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Ein zauberhafter Roman, der nach Sommer duftet – Liebe nicht ausgeschlossen »Wilde Hoffnung« erzählt davon, wie Urban Gardening in Berlin eine ganze Nachbarschaft aufblühen lässt. Als die Studentin Emilia von ihrem Freund betrogen wird, ist nicht nur guter Rat teuer, sondern vor allem eine neue Wohnung in Berlin. Schließlich bleibt Emilia nichts anderes übrig, als bei der ebenso verbitterten wie scharfzüngigen Vera Rosenstein einzuziehen, die nur eine Mitbewohnerin sucht, weil sie nach einem Unfall Hilfe im Haushalt benötigt. Zum Glück leben in dem Berliner Altbau-Viertel auch Menschen, die Emilias Liebe zur Natur teilen. Wie Lars, der sich für Urban Gardening begeistert und gemeinsam mit allen Nachbarn ein ungenutztes Grundstück in einen verwunschenen Garten verwandeln möchte. Bald blühen nicht nur Blumen und Gemüse auf, sondern auch die Menschen – selbst Vera kann plötzlich lächeln. Niemand ahnt, dass eine Immobilienfirma das Grundstück so gut wie gekauft hat … Jessica Potthast beschreibt den wunderschönen Garten in ihrem Sommer-Roman so liebevoll und sinnlich, dass man den Duft von Malven und Nachtviolen riechen und die sommerliche Süße von frischen Erdbeeren schmecken kann.
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2022
Jessica Potthast
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Als die Studentin Emilia von ihrem Freund betrogen wird, ist nicht nur guter Rat teuer, sondern vor allem eine neue Wohnung in Berlin. Schließlich kommt Emilia bei der pensionierten Vera unter, die leider ebenso verbittert wie scharfzüngig ist. Zum Glück leben in dem Altbauviertel auch Menschen, die Emilias Liebe zur Natur teilen. Wie Lars, der gemeinsam mit allen Nachbarn ein ungenutztes Grundstück in einen verwunschenen Garten verwandeln möchte. Bald blühen nicht nur Blumen und Gemüse auf, sondern auch die Menschen – selbst Vera. Niemand ahnt, dass eine Immobilienfirma das Grundstück so gut wie gekauft hat …
Widmung
Motto
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
Epilog
Danksagung
Für B., der mir immer jene Hoffnung gibt.
»Blumen sind das Lächeln der Erde.«
Ralph Waldo Emerson
Emilia hob den Blick von den purpurnen Trauben des Lavendels und blickte sich im Garten um. Sonnenflitter tanzte glitzernd vor ihrer Nase und wurde nur durch einen zarten Marienfaden durchbrochen. Der Himmel an diesem Julitag schien durchsichtig zu sein, so als ob man ihn mit einem Diamanten geschliffen hätte. Die Schönheit, die diese Welt zu bieten hatte, umgarnte sie und schmeichelte allen ihren Sinnen. Sie nahm einen tiefen Atemzug. Die Goldmargerite war auf dem Zenit ihrer Blüte angekommen, ihr gelbes Kleid erschien fast wie gelackt neben den prächtigen hellblauen Blüten des Rittersporns.
Emilia fuhr sich mit den Händen durch ihr sonnenbeschienenes Haar. Je näher sie den lichtblauen, verzweigten Blütenrispen kam, desto mehr wollte sie ihre Wange an die zarten, glänzenden, ausgebreiteten Kragen schmiegen. Bienen und Schmetterlinge umtanzten die hohen, kräftigen Stiele. Ein Satz, den sie einmal in einem Kalender gelesen hatte, kam ihr plötzlich in den Sinn: Wie musste es wohl sein, mit Bienenlippen von Blüten zu saugen?
Als sie aufsah, kamen ihr die glühenden Flammenblumen bereits entgegen, und sie ließ ihre Fingerkuppen sanft über die lanzenförmigen Blätter tanzen. Seidenzart, durchfuhr es sie. Später, in der Abenddämmerung, würden sie noch immer leuchten und mit ihrem betörenden Duft die Schwärmer der Nacht anziehen. Und vielleicht auch Lars, dachte Emilia. Wir könnten gemeinsam den Nachthimmel bewundern.
Sie seufzte wohlig bei dem Gedanken und setzte sich auf die alte schmiedeeiserne Bank, die sie zusammen mit einem passenden feingliedrigen Tisch über eine Kleinanzeige gefunden hatte. Vera verbrachte hier oft ihre Nachmittage und schwärmte davon, wie sehr ihr die Mischung aus Schatten, den ihr das Blätterdach der Platane bot, und dem warmen Sommerwind gefiel.
Odin, der Dackel, lag ihr entspannt zu Füßen, und Emilia kraulte sein löwengelbes Sommerhaar. Aus der Ferne drangen fröhliche Kinderstimmen an ihr Ohr. Polly und Ludwig, die Zwillinge, waren eifrig damit beschäftigt, die Außenwände des Gartenhäuschens, das Hannes am letzten Wochenende aus alten Holzbrettern zusammengezimmert hatte, mit bunten Farben anzustreichen. Noch waren sich beide darüber einig, dass eine Seite in Apfelgrün erstrahlen sollte, aber schmunzelnd fragte Emilia sich, wie lange der Frieden wohl anhalten würde.
Neben dem Häuschen rankten Johannisbeersträucher in die Höhe, ihre Äste schwer vor Früchten, die bald reif sein würden, und inmitten all der zartroten Fahnen erblickte sie die kleine Dilara. Rosenwangig und fröhlich murmelnd, schien sie mit den Beeren zu sprechen, um sie zu einer guten Ernte anzuspornen. Eine Welle von Glück durchströmte Emilia. Was für eine Wohltat, diese Oase mitten in Berlin erschaffen zu haben, was für ein unsagbares Glück. Sie wanderte weiter durch den Garten, der ein beachtliches Ausmaß hatte, in etwa so groß wie ein Fußballfeld, jedenfalls hatte Lars ihr das erklärt. Doch viel entscheidender als die Größe war die Gemeinschaft, die zwischen zwei benachbarten Häusern gewachsen war. Und war es nicht immer so, dass Glück erst dann von Bedeutung war, wenn man es teilen konnte?
Emilia ging vorbei an der verwitterten Biertischgarnitur, auf der noch zwei leere Weinflaschen vom gestrigen Abend standen und an der sie schon so häufig miteinander gegessen hatten. Und gekocht, dachte Emilia. Die frühe Ernte in diesem Gartenjahr war üppig ausgefallen, und sie war froh, dass ihr Projekt, die »Kantine für alle«, so gut in der Nachbarschaft angenommen wurde. Es hatte sich eine verlässliche Routine im Bepflanzen und Ernten entwickelt.
Im ersten Hochbeet rechts neben den Sitzbänken reflektierten die Blätter der Zucchinipflanzen golden das Sommerlicht und wucherten munter über das Beet. Einen Teil der Pflanzen hatten sie an Holzpflöcken hochgebunden, um ihnen das Wachsen zu erleichtern und um mehr Platz im Beet zu schaffen. Darunter sprießten Ringelblumen Hand in Hand mit Kapuzinerkresse. Die lilafarbenen Kohlrabiköpfe dazwischen sahen wild aus, mit ihren gestielten Blätterhaaren und den violetten Adern, die ihnen vom Haupt wuchsen. Kurz dachte Emilia an einige Nachbarn, die ihre Haare ähnlich trugen, und lachte auf. Die Natur und die Menschen waren eben untrennbar miteinander verbunden.
Im zweiten Beet reiften Radieschen, Lauch und Brokkoli. Verträumt ging Emilia weiter zu den Bohnen, die sie an Bambusstangen in die Höhe gezogen und zeltförmig in einer Rabatte angepflanzt hatte. Die Feuerbohnen umschlangen mit ihren herzförmigen Blättern die Stäbe und waren bereits auf eine beachtliche Höhe geklettert. Bewundernd streifte sie kurz die weißen Schmetterlingsblüten, die wechselständig in Trauben standen. Daraus wuchsen marmorierte Hülsen, von denen einzelne jetzt schon einige Zentimeter lang waren. Bald würden sie mit der Ernte beginnen können.
Unter den Feuerbohnen gediehen Bohnenkraut, Kohl und Gurken. Sie wusste um die Vorzüge dieser Mischkultur, denn ihre Oma hatte es ihr in ihrer Kindheit unzählige Male erklärt. Emilias Blick wanderte zu einer alten Schubkarre, die Franz in seinem Keller gefunden hatte. Sie hatten sie mit guter Erde gefüllt und Kartoffeln vergraben, ein Experiment. Bis zur Ernte würden sie sich allerdings noch gedulden müssen, denn die Blüte war zwar beendet, das lindgrüne Kraut jedoch noch lange nicht abgestorben. Erst dann würden sich die Erdäpfel eine harte Schale zulegen, eine dicke Haut. Dann war der richtige Zeitpunkt gekommen, um die reifen Knollen aus ihrer wohligen Erdhöhle zu entnehmen und ihnen das Leben über Tage zu präsentieren. Seufzend rief Emilia sich den erdigen Geruch in Erinnerung, mit dem sie herrliche Momente verband.
Bevor sie sich in Gedanken verlieren konnte, zupfte eine Kinderhand an ihrem meergrünen Kleid, und sie drehte sich um. Strahlend sah Dilara sie an und zog sie zur Gartenseite, die an die Straße grenzte und durch einen Bretterzaun vom Gehweg getrennt war.
»Hast du Lust auf Erdbeeren?« Emilia zeigte auf das kleine Feld, in dem unter niedrigen Blütenblättern die rot glänzenden Früchte hingen. Erdbeeren kamen so bescheiden daher in ihrem flachen Wuchs, und dabei waren sie eine der größten Kostbarkeiten im Garten. Und Köstlichkeiten. Dilara stürmte los. Als sie kurz darauf zurückkehrte, hatten ihre Wangen kleine Ausbeulungen. Mit ihren zarten Händen hatte sie ein Körbchen geformt, in dem sie weitere Beeren transportierte. Wie ein kleines süßes Eichhörnchen, das sich für den Winterschlaf rüstet, dachte Emilia amüsiert.
Das Mädchen ließ die Nussfrüchte vorsichtig ins Gras fallen. Emilia schnupperte an einer Frucht und genoss ihren kräftigen, süßen Duft, bevor sie sich gleich zwei auf einmal in den Mund steckte. Das Fruchtfleisch war weich und schmeckte süßlich-blumig nach Akazie. Der Geschmack erinnerte sie an Walderdbeeren. Sie hatten eine alte Sorte angepflanzt, und alle waren begeistert. Niemand wollte mehr Erdbeeren aus dem Supermarkt essen, und so war dieses Beet eines der am meisten umhegten geworden.
Emilia sah sich erneut im Garten um. Die bunte Wimpelkette, die Dennis und Shenmi von der Platane bis zum Vordach der Terrasse gespannt hatten, flatterte schnalzend im Wind. Emilia richtete den Blick in den Himmel. Einige weiße Wolken wurden durch graue überlagert. Vielleicht hatte Lars recht und es würde heute doch ein Gewitter geben, überlegte sie.
»Komm, Dilara.« Mit einem Ruck stand sie auf und schlug sich das Kleid aus. »Wir räumen noch ein bisschen Krimskrams weg, falls es noch windiger wird.«
Das Mädchen nickte und folgte ihr. Gemeinsam sammelten sie einige Gläser ein, nahmen zwei alte Plastikgießkannen mit, die jemand an den Rand der Beete gestellt hatte, und verstauten sie in einer Holzkiste, die Lars extra für diese Zwecke gebaut hatte. Odin trottete schnüffelnd hinter ihnen her, als sie die Decken und Kissen von den Paletten räumten. Die Wolken verdunkelten inzwischen die Sonne, die ersten dicken Regentropfen trafen Emilias Unterarm. Der Himmel leuchtete kurz auf, dann war ein leises Donnern zu hören. Das Unwetter schlich sich an, aber sie wusste, dass es gleich ganz schnell gehen würde. Dilara umschlang ängstlich ihr Bein, und sie strich ihr über das kurze Haar.
Besorgt sah sie zu Polly und Ludwig, die keine Anstalten machten, ihre Malerarbeiten zu unterbrechen. Gerade wollte sie zu ihnen laufen, als ein lauter Schrei den Garten durchzog.
»Emilia! Schnell!«
Erschrocken drehte sie sich um. Vera stand mit zerzausten Haaren unter dem kleinen Dach der Hoftür. Mit einer Hand stützte sie sich auf ihren Gehstock, und mit der anderen wedelte sie mit einem Blatt Papier. Irritiert sah Emilia zu ihr. Energisch rief sie den Zwillingen zu, sofort ins Haus zu gehen, die das zu ihrer Erleichterung auch ohne Widerspruch taten. Ob es an ihrem Tonfall oder an dem beeindruckenden Blitz lag, der sich eben gezeigt hatte, spielte keine Rolle.
Dann eilte sie mit Dilara an der Hand zu Vera, die bereits Odin in Empfang genommen hatte. Der Regen platzte nun mit voller Wucht auf die Erde. Endlich erreichten sie das rettende Wellblechdach. Emilia strich Dilara eine triefend nasse Strähne aus der Stirn, und erst jetzt bemerkte sie den ängstlichen Ausdruck in Veras Gesicht. Ihre Haut wirkte noch blasser als sonst. Stumm hielt ihr die alte Dame das Papier unter die Nase, und eilig las sie die Zeilen, bevor sie den Brief sinken ließ. Entsetzt sah sie ihre Vermieterin an.
»Die wollen uns den Garten wegnehmen?« Selten war es Emilia so schwer gefallen, eine Frage zu stellen.
Wieder zuckte es über ihnen, und das graue, unwirkliche Licht, in das der Sommertag plötzlich getaucht worden war, leuchtete für einen kurzen Moment taghell.
Vera nickte langsam.
Ein weiterer Donnerschlag ließ Emilia ängstlich zusammenfahren und löste gleichzeitig etwas in ihr aus. Trotzig und entschlossen lächelte sie der alten Dame zu.
»Nein, Vera. Nicht unser Garten. Wir haben doch schon ganz andere Schlachten gewonnen.«
Die Gepäckausgabe war überraschend schnell erledigt. Ihr verbeulter Alukoffer erschien als einer der ersten auf dem Rollband, und beim Zoll wurde sie auch nicht kontrolliert. Sie versuchte, Max durch die Glasscheiben zur Empfangshalle zu erkennen, doch da waren zu viele Menschen, und er war nicht sonderlich groß, sodass er aus der Menge herausgeragt hätte. Aufgeregt fuhr sie sich durch die Haare, bevor sie die Ausgangstür passierte. Tausendmal hatte sie sich in den vergangenen Monaten vorgestellt, wie er sie willkommen heißen würde, vielleicht mit einem lustigen Schild (Taxi für Emmie oder Hugs for free) oder mit Blumen. Margeriten waren ihre Lieblingsblumen, das wusste er. Irgendeine Überraschung würde er sich ausgedacht haben, sie spürte es einfach.
Emilia seufzte. Sie setzte ihren Rucksack ab. Hatte ihr Handy vielleicht geklingelt und sie hatte es überhört? Das Display zeigte tatsächlich eine Nachricht von Max an: Kannst du bitte zum Taxistand kommen? Die Parkgebühren hier sind Wucher.
Die Parkgebühren? Sie kam nach einem halben Jahr aus Australien zurück nach Berlin, und er dachte an die paar Euro für den Parkplatz? Das kam ihr wie eine Szene aus einem schlechten Film vor. Max konnte man zwar nachsagen, sparsam zu sein, aber ganz sicher nicht geizig.
Emilia fühlte Wut in sich aufsteigen. Sie waren seit einer halben Ewigkeit zusammen, genau genommen seit der Oberstufe. Während dieser Zeit hatte es schon einige Abschiede und Wiedersehen gegeben, nur so hatte Max sich noch nie verhalten.
Suchend sah sie sich auf dem Vorplatz um. Sein alter Volvo stand bereits mit laufendem Motor in zweiter Reihe vor dem Taxistand. Zwei Fahrer machten verächtliche Handbewegungen in seine Richtung. Das alles kam ihr eher wie ein Fluchtversuch und weniger wie ein herzliches Willkommen vor.
Sie versuchte, einen Blick auf Max’ Gesicht zu erhaschen, doch die Oktobersonne stand tief, und die Windschutzscheibe zeigte nur einen gleißenden Fleck. Emilia musste schlucken. Das war ihre mit Abstand längste Zeit ohneeinander gewesen, ein halbes Jahr hatte sie in Melbourne verbracht, um an einer bedeutenden Studie teilzunehmen. Und er hielt es nicht für nötig, aus dem Auto auszusteigen?
Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, öffnete sich in diesem Moment die Fahrertür, und Max stieg aus. Augenblicklich entspannte sie sich. Er sah gut aus mit seinen blonden Haaren und der Bräune des Sommers auf der Haut. Allerdings machte er keine Anstalten, seine Sonnenbrille abzunehmen oder zu lächeln, als sie auf ihn zuging. Was zur Hölle war hier los?
Emilia versuchte, tief durchzuatmen. Im Auto war es so stickig und heiß wie in einem Gewächshaus an einem heißen Julitag. Keine Klimaanlage und die Fenster geschlossen, denn der Wagen stand, und somit standen auch alle seine elektronischen Funktionen.
Eine Fliege hatte sich verirrt und unterstrich ihre sinnlosen Fluchtversuche mit irrem Surren. Noch jemand, der offenbar dringend wegwollte, dachte sie bitter.
»Max, kannst du mir mal sagen, was du hast? Weißt du eigentlich, wie es ist, anzukommen und …« Ihre Stimme erstickte in Tränen. »Ich habe mich so auf dich gefreut. Was ist denn los?« Sie warf ihm einen flehenden Blick zu. Wieso hatte er nicht längst etwas Erlösendes gesagt oder ihr das Gesicht geküsst?
»Emilia. Es ist einfach passiert. Und das hört sich so blöd und unvollständig an. Es tut mir unendlich leid.« Sein schweres Ausatmen erfüllte den ganzen Innenraum des Wagens.
Emilia hatte das Gefühl, in ihrem Sitz zu schweben. Ihr Körper hatte jeglichen Kontakt zur Außenwelt verloren. Max starrte weiterhin geradeaus, er schien die Menschen auf dem Parkplatz zu beobachten. Noch immer waren sie am Flughafen, aber nachdem ein Taxifahrer sie weggehupt hatte, standen sie jetzt im Abholbereich, um sie herum ein stetes Kommen und Gehen. Sie hatte ihn dazu gedrängt, anzuhalten, nachdem er sie nur flüchtig auf die Wange geküsst und danach gleich wieder weggesehen hatte.
»Was tut dir leid? Ich verstehe nicht, was du meinst.« Ihre Stimme war nur noch ein Krächzen.
»Felicitas und ich … Wir haben uns verliebt.« Er stockte kurz, bevor er weitersprach. Dabei vermied er jeglichen Blickkontakt. »Ich hatte plötzlich so viel Stress im Studium, dazu die Probleme mit meiner Mutter, und auf einmal keine Ahnung mehr, ob unsere Zukunftspläne noch die richtigen sind. Und du …« Jetzt warf er ihr einen kurzen Blick zu, der eine Mischung aus Vorwurf und Selbstmitleid enthielt. »Ich habe mir so oft gewünscht, dass wir darüber reden können. Aber du warst so weit weg. Am anderen Ende der Welt.« Seine Stimme überschlug sich fast.
Kopfschüttelnd starrte Emilia auf ihre Hände und konnte keinen Sinn in seinen Worten finden. Es war nur eine Aufzählung für sie, wie das Wiederholen von Punkten einer Einkaufsliste. Eier, Brot, Marmelade. Stress, Probleme, Einsamkeit. Und das reichte, um die letzten zehn Jahre für beendet zu erklären? Sie waren doch immer noch Max und Emilia, sie hatten eine Zukunft geplant, die auf ihrer gemeinsamen Vergangenheit beruhte. Sie hatten einen Plan, zu dem auch ihr Aufenthalt in Australien gehörte. Er konnte doch jetzt nicht alles aufgeben!
Ihre gemeinsame Zukunft war in greifbarer Nähe. Zukunft. Ein Wort wie eine Wolke, überlegte Emilia. Undurchsichtig, vorüberziehend, unstet. Nie wusste man, ob es aus ihr regnen oder schneien würde oder ob sie zerfasern würde in ein Nichts.
Nein! Energisch schob sie ihre Gedanken zur Seite. In einem Jahr würden sie beide nach Oldenburg zurückkehren, um den Hof ihrer Eltern zu übernehmen. Der Plan war langsam gereift. Auch Max’ Eltern waren in der Landwirtschaft tätig gewesen. Ihre Kindheit auf dem Land hatte sie zutiefst geprägt. Auf der einen Seite das ständige Versorgen der Tiere, das Ernten, der Verzicht auf gemeinsame Familienurlaube, auf der anderen die große Freiheit, die Abenteuer in den Wäldern und der Geruch von Kälbchen an den Händen. Sie erinnerte sich noch genau an die vielen Nachmittage, die sie gemeinsam mit ihrer Oma Frieda in deren Bauerngarten verbracht hatte. Besonders geliebt hatte sie die Ernte der Schalerbsen, wobei davon mehr in Emilias Bauch als in ihrem Korb landeten.
Genau dieses Leben wünschte sie sich für ihre Kinder.
»Wann …« Sie musste sich räuspern. Ihr Mund war staubtrocken. »Wann ist das passiert? Und warum? Ich versteh einfach nicht, warum. Liebst du mich nicht mehr?« Ihre Stimme brach. Sie wollte seine Antwort nicht hören, und doch musste sie es. Durch irgendetwas musste sie sich vergewissern, dass sie nicht bloß träumte.
»Ich weiß nicht mehr genau, wann. Das spielt auch keine Rolle. Das war doch nicht geplant. Und es tut mir auch leid, dass ich dir nicht früher gesagt habe, was los ist. Aber, Emmie, ich wollte dir Australien nicht verderben. Du wärst doch sofort nach …«
Nicht geplant. Das Echo seiner Worte hallte in ihr nach. Sie weinte, aber sie fühlte und schmeckte die Tränen nicht. Etwas in ihr zerbarst. Emilia wollte ihn anschreien, an ihm zerren. Sie wollte sich in seine vertrauten Arme schmiegen und sich von seinen sanften Worten trösten lassen. Max war ihr Hafen und ihre Heimat.
»Wir können alles schaffen, was wir wollen.« Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.
»Was?«
»Das haben wir uns früher immer gesagt. Alles, was wir wollen …« Emilias Stimme versagte vollends.
Max zog die Augenbrauen zusammen. Seine Lippen waren fest aufeinandergepresst, und doch konnte sie sehen, wie sie zuckten. Sie erkannte die Entschlossenheit in seinem Gesicht. Diese Entscheidung und seine Worte standen nicht erst seit Kurzem fest.
Übelkeit stieg in ihr hoch. Er setzte zu einer weiteren Erklärung an, aber sie hob die Hand und schüttelte den Kopf. Er verstummte.
»Fahr mich zu Anne.«
Etwas überrascht, aber ohne Widerstand zu leisten, setzte er das Auto in Bewegung, und sie verließen den Flughafen. An einer roten Ampel sah sie ein kleines Mädchen mit seiner Mutter. Das Kind hielt eine Eiswaffel mit viel zu großen Kugeln in seiner kleinen Hand. Sie streckte ihre Zunge raus, um an dem Eis zu lecken. Ein Lkw hupte laut und dröhnend. Die Kleine erschrak und ließ ihr Eis fallen. Alles Glück hält nie, dachte Emilia noch, bevor sie zu schluchzen begann.
Emmie?«
Eine wohlvertraute Stimme unterbrach ihre kreisenden Gedanken. Anne.
»Bist du wach, Emmie? Ich habe dir dein Lieblingsessen gekocht.«
Emilia strich sich durchs Gesicht und zog dabei ihre Augenlider nach unten.
»Meine Augen sind schwer wie Blei.«
Ihre Freundin balancierte gerade ein Tablett mit einem Riesenteller Mac ’n’ Cheese darauf. Daneben steckten in einer schlanken Vase zwei violette Gerbera. Gerbera, dachte Emilia. Die Blumen der Freundschaft. Was hätte sie in den letzten Tagen nur ohne Anne gemacht?
»Deswegen heißen die Dinger darunter auch Tränensäcke.« Anne sah sie aufmunternd an.
Emilia wollte lächeln. Vielleicht weniger für sich selbst als für Anne. Sie wollte ihr etwas zurückgeben. Irgendetwas, das ihr versichern würde, dass ihre Fürsorglichkeit nicht umsonst gewesen war. Der trockene Humor ihrer Freundin tröstete sie seit Jahren und in allen möglichen und unmöglichen Situationen. Aber in ihrem Inneren fühlte sie eine Taubheit, unter der ihre Verzweiflung brodelte wie Wasser, das überzukochen drohte. Schwer und mutlos ließ sie sich wieder zurück in die Kissen sinken. Würde sie dieses lähmende Gefühl je wieder verlassen?
»Ich habe mit Max geschrieben.«
In Emilias Bauch zuckte es, als sie seinen Namen hörte. »Wegen der Wohnung?« Die Frage kam ihr automatisch über die Lippen. Um was sollte es auch sonst gehen.
Anne ließ sich neben sie aufs Bett sinken und streichelte langsam über ihre Hand. »Am Wochenende ist er oder, besser gesagt: sind er und Felicitas nicht da. Da könnten wir deine Sachen holen. Wir nehmen den Transporter meines Bruders.«
Emilia stiegen wieder Tränen in die Augen. Ihre Sachen abholen, warten, bis niemand da war. Unfreiwillig fühlte sie sich wie eine feige Diebin. Dabei war er es doch gewesen, der ihr das Hier und Jetzt und die Zukunft gestohlen hatte. Sie begann zu schluchzen.
»Mir tut alles so weh, Anne. So weh.«
Ihre Freundin strich ihr mit ernster Miene über den Kopf und drückte sie an sich.
»Du musst nicht mitkommen, Emmie. Ich kann das auch allein übernehmen. Es ist kein Problem, ehrlich.«
Emilia antwortete nicht auf ihren Vorschlag. In ihrem Kopf tauchten unaufhörlich Fragen auf. Wohin sollte sie jetzt gehen? Wo sollte sie wohnen?
»Anne?« Flehentlich sah sie ihre Freundin an, und ihre Blicke trafen sich. »Anne, wie soll mein Leben nur weitergehen?«
Kastanien. Der halbe Gehweg war von grünen, stachligen Kugeln übersät, die scheinbar nur darauf warteten, geöffnet und weiterverarbeitet zu werden. Einige waren beim Aufprall auf den Asphalt aufgeplatzt, die braunen Früchte glänzten um die Wette. Kastanien hatten ihr eigenes Tempo, um aus ihrer Haut zu rutschen und sich in voller Pracht der Welt zu zeigen.
In der vergangenen Nacht hatte der Wind getobt und die beiden großen Bäume ihrer Früchte beraubt. Die Kinder freuen sich bestimmt, dachte Emilie und bückte sich, um eine aufzusammeln. Wenigstens ein bisschen Natur in der Stadt. Es war nun drei Wochen her, seit sie aus Australien zurückgekehrt und bei Anne eingezogen war. Emilia war heilfroh gewesen, als sie ihre Sachen aus der Wohnung geholt hatten, in der jetzt Max und Felicitas wohnten.
»Hey!«, rief Anne von ihrem kleinen Balkon herunter. Sie hatte sich eine bunte Strickjacke um den Körper gewickelt.
Emilia winkte mit der Brötchentüte zu ihr hoch.
»Ich habe vielleicht eine Wohnung für dich gefunden. Besser gesagt ein Zimmer.«
»Oh!« Mehr fiel Emilia dazu nicht ein. Die vergangenen Wochen mit Anne waren Balsam für ihre Wunden gewesen, sie konnte sich schwer vorstellen, wieder allein zu wohnen. Und was hieß auch wieder? Seit dem Auszug von ihren Eltern hatte sie immer mit Max zusammengelebt.
»Ich komme hoch!« Der Türsummer ertönte prompt, und Emilia eilte die Treppe hoch. Anne empfing sie aufgeregt im Flur. Sie hielt ein Stadtmagazin in der Hand und machte damit eine eilige Bewegung.
»Ich habe eine Wohnung für dich gefunden! Ein super Angebot. Schau doch mal!«
Emilia streifte sich den Mantel ab und warf einen Blick auf die Annonce, die ganz oben im Zu-vermieten-Teil des Stadtmagazins stand. Laut begann sie zu lesen:
»Ältere Dame bietet 1 Zimmer (18 qm) in sehr gepflegtem Altbau am Paul-Lincke-Ufer. KOSTENFREI. Sie helfen mir im Haushalt, betreuen meinen Hund und übernehmen Einkäufe. Nur an ruhige Studentinnen, zeitlich befristet.«
»Na, was hältst du davon?« Anne sah sie erwartungsvoll an.
»Hm.« Emilia seufzte. »Ich weiß nicht so recht.«
Ihre Freundin musterte sie. »Ich wünschte, wir könnten ewig zusammenwohnen, aber ich befürchte, mein Vermieter steigt mir aufs Dach.« Sie verdrehte die Augen. »Der Typ ist ein Idiot, aber ich werde nie wieder so wenig bezahlen für 31 Quadratmeter.«
Zustimmend sah Emilia zu ihr. »Na klar, das ist hier ein echtes Schnäppchen. Außerdem geht das Leben ja weiter.« Sie konnte ihren Worten selbst kaum glauben.
»Das hört sich an wie ein Sinnspruch von Pinterest.« Anne lachte. »Ich meine, kostenfrei, Emilia. Kostenfrei. Das ist ein magisches Wort.« Ihre nassen langen Haare fielen ihr über die Schultern, und mit ihren großen Ohrringen sah sie wie eine Zauberin aus, die sie besprechen wollte.
»Und bestimmt ist die alte Dame lieb. Das hört sich doch wirklich nett an.«
Emilia brütete immer noch über der Wohnungsanzeige.
»Klar, das ist mega. Aber ob ich das alles so kann mit dem Haushalt und dem Hund?«
Anne legte den Kopf schräg. »Daran zweifle ich keine Sekunde. Wer kocht denn hier seit Wochen?« Sie schlug sich scherzhaft gegen ihre Schenkel. »Ich habe bestimmt schon zwei Kilo zugenommen von deinem köstlichen Zitronenkuchen.«
Grinsend zeigte Emilia ihr einen Vogel. Mit der Wohnung allerdings hatte Anne recht. Vielleicht war das Ganze eine Fügung des Schicksals. Eine freundliche, ältere Dame, bei der sie sich nicht allein fühlte und in aller Ruhe ihr Studium zu Ende bringen konnte. Außerdem liebte sie Hunde! Und ganz eventuell würde diese alte Dame ihrer Oma Frieda ähnlich sein. All das könnte und würde sie trösten.
»Weißt du was? Ich mache es. Gib mir mal mein Handy, ich rufe da gleich an.« Entschlossen tippte sie die Nummer ein.
Es klingelte bereits zum sechsten Mal, als sie sagte: »Da geht keiner dran. Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.«
»Glaub ich nicht. Ruf doch später noch mal an«, rief Anne ihr vom Sofa zu.
»Ich habe Angst, dass das Zimmer dann …« Jäh unterbrach sie ihren Satz, als sich am anderen Ende einer Leitung jemand meldete.
»Professor Rosentreter.«
Die Person klang außer Atem und hauchte eher, als dass sie sprach.
»Ja, äh …« Emilia fühlte sich überrumpelt.
»Kommt da noch was?« Die eben noch zart wirkende weibliche Stimme strotzte plötzlich vor Kraft. Und Lautstärke. »Ich habe mich jetzt mühevoll vom Sessel zum Telefon geschleppt, dafür dass Sie sich melden mit ›Ja, äh‹?«
Emilia hielt das Handy einige Zentimeter von ihrem Ohr weg. Anne legte ihr Buch zur Seite und malte ein Fragezeichen in die Luft. Ratlos zuckte sie mit den Schultern und beschloss, einfach weiterzureden. Sie brauchte dieses Zimmer.
»Entschuldigen Sie bitte, Professor Rosentreter. Ich dachte nur …«
»Sie dachten was? Dass hier eine alte gebrechliche Frau sitzt, die man einfach so hochscheuchen kann, wie es einem passt?«
Emilia war kurz davor, aufzulegen. Sie war bereit, vieles für ein Dach über dem Kopf auf sich zu nehmen, aber es gab Grenzen. Gerade warf sie Anne einen genervten Blick zu, als die Stimme am anderen Ende weitersprach.
»Falls Sie wegen des Zimmers anrufen, ja, es ist noch frei. Kommen Sie heute Nachmittag um 15 Uhr an das Paul-Lincke-Ufer 23. Wo Sie klingeln müssen, wissen Sie ja wohl.« Frau Rosentreter machte eine Pause. Nicht um sich zu beruhigen, wie Emilia erfahren musste, sondern um ihrem letzten Satz mehr Ausdruck zu verleihen. »Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, irgendwelche Supermarkt-Leckerlis für meinen Hund mitzubringen. Odin ist allergisch!«
Das letzte Wort betonte sie derart übertrieben, dass Emilia fast lachen musste. Mühsam unterdrückte sie den Impuls und nickte. Dann gab sie einen zustimmenden Laut von sich, bevor sie auflegte. Ein allergischer Hund, das hörte sich kompliziert an. Ganz so wie seine Besitzerin.
Sie war wie immer zu früh. Emilia konnte sich bei aller Anstrengung nicht daran erinnern, jemals zu spät gekommen zu sein. In ihrer Schulzeit, vor jedem Arzttermin, jeder Prüfung, einfach immer war sie gut eine halbe Stunde früher da gewesen. Nur wenn Max sie gebracht hatte, war sie ohne lange Wartezeit ausgekommen, denn er hatte immer so viel Sicherheit ausgestrahlt, und sie hatte ihm bei der Zeitplanung vertraut. Ihre kleine Macke fand er witzig. Max. Ich wünschte, er wäre jetzt bei mir, dachte sie, als sie aus der U-Bahn-Station trat. Sie atmete tief durch.
Die Novemberluft war kühl, die Stadt hing in einer dicken Nebelwolke. Wenn sie doch nur nicht nach Australien gegangen wäre. Dann würden sie jetzt gerade beide eingekuschelt im Bett liegen und sich über irgendeine Netflix-Serie lustig machen. Hätte, wäre, wenn. Die Realität, ihre Realität, war ein Sonntagnachmittag mit ungewissem Ausgang. Max lag wahrscheinlich mit Felicitas unter einer Decke, und vermutlich war der Laptop ausgeschaltet. Hör auf, dich fertigzumachen, Emmie. Versuch, dich auf das Positive zu konzentrieren, ermahnte sie sich. Das Paul-Lincke-Ufer ist eine super Gegend, das Zimmer kostet nichts, und es ist nur eine Übergangslösung. Auch so ein blödes Wort. Ein Übergang wohin?
Fröstelnd zog sie die Schultern hoch und trat in einen kleinen Blumenladen, der auch am Sonntag geöffnet hatte. Vielleicht konnte sie die Professorin mit einem herbstlichen Strauß überzeugen oder zumindest besänftigen. Emilia entschied sich für eine Kombination aus Gerbera, Nelken, Chrysanthemen und Inkalilien, die in den schönsten Farben leuchteten. Genau der richtige Kontrast zum trüben Wetter, dachte sie, als sie kurz darauf die Straße entlangging. Der herbe, intensive Duft der Chrysanthemen, zugleich fein und unschuldig, beruhigte sie. Vielleicht würde sich doch alles zum Guten wenden. Sie bog in das Paul-Lincke-Ufer ein, und nach einigen Metern stand sie vor der Hausnummer 23. Ein gepflegtes Mehrfamilienhaus, ohne Graffiti an der Hauswand und mit einer dicken alten Eichentür. Neben der Tür hingen die Klingelschilder, die alle gleich aussahen. Messingplaketten, auf die in schnörkeliger Schrift die Namen eingraviert waren. Sie klingelte, und nach einer längeren Wartezeit ging der Türsummer, ohne dass sich jemand an der Sprechanlage gemeldet hätte. Emilia lehnte sich gegen die Tür und ging hinein. Bereits im Treppenhaus hörte sie das aufgeregte und schrille Bellen eines Hundes. Da ist aber jemand nicht gut drauf, dachte Emilia, während sie die Treppe mit dem roten Läufer hinaufging. Der Geruch von Reinigungsmittel lag in der Luft. Ein gepflegtes Haus. Ein bisschen spießig vielleicht, dachte sie, als sie auf die Klingel drückte. Darüber war ein Schild angebracht: Bernd Rosentreter & Prof. Vera Rosentreter. Ein Mann?
Emilia rätselte noch, ob der Mann verstorben oder die Ehe geschieden war, als die Tür geöffnet wurde. Prof. Vera Rosentreter war eine zierliche Frau, die ihre grauen Haare zu einem Zopf zusammengebunden trug. Ihr rechter Fuß steckte in einer Schiene, und sie stützte sich auf eine Krücke. Der Hund neben ihr wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und machte keine Anstalten, mit seinem Gebell aufzuhören. Ein Dackel mit braunen Augen und drahtigem, hellbraunem Fell sah sie misstrauisch an.
Vera Rosentreter bellte zwar nicht, verfügte aber über ähnlich gute Laune wie ihr Hund. Skeptisch zog sie die linke Augenbraue hoch.
»Jetzt sagen Sie bloß, die Blumen haben Sie für mich mitgebracht?«
Emilia bemerkte einen spöttischen Ausdruck in den wachen Augen. Was konnte falsch an Blumen sein?
»Und ich dachte schon, Sie sind die Interessentin für das Zimmer. Anscheinend habe ich mich geirrt.« Sie machte eine Pause und nahm ihr den Strauß aus der Hand. »Sie sind vom Blumenlieferdienst.«
»Nein, ich komme schon wegen dem Zimmer …« Emilia stand immer noch vollkommen verdattert im Flur. Der Dackel hatte mittlerweile aufgehört zu bellen und bearbeitete laut schmatzend einen Knochen. Ratlos ließ sie die Schultern sinken. Das war alles so verrückt und sinnlos. Sollte sie sich doch einen anderen Blöden suchen, mietfrei hin, mietfrei her. Gerade wollte sie sich wortlos umdrehen, als der Hund auf sie zustürmte und sich an ihrem Hosenbein festklammerte. Mit rhythmischen Bewegungen hinderte er sie am Gehen. Emilia schreckte zusammen und sah zu der alten Dame. Vera Rosentreter wirkte wenig erstaunt und auf eine seltsame Art hilflos. Wie angewurzelt beobachtete sie die Szene.
Emilia verspürte keine Angst, dass der Dackel sie beißen könnte. Dafür hatte sie in ihrem Leben zu viele brenzlige Situationen mit Hunden erlebt. Das war keine. Er war ungezogen, aber sie konnte anhand seiner Körpersprache erkennen, dass er es nicht sonderlich ernst meinte. Anscheinend gab er hier den Ton an. Sie beugte sich zum ihm herunter und schob ihn energisch zur Seite. »Stopp!«
Ihre Ansage schien den Hund zu beeindrucken, er trollte sich in die Küche. Seine Besitzerin sah ihm nach. »Odin ist nicht an fremde Leute gewöhnt.« Sie warf Emilia einen trotzigen Blick zu. »Sie wussten ja, dass Sie sich auch um einen Hund kümmern müssen.«
Müssen? Emilia traute ihren Ohren kaum. Sie würde hier weder einziehen noch einen Hund betreuen. Überhaupt, wer nannte seinen Dackel Odin? Odin, der Göttervater. Alles klar. Hier lag etwas ganz gewaltig im Argen, und sie hatte selbst genug Probleme.
»Ich werde jetzt gehen, Professor Rosentreter. Das mit dem Zimmer ist doch nichts …«
Vera Rosentreter machte einen Schritt auf sie zu, als Odin aus der Küche geschossen kam. Sie wich mit der Krücke aus und verlor dabei den Halt. Unter lautem Poltern stürzte sie auf den Perserteppich, der über den alten Dielen ausgelegt war. Wie ein Häufchen Elend und ohne einen Laut von sich zu geben, blieb sie liegen.
Emilia eilte zu ihr und zog sie vorsichtig nach oben. Die alte Dame war nicht so leicht, wie sie es vermutet hätte. Sie griff ihr unter die Schultern und setzte sie vorsichtig auf einen Stuhl, der in der Diele stand. Erschöpft ließ sich die Professorin darauf sinken.
»Danke.« Ihre Stimme war jetzt ein Flüstern, und Emilia sah das Zittern in ihren Händen.
»Ich hole Ihnen ein Glas Wasser.«
Als Emilia aus der Küche zurückkam, stand Odin an der Wohnungstür und winselte.
»Odin muss raus. Eigentlich sollte heute die Hundesitterin mit ihm gehen, aber es ist einfach kein Verlass mehr auf irgendwen.« Professor Rosentreter sprach leise, aber die vertraute Grimmigkeit lag schon wieder in der Luft. Sie ist wirklich nicht sympathisch, dachte Emilia. Kein Wunder, dass ihr niemand hilft. Odins Fiepen wurde lauter. Die alte Dame saß immer noch zitternd auf dem Stuhl und setzte mit größter Mühe das Glas auf einem Regal ab. Emilia kniff kurz die Augen zusammen und traf eine Entscheidung.
»Wo ist denn seine Leine?« Suchend besah sie sich die Garderobe.
Diese Frage schoss wieder Blut in die bleichen Wangen der Besitzerin. »Die hängt rechts an der Seite. An einem eigenen Haken.«
Emilia beeilte sich, den Dackel anzuleinen. »Bis gleich.«
Professor Rosentreter keuchte heiser auf. »Odin darf auf keinen Fall mit anderen Hunden in Kontakt kommen. Er ist ängstlich und regt sich zu sehr auf.«
Emilia drehte sich zu ihr, um sich zu vergewissern das es sich um einen Scherz handelte. Doch die alte Dame verzog keine Miene. »Haben Sie das verstanden?« Sie saß jetzt wieder aufrecht auf dem Stuhl und bemühte sich um Würde.
Emilia nickte, und Odin zog sie aus der Tür heraus. Unvermittelt fiel ihr ein oft gebrauchtes Sprichwort ihrer Oma ein: Hunde, die bellen, beißen nicht.
Vera Rosentreters Wohnung war in keinerlei Hinsicht das, was Emilia sich vorgestellt hatte. Das Einzige, was sowohl Fantasie als auch Wirklichkeit gemeinsam hatten, waren Unmengen von Büchern, die sich bereits im kleinen Flur auf zierlichen Kommoden stapelten. Emilia versuchte, einen Blick auf die Titel zu erhaschen, aber einige der Deckenstrahler waren kaputt, sodass der fensterlose Raum nahezu im Dunkeln lag. In den angrenzenden Zimmern brannte kein Licht, und draußen dämmerte es bereits. Sie war mit Odin eine Runde um den Block gelaufen, glücklicherweise waren ihnen keine anderen Hunde begegnet. Emilia hatte keine Ahnung, wie sie dann reagiert hätte. Dabei kam Odin ihr nicht sonderlich ängstlich vor. Wahrscheinlich war das einfach nur ein Spleen seiner Besitzerin.
Interessiert sah sie sich um. Die Wohnung war sehr groß, nach den Türen im Flur zu schließen vermutlich vier Zimmer, Küche, Bad. Hohe Stuckdecken und überall alte Holzdielen. Wirklich schön, sagte sie sich in Gedanken.
»Sie könnten uns einen Tee kochen.«
Emilia zuckte zusammen. Vera Rosentreter saß auf einem großen roten Sofa im Wohnzimmer und versank förmlich zwischen den orientalisch anmutenden Kissen. Die einzige Lichtquelle war eine kleine Tiffany-Lampe auf einem Beistelltischchen.
»Wo ist denn der Tee?«
Emilia bekam ein Stöhnen zur Antwort.
»Ja, wo ist denn nur der Tee? Vermutlich im Küchenschrank. Und bevor Sie weiterfragen: Ich trinke Kamille. Ohne Zucker.«
Wenig später balancierte Emilia zwei dampfende Tassen auf den niedrigen Wohnzimmertisch. Der Raum war ungewöhnlich eingerichtet. Der komplette Sitzbereich ausgelegt mit Fellen, Sitzkissen und kleinen Perserteppichen. Odin hatte es sich nach seinem Spaziergang gemütlich gemacht und lag eingerollt und leise schnarchend auf einem Lammfell. In einer Ecke gab es einen alten Kachelofen, auf dem Bilderrahmen drapiert waren. Emilia erkannte Professor Rosentreter mit einem Mann, der vermutlich ihr Mann war. Die Aufnahme musste viele Jahre alt sein. Beide strahlten in die Kamera, auf einer Torte prangte eine Dreißig aus Sahne. Emilia schätzte die Dame auf Anfang siebzig.
»Schauen Sie sich ruhig um. Und bevor Sie sich fragen, wie alt ich bin: neunundsechzig.«
Immer wenn sie die Stimme ihrer Vermieterin hörte, war Emilia nicht klar, ob es sich um eine Einladung oder einen Vorwurf handelte. Sie fühlte sich ertappt, entschloss sich aber zur Flucht nach vorn.
»Welches wäre denn mein Zimmer?«
Vera Rosentreter zeigte nach links. »Dort. Gleich daneben gibt es ein Gästebad, das Sie nutzen können. Ich schlafe vorne, neben dem großen Badezimmer, und möchte nachts nicht gestört werden.«
Emilia lächelte. Natürlich nicht. Mit dieser Regelung konnte sie leben. Sie trat auf den Flur und drückte die Tür auf. Ihr Zimmer war mit einem recht modernen Bett ausgestattet und einem schönen Schreibtisch aus Kirschholz. Sie strich mit der Hand über die glatte Oberfläche. Den Tisch würde sie direkt vor das Doppelflügelfenster stellen. Draußen gab es sicherlich einen Garten oder einen Hof, und den Ausblick würde sie sich nicht entgehen lassen. Außerdem lag der Landwehrkanal direkt vor der Haustür, grüner wurde es mitten in Berlin nicht.
»Zu Ihren Aufgaben gehören Einkaufen, einmal täglich Kochen, wöchentliches Putzen und, am wichtigsten: die Versorgung von Odin«, ertönte es hinter ihr. »Und ich dulde keinerlei Alleingänge. Ich kenne ihn am besten und kann auf jegliche Tipps verzichten.« Das Wort »Tipps« betonte sie unangenehm genau.
Emilia hatte keine Ahnung, wie Vera Rosentreter es mit ihrem lädierten Fuß geschafft hatte, lautlos bis zu ihrem Zimmer zu gelangen, doch da war sie. Ja, einerseits waren die Lage und das Zimmer traumhaft schön, andererseits war das Zusammenleben mit der Professorin ein großes Wagnis. Einfach würde es nicht werden. Warum konnte sie nicht ein wenig netter sein?
Emilia riss sich zusammen, um nicht loszuheulen. Erst löste sich die Beziehung mit Max in Luft auf, ihre berufliche Zukunft war plötzlich überhaupt nicht mehr klar, und jetzt das hier. Aber hatte sie eine Wahl? Hat man jemals eine Wahl, wenn man verzweifelt ist? Wahrscheinlich nicht.
»Ich habe Ihnen bereits notiert, was Odin wann frisst und wie er seine Medikamente zu bekommen hat.«
Emilia nickte. Sie würde das hier jetzt durchziehen. Ein Jahr ging schnell vorbei.
»Wann kann ich einziehen, Professor Rosentreter?«
»Am besten morgen. Sie sehen ja, wie es mir geht.« Bedeutungsschwanger zeigte sie auf ihre Fußschiene. »Und hören Sie mit diesem Professor auf. Vera reicht. Aber kommen Sie nicht auf die Idee, mich zu duzen.«
Humpelnd verließ sie den Raum und löschte das Flurlicht. Ratlos blieb Emilia im Dunkeln stehen. Kurze Zeit später ertönten Stimmen aus dem Wohnzimmer. Der Fernseher. Selten war sie sich so einsam und verloren vorgekommen.
Und? Wie ist dein Tag bis jetzt?« Annes Stimme klang warm und weich.
»Ziemlich anstrengend. Odin musste heute zum Tierarzt.«
»Dieser Name.« Anne lachte. »Wie läuft es mit Vera? Ist sie immer noch so unfreundlich?«
Emilia erinnerte sich an die Sache mit dem Blumenstrauß. »Ich habe ihr doch Blumen geschenkt, zu meinem Antrittsbesuch. Und ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wo sie die hingestellt hat. Heute will ich den Müll runterbringen, und was finde ich darin?«
Anne seufzte. »Oh, Mann. Was ist denn nur los mit ihr? Hast du sie gefragt, was das soll? Ich glaube, ich hätte nicht ruhig bleiben können.«
»Ich musste sie gar nicht fragen. Sie stand mal wieder plötzlich hinter mir und meinte, die Blumen wären verwelkt. Dabei strahlten mich die Inkalilien nur so an. Der Strauß steht jetzt in meinem Zimmer. Vielleicht hat er ihr einfach nicht gefallen. Es gibt sowieso keine einzige Pflanze in der Wohnung. Das ist doch komisch, oder? Vera ist eine merkwürdige Person.«
»Meinst du, du schaffst es mit ihr?«
Emilia zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich hoffe einfach, dass es besser wird.«
»Emilia!«
Veras Stimme schallte durch die Wohnung, selbst die geschlossene Zimmertür konnte sie nicht aufhalten.
»Einen Moment!« Emilia nahm ihr Handy zurück ans Ohr. »Anne, ich melde mich später noch mal. Irgendwas ist mal wieder los.«
»Emmie, denk daran, du bist nicht ihre Leibeigene.« Anne hörte sich besorgt und ein wenig genervt an.
»Ich weiß. Aber sie ist alt und im Moment ziemlich lädiert. Irgendwie muss ich doch immer an meine Oma denken.«
»Hm.« Anne klang wenig überzeugt. »Neunundsechzig ist noch nicht besonders alt. Wahrscheinlich war sie schon immer so.«
Vera rief sie ein weiteres Mal.
»Bis gleich, Anne.«
Genervt schmiss Emilia das Handy auf ihr Bett. Sie fand Vera in der Küche. Auf den Fliesen lagen die Reste einer Käseverpackung verteilt, und Odin schnüffelte wie wild an ihnen herum. In seinen grauen Barthaaren konnte sie Goudastückchen erkennen.
»Können Sie mir das erklären?« Vera zeigte fuchsteufelswild auf die Fetzen der Plastikverpackung.
»Ich muss den Käse in der Einkaufstasche vergessen haben. Das wird Odin schon nicht umbringen.« Emilia war eher amüsiert als besorgt über die Situation und musste ein Grinsen unterdrücken.
Vera schnappte vor Ärger nach Luft. »Nicht umbringen? Er ist krank, Emilia, schwer krank! So etwas darf nicht passieren!«
Emilias schlechtes Gewissen meldete sich. »Vera, es tut mir leid. Woher soll ich denn wissen, dass Odin eine ganze Packung Käse frisst?«
»Wenn Sie nur langweiliges Trockenfutter für nierenkranke Hunde bekämen, würden Sie sich dann nicht auch auf jede verfügbare Käsepackung stürzen?« Sie war außer sich. »Herrgott noch mal, das kann doch alles nicht so schwer sein. Wenn ich mich in meinem Leben einmal so angestellt hätte …«
Schnell sammelte Emilia die Plastikstücke von den Dielen und strich Odin die verbliebenen Essensreste aus dem Fell. Vera humpelte zurück ins Wohnzimmer, sie und der Dackel folgten ihr.
»Mein armer Odin. Mein armer kranker Odin.« Mit bestürzter Miene streichelte sie ihn und deckte ihn mit einer kleinen Decke zu. Er brummte laut auf. »Ich glaube, ihm ist schlecht. Finden Sie nicht auch, dass er sehr flach atmet?«
Emilia musste sich ein Grinsen verkneifen. Vera hatte den Hang, alles zu überdramatisieren. Doch sie tat ihr den Gefallen und trat nah an den Dackel heran. Odin grunzte zufrieden. Er wirkte vollkommen gesund und quicklebendig.
»Er sieht entspannt aus. Ich könnte mit ihm aber noch mal zu Doktor Weber gehen, wenn es Sie beruhigt.«
»Doktor Weber. Pfff.« Veras Verachtung war nicht zu überhören. »Der kann vielleicht Krallen schneiden, aber alles darüber hinaus übersteigt seine Fähigkeiten.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein, wenn überhaupt, dann Doktor Niemann. Die ist wenigstens auch Chirurgin.«
Emilia war immer wieder fasziniert von dem Wandel, sobald es um Veras Hund ging. Professor Vera Rosentreter war herrisch, scharfzüngig und blitzschnell im Hirn, aber in Bezug auf Odin schienen diese Grundfesten in sich zusammenzufallen. Wenn sie mit ihm sprach, wurde ihre Stimme weich wie Butter und jeder rationale Gedanke zur Seite geschoben. Emilia war selbst mit Hunden aufgewachsen und kannte diese besondere Liebe. Für Vera schien Odin viel mehr als ein Haustier zu sein.
Der Dackel war zwischenzeitlich Veras Hand entkommen und schnüffelte fröhlich zwischen den Sofakissen.
»Wie alt ist Odin eigentlich?«
