Wildhexe - Blutsschwester - Lene Kaaberbøl - E-Book

Wildhexe - Blutsschwester E-Book

Lene Kaaberbol

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7,99 €

Beschreibung

Claras 13. Geburtstag steht bevor. Ein wichtiges Datum im Leben einer Wildhexe, das mit einer gefährlichen Prüfung verbunden ist. Den Tag verbringt Clara mit ihren Eltern und Freunden bei Tante Isa, die sich mit wilden Dingen auskennt. Doch die Hexen-Prüfung wird nachts gestellt. Alle sind bereits auf der Heimreise, da stürzt plötzlich ein Baum auf das Auto und sämtliche Tiere des Waldes umzingeln Clara – sie muss jetzt handeln. In ihrem 4. Abenteuer muss die Wildhexe Clara beweisen, dass sie nicht nur der wilden Welt helfen kann. Auch ihre Freunde sind in Gefahr.

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Seitenzahl: 196

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Lene Kaaberbøl

WILDHEXE

Blutsschwester

Aus dem Dänischenvon Gabriele Haefs

Carl Hanser Verlag

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

Vildheks – Blodsungen im Alvilda Verlag, Kopenhagen.

Published by agreement with Lars Ringhof Agency ApS, Copenhagen.

ISBN 978-3-446-24839-7

© Lene Kaaberbøl 2012

Alle Rechte der deutschen Ausgabe:

© Carl Hanser Verlag München 2015

Umschlagmotiv: Bente Schlick

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele andere Informationen

finden Sie unter www.hanser-literaturverlage.de

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Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

WILDHEXE

1 DAS LEBEN EINER DREIZEHNJÄHRIGEN

Seit vierhundert Jahren wartete sie. Seit vierhundert Jahren starrte sie durch eine durchsichtige Masse aus geschmolzenem Stein nach oben. Seit vierhundert Jahren waren ihr Körper, ihr Gemüt und ihr Wesen gefangen. Ihre Feinde hielten dies hier bestimmt für ihr Grab, aber sie war nicht tot. Sie konnte sich Leben aneignen, sogar hier – ab und zu kamen lebende Wesen vorbei, und sie packte sie ohne Gnade, denn Gnade und Barmherzigkeit waren Rücksichten, die sie längst aufgegeben hatte. Was sie am Leben hielt, war die Wut.

Denn sie spürte es ja. Sie wusste, was dort draußen passierte. Ihr Wildsinn schrie und krümmte sich dabei vor Schmerzen.

Was bildeten sie sich eigentlich ein – diese vielen gierigen kleinen Menschen mit ihren Straßen, ihren Häusern, ihren … wie nannten sie das noch: Leitungen. Kabeln. Entwässerungsrohren. Brücken. Autobahnen. Eisenbahnschienen. Sie schnitten sich durch die Wilde Welt wie tiefe blutende Wunden, sie zerrissen das feine Netz der Wilden Wege, sie zerstörten und töteten. Entlang all ihrer Straßen stank es nach den verstümmelten Tieren, nach Tod. Wälder und Moore verschwanden. Wo tausend Jahre lang die Wildkraft gelebt, geatmet und geherrscht hatte, war jetzt alles kahl und stumm, und nur der Krach und der Lärm ihrer gottlosen Maschinen waren noch zu hören. Eisen. Eisen überall. Bald würde es vorbei sein – bald würde nicht einmal die mächtigste Wildhexe die zerrissenen Bänder noch heilen können.

Aber noch … noch wäre es möglich, wenn sie nur freikommen könnte.

Die Wut war nicht das Einzige, was in ihr brannte. Sie verspürte … nein, Ungeduld war ein zu schwaches Wort. Es beschrieb bei Weitem nicht das Feuer, das für jede ungenutzte Sekunde in ihrem Inneren brannte und ätzte, für jede Stunde, die verging, ohne dass sie ihrem Ziel nähergekommen wäre. Es eilte. Es war keine Zeit mehr. Keine Zeit mehr, zu überlegen und abzuwägen, keine Zeit, um Rücksicht zu nehmen oder sich um irgendetwas anderes zu kümmern als um das Eine: die Macht der Gierigen und Dummen zu brechen, ihre Todesnetze zu zerfetzen und die Wilde Welt zu BEFREIEN!

Das würde alles erfordern. Alles, was sie hatte, alle Macht, die sie durch Verlockungen, Qualen, Drohungen oder Forderungen würde an sich reißen können. Begierig wägte sie ihre Kräfte ab und verzweifelte an ihren Schwächen. Das Gewicht der Steine, die bedächtige grüne Kraft der Pflanzen, die Milde der Luft, die weiche Macht des Wassers, das warme und tiefe Leben der Erde … das alles war nicht genug. Sie brauchte Blut. Nichts anderes würde diesen fast verlorenen Kampf gewinnen können. Nichts anderes hatte Bedeutung – und schon gar nicht … die Wut loderte noch heftiger in ihr auf, wenn sie daran dachte … schon gar nicht das missverstandene Leben einer törichten Dreizehnjährigen.

Blut könnte ihr Gefängnis öffnen. Blut könnte ihr den Sieg sichern.

Und dann passierte es: Ein Tropfen fiel. Und noch einer. Ein dritter und dann ein vierter.

Mehr, schrie sie stumm. Gebt mir noch einen Tropfen!

Sie glaubte, den Tropfen zögernd in der Luft hängen zu sehen. Als ob er gegen die Schwerkraft kämpfte und nicht fallen wollte. Aber er fiel. Und fiel. Und traf.

JAAAAAAAaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhh …

Sie schrie triumphierend, aber noch immer stumm. Ihre Lippen waren weiterhin erstarrt, sie war weiterhin gefangen wie ein Insekt, das vor tausend Jahren von einem Tropfen Harz getroffen und in Bernstein eingeschlossen worden war. Aber nicht mehr lange. Sie spannte ihre Kräfte bis zum Äußersten an, sie rief alles Wilde herbei, das sie in sich hatte. Jetzt. Jetzt. JETZT!

Die Steinmasse warf Risse. Die Risse breiteten sich aus. Und mit brüllender Wildkraft streckte sie einen Leib, der vierhundert Jahre lang gekrümmt gewesen war, und sprengte ihr Gefängnis in Stücke. Erstarrte Steinmassen begannen zu kochen und wurden wieder flüssig, sie schossen hoch, explodierten, und glühend heiße, glasige Tropfen stoben in Kaskaden nach allen Seiten auseinander und trafen zischend auf die Höhlenwände.

Die gierigen kleinen Menschen ahnten nicht, was sie erwartete. Sie hatten bestimmt noch nie von Bravita Blutsschwester gehört. Aber sie würden von ihr hören …

Ich fuhr so ruckartig hoch, dass ich mit dem Kopf gegen die Bettlampe knallte. Mein Herz machte Sprünge und raste wie ein Hürdenläufer, der aufzuholen versucht, bang-bang-SPRUNG, bang-bang-SPRUNG, und ich schaute mich verzweifelt um, als ob ich jeden Moment damit rechnete, dass Bravita Blutsschwester mit ausgefahrenen Krallen und blutrünstig flammenden Augen vor dem Bett stehen würde. Das tat sie nicht. Im Raum war es still und dunkel, abgesehen von dem Streifen Mondlicht, der durch das kleine runde Mansardenfenster fiel. Auf einer Matratze neben dem Bett lag mein bester Freund Oscar und schlief so tief, dass man fast die Comic-Sprechblase über seinem Kopf hängen sehen konnte – »Zsss«. Er hatte jedenfalls keine Albträume.

Ruhig, ermahnte ich mein springendes Herz, es ist doch gar nichts los…

Aber ich brauchte lange, bis ich wieder normal atmen konnte, und noch länger, um mich von dem Gefühl zu befreien, dass mir das Herz aus dem Leib springen wollte. Es wäre nicht das erste Mal, dass meine Träume etwas zu viel mit der Wirklichkeit zu tun hätten, und selbst wenn zwischen den Stapeln aus Vogelbüchern und ramponierten alten Nistkästen keine vierhundert Jahre alte Wildhexe auf der Lauer lag, bedeutete das noch lange nicht – so sah mein Herz das jedenfalls –, dass hier Friede, Freude, Eierkuchen angesagt wären.

Aber selbst wenn mein Traum einen Hauch von Wirklichkeit beinhaltet haben sollte – und es war ein großes Wenn, denn zum Glück waren meine Träume meistens ganz normal unwirklich und absurd –, dann war es ja nicht mein Leben, auf das Bravita es abgesehen hatte. Ihr ging es um irgendeine bedauernswerte Dreizehnjährige, und ich war doch erst …

Meine Gedanken kamen jäh zum Stillstand. Ich sah auf den altmodischen ticktackenden Wecker auf dem Nachttisch.

Die leuchtenden phosphorgrünen Zeiger standen beide fast senkrecht nach oben. Es war fünf Minuten nach zwölf, und es war der letzte Tag des Monats März.

Heute wurde ich dreizehn.

2 EIN FAUCHEN IN DER DUNKELHEIT

Ich konnte nicht wieder einschlafen. Ich schwebte nur an der Oberfläche des Schlafs, und es gelang mir nicht, tiefer hineinzutauchen, oder ich wagte es nicht. Immer, wenn ich ganz kurz davor war, fing mein Herz wieder mit diesem Hürdenlauf an, und keiner meiner Versuche, es zu beruhigen, half.

Hör jetzt auf. Das war doch bloß ein Traum, sagte ich mir.

Bang-bang-SPRUNG. Bang-bang-SPRUNG.

Sie ist doch gar nicht hier. Sie war auch nie hier. Sie ist seit vierhundert Jahren nicht mehr gesehen worden, und es ist einfach Unsinn, sich vorzustellen, dass sie zurückkehren könnte, nur um deinen dreizehnten Geburtstag zu ruinieren …

Bang-bang-SPRUNG. Bang-bang-SPRUNG.

Schwachsinniges Herz.

Schließlich stand ich auf. Ich machte kein Licht, denn es gab ja keinen Grund, Oscar zu wecken. Vorsichtig stieg ich über die Decke hinweg, die seine Beine bedeckte – fast jedenfalls, denn drei oder vier nicht ganz saubere Zehen ragten unter dem gestreiften Bettbezug hervor. Es war so schwachsinnig, gerade heute Nacht Albträume zu bekommen, wo doch im Moment alles prima war – wir waren bei meiner Tante Isa, und zwar Oscar und ich und Mama und Papa (das allein war schon ein Wunder). Tagsüber würden Kahla und ihr Vater kommen, außerdem Frau Pomeranze, die Nachbarin meiner Tante, die ebenfalls eine Wildhexe war und mir vor einigen Wochen so geholfen hatte, als alles wirklich in einer Katastrophe zu enden drohte. Und Shanaia hatte ihre neue Wildfreundin, den Turmfalken Kitti, mit der Nachricht geschickt, dass auch sie kommen würde. Meine Freundin Nichts war da. Kater war gerade zu einem seiner Katerabenteuer unterwegs, hatte aber versprochen, zum Frühstück wieder hier zu sein, und Tumpe lag bestimmt unten im Wohnzimmer in seinem Korb und schnarchte auf Hundeart. Ich durfte genau so Geburtstag feiern, wie ich es mir gewünscht hatte, mit allen Menschen und Tieren, die ich dabeihaben wollte. Ich hatte mich so darauf gefreut! Es war wirklich schwachsinnig – schwachsinnig! –, sich dermaßen über einen blöden Traum aufzuregen.

Ich steckte meine Füße in die alten Wollsocken, die ich bei Tante Isa als Pantoffeln benutzte. Tante Isa hatte unter jede Socke eine Filzsohle genäht, damit die Kälte nicht von unten hindurchdrang. Mit Schlaf-T-Shirt, nackten Beinen und Wollsockenschuhen schlich ich mich leise die Treppe hinunter und in die Küche. Es war inzwischen Viertel nach vier, wie ich auf der Uhr über dem Küchentisch sehen konnte.

Ich öffnete den Schrank, in dem Tante Isas Kräuterteevorrat stand. Viele Sorten tranken wir nur, weil sie gut schmeckten, aber einige hatten auch noch andere Eigenschaften. Vielleicht würden sie sogar ein Hürdenläuferherz beruhigen können. Ich hatte noch längst nicht den Überblick über Tante Isas Unmengen von Kräuterheilmitteln, aber etwas hatte ich ja doch schon gelernt. Wenn ich nur wüsste, wo … Ich musterte die sorgfältigen Aufschriften auf Dosen und Gläsern, bis ich das Gesuchte entdeckt hatte.

Kamille und Baldrian.

Ich zündete den Gasherd an und stellte den Kessel darauf. Tante Isa benutzte oft den Holzofen im Wohnzimmer, aber ich fand es schön, einen Knopf zu haben, auf den ich einfach drücken konnte. Die Glasflammen flackerten blau und orange und leckten am Boden des Kessels, und schon bald fing das Wasser darin an zu kochen. Ich nahm einen Teebecher von einem der Haken am Fenster, und als ich mich gerade wieder umdrehen wollte, sah ich etwas.

Draußen in der Dunkelheit. Ein Funkeln, ein Funkeln von leuchtenden Augen mit senkrechten Katzenpupillen.

»Kater?«, flüsterte ich.

Aber es war nicht Kater, das war mir klar, sowie ich seinen Namen ausgesprochen hatte. Draußen war ein gedämpftes singendes Fauchen zu hören, es klang fast so, wie wenn zwei Hinterhofkater einander herausfordern, nur auf irgendeine Weise … größer.

Ich stand ganz still da und lauschte. Das Wasser brodelte jetzt, aber der Kamillentee musste noch einen Moment warten. War das wohl irgendeine Wildkatze, die Hilfe brauchte?

Ich starrte in die Dunkelheit hinaus, aber ich konnte nur mein eigenes Spiegelbild erkennen. Die goldenen Augen, die ich gesehen hatte, waren verschwunden, aber der Katzenjammerton war noch immer zu hören. Das Tier – was immer es sein mochte – war noch da.

Wenn ich das Fenster öffnete, würde ich besser sehen und hören können. Ich legte die Haken um und schob das Fenster auf. Die kühle, nach Regen duftende Frühlingsnachtluft kam mir entgegen. Ich beugte mich über den Küchentisch und versuchte, in der Dunkelheit dort draußen etwas zu erkennen.

In diesem Moment kam ein stummer graubrauner Schatten auf mich zugeschwebt, ein goldener Schnabel, ausgestreckte hellbraune Beine und graue Krallen. Ich konnte gerade noch den Arm heben, um die große Eule dort landen zu lassen.

»Tu-Tu!«

Tante Isas Wildfreund legte den Kopf schräg und musterte mich forschend. Ich war nicht sicher, ob er mit dem, was er sah, zufrieden war oder nicht. Er war noch nie direkt zu mir gekommen, und abgesehen von einigen Malen, wo Tante Isa mich gebeten hatte, ihn zu halten (und ihn, sich halten zu lassen), war ich ihm noch nie so nahe gewesen. Er war groß – ich hatte inzwischen gelernt, dass er nicht einfach nur eine »Eule« war, er war eine große Horneule. Das bedeutete, dass er selten war und unter Naturschutz stand – ich glaube aber, dass er das selbst nicht wusste-, und auch wenn ich nicht direkt Angst vor ihm hatte, hatte ich doch einen gesunden Respekt vor Krallen, Schnäbeln und schlagenden Flügeln. Er roch nach Regen und nassem Gefieder und Blut. Sicher hatte er in dieser Nacht irgendeine arme Maus mit den kräftigen Krallen gepackt, die jetzt mein Handgelenk umfassten. Aber er drehte sich vorsichtig, ohne meine Haut zu zerkratzen, und rief leise in die Dunkelheit, aus der er gerade gekommen war.

Die Katzengeräusche draußen verstummten. Ich hörte ein Rascheln im Gestrüpp hinter den Apfelbäumen, dann war es still. All das war keineswegs seltsamer als vieles andere, was ich in Tante Isas Haus schon erlebt hatte.

Nur eben von einem abgesehen.

Ich begriff das alles. Ich konnte die Ungeduld des Katzentieres wie ein Kreischen in meinen Nervenbahnen wahrnehmen, so Fingernagel-auf-Tafel-artig. Und ich hörte Tu-Tus Warnung derart deutlich, als ob er sie über Lautsprecher verkündete:

Geh weg, Katzentier. Du bist zu früh. Es ist noch nicht so weit.

»Clara. Hast du Tu-Tu reingelassen?«

Ich drehte mich vorsichtig um, damit die Eule nicht aus dem Gleichgewicht geriet.

»Sieht so aus …«, sagte ich.

Tante Isa stand in der Tür. Sie trug ihren verschlissenen alten Bademantel, der sicher früher einmal rot gewesen war, jetzt war er rosa.

»Er findet sich wohl nicht so ganz zurecht«, sagte meine Tante. »Ich lasse immer das Schlafzimmerfenster offen, aber …«

Aber heute Nacht war das keine gute Idee, denn meine Eltern waren im Schlafzimmer einquartiert, und Tante Isa schlief auf dem Wohnzimmersofa.

»… deine Mutter fände es sicher nicht witzig, von einer nassen Eule geweckt zu werden …«

Tu-Tu flatterte mit den Flügeln, und ein Schauer von Regenperlen ergoss sich über uns. Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen.

»Nein, das sicher nicht.«

»Aber was ist mit dir, Clara? Konntest du nicht schlafen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich hatte einen seltsamen Traum. Oder eher einen Albtraum.«

Tante Isa hob die Augenbrauen.

»Von einem Tier?«

»Nö. Nein, da kam kein Tier drin vor. Warum fragst du?«

»Du wirst ja morgen dreizehn«, sagte sie. »Oder eigentlich: nachher. Das ist ein besonderer Geburtstag für eine Wildhexe, und manchmal …«, sie zögerte, als ob sie nach Worten suchen müsste, »manchmal hat man da besondere Erlebnisse mit Tieren, auch im Traum. Aber in deinem war also kein Tier?«

»Nein. Es war … ich glaube, es ging um … nein, ich weiß es eigentlich nicht.«

Der Traum war in aller Stille verblasst, während wir hier geredet hatten. Die Einzelheiten verschwanden. Irgendwer war schrecklich wütend gewesen … irgendwer war eingesperrt gewesen … irgendwer hatte etwas über Blut gesagt. Es war nicht so, dass ich meinen Traum geheim halten wollte, ich konnte mich im Moment nur einfach nicht deutlich genug daran erinnern. Mein Herz hatte sich beruhigt und schlug normal, und ich unterdrückte ein Gähnen.

»Du siehst aus, als ob du das doch nicht brauchst«, sagte Tante Isa und zeigte auf die Dosen mit Kamille und Baldrian.

»Nö«, sagte ich. »Ich glaube, ich gehe einfach wieder ins Bett.«

Ich streckte den Arm ein wenig aus, und Tu-Tu hob vorsichtig ab und flog auf seinen üblichen Platz auf Tante Isas Schulter.

»Dann gute Nacht«, sagte Tante Isa mit einem kleinen Lächeln. Sie schaute auf die Uhr. »Theoretisch ist jetzt ja wohl schon dein Geburtstag, aber ich warte mit den Glückwünschen doch, bis du das nächste Mal aufwachst.«

Geburtstag! Warum machte dieses Wort mich eher nervös als froh? Tu-Tu sah mich mit orangegelben Augen an und putzte sich mit dem Schnabel das Brustgefieder.

Es ist noch nicht so weit.

Was bedeutete das? Hatte Tu-Tu das überhaupt gesagt, so laut und deutlich, wie Kater mit mir »sprach«? Oder bildete ich es mir nur ein, weil ich müde war und viel zu wenig geschlafen hatte?

Ich stellte die Teedosen zurück in den Schrank und ging nach oben in mein Zimmer. Dort stieg ich vorsichtig über Oscar, der noch immer für die Welt verloren war, und schlüpfte ins Bett unter meine warme Decke. Wenige Minuten später war ich eingeschlafen.

3 FAMILIENFEST

»Du kannst ja wirklich gut mit Tieren umgehen, Isa. Bist du vielleicht so eine Art Pferdeflüsterin?«, fragte Papa. »Oder eher eine Eulenflüsterin … denn das da ist doch wohl eine große Horneule, oder nicht?«

»Äh, ja«, antwortete Tante Isa mit einem etwas schuldbewussten Blick zu Mama. »Ich … ich bring ihn nur schnell in den Stall, da kann er sich in Ruhe ausschlafen.«

Mama verzog ein wenig den Mund, sagte aber nichts. Und Tante Isa gab sich alle Mühe, um wie ein normaler Mensch auszusehen, der nur eben »gut mit Tieren umgehen« konnte. Mir war klar, dass sie total vergessen hatte, dass Tu-Tu auf ihrer Schulter saß, sie war ja daran gewöhnt. Kater reckte sich und rieb den Kopf an meinem Bein, und ich hatte das deutliche Gefühl, dass er über uns lachte.

Papa wusste nicht, dass Tante Isa eine Wildhexe war. Er wusste auch nicht, dass ich eine war oder dass ich jedenfalls lernte, eine zu sein. Und es gehörte zur großen Geburtstagsabmachung, dass wir nicht darüber reden würden.

Ich hatte nämlich zu allerlei Tricks gegriffen.

Das kann ich wohl kaum anders sagen. Ich wollte doch so gern meinen Geburtstag bei Tante Isa feiern, damit alle meine Freunde aus der Wilden Welt dabei sein könnten. Aber ich wusste ja auch, dass Mama Nein sagen würde, wenn ich sie offen fragte.

Also fing ich an, sehr viel über Tante Isa zu reden, wenn ich Papa besuchte. Über ihr kleines Steinhaus tiiief im Wald, über die Wiese und den Bach und die Tiere, über das Pferd Stjerne und den Hund Tumpe und so weiter. Über Kahla, die ich dort kennengelernt hatte (aber ich erzählte nicht, dass sie bei Tante Isa in die Wildhexenlehre ging), über die lustige Frau Pomeranze, die in der Nähe wohnte (aber ich sagte auch nicht, dass sie eine ebenso tüchtige Wildhexe war wie Tante Isa).

Meine Eltern sind seit vielen Jahren geschieden, aber sie verstehen sich sehr gut miteinander, und ab und zu essen wir zusammen oder gehen zum Beispiel ins Kino. Vor allem seitdem Papa eine neue Stelle hat und wieder in der Stadt wohnt. Es ist seltsam, dass sie nicht zerstritten sind. Und weil sie sich jetzt wirklich sehr oft sehen, wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Papa mit Mama über Tante Isa reden würde.

»Clara scheint sie ja sehr gern zu haben«, sagte er eines Sonntagsabends, als er mich nach Hause gebracht hatte und zum Abendessen blieb. »Warum laden wir sie eigentlich nicht mal zum Essen ein oder so etwas?«

»Sie wohnt sehr weit weg«, entgegnete Mama. »Und sie kann ihre vielen Tiere ja nicht einfach allein lassen.«

Das nannte man wohl eine Notlüge. Es stimmte zwar, dass man viele Stunden brauchte, um Tante Isa mit dem Auto zu besuchen – aber sie konnte auf den Wilden Wegen zu uns kommen, und das dauerte nur eine Viertelstunde. Tante Isa benutzte die Wilden Wege allerdings nur, wenn sie es für absolut notwendig hielt, denn ganz ungefährlich waren die nicht einmal für eine erfahrene Wildhexe wie sie.

»Aber können wir sie denn nicht besuchen?«, fragte Papa. »Ich möchte sie gern kennenlernen, wo sie Clara doch so wichtig ist.«

Juhu! Genau darauf hatte ich doch gehofft. Für einen kurzen Moment sah Mama aus, als ob sie festgestellt hätte, dass in ihrem Mund ein lebendiger Frosch saß. Dann lächelte sie.

»Das können wir irgendwann ja gern machen«, sagte sie. »Wenn wir beide Zeit haben.«

In Mama-Sprache bedeutete das, dass wir die Sache auch gleich vergessen könnten, es würde ja doch nie dazu kommen. Aber ich tat so, als ob ich das nicht begriffen hätte.

»Schön!«, sagte ich. »Ach, das möchte ich ja sooo gern. Wie wäre es an meinem Geburtstag? Ich will doch Tante Isa dabeihaben, und du hast selbst gesagt, dass sie die Tiere zu lange allein lassen müsste, wenn wir hier feiern …«

Mama warf mir quer über den Esstisch hinweg einen Blick zu. Einen Blick, der sagte: Ich weiß genau, worauf du hinauswillst.

»Wir können uns doch nicht einfach so einladen …«, fing sie an.

»Aber Tante Isa hat es doch selbst angeboten …«, entgegnete ich.

»Wirklich?«, fragte Papa. »Das ist aber lieb von ihr.«

Mama machte sofort wieder ihr Frosch-im-Mund-Gesicht.

»Ich weiß ja nicht, ob ich das für eine gute Idee halte«, sagte sie.

»Milla …« Papa legte seine Hand auf ihre Linke, mit der sie die Gabel hielt. Ein bisschen sah das so aus, als wollte er sie daran hindern, jemanden damit zu erstechen, aber sicher war es nur nett gemeint. »Clara ist doch kein Kind mehr. Vielleicht wird es Zeit, sie selbst entscheiden zu lassen, wie sie ihren Geburtstag feiern will.«

Super! Papa, ich liebe dich. Fast hätte ich in Gedanken gesungen, aber ich gab mir große Mühe, kein triumphierendes Gesicht zu machen.

»Es muss ja keine riesige Party werden«, sagte ich und sah dabei Mama an, in der Hoffnung, dass sie begriff, was ich meinte. »Nicht wild, sondern einfach ruhig und ganz normal …«

»Bei Tante Isa?«, fragte Mama skeptisch. »Ich weiß ja nicht, wie normal das werden kann …«

»Es braucht doch nicht immer alles so traditionell abzulaufen«, sagte Papa. »Ich freue mich darauf, deine Schwester kennenzulernen. Es ist doch eigentlich seltsam, dass wir uns noch nie begegnet sind.«

»Isa und ich haben nicht so viel miteinander zu tun, seit wir erwachsen sind«, erklärte Mama und seufzte tief. So tief, dass ich wusste, dass sie ihren Widerstand aufgegeben hatte. Ich hatte gewonnen. Aber die Bedingungen waren von Anfang an ganz klar: Keine Wildhexennummern, überhaupt nichts, was zu seltsam wäre, und Papa durfte um keinen Preis erfahren, wie unnormal Tante Isa in Wirklichkeit war. Das bedeutete, dass Nichts in die Werkstatt umziehen müsste und sich nicht blicken lassen dürfte, solange Papa in der Nähe war. Das war wirklich schade für Nichts, die Feste und Geschenke und Kuchen und all das heiß und innig liebte. Aber niemand, der Nichts und ihren zerzausten graubraunen Vogelleib und ihr trauriges kleines Mädchengesicht sah, konnte glauben, dass irgendetwas an ihr normal wäre.

Mein Gewissen versetzte mir einen Stich, und ich sprang auf.

»Ich kann Tu-Tu rüberbringen«, sagte ich rasch.

»Vielen Dank«, sagte Tante Isa. »Und nimm doch ein paar Rosinenbrötchen mit, für … äh, Stjerne und die Ziegen.«

Ich nickte und schnappte mir einige frisch geschmierte Rosinenbrötchen vom Teller – nicht für Stjerne, auch wenn Stjerne ein liebes kleines Pferd war, sondern für Nichts. Tante Isa bugsierte Tu-Tu auf meine Schulter. Papa musterte uns und die Eule mit interessiertem Blick.

»Ich kann gut verstehen, warum Clara so gern hier ist«, sagte er. »Schließlich kann man sich nicht überall einfach mit einer Horneule anfreunden. Und sie hat Tiere doch immer schon so geliebt, nicht wahr, mein Schatz?«

»Stimmt. Ich … ich liebe Tiere wirklich sehr.«

»Noch Kaffee?«, fragte Mama. »Du kommst doch sofort zurück, oder, Clara-Maus? Wir müssen ja noch das Geburtstagslied singen.«

Nichts saß auf einem Strohballen und schniefte. Sicher weil es hier staubig war, und das tat ihrer Allergie ja gar nicht gut, aber auch, weil sie traurig war. Sehr traurig sogar.

»Ich habe dir Rosinenbrötchen mitgebracht«, sagte ich, um sie ein wenig aufzumuntern.

Sie gab keine Antwort.

»Komm schon«, lockte ich. »Die sind frisch gebacken. Sie sind sogar noch warm.«

Sie drehte den Kopf und sah mich aus blanken Augen an. Ihre Augenlider waren dick und geschwollen, und die Tränen hinterließen auf ihren Wangen und ihrem grauen Brustgefieder eine fettige Spur. Sie nieste.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, murmelte sie traurig.

»Danke«, sagte ich und versuchte, ganz unbekümmert zu klingen. Ich konnte ja doch nichts ändern. Wenn Papa Nichts entdeckte – nein, daran mochte ich nicht einmal denken.

Ich stellte den Teller neben sie hin.

»Ich muss gleich wieder ins Haus«, erklärte ich. »Sie warten auf mich.«