Wildenkogel - Annegret Waldner - E-Book

Wildenkogel E-Book

Annegret Waldner

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Beschreibung

Die junge Goldschmiedin Annalena erbt nach dem Tod ihrer Mutter ein Haus mit rätselhaften Spuren in die Vergangenheit ihrer Familie. Ihre Freunde und Freundinnen unterstützen Annalena dabei, das Dunkel in der Familiengeschichte aufzuhellen. Verstörende Hinweise in Briefen und Dokumenten, berührende und aufwühlende Begegnungen mit einstigen Weggefährten und Verwandten führen die junge Frau von ihrer Heimatstadt in Hessen in ein abgelegenes Tal und zu dessen Bewohnern in den Bergwelten Osttirols. Ungeklärte Todesfälle von vier Menschen ihrer Familie haben sich hier von den 1930er bis in die 1960er Jahre ereignet: Sind es lediglich Zufälle, gründen sie auf Widerstandsbewegungen während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft oder auf die Macht der sagenumwobenen Saligen Fräulein?

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Seitenzahl: 670

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 2

Einleitung 3

Widmung 5

Teil 1 6

Teil 2 68

Teil 3 144

Teil 4 215

Teil 5 274

Teil 6 315

Teil 7 400

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-210-2

ISBN e-book: 978-3-99107-211-9

Lektorat: Mag. Elisabeth Pfurtscheller

Umschlagabbildung: Aquarell von Hermann Siebert, 1980 Gearstd, Madeleine Forsberg | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Einleitung

Erinnerung ist sinnlich gewordene Vergangenheit. Die Vergangenheit ist der sicherste Ort, den wir haben.

(Michael Köhlmeier)

Widmung

Für Franz

in memoriam

Anton und Barbara, Altbauern am Mentlishof in Huben, Osttirol

Gert, Notar in Marburg

Rosmarie, Bäuerin am Hiasl-Hof in Axams

Teil 1

Im ersten fahlen Dämmern des Morgenlichts erhebt sich die Frau langsam auf die Knie und rückt von dem am Boden liegenden Körper ab. Sie kann ihm keine Wärme mehr geben. Sie weiß nicht, wie viele Stunden, auch Tage und Nächte sie hier neben ihm gelegen ist, ihn wärmend, streichelnd, anfangs noch die Lieder summend, die sie früher gemeinsam gesungen haben. Von der Blauen Blume und den Zwei Sternen, die am hohen Himmel stehen, später auch die vertrauten Kinderwiegenlieder, bis die Kraft sie verlassen hat, sie vergeblich auf seine Atemzüge lauschte und sich nur noch von der Kälte mitziehen lassen wollte, dahin, wo er nun war. Zuerst – und es scheint ihr vor langer Zeit gewesen zu sein – war an den Berghängen ein dichter Nebel aufgezogen und es war ihr so vorgekommen, als ob sich das Wollgras zu einer ganz eigenen Melodie im Wind bewegte. Dabei war es totenstill gewesen, als sei kein Leben mehr auf der Erde. Der Wetterumsturz mit Schneetreiben und Steinschlag war dann so rasch gekommen, sie hatten sich in dem Steinernen Meer nicht mehr orientieren können. Alles um sie herum und auch sie selbst verloren sich in einem dichten Grau. Sie hatten den großen Rucksack mit der Ersatzwäsche, der Aluminiumflasche und dem geschnittenen Brot verloren. Den Mann hatte ein Stein am Kopf getroffen und sie hatte ihn in eine geschützte Spalte unter einen großen Felsüberhang gezogen, ihm ihre Kleidung übergelegt und gewartet. Dann hatte sie Steine vor den schmalen Spalt getürmt, um den Wind und den Schnee abzuhalten. Ihr Leben hatte sich zurückgezogen auf den geschützten Fleck abseits des grauschwarzen Unwetters, des Stöhnens des Windes und des Donnerns der herabfallenden Felsbrocken. Die Frau spürt nicht, dass die Windstöße nun weniger eisig sind und die Wolken weniger dunkel. Sie hört nicht, dass die Sturmwinde weniger wild heulen und toben. Sie weiß nichts von dem aufkommenden neuen Tag, dessen mattes Licht durch den schmalen Felsspalt dringt, hört nur ein fernes Singen und Summen. Sie umklammert die Brosche an ihrem Hals, wie um Halt in der untergehenden Welt zu suchen, beugt sich über den Mann und bedeckt ihn mit ihrem Leib, schmiegt ihren Kopf in seine Halsbeuge. Tränen laufen ihr über die Wangen, ein unendlicher Schlaf umhüllt sie und geleitet sie in ungeahnte Himmelsfernen.

Die junge Frau tritt aus der hellen Empfangshalle des Diakonissenmutterhauses heraus. Es ist ein eisiger kalter Tag kurz nach Jahresbeginn, ein früher dunkler Morgen. Tief atmet sie die kalte Luft ein und hebt fröstelnd die Schultern. In dieser Nacht, kurz vor Tagesanbruch, ist ihre Mutter verstorben. Annalena Weiss empfindet die frostige Kälte und die funkelnde Stille in der schneebedeckten Parkanlage wie eine Versicherung eines neuen, eines guten Lebens. Sie weiß, dass ihr kaum Zeit bleibt, hier stehen zu bleiben. Sie schaut nach oben, in den schneeverhangenen Himmel, und spürt, dass sie nun noch einmal Abschied nimmt, aber es ist ein anderer als dort im Haus in dem Zimmer mit dem Paravent vor dem Bett, der sanften Musik, dem Kerzenlicht. Es ist ein versöhnlicher Abschied, der es ihr ermöglicht, die letzte Bitte der Mutter aufzugreifen. Ich verspreche es, sagt Annalena mit fester Stimme gegen den Schneewind. Dann kehrt sie um und tut mit ruhiger Selbstverständlichkeit das, was von Angehörigen im Falle des Todes erwartet wird.

Annalena wurde 1975 in der kleinen mitteldeutschen Universitätsstadt Marburg an der Lahn geboren. Einzige Tochter ihrer alleinstehenden Mutter, Lena Maria Weiss, wuchs sie bei ihr und ihrer seit Kriegsende verwitweten Großmutter auf. Ihren Vater hat Annalena nicht kennengelernt. Er war in ihrem Leben nie wichtig gewesen, war weder tot, noch wurde er vermisst, noch sehnlichst herbeigewünscht. Schon in ihrer Kindergartenzeit war es ihr aufgefallen, dass ihr Leben ohne Vater etwas Besonderes war. Andere Kinder hatten Väter oder doch solche, die gestorben waren oder weggegangen, aber sie konnte gar nichts von einem Vater, noch nicht einmal einen Namen, verlauten lassen. Im Grunde jedoch kam es ihr selbstverständlich vor, ohne Vater zu sein, auch ihre Mutter hatte keinen Vater gehabt und die Großmutter hatte kaum von ihren Eltern gesprochen, die früh verstorben waren. Von ihrem Großvater mütterlicherseits und seiner Schwester kam der Besitz des Hauses, aber erbaut worden war es bereits von den Urgroßeltern in den 1920er-Jahren, sehr einfach, aber auf lange Zeit angelegt. Die Großmutter und die Mutter hatten, soweit sie zurückdenken kann, ständig etwas daran erneuert oder erweitert, aber den Charakter des Hauses nur unwesentlich verändert. Betritt ein Besucher heute das Haus, meint er sich unweigerlich Jahrzehnte zurückversetzt, diese Empfindung hatten ihr Freunde und Bekannte wiederholt vermittelt.

Annalena vermag sich kaum an Gespräche erinnern, die sich um die Vergangenheit ihrer Mutter, der Großmutter oder um Familiengeschichten drehten. Die Großmutter, Anna Weiss, hatte viele Reime, Sagen und Märchen zu erzählen gewusst, hatte ihr Volkslieder und Wanderlieder vorgesungen, deren Texte und Melodien sie noch heute erinnert, aber von früherer Zeit hatte sie kaum etwas erzählt. Ihre Großmutter hatte den Beruf der Krankenschwester gelernt, im Krieg, wie sie zu bemerken pflegte, und zunächst in einem Behelfslazarett, später dann in der Universitätsklinik in der Stadt gearbeitet. Als Annalena klein war, hatte sich die Großmutter viel um sie gekümmert, da ihre Mutter im Lehrerberuf tätig war und sie sich ihren Dienst im Krankenhaus nach den Unterrichtsstunden der Mutter einrichten konnte. Von ihrem Großvater hatte es geheißen, er sei ein sehr begabter Goldschmied und Uhrmachermeister gewesen, mit einem eigenen Betrieb in der Stadt, den sie ja gut kannte, er sei im Krieg vermisst und ihre Hochzeit sei eine Kriegstrauung gewesen. Annalena hatte diese Worte lange wie ein Geheimnis mit sich getragen. War eine Kriegstrauung gültig und ging das denn zusammen: Krieg und Trauung. Was musste passieren, damit ein Mensch vermisst wurde. Aber darüber wurde bei ihr zu Hause nicht gesprochen und ihre Schulfreundinnen kannten diese Worte gar nicht. Als die Großmutter 1990 im Alter von 65 Jahren starb, hatte sie gerade das Pensionsalter erreicht. Ihr Tod kam rasch und ohne großes Aufsehen, so als hätte die Großmutter darauf oder auf etwas anderes, auf etwas für Annalena Unvorstellbares gewartet. Annalena war damals gerade in der fünften Klasse des Gymnasiums. Sie war dem Alter der Reime, der Kinderlieder und Märchen entwachsen, aber sie wusste, dass sie gerade das und die Freude der Großmutter an der Natur am meisten vermissen würde. Das Haus, in dem sie aufgewachsen war und das ihrer Großmutter und dem Großvater, von dem sie so wenig wusste, gehört hatte, bot weiträumigen Platz für die Mutter und sie selbst. Sie beendete das Gymnasium und lernte dann in dem Familienunternehmen, in dem bereits der Urgroßvater gelernt und gearbeitet hatte, das Uhrmacher- und Goldschmiedehandwerk. Nach Abschluss der Lehre und mit dem Erhalt des Gesellenbriefs blieb sie in dem angestammten Familienbetrieb in ihrer Heimatstadt. Dort ist sie hauptsächlich für Reparatur- und Restaurationsarbeiten zuständig, arbeitet aber auch im Verkauf.

Annalena geht durch die Kälte nach Hause. Sie hat die ersten Formalitäten abgeschlossen und etliche Gespräche führen, die Todesanzeige, die bereits die Mutter vorbereitet hatte, bei der städtischen Zeitung hinterlegen, den Bestatter aufsuchen und einen Termin für ein Gespräch mit dem Pfarrer ihrer Gemeinde vereinbaren müssen. Noch immer fällt der Schnee in dichten Flocken und es ist eine seltsame Stille, die sich auf der schmalen bergwärts führenden Straße ausgebreitet hat, als würde diese aus Achtung vor der Mutter für eine kleine Weile ihre Geschäftigkeit ruhen lassen. Ihre Straße heißt Im Gefälle, ein schön klingender Name für eine abfallende Straße, an deren Seiten kleine Vorgärten liegen, mit geduckten Siedlungshäusern und sich anschließenden Obst- und Gemüsegärten. Hier hat sich seit Jahrzehnten kaum etwas verändert, auch die Bewohner der Straße scheinen stets dieselben geblieben zu sein. Sie schaut vom Gartentor auf den unberührten Schnee auf dem Weg zu ihrem Haus, selbst die Vögel haben sich heute noch nicht zu ihrem Futterplatz vorgewagt. Annalena öffnet das Tor und spurt sich einen Weg durch das Weiß, das sie an das Leintuch erinnert, das die gebückte alte Schwester mit dem weißen Diakonissenhäubchen über ihre Mutter breitete, als es vorbei war, als der Paravent auf die Seite geschoben, das Fenster geöffnet wurde und sie beinahe gierig die Frische des kalten Morgens einsog. Die Diakonisse hatte die Mutter während der letzten Tage umsorgt und war in der letzten Nacht ohne Pause in der Nähe geblieben. Das hatte ihr gutgetan. Es fällt Annalena schwer, die Haustür aufzusperren im Wissen, dass es nun an ihr liegen würde, dieses Haus weiter mit Leben und Sinn zu füllen. Sie hat keine Angst vor der Einsamkeit, denn sie kommt in ein ihr vertrautes Zuhause. Das Versprechen, das sie ihrer Mutter gegeben hat, erfüllt sie indes mit einer nicht gekannten Unruhe. Auf den Steinstufen vor der Haustüre fällt ihr Blick auf ein kleines Päckchen von Handtellergröße, das sie verwundert aufhebt.

Wie konnte hier etwas abgelegt worden sein, wenn doch da gar niemand gegangen war, und wer konnte denn schon davon wissen.

Annalena schließt die Haustüre auf, klopft sich den Schnee von den Schultern und den Beinen, schüttelt die Haare und legt das kleine weiche Päckchen auf den Garderobenschrank. Sie zieht ihre Stiefel aus und geht durch den Hausgang in die warme Küche, deren Einrichtung schon seit Jahrzehnten nicht wesentlich verändert wurde. Ohne darauf zu hören, vermerkt sie das gleichmäßige beruhigende Ticken der Wanduhr in der kleinen Diele. Niemand hat seit ihrem Weggang vor zwei Tagen das Haus betreten, es gäbe auch niemanden, der ohne ihr Wissen und Einverständnis dazu befugt wäre. Annalena drückt auf den Lichtschalter, stellt die Kaffeemaschine an, holt die Milch aus dem Kühlschrank, eine Tasse aus der alten Küchenkredenz und schenkt sich Kaffee ein. Sie fühlt sich plötzlich müde und leer. Sie holt das Päckchen aus der Garderobe und setzt sich an den Küchentisch, entfaltet das graue zerknitterte Seidenpapier und hält einen kleinen Bund Alpenblumen in der Hand. Sie sind fast zu Staub getrocknet, aber ihre Farben haben eine auffallende Leuchtkraft und Frische. Ob der Schnee das bewirkt hatte. Annalena erkennt die Pflanzen Wollgras, Speik und Schusternagelen, Alpenblumen, die die Frauen in ihrer Familie kannten und zu benennen wussten, die sie während der Ferientage in den bayerischen Bergen pflückten und in einem Herbarium pressten. Sie wickelt die Blumen behutsam wieder ein und legt sie auf den Tisch. Hier haben sie einen guten Platz. Sie legt den Kopf auf die Arme und versinkt augenblicklich in einen tiefen Erschöpfungsschlaf, aus dem sie kurz später benommen aufschreckt.

Ein Geräusch ist in ihr Bewusstsein gedrungen, das sie nicht zuordnen kann. Von draußen fällt nur ein diffuses Licht herein, es scheint, als ob das Haus im Schnee versinken will. Sie steht auf, geht in das Badezimmer im oberen Stockwerk, duscht und kleidet sich frisch an. Warme Hosen und Socken, ein gestrickter Pullover. Der Wind rüttelt ein wenig an den Fensterläden, aber von der Welt ist sonst nichts zu hören und zu sehen, als ob sie weit entrückt wäre. Sie geht wieder hinunter in die Diele und nimmt ihr Mobiltelefon. Ein Anruf in Abwesenheit, der sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Es war Cornelia, eine ihrer früheren Mitschülerinnen, die zur Freundin wurde und in den letzten Wochen zu einer hilfsbereiten Stütze. Annalena will noch nicht sprechen. Sie sendet Cornelia eine Mitteilung. Mutter ist gestorben. Muss zum Pfarrer. Lege den Hausschlüssel in das Vogelhaus.

Cornelia kennt ihr Zuhause und wird kommen, wenn es ihr möglich ist.

Annalena blickt sich in der Küche um. Sie wird einige Veränderungen treffen müssen, aber sie hat mit der Mutter alles abgesprochen. Nun wartet der Pfarrer. Das Pfarrgemeindehaus liegt nur wenige Straßen entfernt. Sie trinkt noch einen Schluck von dem erkalteten Kaffee, zieht Mantel, Stiefel und Mütze über und macht sich auf den Weg. Ein Nachbar grüßt sie über die Straße hinweg, sie nickt hinüber. Nur nicht reden müssen. Noch einmal blickt sie auf ihr Haus im Schnee, sieht, dass die Meisen und Spatzen nun den Weg zum Vogelhaus gefunden haben, als sie dort den Hausschlüssel ablegt. Das Vogelhaus hat bereits die Großmutter besessen, vielleicht ist es noch älter, vielleicht ist es so alt wie das Haus. Ein Siedlungshaus, vor bald acht Jahrzehnten von den Urgroßeltern erbaut. Die Urgroßeltern, von denen so wenig erzählt und gewusst wurde. Hier hat ihr Großvater Wolfgang gewohnt, später auch die Großmutter, nach der Kriegstrauung, mit einer Schwester des Großvaters, Marlene, auch von ihr ist sehr selten gesprochen worden. Ihre Mutter ist hier nach dem Krieg aufgewachsen und sie selbst auch. Etwas weiter oben an der Straße nahe am Waldrand liegt das große Diakoniezentrum, dem eine Pflegehochschule angegliedert ist. Die Frauen ihrer Familie waren im Diakoniewerk im freiwilligen Ehrenamt tätig. Es ist ein sogenanntes gutes Stadtviertel, das sie ihr Zuhause nennen darf, das ist ihr bewusst, aber auch, dass sie selbst gar nichts dazu beigetragen hat und dass sie das Hiersein stets als Glück empfinden konnte.

Annalena erreicht das kleine evangelische Gemeindezentrum. Der Weg zur Türe ist bereits vom Schnee frei geschaufelt worden. Sie läutet an dem Schild mit der AufschriftPfarrerund tritt den Schnee von den Stiefeln. Ein Mädchen im Schulkindalter öffnet die Türe und begrüßt sie fröhlich. Annalena kennt die Kinder der Pfarrersfamilie, war und ist hier oft zu Gast. Heute ist alles anders. Sie kann sich nicht auf diesen Besuch wie sonst freuen, hat keine Aufgaben für die Pfarrgemeinde vor sich und schreckt ein wenig vor dem Gespräch mit dem Pfarrer zurück, das wohl gehalten werden muss. Es wird kein Verhör sein, nicht dahin gehen ihre Befürchtungen. Aber ich weiß so wenig, sie haben mir so wenig erzählt und nun ist es zu spät. Auch über das Begräbnis hat sie mit der Mutter geredet und darüber hinaus hat sie der Mutter dieses Versprechen geben müssen, dessen Tragweite sie noch nicht erfassen kann. Das fröhliche Kind öffnet die Tür zum Arbeitszimmer des Vaters und lässt Annalena eintreten.

In dem ihr vertrauten großen Raum, stets ein wenig dunkel gehalten, mischen sich die privaten Lebensbereiche des Pfarrers mit seinen beruflichen und geschäftlichen Aufgaben. Der Pfarrer erhebt sich von seinem Schreibtisch, legt die Brille ab, breitet in einer Mischung von Willkommensgruß und Traurigkeit die Arme aus und bittet die junge Frau herein.

So ist es nun vorbei, sagt er und ruft dem Kind zu, es möge bitte zwei Tassen Tee mit Honig bringen und, nach einem kurzen Blick auf Annalena, ein Butterbrot.

Du wirst noch nichts zu dir genommen haben, meint er, aber du darfst jetzt nicht deine Kraft verlieren.

Der Pfarrer weist auf einen Sessel in der Sitzecke und setzt sich ebenfalls. Er hat die Mutter in den letzten Wochen oft besucht und sich Zeit für Gespräche mit ihr genommen.

Ich habe Lena Maria gut gekannt, wir haben eine gute Freundin verloren, meint er.

Als das Kind den Tee und das Brot gebracht hat, stellt er ihr einige Fragen zum Leben der Mutter. Annalena ist zunächst unsicher, aber als sie mit dem Erzählen beginnt, merkt sie, wie mit jedem Satz ihr Reden flüssiger wird.

Sie erinnert ihre Kinderjahre, ihr gemeinsames Leben mit der Mutter, deren Alltag als Lehrerin, ihre gemeinsamen Ferienzeiten, wie gut die Mutter das Haus in Ordnung gehalten und wie viel Freude ihr die Gartenarbeit bereitet hatte, ihre Freundlichkeit, ihren Langmut und ihre heitere Gelassenheit auch in Zeiten voll Sorgen und Nöten. Der Pfarrer nickt, Annalena erzählt ihm nichts, was er nicht schon gewusst hat. Aber da gab es auch versteckte Seiten in ihrem Leben, sagt die junge Frau leise. Ihre Zurückgezogenheit, diese Abkehr von Äußerlichkeiten, vom bunten Treiben, von jedem modischen Geschehen. Ich glaube, diese Haltung hatten ihr die Großmutter und die Großtante schon vorgelebt, vielleicht war es auch der Krieg, meint sie.

Der Krieg, erkundigt sich der Pfarrer behutsam.

Ja, der Vater der Mutter ist vermisst gewesen und sie selbst ist in den letzten Kriegstagen 1945 geboren worden, ihr Vater hat nie Nachricht erhalten, dass er eine Tochter bekommen hat und die Großmutter musste das Kind wohl ganz allein mithilfe der Tante, der Schwester des Vaters, aufziehen.

Diese Frauen haben viel durchstehen müssen, pflichtet der Pfarrer bei, aber deine Mutter hatte immer ein Zuhause, konnte sich immer geborgen fühlen, hatte eine große innere Kraft, auch als sie dich zur Welt brachte und – wie die Dinge sich oft wiederholen – allein aufziehen wollte und das dann auch getan hat.

Annalena nimmt das Butterbrot und einige Schluck Tee.

Kanntest du die Schwester meines Großvaters, die Tante Marlene.

Der Pfarrer schaut sie nachdenklich an. Ich kann mich an sie erinnern, da war ich noch ein kleiner Junge, mein Vater hatte doch hier die Pfarrstelle und die Tante kam immer gemeinsam mit der Großmutter zum Gottesdienst und zu Veranstaltungen, sie waren beide mit der Pfarrgemeinde sehr verbunden, auf eine lebendige, treue Art. Das ist heute leider selten geworden. Sie ist dann verunglückt, aber sie wurde nicht hier bestattet.

Annalena schluckt. Sie möchte das Gespräch beenden. Der Pfarrer merkt ihre Unruhe und bricht seine Erzählung ab.

Es war deiner Mutter eine große Last, dich alleine zu lassen, und sie hat mehr als einmal davon geredet, dass du ihr etwas versprechen musst, dass sie etwas nicht zu Ende bringen konnte.

Er kommt noch auf den Ablauf der Bestattung zu reden und bietet Annalena seine und die Hilfe seiner Familie an. Du kannst mich jederzeit erreichen, sagt er, steht auf und geleitet die junge Frau hinaus. An der Haustür wendet er sich ihr nochmals zu, lächelt und meint, heitere Gelassenheit und die Tugend der Standhaftigkeit, das seien wohl gute menschliche Eigenschaften.

Auf dem Rückweg breitet sich eine große Erleichterung in Annalena aus. Gleichzeitig spürt sie, wie eine große Traurigkeit sie überkommt, eine Fassungslosigkeit, die ihr beinahe die Beine wegziehen will. Es ist gut, dass ihr Heimweg kurz ist. Sie möchte schlafen und weiß doch, dass dazu heute keine Zeit sein wird. Der Schneefall ist sanfter geworden, aber das Tageslicht geht bereits am frühen Nachmittag in ein dunkles Grau über, das in Kürze alles umhüllen wird. Vom Gartentor zum Haus führen Spuren, das Licht über der Haustür leuchtet auf, als sie sich den Steinstufen nähert. Noch bevor sie ihren Schlüssel aus der Tasche ziehen kann, öffnet sich die Tür. Cornelia steht im Eingang.

Hallo, sagt sie, ich dachte, ich komme gleich vorbei.

Im Hausgang schlägt die Uhr viermal, ihr schließt sich die Standuhr im Wohnzimmer an, mit einem tiefen dunklen Schlag, der im Haus widerhallt. Cornelia nimmt den Mantel von Annalena und geht mit ihr in die Küche. Sie hat Tee gekocht und Kekse auf einem Teller gerichtet.

Magst du, fragt sie leise, du musst etwas trinken, Annalena.

Annalena setzt sich auf die Küchenbank und vergräbt das Gesicht in den Händen.

Ich war beim Pfarrer, jetzt muss ich die Anzeigen vorbereiten, sie sollten spätestens morgen zur Post. Morgen muss ich noch einmal zu den Diakonissen, dann zum Bestatter und mit dem Kirchenchorleiter muss ich noch wegen der Lieder sprechen, das Begräbnis ist am Montag, das ist in vier Tagen, ich habe nicht viel Zeit.

Sie nimmt gedankenverloren das kleine Päckchen aus Seidenpapier in die Hand und reicht es Cornelia.

Was ist das, fragt Cornelia.

Ich weiß es nicht, es ist seltsam, es lag vor der Tür, aber niemand ist hier gewesen.

Cornelia betrachtet die Blumen.

Sie sind schön, sagt sie leise. Ich habe viel Zeit, ich kann dir bei allem helfen. Ich kann auch hierbleiben, wenn du das möchtest.

Ja, das ist gut.

Annalena steht auf, geht durch die Diele in das Wohnzimmer und zieht die Vorhänge vor. Dann geht sie über die Treppe hinauf und öffnet im Zimmer ihrer Mutter weit die Fenster. Sie zieht die Wäsche vom Bett ihrer Mutter ab, obwohl sie es erst frisch bezogen hatte, als die Mutter in das Hospiz der Diakonissen gebracht wurde, dreht den Schalter an der Heizung herab, hält den Pendel der Wanduhr an und schließt die Fenster. Die kalte Luft, die hereingeströmt ist, stärkt ihre Willenskraft. Sie geht mit festen Schritten zu Cornelia. Komm, wir fangen im Wohnzimmer an. Im Wohnzimmer nimmt sie an dem großen Esstisch Platz. Er steht behäbig in der Mitte des Raumes umringt von Stühlen unterschiedlicher Stile und Holzarten. Das Zimmer ist ungewöhnlich, die Möbel wirken, als hätten sie mit den Jahren ihren Platz hier gefunden, als könne ein jedes Stück seine eigene Geschichte erzählen.

Ich habe mit meiner Mutter alles besprochen. Sie hat die Anzeigen selbst vorbereitet, auch für die Zeitung, dort bin ich schon gewesen, ganz früh am Vormittag. Hier, ich habe zwanzig Bögen drucken lassen und die Briefkuverts passend ausgesucht, aber angeschaut habe ich Mutters Entwurf noch nicht. Sie hat darauf bestanden, alles alleine zu machen, nur das Datum von heute habe ich vor dem Druck noch einfügen müssen. Das hat die Frau bei der Anzeigenannahme gemacht und dann eine Kopie, damit war ich dann in der Kopieranstalt. Es war mir alles so zu viel, eigentlich wäre ich am liebsten stundenlang durch den weißen Morgen gelaufen. Ich wusste nicht, ob ich noch lebe oder ob ich noch weiterleben will. Aber jetzt geht es schon besser.

Cornelia nimmt behutsam einen Papierbogen und betrachtet ihn. Sie schaut zu Annalena.

Du hast die Anzeige noch nicht angeschaut, fragt sie.

Nein, ich konnte es nicht, sagt Annalena fast tonlos.

Cornelia setzt sich neben Annalena.

Die Anzeige ist sehr schön, meint sie behutsam, sie ist so, wie deine Mutter war. Magst du sie nicht anschauen.

Annalena nimmt einen Bogen und lässt ihre Augen über den Text wandern.

Aber wieso, flüstert sie, wie kann das sein, Cornelia, ich verstehe das nicht. Was sollen die Blumen auf der Anzeige. Ich erinnere mich an sie. Es gibt von früher, ich weiß gar nicht, von wem, eine alte Tasse in der Kredenz, gleich bemalt mit diesen Blumen, warte, ich hole sie. Schau, die Mutter muss sie abgemalt haben. Wollgras, Speik und Schusternagelen wie die Blumen in dem Päckchen. Cornelia, was ist das. Was heißt das.

Cornelia stellt sich hinter den Stuhl ihrer Freundin, hält Annalena an den Schultern und legt ihr Gesicht auf ihren Scheitel.

Ich weiß es nicht, aber es soll dir keine Angst machen, das hätte deine Mutter nicht gewollt. Wir machen jetzt die Briefe fertig und vielleicht gelingt es uns noch, sie bis zur Schließung zur Hauptpost zu bringen. Dort ist der Aufgabeschalter länger geöffnet.

Die beiden jungen Frauen nehmen die Adressenliste, die die Mutter geschrieben hat, beschriften die Briefe und stecken die Bögen hinein. Annalena fügt noch einige wenige Adressen von Freundinnen und Nachbarn hinzu. Cornelia nimmt die Post, zieht sich den Mantel über, schlüpft in ihre Stiefel, setzt sich die Mütze auf und öffnet die Haustür.

Schau, es hat aufgehört zu schneien, ruft sie. Ich bin bald zurück. Der Wind ist auch nicht mehr so eisig.

Cornelia Böge kommt aus einem kleinen Dorf im Hinterland der Stadt und hat Annalena in der Schulzeit kennengelernt. Cornelias Familie ist groß, alle leben gemeinsam auf einem weitläufigen Hof. Sie hat Mathematik und Physik studiert und vor wenigen Monaten ihre erste Anstellung an einem Gymnasium in der Stadt angetreten. Sie wohnt in einer kleinen Einzimmerwohnung am Schlossberg in einem alten Haus. Das Alleinsein ist sie nicht gewohnt, ist sie doch immer von den Menschen ihrer Familie umgeben gewesen. Cornelia hat gelernt, zuzupacken und das Leben mit seinen Herausforderungen praktisch anzugehen. Die Krankheit von Lena Maria Weiss hat sie sehr mit Annalena verbunden, es zeigte sich, dass ihre Freundschaft dieser Belastung standhielt und sie aufeinander zählen konnten. Cornelia beeilt sich, die Briefe noch rechtzeitig zum Hauptpostamt zu bringen. Sie kauft Briefmarken, da sie die Briefe nicht maschinell abstempeln lassen möchte, und kann die Post vor Schließung der Schalter noch aufgeben. Aus ihrer Wohnung holt sie, was sie für ein paar Tage und Nächte braucht, und telefoniert mit ihrer Familie und einigen Freunden.

Es fügt sich gut, dass gerade Winterferien sind und ich mir Zeit nehmen kann, denkt Cornelia. Alleine lassen kann ich Annalena nicht, sie zerbricht ja beinahe an diesem Leid und den Aufgaben, die auf sie zukommen. Und dann diese rätselhaften Blumen im Schnee, auf der Anzeige und auf der alten Tasse. Ob wir das einfach auf sich beruhen lassen sollen oder sollte Annalena nach einer Lösung dieser merkwürdigen Geschehnisse suchen. Wer könnte hier noch mithelfen. Oder wird sich alles als harmlos und erklärbar herausstellen. In diesen Stunden ist es nur wichtig, dass jemand Annalena begleitet.

Ihr fällt Henner ein. Sie wählt seine Nummer an ihrem Mobiltelefon und als er sich meldet, berichtet sie ihm kurz von dem Tod von Annalenas Mutter und bittet ihn, einmal Im Gefälle vorbeizuschauen. Ich glaube, sie braucht dich jetzt, sagt sie.

Morgen, sagt er, morgen komme ich und ich gebe auch den Eltern Nachricht. Wir haben es kommen sehen, aber wir haben von Annalena in den letzten Tagen nichts gehört. Sie hat auch nach den Weihnachtstagen Urlaub genommen. Zu Jahresbeginn ist es eher ruhig im Geschäft. Wir sehen uns morgen, Cornelia, du bist wohl bei ihr.

Ja, ich habe noch Ferien und meine Familie rechnet nicht mit meinem Kommen.

Cornelia ist erleichtert. Was würde sein, wenn die Freundin zusammenbricht und sie die Einzige wäre, die ihr beistehen könnte. Aber nein, da gibt es ja auch entfernte Verwandte und Lena Maria war von vielen Menschen, die ihr nahe waren, umgeben gewesen, auch wenn sie zurückgezogen lebte. Annalena konnte auf Hilfe zählen. Cornelia geht durch die Dunkelheit die schmale Straße hinauf. Die Straßenlampen geben einen milden Schein und erhellen den Gehsteig. Sie öffnet die Gartentüre und geht auf das Haus zu. Aus dem Wintergarten, ein verglaster Anbau auf der früheren Terrasse und eine grüne Oase mitten im weiß verschneiten Garten, dringt Licht. Cornelia findet Annalena dort sitzen, mit einem Buch auf den Knien. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein aufgeschlagenes Herbarium, in Leder eingeschlagen, das an den Ecken mit schwarzen Metallstäben verstärkt ist. Auf einem kleinen Tisch flackert eine rund geformte Kerze aus Honigwachs.

Ich habe die Briefe gerade noch rechtzeitig aufgeben können. Zu Hause war ich auch und habe alles für die nächsten Tage mitgebracht. Mit Henner habe ich auch gesprochen.

Ja. Das ist gut. Ich suche in diesem Pflanzenbestimmungsbuch nach den Blumen, die ich vor dem Haus gefunden habe. Das hier ist ein altes Alpenpflanzenherbarium, vielleicht noch von Tante Marlene, auf dem Exlibris steht M. W. 1924.

Lass einmal sehen. Wie sorgfältig es gebunden ist. Hast du die Blumen schon gefunden.

Ja, es ist wirklich das Wollgras, der Echte Speik und der Frühlingsenzian, den haben wir immer Schusternagele genannt. Das sind geschützte Pflanzen, hat die Mutter früher gesagt, wir durften sie nicht brechen oder darauf treten. Sie besitzen sicher auch eine heilende Wirkung, meine Großmutter hätte auch zu jeder Blume eine Sage oder ein Märchen gewusst, da bin ich mir sicher.

Du kannst dich ja mal auf die Suche machen.

Ja. Später. Jetzt ist anderes zu tun und zu bedenken. Cornelia, es ist schon spät. Morgen haben wir einiges vor uns. Magst du zu Abend essen.

Nein, ich sage dir gute Nacht. Wirst du schlafen können.

Oh ja. Du legst dich in das Zimmer oben, wo du immer geschlafen hast. Es ist alles unverändert. Ich bleibe noch ein wenig hier sitzen. Meine Mutter war auch so gerne hier in ihrem Pflanzenreich und mit der Decke ist es auch gar nicht kalt.

Ja, dann versuche später, zu schlafen, und komm zu mir oder ruf mich, wenn dich etwas bedrückt.

Annalena ist froh, dass die Freundin sich ganz selbstverständlich zurückzieht und nicht aufdrängt. Sie spürt die Anwesenheit der Mutter hier im Haus beinahe körperlich und möchte jeder Unruhe, die diese Stimmung stören könnte, aus dem Weg gehen. Sie geht in die Küche und brüht frischen Tee auf, sucht eine CD aus dem Regal, legt sie ein, geht mit der Teetasse wieder zu ihrem Platz und hüllt sich in die Decke. Sie hört die gregorianische Chormusik, die ihre Mutter so gerne am Abend hörte, und weint alles aus sich heraus, den ganzen langen Tag, die Angst, die Traurigkeit, die Einsamkeit, die Erschöpfung. Es ist dunkel draußen und es schneit. Es schneit so sehr, wie sie es noch kaum in ihrer Stadt erlebt hat, als müsse der Himmel die Erde zudecken. Und dann würde alles neu werden. Die Musik ist längst verklungen, der Rest Tee in der Tasse kalt geworden, als Annalena sich erhebt, die Blumen behutsam in das Seidenpapier einschlägt und auf das Herbarium legt, die Kerze und das Licht löscht und über die Treppen in ihr Zimmer geht. So, wie der Schnee erst alles bedecken muss, so muss ich erst ganz leer werden, um zu begreifen, um neu zu beginnen, um alles weiterzubringen, wie ich es der Mutter versprochen habe, denkt sie. Und dafür brauche ich Hilfe.

Im Schlaf ist Annalena wieder ein kleines Kind. Sie steht auf einer Blumenwiese und rings umher sind hohe Berge mit Schnee bedeckt. Der Himmel ist von einem tiefen Blau. Von den Bergen stürzt sich ein Wasserfall in die Tiefe, er sieht aus wie wallendes graues Frauenhaar. Die Großmutter ist ein Stück vorausgegangen und ruft ihr zu, sie solle auf die Blumen aufpassen. In der Luft ist ein Summen. Frauen in weißen Kleidern tanzen über der Wiese, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren. Sie halten sich an den Händen und schauen freundlich. Die Mutter legt eine Hand an ihre Wange und flüstert, sie brauche keine Angst zu haben. Ihre Stimme ist leise, wie von weit her, und das Kind legt sich in die Wiese, zu Wollgras, Speik und Schusternagelen und schläft ein.

Im Morgendunkel tritt Annalena an das kleine Giebelfenster ihres Zimmers. Es hat aufgehört, zu schneien. Auf der Gartenbank sitzt eine Rabenkrähe und schielt zu ihr hinauf. Na, was willst du mir sagen, du schwarzer Vogel, denkt Annalena. Da fliegt der Vogel stumm mit weiten Flügelschlägen davon. Als Annalena die Treppe hinuntergeht, hört sie Cornelia in der Küche mit Geschirr hantieren. Die Wanduhr schlägt sieben Mal und die Standuhr im Wohnzimmer schließt sich an. Cornelia hat das Frühstück gerichtet. Sie schaut zu Annalena, prüfend und auch besorgt.

Konntest du schlafen, Annalena, fragt sie.

Ja, ich bin ganz frisch und ausgeruht.

Das ist gut. Möchtest du Kaffee.

Ja, ich habe auch Hunger.

Annalena hält gedankenverloren die Tasse mit der Blumenmalerei. Sie zieht mit dem Finger behutsam die feinen Pinselstriche nach.

Die Blumen der Berge sind besonders schön, so verletzlich und doch voller Lebenskraft. Wer kann mir wohl etwas über diese Tasse erzählen.

Cornelia erinnert sie daran, dass Henner heute vorbeikommen wollte. Vielleicht weiß jemand aus seiner Familie etwas von dieser Tasse, überlegt sie.

Er muss aber bald kommen, ich muss heute früh noch meine Termine einhalten.

Die beiden Freundinnen frühstücken ohne viel Worte. Cornelia hat eine weiße Kerze auf den Tisch gestellt. Draußen ist es noch beinahe nachtdunkel. Annalena packt einige Dokumente zusammen und Cornelia räumt das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine.

Die Glocke an der Haustür läutet und Annalena öffnet. Vor der Tür steht Henner.

Ihr seid ja ganz eingeschneit, lacht er, nimmt Annalena in die Arme.

Ich habe von meiner Mutter einen Topf Suppe mitgebracht und Kuchen, du sollst anrufen, wenn du etwas brauchst, sie wird morgen am Nachmittag mit dem Vater vorbeikommen. Charlotte möchte dich mit den Kindern nicht belasten, aber sie kann dir alles Notwendige besorgen und dich auch überall hinfahren. Ich komme gleich herein, ich will nur schnell den Gartenweg und draußen den Gehsteig freischaufeln.

Henner Weiss ist Annalenas Arbeitgeber, nur wenig älter als sie. Ihre Urgroßväter Heinrich und Wolf waren Brüder, hatten das Uhrmacher- und Goldschmiedehandwerk erlernt. Nach dem Tod von Annalenas Urgroßvater Wolf und Henners Urgroßvater Heinrich hatte dessen Sohn Joachim später den Familienbetrieb übernommen und alleine weitergeführt. Joachims Cousin Wolfgang, Annalenas Großvater, hatte dort seine Ausbildung ebenfalls abgeschlossen, bevor er als Soldat zur Wehrmacht eingezogen wurde. Der Betrieb blieb bis heute im Besitz der Familie Weiss, auch Annalena hat dort gelernt. Ihre Großmutter Anna und ihre Mutter Lena Maria hatten einen herzlichen, freundschaftlichen Kontakt zu diesem Zweig der Familie, aber die beiden Frauen hatten stets viel Wert auf ihre Unabhängigkeit gelegt und durchaus Grenzen zu ziehen gewusst. Henners Großvater Joachim lebt noch, ein alter Mann von bald neunzig Jahren, bekannt für seine robuste Gesundheit, sein exzellentes Gedächtnis und seine außerordentliche Willenskraft. Die Tochter seines Cousins, Lena Maria, und deren Tochter Annalena hatten ihm immer am Herzen gelegen und Annalena hatte als Kind einmal gehört, wie er im Gespräch mit ihrer Großmutter meinte, wie sehr sie doch dem Wolfgang gleichkäme. Sie war noch zu klein gewesen, um die Bedeutung seiner Worte zu verstehen, aber sie hatte sie nicht vergessen und erst viel später begriffen, dass der alte Mann an ihren Großvater dachte, der seit den letzten Kriegstagen vermisst wurde.

Henner hatte sich nie viel um die verwandtschaftlichen Bindungen gekümmert. Er achtet die Lebensart der Frauen und schätzt Annalena als Mitarbeiterin in seinem Betrieb. Henner ist seit einigen Jahren verheiratet und hat mit seiner Frau Charlotte drei Mädchen im Kleinkindalter, mit denen er die Sonntagnachmittage gerne im Garten von Lena Maria und Annalena verbringt. Lena Maria und Annalena wiederum waren zum Kinderhüten stets willkommen gewesen, ihnen hat das Zusammensein mit den kleinen Mädchen immer viel Freude bereitet.

Als Henner wieder hereinkommt, bietet ihm Cornelia einen Kaffee an. Henner stellt den Suppentopf und den Napfkuchen ab, nimmt in der Küche am Tisch Platz und fragt, was er helfen könne.

Annalena zuckt vage mit den Schultern.

Ich habe einige Wege zu machen. Zum Kirchenchorleiter, nochmals zum Bestatter und dann muss ich verschiedene Kopien anfertigen und für die Post fertigmachen. Du weißt schon, für die Krankenkasse, die Bank, die Versicherungen, das Meldeamt, das Schulamt. Meine Mutter hat alle Adressen auf eine Liste geschrieben. Aber zuerst muss ich jetzt sofort noch einmal hinauf zu den Diakonissen, bevor meine Mutter.

Annalena bricht mitten im Satz ab.

Ich gehe mit, sagen Cornelia und Henner fast im gleichen Atemzug.

Ja, ihr könnt natürlich mitgehen, aber ich muss dort auch noch einen Augenblick allein sein können.

Wir nehmen den Wagen, schlägt Henner vor, und dann können wir uns gleich die anderen Wege vornehmen.

Ach noch etwas, sagt Annalena mit einer etwas unsicheren Stimme, weißt du vielleicht, woher diese Tasse kommt. Ist das vielleicht ein Stück aus einem alten Familienservice, kannst du mir das sagen.

Henner schaut sie und dann die Tasse prüfend und etwas erstaunt an.

Ist das jetzt wichtig. Nein, ein solches Geschirr gibt es bei meinen Eltern nicht. Da müsstest du meinen Großvater fragen.

Danke, sagt Annalena und bereut auch schon, Henner mit dieser eiligen Frage überfallen zu haben. Dann wollen wir uns auf den Weg machen.

Draußen am Gartentor stehen in einem Halbkreis Grablichter im Schnee. Freunde und Bekannte oder auch Nachbarn scheinen bereits vom Tod der Hausbesitzerin erfahren zu haben. In einem gewachsenen Stadtviertel wie hier am Berg gegenüber der eigentlichen Stadt spricht sich vieles schnell herum, es gibt anders als in den modernen Hochbauvierteln Anteilnahme und Ausgrenzung, Neugier und Distanzierung gleichermaßen. Annalena weiß, dass diese Grablichter Ausdruck von gelebter Nachbarschaft und Freundschaft sind. Die kleinen Flammen flackern tröstlich mit ihrem rötlichen Schein inmitten des weißen Schnees. Seitlich auf der Gartenbank sieht Annalena aus den Augenwinkeln die schielende Rabenkrähe, die sich mit einem schnarrenden Gekrächze in die Luft schwingt.

Im Diakoniezentrum telefoniert die Frau in der Eingangshalle bei ihrem Eintreten mit dem Mutterhaus. Es kommt die alte Diakonisse, die sich in den letzten Tagen um ihre Mutter und um Annalena gekümmert hat. Sie nickt den drei jungen Menschen zu.

Wenn ihr bitte mit mir kommen wollt. Der Wagen kommt gegen zehn Uhr, da bleibt euch noch etwas Zeit.

Das Diakoniezentrum besitzt für die Diakonissen des Mutterhauses, für Menschen, die hier im Hospiz versterben, und solche, die dem Diakoniewerk nahestanden, eine eigene Aufbahrungshalle. Es ist ein schlichter weiß gekalkter Raum mit einem bunten Glasfenster und einem Kreuz. An den Seiten stehen einfache Holzsessel. Der Sarg steht vor dem Kreuz, dort haben die Diakonissen lange schmale weiße Kerzen entzündet, deren Lichter im Luftzug aufflackern. Der Sarg ist noch geöffnet.

Ihr könnt auf dem Gang warten, sagt Annalena leise, geht zu ihrer Mutter und nimmt ihre Hand. Dass ein Mensch so kalt sein kann. Das Gesicht der Mutter ist entspannt und fast scheint es, als ob sie lächelt. Du kannst beruhigt gehen, sagt Annalena leise, ich werde schon alles recht machen. Ich danke dir für alles. Wir haben es gut gemacht, wir beiden. Sie streicht der Mutter nochmals über ihre Haare und geht zur Tür. Und wie sie so geht und jeden Schritt als unendlich schmerzhaft empfindet, so, als ob das alles gar nicht geschehen dürfte, wie sie an sich halten muss, um nicht umzukehren, in diesem Augenblick weiß Annalena, dass die Verbindung zu ihrer Mutter nicht abreißen wird, wenn sie das Versprechen einlöst. In dieser kurzen Wegspanne bis zur Tür, bis zum Leben, das dort auf sie wartet und es ihr leichtmachen würde, das gegebene Wort vergessen und nichtig zu machen, begreift sie, dass das Versprechen ein eingefordertes Vermächtnis ihrer Mutter ist, das sie erfüllen muss.

Die Freunde warten in dem weiten Gang auf sie. Annalena geht auf sie zu.

Jetzt zum Bestattungsinstitut und dann zum Chorleiter. Ich bin froh, dass ihr mit mir kommt, mit dem Wagen geht es doch schneller und bei der Kälte ist das Fahren viel angenehmer.

Der Aufenthalt im Bestattungsinstitut dauert nur eine kurze Weile. Der Mitarbeiter wickelt alle noch offenen Fragen professionell ab, es ist sein Beruf und er merkt, dass diese junge Frau klare Vorstellungen und Erwartungen an ihn heranträgt. Das erleichtert seine Arbeit. Sie besprechen kurz den Ablauf der Bestattung. Zunächst der Auferstehungsgottesdienst im Pfarrzentrum ihrer Gemeinde, dann die Überstellung des Sargs zum Friedhof und dort die Bestattung im Familiengrab. Annalena muss sich um die Einzelheiten nicht kümmern. Die Frage nach den Sargträgern überrascht sie, aber sie versichert dem Bestatter, dass sie dafür vier Männer aus dem Umfeld der Mutter finden werde. Henner erklärt sich sofort dazu bereit. Möchtest du den Menschen, die kommen, danach etwas anbieten, fragt Cornelia, als sie das Bestattungsunternehmen verlassen haben. Henner pflichtet ihr bei, dass das so üblich sei.

Meine Mutter hat dazu nichts gesagt und ich habe nicht daran gedacht, meint Annalena. Am besten sorgen wir für viel Kuchen, einfachen Blechkuchen, den kann ich auch noch beim Bäcker bestellen und Kaffee und Tee sind rasch gekauft und alle kommen zu mir. Ich bin am liebsten zu Hause.

Gut, sagt Cornelia, ich bestelle den Kuchen bei eurem Bäcker, er liefert ihn sicher ins Haus, und besorge auch ausreichend zum Trinken. Die Menschen werden nicht lange bleiben, aber sie werden sicher gerne kommen, auch um noch mit dir persönlich sprechen zu können.

Sie halten beim Haus des Chorleiters. Lena Maria war eine beständige Chorsängerin ihrer Pfarrgemeinde, sie sang mit einer sicheren klaren Altstimme. Auch im privaten Kreis wurde immer wieder gerne und oft gesungen. Lena Maria war das Singen und besonders der gemeinsame Chorgesang ein Bedürfnis. Da geht mir das Herz auf und manches wird mit einem Mal so viel leichter, sagte sie oft. Auch im Lehrerchor ihrer Schule hat sie mitgewirkt, erinnert sich Annalena. Sie nimmt sich vor, noch vor dem Mittag mit der Schuldirektion zu telefonieren.

Der Chorleiter, ein Freund der beiden Frauen, heißt Annalena mit ihrer Begleitung willkommen. Mein herzliches Beileid, sagt er. Auch wir werden deine Mutter schmerzlich vermissen, nicht nur ihre Altstimme. Hast du dir schon etwas für die Feier ausgesucht.

Ja, sagt Annalena, die Mutter hat sich die Lieder selbst gewünscht, ihr habt sie im Chor gesungen. Sie nennt von Mendelssohn-Bartholdy aus dem Elias, Psalm einundneunzig, Vers elf, Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir und von Gabriel Fauré die Cantique de Jean Racine.

Ja, dazu brauchen wir noch eine Orgelbegleitung, das ist kein Problem. Die Cantique war ursprünglich ein mittelalterlicher Hymnus, der in den Klöstern zu einer Hore gesungen wurde. Und auch das erste Stück ist eine wunderbare Engelsmusik, sagt der Chorleiter.

Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest, beginnt er, leise zu singen.

Die Wahl deiner Mutter ist sehr schlicht und bewegend, mit einem großen Versprechen. Der Chor möchte sich auf dem Friedhof noch ganz persönlich von Lena Maria verabschieden, wir würden gerne gemeinsam eines ihrer Lieblingslieder singen.

An welches denkst du, fragt Annalena überrascht.

Es ist ein Brahms-Lied, Und gehst du über den Kirchhof.

Das kenne ich nicht, aber wenn du es so sagst und meiner Mutter würde es gewiss Freude bereiten. Es ist mir recht, ich danke euch. Und dann möchte ich dich noch etwas fragen. Es müsste noch jemand helfen, den Sarg zu tragen, über den Friedhof. Könntest du helfen, bitte.

Ja, das mache ich gerne und ich weiß, dass ich für dieses Amt auch einen Presbyter bitten kann. Deine Mutter wurde von allen in der Gemeinde sehr geschätzt.

Ich danke euch. Und nachher, wenn ihr möchtet, ihr kommt doch noch auf einen Kaffee. Wir werden bei mir zu Hause noch ein wenig sitzen.

Ja, da wird wohl Zeit sein. Danke, Annalena, dann bis Montag.

Auch Henner verabschiedet sich. Du rufst mich an, wenn noch etwas zu tun ist. Versuche, ein wenig zu schlafen. Meine Eltern werden morgen am Nachmittag zu dir kommen. Erwartest du sonst noch Besuch, vielleicht von auswärts.

Nein, vielleicht kommen noch Besucher in den nächsten Tagen, aber noch nicht heute.

Und noch etwas. Du kannst jetzt noch ein paar Tage Urlaub nehmen. Vielleicht schaust du nächste Woche einmal im Geschäft vorbei. Es ergeben sich personelle Änderungen, das möchte ich gerne in Ruhe mit dir besprechen. Du könntest dann am 21. Januar wieder mit der Arbeit beginnen.

Ja, der 21. Januar, Fabian, Sebastian.

Fabian, Sebastian, Henner schaut sie fragend an.

Fabian, Sebastian, lass den Saft in die Bäume gahn.

Das habe ich noch nie gehört.

Ist nicht weiter wichtig. Es ist ein Lostag, da beginnen die Bäume, aus der Winterruhe zu erwachen.

Ach, du, aber es wird schon etwas Wahres daran sein, lacht Henner und nimmt Annalena in die Arme.

Annalena ruft die private Telefonnummer der Schuldirektorin an. Die Mutter hat an dem Gymnasium mehr als drei Jahrzehnte lang unterrichtet, aber im letzten halben Jahr konnte sie wegen der Schwere ihrer Krankheit ihren Unterrichtsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Viele ihrer Freundinnen und ihrer Bekannten sind Lehrer. Die Direktorin hat die Todesanzeige bereits erhalten. Annalena bittet sie, einen der Kollegen zu ersuchen, den Sarg über den Friedhof zu tragen. Das Lehrerkollegium wird selbstverständlich zum Begräbnis kommen, ich gebe allen noch heute Bescheid, meint sie und verspricht, sich um Annalenas Bitte zu kümmern.

Cornelia wird noch Kopien anfertigen und die Post für die verschiedenen Ämter aufgeben, die Adressenliste hat sie vorsorglich mitgenommen. Annalena will nach Hause, allein sein. Der morgige Verwandtenbesuch wird sie anstrengen, das weiß sie schon im Voraus. Sie muss noch mehr Klarheit gewinnen, bevor sie mit anderen Menschen über ihr Anliegen sprechen kann. Und wann soll sie den Brief öffnen, den sie gestern auf dem Tisch in Mutters Zimmer gesehen hat. Sie braucht einfach noch etwas Zeit zum Nachdenken. Sie muss sich auch noch mit Cornelia besprechen. Ihre Mutter hatte so klare Vorstellungen über ihr Leben in diesem Haus nach ihrem Tod, aber Annalena muss diese erst zu ihren eigenen umdenken, sich damit auseinandersetzen, was sein kann und was nicht sein darf. Die Mutter hat immer wieder davon gesprochen, aber sie als Tochter wollte nicht zuhören, hat auch oft nicht achtgegeben, ließ die Mutter reden, weil sie den Schmerz nicht ertragen konnte.

Ich werde den Brief erst lesen, wenn ich Ruhe habe, und dann entscheiden.

Annalena öffnet das Herbarium auf dem Tisch im Wohnzimmer. Es ist sehr still im Haus, nur das Ticken der Standuhr ist zu hören. Sie wickelt die Alpenblumen behutsam aus dem Seidenpapier und legt sie neben das Buch. Wie ein verhuschter blasser Gruß des Sommers erscheinen ihr die gepressten Blumen jetzt im Dunkel des Winters. Aber ist nicht das Weiß die Summe aller Farben, denkt sie und blättert die Seiten um, bis sie zu den Schusternagelen kommt. Hier hat eine andere Hand zwei lose gefaltete Blätter eingelegt. Annalena entfaltet das erste, es ist ein Computerausdruck mit Angaben über Wollgras, Frühlingsenzian und Speik, die Mutter scheint sich darüber bereits früher Gedanken gemacht zu haben.

Alpen-Wollgras, Eriophorum scheuchzeri. Das Alpen-Wollgras trägt mit seinen weit bis in das Wasser vordringenden langen Ausläufern wesentlich zur Verlandung alpiner Gewässer bei und ist eine Charakterpflanze alpiner Hochmoore. Wollgras kommt in Höhenlagen von 1.500 bis 2.000 Metern in den subalpinen bis alpinen Höhenstufen vor und erreicht Wuchshöhen von 10 bis zu 40 Zentimetern. Die Blütezeit im Gebirge ist in den Sommermonaten Juni bis September. Die Wolle des Wollgrases wurde früher als Wundwatte in der Volksmedizin verwendet, außerdem zum Füllen von Kissen, wurde auch zu Lampendochten gedreht und bevorzugt Frauen und Mägden zugeordnet. Der Volksglauben im alpinen Raum bringt die Pflanze mit den Saligen Frauen in enge Verbindung.

Echter Speik, Valeriana celtica. Der Echte Speik gehört zur Familie der Baldriangewächse. Der Name geht auf die alte Benennung spica celtica, keltischer Speik, zurück. Sie erreicht eine Wuchshöhe von nur wenigen Zentimetern und verbreitet einen intensiven Baldriangeruch. Die Blütezeit ist von Juni bis August. Die Pflanze gedeiht in Höhenlagen ab 1.800 Metern. Eine spezielle Heilwirkung ist nicht bekannt, doch wird der Speik wegen seines intensiven Geruches für Seife und Bäder verwendet. Er wurde seit dem Altertum auf Handelswegen in den Süden gebracht und gehört noch heute zum traditionellen Räucherwerk während der Raunächte zum Schutz vor der Wilden Jagd.

Frühlings-Enzian, Gentiana verna. Der Frühlings-Enzian, auch Schusternagel, Himmelsblau oder Herrgottslicht genannt, ist eine der kleinsten Enzianarten mit einer Wuchshöhe von wenigen Zentimetern. Die fünf tief azurblauen, tellerförmigen Kronblätter sind eirund. Die Grundblätter bilden eine Rosette. Die Blütezeit liegt zwischen März und August. Auf sonnigen mageren Alpenwiesen ist der Frühlings-Enzian weit verbreitet. Die Blume trägt im Volksmund auch den Namen Wetter- oder Blitznagele. Vielerorts war man überzeugt, dass, wer diese Blume ins Haus trägt, damit verursache, dass der Blitz dort einschlüge. Man war auch überzeugt, dass jemand sterbe, wenn man die Pflanze abpflücke.

Das zweite Blatt ist eng von einer ihr fremden Hand in Kurrentschrift beschrieben.

Die Saligen Fräulein am Wildenkogel.

Unter den zauberischen Gestalten, die in den Bergen Tirols beheimatet sind, nehmen die Saligen oder Seligen Fräulein, auch Wald- oder Bergfrauen geheißen, die erste Stelle ein. Die Saligen Fräulein wohnen zuhöchst im Gebirge, wo sich im Innern der Berge unter Felsen und Gletschern ein herrliches Reich erstreckt. Nur selten vergönnen sie dem Sterblichen, ihren geheimnisvollen Aufenthaltsort zu betreten. Wen sie aber für würdig erachten, ihr Gesicht zu schauen, dem erweisen sie Liebe und Huld. Doch wehe dem Menschen, der darüber nicht Stillschweigen bewahrt, der Zorn der verratenen Bergfrauen ergießt sich über den unvorsichtigen Schwätzer, ihre Strafe wird ihn ereilen. Oben am Löbbenboden im hintersten Tauerntal tanzen sie über dem Wollgras und singen ihre Lieder. Jeder Mensch, der die Weisen hört, fühlt sich dort hingezogen und ist für unsere Welt für immer verloren und bleibt am Wildenkogel. Die Saligen sind aber nicht böse, sie nehmen die Menschen im Gebirge, die zu ihnen kommen, in ihren Schutz und sorgen für ihr weiteres Wohlergehen. In den Nischen und Höhlungen der Schrofen, die sich ober dem Löbbensee senkrecht erheben, hielten sich ehedem Salige Fräulein auf, und noch heute nennt man die Stelle den Hexenboden, wo ihr Schloss gestanden haben soll. Man sah die Fräulein öfters kochen, aber auch tanzen und springen, und dann konnte man gewöhnlich auch lieblichen Gesang und schöne Musik vernehmen. Nicht selten gesellten sie sich zu den Hirten und waren überhaupt gegen die Leute wohlgesinnt. Einmal schenkte ein solches Fräulein einer Mattinger Magd für einen erwiesenen Dienst ein Sträußlein gepresster Blumen von den oberen Matten, Schusternagelen, Speik und Wollgras. Das solle sie gut aufbewahren, so sei sie auch unten im Tal von den Guten Saligen Fräulein beschützt und würde Glück genug haben. Aber sonst dürfe sie nichts mitnehmen von den Höhen, es würde ihr sonst grausam genommen werden, wenn sie dorthin zurückkehren würde. Die Magd stieg ein Stück von den eisigen Höhen hinunter und traf ihren Liebsten, der sie schmerzlich vermisst und in den Schrofen gesucht hatte. Solange die Frau das Wort der Saligen beachtete, war ihr das Glück stets hold und sie freute sich an ihrem Manne und ihrem Kind. Als sie aber nach Jahr und Tag doch wieder einmal den Weg in die steinerne Felsenwelt am Löbbenboden beschritt, hatte sie sich ihr Glück und bald auch ihr Leben verscherzt und musste den Saligen in deren eisige Höhen folgen.

Darunter kein Datum, kein Hinweis auf den Verfasser oder den Originaltext. Die Großmutter, jene fremde Tante Marlene oder die Urgroßmutter mussten den Text geschrieben haben. Annalena faltet die Blätter zusammen und legt sie in das Herbarium zurück. Was sind das nur für Hirngespinste, denkt sie und erschrickt, als die Hausglocke läutet.

Sie dreht am Lichtschalter in der Diele und öffnet die Tür. Vor ihr steht Monika mit einem Strauß weißer Rosen im Arm. Hallo, Annalena, darf ich hereinkommen.

Annalena ist überrascht. Weißt du es schon.

Ja, einige Kunden haben schon Kränze und Blumen für deine Mutter bestellt, da konnte ich doch nicht warten.

Monika umarmt Annalena noch in der offenen Haustür.

Warum hast du nicht telefoniert, vielleicht kannst du Hilfe brauchen. Du siehst erschöpft aus.

Danke, Moni, aber Cornelia ist da und Henner hat mir auch geholfen, heute in der Früh und am liebsten bin ich ganz für mich. Aber komm doch herein, es ist ja schon dunkel und immer noch sehr kalt.

Monika geht in die Küche. Das Haus ist ihr wohlvertraut. Sie und Annalena sind Schulfreundinnen in der Volksschulzeit gewesen, sie wohnen nicht weit voneinander entfernt. Monika Henkel ist Gärtnerin und Floristin, sie lebt zu Hause bei ihren Eltern und jüngeren Geschwistern. Vor nicht allzu langer Zeit hat sie einen Blumenladen einige Straßen weiter eröffnet und betreibt einen mobilen Gartendienst vor allem für die alten Menschen in ihrem Viertel, die die Garten- und Balkonarbeit oder auch die Grabpflege nicht mehr allein bewerkstelligen können.

Setz dich doch. Zieh deinen Mantel aus. Ich mache uns etwas zu essen, sagt Annalena, während sie die Rosen in eine Vase gibt. Es ist gut, dass du gekommen bist. Das viele Grübeln macht die Welt nicht heller.

Monika hat einen guten Appetit und auch Annalena greift zu.

Cornelia muss auch bald kommen, sie schläft einige Tage hier, bis die Schule wiederbeginnt.

Kann ich dir die Blumen für den Friedhof liefern, fragt Monika beinahe schüchtern.

Ja, wenn ich dich nicht so gut kennen würde, müsste ich denken, du bist fast zu geschäftstüchtig, lacht Annalena. Aber sicher, das habe ich noch nicht bedacht. Ich bestelle dreißig weiße Rosen. Im Winter wird es da nicht viel Auswahl geben. Und Rosen hat meine Mutter gerne gemocht.

Gut, ich bringe sie am Montag zum Friedhof, vor dem Gottesdienst.

Und wenn alles vorbei ist, kommst du bitte auf einen Kaffee mit hierher, da freue ich mich. Und nächste Woche müssen wir uns zusammensetzen, ich muss mit dir und Cornelia etwas besprechen, aber das hat noch Zeit.

So, fragt Monika neugierig, aber du wirst noch nichts verraten, wie ich dich kenne.

Die Frauen leeren das Bier, das Annalena zusammen mit Brot und Hartkäse auf den Tisch gestellt hat. Annalena begleitet die Freundin bis an die Gartentüre. Die Grablichter spenden einen rötlichen Lichtschimmer im abendlichen Gartendunkel.

Das sieht schön aus.

Ja, sagt Annalena leise und ich spüre auch, wie Mutter sich darüber freut.

Monika umarmt sie kurz.

Dann bis Montag, Annalena. Du hast meine Mobilnummer, ich bin immer für dich da.

Ja, weiß ich doch. Gute Nacht und danke.

Sie kehrt um und will zum Haus gehen, da hört sie die Gartentüre knarren. Es ist Cornelia.

Fein, dass du da bist. Moni war hier, sie ist gerade gegangen.

Cornelia reibt sich die Hände. Ja, wir sind uns noch begegnet. So eine Kälte. Ich habe alles getan, wie wir es abgesprochen hatten.

Dann bekommst du ein Bier und ein Abendbrot und ich werde sehr früh schlafen gehen.

Im Schlaf ist Annalena wieder ein kleines Kind. Sie steht auf einer Blumenwiese und rings umher sind hohe Berge mit Schnee bedeckt. Der Himmel ist von einem tiefen Blau. Von den Bergen stürzt ein Wasserfall in die Tiefe. Er sieht aus wie wallendes graues Frauenhaar. Die Großmutter ist schon weit hinauf gegangen und ruft ihr zu, sie solle auf die Blumen aufpassen. Ihre Stimme ist ganz klar und frisch. In der Luft ist ein Summen. Frauen in weißen Kleidern tanzen über der Wiese, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren. Sie halten sich an den Händen und schauen freundlich. Die Mutter legt eine Hand an ihre Wange und flüstert, sie brauche keine Angst zu haben. Ihre Stimme ist leise, wie von weit her, und das Kind legt sich in die Wiese, zu Wollgras, Speik und Schusternagelen und schläft ein. Im Einschlafen sieht es von den Bergen einen Mann auf die Großmutter zukommen. Auch die Mutter steht auf und geht über die Wiese davon, mit leichten Schritten und die Frauen in den weißen Kleidern summen und schauen freundlich.

Am nächsten Tag gehen die beiden jungen Frauen die Flussauen entlang. Der Nebel liegt noch über dem Wasser und Krähen erfüllen mit ihrem Geschrei die kalte Luft. Der Himmel sieht aus wie zerknitterte grauschimmernde Seide. Sie gehen, ohne viel zu reden, bis über den Mittag hinaus, zunächst den Fluss entlang, dann über die Bergrücken durch die Wälder zurück. Cornelia macht noch einen Gang in die Stadt, Annalena wartet auf den Besuch von Onkel und Tante. Sie bringt Futter zum Vogelhaus und macht in der Küche Ordnung.

Onkel Jochen und Tante Sabine sind die Eltern von Henner. Die Tante ist stets neugierig, doch gutmütig, der Onkel eher wortkarg und nachdenklich. Die Tante fällt beinahe mit der Türe in die Diele hinein, während der Onkel sich zunächst prüfend im Garten umsieht.

Annalena bittet die beiden, im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Sie bietet Kaffee und Tee an und holt den Kuchen der Tante. Das bedenkt diese mit offensichtlichem Wohlgefallen.

Ja, mein Kind, sagt der Onkel, wie soll es nun weitergehen.

Annalena hat sich vor Fragen wie dieser gefürchtet. Sie muss ihre weiteren Entscheidungen selbst treffen und darf sich nicht beeinflussen lassen, auch die es gut meinenden beiden können ihr dabei nicht helfen. Sie versucht, dem Weg des Gesprächs eine andere Richtung zu geben, und bittet den Onkel, ihr von der Familie des Großvaters zu erzählen. Weißt du, wendet sie sich an ihn, ich weiß fast gar nichts, die Großmutter hat eigentlich nie über ihn gesprochen, aber ich weiß, dass meine Mutter viel darüber nachgedacht hat, was damals im Krieg passiert ist. Und auch von Tante Marlene, die hier so lange gewohnt hat, habe ich kaum etwas erfahren. Du musst sie doch gekannt haben.

Ja, beginnt der Onkel langsam. Ich selbst bin wenige Jahre älter als deine Mutter, deinen Großvater habe ich nicht mehr bewusst kennengelernt. Da musst du meinen Vater, seinen Cousin, erzählen lassen. Deine Großmutter Anna kam aus Krefeld, dort fielen 1943 die Bomben und ihr Elternhaus ist zerstört worden, ihre ganze Familie ist damals ums Leben gekommen. Sie selbst war schon in einem Diakoniekrankenhaus in Ausbildung und ist dann 1943 hierhergekommen und hat in einem Behelfslazarett bei den Diakonissen eine Anstellung als Krankenschwester gefunden. Eine ganz feine stille junge Frau war die Anna und der Wolfgang, das war dein Großvater und mein Onkel, hat sich sofort für sie entschieden, der war ja noch sehr jung, trotzdem. Sie hatten, glaube ich, viele gemeinsame Neigungen, ja, so kann man wohl sagen. Das war mehr als ein gemeinsames Interesse an diesem oder jenem. Aber da musst du meinen Vater fragen.

Und die Tante Marlene, Onkel Jochen.

Ja, die hast du nicht mehr kennengelernt, mischt sich die Tante ein. Die war auch so zurückgezogen, immer draußen im Garten, die war fleißig und sparsam, aber so richtig fröhlich konnte die nie sein.

Tante Marlene, meint der Onkel bedächtig, war eine gute Seele, für alle da. Sie war Handarbeits- und Zeichenlehrerin und hat viel dafür getan, dass deine Großmutter Anna mit dem Säugling, also deiner Mutter, hier eine Bleibe finden konnte. In den Jahren nach dem Krieg hat sie noch dazu Flüchtlinge in diesem Haus aufgenommen oder aufnehmen müssen. Das Leben in diesem Haus war damals noch wesentlich beengter. Die Tante Marlene hat deine Mutter, ihre Nichte, geliebt wie ihr eigenes Kind. Ich glaube, sie hat im Krieg ihren Verlobten verloren, das hat sie nie überwunden, so hat man sich früher erzählt. Aber das ist schon lange her. Die Erinnerung kann auch ein Gefängnis sein.

Aber dann ist sie selbst so früh gestorben und so merkwürdig, das war eine entsetzliche Zeit, wirft seine Frau ein.

Wieso entsetzlich, erkundigt sich Annalena.

Ja, die Tante Marlene ist doch im Sommer 1965 nach Österreich in die Berge gefahren, Wanderferien hat sie das genannt, ganz allein und nur mit einem Rucksack als Gepäck und niemand hat gewusst, wohin genau sie mit dem Zug gefahren ist. Am Anfang hat der Vater, also Joachim, der Vater von Jochen, noch eine Postkarte bekommen, aus Innsbruck, deine Großmutter bekam eine Karte aus Lienz, und dann kein Lebenszeichen mehr. Nichts. Gar nichts mehr. Sie hat sich in Luft aufgelöst, bricht es aus der Tante hervor.

Na, na, Sabine, wiegelt der Onkel ab, du tust der Annalena nichts Gutes mit den alten Geschichten. Die Tante Marlene muss einen Unfall gehabt haben, damals gab es ja kaum Möglichkeiten, in Österreich nachzuforschen. Das war in ganz Europa so ein Katastrophensommer mit verheerenden Unwettern, mit vielen Toten, Überschwemmungen und Murenabgängen. Da gab es wochenlang keine Telefonverbindungen in dieses abgelegene Tal und die Straßen- und Bahnverbindungen waren unterbrochen. Wir hätten auch gar nicht gewusst, wo wir anfragen hätten sollen. Im darauffolgenden Sommer kam es in den Osttiroler Bergen wieder zu Überschwemmungen und Vermurungen, da konnte von uns auch niemand hinfahren, ohne sich selbst zu gefährden. Deine Großmutter hat es strikt abgelehnt, nach Osttirol zu fahren und selbst Nachforschungen anzustellen, vielleicht wollte sie deine Mutter nicht allein hier zurücklassen, ich weiß es nicht. Sie hat die Tante als vermisst melden müssen und später, nach einigen Jahren ist sie für tot erklärt worden. Das war tragisch.

Und dann, hebt die Tante an, aber der Onkel schneidet ihr das Wort ab.

Jetzt ist es genug. Annalena will das sicher nicht hören. Mein Vater Joachim war der Cousin von deinem Großvater, unsere Großväter, also Wolf und Heinrich, waren Brüder und uns alle hat außerdem das Handwerk und unser Betrieb verbunden. Das weißt du doch, Annalena, wie sehr wir alle daran hängen. Und Henner macht das sehr gut und wenn er dich nicht hätte, würde es nicht so gut laufen, unser Geschäft. Du hast eine gute Hand für die Goldschmiedearbeit, glaub mir das. Und auch, wie ich mich freue, wenn du uns erhalten bleibst.

Danke, sagt Annalena. Ihr schwirrt das Gehörte im Kopf herum. Fremdes, nie Erfahrenes mischt sich mit erinnerten Gesprächen zwischen der Mutter und der Großmutter, heimlich oder zufällig nebenbei erlauscht.

Der Onkel und die Tante verabschieden sich. Wenn wir noch etwas tun können, meint die Tante, und wie willst du denn das alles alleine schaffen. Und noch eins, unsere Bettina sucht ein Zimmer in der Stadt, sie will in Ruhe studieren können, sagt sie. Vielleicht kannst du dich ein wenig umhören.

Nun lass doch das Kind, meint der Onkel, das hat jetzt anderes im Kopf.

Danke, ich danke euch, dass ihr gekommen seid. Bitte kommt auch am Montag danach zum Kaffee hierher. Darüber würde sich die Mutter auch sehr freuen.