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Von der Natur, dem Meer und der Ruhe auf der Insel erhofft Thomas sich den nötigen Abstand, um sich mit seinem Leben auseinandersetzen und bei sich ankommen zu können. Im Institut auf der Insel arbeitet er mit Georg, einem anderen Studenten, zusammen. Georg ist froh, Unterstützung zu bekommen. Angeleitet von dem Naturkundler Professor van Bergen, vertiefen sich die beiden in ihre Aufgaben und verbringen viel Zeit in den Beobachtungsposten und bei den Auswertungen der Daten. Schnell freunden sich Thomas und Georg an. Beide verbindet die Begeisterung für die Natur und ihre Liebe zur See. Bald muss Thomas sich eingestehen, dass er den bodenständigen Georg weit mehr als nur sympathisch findet, und er muss einsehen, vor seiner Neigung nicht davonlaufen zu können. Georg seinerseits ist ebenso verwirrt darüber, dass er sich mit Thomas so gut versteht und Gefühle in ihm wachsen, mit denen er zunächst nicht umgehen kann und auch gar nicht umgehen möchte. Nach ersten, unbeholfenen Annäherungen, wagen jedoch beide den Schritt, sich auf ihre Gefühle einzulassen und erfahren dabei auch, wie sich Sexualität zwischen zwei Männern anfühlt.
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Berron Greenwood
Wilde Schwäne
Himmelstürmer Verlag, Kirchenweg 12, 20099 Hamburg,
Himmelstürmer is part of Production House GmbH
www.himmelstuermer.de
E-mail: [email protected]
Originalausgabe, Juli 2015
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage.
Coverfoto: Coverfoto: fotolia
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN print 978-3-86361-473-7
ISBN epub 978-3-86361-474-4
ISBN pdf: 978-3-86361-475-1
Die Handlung und alle Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig.
Der Himmel verhieß keinen Regen, trotz Wolken. Der Wind trieb sie vom Meer herüber, wo sie in der Erwartung des nahen Festlandes scheinbar aus dem Nichts langsam emporgestiegen waren. Weiß waren die Wolken und machten sich im Blau des Frühjahrs auf den Weg ins Landesinnere. Später, wenn sie irgendwo vielleicht einen Berg erreichten, müssten sie weiter aufsteigen und dann ihr Wasser freigeben, damit es sich auf den Weg zurück machen konnte; hierher, in die scheinbar unendliche See, aus der es kam. Und dann müsste das Wasser auch jenen Teil des Weges zurücklegen, den Thomas schon hinter sich hatte.
Er wuchtete sich seinen großen Rucksack auf den Rücken und griff nach der nicht minder riesigen Sporttasche. Damit trug er alles, was er aus seinem bisherigen Leben mitzunehmen gedachte, bei sich. Ein tiefer Atemzug, und Thomas machte sich auf den Weg vom Bahnhof durch den kleinen Küstenort. Die Schilder zum Hafen waren nicht zu übersehen; eigentlich waren der Ort und der Hafen eins. Über die niedrigen Dächer kreisten Möwen und stritten sich lauthals um die besten Futterbrocken. Einem alten Reflex folgend, blieb Thomas vor einem Souvenirshop stehen. Er betrachtete die Fischerhemden und überlegte, ob er in ein paar Monaten genau solche Kleidung tragen würde. Andererseits wollte er ja gar nicht fischen. Sein Blick fiel auf ein Buch über die lokale Vogelwelt. Er nahm es kurz zur Hand, blätterte unschlüssig darin. Währenddessen dachte er an seine Fachbücher, die sich merklich durch den Rucksack am Rücken drückten. Das Schlagen der nahen Kirchturmuhr erinnerte Thomas an seine Fähre, das Buch legte er schnell weg und ging weiter.
„Retour?“, fragte der Verkäufer am Fahrkartenstand für die Überfahrt. Thomas schüttelte den Kopf und zahlte eine einfache Fahrt.
„Ich bleib länger“, sagte er und lächelte kurz.
Als er jetzt das Ticket betrachtete, wurde ihm doch flau im Magen. Das war nicht mehr mit aller grauen Theorie zu vergleichen. Eine kleine Insel. Fünf, sechs kleine Dörfer. Eine handvoll Menschen. Acht Monate Arbeit in einem riesigen Naturreservat; auf seine vorlesungsfreie Zeit verzichtete Thomas. Hier sollte er Vogelarten bestimmen und das Brutverhalten von Schwänen beobachten. Es gab ein kleines Institut auf der Insel.
Thomas sah rechts neben der Fähre entlang. Zur Insel. Da lag sie, als ob sie wartete. Auf ihn? Sicher nicht. Sie war einfach da, egal, was er machte. Etwa eine Stunde Fahrzeit entfernt. Eine Stunde, in der er sein Leben hinter sich zurück ließ. Ein paar Kilometer nur, aber für ihn gefühlte Lichtjahre, die er zwischen sich und das legte, was dort bleiben sollte, von wo er kam. Vielleicht unbewusst stapfte Thomas ein wenig mit dem Fuß auf, um sich das Festland noch einmal ins Gedächtnis zu rufen; albern, wie er dann fand. Oder er brauchte das vielleicht jetzt. Waren da doch Zweifel? Machte er das Richtige? Oder lief er einfach nur davon? Selbst wenn, dachte er; jetzt war er hier, das fühlte sich gut und richtig an, und Thomas wurde gewahr, dort zu sein, wo er sein wollte. Endlich einmal in seinem Leben, wenn nicht gar zum ersten Mal überhaupt.
Er schulterte wieder die Tasche und ging an Bord, entschied sich sogleich, draußen an Deck zu bleiben. Zwar war die Luft noch kalt, aber die Sonne schien und gab sich redliche Mühe, erste Hoffnungen auf einen frühen Frühling zu verbreiten. Thomas setzte sich hin und rieb die schmerzende Schulter. Dann holte er den Zettel mit seinem eigentlichen Reiseziel aus der Tasche. Die Pension „Südwind“ war für die kommenden Monate sein Zuhause. Die Adresse könnte er finden, es war ein Plan dabei. Außerdem sollte er abgeholt werden. Thomas sah sich um. Er würde mit einem anderen Studenten zusammenarbeiten, der schon im Hauptstudium war und sich auf der Insel als Hilfskraft eine Stelle beschafft hatte. Thomas fragte sich, ob der schon auf der Insel war oder gerade mit ihm auf der Fähre anreiste. Diese Zusammenarbeit verunsicherte Thomas ein wenig, er war eher ein Einzelgänger und außerdem ... aber darüber wollte er jetzt nicht weiter nachdenken.
Die Motoren ließen das Schiff erzittern, die Fähre legte ab. Thomas stand auf und lehnte sich an die Reling. Er heftete den Blick auf das Festland, sog die Landschaft schier in sich auf. Abschied nehmen.
Thomas erinnerte sich an das Gespräch mit den Eltern, als er ihnen seine Entscheidung für diese Arbeit mitteilte. Seine Mutter war traurig. Später fragte sein Vater ihn unter vier Augen, ob Thomas vor etwas wegliefe. Damals hatte er gesagt, er laufe nicht vor etwas weg, sondern ginge auf etwas zu. Den Ausspruch im Sinn, fragte er sich, warum er dann jetzt eigentlich zurück sah anstatt nach vorne. Mutter nahm ihn beim Abschied in die Arme, und sie wussten beide, was mit ihm los war.
Von Anne hatte sich Thomas als erstes getrennt. Es passte nicht. Er wollte weg von ihr. Aber das war noch ein ganz anderes Thema. Davor rannte er vielleicht wirklich weg, das konnte durchaus stimmen. Er rannte auch weg vor Dieter. Ein Kommilitone von der Uni, mit dem er sich angefreundet hatte. Thomas mochte Dieter sehr. Sie verbrachten viel Zeit miteinander. Sie gingen ins Kino, zum Schwimmen, zum Wandern oder machten sich einfach gemütliche Abende. Und es lag irgendwann eine besondere Spannung zwischen ihnen. Dieter machte ihm Komplimente. Thomas’ Augen, seine Statur, die Behaarung seines Körpers, sein Charakter. Dieter überraschte immer wieder mit Bemerkungen, die Thomas einerseits schmeichelten, während sie ihn gleichzeitig verunsicherten. Er wäre gerne etwas sportlicher gewesen. So wie Dieter zum Beispiel. Thomas bewunderte Dieter für seinen trainierten Körper, nein, er bewunderte den trainierten Körper. Und nicht nur den von Dieter, wenn er ehrlich zu sich war. Außerdem mochte er Dieter sehr gerne, fühlte sich sogar ein wenig zu ihm hingezogen, was er sich aber nicht eingestand. An einem der Abende hatte Dieter schließlich eine vorsichtige Annäherung versucht, die Thomas jedoch nicht zulassen konnte.
Er war an diesem Abend früher nach Hause gegangen als sonst. Thomas war verwirrt gewesen, besonders, als er sich später vorstellte, was vielleicht passiert wäre, wenn er sich nicht gewehrt hätte, eine Vorstellung, die abschreckend und verlockend zugleich für ihn war. Offen darüber geredet hatten sie nie. Thomas schüttelte den Kopf, vertrieb die Gedanken, wischte sie fort, mit der Absicht, sie am Festland zurücklassen zu können. Er wollte das alles nicht. Anderseits schon. Thomas wollte fort. Jetzt ging er fort. Jetzt konnte er nachdenken. Zum Abschied hatte Dieter ihn in die Arme genommen, und ihn ganz fest an sich gedrückt. Sehr vorsichtig und zart hatte er an den herausguckenden Brusthaaren im Ausschnitt des T-Shirts gezupft und dabei traurig gelächelt. Dieter hatte ihm in die Augen gesehen und ihm alles Gute gewünscht. Dann sagte er, dass er Thomas liebe, nun aber gehen ließe, weil alles andere keinen Sinn habe. Thomas konnte nichts sagen. Auf dem Weg zum Bahnhof hatte er ein paar Tage später einen Briefumschlag mit einem Zettel bei Dieter eingeworfen. Darauf stand „Lebe wohl“. Thomas wusste, was mit ihm los war, was er empfand. Er war schwul. Homosexuell. Aber er rannte davor weg. Zumindest vorerst. Ganz bewusst. Er wollte es nicht. Nicht jetzt.
Das hoffte er nun, auf dem Festland zurück zu lassen. Anne, Dieter, sich selber, sein augenblickliches Leben. Thomas hob die Hand, winkte noch einmal einem unbestimmten Punkt an der Küste zu, wandte sich um, und sah seinem Ziel entgegen. Man konnte bei gutem Wetter beide Küstenstreifen sehen. Von beiden Seiten. Thomas müsste also sein bisheriges Leben nicht vollends aus den Augen verlieren. Das hofften zumindest jene, die er zurückließ.
Die Küstenlinie der kleinen Insel schien grün, war aber auch felsig, jedoch ohne größere Klippenformationen. Dünen zogen sich sanft an ihr entlang. Der Anblick wirkte auf Thomas einladend. Er freute sich auf die Arbeit an der frischen Luft. Den Kragen der Windjacke zog Thomas jetzt etwas enger. Vom Tragen des Gepäcks schwitzte er, aber nun kühlte ihn der Wind aus, der in die Jacke hinein pfiff. Thomas besorgte sich einen heißen Tee und schaute weiter auf das Meer. Die See mochte er, aber eine Schiffsreise wollte er nie machen. Auf entfernten Sandbänken lagen Seehunde faul in der Frühjahrssonne, hin und wieder konnte er auch einige der eleganten Schwimmer im Wasser erkennen. Möwen umkreisten die Fähre, wohl in der Hoffnung, dass jemand der Passagiere einen Happen für sie übrig hätte. Die kehligen Schreie der Vögel erfüllten die salzige Luft, sie trugen seit jeher für Thomas immer etwas Sehnsuchtsvolles und Beruhigendes in sich. Wahrscheinlich war das auch einer der Hauptgründe gewesen, weshalb er sich gerade hierfür entschieden hatte. Thomas sog die klare Seeluft tief in sich ein. Abgesehen von dem, was er gerade hinter sich zu lassen versuchte, hatte er auch bereits das Gefühl, anzukommen. Das war ein gutes Gefühl.
Durch das Fenster schien die tief stehende Morgensonne und tauchte das kleine Zimmer in einen frischen, rötlichen Schimmer. Georg räkelte sich und gab quiekende Laute von sich. Hier und da knackte es hörbar, als sich Sehnen und Bänder nach der Ruhe der Nacht anspannten. Das tat gut. Langsam öffnete Georg die Augen. Heute hatte er frei, konnte also noch ein wenig liegen bleiben. Er sah auf die Uhr; kurz nach Acht. Das war nun wirklich noch nicht die Zeit zum Aufstehen, schon gar nicht am Samstag. Georg schaute sich um und griff nach dem Stapel Post, den er gestern Abend beim Heimkommen nur noch lustlos und müde auf den kleinen Tisch neben dem Bett gelegt hatte. Rechnungen und dergleichen hatten wirklich bis zum nächsten Tag warten können. Nun sah er die Sachen in Ruhe durch. Ein Natur-Magazin, der Werbekatalog eines Outdoor - Ausstatters, eine Abholkarte für ein Päckchen beim Inselpostamt, die Handyrechnung und ein Brief von Hannes. Seit dem Zivildienst sahen sie sich sehr selten. Hannes war umgezogen und lebte jetzt mit seiner Verlobten zusammen. Und Hannes schrieb auch im Zeitalter von SMS und E-Mail lieber noch richtige Briefe. Das mochte Georg besonders an ihm.
Er und Hannes kannten sich seit der Grundschule, und jeder trug seinen Teil dazu bei, dass die Freundschaft fortdauerte. Der Brief war deutlich dicker als sonst. Georg öffnete ihn neugierig und fand zwischen drei beschriebenen Blättern ein kleines Bündel mit Fotos. Zuerst wollte er aber die Neuigkeiten aus Hannes’ Alltag wissen, also las er die paar Seiten. Dann sah er sich die Bilder an. Sie zeigten Hannes und Georg bei der Arbeit in der Zivildienststelle. Schöne Erinnerungen. Außerdem war noch ein älteres Bild dabei, von der Schulabschlussfahrt. Das war jetzt mehr als drei Jahre her. Eine Aufnahme mit Selbstauslöser. Hannes und er saßen nackt auf einem Bett, an die Wand gelehnt. Georg musste schmunzeln.
Bei einer Zeltfreizeit in der Unterstufe hatte es angefangen. Sie hatten sich ein Zelt geteilt, und Hannes weihte Georg in die Geheimnisse der Selbstbefriedigung ein. Alle täten es, sagte Hannes damals. Das hatte Georg nie näher überprüfen wollen. Aber er und Hannes taten es seitdem beinahe jeden Abend gemeinsam während der Freizeit. Und auch später hielten sie dieses Ritual in ihrer Freundschaft ab und zu aufrecht.
In der Oberstufe kam Nico in die Klasse. Nico lebte offen schwul, hatte einen Freund und sorgte mit seinem Selbstbewusstsein bei den Lehrkräften der Schule häufiger für rote Köpfe. Georg bewunderte Nico für dessen Souveränität. Jedoch blieb Nico nicht lange in der Stufe, sondern zog bald schon wieder weg, so dass er bei der Abschlussfahrt nicht dabei war. Aber Georg und Hannes hatten wieder ihr gemeinsames Zimmer. In dieser Woche war auch dieses Foto entstanden. Eines Abends hatten sie sich gerade ausgezogen, saßen auf dem Bett und Hannes fragte plötzlich, ob das, was sie hier machten, irgendwie „was Schwules“ wäre. Georg verneinte und wollte sich damit nicht auseinandersetzen. Sie sprachen lange über Nico und ließen ihren Vorstellungen über Sex zwischen Männern freien Lauf. Schließlich stellte Hannes an Georg die Frage, ob er mal dessen Glied anfassen dürfte. Das ging Georg zunächst zu weit. Hannes bot ihm an, seinen Penis auch mal zu berühren. Georg zögerte. Dann tat er es aber irgendwann. Es fühlte sich seltsam an; vertraut und doch ungewohnt. Nun war es ihm auch egal, Hannes durfte jetzt auch ihn anfassen. Hannes begann, Georgs Glied zu reiben und Georg tat einfach das gleiche bei Hannes, ohne weiter darüber nachzudenken. Sie ejakulierten später beide in Sekundenabstand nacheinander. Dann sahen sie sich an. Georg wusste nicht genau, was er davon halten sollte. Das war das letzte Mal gewesen, dass sie gemeinsam onanierten. Für Georg war klar, dass sie eine Grenze überschritten hatten, die nicht unbedeutend war und die er auch niemals hatte überschreiten wollen. Er war lange Zeit sehr verstört gewesen. Hannes und Georg hatten nie mehr über jenen Abend gesprochen. Nach einigen Freundinnen lernte Hannes Daniela kennen. Nun wollten die beiden in wenigen Monaten heiraten.
Georg fühlte sich damals nach der Abschlussfahrt seltsam zurückgelassen. Es war etwas in ihm ausgelöst worden, mit dem er plötzlich klarkommen musste. Eigentlich lag ihm nichts an Männern. Und was hätte Sonja gedacht. Trotzdem trennte Georg sich damals kurz danach von ihr. Das war alles völlig absurd, Georg wollte nicht weiter darüber nachdenken.
Aber das Foto fand er gut. Es weckte alte Erinnerungen an schöne Zeiten. Und es machte Lust. Georg bemerkte jetzt erst bewusst, dass er schon seit einiger Zeit sein steifes Glied sanft massierte. Jetzt legte er das Bild beiseite, zog sich schnell das Shirt und die Boxershorts aus und verschaffte sich einen lustvollen Start in den Tag. Dann lag er noch eine Weile einfach so da und ließ die Gedanken kreisen. Er könnte zum Schwimmen in das kleine Kurzentrum fahren. Vielleicht war ja auch der Fitnessraum nicht zu überfüllt. Georg brauchte die Abwechslung vom ständigen Sitzen. Er verbrachte viel Zeit in den Beobachtungsposten im Vogelschutzgebiet und am Rechner mit den Statistiken.
Mit dem Frühstücken ließ er sich Zeit, räumte dann noch ein wenig seine kleine Wohnung auf, und setzte am Mittag seinen sportlichen Vorsatz in die Tat um. Am Nachmittag machte er sich noch auf den Weg zum Naturreservat. Das Rad kettete er sicherheitshalber an, obwohl er das gute Stück im Ernstfall sicherlich auf der Insel schnell wieder fände. Außerdem kannte er längst den einzigen Polizisten von der Inselwache, wie alle anderen Bewohner des Eilandes auch. Auf einem der wenigen Wege begab er sich zu einem Beobachtungsposten und überließ sich der noch kalten Luft, der Sonne, dem Blick über die Dünen aufs Meer und den Rufen der Möwen. Er hatte seine Kleidung der Dünenlandschaft angepasst, und sein dunkelblonder Haarschopf fiel von oben vor dem Sand und den Sträuchern eh nicht auf. Er blickte durch das Fernglas und schaute über die Kolonien. Noch waren keine Schwäne zu sehen. Aber es war ja noch Zeit. Am Montag sollte der neue Student das erste Mal mitkommen. Georg war gespannt, wer ihn da erwartete. Hoffentlich nicht so ein Weichei, das kein raues Wetter verträgt, dachte er. Auf dem Heimweg kam ihm ein Radfahrer entgegen, den er hier noch nie gesehen hatte. Andererseits war er selber auch erst wieder seit einer Woche hier. Dennoch erstaunte ihn das neue Gesicht so sehr, dass er sich umwand. Sein Gegenüber tat dies ebenfalls, so dass sie einander kurz ansahen. Aus irgendeinem Grund erinnerte der Typ ihn an Hannes. „Nett ...“, murmelte Georg. Dann runzelte er die Stirn.
Thomas verließ die Fähre. Er schaute kurz zurück über das Meer und fragte sich, ob man das Festland auch bei schlechtem Wetter noch sah. Dann musste er sich aber um andere Dinge kümmern. Er entdeckte schnell Professor van Bergen, der ihn abholen kam.
„Hallo, Herr Professor.“ Er streckte ihm die rechten Hand hin und musste aufpassen, mit seinem Gepäck nicht aus dem sorgsam eingependelten Gleichgewicht zu geraten.
„Grüß dich, Thomas. Hattest du eine gute Reise?“ Die Frage drückte ehrliches Interesse aus.
„Ja, danke“, sagte Thomas. „Die Zugfahrt war zwar recht lang, aber ich habe ein wenig geschlafen. Die Überfahrt jetzt war sehr schön.“ Er wies mit dem Kopf zurück zur Anlegestelle.
„Bist du überhaupt schon mal auf einer so kleinen Insel gewesen?“
„Das ist eine Weile her. Als Kind, im Urlaub“, erinnerte sich Thomas.
Van Bergen lachte. „Du wirst sehen, entweder fühlst du dich nach vier Wochen so wohl, als wärst du nie woanders gewesen, oder du hast nach zwei Wochen den Inselkoller und reist wieder ab. Aber davor hab ich dich ja schon gewarnt.“
Thomas schaute sich um. „Ich habe vor, durchzuhalten“, erwiderte er fest.
„Das ist schön“, sagte der Professor. „Dort ist das Auto. Leg alles hinten rein.“ Er wies auf einen Kombi, der an den Seiten das Emblem des Reservates trug.
Den kleinen Ort hatten sie schnell verlassen. Das Auto fuhr über gute Straßen und man konnte ab und zu einen kleinen Weiler sehen. Sie durchfuhren zwei Ortschaften, die allerdings jeweils aus höchstens zehn Häusern bestanden.
Van Bergen gab ein paar Tipps, und am Ende der Fahrt wusste Thomas fast alles, was für ihn in der nächsten Zeit wichtig sein sollte.
Sie bogen in eine Straße in einem kleinen Dorf ein, und van Bergen brachte den Wagen zum Stehen.
„Pension Südwind“, sagte er.
Thomas stieg aus. „Willkommen am Ende der Welt.“
Der Professor runzelte die Stirn und sah ihn zweifelnd an.
Thomas sog wieder die frische Luft tief ein. „Keine Sorge. Genau da wollte ich hin.“ Er grinste.
„Dann bist du bei uns genau richtig.“ Van Bergen stieg aus dem Auto.
In diesem Moment wurde die Tür der Pension geöffnet. Eine kleine Frau trat heraus, in Landestracht, ein wenig gebeugt, und Thomas fiel sofort das Wort „hutzelig“ ein. Sie erinnerte ihn an eine Pensionsbesitzerin, die er einmal in der Bretagne kennengelernt hatte. Sie adoptierte ihn für vier Tage mehr oder weniger und ließ es sich nicht nehmen, ihn bei seinem Aufenthalt von vorne bis hinten zu verhätscheln. Er wusste um seine Wirkung auf solche Menschen, und auch hier konnte er sich darauf verlassen.
Er stellte sich vor und wurde von der Dame gleich gebührend empfangen.
„Nu mach mal keinen Stress, Junge, bist ja ne Weile hier. Ich bin Frau Jakobs. Bring deinen Kram mal nach oben, erster Stock, den Gang runter, am Ende. Bis dahin ist der Tee fertig.“ Sie lachte herzlich.
Nun wandte sie sich an den Professor. „Na, haben Sie einen Kollegen für den Georg gefunden?“
„Scheint so“, grinste van Bergen. „Überfüttern Sie ihn nicht, der soll nicht dick werden.“ Beide lachten. Der Forscher verabschiedete sich von Thomas und überließ ihn der Obhut von Frau Jakobs.
Thomas schaffte sein Gepäck die Treppen hinauf und lud einfach erst einmal alles im Zimmer ab. Er schaute sich um. Der Raum war klein. Eine Kochecke war da, hinter einer Tür verbarg sich ein WC mit Waschbecken. Seine Dusche befand sich auf dem Gang, direkt neben seinem Zimmer. Thomas öffnete kurz den Schrank, der reichte für seine Sachen. Auf dem Tisch vor dem Fenster lagen eine Landkarte von der Insel und ein eingeschweißter Institutsausweis; seine Zugangsberechtigung für das Reservat. Den Ausweis steckte er sofort ein, die Karte ließ er liegen.
„Thomas, der Tee ist fertig!“, schallte es von unten herauf. Thomas verschob das Auspacken und verließ das Zimmer.
Nach dem Teetrinken wusste er fast alles über die Geschichte der Insel, der Entstehung des Naturreservates und über die Arbeit von Professor van Bergen. Frau Jakobs schien das wandelnde Informationszentrum der Insel zu sein. Eine herzensgute Frau, entschied Thomas für sich, die man sich von Zeit zu Zeit aber sachte vom Leib halten musste, wenn man nicht über kurz oder lang unwillkürlich „Mutti“ zu ihr sagen wollte.
Am Nachmittag hatte Thomas sich loseisen können. Er entschied sich dafür, das Auspacken auf den Abend zu verlegen. Stattdessen wollte er noch ein wenig raus, wenn möglich auch an den Strand. Wenn er der Karte vertraute, war das nicht weit. Thomas fand in der Garage wie vereinbart ein Trekking-Rad, an welchem ein Zettel mit seinem Namen hing. Er nahm ein paar Einstellungen an der Lenkstange und dem Sattel vor, dann konnte es losgehen. Er fuhr Zuhause nicht viel mit dem Rad, freute sich aber darauf, hier mal etwas für seine Kondition machen zu können. Und die würde er bei Wind sicher brauchen.
Der Hauptstraße folgte er in Richtung Küste, kam nach etwa drei Kilometern in den Ort, wo auch das Institut lag. Thomas orientierte sich kurz mit Hilfe der Karte und fuhr weiter auf das Schutzgebiet zu. Auf halber Strecke kam ihm ein junger Mann auf einem Rad entgegen. Die dunkelblonden Haare vom Fahrtwind zerzaust, radelte er an Thomas vorbei.
Warum Thomas sich umsah, wusste er nicht, jedenfalls trafen sich ihre Blicke, zumal der andere Radfahrer es ihm gleichtat.
„Nett“, murmelte Thomas, ärgerte sich jedoch sofort über sich selber.
Das Rad kettete er an der Zufahrt zum Reservat fest und setzte seinen Weg zu Fuß fort. Durch die Dünen zog sich der schmale Pfad, wand sich nach rechts, gleich wieder nach links. Thomas folgte dem gleichmäßigen Rauschen der Brandung und nach der nächsten Biegung öffneten sich die Dünen, um den Blick auf die tiefblaue See freizugeben. Er beschleunigte seinen Schritt und fand sich an einem großen Strandabschnitt wieder. Die Dünen ließ er schnell hinter sich, nach gut fünfzig Metern musste er aufpassen, wenn er nicht am ersten Tag direkt nasse Schuhe bekommen wollte. Thomas hob den Blick und schaute auf das Meer hinaus. Er war an der See. Immer wieder schaffte es dieser Anblick, in ihm eine Woge unterschiedlichster Empfindungen auszulösen. Das Meer hatte eine beruhigende Wirkung auf Thomas. Ein tiefer Atemzug entrang sich ihm. Er beugte sich hinunter, nahm eine Handvoll Sand und ließ ihn durch die Finger rinnen. Dann sah er wieder auf das Wasser hinaus und genoss für eine Weile die scheinbare Unendlichkeit der See. Er versuchte sich an seinen ersten Aufenthalt am Meer zu erinnern; an den Weg durch die Dünen hinauf, und plötzlich war es da. Thomas bedauerte es, damals einfach so daher gegangen zu sein; plötzlich war das Meer da gewesen. Beinahe profan. Er wünschte sich im Nachhinein, irgendwie auf diesen Augenblick vorbereitet worden zu sein, jemanden an seiner Seite gehabt zu haben, der ihm vielleicht geraten hätte, auf dem Weg erst die Augen zu schließen und sie dann oben auf dem Dünenkamm stehend langsam zu öffnen. Ein solcher erster Anblick hätte einen anderen Auftritt verdient, dachte er oft.
Nun lag die See wieder einmal vor ihm. Das dunkle Blau ließ das Wasser kalt erscheinen, was um diese Jahreszeit auch sicherlich der Realität entsprach. Thomas würde das jetzt nicht überprüfen, entschied er sich, während er die Hände rieb, um den Sand zu entfernen, bevor er sie in den Jackentaschen versenkte. Die Vorstellung, dass er diesen Anblick nun täglich haben konnte, gefiel ihm gut. Er würde morgens vielleicht am Strand joggen gehen. Thomas hoffte auf einen warmen Sommer. Das Rauschen der Brandung hatte eine fast hypnotische Wirkung, der sich Thomas gerne überließ. Die See strahlte einen sanften Gleichmut aus; eine Präsenz, über alles andere erhaben, keinen Zweifel an ihr zulassend, eine Macht, die im entfesselten Zustand eine unwiederbringliche Zerstörung bedeuten konnte, deren ruhige Weite aber auch besänftigend und heilend war. Letzteres suchte Thomas. Er war auch hier, um dem Meer sich und seine Heilung anzuvertrauen. Er spürte beinahe die Lebenskraft, die Welle um Welle den Strand hinaufrollte. Diesen Wellen wollte er vieles mitgeben, damit sie es wohl fort trugen. Gleichwohl erhoffte er sich auch, von diesen Wellen jenen Mut zurückzubekommen, den er seit längerer Zeit vergeblich in sich suchte. Aber er würde ihn wieder finden, dessen war er sich sicher. Thomas spürte ein Lächeln um seinen Mund herum. Das war ein gutes Gefühl. Und der Eindruck, dass er so etwas lange nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte. Trotz der noch kalten Luft durchströmte ihn eine sanfte Wärme. Das hatte er lange vermisst.
Am Abend hatte Frau Jakobs ein ganz fantastisches Essen gekocht. Thomas leistete ihr noch kurz Gesellschaft, dann machte er sich in seinem Zimmer daran, seine Sachen auszupacken. Er hatte bei ein paar Dingen zuerst den Impuls, sie in der Tasche zu lassen. „Thomas, du bleibst länger“, murmelte er und machte weiter.
Den Kleiderschrank hatte er schnell gefüllt. Jetzt bezog er noch das Bett und packte die zweite Garnitur oben in ein Fach im Schrank. Die hohen Wanderschuhe stellte er neben die Tür zu den anderen, niedrigeren, die er heute schon angehabt hatte. Für das Zimmer hatte er sich Badeschlappen mitgenommen. Aus dem Rucksack holte er einige Fachbücher und deponierte sie in dem kleinen Regal neben dem Tisch. Sein teures Fernglas, den Kompass und ein Klappmesser räumte er in die Seitentaschen seines Tagesrucksacks, da konnte nichts verloren gehen.
Die Nebenfächer der Reisetasche enthielten andere, persönliche Gegenstände. Ein Bild von seiner Familie hatte er mitgenommen. Er entdeckte auch ein Foto von Dieter, von dem er sich gar nicht erinnern konnte, es eingepackt zu haben. Thomas überlegte kurz, ob er es an das Familienbild lehnen sollte, doch er konnte sich nicht entscheiden. Er legte das Bild zunächst einfach auf den Tisch. Als nächstes holte er noch ein kleines Notebook und einen mp3-Player aus der Tasche, sowie ein paar Bücher als Bettlektüre. Dann fiel ihm ein Stein in die Hände; er hatte ihn aus einem Steinbruch in der Nähe seines Elternhauses mitgenommen, ein Stück Heimat, das ihn begleitete und nun einen Platz auf dem Tisch bekam. Nach und nach füllte Thomas den Raum mit sich auf.
Den Inhalt seines Kulturbeutels teilte er zwischen dem Waschbecken in der kleinen Toilette und der Dusche auf dem Gang auf. Ein kurzer Blick in alle Taschen und den Rucksack, das war es. Thomas schaute auf die Uhr. Es war kurz nach Neun, Samstagabend. Irgendwo auf einer kleinen Insel vor der Küste. Normalerweise wäre er jetzt mit Dieter unterwegs. Oder vorher mit Anne. Ach, egal. Thomas begann, sich auszuziehen. Die Unterhose behielt er an. Er griff nach einem großen Duschtuch und nach dem Duschgel. An der Tür seines Zimmers horchte er kurz, ob sich Frau Jakobs draußen herumtrieb. Zwar wohnte sie unten, doch man konnte ja nicht wissen. Thomas schlüpfte in die Badeschlappen und trat auf den Flur hinaus. Die Dusche war zwei Schritte entfernt, direkt die erste Tür rechts. Er zog seinen Zimmerschlüssel ab, verschloss seine Tür und ging ins Bad.
Thomas drehte das Wasser in der Dusche auf und zog sich ganz aus. Er mischte sich eine angenehme Temperatur zusammen und stieg in die Duschkabine. Das Wasser tat ihm gut. Er ließ sich lange und genüsslich von dem heißen Schwall aufwärmen. Zum Einseifen drehte er das Wasser ab. Zuerst beeilte er sich damit, fragte sich dann aber, warum. Er fand keinen Grund, also ließ er sich Zeit. Er schloss die Augen und strich sich langsam über seinen Körper. Er stellte sich vor, dass es nicht seine Hände waren, sondern die von Anne. Nein, die von Dieter. Lieber die von Dieter. Wie ein Blitzlicht schlich sich kurz das Gesicht des Fahrradfahrers vom Nachmittag in seine Phantasien, aber Thomas schob es sofort weg. Thomas bekam eine Erektion, aber das störte ihn nicht. Er fühlte sich seltsam sicher. Trotzdem duschte er sich lieber schnell ab und stieg aus der Kabine. Er rieb sich einigermaßen trocken und band sich das Badetuch um die Hüften. Nun horchte er noch gründlicher, denn Frau Jakobs musste ihm wirklich nicht in diesem Zustand auf dem Flur begegnen. Aber es war niemand zu sehen. Thomas ging zurück in sein Zimmer und legte sich auf sein Bett, wo er sich seinen Phantasien überließ. Etwas später fühlte Thomas sich schon fast wie Zuhause.
Thomas war gut gelaunt. Gestern hatte er mit seinen Eltern telefoniert und seine ersten Eindrücke geschildert. Eine erste größere Runde mit dem Rad über die Insel konnte er auch absolvieren, sofern man bei der Insel von einer größeren Runde sprechen konnte. Heute war er früh aufgestanden und freute sich auf den ersten Arbeitstag im Reservat. Er schwang sich nach einem üppigen Frühstück auf das Rad und fuhr mit Rückenwind zum Institut.
Professor van Bergen war in seinem Büro und begrüßte Thomas gut gelaunt.
„So Thomas, heute will ich dir mal die Arbeit vorstellen. Wir haben ein wenig Zeit, bis dein Kollege kommt, der macht gerade eine Bestandsaufnahme von Brutgelegen im Gelände.“
Thomas sah vorsichtig auf die Uhr und war gespannt auf den „Kollegen“, der schon vor acht Uhr am Morgen im Schutzgebiet unterwegs war. Außerdem fiel ihm auf, dass der Professor ihn duzte. Das war bei der Ankunft schon der Fall gewesen, doch jetzt wurde es ihm noch einmal richtig bewusst. Er fand es ungewöhnlich, zumal er noch im Grundstudium war und nur ein Seminar bei van Bergen absolviert hatte.
Der Professor schildert kurz die Arbeit im Reservat. Thomas und der andere Student würden im Wesentlichen die Vogelwelt beobachten und statistisch erfassen. Der Professor strahlte bei seinen Erläuterungen jene beinahe kindliche Energie aus, die Thomas bereits in der Vorlesung aufgefallen war und von der er sich gerne anstecken ließ.
Thomas lächelte. „Ich möchte mich bei Ihnen für diese Chance hier bedanken, Herr Professor.“
„Ludwig“, fiel ihm der Professor ins Wort.
„Bitte?“ Thomas verstand zunächst nicht, was der Mann wollte.
„Ich heiße Ludwig“, sagte Professor van Bergen mit leichtem Nachdruck. „Wir sind hier unter uns, wir müssen uns nicht mit universitärem Spießertum unnötig das Leben schwer machen. Wir sind Wissenschaftler mit den gleichen Zielen. Überleg mal, wie viel Zeit du vergeudest, wenn du jedes Mal Professor van Bergen sagst.“ Er zwinkerte dem ziemlich verdatterten Thomas zu.
Schritte auf dem Gang unterbrachen Thomas’ Verblüffung.
„Ludwig?“, fragte die Stimme eines jungen Mannes durch das leere Vorzimmer.
„Wir sind hier hinten, Georg!“, rief der Professor.
Thomas empfand die Stimme spontan als sehr sympathisch und unbestimmte Befürchtungen stiegen in ihm auf, welche auch sogleich bestätigt wurden, als die Tür sich öffnete und die beiden Radfahrer vom Samstag einander gegenüber standen.
„Macht euch mal bekannt ...“ Van Bergen suchte etwas in seiner Aktentasche.
Der dunkelblonde Strubbelkopf streckte die Hand aus. „Tach, bin Georg.“
„Thomas“, sagte Thomas und versuchte, sich von dem kräftigen Händedruck seines Gegenübers nicht zu sehr beeindrucken zu lassen.
Georg und Thomas grinsten einander an, wobei Thomas den Eindruck hatte, Georg überlege, ob er ihn schon einmal gesehen hatte.
„Fahrrad, vorgestern. Kurz vor dem Schutzgebiet“, fasste Thomas die Begegnung zusammen.
„Jau, stimmt“, bemerkte Georg. „Ich dachte mir da gleich, das Gesicht kenne ich noch nicht. Um diese Jahreszeit sind Touris noch eher selten.“
Thomas brummte eine Zustimmung.
Der Professor wandte sich an Georg. „Wie sieht’s aus?“ Dabei wies er auf die Sitzgruppe und schenkte aus einer Thermoskanne Kaffee ein. Georg zog seine Jacke aus und fasste die Ergebnisse seiner morgendlichen Beobachtungen zusammen. Thomas betrachtete ihn. Sympathisch. Ein Naturbursche, aber nicht grob. Und was für ein Lächeln! Thomas wäre am liebsten sofort wieder gegangen.
Nach dem ersten Gespräch leitete van Bergen in den Tagesablauf über. Thomas entschuldigte sich kurz, fragte nach einer Toilette und verschwand.
Georg zog sich die Jacke an. Der Professor ging zur Übersichtskarte und wandte sich an ihn. „Georg, zeige Thomas bitte heute das Süd-Gebiet. Er soll die Hauptwege kennenlernen und sich einen ersten Eindruck verschaffen. Den Nordteil könnt ihr morgen in Angriff nehmen. Beschnuppert euch erst mal und lernt euch in den nächsten Tagen ein wenig kennen, ihr werdet viel Zeit miteinander verbringen. Thomas ist im Grundstudium, also überfordere ihn nicht. Er kann noch nicht deine Erfahrungen haben, außerdem ist er zum ersten Mal hier und das auch erst seit vorgestern. Aber verzärteln sollst du ihn auch nicht.“
Georg kräuselte die Stirn.
Der Professor lachte. „Du schaffst das schon.“ Er klopfte ihm auf die Schulter. „Der Junge ist auf Zack, glaube ich. Der ist gut vorbereitet und will was tun. Der ist nicht hergekommen, um Ferien zu machen, glaube ich.“
„Ich gebe mein Bestes, Ludwig. Ich hab halt noch nie jemanden so direkt angeleitet.“
„Dann wird’s Zeit, Georg“, zwinkerte der Professor.
Georg sah das nicht unbedingt so, zumal er sich mit seinen vierundzwanzig Jahren nicht als sehr erfahren bezeichnete. Aber man wuchs ja bekanntlich mit seinen Aufgaben.
Thomas kam zurück, und der Professor geleitete beide in die kleine Teeküche, wo sie sich ihre Thermoskannen mit heißen Getränken füllen konnten. Derweil machte er ihn mit dem besprochenen Ablauf der nächsten Tage vertraut.
„Ich rufe Pitt in der „Möwe“ an, die sollen euch heute Abend um Sieben einen Tisch reservieren und ordentlich füttern.“ Der Professor sah beide an.
Georg nickte. „Klingt prima. Danke, Ludwig“. Er wandte sich an Thomas. „In der Möwe kann man total genial essen. Das werden wir auch brauchen.“
Sie schmierten sich noch ein paar Brote und der Professor gab ihnen eine große Ration Kekse mit. Die Studenten verabschiedeten sich, und machten sich auf den Weg zu ihrer Arbeit.
Georg hatte einen strammen Zug mit dem Rad, senkte aber das Tempo, als er sah, dass Thomas etwas Mühe hatte, ihm zu folgen.
„Das Radeln trainierst du hier ganz schnell“, beruhigte er den leicht schnaufenden Thomas. „In zwei Wochen merkst du’s nicht mehr. Und bei Sturm darf man ruhig mal schieben. Oder man bleibt besser direkt dort, wo man gerade ist.“
Thomas nickte nur, freute sich aber, dass Georg so aufmerksam war, sich auf seine noch ungeübte Kondition einzulassen.
Sie stellten die Räder an dem Zugangsbereich ab.
„Was hast du eigentlich so früh am Morgen schon zu tun gehabt?“, fragte Thomas.
Georg erklärte: „Wir beobachten die Zunahme der Nistplätze. Die Tiere brüten aber nun mal nicht auf den Wegen. Wir verlassen die Wege selber auch nicht, sondern setzen uns in die Beobachtungsposten. Wenn wir bei Tagesanbruch die Vögel beim Auffliegen von den Nestern sehen, können wir etwa schätzen, wie viele es sind.“
„Schätzen?“, wunderte sich Thomas.
„Das ist das Zugeständnis an das Naturreservat. Wir geben uns teilweise mit Schätzungen zufrieden, um den Lebensraum der Tiere möglichst nicht mehr als nötig zu belasten. Wenn ich quer durch die Dünen laufe, zerstöre ich womöglich mehr Nester, als ich zähle. Das kann es ja wohl nicht sein, oder?“
„Klingt logisch. Gefällt mir.“ Thomas sah sich um.
Sie gingen eine ganze Weile auf dem Weg durch die Dünenlandschaft. Ständig hörten sie das Meer, von dem sie auch nie mehr als hundert Meter entfernt waren. Immer wieder flogen Vögel auf, kreisten über ihnen und zeterten laut die Eindringlinge an.
Georg führte sie zu einem Aussichtspunkt. Flach, ein wenig in die Düne eingelassen, konnte man ein kleines Dach darüber decken oder es auch offen lassen. Der Bau bot zwei Personen gut Platz. Man konnte sitzen oder sich auch auf den Bauch legen. Georg und Thomas ließen sich nieder und machten sich klein.
„Wir packen jetzt aus, was wir brauchen, damit wir keinen unnötigen Lärm machen müssen“, erläuterte Georg, nahm seinen Rucksack und breitete sich aus. Thomas tat es ihm gleich. Ein kleines Fernglas, eine faltbare Iso-Matte, Schreibblock, die Verpflegung. Mit großer Erleichterung bemerkte er das Bestimmungsbuch, welches Georg neben seinen Block legte.
Thomas wies darauf. „Gut, das beruhigt mich jetzt.“ Er holte sein eigenes Buch hervor, welches schon mit vielen Notizen ergänzt war.
Georg grinste. „Man lernt viel mit der Zeit, aber ich käme nie auf den Gedanken, alles Flatterzeug hier mit Namen bezeichnen zu können. Außerdem kommt es immer mal vor, dass neue Gesellen auftauchen, die man noch nicht kennt. Und dann kommt das nicht gut, wenn man in der Beschreibung seltsame Merkmale angibt, ohne ein oder zwei Bezeichnungen vorschlagen zu können.“
Thomas stimmte dem zu. Georgs Humor gefiel ihm. Er hatte eine Art an sich, die locker, aber nicht oberflächlich war.
„Hast du schon Beobachtungen im Feld durchgeführt?“, wollte Georg wissen.
Thomas nickte. „Ich hab privat viel gemacht und mit Jugendgruppen. Wir haben von der Gemeinde aus Kurse angeboten im Bereich Natur und so.“
„Klasse“, bekundete Georg. „Ich find’s immer fürchterlich bei Exkursionen, wenn die Studis nach ner Viertelstunde fragen, wann denn endlich die Vögel kommen.“
„Glaub ich“, schmunzelte Thomas. „Was machen wir heute hier genau?“
„Nix Kompliziertes. Wir überprüfen mal diese Liste und gucken, was wir davon entdecken. Später gehen wir noch an Punkt drei und fünf, und ich zeige dir die Stellen, wo die Schwäne vermutlich nisten werden. Die haben nicht viel Phantasie, die kommen meistens an die gleichen Orte zurück.“ Er grinste kurz und fuhr fort. „Damit hast du auch bereits die wichtigsten Teile dieses Bereiches des Gebietes gesehen.“ Georg reichte Thomas zwei zusammengeheftete Blätter. Auf jedem Blatt war eine Tabelle mit etwa zwanzig Vogelarten aufgeführt. Sie würden eintragen, welche davon zu finden waren und ob sie ankamen, fortzogen oder Nester bauten.
Georg klopfte mit einem Bleistift auf die Liste.
„Hier. Bei jedem fünften Vogel, den einer von uns erkennt und richtig zuordnet, gibt’s nen Keks.“ Georg lacht leise. Thomas musste auch lachen. Spannung wich von ihm. Er hatte das Gefühl, dass er sich mit Georg gut verstehen würde.
Mit der Liste beschäftigten sie sich in den nächsten drei Stunden. Gegen Mittag schaute Georg zu Thomas, stupste ihn sachte an und nickte, wobei er aber noch ein Zeichen machte, keinen Krach zu verursachen. Jetzt bedeutete er ihm, sich langsam zu erheben. Um sie herum stoben Schwärme von verschreckten Vögeln auf, die sich an die beiden Gestalten in dem flachen Ausguck gewöhnt hatten. Dass diese nun plötzlich so groß wurden, gefiel ihnen weniger, also suchten sie vorerst laut schimpfend das Weite.
„Die Armen“, kommentierte Thomas.
„Die vertragen das schon“, sagte Georg. „Wir packen zusammen und gehen zum nächsten Standort. Essen werden wir erst dort. Wenn wir uns nämlich jetzt hier länger aufhalten, kommen die meisten wieder und werden noch mal verscheucht, wenn wir losziehen.“
Thomas stimmte zu, obwohl er schon jetzt ziemlichen Hunger hatte. Sie packten in Ruhe zusammen.
„Wie weit ist es bis zum nächsten Punkt?“, wollte er wissen.
Georg sah auf und wies nach Süden. „Da in die Richtung, etwa zwei Kilometer.“ Er zwinkerte. „Ich hab auch Hunger.“
Die zwei Kilometer zogen sich ein wenig, weil es mehr bergauf und bergab ging, als vorher. Gegen zwei Uhr hatten sie ihr Ziel erreicht.
„Der andere Punkt ist gleich dort. Direkt oberhalb vom Strand. Wir können von diesen beiden Plätzen besser den Anflug vom Land und vom Meer beobachten. Zu dem Brutbereich der Schwäne geht’s nach Osten, da sind ein paar kleinere Binnengewässer.“
„Das Gebiet ist echt riesig“, kommentierte Thomas.
„Ja, das stimmt.“ Georg packte seine Tagesverpflegung aus. Thomas setzt sich neben ihn und holte sein Essen hervor. Er hatte in der Pension noch zwei Schnitzel vom Vortag abstauben können.
„Magst du?“, bot er Georg eines an.
„Gerne. Mann, du bist echt gut ausgestattet.“ Georg schaute zufrieden. „Ich meine auch mit deinem restlichen Equipment. Schönes Fernglas. So ein großes hatte ich auch mal. Das liegt jetzt drüben im See. Na ja, is ja wasserdicht, haha.“ Er deutete ein gespieltes Lachen an.
„Scheiße“, sagte Thomas, der ungefähr wusste, wie teuer das gute Stück war.
„Kann man wohl sagen. Vielleicht wird der Sommer heiß, da sinken meistens die Stände in den kleinen Seen stark ab, vielleicht finde ich’s ja wieder.“
„Wir können ja mal unser Glück versuchen“, meine Thomas.
„Ich bin für jede Hilfe dankbar“, sagte Georg.
Als nächstes erfüllte gefräßige Stille die Luft und Georg nahm sich kurz Zeit, um diesen Thomas mal näher zu betrachten. Der Drei-Tage-Bart stand Thomas gut. Überhaupt schien Thomas sehr dichtes Haar zu haben. Die hinteren Ausläufer des dunklen Bartschattens trafen sich fast mit den Nackenhaaren. Auf den Handrücken waren die dunklen Spuren nicht zu übersehen. Viel mehr sah Georg nicht, Thomas steckte wie er auch in fester Kleidung. Aber es war sowieso eher die gesamte Ausstrahlung des Studenten, die Georg einfach gefiel. Ob er das im Moment so gut fand, bezweifelte er allerdings. Er wandte den Blick ab, um bei Thomas nicht den Eindruck zu erwecken, dass er ihn musterte.
Den Rest des Tages verbrachten sie im Reservat. Am späten Nachmittag machten sie sich auf den Rückweg. Thomas bekam allmählich schwere Beine, doch sie hatten bis zu den Rädern nun doch ein gutes Stück zu laufen. An die frische Luft und an die viele Bewegung würde er sich noch gewöhnen müssen.
Sie fuhren zum Institut und hefteten ihre Ergebnisse in den Tagesordner.
„Arbeit für Regentage“, sagte Georg. „Das müssen wir früher oder später in den Rechner eingeben. Statistik. Je eher wir damit anfangen, umso besser.“
„OK. Zeig’ s mir halt einfach, ich kann ganz gut tippen.“ Thomas warf einen Blick zu den Computerterminals.
„Dem Himmel sei Dank, dich können wir hier echt gut gebrauchen“, kommentierte Georg diese Auskunft und sah auf seine Uhr.
„Zehn vor Sieben. Um Sieben sollen wir bei Pitt in der Möwe sein. Das ist nicht weit, nur die Straße runter.“
Sie schwangen sich wieder auf die Räder. Auf halbem Weg wies Georg auf ein Haus. „Hier wohne ich übrigens. Bei Familie Stevens unterm Dach. Da war eine kleine Wohnung frei, da hab ich zugegriffen. “
„Ist ja ein Katzensprung bis zur Arbeit. Ich wohne in der Pension Südwind.“
„Bei Frau Jakobs? Klasse. Hab ich auch mal gewohnt, war mir aber irgendwann zu eng“, bemerkte Georg.
„Das glaub ich. Ist ja auch nicht so arg weit weg“, entgegnete Thomas.
„Warte ab, bis die Frühjahrsstürme mit Regen kommen. Da werden drei Kilometer hier eine Weltreise mit dem Rad.“ Georg klang nicht, als würde er Thomas auf den Arm nehmen wollen.
„Mach mir Mut“, brummte Thomas.
Das Restaurant Möwe war urig. Ein kleiner Schankraum, dahinter ein Bereich mit Tischen. Das ganze Lokal war etwa zu einem Viertel nur gefüllt. Georg war hier schon bekannt. Er stellte Thomas dem Inhaber vor.
„Pitt, das ist Thomas. Er ist heute zum ersten Mal mit draußen gewesen und wird den Sommer über hier bleiben.“
Pitt streckte eine Seemannspranke über den Tresen. „Herzlich willkommen, mein Junge. Der Professor hat euch schon angekündigt, ich hab euch nach hinten gesetzt, da könnt ihr in Ruhe essen.“ Das letzte Wort klang gut in den Ohren der beiden.
„Was kann ich euch denn schon mal zu trinken bringen?“, wollte Pitt wissen.
Sie bestellten zunächst Apfelschorle und Wasser und gingen in den hinteren Raum, wo sie der gedeckte Tisch mit dem Schild für die Reservierung schon erwartete.
Die Jacken fanden an der Garderobe ihren Platz, und Pitt folgte mit den Getränken.
Thomas sah sich um. Der Raum war voll mit typischer Küsten-Dekoration. Fischernetze hingen an der Decke, Buddelschiffe standen auf den Fensterbrettern und in den Regalen. Die Serviettenhalter hatten auf beiden Seiten kleine Steuerräder. Die Einrichtung schwankte zwischen Tradition und touristisch mächtig überladenem Kitsch.
Georg ließ Thomas ein paar Augenblicke Zeit, bevor er zu seinem Glas griff. Thomas bemerkte es und hob seines ebenfalls.
„Thomas, noch mal herzlich willkommen, und ich trinke auf eine schöne Zeit hier.“
„Danke, Georg. Auf eine schöne Zeit.“ Sie stießen an. Thomas guckte auf das Glas. „Nach dem Essen gibt’s ein Bier, wenn du magst“, schlug er vor.
„Klar, gerne.“ Georg grinste breit.
Thomas öffnete einen Knopf seines Hemdes, um es sich ein wenig bequemer zu machen. Georg schaute beinahe automatisch hin und bemerkte dunkle, dichte Brusthaare heraus sprießen. Er guckte schnell wieder weg, bevor Thomas sich beobachtet fühlen konnte, doch das Lächeln entging Thomas nicht.
„Dir geht’s grad gut, oder?“, fragte Thomas.
„Ja, warum?“, entgegnete Georg ohne nachzudenken.
„Du grinst so zufrieden.“ Thomas konnte sich keinen Reim darauf machen, aber es war ihm aufgefallen.
Wenn der Raum heller gewesen wäre, hätte Thomas sicher Georgs hochroten Kopf bemerkt. Georg war selber von seiner Reaktion überrascht, beinahe geschockt. Er hatte sogar für eine Sekunde das Gefühl, eine Erektion zu bekommen. Aber die Hose saß wohl nur ein wenig eng. Hoffte er jedenfalls.
Georg schnappte sich schnell zwei Speisekarten, schob Thomas die eine hin und versteckte sich hinter der anderen.
Thomas sah unwillkürlich auf Georgs Hände. Kräftig, die Fingergelenke waren ausgeprägt und die Daumen standen etwas stärker hervor. Georgs Hände waren breit, aber nicht lang, so dass sie recht kompakt wirkten. Kräftig, aber nicht grob. Schöne Hände, fand Thomas. Das angenehme Prickeln, das ihn durchfuhr, hätte er gerne ignorieren wollen. Ganz schnell versenkte er sich auch in die Speisekarte.
Die Entscheidung fiel ihnen leicht, die Bestellung war schnell erledigt, nun hieß es durchhalten, bis das Essen da war.
„Wie kommt man zu der Entscheidung, über ein halbes Jahr auf einer solchen Insel leben zu wollen?“, begann Georg das Gespräch.
Thomas zuckte innerlich zusammen.
„Der Job hat mich gereizt. Ich mache das Fach gerne, ich hab schon letztes Jahr überlegt, dass ich das hier machen will, als ich den Aushang sah. Ich hätte nur nicht gedacht, dass ich so früh genommen werde. Viertes oder fünftes Semester, hatte ich gerechnet. Aber anscheinend meinte es das Schicksal anders.“
Georg nickte. Aber das war nicht das, worauf er hinauswollte. „Schon klar“, entgegnete er, „aber du gibst auch mal eben dein ganzes Umfeld für über ein halbes Jahr auf, oder?“
„Schon, ja. Aber echte Freundschaften halten so was aus, denke ich.“ Thomas trank einen Schluck aus seinem Glas.
Georg spürte, dass Thomas wohl nicht unbedingt über solche persönlichen Dinge sprechen wollte, zumindest nicht jetzt oder hier. Also ließ er es sein, was Thomas seinerseits bemerkte und ihm sehr hoch anrechnete.
„Seit wann bist du hier?“, fragte Thomas.
Georg überlegte kurz. „Seit zehn Tagen. Aber ich bin zum zweiten Mal hier. Ich habe auch schon im Grundstudium angefangen. Ludwig hat mir darauf hin einen Job als Hilfskraft gegeben. Das schien zunächst problematisch mit den anderen Kursen zu werden, aber er hat irgendwas gedreht. Ich hab hier alles gemacht, den Stoff gelernt und bin nur zu den Prüfungen an die Uni gefahren. Das Wintersemester hab ich hauptsächlich dort verbracht, aber jetzt werde ich wohl auch bis zum Beginn des nächsten Wintersemesters bleiben. Vielleicht mach ich hier auch den Abschluss, mal sehen. Themen für ne Arbeit sind massenhaft da.“
Thomas war beeindruckt. Das war schon deutlich mehr Planung, als bei seinem eigenen Studiumsverlauf.
Er hätte Georg gerne noch nach Dingen wie Freundin und Beziehung gefragt, aber er wollte das nicht in einem so öffentlichen Rahmen machen. Außerdem kannten sie sich erst ... einen Tag. Thomas war überrascht. Es kam ihm länger vor.
„Da hätten wir uns ja im Winter an der Uni sehen müssen“, warf er ein.
Georg dachte nach. „Stimmt. Ich kann mich aber nicht an dich erinnern. Du wärst mir aufgefallen.“
„Warum?“
Georg bekam rote Ohren, als er bemerkte, was er da gerade von sich gegeben hatte. „Einfach so ..., also ich kann mir Gesichter merken, meine ich, ... also deshalb halt. Darum wärst du mir aufgefallen. So halt.“ Scheiße.
Thomas lehnte sich zurück. „Ich hab irgendwie das Gefühl, dass wir uns schon länger kennen. Wenn ich überlege, dass wir heute erst einen Tag zusammen unterwegs waren ...“
„Tja, Liebe auf den ersten Blick“, flachste Georg und lachte; innerlich aber erschauerte er, hatte das Gefühl, sich selber bei etwas zu betrachten, was ihm bedrohlich erschien. Thomas lachte nicht, konnte sich aber ein unsicheres Grinsen nicht verkneifen. Bei einer passenden Gelegenheit würde er Georg vielleicht einmal an den Spruch erinnern; bei diesem Gedanken erschrak er.
„Vielleicht haben wir ja in einer Vorlesung zusammen gesessen. Kann ja schon mal sein, dass man sich da nicht unbedingt begegnet, sich aber halt so vom Sehen irgendwie bekannt vorkommt“, überlegte Thomas schnell. Georg nickte nur und schwieg.
„Da müssen deine Freunde ja auch schon wieder lange auf dich verzichten, oder?“ Thomas nahm noch einen Schluck aus seinem Glas, sein Hals trocknete gerade völlig aus. Nun hatte er den Vorstoß doch gewagt.
Georg rutschte auf seinem Stuhl herum. „Schon, ja. Is aber ok, glaub ich.“
Er hoffte, dass Pitt mit dem Essen die für ihn immer verzwickter werdende Gesprächssituation bald auflösen würde. Einerseits saß er gerne hier, auch jetzt mit Thomas, andererseits hatte er das Gefühl, sich beim Gespräch im Kreis zu drehen, sich um etwas herumzuschleichen, etwas verbergen zu wollen oder zu müssen; eine merkwürdige Situation.
Auf den Wirt war Verlass, Pitt kam wenige Augenblicke später mit zwei dampfenden übervollen Tellern heran.
„Macht mal Platz, Jungs, da kommt noch Salat!“
Während des Essens sprachen sie nicht viel miteinander, aber immer wieder glitten vorsichtige Blicke über den Tisch. Georg sah zwischendurch mehrmals auf seine Handrücken, um zu überprüfen, ob er dort irgendwelche bunte Flecken hatte. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass er sich Thomas’ Blicke auf seine Hände nur einbildete. Thomas überlegte inzwischen, ob er den oberen Hemdknopf doch wieder schließen sollte. Er hatte das Gefühl, dass Georg ihm ständig auf den Kragen sah. In einem wie er glaubte, unbeobachteten Augenblick, tastete er mit einem Fingerknöchel an dem Ausschnitt herum und bemerkte, dass sein Brusthaar ein wenig herausguckte. Als er darauf kurz zu Georg aufsah, trafen sich ihre Blicke; beide hörten für den Bruchteil einer Sekunde mit dem Kauen auf, stutzten, sahen zur Seite, räusperten sich fast gleichzeitig und versenkten sich wieder in den halbvollen Teller.
Georg war zuerst mit dem Essen fertig, doch Thomas folgte wenige Augenblicke später.
„Boah, war das lecker.“ Thomas lehnte sich zurück und klopfte sich auf den Bauch. „Satt?“, fragte Georg.
„Und wie! Ich kann gleich neben meinem Rad herrollen.“
Pitt kam, um die Teller zu holen.
Thomas guckte Georg an. „Das Bierchen noch? Geht auf mich.“
„Gerne. Danke. Der Fisch muss schwimmen.“ Georg lehnte sich auch etwas zurück.
Thomas bestellte für sie beide jeweils ein Bier. „Wenn Ludwig den Tisch geordert hat, geht das Essen dann eigentlich aufs Institut?“, wollte er vorsichtig wissen.
„Ja, geht es. So etwas macht Ludwig etwa zweimal im Monat.“
„Ja klasse. Aber das Bier bezahl ich.“
Georg grinste. „Und wie hat dir der erste Tag gefallen?“
„Anstrengend, aber sehr schön. Ich freue mich auf die Zeit hier jetzt noch mehr.“
Georg war zufrieden. „Das ist schön. Ludwig bat mich, dich quasi ein wenig einzuarbeiten, weißt du? Aber ich will nicht so was wie ein Chef sein oder so. Das liegt mir nicht. Ich zeig dir einfach, wie es hier so zugeht, ok?“
„Klar. Ich werde dich mit Fragen löchern.“ Thomas lachte leise.
Georg nickte bekräftigend „Auf jeden Fall, mach das. Ich werd dir helfen, so gut ich kann.“
„Schön.“ Thomas freute sich wirklich.
Das Bier wurde gebracht und beide stießen noch einmal an.
„Wie alt bist du eigentlich“, fragte Georg.
„Ich werde im Juni dreiundzwanzig“, antwortete Thomas, „und du?“
„Ich bin vor ein paar Wochen vierundzwanzig geworden.“ Georg nahm noch einen Schluck Bier.
„Woher kommst du?“
Thomas nannte seinen Heimatort und erzählte ein wenig von sich. Er brach ab, bevor er auf Dieter würde zu sprechen kommen müssen.
Dann erzählte Georg von seiner Heimat und auch von seiner Familie. Hannes unterschlug er.
Pitt holte die leeren Gläser. „Müsst ihr beiden Burschen morgen nicht arbeiten?“
Thomas sah auf die Uhr. Es war später, als er dachte. Er zahlte die Getränke.
„Macht es dir was aus, wenn wir ein andermal weiterquatschen?“, fragte er Georg.
„Kein Problem, bist ja ne Weile hier.“
Draußen vor dem Restaurant stieg Thomas auf sein Rad. „Sorry, dass ich das jetzt so plötzlich unterbreche. Ich fand den Tag und auch den Abend echt schön. Ich hab aber noch Respekt vor dem Heimweg.“
„Schon ok. Du fährst jetzt hier raus, vorne rechts, und bist schon auf der Hauptstraße. Fahr die drei Kilometer und du stehst praktisch vor der Pension. Am Ort gleich links rein.“ Georg unterstrich seine Ausführungen mit ausgreifenden Gesten. „Wirklich verfahren kann man sich auf der Insel eigentlich nicht“, fügte er noch hinzu.
„Danke dir. Wenn ich morgen früh nicht auftauche, bin ich trotzdem irgendwie verloren gegangen“, schmunzelte Thomas
Georg hob eine Hand zum Gruß. „Dann komme ich dich suchen“, grinste er.
„Bis morgen, Georg. Schlaf gut.“
„Tschüß, bis morgen. Schlaf gut.“ Georg schob sein Rad, die paar Meter lohnten sich nicht zum Aufsteigen.
