Wild Division - G. M. Panther - E-Book

Wild Division E-Book

G. M. Panther

0,0
15,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Anfangs wollten sie die Musik nur für sich behalten und nicht an die Öffentlichkeit gehen. Wer hätte gedacht, dass sie mittlerweile zusammen in den größten Konzerthallen stehen würden?" Grace M. O'Reilly führt das perfekte Leben. Mit ihren drei Freundinnen hat sie es geschafft in der Musikbranche einen Namen als Girlband Wild Division zu machen und gibt Konzerte in den größten Arenen. Doch wie es so ist, ist kein Leben perfekt. Auch das von Grace nicht. Denn auf einmal wird sie von ihrem Manager zu einer Wahl zwischen Freundschaft und Erfolg gestellt und als wäre das nicht genug, da platzen auch noch fünf Jungs in ihr Leben, wodurch Grace mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. "Freundschaft, Liebe und die Hürden des Lebens. Alles in einem verpackt in einer lebensweltlichen Story." ~ML

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 609

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-336-6

ISBN e-book: 978-3-99131-337-3

Lektorat: Melanie Dutzler

Umschlagfotos: Richard Cote, Bogadeva1983, Nelsonpeng, Pressmaster | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

1. Track

„Wild Division! Wild Division!“, schrien Tausende Fans durch die große O²-Arena in London mitten in der dunkelsten Nacht.

Und wie die Sterne, die wie die schönsten Diamanten im Himmel funkelten, erstrahlten genauso viele Handylichter in der dunklen, großen Arena, wodurch eine atemberaubende, ja, eine fast schon unglaubliche Stimmung erschaffen wurde. Plakate unterschiedlichster Größen, Farben und Formen wurden von unzähligen Händen in die Höhe gehoben und hatten Aufschriften wie zum Einen „I love you Wild Division“ oder „Your history is OUR history!“ Es gab so viele liebevoll gestaltete Projekte und man wusste gar nicht mehr, welches man als Nächstes bewundern sollte. Einzelne Scheinwerfer in verschiedenen Farben huschten durch die tobende Menschenmasse, während wir – vier Mädchen, eine Band – die letzte Silbe unseres neuen Songs „Coming home“ sangen.

Diese Band war meine Band und ihr Name war, wie man es laut in der Arena hören konnte, Wild Division.

Gänsehaut überkam mich, Grace O’Reilly, als die Fans wieder einmal ausflippten. Manche Mädchen weinten sogar vor Freude, da für sie an diesem Abend offensichtlich ein Traum wahr wurde.Dieser Gedanke brachte der Band jedes Mal mehr Energie. Ja, es machte uns sogar stolz, dass wir dieses Gefühl bei Menschen auslösen konnten. Besonders war es für mich immer eine Ehre, durch unsere Leidenschaft – das Singen und die Musik, die wir ausleben durften –, einen Saal voller Menschen in Stimmung zu bringen.

Nun standen wir seit einer Weile auf der großen Bühne, die in der O²-Arena, Millennium Dome, aufgebaut worden war, und präsentierten die Songs unseres neuen Albums „Rising Phoenix“, welches vor wenigen Monaten auf dem Markt erschienen war.

„Seid ihr bereit für OUR HISTORY!!“, rief ich in mein Mikrofon und sofort wurde das Geschrei im Saal noch einmal lauter. Grinsend sah ich zu meinen besten Freundinnen, mit denen ich den Erfolg teilen durfte: Skyler Dancer, Nina McCarthy und Allison Watson, die Mädchen, die mit mir durch Dick und Dünn gehen würden.

Von ihnen kam nun Nina lachend auf mich zu gesprintet und sprang förmlich in meine Arme, da sie durch den Auftritt von Euphorie erfüllt war. Nur knapp konnte ich uns vor dem Fallen bewahren und sie flüsterte in mein Ohr: „Unser letztes Lied für diese Tour.“

„Leider, ich liebe dieses Gefühl“, entgegnete ich mit Schmetterlingen im Bauch und Nina stimmte mit einem schnellen Nicken zu: „Und ich erst.“

Gemeinsam ließen wir unseren Blick über die rasende und kreischende Menschenmenge streifen, wobei wieder ein Schwung an Energie durch meinen Körper schoss.

Die unbeschreibliche Stimmung trieb mich voran und in diesem Moment war kein Anzeichen der Müdigkeit zu spüren. Nein, im Gegenteil, ich war mehr als nur hibbelig und hätte vor Begeisterung laut in das Stadium jubeln können, trotz unseres langen Auftritts. Doch wie lange wir schon in dieser Halle standen und den Fans eine Show ablieferten, war für mich unklar. Denn durch die bombastische Atmosphäre wurde alles egal. Es gab nur noch uns, die Fans und die Musik, die uns in eine andere Welt katapultierte und uns einen unvergesslichen Abend schenkte.

Skyler und Allison rannten plötzlich im höchsten Tempo an mir und Nina vorbei und schrien etwas für mich Unverständliches ins Mikrofon, was aber die Fans wiederum aufschreien ließ. Hätten die beiden Mädchen nicht rechtzeitig vor dem Bühnenrand abgebremst, so wären sie in die Hände der Fans gefallen, die nach den Energiebündeln greifen wollten. Nur noch wenige Zentimeter waren zwischen ihnen verblieben, doch Allison nahm auch noch diese Distanz und klatschte mit einigen Mädchen ab, sodass ich das Gefühl bekam, sie würden in Ohnmacht fallen.

Skyler und Allison waren die Wildesten in der Band, wobei ich gestehen musste, dass das Mädchen mit den haselnussbraunen, geflochtenen Zöpfen, Allison Watson, die Unbeherrschbarste von uns allen war. Sie war diejenige, die gemeinsam mit Skyler das Publikum in Stimmung brachte und immer wieder neu aufheizte. Zwar konnten Nina und ich das auch, doch wir waren bekannt dafür, eher die ruhigere Partie der Band zu sein, und somit beobachteten wir aus der Ferne die Wildfänge bei ihrer Arbeit.

Da ertönten die ersten Akkorde eines bestimmten Intros und jeder in der Arena wusste, dass das Ende des Konzertes bevorstand. Denn sie wussten, zu welchem Song die Melodie gehörte, und dadurch nahm die Lautstärke in der Arena zu. Allisons kastanienbraunen Augen leuchteten wie bei einem Kleinkind auf und sie schrie: „Ihr kennt den Text, Divisioner! Enttäuscht mich nicht!“

„Und ihr müsst mich an meinen Text erinnern!“, lachte Skyler in ihr Mikrofon, woraufhin Allison kichernd hinterherrief: „Mal schauen, ob ihr den Text könnt! Aber bitte vergiss bloß nicht wieder deinen Part, Skyler.“

„Es tut mir ja leid!“, meckerte Skyler und Allison rollte mit den Augen. „Sag mir, wie lange bist du eigentlich schon in der Band?“

„Klappe“, entgegnete die Blondine und streckte Allison die Zunge raus, die daraufhin laut lachen musste.

Die Arena wurde ebenso mit Gelächter und Gejubel gefüllt und ich musste ungläubig den Kopf schütteln. Niemals hätte ich mir erdenken können, dass wir hier stehen würden, umringt von Tausenden von Fans, die nur gekommen sind, um dieser Band und ihrer Musik zuzuhören.

Ein Ereignis, welches ein ehemaliger Freund vorausgesagt hatte – und ich hatte darüber gelacht. Für mich war es damals ein Traum gewesen, doch für ihn war es mehr als das und am Ende hatte dieser Freund Recht behalten. Bis zu diesem Tag wusste ich nicht, wie ich ihm und seinem Glauben hätte danken können, denn leider hatten sich unsere Wege auf eine unglückliche Weise getrennt.

„Zeigt uns, was ihr könnt!“, erklang die Stimme von Nina neben mir und als Letzte rief ich: „Singt Our History!“

Seit Wochen waren wir durch ganz Europa und Amerika gereist, um die neuen Lieder vorzustellen und unseren Fans die Chance zu geben, Wild Division live zu erleben. Einige Konzerte waren ausverkauft gewesen und obwohl wir schon so viele Auftritte absolviert hatten, verschwanden die Aufregung und die Begeisterung für die Musik niemals. Daran erkannte man, dass es nicht nur eine Leidenschaft war, sondern unser Leben. Das große Publikum, der riesengroße Saal gefüllt mit Jubel und Geschrei und die Performance der neusten Songs waren etwas, was wir niemals missen, geschweige denn hergeben, wollten.

Nun waren wir tatsächlich an unserem letzten Song für diese Tournee angelangt und dieser Song trug den Titel: Our History.

Our History war der erste Song, den wir als Band geschrieben hatten, und hatte seine ganz eigene, kleine Geschichte, da die Entstehung einen eher düsteren Hintergrund hatte. Außerdem war er nicht auf einem unserer Alben zu finden, sondern wir sangen ihn nur an den Konzerten, wofür Wild Division in der Musikwelt und bei den Fans bekannt geworden war.

Auf Instagram behaupteten die Fans, dass nur ein wahrer Wild-Division-Fan, also ein Divisioner, den Text von Our History konnte und obwohl sich schon viele ihn als Studioversion gewünscht hatten, wussten sie, dass es immer bei einem einheitlichen „Nein“ der ganzen Band bleiben wird.

Die Scheinwerfer schienen nun in der Farbe Petrol auf und huschten geheimnisvoll durch das Stadium. Sie waren so schön, wild und mysteriös wie die Wellen des Meeres, die je nachdem, wie die Lichtstrahlen auf die Oberfläche fielen, in den unterschiedlichsten Blau- und Grün-Tönen aufleuchteten. Diese Farbe sollte unsere Band, unsere Musik und unser Leben widerspiegeln. Auf der einen Seite konnte es ruhig und wunderschön sein, doch auf der anderen Seite auch wild und unaufhaltsam.

Während die E-Gitarre das verlängerte Intro spielte, rannten Skyler und Allison zum hinteren Teil der Bühne und sprangen mit Anlauf auf zwei erhöhte, separate Podeste. Nina und ich gingen ebenfalls auseinander und stellten uns an den vorderen Bühnenrand, sodass wir mit den anderen Mädchen ein großes Viereck bildeten. Allison und Skyler standen auf den zwei Podesten, während Nina und ich vor ihnen auf dem niedrigen Bühnenteil waren. Wir hatten meistens keine Choreografie in unseren Liedern, doch das hatte den speziellen Grund, dass wir nicht unbedingt die besten Tänzer waren. Nur für Our History hatten wir einzelne, kleine Tanzeinlagen einstudiert, die aber nie synchron waren.

Als wir endlich so weit waren, begannen wir den ersten Chorus unseres Meisterwerkes zu singen.

It was a choice!

It was a way!

Now look where we are!

We are standing here!

After all this time

Finally this is our live!

And you’re a part of it, too!

So, let’s write our history!

Wie erwartet, fing das Publikum an mitzusingen und die Konzerthalle wurde von Tausenden Stimmen erfüllt, wodurch ich das Gefühl bekam, dass die Wände zu zittern begannen. Eine weitere Gänsehaut überkam mich und wir alle fühlten uns den Fans so nah. Es war, wie sie es immer beschrieben: Der Song verband jeden Einzelnen von uns, als würde er eine übernatürliche Macht mit sich tragen.

Als Nina anfing, die erste Strophe anzustimmen, vermischten sich einzelne Stimmen des Publikums mit ihrem schönen, dunklen Gesang, der jeden in einen unausweichlichen Bann zog. Das Publikum war verzaubert und wippte im Takt hin und her, gefolgt von den Lichtern der Handys, die in den Farben des Regenbogens erstrahlten.

Ninas grüne Augen funkelten dabei wie Smaragde auf und ihre schwarzen, dicken Locken sowie ihre dunkle Hautfarbe ließen sie umwerfend aussehen. Dabei war an ihrem rechten Handgelenk ein Tattoo, ein Kleeblatt, zu erkennen, als sie ihr Mikrofon fester umgriff.

Trotz des langen Singens und des Herumtobens auf der Bühne sah Nina immer noch so aus wie am Anfang des Konzertes. Dagegen waren meine langen, braunen Haare schon längst zu einem hohen, verwuschelten Pferdeschwanz gebunden und auch Allison und Skyler hatten Schwierigkeiten, ihre Frisuren aufrechtzuerhalten.

Nachdem Nina den Refrain mit den Fans gesungen hatte, begann Allison, ihre Strophe zu singen. Sie hatte im Gegensatz zu Nina eine wesentlich hellere und frechere Stimme, die den Mezzosopran verkörperte.

Ich musste schmunzeln, als ich ihrem Gesang lauschte. Die verschiedenen Klänge der Stimmen gaben den Liedern so viel Leben und es war, als würde ein Zauber in der Luft liegen. Ich vergaß manchmal, dass ich einst die alleinige Sängerin der Band war und die anderen Instrumente gespielt hatten. Hinzuzufügen war, dass wir noch nicht einmal zu viert, sondern nur zu dritt waren. Doch das war, bevor man festgestellt hatte, dass unsere Stimmen gemeinsam einen einzigartigen Sound ergaben.

Das Publikum, das einen Chor aus tausenden Stimmen bildete, sang so laut, dass es uns – trotz der Mikrofone – beinahe übertönte und als wir abrupt aufhörten, mitzusingen, stockten die Fans nicht einen Moment im Text, sondern wir konnten mit einem Lächeln den Tausenden Stimmen zuhören.

Nachdem wir den letzten Song vollendet hatten, kamen wir als Band wieder zusammen, um uns von dem großen Publikum zu verabschieden, traurig darüber, dass diese Reise tatsächlich vorbei war. Doch dieser Abschied bedeutete auch, nach Hause zu kommen und zu verschnaufen, um neue Kraft zu tanken.

Die Shirts waren nass vom Schwitzen, die Haare waren durch das Toben zerzaust und wir alle waren außer Atem, erschöpft von dem heutigen Konzert. Nur das Kribbeln war noch in den Fingerspitzen zu spüren und ich schnaubte in mein Mikrofon: „Ich hoffe, ihr hattet einen wundervollen Abend!“

„Denn wir hatten auf jeden Fall unseren Spaß!“, murmelte Skyler und Nina fügte hinzu: „Ihr wart klasse! Danke London!“

Zu dritt liefen wir mit einem Feuerwerk hinter die Bühne, während die Fans ein letztes Mal unsere Namen schrien und durch den Saal hüpften.

„Wir sind stolz auf euch! Hab euch lieb!“, waren Allisons letzte Worte, die man durch ihr Mikrofon hören konnte, und erst dann rannte sie uns schnell hinterher. Sie kam hüpfend zu uns gelaufen, während Nina und ich versuchten, den Adrenalinschub herunterzufahren, und Skyler verzweifelt nach einer Flasche Wasser suchte.

„Ich kann nicht mehr“, meinte Nina und lief hin und her, um sich zu beruhigen, so wie sie es immer vor und nach einem Auftritt tat, und Allison quietschte: „Aber es war ein genialer Abend!“

„Ich frage mich gerade, wie du noch schreien kannst, Ally“, murmelte ich krächzend, als ich mich an eine Wand lehnte und mich zu entspannen versuchte, da ich immer noch komplett aufgedreht war und jede einzelne Zelle, die auf Hochtouren arbeitete, in meinem Körper spüren konnte.

„Wochenlanges Training!“, erklärte Allison schulterzuckend und mit einem frechen Grinsen, dabei schien sie überhaupt nicht müde zu sein.

„Ich verstehe, was du meinst“, murmelte Skyler, während sie ihr Wasser, welches sie endlich gefunden hatte, in schnellen Zügen leer trank und sich zum Ausruhen hinsetzte. Noch immer schoss ihr das Adrenalin durch die Adern und sie musste die Augen schließen, um richtig durchatmen zu können. Doch ich konnte es nachvollziehen, da sich auch bei mir noch die ganze Welt im Kreis drehte.

Leider gönnte uns Nina keine Ruhe, da sie fordernd sagte: „Kommt her! Es ist Zeit für eine Wild-Division-Umarmung!“

Kaum konnte ich reagieren, da wurde ich auch schon an der Hand gepackt und in eine große Gruppenumarmung gezogen. Sofort spürte ich den schnellen Herzschlag der anderen Bandmitglieder und sicherlich hörten sie auch meinen. Man hätte meinen können, dass wir alle gleich kollabieren würden. Aber durch die Zufriedenheit und das Wissen, welche Arbeit wir in den letzten Wochen geleistet hatten, hatten wir ein breites Lächeln auf dem Gesicht.

„Hey Mädels!“, rief uns jemand zu und als wir uns umdrehten, stand Thomas Watkins, ein Mann um die dreißig Jahre mit kurzen schwarzen Haaren, hinter uns. Er war ein Security-Spezialist und ein guter Freund der Band, der uns schon bei der ersten Tour für das Album Upside Down begleitet hatte, um auf uns aufzupassen.

Als Wild Division hatten wir insgesamt zwei Alben veröffentlicht, für unser Alter sicherlich eine Glanzleistung. Zum Beispiel war ich zu dem Zeitpunkt, als wir den Vertrag für unser erstes Album bei Woodfields Studio unterschrieben hatten, gerade mal sechzehn Jahre alt gewesen und selbst wenn ich die Jüngste war, machte es keinen Unterschied, da die anderen nur ein bis zwei Jahre älter waren.

Auf jeden Fall waren nun zwei Jahre vergangen, in denen wir die Alben Upside Down und Rising Phoenix herausgebracht und mehr als Hunderttausende Fans für unsere Musik gewonnen hatten. Dabei war der Start in der Musikbranche nicht der Einfachste für uns gewesen. Nun hatten wir es aber geschafft und standen wir in den größten Konzerthallen der Welt und bereiteten Menschen eine Freude. Manchmal schien es noch so surreal zu sein, dass wir glaubten, alles wäre nur ein Traum, aus dem wir jeder Zeit erwachen würden. Ja, so stark hatte sich unser Leben in diesem kurzen Zeitraum verändert und in manchen Momenten machte es mir auch Angst, da ich nicht wusste, ob es richtig war.

„Ihr wart heute wieder großartig, Mädels“, lobte Thomas, der lachend auf unsere Schultern klopfte, woraufhin wir uns bei ihm bedankten.

Skyler fuhr wie eine kleine Diva durch ihren blonden, zerzausten Bob bei seinem Lob und sagte dann: „Darf ich erwähnen, dass ich bei Freedom die hohen Töne bei der Bridge wieder ohne große Herausforderungen hinbekommen habe?“

„Deswegen singst du auch die hohen Stellen, Sky. Du bist die einzige Sängerin in dieser Band, die das schaffen kann“, antwortete Allison, „Ich würde nämlich sterben.“

„Jeder in dieser Band war unglaublich und hat heute eine sehr gute Arbeit geleistet“, meinte Thomas und wandte seinen Blick zu mir. „Mich würde es aber brennend interessieren, wie du manchmal diese langen Silben aushalten kannst, Grace?“

Ich musste schmunzeln. „Ich habe es in den letzten Jahren gelernt. Aber ich muss hinzufügen, dass ich es liebe, mehr melismatisch als syllabisch zu singen, da es mich herausfordert. Besonders wenn jeder am Ende den gewöhnlichen Refrain singt und ich als Einzige eine andere Stimme hab.“

„Und sie gibt wieder an“, kicherte Nina, weshalb ich mit den Augen rollen musste, doch dann nahm sie mich spielerisch in den Arm und sagte: „Aber du machst das auch wirklich gut, Küken. Das muss ich gestehen.“

„Hallo Leute?“, meckerte Skyler, „Wir haben gerade über meine guten, hohen Töne gesprochen.“

„Ach, Sky“, kicherte Allison, „Du bist eben eindeutig Sopran. Also ist es normal, dass du die höchsten Töne erwischst. Grace dagegen singt zuerst tief und im nächsten Moment ganz hell. Und das ist eine Kunst, die man erst einmal hinbekommen muss.“

Sofort hauchte ich ein „Danke“ zu ihr, während Skyler einfach nur beleidigt ihre Zunge herausstreckte und die Arme verschränkte.

Da mischte sich Thomas wieder ein und sagte: „Na, kommt, Mädels. So gerne ich mich auch mit euch unterhalte, ich möchte heute noch gerne zu meiner Familie. Also, gebt mir die Mikrofone, macht euch frisch und dann geht es nach Hause.“

„Bis es dann wieder Mr. Marks heißt“, verzog ich das Gesicht, als ich an unseren Albtraum an Manager denken musste, und mir wurde schlecht bei dem Gedanken, ihm wieder begegnen zu müssen.

„Ach, Grace, hör auf, so zu denken. Dank ihm sind wir dort, wo wir sind. Hier im Millennium Dome, nach einem atemberaubenden Konzert“, fing Nina an und ich seufzte ein „Ja, ich weiß“, auch wenn ich von ihrer Aussage nicht begeistert war.

„Und jetzt hört auf, über den Griesgram zu reden, sondern seid auf eure Leistung stolz. Für heute Abend habt ihr frei und das habt ihr verdient. Also lasst uns endlich losfahren.“

Jede war von der Nachricht von der Heimkehr begeistert und schnell drückten wir Thomas die Mikros in die Hand, um zu Olivia, unserer Stylistin, in den Umkleideraum zu rennen. Doch bevor wir verschwinden konnten, hielt uns Thomas noch einmal an und sagte: „Damit ihr nicht so lange braucht wie sonst, wartet zum Ansporn eine Pizza im Bus.“

Natürlich reichte diese Aussage und wir sprinteten so schnell wie möglich die Gänge hinunter, um in an der Umkleide anzukommen, wo uns Olivia, eine Frau mit roten, hochgesteckten Haaren und aufwendigem Make-up, in den Arm nahm und für unseren Auftritt lobte. „Gut gemacht, Mädchen. Ich bin so stolz auf euch.“

„Danke, Liv“, grinsten wir und sie nickte zu den frischen Klamotten, die auf einem Stuhl bereit zum Anziehen lagen. Sie war wirklich ein Engel und auch sie kannte uns wie Thomas schon seit der letzten Tournee. Sie kannte unsere Flausen und sorgte manchmal dafür, dass wir an der kurzen Leine gehalten wurden. Doch nun war auch die Zusammenarbeit mit ihr vorüber und ich konnte schon sehen, dass sie alles zusammengepackt hatte.

„Ich werde mich nun leider von euch verabschieden müssen“, begann sie, während sie ihre Arme weit öffnete. „Für mich geht es nach Hause und morgen werde ich wieder in meinem Laden arbeiten dürfen.“

Sofort gingen wir alle auf sie zu und nahmen sie in die Arme, um ihr für die letzten Wochen zu danken, in denen sie uns mit den besten Outfits versorgt hatte.

„Danke, Liv“, murmelte ich nochmal, bevor wir sie wieder losließen und Olivia mit einem großen Koffer und einem Luftkuss aus dem Umkleideraum verschwand.

„Ich werde sie vermissen“, seufzte Allison, als sich die Tür schloss und wir vollkommen allein gelassen waren. Ich nickte. „Es wird auf jeden Fall ungewohnt, seine eigenen Klamotten aussuchen zu dürfen, ohne sich absprechen zu müssen.“

Wir mussten kichern, jedoch meckerte Skyler ein „Lasst uns endlich umziehen. Ich will zum Bus und in mein Bett“, wodurch wir spielerisch mit den Augen rollten und ich mir mein verschwitztes Shirt auszog, um einen frisch gewaschenen Hoodie anzuziehen.

„Mein Gott, ich sterbe vor Hunger!“, murmelte Nina, als sie in wenigen Sekunden ein neues Shirt anzog und das andere in ihrer Reisetasche verschwinden ließ.

„Da stimme ich dir zu“, entgegnete ich und versuchte, meine Haare durchzukämmen und zu einem neuen Zopf zu flechten. „Ich bin froh, wenn ich endlich unter eine richtige Dusche komme.“

„Und ich erst. Die Dusche daheim ist einfach die beste“, stimmte Skyler mit einem Seufzen zu und sprühte sich am ganzen Körper mit Deo ein.

„Besonders sauberer und größer“, grinste Allison, die als Einzige kein großes Theater um ihr Aussehen machte und nur eine Beanie Mütze aufsetzte, um ihre Haare zu verstecken.

„Seid ihr fertig?“, kam es ungeduldig von Nina, die nervös an der Tür herumtippelte und auf uns wartete.

Ich nickte, als ich meine braune Lederjacke überzog, und kaum konnte ich mich mit meiner Reisetasche durch die Tür an Nina vorbei quetschen, da fing ich auch schon an, den Flur hinunterzusprinten. „Wer als Erste am Bus ist, dem gehört die Pizza!“

Als ich meinen Blick kurz wieder nach hinten schweifen ließ, sah ich nur noch, wie die anderen große Augen bekamen und auf meinen Ausruf reagierten. Allison warf sich die Jacke über und schnappte sich ihre Sachen, um dann mit Nina hinter mir herzurennen.

„Niemals gehört sie dir, Küken!“, rief Nina, während Skyler ein „Warte!“ schrie, da sie immer noch vor dem Spiegel stand, um ihre Frisur ein letztes Mal zu checken. Doch Allison entgegnete nur ein „Beweg dich, Sky!“, wodurch sie gezwungen war, schnellstmöglich hinterherzurennen.

Zu viert rannten wir den langen Gang entlang und ich war die Erste, die die Tür erreichte und den Griff umfasste, um sie aufzureißen. Doch als ich heraustreten wollte, wurde ich sofort von vielen Blitzlichtern geblendet und zurückgewiesen, wodurch ich gegen die anderen Mädchen prallte, die erstarrt stehen blieben. Für einen kurzen Moment hatten wir wohl alle vergessen, was noch auf uns zukommen würde. Denn zuerst mussten wir uns noch durch die große Menschenmenge schlängeln, um zu dem Tourbus zu gelangen, der nur wenige Meter von uns entfernt war und auf seiner Seite mit großen Buchstaben Wild Division stehen hatte.

„Mal schauen, wer als Erste durch die Fans kommt“, murmelte Allison seufzend hinter uns und da sie die Kleinste in der Band war, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um über unsere Schultern zu sehen.

Da hörte man das Grummeln eines Magens und jede sah zu Nina, die sich an den Bauch fasste und ohne groß zu zögern voranging. „Ich werde sie einfach umrennen. Auf mich wartet eine Pizza.“

„Na, dann los“, sagte ich, atmete tief ein und folgte Nina durch die riesige, unendliche Menschenmenge.

Der Weg zum Bus war an sich nicht sehr lang, jedoch mussten wir alle paar Sekunden und fast jeden Zentimeter stehen bleiben, um ein schnelles Selfie zu machen oder eine Autogrammkarte zu unterschreiben. Das Resultat: Jeder von uns kam nur im Schneckentempo voran.

Die Security half dabei, die Fans davon abzuhalten, uns komplett zu überrennen, und in manchen Momenten fragte ich mich, was geschehen würde, wenn Thomas‘ Leute nicht zur Stelle wären. Wahrscheinlich würde es Mord und Totschlag geben und dieser Gedanke machte mir Sorgen. Nein, ich bekam sogar Angst davor und deswegen versteckte ich mich wie so oft hinter meinen Freundinnen, um Schutz zu suchen. Große Menschenmengen machten mir einfach zu schaffen, wenn sie zu nahe waren, und das wussten Nina und Skyler auch in diesem Moment und sie schirmten mich so gut wie möglich von den Fans ab, was jedoch sehr schwierig war. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich dank meiner Bandkollegen am Bus an und mit einem Winken stieg ich erschöpft, aber auch erleichtert ein, da sich mein Herz beruhigen konnte.

Ich setzte mich in die bequeme Couchecke am Ende des Busses und sah aus dem Fenster, um Nina, Skyler und Allison dabei zu beobachten, wie sie sich immer noch durch die Menschenmasse zwängten und mit den Fans agierten. Sie hatten solch eine Freude daran, dass ich sie schon beinahe beneidete, doch wenn ich mich zwischen vielen Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf mich wandten, bewegen musste, dann bekam ich Schnappatmungen. Ich liebte unsere Fans und ich wusste zu schätzen, was sie für uns taten, dennoch hatte ich mich eben noch nicht ganz an die Auswirkungen des Ruhms gewöhnt. Zusätzlich war ich nach den letzten paar Wochen komplett ausgelaugt und konnte mich einfach nicht mehr richtig auf sie konzentrieren. Das war der Grund, warum ich froh war, nach Hause zu kommen, denn dann könnte ich mich der Öffentlichkeit entziehen.

Da ich wusste, dass es dauern würde, bis die anderen Mädchen am Bus ankommen würden, nahm ich mein Handy heraus und startete ein Live-Video auf dem Instagram-Account unserer Band, um nicht ganz inaktiv zu bleiben.

„Hallo, meine lieben Divisioner! Hier ist euer jüngstes Bandmitglied Grace O’Reilly!“, waren meine ersten Worte und schon kamen Tausende Fans online, um sofort die ersten Kommentare und Likes abzugeben.

Was für eine verrückte Welt, dachte ich schmunzelnd.

„Wie ihr seht, bin ich gerade ganz allein in unserem Tourbus, da die Mädels sich mit den Unterschriften wieder ewig Zeit lassen. Auf jeden Fall habe ich mich dazu entschlossen, euch für die tolle Unterstützung in den letzten Wochen zu danken. Wir hatten so viel Spaß, unser neues Album Rising Phoenix zu präsentieren, und es war eine tolle Erfahrung, durch ganz Amerika und Europa zu reisen, um euch zu treffen und mit euch zu singen. Dafür ein dickes Danke! Leider hat unsere Reise auch schon ihr Ende gefunden und heute hatten wir einen perfekten Abschluss in unserer geliebten O2-Arena in London“, sprach ich mit einem Lächeln, doch als ich einen bestimmten Namen, Solution 5, in den Live-Chat beitreten sah, musste ich in meiner Rede innehalten und schlucken, da sich mein ganzer Körper augenblicklich anspannte. Doch genau in diesem Moment stiegen Nina und Skyler in den Bus ein und ich wandte meinen Blick, der auf den Namen Solution 5 fokussiert war, ab.

„Hey, ihr lahmen Schnecken“, grinste ich und wandte den Bildschirm in ihre Richtung, sodass sie die Fans grüßen konnten.

„Ich hoffe, ihr hattet so viel Spaß wie wir und wenn nicht, dann müssen wir das beim nächsten Mal ändern“, war Skylers Kommentar, als Allison als Letzte am Bus ankam und sich seufzend auf die Couch fallen ließ.

„Und nun fahren wir entspannt nach Hause, verbringen ein wenig Zeit mit der WG und schreiben natürlich neue Songs, damit ihr euch nicht zu lange langweilt“, lächelte Nina, bevor wir uns verabschiedeten und ich mein Handy für diesen Abend endgültig ausschaltete. Etwas, was ich schon lange nicht mehr machen konnte.

„Könnt ihr es glauben? Wir kommen nach Hause!!“, quietschte Allison voller Freude und machte sich auf dem Sofa breit, während Ninas Blick auf eine riesige Pizzaschachtel fiel. „Und ich kann endlich so viel essen, wie ich will.“

„Lasst es euch schmecken“, meinte Thomas lachend, bevor er sich ans Steuer setzte, was die erhoffte Heimreise ankündigte.

„Danke, Thomas!“

Gierig begannen wir, die Pizza zu verdrücken, während wir über die Erlebnisse des Konzertes sprachen. Währenddessen fuhr Thomas durch die beleuchteten Straßen von London zu unserem Heim, zu den anderen Mitbewohnern und unserem Rhodesian Ridgeback Aramis, den wir durch lange Diskussionen aufgenommen hatten.

Anfangs war ich nämlich gegen die Haltung eines Hundes gewesen, da die Band durch die Arbeit oft aus dem Haus gehen musste und die langen Tourneen waren schon Grund genug, um „Nein“ zu sagen. Doch leider hatten die anderen Mitbewohner unbedingt ein Haustier halten wollen und waren mit vielen Argumenten gekommen, die für die Haltung gesprochen hatten. Schließlich sind wir zu dem Kompromiss gekommen, dass ein Hund einziehen könnte, unter der Bedingung, dass ich keine Verantwortung übernehmen musste. Schließlich hat dieser Hund dennoch mein Herz erobert und hat uns schon oft Trost gespendet, wenn wir wieder in unserer Vergangenheit schwelgten.

„Wir sind da!“, schrien Allison und Skyler auf und Nina und ich sahen direkt aus dem Fenster hinaus.

Überall waren die bekannten, aneinandergereihten Bäume zu sehen, die unser Haus von London und von den anderen Stadtbewohnern abgrenzte. Besonders im Sommer, wenn die grünen Blätter die Bäume einkleideten, war das große Gebäude vollkommen abgeschirmt. Doch nun im Winter ragten die kahlen, dunklen Äste der Bäume in den dunklen Nachthimmel, wodurch eine mysteriöse Atmosphäre geschaffen wurde.

„Unser Haus!“, rief ich vor Begeisterung, als ich die weißen Wände des modernen Baus mit dem grauen Dach und den großen dunklen Fenstern zu Gesicht bekam, die von einem weichen, goldgelben Licht angestrahlt wurden. Auch der gepflasterte Weg, der zu einer alten, verschnörkelten Tür führte, wurde von kleinen, im Boden eingebauten Lampen erhellt.

„Oh Mann, ich hab schon fast vergessen, wie unser Zuhause aussieht“, kicherte Nina, während Allison vor Freude strahlte. „Ich auch.“

Der Bus fuhr gerade die Einfahrt hoch, da konnten wir es alle nicht mehr abwarten, endlich auszusteigen. Wir rannten nach vorne und kaum hatte sich die Tür geöffnet, sprangen wir schon raus in den Kies.

„Wir sind zu Hause!!“, quietschte Skyler auf und streckte vor Freude die Arme in die Luft, während ich die Augen schloss und die frische, kalte Luft einatmete. Dabei genoss ich die ungewöhnliche, aber angenehme Stille, die ich seit Wochen hatte missen müssen. „Zu Hause.“

Meine Muskeln hatten sich entspannt und ich öffnete langsam wieder die Augen, um zu den Mädchen zu sehen, die sich genauso wie ich über die Ankunft freuten.

„Na, kommt, ich gebe euch euer Gepäck. Dann habt ihr wirklich eine Pause verdient“, sagte Thomas, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, und alle stürmten hinter ihm her. Kaum hatten Skyler, Allison und Nina ihr Gepäck geschnappt, da rannten sie zur Haustür und schrien ein schnelles „Tschüss.“

„Danke, Thomas“, bedankte ich mich und umarmte ihn zum Abschied ein letztes Mal. „Ich hoffe, dass wir nicht zu anstrengend waren.“

„Na ja, wie du siehst, lebe ich noch“, entgegnete er mit einem Lachen und wir verabschiedeten uns damit endgültig. Er stieg wieder in den Bus ein und fuhr Richtung Innenstadt, um ihn dort an seinen Platz abzustellen und dann selbst zu seiner Familie heimzukehren.

„Ich hab ihn!“, schrie Allison und hob den Haustürschlüssel in die Luft, als ich bei den anderen ankam und ich musste lachend den Kopf schütteln.

„Leute, wir sollten vielleicht ein wenig leiser sein. Die anderen könnten schon schlafen“, warnte ich sie dann und sofort wurden sie still.

„Vielleicht könntest du recht haben“, flüsterte Nina und ich musste leise lachen. „Aber nur vielleicht.“

Wir öffneten so leise wie möglich die Tür und schlichen ins Haus, um die anderen Mitbewohner, die sicherlich schon in ihren Betten lagen, nicht zu stören, besonders weil die Jungs Morice und Lorence ihre Zimmer in der unteren Etage, also im Keller, hatten. Auch Claire, die im Erdgeschoss schlief, könnte mit hoher Wahrscheinlichkeit geweckt werden.

„Endlich zu Hause“, seufzte Allison und stellte ihre Reisetasche auf den Boden, während sie tief ein- und ausatmete. Skyler tat es ihr gleich. Jedoch warf sie die Tasche eher, als sie vorsichtig abzustellen, wodurch sie viel Krach erzeugte. Mit hochgezogener Augenbraue sahen wir sie an und nur ein „Sorry“ war zu hören.

Ich zog meine Jacke aus, hängte sie auf und nahm wieder meine Tasche in die Hand, die ich kurz auf dem Boden abgestellt hatte, dabei hörte ich, wie Allison über Skylers Verhalten meckerte, während sie auf Zehenspitzen den Flur entlang lief und darauf wartete, dass wir ihr folgten

„Endlich richtiges Essen“, murmelte Skyler.

Sicherlich wollte sie Richtung Küche. Doch kurz bevor sie nach rechts in den nächsten Flur abbog, blieb sie abrupt stehen und sah uns fragend an. „Habt ihr keinen Hunger?“

„Natürlich! Hoffentlich waren die anderen einkaufen!“, meinte Nina hoffnungsvoll, während Allison entgegnete: „Es war erst Shopping-Freitag. Ich denke, dass noch Essen da sein wird.“

„Wir haben gerade noch eine Pizza gegessen. Ist das euer Ernst?“, fragte ich und schüttelte schmunzelnd den Kopf, da ich innerlich schon ihre Antwort wusste.

„Na und? Es war nur eine für vier Personen“, erklärte Nina, „Und Essen geht immer.“

„Ja, bei dir sowieso.“

„Ich bringe nur schnell meine Sachen in mein Zimmer“, flüsterte Nina mit einem frechen Grinsen und ohne auf meine Aussage einzugehen. Dann lief sie den Flur geradeaus zu der ersten Tür, die zu ihrem Zimmer führte, und verschwand in dem Zimmer mit unseren gesammelten Erfolgen. An den Wänden hingen die goldenen Schallplatten und in einer Vitrine standen die ganzen Awards, die wir in den letzten zwei Jahren entgegennehmen durften. Nina war so stolz auf den Erfolg, dass sie darauf bestanden hatte, alles in ihrem Zimmer aufzubewahren, und hütete es wie einen Schatz, platziert neben den Solution 5 Postern an der Wand.

Auch Skyler rannte mit vollgepackter Tasche an uns vorbei, um ebenso in ihr Zimmer zu gelangen, welches neben Ninas gelegen war.

„So viel zu leise“, murmelte ich und musste schmunzeln, als Nina zu uns lief und über Skylers Verhalten kichern musste, während Allison wieder genervt mit den Augen rollte. „Sie ist unmöglich!“

Dann flüsterte Nina: „Na, kommt. Lasst uns in die Küche gehen! Vielleicht hat Claire gekocht und es ist was übriggeblieben.“

Kaum hatte sie das gesagt, da verschwand sie auch schon in der Küche, ohne auf uns zu warten. Doch Allison und ich liefen ihr jedoch nicht nach, sondern gingen zur hellen Holztreppe, die zum Obergeschoss führte, um unsere Taschen dort abzustellen und den Lichtschalter zu betätigen. Dann betrachtete ich die gewohnte Umgebung, die ich so sehr vermisst hatte.

Das große Wohnzimmer, welches sich vor mir erstreckte, wurde in hellen, jedoch weichen Farben gehalten. Die weiße Treppe war so gebaut geworden, dass sie aus der Wand hervorgehoben war und somit eine Teilwand des Zimmers bildete. Der Anblick gab mir das Gefühl der Gemütlichkeit und ich wusste, dass ich daheim war. Ja, endlich konnte ich dem ganzen Tumult von den letzten Wochen entfliehen.

„Aramis, mein Schatz! Komm zu Mama!!!“, schrie Skyler voller Freude, als man ein leises Tippeln auf dem Holzboden hören konnte und da rannte auch schon Aramis mit einem Halstuch, auf dem unser Bandlogo abgedruckt war, schwanzwedelnd auf Skyler zu.

„Sky! Sei verdammt nochmal still!“, fauchte Allison und ich fügte leise hinzu: „Die anderen schlafen!“

„Tut mir leid! Wenn man wochenlang auf Konzerten war, ist leise sein fast unmöglich“, meinte Skyler schulterzuckend, worauf ich und Allison mit den Augen rollten.

„Na, kommt. Wir gehen zu Nina. Mal schauen, was sie Essbares gefunden hat“, forderte ich leise sie auf, woraufhin Allison auflachte: „Und zu uns sagen, wir sind verfressen“ und ich musste sie unschuldig angrinsen.

„Na, komm, Aramis“, hörte man Skyler rufen und Allison fauchte ein weiteres: „Sky!“, worauf das blonde Mädchen dieselbe Antwort gab wie bisher. Dann lief sie mit Aramis Richtung Küche.

„Wenn unsere Mitbewohner immer noch nicht wach sind, dann sind sie mit gutem Schlaf gesegnet“, flüsterte Allison mir zu, was ich mit einem Kichern und einem Nicken bestätigte. Gemeinsam betraten wir die geräumige Küche und ertappten Nina am Kühlschrank, der mit Köstlichkeiten prallgefüllt war.

„Wir sind gerettet!“, rief sie uns leise zu und zeigte auf einen massiven Topf auf dem Herd. Ich lief darauf zu und hob den noch warmen Deckel hoch, um zu erkennen, dass Claire ihre berühmten Spagetti Bolognese zubereitet hatte. Als ich mit einem Daumen hoch aufsah, erkannte ich, dass Nina noch eine Packung Sushi in der Hand hielt. Verhungern würden wir also nicht.

Nachdem wir uns ausreichend mit Essen versorgt hatten, gingen wir ins Esszimmer, welches neben der Küche gelegen und nur durch eine Zwischentür getrennt worden war. Ich öffnete sie und erschrak ein wenig, als ich Licht brennen sah und in drei überraschte Gesichter blickte, die um den großen Esstisch saßen und Karten spielten. Es waren Morice, Claire und Lorence, die anfingen, laut zu lachen, während wir uns durch die Tür zwängten.

„Ihr seid wirklich unverbesserlich“, waren Lorences erste Worte, nachdem er sich als Erster vom Lachen erholt und seine Brille auf seiner Nase zurechtgerückt hatte.

„Zumindest habe ich wieder mit meiner Vermutung recht gehabt“, meinte Morice, ein Junge mit kurzen, blonden Locken, und sah grinsend zu Lorence, der ihm zustimmte. „Sie sind so berechenbar.“

„Warum?“, fragte Nina und sah mich mit einem verwunderten Blick an, woraufhin ich nur meine Schulter hochzog.

„Wir warten schon seit Ewigkeiten auf euch. Dann hören wir die Haustür, freuen uns, unsere Freunde wiederzusehen, und warten dann gefühlt wieder eine Ewigkeit auf euch. Dabei hören wir euch nur kichern, Lärm machen und Skyler schreien. Und nun taucht ihr zehn Minuten später mit Essen in der Hand auf. Man erkennt eindeutig den Unterschied zwischen unseren und euren Prioritäten“, erklärte Claire lachend.

„Wir dachten, dass ihr schlaft“, erklärte ich entschuldigend und Morice zog eine Augenbraue hoch. „Schlafen? Wenn wir wissen, dass ihr noch spät abends von einem lauten Konzert heimkommen werdet? Ach, komm schon, Grace, Schlafen ist dann echt unmöglich.“

„Besonders im Keller“, fügte Lorence hinzu.

„Außerdem: Warum sollten wir schlafen gehen, wenn unsere Freunde wieder heimkommen?“

„Schon gut, Morice. Es tut uns leid“, murmelte Allison.

„Auch das Nina mein Sushi in der Hand hält?“

„Nein, das tut mir nicht leid“, antwortete Nina und klammerte sich ans Sushi, als würde ihr Leben davon abhängen.

Dafür war unsere Nina auch bekannt. Sie liebte es, zu essen und konnte es auch den ganzen Tag. Sie war wie eine Raupe, die niemals satt werden konnte und sich durch alles durchprobierte. Was mich jedoch immer wieder wundern ließ: Trotz ihrer Leidenschaft zum Essen hatte sie die beste Figur von allen. Sie war schlank und trainiert, was sie auch durch ihre engen Shirts immer betonen musste.

„Du ersetzt das am Montag“, forderte Morice sie mit einem erhobenen Zeigefinger auf und sie schüttelte den Kopf. „Hab kein Geld.“

Morice lachte auf. „Du und kein Geld? Ich denke, wir müssen jetzt nicht wirklich ausdiskutieren, wer von uns mehr in den Taschen hat.“

Nina zog unschuldig ihre Schultern hoch, während wir uns an den Tisch setzten und sie zeigte auf mich, Skyler und Allison.

„Ich muss mein Gehalt mit drei anderen teilen“, war ihre Ausrede und sofort musste ich laut lachen.

„Ja, klar. Was für ein Verlust“, räusperte sich Morice und versuchte, ein Lachen zu unterdrücken, als Lorence uns genervt ansah. „Könnten wir aufhören, über Geld zu reden? Es deprimiert mich.“

„Wieso? Weil du als ältester Mensch in diesem Haus immer noch studieren gehst und kein Geld hast? ODER weil wir dich durchfüttern?“, neckte Allison ihn mit frechem Ton, wodurch Lorence sie herausfordernd ansah. „Sicher, dass ihr alle Konzerte durch habt und nicht nochmal gehen müsst?“

Sofort mussten alle lachen und Allison streckte ihm nur die Zunge heraus.

„Endlich seid ihr wieder zu Hause“, kicherte Claire, „Es war so ruhig. Ich habe eure Diskussionen schon vermisst.“

„Dafür war es ruhig im Haus und man konnte ungestört seinen Hobbys nachgehen“, kam es von Morice, der sich am Kinn rieb und hinzufügte: „Zum Beispiel konnte ich in der Garage stundenlang ohne Unterbrechung an meinem alten VW Bus arbeiten.“

Bei diesen Worten sah er zu Allison, die ihn entschuldigend ansah, doch etwas sagen konnte sie nicht, denn da meinte Lorence voller Stolz: „Und ich konnte seit langem wieder an meiner Oper weiterarbeiten. Ohne euren Krach.“

„Unsere Musik ist kein Krach“, murmelte ich provokant, während ich ein Sushi mit den Stäbchen zu meinem Mund führte und meinen Blick nicht ansatzweise zu Lorence schweifen ließ.

„Oh, bitte, Grace, hör auf! Nicht noch heute!“, meinte Morice verzweifelt und Claire fügte hinzu: „Morgen könnt ihr wieder so viel diskutieren, wie ihr wollt! Doch jetzt iss dein Sushi und sei still.“

Ich musste zufrieden schmunzeln, als die anderen wieder leise kichern mussten, und blieb still, um endlich das Sushi zu essen. Dabei bemerkte ich, dass sich mein ganzer Körper entspannt hatte und meine Gedanken nicht nur um meinen Job kreisten. Die ganze Anspannung und die harte Arbeit der letzten paar Wochen waren wie mit einem Fingerschnippen verflogen und einmal mehr realisierte ich, wie wertvoll mein Freundeskreis, der schon eher ein Teil meiner Familie wurde, für mich war. Selbst wenn jeder in dieser WG seinen ganz eigenen Kopf hatte und wir auch sehr oft nicht einer Meinung waren, bestand unsere Freundschaft schon zu Schulzeiten. Nur Nina hatte sich erst durch die Gründung der Band angeschlossen. Aber ich erinnerte mich noch genau, wie wir uns versprochen hatten, so lange wie möglich zusammenzubleiben und uns gegenseitig zu unterstützen. Ein Versprechen, das wir immer eingehalten hatten. Selbst als Skyler, Allison und ich durch den Vertrag von Chester nach London umziehen mussten. Es hatte sogar damit geendet, dass wir eine gemeinsame WG gründeten und nun seit zwei Jahren im eigenen Haus lebten. Dank Morice hatten wir diese Möglichkeit für dieses prächtige Gebäude, welches nach unseren Vorstellungen eingerichtet worden war, gehabt. Er hatte nämlich seine Eltern gefragt, ihn bei dem Bau des Hauses finanziell zu unterstützen, und sie stimmten zur Verwunderung auch zu, hatten jedoch eine Bedingung. Die WG musste wieder das ganze Geld erarbeiten und zurückgeben. Das war eine Aufgabe, die anfangs unmöglich schien denn schon damals hatte Lorence seinen Traum vom Operngesang verfolgt, und es war klar, dass er erst einmal kein Geld verdienen konnte. Etwas, was er bis zu diesem Tag nicht wirklich konnte. Aber dann gab es noch das Problem mit der Band. Wir hatten große Schwierigkeiten, unsere erste Single in den Charts aufsteigen zu lassen und das erste Album fertigzustellen. Nur Claire und Morice hatten einen festen Arbeitsplatz und waren die Einzigen mit einem festen Gehalt, was damals nicht wirklich viel war oder besser gesagt nicht für ein eigenes Haus reichte. Wir hatten so wenig Geld verdient, dass ich die Befürchtung hatte, das Haus zu verlieren. Das war der Grund, warum ich die Schule geschmissen hatte, um selbst arbeiten gehen zu können. Zum einen hatte ich an unseren gemeinsamen Erfolg, an Wild Division, geglaubt – was sehr leichtsinnig von mir war – und zum anderen hatte ich Geld für die WG einbringen wollen. Wir hatten das Geld einfach gebraucht, deshalb hatte ich in dieser Zeit auch fast alles aufgeopfert.

Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie wir gemeinsam als Band in einem kleinen Café gearbeitet und nebenbei noch ein Album aufgenommen hatten. Das war eine stressige Zeit, die unsere Kraft ausgesaugt hatte und nur durch die Macht unserer Freundschaft erleichtert werden konnte. Gemeinsam als Team hatten wir uns das Geld erkämpft und nach viel harter Arbeit, viel Verzweiflung und Geduld hatten wir das Haus komplett abbezahlen können und hatten endlich keine Schulden mehr.

Zum Glück hatten Morices Eltern Glauben in den Erfolg der Band und zum Glück hatten sie recht behalten. Wild Division war zu einer der erfolgreichsten Bands der Welt geworden und um Geld mussten wir uns sicherlich keine Gedanken mehr machen.

2. Track

Nachdem wir noch Ewigkeiten am Esstisch gequatscht hatten und die Zeit für uns gefühlt stehen geblieben war, beschlossen wir, auf die große, lange Couch zu gehen, die nur wenige Meter vom Esszimmer stand. Aramis hatte sich schon lange vorher in sein bequemes Körbchen gelegt und schlief tief und fest auf seinem Platz, während unsere Gespräche weitergeführt wurden.

Endlich konnte er sich wieder in seinem Körbchen entspannen, während wir Geschichten davon erzählten, wie die ganzen Konzerte verlaufen waren und welche Schwierigkeiten es gegeben hatte. Gespannt hörten die anderen zu und stellten viele Fragen.

Lorence hingegen, der kein großer Fan von Popmusik war, hörte eher weniger zu. Zwar versuchte er, eine gewisse Zeit lang mitzusprechen, aber schließlich lag er zusammengekuschelt mit Skyler auf der Couch und führte seine eigenen Gespräche mit ihr. Sie sprachen darüber, wie das Studium verlief und wie sehr sie sich vermisst hatten. Sie waren schon lange ein Paar und durch die vielen Reisen waren sie oft getrennt. Dafür war die Freude umso größer, wenn sie sich wiedersahen und sich in die Arme schließen konnten. Sie versuchten immer, möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen, auch wenn das manchmal sehr schwer sein konnte.

Unsere tiefgründigen Gespräche wurden mit einem Schlag unterbrochen, als Ninas Handy klingelte, und nachdem sie auf den Bildschirm gesehen hatte, schrie sie so laut auf, dass der Rest sich die Ohren zuhalten musste. „Ja!“

„Oh Gott! Was ist jetzt geschehen?“, fragte ich.

„Solution 5 ist im Fernsehen! Sie haben heute Mittag ein Interview zu ihrer Welt-Tournee und ihrem neuen Album gegeben, welches nächste Woche endlich herauskommt! Und dieses Interview bringen sie gerade im Fernsehen! Das müssen wir uns unbedingt ansehen!“, erklärte sie, nahm die Fernbedienung vom Wohnzimmertisch und schaltete den Fernseher an, wobei Nina beinahe vor lauter Aufregung von der Couch hinunterfiel.

„Irgendwie hätte ich gleich sagen können, dass es um diese komischen Jungs geht“, meinte Lorence kläglich, während Nina schnellstmöglich das richtige Programm suchte und mir wieder der eine Name durch den Kopf schoss.

Solution 5 war eine bekannte Boy Band, die vor drei Jahren von fünf Jungs gegründet worden war: Nathaniel Evans, Andrew Morris, James Harrison, Luke Donovan und Harry White.

Fünf Jungs, die in nur wenigen Monaten die ganze Welt mit ihrer Musik beeinflusst hatten und mehr als nur bekannt wurden. Dabei sollte man bedenken: Sie sind nicht viel älter als wir. Nina war auch ein totaler Fan von ihrer Musik, die eine große Konkurrenz für uns in den Charts war. Sie hatte alle ihre Alben aufbewahrt und hörte ihre Songs hoch und runter, wodurch sie natürlich jeden einzelnen Text auswendig kannte. Auch während der ganzen Tournee hatte sie aktiv ihre Chronik auf Instagram verfolgt und war dadurch selbst zu einem richtigen Fangirl geworden.

„Oh mein Gott! Seht sie euch an! Sind sie nicht toll?“, quietschte sie und zeigte voller Freude auf den Bildschirm, auf dem die fünf Jungs zu sehen waren, die mit einer professionell gekleideten Frau in einem Studio saßen und ein Interview gaben.

„Ich muss ins Bett, bevor ich mich übergeben muss“, meinte Lorence und wollte gerade aufstehen, als Nina ihn wieder auf die Couch zurückzog. „Du bleibst!“

Ich hingegen sah gespannt auf den Fernseher und war wie verzaubert. Ich bekam dieses bestimmte Gefühl, als ich das Interview verfolgte. Ein Gefühl, das ich schon sehr lange nicht mehr verspürt hatte und an diesem Tag schon zweimal empfinden durfte. Ein Gefühl, das mit der Zeit mehr als nur unangenehm wurde.

Zuerst ging es in den Fragen darum, ob die Jungs wegen der großen Tournee aufgeregt waren und was sie über ihr drittes Album dachten. Doch dann stellte die Interviewerin eine bestimmte Frage, die mir einen Schmerz im Herzen verpasste. „Sicherlich kennt ihr noch Grace O’Reilly von Wild Division. Oder wie ihr und eure Fans sie immer nennt Solution-5-Mama?“

Und da endete das Wohlbefinden schlagartig. Denn da gab es noch diese eine Sache in meinem Leben, die ich einfach nicht ausradieren konnte. Ich kannte Solution 5. Sogar sehr gut. Ich hatte ihnen nämlich bei den ersten Schritten zu ihrem Erfolg verholfen. Aber nur wegen eines bestimmten Jungen. Es war der Junge, der auch jetzt meinen Blick auf sich zog. Der Junge, dessen Lächeln sofort verschwand, nachdem mein Name erwähnt worden war. Der Junge, der sich in den letzten drei Jahren kaum verändert hatte und immer noch die schönen, braunen Locken auf dem Kopf hatte. Ja, genau der Junge verursachte diesen Schmerz. Das einzige Merkmal, das für mich neu war, war ein großes Tattoo auf seiner linken Schulter, welches durch sein leicht geöffnetes Hemd zu sehen war.

Es war Harry White, der Schwarm eines jeden Mädchens. Besonders durch seine blauen, glasklaren Augen, die schon immer etwas Gefährliches, ja, etwas Unberechenbares ausstrahlten, hatte er eine gewisse Anziehungskraft.

Mein Blick richtete sich nur noch auf ihn, seine blaue Augen und wie er Sara, die das Interview führte, fixierend ansah. Aber auf keine erfreuliche Weise.

„Oh mein Gott! Sie erwähnen dich! Sie erwähnen dich! Nach drei Jahren bist du immer noch bekannt als die Solution-5-Mama“, quietschte Nina aufgeregt und umarmte mich von hinten. Ich lächelte jedoch nur kurz und fühlte dabei immer noch dieses komische, stechende Gefühl im Bauch, das einfach nicht mit Worten zu beschreiben war.

„Mal schauen, ob sie dich auch noch kennen“, kommentierte Lorence. Sofort wusste ich, dass er auch nur über diesen einen Jungen sprach.

Skyler erkannte es und haute auf Lorences Brust.

„Lass es! Alte Wunden soll man nicht aufkratzen!“, murmelte sie so leise wie möglich zu ihm.

Ich sah nun zu Nathaniel Evans, einem Jungen mit blonden Haaren, der am kleinsten von seiner Band war. Er war auch der Einzige, der keine einzige Tätowierung am Leib hatte.

Er saß neben Harry und im Gegensatz zu ihm wurde Nathaniel ganz nervös, nachdem mein Name gefallen war. Er nickte mit einem großen Lächeln im Gesicht. „Natürlich kennen wir unsere Gracie. Nur dank ihrer Unterstützung stehen wir überhaupt hier.“

„Grace gehört praktisch zur Band“, fügte James hinzu und Andrew stimmte ihnen zu: „Sie hat zwar niemals mit uns gesungen, aber sie war wirklich eine große Hilfe für uns. Sie ist wie eine kleine Schwester und hat den Titel Solution-5-Mama nicht ohne Grund bekommen. Nein, sie hat ihn sich sogar verdient.“

„Interessant. Habt ihr eigentlich mitbekommen, dass sie vor kurzem mit ihrer Band Wild Division auf Tour war?“, fragte die Interviewerin als nächstes und Luke antwortete: „Ja, es ist wirklich krass, dass unsere kleine Gracie ihre eigene Erfolgsleiter erklimmt. Aber man muss dazu sagen, dass Wild Division wirklich begabt ist. Die einzige Band, die mit uns mithalten kann.“

Dann wandte er sich mit einem Lächeln zur Kamera: „Wir sind alle sehr stolz auf dich, Gracie!“ und hob beide Daumen hoch.

Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen und ich verspürte dabei einen heftigen Trauerschmerz. Ich konnte mich noch zu gut an die gemeinsame Zeit erinnern. Es war an einem Contest gewesen, an dem sie teilgenommen hatten, um ihre stimmlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Es waren harte Wochen gewesen, doch irgendwie waren wir dadurch zu einer richtigen, kleinen Familie zusammengewachsen. Ich hatte mit ihnen geprobt, hatte sie vor den Auftritten beruhigt und war immer für alle da gewesen. Für alle. Für jeden Einzelnen. Auch für ihn, ja, besonders für ihn, meinen ehemaligen besten Freund, was für mich selbstverständlich gewesen war. Zumindest war es das mal gewesen.

Auf jeden Fall war ich durch meine Mühen in der Show immer als Solution-5-Mama bezeichnet worden. Dieser Name wurde bis heute von den Fans beibehalten und gepriesen. Ein Name, den ich nicht so schnell loswerden würde, selbst wenn ich es wollte.

Sara wandte sich auf einmal zu Harry, der immer noch mit finsterer Miene auf seinem Stuhl saß. „Wenn ich mich recht erinnere, dann war Grace mit dir am besten befreundet, richtig?“

„Ja, war sie. Damals waren wir Freunde“, antwortete er und als ich seine dunkle, raue Stimme hörte, bekam ich am ganzen Körper Gänsehaut. Ich hatte sie schon lange nicht mehr gehört, doch das lag daran, dass ich es zu vermeiden versuchte. Nur dank Nina hatte ich ihn ab und zu aus den Songs heraushören können.

„Es tut mir leid, wenn ich alte, vielleicht nicht so schöne Erinnerungen aufwecke, aber ich wollte wissen, ob ihr nach eurer Auseinandersetzung nochmal Kontakt hattet“, sprach die Interviewerin weiter und Harry fuhr mit seiner Zunge über die Lippen, was sicherlich kein gutes Zeichen bei ihm war. Das Thema passte ihm überhaupt nicht und am liebsten hätte er geschwiegen. Vielleicht wäre er sogar aufgestanden und gegangen.

Grace O’Reilly, brummte es sicherlich durch seinen Schädel und es war, als hätten wir eine Gedankenübertragung, denn es war so, als könnte ich seine fluchende Stimme in meinem Kopf hören.

Wieso musste dieses Thema immer wieder erwähnt werden?, fragte ich mich und konnte seinen Zorn selbst durch den Fernseher spüren. Dafür kannte ich seine Körpersprache einfach zu gut. Selbst nach drei Jahren.

Harry atmete tief durch und nach einer gefühlten Ewigkeit antwortete er: „Nein, hatten wir nicht.“

„Das bedeutet, dass ihr euch niemals ausgesprochen habt“, hakte Sara nach und er nickte schweigend, während er sicherlich hoffte, dass sie nicht weiter fragen würde. Konnte sie nicht sehen, was das Thema ihm antat?

„Und ihr?“, wandte sie sich endlich zu den anderen Jungs, die die ganze Zeit angespannt neben dem Lockenschopf saßen und die Köpfe zu Boden wandten. Dabei war der eine unruhiger als der andere. Doch sie sahen sofort zu Sara auf, als sie ihre nächste Frage stellte. „Hattet ihr Kontakt?“

Anscheinend hatte die Frau endlich bemerkt, dass Harry von dem Thema ganz und gar nicht begeistert war und versuchte, das Interview wieder etwas aufzulockern, was in diesem Moment jedoch unmöglich schien.

„Na ja, anfangs haben Gracie und ich noch viel miteinander geschrieben. Doch mit der Zeit wurde es immer weniger. Bis wir leider komplett den Kontakt verloren haben“, antwortete Luke, der insgeheim Harry im Auge behielt, als wollte er es vermeiden, Harry weiter auf die Palme zu bringen.

Nathaniel schien es jedoch nicht so ernst zu nehmen, denn er fügte mit einem Lächeln hinzu: „Doch wir haben ihr bis jetzt immer eine Karte zu unseren Konzerten geschickt.“

„Ist das wahr?“, fragte Sara mit einem Lächeln und die Jungs nickten. „Kam sie denn auch zu euren Konzerten?“

Die Jungs sahen sich unsicher an und schienen keine Antwort zu wissen.

„Nein“, antwortete Harry in einem wütenden Tonfall, dabei ging seine Stimme schlagartig hoch. Zuerst starrte er auf den Boden, während er unruhig mit dem Bein auf und ab wippte, doch dann sah er auf, und wenn Blicke töten könnten, wäre Sara von ihrem Stuhl gefallen und nie wieder aufgestanden. Ich wusste noch, was seine Augen bei einem bewirken konnten, und der Gedanke, die Erinnerung, schüttelte mich.

„Ehrlich gesagt wissen wir es gar nicht so genau“, verbesserte Nathaniel schnell, um die Situation wieder zu beruhigen, und man konnte Harry genervt schnauben hören, besonders als Andrew sich zu ihm wandte und fragte: „Wieso glaubst du das?“

„Weil sie zumindest für euch Backstage gekommen wäre“, antwortete der Lockenschopf und sah die Jungs ernsthaft an, „Ihr kennt Grace. Wir kennen sie. Wahrscheinlich hat sie die Karten verschenkt. Eigentlich ist es unnötig, dass ihr immer noch welche an sie verschickt.“

Im Wohnzimmer wurde es ruhig und man konnte die Anspannung spüren. Bis auf Nina kannten alle den Jungen aus Kindheitstagen und aus der Schulzeit zu gut. Denn bevor sich unsere Wege getrennt hatten und als Nina noch lange nicht in der Band war, war Harry das siebte Mitglied der Truppe gewesen und wir dachten, dass es auch so bleiben würde. Wir alle waren in dieselbe Schule gegangen und trotz unterschiedlicher Klassen hatten wir die meiste Zeit zusammen verbracht.

Und obwohl Harry sich in diesem Interview gut beherrschen konnte, wusste jeder, was er gerade fühlte. Jeder wusste, was tief in seiner Seele vergraben war – und das war pure Verärgerung, nein, der pure Zorn, und das traf mich sehr, da ich wusste, dass dieser Zorn durch mich ausgelöst wurde und berechtigt war.

Auch das, was er über die Karten sagte, stimmte vollkommen. Für jedes Konzert, das in der Nähe stattfand, bekam ich immer eine Karte für einen der besten Plätze geschickt und jedes Mal verschenkte ich sie an Nina, da sie die Band so sehr liebte. Ich war nicht auf einem einzigen Konzert von ihnen gewesen, dabei gab es schon so viele Möglichkeiten.

„Anscheinend ist er immer noch sauer“, murmelte Nina traurig in mein Ohr, während sie einen Arm um mich legte, als wollte sie mich trösten.

„Er war schon immer nachtragend.“

„Könnt ihr mir nochmal erzählen, wie alles begonnen hat?“, fragte Nina in die Runde und die anderen tauschten dieselben panischen Blicke aus. Dann schauten sie zu mir.

Ich bemerkte zwar ihre Blicke, aber ich starrte weiter auf den Bildschirm und meine Augen waren voller Tränen, als ich in die meerblauen Augen sah.

Nina wollte wieder hören, wie Harry zum Contest gegangen war und wie alles danach verlaufen war. Sicherlich wollte sie, dass ich über den Schmerz und den Verlust der Freundschaft redete. Wie sie es immer tat, wenn sie etwas verarbeiten wollte. Dabei vergaß sie manchmal, dass ich noch nie über dieses Thema sprechen konnte.

„Haben wir die nicht schon oft erzählt? Außerdem gibt es die Geschichte auf YouTube von zig Fans nacherzählt“, murmelte ich und spielte mit meinen Händen, dabei wischte ich mit einem Ärmel über meine Augen, um die kommenden Tränen wegzuwischen.

„Es tut mir leid. Ich dachte, dass es dir besser gehen würde, wenn du darüber reden würdest. Aber ich hätte bedenken müssen, was für eine Überwindung es für dich sein muss“, sagte Nina entschuldigend und umarmte mich weiter, während sie ihren Kopf in meinen Nacken vergrub.

„Ja, reden müsste Grace mal“, murmelte Lorence vor sich hin und kassierte sofort wieder einen Schlag von Skyler.

„Ich kann heute nicht mehr viel reden. Ich habe doch noch ein Konzert hinter mir“, murmelte ich und ignorierte Lorences Aussage.

Ich sah zu Morice, zu meinem zweitältesten Freund, der wie ein Bruder für mich war. Gemeinsam mit ihm hatte ich die meiste Zeit mit Harry verbracht, angefangen im Kindergarten, und somit kannten wir beide diesen Jungen am besten.

„Du willst, dass ich es erzähle?“, fragte er unsicher und starrte in meine Augen, welche sonst voller Freude strahlten. Er machte sich Sorgen, das konnte ich erkennen, und sicherlich hätte er am liebsten ein anderes Thema angefangen, um mich abzulenken.

Doch ich nickte auffordernd. „Wenn du magst.“

„Wir kennen dich Grace. Wenn es zu sehr aufwühlt, sag einfach Stopp“, sagte Allison fürsorglich und spielte nachdenklich mit ihrer Kette herum, die sie schon bei sich trug, seitdem ich sie kenne. Ich fuhr seufzend mit den Händen durch das Gesicht. „Los. Erzähl.“

Morice sah mich ein weiteres Mal besorgt an, doch begann langsam, zu erzählen. „Alles begann an einem einfachen Schultag, den wir in der Schule verbrachten.“

„Wow. Wirklich? In der Schule? An einem Schultag?“, fragte Lorence und zog eine überraschte Grimasse, als wollte er versuchen, die Stimmung aufzuhellen. Doch mir war nicht mehr nach Lachen, sondern ich wollte verschwinden. So wie Harry in dem Interview. Doch während er Wut verspürte, breitete sich bei mir immer mehr Trauer aus.

„Klappe!“, sagten die anderen sofort, worauf Lorence beleidigt war und die Arme verschränkte und Morice weitersprechen konnte.

„Wir waren gerade in der Mittagspause, als …“

Den Rest hörte ich schon gar nicht mehr, denn in meinem Kopf spielten sich direkt die Erinnerungen ab. Wie in einem Kino liefen sie in einer Art Dauerschleife an mir vorbei und es war, als würde ich wieder in der Schule sitzen. Ich konnte den Geruch aus der Kantine riechen und die verschwommenen Stimmen der vielen Mitschüler hören. Es war, als würde ich alles noch einmal erleben, wobei ich gemischte Gefühle verspürte: Ein Gefühl der Freude, ein Gefühl der Unsicherheit und ein Gefühl der Traurigkeit. Ich wurde in ein schwarzes Loch gezogen und in eine andere Zeit gebracht, ohne dass ich etwas dagegen ausrichten konnte.

Vor 3 Jahren:

„Und wie war euer Tag?“, fragte Morice, während er in sein Pausenbrot biss und den Rest gespannt ansah.

Zu sechst saßen wir an einem länglichen Tisch in der Schulcafeteria, an dem zwei schmale Bänke standen. Endlich hatte die Mittagspause angefangen und wir konnten uns von dem langen Schultag erholen. Allison, Claire und Skyler hatten schon auf dem ganzen Weg zu unserem Tisch gemeckert, dass sie so hungrig wären, und waren auch die Ersten, die etwas zu essen ergattert hatten. Morice brachte jedoch wie immer sein eigenes Essen mit, da er immer der Meinung war, dass es in der Cafeteria einfach nicht schmeckte. Ich teilte diese Meinung und aß somit nur einen Apfel.

Lorence, der mir gegenüber saß, seufzte und starrte auf sein Essen, in dem er nur ziellos herumstocherte. „Es war einfach nur grauenhaft. Mr. Nicle hatte wieder einen seiner tollen speziellen Tage, die wir alle so sehr lieben. Also Musik war wieder einmal traumhaft. Dabei ist das eigentlich das schönste Fach, das man haben kann.“

„Und konnte Simon wieder seine perfekten Antworten geben?“, fragte Claire frech grinsend und Lorence sah sie direkt finster an: „Bitte. Erwähne diesen Namen nicht. Der kann ja noch nicht mal die C-Dur-Tonleiter richtig aufsagen. Eigentlich kann er in Musik gar nichts sagen, was nicht so klingt, als wäre er ein Idiot. Der ist einfach nur strohdumm und es ist schon peinlich, ihm nur zuzuhören. Wie soll der den Abschluss schaffen? Oder die bessere Frage ist: Wie hat er es geschafft, in der Schule so weit zu kommen? Schummelt der? Besticht er die Lehrer?“

„Das ist eine gute Frage“, sagte Skyler kichernd.

„Kommt schon, Leute. Nicht jeder hat so viel mit Musik zu tun wie wir. Wir verbringen den ganzen Tag mit diesem Thema. Natürlich haben wir dann mehr Wissen“, sagte ich mit hochgezogener Augenbraue und richtete meinen Blick auf Lorence.

Die Gruppe, bestehend aus sieben Leuten, hatte tatsächlich immer etwas mit Musik zu tun. Wir alle sangen im Schulchor und jeder konnte mindestens ein Instrument spielen. Das war ein weiterer Grund, warum wir uns als Freunde gefunden hatten. Die Leidenschaft zur Musik hatte uns zusammengeführt.