herr Reichstädter erwähnt, dass ihn geschäftliche Verpflichtungen von ihm forttrieben. Ansonsten hätte er sich gefragt, ob er etwas Falsches gesagt hatte. Gespielt gelassen, brachte er hervor: „Sehr ungern! Wenn es sich aber nicht verhindern lässt ...“
„Leider, nein. Den Rutsch ins neue Jahr feiere ich im Hause eines Freundes, um mich einem – hoffentlich – zukünftigen Partner weiter anzunähern.“
„Ich verstehe.“ Christian streckte die Rechte aus, und Herr Reichstädter ergriff sie für einen kurzen, aber herzlichen Händedruck. Christian versuchte nicht, seinen neu gewonnenen Mentor zum Bleiben zu überreden. Auch sein Vater hätte sich nicht abhalten lassen, Vergnügen mit Arbeit zu verbinden. Er beneidete die beiden Männer um ihre Leidenschaft. Er dachte oft, dass in seinem Leben etwas fehlte, das ihn mitriss und begeisterte. Wäre es seine Arbeit im Familienbetrieb gewesen, hätte er nicht nur seinen Vater stolz gemacht, sondern auch seine Tage erhellt. „Ich wünsche Ihnen ebenso ein gutes neues Jahr.“
Nachdem Herr Reichstädter verschwunden war, nippte Christian noch ein letztes Mal an seinem Glas, ehe er es dem Diener überreichte. Aus Ermangelung eines Gesprächspartners und seiner Unschlüssigkeit, was er mit der angebrochenen Nacht weiter anstellen sollte, blieb er einfach an Ort und Stelle stehen und betrachtete die Welt außerhalb des Fensters. Es war dunkel geworden, aber es fiel kein Schnee mehr. Ob es auf einem so opulenten Ball wohl ein Feuerwerk geben würde?
Christian ließ seinen Blick gedankenverloren über die Fassaden des Gebäudes schweifen, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Da war ein Schatten – oder hatte er sich das eingebildet? Wer hätte sich in dieser Kälte schon hoch oben in dunkelster Nacht aufhalten sollen? Er lehnte sich trotzdem nach vorne, um einen besseren Blickwinkel zum Dach zu bekommen.
„Nanu? Wo ist denn Herr Reichstädter geblieben?“
Christian fuhr herum, erkannte die Gastgeberin und lächelte sie entschuldigend an. „Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Herr Reichstädter zu einer dringenden Besprechung gerufen wurde.“
„Ach, Männer und ihre Geschäfte!“ Die Baronin schüttelte verspielt den Kopf. „Aber Sie werden mir doch beim Bleigießen Gesellschaft leisten, nicht wahr?“ Sie fächerte sich so elegant Luft zu, dass Christian ihr ein wenig zu lang ohne eine Antwort zuschaute.
„Wenn Sie das wünschen, sehr gerne!“
„Welche Freude!“ Sie lächelte, nutzte ihren Fächer aber nicht, um es zu verstecken. Sie zeigte wohl gerne, wenn sie fröhlich war.
Wenn sie das denn war! Was wusste Christian schon über die dunkelhaarige Schönheit? Er wollte ihr gerade ein Kompliment machen, als lautes Gelächter erklang. Sofort ging ein Raunen durch die Reihen der älteren Herrschaften. Also war das viel zu laute Lachen auch für die Wiener Abendgesellschaft etwas Unmögliches. Gut, dachte Christian. Er wollte sich nicht länger fehl am Platz fühlen. Immerhin sprach man in Wien und Berlin dieselbe Sprache. Man hätte annehmen sollen, dass die beiden Weltstädte auch dieselbe Kultur teilten, aber seine Stiefmutter hatte ihn bereits vorgewarnt, dass dem nicht so war.
„Da unser gemeinsamer Freund nicht mehr anwesend ist, müssen Sie meine Neugier wohl selbst befriedigen“, riss die Baronin ihn aus den Gedanken. „Woher stammt das Vermögen Ihrer Familie?“
Das war eine Frage, die Christian aus dem Effeff beantworten konnte. Er fühlte sich deswegen sofort wohler. „Der Grundstein dafür stammt von der mütterlichen Linie meines Vaters ... von einem kleinen Handwerksbetrieb, der seine nicht minder unbedeutenden Produkte dadurch aufwertete, dass er sie in Mariazell segnen ließ oder auch bei Wallfahrten nach ...“
„Das ist interessant! Gut gemacht, mein Lieber!“ Baronin von Penthenberg tippte ihm mit ihrem Brisé-Fächer ebenso auf die Schulter, wie sie es bei ihrem alten Bekannten getan hatte. War das eine unausgesprochene Freundschaftsbekundung? „Als preußischer Geschäftsmann sollten Sie in Wien auf Ihre österreichischen Wurzeln hinweisen, selbst wenn es nur die Tante dritten Grades eines eingeheirateten Onkels wäre. Sie müssen wissen, wir – die bessere Gesellschaft – sehen uns als die Verteidiger des römisch-katholischen Glaubens. Was während der Reformation geschehen ist ... nun ... Halten Sie sich bei jeder Vorstellung an diese entzückende kleine Geschichte! Bescheidene, gläubige Menschen, die sich mit Gottes Hilfe hochgearbeitet haben, werden hier sehr geschätzt. Das wird Ihnen einige Türen öffnen.“
„Ich verstehe.“ Christian nickte ihr zu. „Ich werde Ihren Rat mit Sicherheit beherzigen!“
„Karl Reichstädter hält große Dinge auf Sie, sonst hätte er sich nicht bemüht, uns bekannt zu machen. Er ist ein ungewöhnlicher Mensch. Enttäuschen Sie ihn nicht!“
„Auch das werde ich mir merken!“
Die unerwartet umgängliche Cassandra Maria Ludowika Freifrau von Penthenberg warf ihm ein letztes Lächeln zu, eilte daraufhin aber bereits mit geöffneten Armen auf einen weiteren Gast zu.
Nun war guter Rat teuer. Christian befand sich in bester Gesellschaft, und jeder Umstehende hätte ein zukünftiger Geschäftspartner sein können. Wie aber sollte er alleine Kontakte knüpfen? Er konnte nicht einfach dem Nächstbesten auf die Schulter klopfen – auch wenn das in Wien wohl weit gebräuchlicher war als in Berlin – und sich selbst vorstellen. Oder doch?
Christian ließ sich ein Häppchen reichen und stellte sich ein wenig abseits der tanzenden Paare an eine Säule. Er schaute erneut aus dem Fenster. Es schneite nun wieder. Das gefiel ihm zwar nicht, denn er hasste Kälte, aber er konnte nicht abstreiten, dass die im Licht der Laternen herabrieselnden Schneeflocken wunderschön waren. Eine Bewegung zog seine Aufmerksamkeit abermals auf sich. Da war erneut die Silhouette, die er zuvor schon erspäht, aber als Hirngespinst abgetan hatte. Sein Verstand würde ihm nicht zweimal denselben Streich spielen. Auf dem Dach schien tatsächlich ein ... Mensch zu sitzen. Die Baronin war mit Sicherheit ein Freigeist, aber eine Statue in dieser grotesk gekrümmten Haltung hätte wohl selbst sie nicht auf ihrem Anwesen präsentiert.
Er musste das überprüfen. Vielleicht konnte er von der Terrasse aus einen besseren Blick erhaschen.
Als Christian die Glastür öffnete, biss sich die Kälte sofort in seine Haut – er hatte seinen Mantel schließlich beim Eingang einem der überheblich dreinsehenden Diener überreicht. Er ging allerdings davon aus, dass ihn eine Minute im Schnee nicht umbringen würde. Er lehnte die Tür nur an und marschierte auf dem rutschig gewordenen Boden ein wenig von der Mauer fort. Mit etwas Abstand zum Gebäude hob er eine Hand über die Augen und blickte erneut hoch.
Er hatte sich geirrt. Die schattenhafte Gestalt stand nicht auf dem Dach, sondern auf einem Balkon, der aus der Nordwand hervorwuchs. Seine Instinkte hingegen hatten ihn nicht im Stich gelassen, denn aus diesem Winkel konnte er erkennen, dass die offenkundig lebensmüde Person mit beiden Beinen über dem Abgrund hing.
„Oh, mein Gott!“, stieß Christian aus und rannte zur Tür zurück. Er schlitterte beinahe durch das Glas. „Da will jemand in den Tod springen!“ Er wartete nicht erst, ob seine Stimme über die Instrumente gesiegt hatte oder man ihn gar nicht weiter ernst nahm, weil bereits die eine oder andere Flasche Champagner geleert worden war.
Erst als er über eine der beiden Prunktreppen in den ersten Stock lief, wurde ihm bewusst, dass er sich im Palais nicht auskannte. Doch das durfte ihn nicht aufhalten, redete er sich selbst ein. In jedem Stockwerk gab es Fenster. Er konnte durch einen Blick hinaus abschätzen, ob er auf dem richtigen Weg war. Ein antiker Schreiber hatte einmal gesagt, dass dem Wagenden das Glück helfe, und dieses Mal traf dieser Vers zu: Im zweiten Stock angekommen, prallte er beinahe auf eine hagere Frau mit ergrautem Haar. Er prüfte nicht, was ihre pedantisch ordentliche Kleidung über ihren Stand in diesem Haus aussagte. Sie war abseits des heiteren Trubels vor Ort – sie musste sich deshalb innerhalb der alten Mauern auskennen. Das war alles, was in diesem Moment für Christian zählte. „Der Balkon ... der Balkon, den man von der Terrasse des Ballsaals aus sehen kann, wenn man nach rechts schaut! Wo ist er? Wie komme ich dorthin?“
Natürlich strafte ihn die fremde Frau mit einem abfälligen Mustern – von oben bis unten! –, ehe sie erbost fragte, was er fernab der Feier zu suchen habe.
Christian hätte sie so oder so aufgeklärt, also schilderte er knapp seine Sorge und ließ sich nicht davon abhalten, der alten Dame vorauszurennen. Es machte ihn nervös, dass sie sich nicht von der Dringlichkeit seiner Suche überzeugen ließ. Dass es vielleicht an ihrem Alter lag, konnte er nicht glauben. Ihre Atmung blieb nämlich trotz all der Stufen gleichmäßig und ruhig. Erst als sie, im passenden Stockwerk angekommen, vor einer schweren Eichentür standen und sie ihn pikiert ansah, seufzte sie auffallend laut. Sie hatte wohl nicht erwartet, dass er ihr auch ins Zimmer folgen wollte. Er musste sie allerdings enttäuschen. Sie wirkte nicht ernsthaft genug für die besorgniserregende Situation.
„Bitte entschuldigen Sie mein unerhörtes Eindringen!“ Er schob ihre Hand zur Seite und riss die Tür auf, um durch den nur vom Mondlicht erleuchteten Raum zu laufen. Es war nicht zu erkennen, wofür er bei Tage diente, aber es hätte Christian nicht weniger interessieren können. Erst bei der Glastür stoppte er und verschnaufte einen Moment. Die Silhouette war nun mehr als ein Schatten. Es handelte sich um einen Mann, der mit etwas hantierte, dabei aber gefährlich mit den Beinen hin- und herschwang. Wenn Christian einfach hinausplatzte, erschreckte er den Fremden vielleicht so sehr, dass er vom Geländer rutschen und fallen würde.
Das Klappern von hochhackigen Schuhen erklang hinter ihm. Er drehte sich schnell um und legte einen Finger an die Lippen. Die Frau von zuvor erstarrte zwar, setzte aber zum Sprechen an.
„Holen Sie die Baronin!“, flüsterte Christian, ehe sie lauthals zu meckern beginnen konnte. „Schnell!“
„Jesus, Maria und Josef!“, rief seine Begleiterin entsetzt, als sie an ihm vorbei hinausschaute. „Was stehen Sie denn hier herum? Halten Sie ihn auf! Der Skandal ... das wäre nicht auszudenken! Dies ist ein ehrenwertes ...“
„Bitte, suchen Sie die Baronin und bringen Sie sie herauf! Und zwei, drei kräftige Männer! Schnell! Laufen Sie schon!“
Christian beobachtete die Person auf dem Balkon, während das laute Klappern der Schuhe verklang. Wenn er aber gehofft hatte, dass das Geräusch den Mann auf ihn aufmerksam machte, wurde er enttäuscht. Er atmete also tief durch, während er seine Möglichkeiten abwog. Es kam nun auf sein Geschick an. Er war ein Lewe – und in Berlin sagte man, ein Lewe könne selbst im Dezember Eis verkaufen. Diese Situation war einem Verkaufsgespräch nicht unähnlich. Er musste nur versuchen, den richtigen Akkord bei dem Lebensmüden zu treffen.
Als er sich leise und etwas unschlüssig hinauswagte, trug der Wind ein Summen an sein Ohr. Es konnte unmöglich vom Ball stammen. Das war sein Einstiegspunkt! „Woher stammt sie? Diese Melodie, meine ich.“
Die Gestalt verstummte, drehte sich ihm aber etwas zu. Zum Glück nicht genug, um sein Gleichgewicht zu beeinträchtigen. Das Licht von der Terrasse spiegelte sich auf den rot angelaufenen Wangen.
Christian erwiderte den kurzen Blick voll Erstaunen. Es war der Graf ... Nein, der Sohn des Grafen von Lahrenburg! Was trieb den jungen Adeligen, der ihm zuvor so lebensfroh zugezwinkert hatte, an diesen Ort?
Die Sachlage verwirrte Christian. Er wusste zwar, dass viele Menschen durch Alkohol schwermütig wurden, aber wie viel Zeit konnte zwischen ihrem ersten Treffen und diesem Moment verstrichen sein?
Nicht genug, um sich so zu betrinken.
„Was machen Sie denn hier oben?“, fragte Johann Sebastian von Lahrenburg in einem Ton, als stünde ihm diese Frage zu. „Sie werden sich in dieser Aufmachung den Tod holen.“
„Sie sind es doch, der mit geöffnetem Hemd in der Kälte sitzt.“
„Was machen Sie noch gleich hier oben?“, wiederholte sich der junge Mann kratzbürstig und ignorierte Christians Bemerkung.
„Ich bin kein Mensch, der einfach wegschaut.“ Als er näher an den Adeligen herankam, stellte Christian voll Entsetzen fest, dass der glänzende Gegenstand in dessen Hand eine Pistole war. Er kommentierte seine Erkenntnis aber nicht, sondern blieb nahe dem scheinbar Lebensmüden stehen und schaute in den Nachthimmel. Die Lichter von Wien waren durch den dichter fallenden Schnee kaum zu sehen. Es war eiskalt geworden, ihm fröstelte. Ihm fiel aber kein passendes Gesprächsthema ein, um den immer noch gefährlich sitzenden Burschen vom Geländer zu locken. „Noch ein paar Stunden, und das neue Jahr beginnt.“
„So?“, fragte Herr von Lahrenburg. „Ich weiß das nicht so genau. Er ist kalt ... der Wiener Winter. Wir haben also früh mit dem Aufwärmen begonnen.“
„Haben Sie bereits Vorsätze?“, bohrte Christian unbeeindruckt weiter. „Für ein neues Jahr muss man sich stets gute Vorsätze nehmen!“
Der junge Mann drehte sich ihm erneut zu. Dieses Mal wankte er dabei ein wenig. Ein Mundwinkel war zu einem beinahe fröhlichen Lächeln hochgezogen. Er ging aber nicht auf die gesprochenen Worte ein. „Sie klingen nicht so, als ob Sie von hier wären. Bayern auch nicht ... nur wie weit im Norden ...“
„Ich bin in Berlin aufgewachsen.“
„Das hätte ich jetzt nicht gedacht!“ Er zuckte mit den Schultern. „Weimar hätte mir besser gefallen.“
„Es tut mir leid, Sie zu enttäuschen.“
„Eher Ihre Eltern.“
Das war ein Einstieg! Christian rieb die Hände aneinander, um sie warm zu halten, falls er gleich kräftig zupacken musste. „Ich denke, dass jeder Mensch seinen Eltern verpflichtet ist. Ebenso hat jeder Verantwortung gegenüber seinem Heimatland. Den einen verdankt man schließlich das Leben, dem anderen die Gesinnung.“
„Oh, ja! Das ist richtig deutsch!“ Der zukünftige Graf tippte sich mit dem Lauf der Waffe an eine Schläfe. „Sie verstehen die österreichische Seele überhaupt nicht. Selbst unser Thronfolger hat sich die Pistole an den Kopf gehalten und dann abgedrückt.“
„Was seine Eltern bestimmt in schlimmste Pein gestürzt hat.“ Christian bildete sich ein, dass das attraktive Gesicht härter wurde. Seine Augen wirkten so eisig wie die Luft im Freien.
„Glauben Sie nicht alles, was in den Zeitungen steht!“
„Das tue ich nicht.“
„Gut für Sie! Und nun lassen Sie uns einen Blick auf Ihre schöne Heimat und Ihre eigene Gesinnung werfen! Kennen Sie Die Leiden des jungen Werthers?“
„Wie bitte?“
Johann Sebastian von Lahrenburg seufzte und drehte sich wieder dem Boden zu, der so viele Meter unter ihnen lag. Er schien gar nicht mehr mit Christian zu reden, sondern nur noch laut zu denken: „Die Oper übertrifft den Text bei Weitem. Es war fantastisch, bei der Premiere zu sein. Die großartige Marie Renard brillierte! Ich war hingerissen von ihrem Spiel und Gesang.“
Christian spürte, wie seine Ruhe sich langsam zu Wut wandelte – was er sich in diesem Moment auf keinen Fall leisten durfte. Dennoch breitete sich trotz des eisigen Windes Hitze in seiner Brust aus. Wie konnte sein Gesprächspartner in dieser Kälte überhaupt noch so geschickt mit der Waffe hantieren?
„In Texten geht das Sterben immer so ästhetisch vonstatten. Ein letztes, edles Wort an die Lieben, und alles ist vorbei! So stirbt man aber nicht im wahren Leben. Die Heimkehrer aus den Kriegen ... die erzählen andere Geschichten. Es kann so lange dauern, dass man wahnsinnig dabei wird. Außer, wenn man selbst abdrückt. Dann geht es wohl schnell und schmerzlos.“
Christian stürzte nach vorne, ohne weiter nachzudenken, als sein Gegenüber die Waffe erneut hochzog. Er schaffte es, den jungen Mann am Hemd zu packen und von dem Geländer zu reißen. Mit der Pistole hatte er weniger Glück. Er fasste zwar danach, verlor in der Dunkelheit aber die Orientierung. Sein Kontrahent war auch überraschend stark und wehrte sich gegen seinen Griff – und plötzlich löste sich ein Schuss.
„Oh, Gott!“ Christian ließ los und taumelte zurück. Seine Ohren schmerzten immer noch von dem unerwarteten Knall. Er stieß gegen die Glastür. Johann Sebastian von Lahrenburg schnappte nach ihm und zog ihn zu sich, ehe er hindurchstürzte. Seine Schulter fühlte sich steif an, sein linker Arm wollte ihm nicht gehorchen. Erst in diesem Augenblick wurde ihm klar, dass die Kugel ihn getroffen hatte. Er presste eine Hand auf die Wunde. Das Blut lief in dünnen Bahnen durch seine Finger hindurch. Eine derartige Verletzung hatte er noch nie gesehen. Er hatte erwartet, dass das Blut bei jedem Herzschlag aus ihm herausschießen würde. Die Eintrittswunde aber schien beinah verschlossen zu sein. Sein Rücken hingegen fühlte sich so nass an, als wäre er aus dem Bad gestiegen.
Johann Sebastian von Lahrenburg starrte ihn mit vor Entsetzen geweiteten Augen an. Seine Finger krallten sich immer noch in seine Kleidung. Sie wankten allerdings beide, als Christians Beine nachgaben.
„Es tut mir leid! Es tut mir so schrecklich leid!“ Die Stimme des Adeligen klang panisch.
Wie schlimm stand es wirklich um ihn? Hatte der Mistkerl ihn erschossen? Verblutete er fern seiner Heimat, ohne seinen Vater und seine Stiefmutter noch einmal in die Arme schließen zu können?
„Ich wollte ... ich wollte mich doch nicht erschießen! Das ist die Wahrheit! Ich habe ... nur mit der neuen Waffe gespielt! Ich war so wütend, weil der Abend nicht gut verlief und ... ich ...“
„Typisch Adel!“, fuhr Christian ihn zornig an. Natürlich schrie er dabei. Er verblutete vielleicht wegen eines verzogenen Schnösels, der nichts mit seinem Leben anzufangen wusste, außer andere aus Langeweile zu Tode zu erschrecken. „Nichts tun und von nichts leben!“
„Ich werde für alle Kosten aufkommen“, erwiderte Herr von Lahrenburg von der Beleidigung nicht so verärgert, wie er es seines Standes wegen hätte sein sollen. „Schmerzensgeld ebenso ... was auch immer Sie wollen!“
„Auf das Geld Ihres Herrn Vater kann ich getrost verzichten! Er ist mit einem Sohn wie Ihnen schon genug gestraft!“
Jemand räusperte sich. In der offen stehenden Tür standen ein Mann mit perfekt zurechtgestutztem Bart und die Frau mit dem streng zurückfrisierten Haar. Christian war nicht in der Verfassung, um schwierige Denkaufgaben zu lösen. Der fremde Mann war allerdings zu jung, um der Vater der Baronin zu sein. Für einen Adeligen war er jedoch zu bescheiden gekleidet. Es war also nicht schwer zu erraten, dass die alte Dame den Hausarzt zu Hilfe gerufen hatte.
„Bringen Sie ihn herein, um Himmels willen!“, befahl er dem Schützen mit einem Gehabe, das nur von einem Doktor stammen konnte. „Und Sie bringen mir noch eine Lampe!“ Er sah zu der älteren Frau. „Na, los! Ich muss die Wunde untersuchen, ehe ich entscheide, was zu tun ist!“
Weil Herr von Lahrenburg zu lange brauchte, packte der aufgebrachte Arzt selbst an und schleifte Christian regelrecht ins Innere vor den Kamin.
„Was kann ich tun?“
„Halten Sie sich von mir fern!“, rief Christian und versuchte, Johann Sebastian von Lahrenburg von sich zu schieben. „Das würde mir schon reichen!“
Der Doktor schaute von seinem Patienten zu dem jungen Adeligen. Es war ihm anzusehen, dass er lieber nicht in diesen Skandal verwickelt werden wollte. Schließlich sprach er aber ein Machtwort und befahl ihnen beiden, den Mund zu halten.
Christian durfte sich nicht auch noch aufregen. Das war allerdings viel schwerer zu bewerkstelligen, als gedacht – und dann verlor er plötzlich den Überblick, denn der Schmerz setzte von einem Herzschlag zum nächsten mit aller Wucht ein.
Es war der erste Jänner 1899, und Christian Lewe konnte nicht glauben, dass er ihn im Krankenbett verbrachte. Er versuchte zwar, der Situation etwas Gutes abzugewinnen, aber das fiel ihm wegen der Schmerzen nicht so leicht, wie er es sich wünschte. Er befand sich immer noch im Palais der Baronin von Penthenberg – irgendwie musste sich daraus etwas machen lassen. Darüber hinaus hatte ihn der zukünftige Graf von Lahrenburg angeschossen. Auch von dieser Tatsache konnte sich zu einem späteren Zeitpunkt ein Vorteil für den familiären Betrieb ziehen lassen. In Wien waren eine gute Reputation und ein tadelloser Ruf von höchster Wichtigkeit, und auch wenn der junge Herr von Lahrenburg das zu ignorieren schien, so war anzunehmen, dass sein Vater umso mehr daran interessiert sein würde, den Skandal zu vertuschen.
All das hätte Christian genauer bedenken können, wenn er sich nicht vor Schmerzen gekrümmt hätte.
Das Knarren der Tür ließ ihn erleichtert aufatmen. Der Doktor kam mit dem versprochenen Schmerzmittel und einem Mädchen hereingeschneit, das ein silbernes Tablett trug.
„Natürlich dürfen Sie so herzhaft frühstücken, wie es Ihnen beliebt“, erklärte der Arzt, als er Christians fragende Blicke bemerkte. „Warten Sie aber lieber ab, bis das Mittelchen wirkt! Dann wird Ihnen das Essen weit mehr Freude bereiten, glauben Sie mir!“
Christian würde dem guten Mann bestimmt nicht widersprechen und gehorchte den Anweisungen. Die Schmerzen sollten nur aufhören. Er war nicht wehleidig, und er konnte auch einiges einstecken, aber er hielt nichts von stoischem Leiden, wenn er es vermeiden konnte.
Schon nach kurzer Zeit ließ er sich erleichtert in seine Polster zurückfallen, als die Schmerzen langsam, aber sicher abklangen. Seine Freude ging bald so weit, dass er sich an den frisch angelegten Verband fassen wollte.
„Nein, nein!“, ermahnte der Arzt in einem tiefen Bass, der nicht zu der hageren Gestalt passen wollte. „Kein unnötiges Hinlangen! Kein Kratzen! Keine Feuchtigkeit!“
„Natürlich, Herr Doktor.“
„Das will ich meinen!“ Der Arzt lehnte sich über das Bett und legte eine Hand auf Christians heile Schulter. „Das wird schon werden! Sie hatten unerhörtes Glück!“
„Wir haben offenkundig eine völlig unterschiedliche Definition des Wortes.“
„Wie man es nimmt.“ Die Stimme verkam beinahe zu einem tiefen Brummen. „Ich kenne mehr als nur einen Mann in Wien, der sich in die Brust schießen lassen würde, um in diesem Palais gesund gepflegt zu werden.“
„Ob Sie es glauben oder nicht: Ich würde den Platz zu gerne mit einem dieser Männer tauschen.“
„Durchaus, durchaus.“ Der Arzt hob die Cloche von einem Teller und roch daran. Im ganzen Raum breitete sich der Duft von frischem Gebäck aus. „Um mein Honorar müssen Sie sich übrigens keine Gedanken mehr machen. Dafür wurde bereits gesorgt.“
„Das kann ich mir vorstellen“, gab Christian unzufrieden von sich. Er erinnerte sich an die Worte der älteren Frau, die sich mehr Sorgen um den Ruf des Hauses gemacht hatte, als um das Leben des Mannes auf dem Balkon. „Das hier ist ein anständiger Haushalt.“
Die Ironie des Satzes schien dem Arzt verborgen zu bleiben, denn er verabschiedete sich mit einem zufriedenen Lächeln und schloss ohne weitere Worte die Tür hinter sich. Das Mädchen folgte ihm stumm.
Christian war das recht. Er hatte einen Boten zu Herrn Reichstädter geschickt und wartete noch auf eine Antwort, ehe er das Anwesen wieder verließe. Vermutlich würde ihm der alternde Herr raten, die Situation zu nutzen und sich noch ein paar Tage im Palais aufzuhalten, um der Baronin näherzukommen. Alleine der Gedanke daran war ihm aber ein Graus. Auf diese Weise wollte er keine Bekanntschaften knüpfen.
Um sich von derartigen Dingen abzulenken, fasste er nach der Zeitung und las sie mit einem Gefühl der Nervosität durch – er wollte nicht, dass sein Vater auf diese Art von den Vorgängen der Silvesternacht erfuhr. Mit jeder weiter geblätterten Seite kehrte seine Gelassenheit aber ein Stückchen zurück. Hätte sich der Schuss herumgesprochen, hätte er nicht erst nach dem betreffenden Artikel suchen müssen. Das Blatt ließ ihn dennoch nicht ganz zur Ruhe kommen, denn Johann Sebastian von Lahrenburg wurde mehrmals darin erwähnt. Sogar ein genauer Bericht über seine Kleidung auf dem Ball im Hause der Dame Soundso war darin zu finden – offensichtlich war sein Auftritt im Palais der Familie Penthenberg nur die letzte Station einer durchzechten Nacht gewesen. Die Medien rissen sich um ihn – solche Aufmerksamkeit bekamen sonst nur die herausgeputzten englischen Ladys in London geschenkt.
Seine erste Meinung betreffend den jungen Mann kam ihm erneut in den Sinn – der fesche Mistkerl war nur am Feiern interessiert, am Schein, am Brillieren unter den Schönen und Oberflächlichen. Christian erinnerte sich auch an den lächerlichen Ausruf, nur mit der Waffe gespielt zu haben. Für den Adeligen war wohl alles im Leben Jux und Tollerei. Eine Tollerei, der Christian eine Schusswunde an der Schulter verdankte.
Zumindest stand nichts von seinem Tod in dem Blatt. Christian hatte keine Ahnung, wieso er erleichtert ausatmete, als er es bis zum Ende durchgeblättert hatte und zur Seite legte. Seine Anteilnahme hatte dieser Mensch mit Sicherheit nicht verdient.
***
Der Sohn des ehrenwerten Grafen von Lahrenburg marschierte mit der Selbstsicherheit eines Habsburgers in den Salon von Mitzi Pöltzls Anwesen und machte sich ohne Umschweife zur Hausherrin auf. Sie entdeckte ihn auf halbem Wege und erhob sich sofort von ihrem Liegesofa, um ihm mit ausgebreiteten Armen entgegenzukommen.
„Zu so früher Stunde habe ich Sie noch nie zu mir hereinspazieren sehen. Das muss wohl die Sehnsucht nach mir sein.“
„Es ist mir immer eine Freude, wenn ich alte Bekannte nach Jahren noch überraschen kann.“
„Diese Überraschung ist Ihnen gelungen! Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?“
„Das ist nicht nötig. Vielen Dank. Ich hätte allerdings etwas mit Ihnen zu besprechen.“
