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Notgedrungen willigt der freiheitsliebende angelsächsische Lord Hawk in eine Ehe mit der norwegischen Lady Krysta ein - einer Frau, die er überhaupt nicht kennt. Doch nachdem sich seine Schwester, Lady Cymbra, bereits geopfert und den feindlichen Wikingerführer Wolf Hakonson geheiratet hat, kann er wohl schlecht kneifen. Vor allem, nachdem die beiden so glücklich geworden sind. Das wird ihm aber nicht passieren - da ist er sich ganz sicher. Doch dann muss Hawk erkennen, dass die Pfade des Herzens äußerst verschlungen sind ... "Josie Litton weiß einfach, wie man atemberaubende Liebesgeschichten schreibt!" (Romantic Times)
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Seitenzahl: 539
Veröffentlichungsjahr: 2013
Josie Litton
Wikinger der Liebe
Ins Deutsche übertragen von Eva Malsch
Roman
Edel eBooks
In der staubigen Sommerhitze donnern Hufe auf der festgestampften Straße. Sand fliegt hoch empor, das Meer spiegelt das grelle Sonnenlicht wider, während die Reiter zu der stolzen Festung galoppieren. An diesem Tag haben sie die Gunst der Jagdgöttin genossen. Über den schweißnassen Hinterhänden der Pferde hängen Eber und Hirsche, ihr Blut tropft auf das durstige Erdreich. Freudenschreie hallen durch den Hof, heißen den Herrn der Festung willkommen und bejubeln die Beute.
Lord Hawk, der Herr von Hawkforte, schwingt sich aus dem Sattel und übergibt die Zügel seines Schlachtrosses einem Stallburschen. Kräftig gebaut, mit breiten Schultern, überragt er alle anderen Männer. Stets wachsame himmelblaue Augen beherrschen das markante Gesicht, und sein geschmeidiger Gang verrät den geborenen Krieger. Nach der abwechslungsreichen Jagd fühlt er sich angenehm ermüdet. Und er ist froh – wenn er es auch nicht eingestehen würde –, weil ein weiterer Tag verstrichen ist, ohne dass seine Braut angekommen ist.
Seufzend denkt er an die unbekannte, unerwünschte Braut und fährt mit allen Fingern durch sein dichtes kastanienbraunes Haar, das sich im muskulösen Nacken kräuselt. Ein Mann in seiner Position muss heiraten, um Söhne zu zeugen. Das weiß er, deshalb findet er sich widerstrebend damit ab. Aber er hätte es vorgezogen, seine künftige Gemahlin selbst zu wählen. Stattdessen wird er eine fremde Frau zum Altar führen – das Friedenspfand, das die Sachsen und Norweger im Kampf gegen die habgierigen Dänen vereinen soll.
Aus diesem Grund hat seine Schwester, die schöne Lady Cymbra, den mächtigen norwegischen Jarl Wolf Hakonson geheiratet. Um des Friedens willen darf Hawk nicht zögern, ihrem Beispiel zu folgen. Doch er bezweifelt, dass ihn ein ähnliches Eheglück erwartet, wie es seine Schwester an der Seite des Mannes genießt, den man einst die Geißel der Sachsen genannt hat.
Hoffentlich wird er seine Braut einigermaßen ertragen können. Das kann er erst beurteilen, wenn sie zu erscheinen geruht. Offensichtlich hat sie es nicht eilig. Wie auch immer, diesen Tag hat er noch genossen.
»Mylord...«
Hawk drehte sich zu seinem Verwalter um, der den Hof durchquerte. Trotz der hastigen Schritte schob der Mann eine Schulter nach hinten, als wollte er notfalls möglichst schnell die Flucht ergreifen. Ist es schon so weit gekommen, dass meine eigenen Leute mein Temperament fürchten, überlegte der Herr von Hawkforte. Bin ich so unberechenbar geworden? Er bezwang ein Seufzen und wünschte, dieser Eindruck würde ihn täuschen. Denn eine solche Schwäche würde seinen Stolz ebenso verletzen wie seinen Gerechtigkeitssinn.
»Was gibt’s, Edvard?«, fragte er betont freundlich. Die Freude an der erholsamen Jagd verflog bereits, er kehrte in den Alltag zurück, wo er Entscheidungen treffen, Urteile fällen und Kompromisse schließen musste. In der Festung, ihrer unmittelbaren Umgebung und auf seinen ausgedehnten Ländereien lebten viele tausend Menschen, die sich auf einen weisen Herrscher verlassen wollten. Gegen seine Pflichten hatte er sich niemals gesträubt. Sie bedeuteten ihm sogar sehr viel. Aber manchmal lasteten sie bleischwer auf seinen Schultern. An diesem schönen, sonnigen Tag sehnte er sich nach einem beschaulicheren Zeitvertreib. Wie wundervoll wäre es, an einem Bach zu sitzen, zu angeln und zu hoffen, dass keine Fische anbeißen, die seine Aufmerksamkeit erfordern würden. Am erfreulichsten wäre es, ein solches Zwischenspiel mit jemandem zu teilen, der nichts weiter verlangte als seine Gesellschaft. Aber so romantische Gedanken gingen ihm nur selten durch den Sinn und wurden meist sehr schnell von der Realität verscheucht.
Während der Verwalter erkannte, dass sein Herr wider Erwarten zugänglich war, entspannte er sich. Er war noch jung für seine gehobene Stellung, die er nicht seiner Herkunft, sondern seiner Tüchtigkeit verdankte. Diesen Posten wollte er auf jeden Fall behalten. »Heute sind drei Dienstboten Eurer Braut Lady Krysta eingetroffen, Mylord«, erklärte er und wies auf ein Trio, das vor der Schmiede stand, einem der vielen kleinen Gebäude an den Innenmauern der Festung. In seiner Geste und seinen bebenden Nasenflügeln drückten sich Gefühle aus, die der ernsthafte Edvard selten zeigte. Für einen so unerschütterlichen Mann bildeten Erstaunen, Sorge und Verwirrung eine beachtliche emotionale Vielfalt.
Hawk schaute zu der kleinen Gruppe hinüber. Zuerst musterte er einen kleinen, stämmigen, bärtigen Mann mit gebeugten Schultern, langem dunklem Haar und pechschwarzen Augen. Neben ihm stand eine ältere Frau, ganz in Schwarz gekleidet, ebenfalls dunkelhaarig, mit spitzer Nase. Teilweise verdeckten die beiden eine viel jüngere, zierlich gebaute, schwarzhaarige Frau mit elfenhaften Zügen. In ihren Augen, die Hawks Blick erwartungsvoll erwiderten, tanzte ein seltsames Licht.
Trotz der Entfernung fand er, die Farbe dieser Augen würde einem bewaldeten Tal im Hochsommer gleichen. Beinahe glaubte er, kühles Moos zu spüren, kristallklares Wasser über Steine plätschern zu hören, den Duft von Veilchen zu riechen, ins Haar einer Frau mit milchweißer Haut gewunden...
Ärgerlich verdrängte er das Fantasiebild. Das Mädchen stand viel zu weit weg, um solche Tagträume heraufzubeschwören. Und doch – eine Zeit lang war er so fasziniert gewesen, dass er alles andere vergessen hatte.
Wie absurd. Sie war nur eine Dienerin, nichts Besonderes. Obendrein sah sie etwas unordentlich aus. Es gab keinen Grund, warum sie ihn interessieren sollte. Aber nun starrte er schon wieder in die grünen Augen, und das süße, zauberhafte Lächeln erinnerte ihn – woran? Er hatte es nur ganz kurz gesehen, bevor es erlosch und den flüchtigen Eindruck eines Gewässers hinterließ, das in der Sonne funkelte.
Einfach lächerlich. Er wandte seinen Blick ab, schaute noch einmal hin, ertappte sich dabei und runzelte die Stirn. Offenbar sah sie seine Verwirrung, denn sie duckte sich und verschwand hinter den beiden anderen Dienstboten.
Er war müde. Daran musste es liegen. Bis vor vierzehn Tagen hatte er sich am Hof aufgehalten. Das zehrte immer an seinen Kräften. Nach seiner Heimkehr hatten ihn dann zahllose Geschäfte beansprucht. Außerdem hing die verdammte Heirat wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf.
Zu spät entdeckte er seine scharfzüngige Halbschwester, die mit der Anmut und Diskretion einer missgelaunten Ziege herbeieilte. Hawk dachte kurzfristig an die raffgierige dänische Brut, der er in diesem Moment viel lieber gegenübertreten würde, und wappnete sich gegen ihren üblichen Wortschwall.
»Also wirklich, das schlägt dem Fass den Boden aus!«, kreischte Daria. »Nicht genug damit, dass wir uns fragen müssen, wann Lady Krysta uns endlich beehren wird, jetzt mutet sie uns auch noch zu, an ihrer Stelle diese Dienerschaft zu begrüßen!« Empört spähte sie über die Schulter. Dann richtete sie ihr Augenmerk wieder auf den Halbbruder, der sekundenlang die Lider senkte und sich um die unerreichbarste aller Tugenden bemühte – Geduld.
Zehn Jahre älter als Hawk, müsste Daria eigentlich ihr eigenes Haus bewohnen. Darin würde sie auch leben, wäre ihr Ehemann nicht so töricht gewesen, Alfred of Wessex zu bekämpfen, während der tapfere Krieger und allseits bewunderte Gelehrte ein Bündnis mit den Britanniern gegen die Dänen angestrebt hatte. Prompt verwitwet, machte Daria keinen Hehl aus ihrem Hass auf alle Menschen, die ihr verweigerten, was sie für ihr Recht hielt. Dazu zählte sie auch ihren Bruder, obwohl er sie in seiner Festung aufgenommen hatte. Immerhin führte sie ihm gewissenhaft den Haushalt und war vernünftig genug, um ihn nicht allzu oft mit ihren Klagen zu belästigen. Aber an diesem Tag besiegte heller Zorn ihre Vorsicht.
»Was bildet sie sich eigentlich ein? Wieso schickt sie ohne Vorwarnung drei Leute zu uns?« Ihre Hände in die Hüften gestemmt, starrte sie ihn an. »Hat sie nicht bedacht, welche Unannehmlichkeiten sie uns bereitet? Warum sind sie überhaupt hier? Glaubt sie, auf Hawkforte würde es an Dienstboten mangeln und wir wären so arm dran wie die Barbaren im Norden?«
Bei jeder Frage klang ihre schrille Stimme noch lauter. Zuletzt schrie sie geradezu. Hawk war ein nachsichtiger Mann. Aber seine Großzügigkeit hatte ihre Grenzen. Um seine Autorität zu wahren, musste er der wütenden Frau Einhalt gebieten.
»Hüte deine Zunge, Daria, dein Gezeter missfällt mir. Bring die Leute irgendwo unter – und beeil dich.«
Etwas verspätet erinnerte sie Hawks eisiger Blick an seinen Willen, den er überall und ausnahmslos durchsetzte.
Doch sie verbarg ihren Groll noch immer nicht, als er den kleinen, stämmigen Neuankömmling zu sich winkte. Nun betrachtete er den Diener etwas genauer. Mit seinen krummen Beinen und den hängenden Schultern glich der Mann einem Troll. Irgendwie erweckte er den Eindruck, er wäre es gewohnt, unter Brücken zu lauern und nichts ahnende Reisende zu überraschen. Nach dem glitzernden Blick unter den buschigen Brauen zu urteilen, konnte man ihm solche Bosheiten durchaus zutrauen.
»Mylord, ich bin Thorgold«, stellte er sich vor, »Lady Krystas Diener.«
»Bedeutet deine Ankunft, dass Lady Krysta uns bald mit ihrer Gegenwart beglücken wird?«
Die meisten Männer hätte Hawks bissiger Unterton bewogen, einen Schritt zurückzuweichen. Aber Thorgold zuckte nur die Achseln und breitete die knotigen Hände aus. »Sie kommt, wenn sie kommt, Mylord.«
Offenbar hielt er diese Antwort für ausreichend, und Hawk begnügte sich damit. An diesem sonderbaren kleinen Kerl wollte er seinen Ärger nicht auslassen.
Er gab das Trio in die Obhut seiner Schwester. Bevor er sich wieder zu Edvard wandte, beobachtete er die junge Frau, die Daria und den beiden anderen Dienstboten durch den Hof folgte. Dabei drehte sie sich zu ihm um und begegnete seinem Blick. Erschrocken stolperte sie, fand nur mühsam ihr Gleichgewicht wieder und senkte zerknirscht den Kopf, was ihn aus unerfindlichen Gründen belustigte.
Bis er verstand, warum sein Verwalter so verdutzt dreinschaute, dauerte es eine Weile. Edvard hatte seinen Herrn lange nicht so lachen hören. Ein höchst ungewöhnliches Ereignis...
Dieses Gelächter erwärmte Krystas Blut und jagte einen eigenartigen Schauer über ihren Rücken, während sie hinter Thorgold, Raven und der mürrischen Frau zum Dienstbotenquartier ging. Natürlich durfte sie nicht wagen, noch einmal über die Schulter zu schauen, obwohl die Versuchung fast unwiderstehlich war. Gerade noch rechtzeitig siegte ihre Vernunft, auf die sie sehr stolz war.
Noch nie hatte sie einen so großen Mann gesehen, ausgenommen den mächtigen Jarl von Sciringesheal, bei jener kurzen Begegnung vor ein paar Monaten. Wolf Hakonson war ins Haus ihres Halbbruders gekommen, um mit ihm zu sprechen. Ohne zu erfahren, zu welchem Zweck, wurde Krysta auf den Familiensitz beordert, den sie zum ersten Mal besuchte. Ein paar Wochen später hatte man ihr mitgeteilt, sie würde Wolfs Schwager heiraten, einen gefürchteten sächsischen Lord namens Hawk.
Er besitzt die Augen eines Raubvogels, dachte sie. Aber wenn er lacht... Ein Lächeln umspielte ihre vollen Lippen unter der zierlichen Stupsnase. Seit Lord Hawk gelacht hatte, glaubte sie beinahe, ihre Vorsichtsmaßnahmen wären überflüssig. Aber als kluge Frau verwarf sie diesen Gedanken. Erst wollte sie sich Gewissheit verschaffen, ehe sie dem Wunsch nachgab, das schwache Glücksgefühl in ihrem Herzen wachsen zu lassen.
Zunächst musste sie sich vor den stechenden Augen und der scharfen Zunge Lady Darias schützen, die anscheinend den Haushalt führte. Dieser formidablen Frau ging man besser aus dem Weg.
Daria führte die drei durch den Hof zu einem lang gestreckten, niedrigen Bauwerk aus gespaltenen, mit Mörtel zusammengefügten Baumstämmen und einem spitzen Strohdach. Im Vergleich zu den bemalten, mit kunstvollen Schnitzereien geschmückten norwegischen Gebäuden wirkte das Dienstbotenquartier äußerst bescheiden.
Als Krysta eintrat, brauchte sie eine Weile, um ihre Augen nach dem hellen Sonnenschein an das Dunkel zu gewöhnen. Da die gesamte Dienerschaft ihre Pflichten anderswo erfüllte, herrschte hier gespenstische Stille. Nur das leise Summen einer Biene war zu hören. Die Binsen, die den festgestampften Erdboden bedeckten, verströmten einen trockenen, staubigen Geruch.
Aufmerksam sah sie sich um. In der Mitte der Halle stand ein großer steinerner Herd, unter einem Rauchabzug, den rußgeschwärzte Balken umgaben. An den Längsseiten des rechteckigen Raums reihten sich Alkoven mit Vorhängen aneinander, offenbar die Schlafplätze der Dienstboten. Tagsüber waren die Vorhänge geöffnet und enthüllten eine spärliche Einrichtung.
»Da könnt ihr zwei euer Bettzeug hineinbringen.« Daria zeigte auf einen leeren Alkoven. »Und du«, fuhr sie an Thorgold gewandt fort, »gehst zur Männerhalle. Sie liegt auf der anderen Seite des Hofes. Da wirst du schlafen. Haltet eure Unterkunft sauber, findet euch pünktlich zu den Mahlzeiten ein und erfüllt alle Aufgaben, die man euch zuteilt. Habt ihr mich verstanden?«
Die schwarz gekleidete Raven öffnete den Mund, um zu antworten. Aber Thorgold kam ihr zuvor. »Gewiss, Mylady, wir werden Euch keine Schwierigkeiten bereiten.«
»Das würde ich euch dringend empfehlen. Da eure Herrin immer noch durch Abwesenheit glänzt, setzt sie sich ohnehin schon in ein miserables Licht. Wäre mein Bruder geneigt, auf mich zu hören, würde er niemals eine Ehe eingehen, die unter einem so schlechten Stern steht. Bis zu seinem Lebensende wird er’s bereuen.«
Nachdem Daria ihre Meinung geäußert hatte, verließ sie das Gebäude – keine Sekunde zu früh. Thorgold hatte Raven nur mühsam zurückgehalten. »Beruhige dich, sie spielt keine Rolle. Vergiss sie.«
»Leichter gesagt als getan als getan...«, murmelte Raven. Entrüstet rang sie nach Luft. »Am liebsten würde ich ihr die Leber aus dem Leib reißen. Aber dieses widerliche Ding strotzt wahrscheinlich vor Galle und Eiter.«
Lachend legte Krysta die Arme um die Schultern ihrer Freunde. Den beiden war es sehr schwer gefallen, mit ihr hierher zu reisen. Trotzdem hatten sie sich dazu durchgerungen und wieder einmal bewiesen, wie treu sie der geliebten Herrin dienten, seit sie auf die Welt gekommen war. Diese Liebe erwiderte sie von ganzem Herzen.
Sie schob den Gedanken an den ersten verwirrenden Eindruck, den sie von Lord Hawk gewonnen hatte, beiseite. Die Nase gerümpft, schaute sie sich um. »Machen wir’s uns erst mal gemütlich. Wenigstens sollten wir’s versuchen.«
Thorgold nickte grinsend und verschwand. Wenig später kehrte er mit dem ersten Teil des Gepäcks zurück. Während er hin und her eilte, machten die Frauen den Alkoven sauber und sorgten für Ordnung. Zumindest tat Krysta ihr Bestes. Wenn es darum ging, einen Raum wohnlich zu gestalten, konnte sich niemand mit Raven messen. Geschäftig lief sie dahin und dorthin. Beinahe erweckte sie den Anschein, sie wäre überall gleichzeitig, und innerhalb einer knappen Stunde verwandelte sie den Alkoven in ein gemütliches Heim.
Nirgendwo lag mehr Staub, zwei Holzbetten, Stühle und ein Tisch waren aufgestellt worden. Als Thorgold die letzte Fracht hereinschleppte, schaute er sich zufrieden um. »Dabei sollten wir’s bewenden lassen. Wenn wir noch mehr Sachen hierher bringen, wird man Fragen stellen.«
Wehmütig packte Krysta einen Wandteppich, der eine Waldlichtung voller kleiner Tier zeigte, wieder ein. Nach allem, was sie bisher gesehen hatte, wurde die Dienerschaft von Hawkforte anständig untergebracht, aber man gestattete ihr keinen Luxus. »Also gut«, stimmte sie widerstrebend zu und nahm auf ihrem Bett Platz. »Um den Rest kümmern wir uns später.«
Nachdem sie sich häuslich niedergelassen hatten, fand sie endlich Zeit, um zu überdenken, was sie bisher erreicht hatte. Sie war in der Festung eingetroffen und hatte den Herrn gesehen, ohne besonders aufschlussreiche Erkenntnisse zu gewinnen. Immerhin begann ihr waghalsiges Unternehmen erfreulicher, als sie’s zu hoffen gewagt hatte.
Raven und Thorgold, die das Lächeln ihrer Herrin bemerkten, wechselten einen kurzen Blick. »Noch ist es nicht zu spät, Lady Krysta«, betonte die Dienerin.
»Was meinst du?«
»Nun, Ihr könntet behaupten, Ihr wärt zu ungeduldig gewesen, um auf eine Eskorte zu warten. Da Ihr befürchtet habt, man könnte Euch auf der Straße überfallen, seid Ihr unter falschem Namen auf Reisen gegangen und in die Rolle einer Dienerin geschlüpft.« Raven hob die dünnen Schultern. »Wer weiß, vielleicht glaubt Euch Lord Hawk.«
»Nur wenn Ihr’s ihm sofort gesteht«, ergänzte Thorgold. »Sonst denkt er, Ihr würdet ihn zum Narren halten. Und das gefällt keinem Mann.« Plötzlich schien ihn eine Erinnerung zu belustigen, und er lächelte. »Nein, wirklich nicht.«
Krysta sprang auf und starrte ihre getreuen Freunde verblüfft an. »Natürlich werde ich ihm nichts erzählen. Sonst wäre mein Plan sinnlos. Wie soll ich denn herausfinden, was ich wissen muss, wenn ich mein Inkognito lüfte?«
»Was werdet Ihr schon herausfinden?«, seufzte Raven. »Dass alle Männer gleich sind. Stolz, eigensinnig, dumm...«
»Anmaßend, engstirnig, ungeschickt...«, fügte Thorgold hinzu.
»Irgendwelche guten Eigenschaften müssen sie doch haben«, protestierte Krysta. »Als Lord Hawk mich ansah, fühlte ich...« Unsicher verstummte sie und versuchte sich zu entsinnen, was sie angesichts seiner durchdringenden blauen Augen empfunden hatte. Sein Blick verriet Kraft, Klugheit und noch etwas. Etwas Faszinierendes, das sie in einen seltsamen Bann gezogen hatte. Vielleicht Leidenschaft?
Vor diesem Gedanken schreckte sie zurück, so verlockend er ihr auch erschien. Ihrem Gemahl würde das Recht zustehen, sie zu besitzen wie kein anderer Mann in ihrem bisherigen Leben. Was das bedeutete, wusste sie in groben Zügen. Doch sie spürte, dass sich im unbekannten Reich der Sinne noch viel mehr verbarg – seltsame Dinge, die Grauen oder Entzücken bewirken mochten.
Wie auch immer, Lord Hawk hatte sie zu seiner Braut erkoren, um ein Bündnis zu festigen, das seinem und ihrem Volk den Frieden bringen würde. Damit bewies er sein Verantwortungsgefühl. Und es verdiente Krystas Anerkennung. Doch die Angst vor den Rechten eines Ehemanns und den Pflichten einer Ehefrau trieb ihr das Blut in die Wangen, und ihre treuen Diener nickten sich verständnisvoll zu.
»Ach ja, die Sterblichen«, murmelte Thorgold, bevor er in den Hof schlenderte. Nun musste er ein paar seiner Habseligkeiten in die Männerhalle bringen und den Eindruck erwecken, er würde dort schlafen. Die kleine Brücke, die er vor ihrer Ankunft auf Hawkforte entdeckt hatte, gefiel ihm viel besser.
»Ruh dich aus, Raven«, schlug Krysta ihrer Freundin vor. Die Reise übers Meer und dann im Pferdesattel hatte sie alle ermüdet. Doch die Dienerin war am ältesten. Wie viele Jahre sie schon zählte, wusste ihre Herrin gar nicht. Nachdem sie das Ziel erreicht hatten, sollte sich die alte Frau eine Atempause gönnen.
Davon wollte sie jedoch nichts wissen. »Auf dem Rücken eines Pferdes sieht man nicht viel von einer Gegend. Jetzt will ich Lord Hawks Besitz begutachten und feststellen, wie viel Macht er ausübt.«
Ohne ein weiteres Wort eilte sie aus dem Alkoven, und Krysta fand keine Gelegenheit, die Freundin zur Vorsicht zu ermahnen. Wenig später flatterten Schwingen am Ende der Halle.
Auch Krysta verließ das Gebäude, nachdem sie ihr Kleid geglättet und ihr Haar gebürstet hatte. Eine Zeit lang blieb sie im Hof stehen und genoss den warmen Sonnenschein, bevor sie das rege Leben und Treiben beobachtete. Hawkforte lag an der britannischen Südostküste, in einem Gebiet namens Essex. Auf einer Landzunge errichtet, erhob sich die Burg zwischen geschützten Buchten. Entlang der hölzernen Wälle reihten sich Wachtürme in regelmäßigen Abständen aneinander und boten einen ungehinderten Ausblick, landeinwärts und aufs Meer. Drei Stockwerke hoch, überragte der mittlere Turm die anderen. An norwegische Festungen gewöhnt, war Krysta unwillkürlich beeindruckt.
Tagsüber standen die breiten Holztore in den Außenmauern offen. Unentwegt gingen Menschen und Pferde ein und aus, Wagen rollten herein oder heraus. Voller Neugier musterte Krysta die Sachsen, die im Gegensatz zu albernen Gerüchten weder Hörner noch Hufe aufwiesen. Lächelnd sah sie ihre eigenen vernünftigen Erwartungen bestätigt. Das waren Menschen wie alle anderen auch. Bald würde sie diesem Volk angehören, und ihr Ehemann sollte die Heirat niemals bereuen – was immer seine Schwester Daria auch behaupten mochte.
Ja, sie wollte die beste Ehefrau sein, die sich Lord Hawk nur wünschen konnte – eine Zierde seiner Halle, ein Trost in schweren Tagen, eine Stütze bei seinem Bestreben, die beiden Völker friedlich zu vereinen. Konnte er noch mehr verlangen? Wohl kaum. Deshalb würde er sie lieben, wie sie geliebt werden musste, und sie würde nicht das gleiche Schicksal erleiden wie ihre Mutter.
In ihren Augen bebte ein Schatten, das dumpfe Echo alter Qualen bedrückte ihre Seele. Ihre Mutter... Vor so langer Zeit war sie entschwunden, denn sie hatte ihr Leben für eine sterbliche Liebe gewagt und verloren. Gewiss, der Vater hatte die Mutter begehrt, aber nicht geliebt, wie es nötig gewesen wäre. So zerriss das dünne Band zwischen ihnen. Die Mutter musste nicht nur auf das erträumte Glück, sondern auch auf ihr Kind verzichten. Krysta blieb in Thorgolds und Ravens Obhut zurück. Während sie heranwuchs, warnten die beiden sie immer wieder vor dem Schicksal der Mutter, das auch ihr drohen könnte. Nur flüchtig dachte sie darüber nach, denn der Gedanke, ein Mann würde in ihr Leben treten, erschien ihr völlig absurd – bis sie ins Herrschaftshaus ihrer Familie gerufen wurde. Dort hatte sie vor den hasserfüllten Augen ihres Halbbruders gestanden und erfahren, sie müsse einen Fremden heiraten. Wenn er sie nicht liebte, würde er unwissentlich ihr Leben zerstören...
Nein, das darf nicht geschehen, entschied sie. Hawk würde sie lieben. Daran zweifelte sie nicht, obwohl sie nur wenig über die Männer wusste – und über die Ehe noch weniger. Da sie fürchtete, in ihrer Unkenntnis der Dinge einen verhängnisvollen Fehler zu begehen und alles zu verderben, hatte sie den ungewöhnlichen, aber nach ihrer Ansicht klugen Entschluss gefasst, als ihre eigene Magd in der Festung einzutreffen. Raven würde ihr helfen, alles über den Mann herauszufinden, den sie heiraten sollte. Sobald sie genug erfahren hatte, würde die Dienerin verschwinden und Lady Krysta auftauchen, sie würde die schwarze Farbe aus dem goldblonden Haar waschen. Und Lord Hawk würde in heißer Liebe zu seiner Braut entbrennen.
Dass sie einen so verheißungsvollen Plan ersonnen hatte, erfüllte sie mit Stolz und Freude. Gewiss, Thorgold und Raven hatten sie zu entmutigen zu versucht. In sanftem Ton erklärte sie ihren geliebten Dienern, vom Mysterium der Ehe wüssten sie ebenso wenig wie sie. Schließlich hatten sie sich den Wünschen ihrer Herrin gefügt. Nun würde sie in wenigen Tagen die Antwort auf alle ihre Fragen erhalten und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.
Und wo sollte sie beginnen? Sie musterte die Leute im Hof, die gesund und wohlgenährt aussahen und schlicht, aber ordentlich gekleidet waren. Eifrig gingen sie ihren verschiedenen Pflichten nach. Auch ein paar Kinder saßen beisammen und krempelten Wolle.
Kinder faszinierten Krysta. In ihrem Heim war sie das einzige Kind gewesen. Dort hatte sie seit ihrer Geburt gelebt, bis vor wenigen Wochen, als sie zur Reise nach Essex aufgebrochen war. Zu seinen Lebzeiten hatte der Vater sie oft besucht, aber die Tochter niemals auf den Familiensitz eingeladen, den ihr Halbbruder und die Halbschwestern bewohnten, seine Kinder aus erster Ehe. Nach seinem Tod war sie in ihrem Schloss geblieben, zufrieden mit ihrem Dasein, aber unablässig von der beklemmenden Ahnung verfolgt, irgendetwas würde mit ihr geschehen. Darauf hatte sie Tag für Tag gewartet. Jetzt war es so weit, und das Unbehagen wurde von freudiger Erwartung verdrängt. Seit sie Lord Hawk gesehen hatte, empfand sie keine Angst mehr. Vergeblich schaute sie sich im Hof nach ihm um, doch sie war nicht allzu enttäuscht, denn sie fühlte sich unwiderstehlich zu den Kindern hingezogen. Da sie nicht wusste, wie sie ihr begegnen würden, ging sie langsam und vorsichtig zu ihnen. Als ein Junge mit haselnussbraunen Augen zu ihr aufblickte und lächelte, zögerte sie nicht länger.
»Darf ich euch helfen?«, fragte sie und zeigte auf die Wolle. Ein kleines Mädchen, offenbar die Anführerin der Gruppe, betrachtete Krysta prüfend. Dann nickte sie und reichte ihr einen Kamm, mit dem die Wolle entwirrt werden sollte. Krysta setzte sich auf den staubigen Boden. Nachdem sie die flinken Kinderhände eine Zeit lang beobachtet hatte, versuchte sie die gleiche Arbeit zu erledigen. Allzu erfolgreich verliefen ihre ersten Bemühungen nicht, und die Zinken des Kamms schürften ihre Fingerknöchel auf.
»So macht man’s«, verkündete das Mädchen, ergriff ihre Hände und zeigte ihr die richtigen Bewegungen.
Bald glitt die Wolle ungehindert durch Krystas Kamm. Zu ihrer Freude nickten die Kinder anerkennend.
Sie arbeiteten wortlos, bis das Mädchen fragte: »Seid Ihr die Dienerin der fremden Lady?«
»Ja«, bestätigte Krysta, obwohl ihr die Lüge schwer fiel. »Ich heiße Ilka.«
»Angeblich will Lord Hawk gar nicht heiraten, und er tut’s nur um des Friedens willen.«
Nur mühsam verbarg Krysta ihre Bestürzung, und sie musste sich zwingen, in ruhigem Ton zu erwidern: »Wenn er meine Herrin kennen lernt, wird er vielleicht anders denken.«
»Ja – vielleicht.« Nicht sonderlich überzeugt, zuckte das Mädchen die Achseln.
»Wie heißt du?«
»Edythe.« Dann stellte das Mädchen die anderen Kinder vor, die Krysta schüchtern zunickten.
»Was tut ihr sonst noch, außer Wolle krempeln?«
»Alles Mögliche«, antwortete Edythe. »Wir hüten die Herden, holen Brennholz und Wasser, oder wir kochen – was immer erledigt werden muss.« Nach kurzem Zaudern fügte sie hinzu: »Lady Daria will immer alle Leute beschäftigen.«
»Und Lord Hawk?«, erkundigte sich Krysta. »Findet er auch, ihr müsstet dauernd arbeiten?«
Durch gesenkte Wimpern warf Edythe ihr einen kurzen Blick zu. »Lord Hawk ist ein großer, mächtiger Herr, und er hat ganz andere Sorgen.«
Damit verriet sie sehr viel. Verständlicherweise überließ der Herrscher von Hawkforte die häuslichen Angelegenheiten einer Frau. Falls er wusste, welch hohe Ansprüche seine Schwester an die Dienerschaft stellte, kümmerte er sich nicht darum, oder er sah keinen Grund, irgendetwas zu ändern.
Oder doch? Da er beschlossen hatte zu heiraten, würde er seine künftige Gemahlin beauftragen, den Haushalt zu führen. Hoffte er, sie würde andere Regeln aufstellen als Lady Daria? Noch etwas, was Krysta herausfinden musste.
So viele Dinge erforderten ihre Aufmerksamkeit. Beinahe hätte sie geseufzt, aber da neigte sich ein Kind zu Edythe und flüsterte ihr ins Ohr: »Da ist sie.«
Krysta folgte den Blicken der kleinen Schar und beobachtete, wie Lady Daria den Hof in einer verschwenderisch ausgestatteten Sänfte verließ, die zwischen zwei Pferden schwankte, gefolgt von mehreren aufgeregten Dienstboten. Unwillig beugte sich die Lady zwischen den Vorhängen aus dem Fenster und befahl den Reitknechten, die Pferde straffer am Zügel zu nehmen, sonst würde sie die holprige Straße nicht ertragen.
»Jetzt will sie auf dem Markt einkaufen«, erklärte Edythe.
In aller Eile sammelten die Kinder ihre Wolle ein, und die eben noch so ernsten Augen strahlten.
»Oh, nun können wir endlich spielen!«, jubelte Edythe, ergriff Krystas Hand und zog sie mit sich.
Lachend rannten sie durch das Tor und zum Fluss hinab, der sich am Fuß des Hügels dahinwand. Nur ganz kurz schaute Krysta zu der moosbehangenen Brücke hinüber, unter der die funkelnden Wellen plätscherten. Was sich dort bewegte, wollte sie gar nicht so genau wissen.
Wie junge Hunde balgten sich die Kinder. Belustigt beobachtete Krysta das muntere Treiben. Zuvor war ihr die ernsthafte Zurückhaltung der kleinen Festungsbewohner unnatürlich erschienen. Mussten alle Leute, die auf Hawkforte lebten und nicht dem direkten Kommando des Herrn unterstanden, ihr wahres Wesen verstellen, um den Anforderungen der unausstehlichen Lady Daria zu genügen?
Bei diesem respektlosen Gedanken presste Krysta eine Hand auf den Mund, um ein Kichern zu unterdrücken, was ihr misslang. Am Ufer ausgestreckt, spielte Edythe mit einem Stein, den sie ins Wasser werfen wollte. In ihren Augen lag eine Weisheit, die ihre jungen Jahre Lügen strafte. »Meine Ma sagt, es würde uns viel mehr Spaß machen, heimlich davonzuschleichen, als wenn wir jederzeit spielen dürften.«
»Glaubst du, das stimmt?«, fragte Krysta und setzte sich neben das kleine Mädchen. Edythe war etwa acht Jahre alt, geschmeidig und schlank, aber nicht dünn, mit hellwacher Miene und einem energischen Kinn. Offenbar betrachtete sie die Welt so abgeklärt wie eine reife Frau.
»Nun ja, meine Ma meint, man müsste aus allem das Beste machen. Was anderes bleibt uns auch gar nicht übrig.«
Sehr klug, dachte Krysta. Doch der Zwang, dem die Leute auf Hawkforte ausgeliefert waren, missfiel ihr. Hoffentlich würde Lord Hawk seiner Gemahlin erlauben, andere Saiten aufzuziehen. Aber nun wollte sie erst einmal den angenehmen Nachmittag genießen. Gemeinsam mit den Kindern flocht sie Kränze aus Gänseblümchen, jagte Schmetterlinge und pflückte saftige Himbeeren. Dabei hörte sie aufmerksam zu. Der Gefahr entronnen, von Lady Daria ertappt zu werden, nahmen sie kein Blatt vor den Mund.
Was Kinder betraf, hatte sie keine Erfahrungen gesammelt. Trotzdem gewann sie den Eindruck, ihre Spielkameraden wären außergewöhnlich klug. Wussten die Erwachsenen in der Festung, wie viel diese jungen Augen sahen?
»Die dicke Betty ist schon wieder schwanger«, bemerkte Edythe und schob eine Himbeere in den Mund.
Neben ihr saß ein kleineres Mädchen, das die Augen aufriss. »Nein! Wirklich? Meine Ma sagt, Betty müsste einen Mann nur ansehen, und schon würde sie ein Baby kriegen.«
»Nein, da gehört schon mehr dazu«, widersprach ein Junge namens Howard. »Außerdem ist Bettys Mann gerade in der Bretagne. Schon vor Monaten hat er auf Master Tylers Schiff angeheuert. Warum also erwartet sie ein Kind?«
Seufzend verdrehte Edythe die Augen und pflückte noch eine Himbeere. »Seit sich all diese Ausländer in der Stadt herumtreiben, geht’s drunter und drüber. Zumindest hat das mein Pa gesagt.«
»Fürs Geschäft ist’s gut«, bemerkte Howard. »Mein Dad meint, nun wären wir besser dran, als er’s jemals im Diesseits erträumt hat. Und Lord Hawk weiß, was man braucht, um in unserer Welt voranzukommen – ein scharf geschliffenes Schwert, einen starken Arm und Verstand.« Voller Stolz blickte er in die Runde. »Deshalb findet mein Dad, ich müsste lesen und schreiben lernen, und er will bei Lord Hawk ein gutes Wort für mich einlegen. Vielleicht geben mir die Mönche Unterricht.«
Dieser vernünftige Plan fand allgemeine Zustimmung. Mit einem sanften Lächeln verkündete Aedwynna, ein hübsches kleines Mädchen mit leuchtend blauen Augen: »Mein Dad sagt, Lord Hawk sei der hartgesottenste Hurensohn, den er kennt. Aber dagegen lässt sich nichts einwenden, weil er unser Hurensohn ist.«
Verlegen räusperte sich Edythe und warf einen kurzen Blick in Krystas Richtung. »Sag nicht ›Hurensohn‹, Aedwynna. Solche Wörter spricht man nicht aus.«
»Schon gut.« Gleichmütig hob Aedwynna die Achseln. »Jedenfalls benimmt sich meine Schwester furchtbar albern, sobald sie Lord Hawk sieht. Dann kann sie gar nicht zu kichern aufhören, genau wie ihre Freundinnen. Und alle hoffen, er kriegt eine nette Frau.« Plötzlich erinnerte sie sich, wer ihr zuhörte. »Das ist sie doch, Ilka?«
Völlig überrumpelt antwortete »Ilka« nicht sofort, und Edythe musterte sie besorgt.
»Sicher ist sie schön und freundlich, und sie wird unserem Herrn eine gute Frau sein, nicht wahr?«
»O ja – natürlich«, stammelte Krysta. »Aber vielleicht wäre es besser, sie wüsste etwas mehr über Lord Hawk. Zum Beispiel, was er mag und was ihm missfällt. Sicher würde ihr das helfen, seine Erwartungen von Anfang an zu erfüllen.«
Dafür zeigte Edythe sofort Verständnis. »Solche Dinge könnten wir Euch erzählen, Ilka, und Ihr gebt Eurer Herrin Bescheid.«
»Oh, da wäre sie euch sehr dankbar...«
»Also, Lord Hawk ist sehr, sehr stark. Das war auch nötig, denn bis vor wenigen Jahren musste er unentwegt kämpfen, als König Alfred die Dänen daran hinderte, noch mehr Gebiete in England zu erobern.«
»Einmal sah ich ihn einen Mann hochheben, der so groß war wie ein Pferd«, berichtete Howard, »den schleuderte er ans andere Ende des Turnierplatzes. Der Bursche tat sich nicht weh, und beide lachten. Welch ein Spektakel.«
»Und ich habe beobachtet, wie er das Heck eines Wagens voller Steine emporhob«, meldete sich ein anderer Junge zu Wort. »Das hielt er fest, bis der Mann, der darunter festsaß, hevorkriechen konnte.«
»Ja, der alte Finney – beinahe wäre er gestorben. Jetzt geht er jeden Tag in die Kirche und zündet eine Kerze für Lord Hawk an.«
»Und meine Ma schließt ihn immer in ihre Gebete ein!«, rief Aedwynna. Alle Kinder nickten, als wäre so etwas allgemein üblich.
»Manchmal hilft meine Ma in der Küche aus, wenn das Essen für Lord Hawks große Tafel zubereitet wird«, erzählte Aedwynna. »Dann backt sie immer seine Lieblingsspeise – Rhabarberkuchen.«
»Meine Ma ist Weberin«, sagte Howard. »Obwohl er nicht drauf achtet, was er anzieht, sucht sie immer eine Farbe aus, von der sie glaubt, sie würde ihm gefallen.«
»Jedenfalls braucht er eine Ehefrau«, entschied Edythe. »Nachdem er Lady Daria jahrelang ertragen musste...« Schaudernd verstummte sie.
»Eine gute Frau«, verbesserte die kleine Aedwynna ihre ältere Freundin, und alle Kindern nickten wieder.
Wachsam behielt Edythe den Sonnenstand im Auge, und als es an der Zeit war, in die Festung zurückzukehren, scheuchte sie die Kinder den Hang hinauf. Noch bevor Darias Sänfte die Flussstraße heraufschwankte, waren sie alle innerhalb der Mauern versammelt.
Hinter der Waschküche verteilte Edythe die Himbeeren – offenbar ein gewohnter Vorgang. Da Krysta den Kindern nichts wegnehmen wollte, ließ sie ihren Anteil zurück. Doch davon wollte Edythe nichts wissen. »Ihr habt uns geholfen, die Himbeeren zu ernten. Also müsst Ihr auch welche nehmen.«
Nachdenklich kehrte Krysta in ihr Quartier zurück, mit einer Schürze voller reifer Beeren. Wenig später gesellte sich Raven zu ihr. »Oh, was für schöne Himbeeren!«, meinte die alte Frau und setzte sich neben Krysta. »Den ganzen Nachmittag habe ich welche gegessen.« Anscheinend war ihr Appetit noch nicht gestillt, denn sie verspeiste eine Hand voll, während sie Bericht erstattete. »Ein fruchtbares Land, gepflegte Bauernhöfe. Offenbar ist Essex viel dichter besiedelt als unsere Heimat. Vermutlich wegen des milden Klimas. Entlang der Küste stehen meilenweit Wachtürme, in beiden Richtungen. Ich sah mehrere Patrouillen, alle in Lord Hawks Farben. So, wie die Männer aussahen, verstehen sie was von ihren Pflichten.«
»Noch etwas?«, fragte Krysta.
Den Kopf schief gelegt, zögerte Raven. »Ihn sah ich auch – er bewohnt ein Gemach im obersten Stockwerk des höchsten Turms.«
Krysta reckte den Kopf aus dem Fenster und heuchelte lebhaftes Interesse an den Ereignissen draußen. »War er allein?«
»Nein.« Als Raven die Bestürzung ihrer Herrin bemerkte, lachte sie. »Beruhigt Euch, er sprach mit diesem Burschen – ich glaube, es ist sein Verwalter. Die beiden sahen irgendwelche Briefe durch. Übrigens, Lord Hawk kann lesen.«
»Tatsächlich?« Diese Fähigkeit besaßen nur wenige Adelsherrn. Krystas Halbbruder spottete darüber und meinte, nur Priester würden lesen lernen, um sich über ihr enthaltsames Leben hinwegzutrösten. Lächelnd stellte sie sich vor, was er von Hawks Bildung halten würde.
Und dann erlosch ihr Lächeln. Bald würde sie ihren Bräutigam wieder sehen, denn die Stunde des Abendessens rückte immer näher. Durch den Küchentrakt wehten verlockende Düfte herüber, Leute eilten bereits zur Haupthalle im Erdgeschoss des mittleren Turms.
»Kommt, Lady Krysta«, bat Raven und sah ihre junge Herrin zaudern. »Mit ein paar Himbeeren könnt Ihr Euch nicht stärken.«
Obwohl Krysta ihr zustimmen musste, glaubte sie, vor lauter Angst würde sie keinen Bissen hinunterbringen. Nur weil ihr Thorgold und Raven nicht von der Seite wichen, wagte sie, Lord Hawks Halle zu betreten.
Da war die junge Frau wieder. Mit ihrer sonderbaren Begleitung erschien sie in der Halle. Sie wirkte bedrückt, und Hawk verstand nicht, warum. Über den Rand seines Bechers hinweg beobachtete er die Dienerin und hörte dem eifrigen, unermüdlichen Edvard nur mit halbem Ohr zu.
»Obwohl es nur selten geregnet hat, gedeiht die Ernte recht gut, dank der Bewässerungsgräben, die vor drei Jahren auf Euren Wunsch angelegt wurden. Allerdings wird der Ertrag nicht so reichlich ausfallen wie im regnerischen letzten Sommer. Trotzdem werden wir die Vorratslager zur Genüge auffüllen.«
»Zur Genüge...«, murmelte Hawk, ohne die junge Frau aus den Augen zu lassen. Kerzengerade ging sie zu einem der Tische und schaute sich ängstlich um. Die geschmeidigen Bewegungen ihrer schlanken Gestalt wiesen auf ein aktives Leben hin. Kein Wunder – sie war eine Dienerin und zweifellos an körperliche Arbeit gewöhnt. Aber ihre glatte Haut erweckte nicht den Eindruck, sie wäre der frischen Luft und dem Sonnenschein allzu oft ausgesetzt.
»Mit unserem Salz werden wir auskommen. Allerdings sollten wir den Vorrat aufstocken, sobald wir größere Mengen zu einem günstigen Preis kaufen können. Wie Ihr wisst, führt die unsichere Situation an den Küsten manchmal zu einer unerwarteten Blockade der Transportwege.«
Ihr pechschwarzes Haar glänzte nicht – der einzige Makel an ihrer äußeren Erscheinung.
Plötzlich zuckte Hawks Hand, und er verschüttete ein paar Tropfen Ale. Woran dachte er? Ob er eine Dienerin seiner Braut hübsch oder unansehnlich fand, spielte keine Rolle. Eigentlich dürfte er die Anwesenheit des Mädchens gar nicht zur Kenntnis nehmen. Einen so schweren Fehler würden nur dumme Männer begehen. Und Hawk war keineswegs dumm. Sicher, die Heirat missfiel ihm. Diesen Entschluss hatte er nur gefasst, um den Frieden zu sichern. Auch in seinem eigenen Haushalt wollte er für Ruhe und Ordnung sorgen. Eine Dienstmagd seiner künftigen Gemahlin! Also wirklich! Großer Gott, wenn ihn schöne grüne Augen dermaßen faszinierten, brauchte er dringend eine Frau. Seltsam, erst vor kurzem hatte er sich an Alfreds Hof mit einer netten Witwe vergnügt, die klug genug war, um nicht mehr von ihm zu verlangen als ein oder zwei Liebesnächte. Nun ja, er hatte etwas öfter ihr Bett geteilt. Warum auch nicht? In der Blüte seiner Jahre hatte er sich gegen das Leben eines Mönchs entschieden, in der Gewissheit, er würde über die Forderung des Zölibats stolpern.
Bald würde seine Braut ankommen. Wie sein Schwager behauptet und sogar geschworen hatte, war sie nicht unansehnlich, was immer das heißen mochte. Zum Teufel mit Wolf und seinen vagen Andeutungen! Jedenfalls würde Hawk seine ehelichen Pflichten erfüllen und sich – sollte Lady Krysta seiner Leidenschaft kaltblütig begegnen – eine Geliebte nehmen. Aber nicht diese Dienerin! Allein schon der Gedanke erschreckte ihn.
»... die Holzkohle könnte Probleme aufwerfen, wenn Ihr die Produktion in der Schmiede zu steigern wünscht. Während uns genug Eisen zur Verfügung steht, müssten wir... Mylord?« Endlich fiel dem Verwalter das mangelnde Interesse seines Herrn auf, und er verstummte.
Bevor Hawk das Schweigen bemerkte, verstrichen ein paar Minuten. Um sein Versäumnis zu überspielen, hob er eine Hand. »Genug, Edvard. Euer Arbeitseifer beeindruckt mich. Aber nun wollen wir uns entspannen, die Mahlzeit genießen und nicht mehr über Produktionssteigerungen reden.«
Ringsum stimmten die privilegierten Ritter, die an seiner Tafel saßen, in sein Gelächter ein. Sosehr sie den tüchtigen Edvard auch schätzten und seinen gesellschaftlichen Aufstieg bewunderten – seine Verlegenheit störte sie kein bisschen. Nachdem er seine Zerknirschung gemeistert hatte, grinste er, schob die Schiefertafel mit diversen Notizen unter seine Tunika und setzte sich. Sofort brachte ihm eine hübsche Magd, die in letzter Zeit immer öfter seine Nähe suchte, einen Becher Ale. Ihr ermutigendes Lächeln drang sogar ins Bewusstsein des sachlichen, verantwortungsvollen Verwalters und beschwor neue Lachsalven herauf. Auch Hawk amüsierte sich, froh über die heitere Atmosphäre, die ihn von den düsteren Gedanken an seine bevorstehende Hochzeit ablenkte – leider nur kurzfristig.
Wie gut sich die Krieger an der großen Tafel unterhalten, dachte Krysta und musste sich zusammenreißen, um nicht dauernd hinüberzustarren. Trotzdem ertappte sie sich immer wieder dabei. Wenn ihr Bräutigam lachte, sah er viel jünger und zugänglicher aus. Sekundenlang erwog sie sogar, Thorgolds und Ravens Rat zu befolgen und ihm die Wahrheit zu gestehen. Eine lockende Versuchung. Besonders, wenn sie sich ausmalte, wie es wohl wäre, in seinen starken Armen zu liegen... Aber sie bekämpfte ihren Wunsch. Selbst wenn er ihr das Täuschungsmanöver verzeihen und sogar ulkig finden würde, so wie er jetzt über die Scherze seiner Ritter lachte, wäre sie ihrem Ziel keinen Schritt näher gekommen. Mit aller Macht wollte sie dem Schicksal entgehen, das ihre Mutter ins Verderben gestürzt hatte. Deshalb musste sie die Liebe des stolzen Sachsenlords erringen. Nicht einmal ihre eigene Sehnsucht durfte diesen Plan vereiteln.
Um sich auf andere Gedanken zu bringen, musterte sie den Raum. Mit seinen Holzwänden glich er dem Quartier der Dienerinnen, war aber viel größer und nach männlichem Geschmack ausgestattet. Überall hingen Banner, Schilde und Waffen, die das Licht des Herdfeuers und der Fackeln in den Eisenständern widerspiegelten. Auf der herrschaftlichen Tafel aus poliertem Eichenholz prangten Schüsseln und Platten aus gehämmerter Bronze. Hawk saß auf einem imposanten, reich geschnitzten Thron mit hoher Lehne, die Stühle seiner privilegierten Krieger und des Verwalters waren mit edlem gegerbten Leder bespannt. Alles in allem zeugte die Einrichtung von Macht und Wohlstand und ließ keinen Zweifel an der unbeugsamen Willenskraft des Besitzers. Auch das niedrige Volk wurde nicht vernachlässigt.
Für die Dienerschaft standen Platten und Schüsseln aus Zinn oder Keramik und geschnitzte Hornbecher auf langen Tischen. Unter den wachsamen Augen Lady Darias, die an der Tafel ihres Bruders saß, servierten die Mägde das Essen. Am fröhlichen Gespräch nahm sie ebenso wenig teil wie der Priester an ihrer Seite.
Ravens spitzer Ellbogen riss Krysta aus ihren Gedanken. Verblüfft zuckte sie zusammen. »Jetzt starrt er Euch schon wieder an«, teilte ihr die Dienerin mit und spähte an ihrer langen Nase vorbei, um einen Seitenblick zum herrschaftlichen Tisch zu werfen. »Er scheint sich zu wundern. Und wer kann ihm das verübeln? Was denkt Ihr Euch eigentlich? So unverhohlen zu gaffen...«
Beklommen schaute Krysta zu Lord Hawk hinüber, der ihren Blick tatsächlich erwiderte, und zog den Kopf ein. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Als ihn der Mann ansprach, der neben ihm saß, und seine Aufmerksamkeit erregte, verflog ihr Unbehagen.
Thorgold ergriff eine Platte und häufte Heringe auf seinen Teller. Genauso schnell zog er den Brotkorb zu sich heran, ohne die tadelnden Blicke der anderen Dienstboten zu beachten. Raven steckte einen ganzen Fisch in den Mund, schluckte ihn hinunter und schnitt eine Grimasse. Sehnsüchtig betrachtete sie die gebratenen Rebhühner, die zu Lord Hawks Tafel getragen wurden. »Die würden mir besser schmecken.«
»Hoffen wir, dass der Koch nicht zu erfinderisch ist«, kicherte Thorgold. »Sonst würdest du deine Kusinen am Ende im selben Zustand sehen.«
Ravens kleine Augen funkelten. »Nicht einmal diese primitiven Sachsen wären so dumm.«
»Still!«, mahnte Krysta. Sie unterhielten sich auf Norwegisch, aber man konnte nicht wissen, wer diese Sprache verstand. Wie ihr die verschwenderische Einrichtung der Halle verriet, beruhte Lord Hakws Reichtum hauptsächlich auf einem blühenden Handel. Seine Festung schützte den Hafen, den zweifellos zahlreiche Schiffe ansteuerten. Auch die Norweger trieben einen lebhaften Handel, und Thorgold wandte seine eigenen Methoden an, um sich luxuriöse Waren aus fernen Ländern zu beschaffen. Ob er unter den Brücken arglosen Reisenden auflauerte und Tribut von ihnen verlangte, wollte Krysta gar nicht fragen...
In Lord Hawks Halle entdeckte sie kostbaren Samt aus Byzanz, roch Gewürze aus den Ländern der aufgehenden Sonne und bewunderte Juwelen aus dem Gebiet jenseits der großen Wüste, die angeblich nahe der Südküste des Mittelmeers lag. Mit dem Handel lernten die Menschen auch eine verfeinerte Kultur kennen, es wäre ein Fehler, die Sachsen zu unterschätzen – trotz ihrer zwanglosen Manieren.
Besonders unbefangen benahmen sie sich, wenn sie aßen. Nur Krysta verspürte keinen Appetit. Da sie nicht auffallen wollte, ließ sie ihren Blick über die gefüllten Platten und Schüsseln wandern. Womit sollte sie sich stärken? Beruhigt atmete sie auf, als sie frischen grünen Salat und Käse sah. Damit gab sie sich zufrieden. Außerdem wählte sie ein Stück Brot und einen schmackhaften Hering. An der herrschaftlichen Tafel wurden gebratene Rehkeulen und ein Eintopf mit geschnetzeltem Wildfleisch serviert. Während Krysta ihren Käse verspeiste, trugen die Mägde köstlich duftende Fleischtöpfe an ihr vorbei.
Wie Hawk feststellte, aß sie nur wenig. Vielleicht war sie deshalb so schlank, nicht wegen der harten Arbeit eines Dienstboten. Dann musste seine Braut, die unbekannte Krysta von Vestfold, eine gütige Herrin sein. Würde er eine freundliche, sanftmütige Frau heiraten, die Balsam für sein schwieriges Leben wäre? Möglicherweise – wenn er endlich aufhörte, ihre Dienerin anzustarren. Heiliger Himmel, was ist denn los mit mir, überlegte er verärgert.
Im allgemeinen Stimmengewirr und Gelächter ging der laute Knall unter, mit dem er seinen Becher ungestüm auf den Tisch stellte. Darüber war er froh. Keiner seiner Leute durfte sein Interesse an der jungen Frau bemerken, das man für Schwäche halten würde. Beim Anblick des Barden, der neben den Herd trat, seufzte Hawk erleichtert. Der Mann breitete die Arme aus. Mit seiner tiefen Stimme bat er die Versammlung um Aufmerksamkeit, und die leisen Klänge der Handtrommel, auf die sein Lehrling schlug, untermalten die Worte.
»Hört mich an!
Ich singe von großen Herren und edlen Taten,
Von kühnen Heldentaten, die unsere Feinde besiegen,
Feinde, die vor uns fliehen.
Dank der göttlichen Gnade triumphieren wir.
Der Allmächtige schenkte uns einen großen Führer,
Den mächtigen König Alfred.
Und seine starke rechte Hand, Lord Hawk,
Der Habicht mit den schnellen Schwingen und tödlichen
Krallen,
Hält uns in seinem schützenden Griff fest.
Große Herren und edle Taten!
Und die Feinde fliehen
Für immer aus unserem Land!«
Lauter Jubel belohnte den Barden und verstummte sofort, als er erneut die Stimme hob. Aufmerksam lauschte Krysta, denn sie wusste, wie viel die Lieder über ein Volk verrieten.
Er enttäuschte sie nicht. Wortgewandt und leidenschaftlich berichtete er von den Ereignissen des Zeitalters: Alfreds Flucht in den Sumpf von Athelney, wo er sich vor den dänischen Eindringlingen rettete, seine Rückkehr nach Somerset; dort trommelte er seine Krieger zusammen, und das Heer errang bei Edington einen triumphalen Sieg über die Dänen.
Obwohl die Zuhörer diese Geschichte kannten, gerieten sie alle in den Bann des stimmgewaltigen Barden und hielten den Atem an, als würde sich das Geschehen vor ihren Augen abspielen. Während er Alfreds Geschick als Stifter und Bewahrer des Friedens pries, lächelten sie. Dann begann er, den Herrn von Hawkforte zu loben. Grinsend prosteten sie Hawk zu, der die Schilderung seiner Taten eher resignierend über sich ergehen ließ.
Der Barde sang:
»Dann weinten die Menschen
Um den Verlust Lady Cymbras.
Im Dunkel der Nacht
War der Wolf aus dem Norden gekommen,
Um sie in seine große Festung zu entführen,
Sciringesheal am Meer.
Dorthin flog der Habicht, zielstrebig und treu,
Getreu seiner Ehre und seines Mutes,
Kühn entschlossen, Cymbra zu befreien
Und heimzubringen.
Doch der Wolf kehrte auf eisigen Wellen zurück
Und beanspruchte seine Gemahlin.
Da beschwichtigte die Heilkundige den Zorn der Krieger,
Und die beiden Herren schlössen Frieden,
Hier auf Hawkforte,
Den Frieden der Familienbande,
Den Frieden der Kinder, die bereits geboren sind und noch geboren werden,
Den Frieden unserer für immer vereinten Völker!«
Noch bevor das letzte Wort verhallte, erfüllte schallendes Jubelgeschrei die Halle. Begeistert schlugen die Leute mit ihren Hornbechern auf die Tische. Der Lärm beunruhigte Raven und ärgerte Thorgold. Aber Krysta war fasziniert. Ein Jahr zuvor hatte sie diese Geschichte in der reichen Hafenstadt Sciringesheal gehört. Dort lebte der mächtige Norweger Wolf, ein listenreicher Krieger. Er hatte eine schöne Frau entführt und im Zorn zu einer Ehe gezwungen, in der die Saat wahrer Liebe gewachsen war. Lord Hawk holte seine gestohlene Schwester zurück. Nur Lady Cymbras Besonnenheit hatte einen Krieg verhindert. Für das Bündnis zwischen Wolf und Hawk interessierte sich Krysta ganz besonders, denn ihre eigene Heirat sollte es festigen. Dagegen hatte sie nichts einzuwenden. Wenn ihre Ehe dem Frieden dienen sollte – umso besser. Aber sie wollte auch geliebt werden. Sonst würde das kalte graue Wasser, das ihre Mutter geholt hatte, auch sie in ein nasses Grab hinabziehen.
Zu der freudigen Stimmung, die in der Halle herrschte, passten diese düsteren Gedanken nicht, und Krysta verdrängte sie. Wenig später suchte sie mit Raven ihren Alkoven auf und hoffte Schlaf zu finden – an diesem seltsamen fremden Ort, den sie von jetzt an ihr Heim nennen musste. Für immer.
Bevor die letzten Sterne erloschen, der erste Hahn krähte und die Sperlinge in der Dachrinne des Frauenhauses zu zwitschern begannen, erwachte Krysta aus einem unruhigen Schlummer. Eine Zeit lang lag sie im grauen Schatten und wusste nicht, wo sie sich befand. Die Luft duftete nach Holz und Rauch. Wie daheim. Auch die Vogelstimmen klangen nicht anders. Aber das Klima war wärmer, und sie nahm einen schwachen Salzgeruch wahr. In der Ferne rauschten Wellen, die an eine sanftere Küste schlugen. Bald kehrten die Erinnerungen zurück und verscheuchten den letzten Nebel des Schlafs. Sie stand auf und musterte Raven, die immer noch schlummerte, den Kopf auf die Brust gesenkt.
Um die Freundin nicht zu stören, zog sich Krysta möglichst lautlos an. Sie wählte ein schlichtes Wollkleid, blau gefärbt mit einer Mischung aus Löwenzahnwurzeln, Waid und Wacholder. Um ihre Taille schlang sie einen Ledergürtel, an dem die traditionellen Gerätschaften einer vertrauenswürdigen Dienerin hingen – ein Messer, ein Fingerhut, ein kleiner Filzbeutel mit Nähnadeln und kostbaren Scheren, außerdem die Schlüssel ihrer Truhen. Sie bedeckte ihr Haar mit einem fein gewebten weißen Schal und warf ein Ende über die Schulter. Für den Tag gerüstet, schlich sie an den anderen Alkoven vorbei und trat ins Freie.
Verwundert beobachtete sie die Männer, die auf den Mauern patrouillierten. Schon zu dieser frühen Stunde? Oder hatten sie die ganze Nacht Wache gehalten? Vermutlich. Auch diese Vorsichtsmaßnahme zeugte von der Macht und Entschlossenheit des Festungsherrn.
In den Küchenräumen loderten bereits helle Flammen, und mehrere Dienstboten durchquerten den Hof. Das Tor blieb vorerst geschlossen. Nur an seiner Seite stand eine kleine Tür offen, um einige Frühaufsteher einzulassen. Im Schatten der Mauer huschte Krysta zu diesem Ausgang und wartete, bis eine Schar kichernder, geschwätziger Wäscherinnen hereingekommen und an ihr vorbeigeeilt war. Dann schlüpfte sie hinaus. Während sie den Hang hinablief, spürte sie ein seltsames Prickeln im Nacken und gewann beinahe den Eindruck, Hawkforte würde ihr missbilligend nachschauen.
Sie beschleunigte ihre Schritte und erreichte den Wald am Fuß des Hügels. Im Schutz der ersten Bäume hielt sie inne, um Atem zu schöpfen. Mit ihrer Heimat verglichen, wirkte die Szenerie mild und beschaulich. Ein Bach plätscherte in der Nähe, dessen Wasser über bemooste Felsen strömte und in einen stillen Teich mündete. Fast unmerklich ging dieses Gewässer ins Meer über, der fruchtbare Erdboden in feuchten Sand. Hier wuchsen keine Eichen, sondern Kiefern, und der süße Duft des Grases wich dem Salzgeruch der See. Krysta verließ den kühlen Schatten des Waldes und sah einen breiten Strand. Vor ihr erstreckte sich eine Bucht.
Impulsiv breitete sie ihre Arme aus, als wollte sie alles umfangen, was sie erblickte. Ihre Füße tanzten anmutig über den Sand. Lachend drehte sie sich im Kreis und wich den Wellen aus, die den Strand überspülten. Hinter ihr stieg die Sonne empor und tauchte die Küste in goldenes Licht.
Auch die übermütige junge Frau. Dahin und dorthin glitt ihre schlanke Gestalt, so schwerelos, dass ihre Sohlen den Sand kaum zu berühren schienen, dass sie eher einer Elfe glich als einem menschlichen Wesen. Hawk saß auf einem Felsvorsprung oberhalb des Strandes und beobachtete sie fasziniert. Halb und halb erwartete er, sie würde im Schleier der Gischt verschwinden. Sein Blick folgte ihr am Wasserrand entlang. Nun wechselte die Brise ihre Richtung und wehte kristallklares Gelächter zu ihm herauf. Zu seiner eigenen Überraschung lächelte er.
Natürlich, sie amüsierte ihn – mehr steckte nicht dahinter. Irgendetwas an der seltsamen Kombination scheuer Unbeholfenheit und unschuldiger Grazie durchbrach seine gewohnte Zurückhaltung. Doch er empfand keine Begierde, sondern nur Belustigung. Zweifellos war sie hübsch, aber er kannte viele reizvolle Frauen, und es hatte ihm niemals Schwierigkeiten bereitet, sich mit ihnen zu vergnügen und dann seiner Wege zu gehen, ganz nach Belieben. Immerhin musste ein Mann wichtige Dinge beachten. Nur ein Narr ließ sich von seinem Schwanz leiten.
Unter seinen Stiefeln rieselten Kiesel hinab. Erst jetzt merkte er, dass er den Hang zum Strand hinunterstieg. Das hatte er nicht beabsichtigt. Und wenn schon. Um vor dem Getriebe des Tages ein bisschen Zeit für sich selbst zu finden, war er hierher gekommen. Warum sollte er nicht über seine eigenen Gestade wandern? Nicht er war der Störenfried, sondern sie. So wie die beiden anderen merkwürdigen Dienstboten, die sich ungebeten nach Hawkforte begeben hatten, ohne seine säumige Verlobte. Offenbar hatten sie nichts anderes zu tun, als sich zu amüsieren. Dass Daria ihnen keine Arbeit zugewiesen hatte, verblüffte ihn. Aber wahrscheinlich wollte sie den Leuten keine Gelegenheit geben, sich nützlich zu machen, was ein günstiges Licht auf ihre Herrin werfen könnte. Wie würde sich seine Schwester verhalten, wenn sie ihre Position an Lady Krysta abtreten musste? Dieses Problem wollte er in aller Entschiedenheit lösen. Doch das war erst nach der Ankunft seiner Braut möglich, wenn er wusste, wie energisch sie auftreten würde. Nach allem, was er bisher festzustellen vermochte, war sie entweder ungewöhnlich kühn, weil sie ihn mit ihrer Verspätung herausforderte, oder sie wagte sich vor lauter Angst nicht an seine Küste. So oder so, Hawk rechnete mit erheblichen Schwierigkeiten.
Ein Grund mehr für einen erholsamen Strandspaziergang.
Als Krysta sich bückte, um einen irisierenden Stein am Rand einer kleinen Pfütze zu betrachten, fiel ein Schatten über sie. Sie richtete sich auf und beschattete ihre Augen mit einer Hand. Angesichts der dunklen Silhouette vor der aufgehenden Sonne rang sie nach Luft. Lord Hawk. Obwohl ihr seine Züge verborgen blieben, erkannte sie ihn sofort. Kräftig gebaut und hoch gewachsen, überragte er sie um mindestens zwei Haupteslängen, und sie selbst war, verglichen mit den meisten Sächsinnen, ziemlich groß. Mit seinen breiten Schultern verdeckte er beinahe das Sonnenlicht. Weder sein Äußeres noch seine Haltung drückten etwas Sanftes aus, vielleicht abgesehen von den Locken, die im Wind flatterten. Auf dieses Haar, das sich um seinen Hals kräuselte, konzentrierte sie sich. Seidig und weich, wie Babylöckchen... Bei diesem Gedanken lächelte sie.
»Guten Morgen.« Seine Stimme glich einem Quell, der in den Tiefen der Erde entsprang. Ohne Zögern ergriff sie die Hand, die er ihr reichte. Seine Haut fühlte sich warm an, die Handfläche rau und schwielig. Hastig zog sie ihre Finger zurück und blinzelte in die Sonne.
»Guten Morgen, Mylord.« Sie sprach klar und deutlich. Aber in ihren eigenen Ohren hörte sich ihre Stimme schwach und zittrig an, wie das Lied von Schilfgräsern in einem heftigen Windstoß.
»Wo ist deine Herrin?«
Die unvermittelte Frage verwirrte Krysta. Gegen ihren Willen schaute sie auf und begegnete seinem Blick. »Meine Herrin, Mylord?«
»Lady Krysta. Entsinnst du dich nicht, wem du dienst?«
Benahm er sich immer so anmaßend? So ungehobelt? Dieser Mann, dessen Liebe sie gewinnen musste? Sekundenlang presste sie die Lippen zusammen. »Das weiß ich sehr gut, Mylord. Lady Krysta kommt hierher.«
Die Stirn gerunzelt, strich er durch seine seidigen Locken – eine Geste, die seine Ungeduld bezeugte. Halb wandte er sich ab, als wollte er nichts mehr mit ihr zu tun haben. Dann drehte er sich wieder um, offensichtlich unentschlossen. »Ja, das hat man mir mitgeteilt. Nun frage ich mich, warum sie noch nicht eingetroffen ist.«
Auf solche Fragen war sie nicht gefasst. Sie hatte nicht einmal erwartet, mit ihm zu reden, solange sie die Dienerin seiner abwesenden Braut spielte, sondern angenommen, sie würde ihn nur aus der Ferne beobachten. Stattdessen stand er dicht vor ihr, und ihre Unsicherheit wuchs. »Für Lady Krysta kann ich nicht sprechen, Mylord.«
Angstvoll sah sie, wie er die Brauen zusammenzog. Ist mein Bräutigam gewalttätig, überlegte sie. Bis zu einem gewissen Grad zweifellos, denn er war ein mächtiger Kriegsherr. Aber wandte er auch gegen schwächere Menschen rohe Gewalt an? Würde er eine Dienerin schlagen, die nicht die gewünschte Auskunft gab? Oder eine Ehefrau, die sein Missfallen erregte?
Seufzend schüttelte er den Kopf. »Nein, das kannst du wohl nicht. Danach hätte ich dich gar nicht fragen sollen.«
So nachsichtig war er? So schnell bereit, ihr zu verzeihen? Eine neue Zuversicht stieg in ihr auf. Um ihn zu erfreuen, betonte sie: »Jedenfalls wird sie nach Hawkforte reisen. Und sie fiebert ihrer Ankunft entgegen.«
»Tatsächlich?« Sein Staunen wirkte fast jungenhaft. Und was las sie in seinen meerblauen Augen? Hoffnung?
Aus einem unergründlichen Impuls heraus, wollte sie diese Hoffnung schüren. »O ja. Mit dieser Heirat möchte Lady Krysta einen Beitrag zum Frieden zwischen den Norwegern und den Sachsen leisten, und sie glaubt, das wird ihr gelingen.«
»Also genießt du ihr Vertrauen? Teilt sie dir ihre Gedanken mit?«
Krysta zauderte. Was sollte sie erwähnen? Wie weit durfte sie gehen? »Wenn ich auch nur eine Dienerin bin, Mylord – in dieser Angelegenheit kenne ich die Wünsche meiner Herrin. Daraus macht sie kein Geheimnis.«
»Dann hegt sie keine Bedenken?« Hawk warf einen Blick aufs Meer, bevor er sie wieder anschaute. »Keine Zweifel?«
»Nun – die Heirat wird ihr Leben völlig verändern, mit einem fremden Mann, in einem fernen Land. Aber meine Herrin ist fest entschlossen, ihr Bestes zu tun, um Euch zu beglücken.«
»Sicher wäre ihr Erscheinen ein guter Anfang.« Seine Worte klangen nicht ärgerlich, nur leicht irritiert.
»Allzu lange müsst Ihr nicht mehr warten, Mylord. Es ist nur – ihr ganzes bisheriges Leben verbrachte sie mit denselben Menschen, und die Trennung fällt ihr schwer. Vor der Abreise will sie für das Wohl dieser Leute sorgen.«
»Darum müsste sich ihr Halbbruder kümmern – wie heißt er doch gleich? Sven?«
Beklommen fragte sie sich, was eine Dienerin über Sven sagen würde. Nur dreimal in ihrem Leben war sie ihm begegnet. Einmal nach dem Tod des Vaters, das zweite Mal bei Wolf Hakonsons Besuch, und zuletzt hatte der Bruder sie zu sich bestellt, um ihr mitzuteilen, sie würde Lord Hawk heiraten. Trotz der nur flüchtigen Bekanntschaft fühlte sie sich unbehaglich, wann immer sie an Sven dachte, denn sie hielt ihn für einen Mann mit leerem Lächeln. Und seine Versprechungen erschienen ihr noch leerer. »Gewiss, Mylord. Aber Lady Krysta möchte persönlich die Verantwortung für ihre Leute übernehmen.« Das stimmte. Wochenlang hatte sie sich um ein paar Dutzend Familien im Dorf unterhalb ihres Hauses auf den Meeresklippen bemüht und ihre Zukunft gesichert.
»Wie lobenswert...«
Krysta begann zu lächeln.
»Es sei denn, die Lady ließ sich von ihrer Eitelkeit leiten.«
Da erlosch das Lächeln. »Eitelkeit?«, wiederholte Krysta und schnappte entgeistert nach Luft. »Ist man eitel, wenn man für seine Mitmenschen sorgt?«
»Manche Leute wissen nicht zwischen echter Anteilnahme und dem Bestreben zu unterscheiden, andere zu beherrschen.«
»Glaubt mir, Lady Krysta kennt den Unterschied.«
Obwohl er nickte, wirkte er keineswegs überzeugt. »Natürlich bist du ihr treu ergeben, das ist verständlich.«
»Nicht nur treu ergeben, Mylord. Ich kenne Lady Krysta, und ich versichere Euch, sie will niemanden beherrschen.«
Plötzlich starrte er sie so eindringlich an, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief. »Ist sie etwa dumm?«
Wenn sie den Mund noch weiter aufriss, würde sie womöglich eine Fliege verschlucken. Ein paar Mal musste sie tief Atem holen, bevor ihr die Stimme wieder gehorchte. »Darf ich fragen, warum Ihr das befürchtet, Mylord?«
»Weil die meisten Menschen eine gewisse Macht ausüben möchten. Nur die Törichten tun alles, was man ihnen befiehlt. So ist die Lady doch nicht veranlagt?«
Geduld, mahnte ihr Verstand. Hoffnung, drängte ihr Herz. »Keineswegs, Mylord.«
Lord Hawk bückte sich und hob den schimmernden Stein auf, den sie vorhin bewundert hatte. Mit einer flinken Drehung des Handgelenks schleuderte er ihn aufs Meer. Fünfmal hüpfte der Kiesel über die Wellen, ehe er versank. »Und wie ist sie?«
Die Neugier eines Jungen, die Frage eines Mannes.
»Wie ich bereits erklärt habe, sie sorgt sich um ihre Leute. Sie möchte den Frieden zwischen den Norwegern und Sachsen festigen, und sie wird ihr Zuhause vermissen. Aber sie ist fest entschlossen, auf Hawkforte ein neues Heim zu finden.«
Wie wehmütig ihre Stimme klingt, dachte Hawk. Nicht nur ihre Herrin wird an Heimweh leiden. Er musterte die junge Frau, deren Gesellschaft er nicht gesucht, nach deren Namen er absichtlich nicht gefragt hatte, ein Mädchen mit grünen Augen und Sommersprossen auf dem Nasenrücken, ein hübsches Ding... Nicht so strahlend schön wie seine Schwester Cymbra, deren Anwesenheit genügte, um allen Männern den Kopf zu verdrehen. Wenn die Dienerin lächelte, wirkte sie noch zauberhafter. Oder wenn sie ihn nachdenklich betrachtete, so wie jetzt.
Streckte er wirklich und wahrhaftig eine Hand aus, um ihre Wange zu berühren?
Mühsam schluckte sie und wich zurück. »Mylord...«
»Krah, krah...« Im Sonnenschein flatterten schwarze Schwingen. Hawk blickte zu dem Raben auf, der dicht über seinem Kopf kreiste. Auf den Ästen der Bäume hinter dem Strand hockten weitere Raben, dunkle Schatten zwischen den Blättern. »Krah, krah...« Hatte es schon immer so viele Raben auf Hawkforte gegeben? Daran erinnerte er sich nicht. Und es spielte auch gar keine Rolle. Solche Vögel flogen herbei und wieder davon.
Doch die grünäugige Dienerin nahm den kleinen Zwischenfall viel wichtiger. Zunächst wirkte sie erstaunt, dann biss sie ärgerlich in ihre Unterlippe. Vielleicht mochte sie Vögel nicht. »Mylord, jetzt muss ich gehen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie den Strand hinauf. Beinahe wäre er ihr gefolgt. Aber er hielt sich gerade noch rechtzeitig zurück. Eine Dienstmagd seiner Braut! Welch eine Torheit...
Eine Zeit lang blieb er am Wasserrad stehen, bis ihn die Pflicht zur Festung zurücktrieb. Das Tor war geöffnet, mehrere Wagen fuhren hindurch, Handkarren wurden in den Hof geschoben. Außerhalb der Mauer lag die Stadt, von Hawks gut ausgebildeten Männern bewacht. Bald drohten die blühenden Geschäfte der Siedlung ihre Wälle zu sprengen. Im nächsten Jahr würde Hawk eine neue Mauer errichten lassen. Viele Kaufleute zogen hierher, die im Schutz seines Schwerts zu Wohlstand gelangten. Auch Gelehrte kamen von weit und breit an diese Küste, eine Entwicklung, die König Alfred in die Wege geleitet hatte. Nur zu gern folgte Hawk diesem Beispiel, denn er schätzte die Gesellschaft von Männern, die zahllose Bücher gelesen hatten und so anschaulich über längst vergangene Ereignisse sprechen konnten, als wären sie erst gestern geschehen. Zahlreiche Zugereiste besaßen andere Talente. Auf Hawkforte arbeiteten die besten Schmiede von ganz Essex und darüber hinaus, das galt ebenso für die Gerber, Zimmermänner und übrigen Handwerker. Emsige Mönche schmückten in der Abtei, die Hawk gebaut hatte, ihre Handschriften mit schönen Bildern. Fachkundige Apotheker betreuten die Kranken. Besonders stolz war Hawk auf die Kanäle, die seine Experten angelegt hatten und die in diesem Jahr, wo es nur selten geregnet hatte, für üppig grüne Felder sorgten.
