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Die Londoner Tierärztin Charlotte Walker hat ein Stipendium auf der winzigen, abgelegenen Insel Tuga de Oro angenommen, um die vom Aussterben bedrohten Goldmünzenschildkröten im Inneren des Dschungels zu untersuchen. Sie kann die besten Gründe für dieses Jahr im Paradies anführen – gibt es eine bessere Motivation als die Rettung einer Art? –, aber die Realität ist komplexer. Denn Charlotte hat ein Geheimnis, und sie ist fest entschlossen, das Rätsel, das ihr Leben beherrscht, endlich zu lösen.
Auf der Insel angekommen, findet sie für ihre Nachforschungen jedoch kaum Zeit. Denn neben den Schildkröten beanspruchen die Inselbewohner, die sie und ihren tierärztlichen Rat mit endlosen Kuchenlieferungen für sich gewinnen wollen, ihre Aufmerksamkeit. Und auch der neue Inselarzt Dan Zerki bringt Charlotte vollkommen aus dem Konzept.
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Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Francesca Segal, 1980 in London geboren, ist Journalistin und Kritikerin. Sie veröffentlicht unter anderem im Granta Magazine, Guardian und Daily Telegraph, ist Kolumnistin für den Observer und Feuilletonistin für das Tatler Magazine. Bei Kein & Aber erschienen neben ihrem mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Debüt Die Arglosen (2013) auch Ein sonderbares Alter (2017) und Mutter Schiff (2019). Willkommen auf Tuga (2024) ist der Auftakt zur Tuga-Trilogie. Francesca Segal lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in London.
Die Londoner Tierärztin Charlotte Walker hat ein Stipendium auf der winzigen, abgelegenen Insel Tuga de Oro angenommen, um die vom Aussterben bedrohten Goldmünzenschildkröten im Inneren des Dschungels zu untersuchen. Sie kann die plausibelsten Gründe für dieses Jahr im Paradies anführen – gibt es eine bessere Motivation als die Rettung einer Art? –, aber die Realität ist komplexer. Denn Charlotte ist fest entschlossen, ein Familiengeheimnis, das ihr Leben beherrscht, endlich aufzudecken.
Auf der Insel angekommen, findet sie für ihre Nachforschungen jedoch kaum Zeit. Denn neben den Schildkröten beanspruchen die Inselbewohner, die sie und ihren tierärztlichen Rat mit endlosen Kuchenlieferungen für sich gewinnen wollen, ihre Aufmerksamkeit. Und auch der neue Inselarzt Dan Zerki bringt Charlotte vollkommen aus dem Konzept.
Für Raffaella, Celeste & Gallia
Charlotte Walker
Londoner Tierärztin und Herpetologin
Insulaner
Dan Zekri
der neue Arzt, kommt nach fünfzehn Jahren Abwesenheit zurück auf die Insel
Lusi Zekri
Dans Mutter; Saul Gabbais Schwester
Saul Gabbai
Inselarzt; Chief Medical Officer; Lusis Bruder
Moz (Fermoza) Gabbai
Lehrerin; Sauls Frau; Garricks Schwester
Garrick Williams
Inselgeistlicher; Moz’ Bruder
Joan Williams
Garricks Frau
Levi Mendoza
Barkeeper und Handwerker; Charlottes Gastgeber
Maia Lindo-Smith
Levis Schwester, zieht der Arbeit wegen nach England
Walter Lindo-Smith
Maias Mann; Levis Schwager und guter Freund
Rebecca Lindo-Smith
Maias and Walters sechsjährige Tochter; Levis Nichte
Annie Goss
elfjährige Inselbewohnerin
Alex dos Santos
elfjähriger Inselbewohner
Marianne Goss
Annies Mutter; die Inselbäckerin
Ruth dos Santos
Alex’ und Calebs Mutter; frühere Inselrätin; Mariannes geliebte Ziehmutter
Sylvester
führt den Gemischtwarenladen auf der Harbour Street
Betsey Coffee
führt Betsey’s Café auf der Harbour Street
Taxi
Taxifahrer und Radiomoderator
Elsie Smith
Zollbeamtin; Mechanikerin; Reptilienfan
Grand Mary (Mary Philips)
Inselälteste, mit Abstand die reichste Tuganerin
Martha Philips
Schildkröte
Katie Salmon
neue Physiotherapeutin
Johannes Zekri
Dans Vater, kam bei einem Schiffsunglück ums Leben
Sonstige, nicht auf der Insel beheimatet
Caleb dos Santos
Alex’ deutlich älterer Bruder, lebt inzwischen in England
Martin Blackburn
Optiker von der See the World Foundation, beruflich auf der Insel zu Gast
Lucinda Compton-Neville
Charlottes Mutter, Kronanwältin in London
Inseln sind Orte, an die man sich flüchtet. Oder von denen man flieht.
Das Schiff lag seit Tagen vor Anker und wartete darauf, dass die See sich beruhigte. Sie befanden sich eineinhalb Kilometer vor der Korallenküste von Tuga de Oro, einem winzigen britischen Überseeterritorium, der weltweit abgelegensten bewohnten Insel, von der es wahlweise hieß, »die Uhren ticken hier wie vor hundert Jahren« (Lonely Planet), die Einwohner führten »ein englisches Gemeindeleben wie aus einem längst vergangenen goldenen Zeitalter« (Time Out), es handle sich um »ein in die Tropen verlagertes britisches Fischerdörfchen« (Fodor’s Travel Guide) oder – weniger wohlwollend – die Einwohner seien »in den Fünfzigern hängengeblieben, womöglich gar den Achtzehnhundertfünfzigern« (The Wanderer). Die wochenlange Überfahrt hierher hatte sich tatsächlich viktorianisch angefühlt. Jetzt waren sie Tuga zwar ganz nah, aber Charlotte hatte bisher nicht mehr von ihrem zukünftigen Wohnort gesehen als ein düsteres Meer durch das trübe, schmutzige Bullauge ihrer Kabine. Kurz nachdem sie in England in See gestochen waren, hatte sie den Fehler gemacht, dieses Bullauge zu öffnen, in der Hoffnung, ein wenig frische Luft werde die in ihr aufsteigende Übelkeit vertreiben. Stattdessen war sie fast an der warmen, stinkenden Dieselwolke erstickt, die zu ihr hereingeweht kam. Dieser Fehler würde ihr nicht noch mal unterlaufen. Morgen früh würden die Tenderboote endlich Passagiere und Fracht zur Insel bringen. Charlotte war gerettet, zumindest vor ihrer Seekrankheit. Bald würde sie in der üppigen Schönheit eines unberührten Dschungels sein, bei ihren Schildkröten.
Charlotte war neunundzwanzig Jahre alt und hatte am Zoologischen Institut von Regent’s Park in London über den Einfluss nicht-einheimischer Molche auf die Amphibienpopulation des Vereinigten Königreichs promoviert. Sie war immer schon fasziniert gewesen von Reptilien, vor allem von Landschildkröten. Sie symbolisierten Widerstandsfähigkeit und Unabhängigkeit, und als sensibles Kind, Stubenhockerin und Tochter einer autoritären alleinerziehenden Mutter, die dazu neigte, sich überall einzumischen, hatte sie die Tiere seit jeher um die Möglichkeit beneidet, sich an einen Ort zurückziehen zu können, in den buchstäblich niemand eindringen konnte. Mit Charlottes Neigung zur Eigenbrötlerei war Lucinda Compton-Neville ganz und gar nicht einverstanden. Sie selbst war eine gesellige, äußerst gefragte Kronanwältin, die die Leistungen ihrer Tochter als persönliche Erfolge verbuchte und die Beschäftigung mit schleimigen Kriechtieren nicht als prestigeträchtig genug empfand.
Charlottes frühe Kindheit war von Kindermädchen überwacht und von Kreaturen bevölkert gewesen, die die Haushälterin der Compton-Nevilles verabscheut hatte: Wüstenrennmäusen, Hamstern, Goldfischen vom Jahrmarkt und einmal sogar einer Bartagame, die Charlotte liebevoll Joan genannt hatte, nach Joan Beauchamp Procter, der ersten Frau, die zur Reptilienkuratorin des Londoner Zoos ernannt worden war. Charlottes Mutter entwickelte mit der Zeit einen ganz besonderen Hass auf dieses Haustier, und das ständige Schneckenjagen für das Reptil trieb das Kindermädchen fast zur Verzweiflung. Nur ihr Mitgefühl mit dem ungewöhnlich braven kleinen Mädchen verhinderte, dass sie sich eine andere Anstellung suchte.
Als Charlotte zehn war, heiratete Lucinda ihren Anwaltskollegen Adrian Walker und verbannte unbarmherzig sämtliche Tiere – bis dahin Charlottes großer Trost – aus dem Haus, mit der Begründung, das muntere Trio deutlich jüngerer Stiefbrüder biete genug Unterhaltung. Charlottes Privatschule bekam die Hamster, ein Terrarium voller Pfeilgiftfrösche wurde in einem schwarzen Taxi zurück zu Palmer’s Zoohandlung chauffiert, und die Stabheuschrecken wurden freigelassen und mussten von da an ihr Glück in den Buchsbaumhecken von Regent’s Park versuchen. Charlotte Compton-Neville wurde zu Charlotte Walker. Auch wenn sie nachts leise und unaufdringlich um ihre verlorenen Gefährten weinte, öffnete sie ihr kleines Herz für Adrian Walker, in der verzweifelten Hoffnung, dass endlich ein Vater in ihr Leben getreten war und die jahrelange unausgesprochene Sehnsucht ein Ende hatte. Sie wurde enttäuscht: Ihre Stiefbrüder kamen nur selten zu Besuch, und ihre Mutter ließ sich nach weniger als einem Jahr wieder von diesem wenig überzeugenden, unempfänglichen Stiefvater scheiden. Danach tauchte er nur noch sporadisch in Lucindas Leben auf, und zwar ausschließlich als gegnerischer Anwalt vor Gericht. Wenn Charlottes Mutter auf diese Weise mit ihm zu tun hatte, wurde ihre Laune jedes Mal explosiv und unberechenbar. Nach der Scheidung nahm Lucinda wieder ihren Mädchennamen Compton-Neville an, und Charlotte, die inzwischen auf eine weiterführende Schule ging und um den vornehmen Klang wusste, den Doppelnamen in England besaßen, weigerte sich, den Nachnamen Walker abzulegen. Sie wollte nirgends auffallen, weder negativ noch positiv. Die Tiere in ihrem Leben blieben weitgehend imaginär oder theoretisch, bis sie ihr Studium begann.
Während des Grundstudiums nahm Charlotte beklommen zur Kenntnis, wie groß die Distanz zwischen ihr und ihren Tiermedizin-Kommilitonen war. Die anderen lernten und tranken zusammen, machten zusammen Sport und schliefen in wechselnden Konstellationen miteinander. Charlotte hingegen gesellte sich nur in der Bibliothek zu ihnen, und wenn sie doch einmal mit in den Pub ging, schlüpfte sie nach der zweiten Runde wieder hinaus. Ihr Wunsch, dazuzugehören, war nicht groß genug, als dass sie das riskante Verhalten ihrer Mitstudenten kopiert hätte. Sie hatte regelrecht Angst davor, albern zu sein, etwas zu wagen, sich emotional angreifbar zu machen, und es gelang ihr nicht, so zu tun, als würde es ihr Spaß machen, sich in Wales von einem Felsen abzuseilen, im Lake District Berge hinaufzustürmen oder während einer Kneipentour in Bloomsbury im Tierkostüm Bier in sich hineinzuschütten. Charlotte hatte überhaupt noch nie ein Bier in sich hineingeschüttet, auch keine Zigarette geraucht oder einen One-Night-Stand gehabt. Ihr hätte ohnehin niemand abgenommen, dass so etwas normal für sie war. Natürlich half es kein bisschen, dass die meisten Studierenden am Royal Veterinary College von außerhalb stammten, zusammen in Wohnheimen lebten und sich aufgrund ihrer knapp bemessenen Studiendarlehen miteinander solidarisierten. Sie hingegen residierte weiterhin privilegiert bei ihrer Mutter, in einem weißen Stadtpalais mit Stuckelementen im Regent’s Park, das so herrschaftlich war, dass es ihr peinlich gewesen wäre, jemanden mit nach Hause zu bringen.
Die meisten Tiermedizin-Absolventen ließen sich nach dem Studium in Kleintierpraxen nieder oder nahmen Beratertätigkeiten in der Viehzucht an, wohingegen sich Charlotte dankbar und hoch motiviert auf ihre Promotion stürzte, für die sie einen Arbeitsplatz in einem fachübergreifenden Labor an der Zoological Society of London bezog. Ihr Leben widmete sie fortan den Molchen, und davon gab es jede Menge in England. Sie fühlte sich wohl zwischen all den Wissenschaftlern, Biologen und Bioinformatikern ihres Instituts und erkannte sich selbst in ihnen wieder, in ihrer Introvertiertheit, ihrem überzogenen Perfektionismus. Herpetologen galten als besonders schrullig – geduldig, hartnäckig und zurückgezogen, gleichzeitig verspielt, wenn ihnen danach war. Im Grunde wie Landschildkröten.
»Klopf, klopf!« Die Tür ging einen Spalt auf, und Charlotte strich rasch ihre Bettdecke glatt und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Dan Zekri erschien mit einem kleinen Edelstahltablett, auf dem ein mit Frischhaltefolie abgedeckter Becher Suppe und ein braunes Brötchen lagen. Dan hatte dunkle Haut, strahlend blaue Augen und tiefe, immer wieder unerwartet zum Vorschein kommende Grübchen – eine auffällige Kombination äußerer Merkmale, die typisch für die Bewohner Tugas waren, auch wenn Charlotte dies noch nicht wusste. Sie selbst besaß ebenfalls Grübchen und verspürte immer eine Mischung aus Zugehörigkeitsgefühl und Konkurrenzdenken, wenn sie – was selten vorkam – anderen Menschen mit kleinen Dellen in den Wangen begegnete. Dan war nicht groß, aber kräftig, breitschultrig wie ein Rugbyspieler und zuvorkommend wie ein Butler. Er war stets so adrett gekleidet und strotzte derart vor Gesundheit, dass sie anfangs wegen ihres eigenen verwahrlosten Zustands am liebsten im Erdboden versunken wäre. Doch dann war ihre Seekrankheit so schlimm geworden, dass es ihr gleichgültig war, ob sie die Überfahrt überlebte, und erst recht, wie gut der Mann aussah, der ihr beim Erbrechen die Haare hochhielt. Dan erschien jeden Tag im schneeweißen Hemd – sein Vorrat schien unerschöpflich zu sein – und nach Menthol und Seeluft riechend in ihrer Kabine, während Charlotte schwitzend und krank auf ihrer Pritsche dahinsiechte. Kaum sehnte sie sich nach frischer Luft, kam Dan mit einem Ventilator zurück.
»Wie geht es meiner Patientin heute?«
Charlotte setzte sich beklommen auf. Sie wartete. Der Brechreiz blieb aus. Die Kajüte schwankte zwar, aber drehte sich wenigstens nicht mehr.
»Ein bisschen besser, glaube ich.«
»Gute Neuigkeiten: Das war die letzte Konservenbrühe, versprochen. Ich weiß zufällig, dass wir Karotten und Zwiebeln im Frachtraum haben, die für Tuga bestimmt sind. Sobald wir auf der Insel sind, werden Sie mehr Hühnersuppe vorgesetzt bekommen, als Sie essen können.« Dan reichte ihr die Suppentasse und das Brötchen und ließ sich dann wie üblich am Fußende ihrer Koje auf dem Boden nieder. Er lehnte sich lässig zurück und griff nach einer schmalen Fachzeitschrift.
»Also, wo waren wir stehengeblieben? Bitte immer schön die Suppe schlürfen, während ich lese. Ach ja: Wir hatten gerade Genetische Differenzierung auf einer kleinen räumlichen Skala beim Teichmolch fertig gelesen. Es folgt: Zusatzmaterial zu: Genetische Differenzierung auf einer kleinen räumlichen Skala beim Teichmolch.« Er legte den Kopf nach hinten auf die Koje und sah sie an. »Das Zusatzmaterial lassen wir lieber weg, oder? Wäre vielleicht zu viel des Guten.«
Charlotte tat sich schwer damit, ihm ehrlich zu antworten. Wenn jemand bereit war, einem aus einer Fachzeitschrift für Herpetologie vorzulesen, stellte man keine Ansprüche. Dans Blick ruhte abwartend auf ihr.
»Mich würde nur interessieren, woraus das Zusatzmaterial besteht«, gestand sie.
»Aus einer Auflistung der Breiten- und Längengrade sämtlicher untersuchter Teiche. Ein wirkungsvolleres Schlafmittel wurde bisher nicht erfunden.«
»Okay, Sie haben recht. Das können wir weglassen. Nächster Artikel, bitte.«
»Die Auswirkung von Wasser- und Landhabitaten auf Hautflora und Wachstum junger Alpen-Kammmolche?«
»Ja, gern.«
»Alpen-Kammmolche klingt wie eine Krankheit. Es tut mir leid, aber Sie leiden an einer schlimmen Form von Alpen-Kammmolche.«
»Schlimmer als meine Seekrankheit kann es ja nicht sein«, murmelte Charlotte und zupfte die Frischhaltefolie von der Tasse. Dann schlürfte sie gehorsam in kleinen Schlucken ihre lauwarme Bouillon und lauschte dem inzwischen vertrauten Klang von Dans Stimme, ließ seine Worte über sich hinwegspülen. Sie beobachtete ihn beim Lesen, konnte sein Gesicht in Ruhe studieren, während er auf die Zeitschrift hinabblickte. Nachdem er den Artikel fertig gelesen hatte, legte er ihn beiseite und stand auf. Befriedigt registrierte er die leere Tasse zwischen ihren Händen.
»Gut gemacht. Ich glaube, ich gehe jetzt zurück in meine Kabine und organisiere mich ein bisschen. Brauchen Sie Hilfe beim Packen?«
»Nein, danke.« Sie gab ihm die Tasse zurück. »Meinen Sie, es kommen morgen viele Menschen zum Anleger?«
Dan nickte und wirkte vorübergehend ein wenig unsicher, was ihm gar nicht ähnlich sah. Er war in der Tür stehen geblieben und fing an, den Mechanismus des Schlosses zu betrachten und stirnrunzelnd daran herumzufummeln.
»Ach, wenn Ship Day ist, kommen immer viele Leute. Zwischen zwei Schiffen vergehen hier oft viele Monate. Den meisten Leuten geht es um die Ladung – Baked Beans oder eine neue Schubkarre oder der nächste James Patterson. Was auch immer. Eine Klobrille. Whiskey. Mehl. Es ist unglaublich, wie viel Kuchen die Tuganer essen, dafür, dass auf der Insel kein Weizen wächst.«
Er sagte es leichthin, aber Charlotte spürte, dass er nervös war wegen der morgigen Ankunft. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, wie es wohl war, wenn man als Erwachsener in eine derart kleine Gemeinde zurückkehrte, die man zuletzt als Jugendlicher gesehen hatte. Dan musste direkt in die Rolle eines berufstätigen Inselbewohners schlüpfen, ohne in sie hineinwachsen zu können. Sie beobachtete ihn stumm von ihrer schmalen Koje aus, diesen Mann, den sie zwar erst seit Kurzem kannte, mit dem sie jedoch eine eigenartig intime und intensive Zeit verbracht hatte. Nachdem er in ihrer Gegenwart wochenlang nichts als professionelles Selbstvertrauen an den Tag gelegt hatte, empfand sie seine plötzliche Nervosität als rührend.
»Wenn es Ihnen wirklich besser geht, könnten Sie doch heute Abend versuchen, nach oben an Deck zu kommen und das Island-Day-Feuerwerk mit mir anzuschauen. Es ist nämlich vom Schiff aus sichtbar.« Dan ließ vom Türschloss ab, offenbar zufrieden mit dessen Funktionstüchtigkeit.
Charlotte wurde flau im Magen, sie schloss die Augen. Wie ärgerlich, dass sich Schmetterlinge im Bauch so ähnlich anfühlen wie diese blöde Seekrankheit, dachte sie und öffnete ihre Augen wieder.
»Ich werde vielleicht mein Eimerchen mitnehmen müssen. Sicher ist sicher.«
Dan grinste. »Nicht nötig. Der gesamte Südatlantik steht Ihnen zur Verfügung. Dann also bis später!« Schon war er verschwunden, und Charlotte lehnte sich in ihr Kissen zurück.
Sie war eine junge, starke Frau, die bis vor einigen Wochen in dem unbekümmerten Glauben gelebt hatte, über eine unverwüstliche Gesundheit zu verfügen. Als zurückgezogen lebender, behütet aufgewachsener Mensch hatte sie wenig Erfahrung mit Krankheiten gemacht und betrachtete ihren jetzigen Zustand als Versagen ihrer Selbstbeherrschung. Charlotte vermied es sonst unter allen Umständen, sich verwundbar zu machen. Auch Schmutz und Unordnung waren ihr ein Gräuel. Der Körper, den sie so gut zu kennen geglaubt hatte, war ihr fremd geworden, er war genauso unzuverlässig wie alles andere in ihrem Leben. Das Ganze kam ihr wie Betrug vor, wie der Gipfel des unsteten Jahrs, das hinter ihr lag.
Zum Glück hatte ihr das Schicksal auf dieser höllischen Überfahrt Dr. Dan Zekri als rettenden Engel beschert. Er musste einige Jahre älter sein als sie, sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Nachdem er längere Zeit in England gelebt hatte, kehrte er nun in seine Heimat Tuga de Oro zurück. Auf einem Frachtschiff mit nur elf Passagieren gab es keine gesetzlichen Vorschriften bezüglich der Anwesenheit eines Arztes, und so war es reiner Zufall gewesen, dass sich ein Mediziner an Bord befand. Dan hatte sie in jener schrecklichen ersten Nacht in ihrer Kabine besucht und war danach jeden Morgen und Abend wiedergekommen, mit Cinnarizin-Tabletten und magischen Spritzen, gesalzenen Crackern, schwarzem Johannisbeersaft und sauberen Waschschüsseln, mit Sinn für Humor und scheinbar unendlicher Freundlichkeit und Geduld.
Genau wie sie war er allein unterwegs und hatte daher Zeit zur freien Verfügung. Anders als auf einem Passagierschiff gab es keine Rückzugsorte an Bord, nur in den bescheidenen Kabinen hatte man seine Ruhe vor Motorenlärm, abgestandenem Zigarettengestank und Dieseldämpfen. Wenn Dan in ihrer Kajüte zu Besuch war, erzählte er ihr ausführlich von seiner Kindheit auf Tuga. Die erste stille Fledermaus, die am Abendhimmel flatterte, sei das Zeichen für die Inselkinder, zum Abendessen nach Hause zu kommen. Leider konnte er ihr nicht verraten, um welche Fledermausart es sich handelte, aber er interessierte sich sehr für das Forschungsstipendium, das sie auf die Insel führte: Sie sollte ein Jahr lang die schwindende tuganische Goldmünzschildkröten-Population im üppig bewachsenen Inselinneren untersuchen. Für Charlotte, die aus leidvoller Erfahrung wusste, dass die meisten Menschen nicht so viel über Herpetologie erfahren wollten, wie sie darüber zu erzählen hatte, war es ein seltenes Vergnügen, jemandem zu begegnen, dessen intelligente Fragen echtes Interesse an ihren Antworten verrieten. Über Reptilien konnte sie viel müheloser sprechen als über sich selbst. Ihre Flucht in die akademische Welt war auch von der Erkenntnis motiviert gewesen, dass Haustierpatienten eine intensive Interaktion mit deren Besitzern erforderten, wohingegen Wildtiere allein sich selbst gehörten. Ihr fiel der Umgang mit Tieren deutlich leichter als der mit Menschen.
Allerdings war dieser Dan ein durchaus anziehender Mensch. Er lachte voller Selbstironie, wenn sie einen Tierarztwitz über Humanmediziner riskierte (»Wie nennt man Tierärzte, die nur eine einzige Tierart behandeln können?«), und gestand ihr kleinlaut, dass er panische Angst vor Katzen habe, was sie irgendwie charmant fand. Das sei einer der Vorteile daran, nach Tuga zurückzukehren, erklärte er. Dort sei die Haltung von Katzen verboten, um die einheimische Vogelpopulation nicht zu gefährden. Und er las ihr ausdauernd ihre vor wissenschaftlichem Fachchinesisch strotzenden Artikel vor und stellte Fragen dazu, wollte beispielsweise wissen, wie Reptilien mit Viren und Bakterien fertigwurden. Auch wenn er augenzwinkernd das ungenutzte Potenzial dieser Artikel als Narkosemittel lobte, war sich Charlotte sicher, dass er insgeheim fasziniert war von ihrer Welt.
Sie bewunderte Dans beruflichen Ehrgeiz und erkannte sich in der Leidenschaft wieder, mit der er von seiner Arbeit sprach. Er steckte voller Ideen für Gesundheitsmaßnahmen, die er auf der Insel einführen wollte, und plante Weiterbildungskurse für die zwei Pflegekräfte der Klinik sowie Anreize, um weitere vier einzustellen. Seine Befürchtung war, dass er zu lang weg gewesen war, um auf der Insel akzeptiert zu werden und um sich seinerseits an die Eigenheiten und Beschränkungen dieser isolierten ärztlichen Tätigkeit zu gewöhnen, die mit knappen finanziellen Mitteln auskommen musste. Änderungsversuche – selbst die zum Besseren – seien riskant und könnten auf dem Weg zur Akzeptanz der Bevölkerung zur Stolperfalle werden, analysierte er hellsichtig.
Kurzum, Dan Zekri schien selbstbewusst genug zu sein, sich seine eigenen Grenzen einzugestehen. Charlotte hatte nicht das Gefühl, in seiner Gesellschaft ganz sie selbst sein zu können. Es überstieg ihre Vorstellungskraft, dass jemand wie er eine derart schwache, kränkliche Person wie sie näher kennenlernen wollte. Da sie es von Haus aus gewohnt war, allzu große Vertraulichkeiten zu meiden, erzählte sie auf seine Nachfrage nur oberflächlich von ihrer Familie. Sie skizzierte den Lebenslauf ihrer Mutter, der alleinerziehenden, hochgepriesenen Anwältin, die hundert Stunden die Woche arbeitete und sich mit der gleichen Akribie ihrer Tochter widmete, entweder persönlich oder mittels Vertretung durch Angestellte. Am Tag, als Lucinda zur Kronanwältin aufgestiegen sei, habe sie für Charlotte eine Vanilletorte in Form einer Schildkröte gebacken – mit in Scheiben geschnittenen Schokoladen-Biskuitrollen von Marks & Spencer als Panzer – und sie ihrer Tochter präsentiert, noch vor der Schule und ihrem Aufbruch ins Gericht.
Charlotte hatte im Laufe der Jahre gemerkt, dass derartige Anekdoten gerade so viel über ihre Familie verrieten, wie sie preiszugeben bereit war. Außerdem betonte sie damit die richtigen Aspekte. Sie hatte sie so oft erzählt, dass sie ganz rundgeschliffen waren und ein ungehindertes Weiterfließen des Gesprächs ermöglichten. Bei Dan Zekri fügte Charlotte außerdem die freimütige Lüge hinzu, dass Lucinda außer sich gewesen sei vor Freude über ihr Stipendium auf Tuga. Sie wünschte, es wäre so gewesen. In Wirklichkeit weilte Lucinda gerade selbst für einen Monat in Grenada, um dort an einem Fall zu arbeiten. Wenn sie zurück nach Hause kam, würde sie eine Nachricht auf dem Küchentisch vorfinden, in der Charlotte ihr diese seit fünf Monaten heimlich geplante, ein Jahr lang währende Umsiedlung gestand. Die Zeit würde zeigen, ob die isolierteste Insel der Welt weit genug entfernt war, um Lucindas Zorn zu entgehen.
Es war Charlotte immer schon schwergefallen, Außenstehenden zu erklären, warum Lucinda einen so großen Einfluss auf ihr Leben hatte. Die meisten Leute hielten die Intensität ihrer Mutter-Tochter-Beziehung irrtümlich für ungesund. Charlotte selbst verspürte seit frühester Kindheit eine große Sehnsucht nach ihrer Mutter, manchmal sogar dann, wenn sie in ihrer Nähe war. Ihr bisher einziger fester Freund hatte sich zunächst von Lucindas konzertierter Charmeoffensive einlullen lassen, die Dynamik zwischen den beiden Frauen jedoch später rein negativ betrachtet und damit völlig falschgelegen. Männer seien grundsätzlich unzuverlässig, hatte Lucinda ihrer Tochter häufig genug eingeschärft, womit sie auch bei diesem Exemplar recht behalten hatte. Er habe Charlotte einen Gefallen damit getan, sich so früh als Idiot zu erkennen zu geben, lautete ihr Kommentar.
Mit Fremden über ihren Vater zu sprechen, fiel Charlotte sogar noch schwerer, wenn auch aus anderen Gründen. Sie wollte nicht daran erinnert werden, dass sich hinter der ständigen Sehnsucht nach ihrer Mutter eine diffusere, tiefergehende Trauer um ihren Vater verbarg, den Verlorenen, den nie Gekannten. Die Väter, die sie um sich herum beobachtete, waren Anker und Bodyguards, Lehrer und Tröster, Helden oder Bösewichte. Väter konnten peinlich sein, feuerten einen auf dem Sportplatz an oder stellten sich als Enttäuschungen heraus. Ohne irgendetwas, weder einen Namen noch eine Geschichte, war ihr eigener Vater nichts von alldem. Er war eine Leerstelle, die sie nicht einmal ansatzweise verstand, ein Schatten knapp außerhalb ihres Blickfelds. Ihr ganzes Leben lang hatte sie geglaubt, er hätte sie nicht haben wollen, und diese Ablehnung war alles gewesen, was sie von ihm besessen hatte. Sie hatte ein Verlangen nach emotionaler Selbstgenügsamkeit in ihr ausgelöst, nach einem Schutzpanzer, in den sie sich zurückziehen konnte. Umso mehr freute sich Charlotte nun auf eine Insel, die dafür bekannt war, resistent gegenüber Einflüssen von außen zu sein. Dort würde sich niemand für eine still und autark vor sich hin arbeitende Herpetologin interessieren. Hoffte sie zumindest. Die Reise war genauso qualvoll gewesen wie die Gründe, aus denen Charlotte sich zu ihr entschlossen hatte. Gleichwohl lag nun Tuga de Oro vor ihr. Mit Dan Zekri unter einem tropischen, von Feuerwerkskörpern erhellten Himmel zu sitzen, war nicht die schlechteste Art, ein Abenteuer zu beginnen.
Bei Charlottes letztem Besuch an Deck waren sie kurz hinter den Azoren gewesen, mitten auf dem Nordatlantik, gepeitscht von eiskalten Winden. Hier war die Luft warm und seidig, und das Meer hatte endlich Ruhe gegeben. Über dem Schiff erstreckte sich samtige Schwärze, durchbrochen von ihr unbekannten Sternenbildern. Die Beleuchtung an Deck war spärlich, aber im Halbdunkel rief eine Stimme ihren Namen. Dan stand auf, als sie sich näherte, und setzte sich erst wieder hin, als sie auf dem weißen Plastikstuhl neben ihm Platz genommen hatte.
»Sie sehen schon viel besser aus.«
»Das ist doch im Dunkeln gar nicht zu erkennen.«
»Trotzdem spannend, einen Blick auf Sie in aufrechter Position zu erhaschen.«
»Wie bei einem seltenen Wildtier.«
»Genau. Wie bei Ihrer ersten Goldmünzschildkröte. Soll ich Ihnen einen Ingwertee holen? Andererseits können Sie den wahrscheinlich nicht mehr sehen. Lieber einen Softdrink?«
Charlotte nickte, und Dan verschwand in die Messe und kehrte mit zwei Plastikflaschen Cola zurück.
»Auf Tuga nennen wir das Fizzycan.«
»Fizzycan? Nicht Ihr Ernst! Auch wenn das Zeug gar nicht in einer Dose ist?«
»Auch dann. Sie können sich sicher vorstellen, wie cool ich in der Orientierungswoche an der Uni rüberkam: ›Leute, ich geh rüber zur Bar, soll ich jemandem Fizzycan mitbringen?‹«
»O Gott. Nicht mal eine Fizzycan, sondern Fizzycan, ohne Artikel?«
»Tja. Irgendwann erzähle ich Ihnen, wie meine lederne Bauchtasche bei den Frauen ankam.« Er stieß mit seiner Flasche gegen ihre. »Cheers. Willkommen zurück unter den Lebenden.«
»Danke.« Charlotte nahm probeweise einen Schluck von der eiskalten Cola. Ihr Magen protestierte nicht. »Sie haben mir noch gar nicht erzählt, wie es damals für Sie war, nach England zu ziehen.«
»Oje. Meine Ankunft dort war ein heilsamer Schock, eine Lehrstunde in Bescheidenheit. Dabei hatte ich mich beim Verlassen der Insel noch so toll gefühlt. Keine Ahnung, ob Sie über die Schulbildung auf Tuga Bescheid wissen. Dass man an einer Universität in England angenommen wird, kommt nicht allzu häufig vor. Ich hielt mich daher für einen Weltklasseschüler.«
Charlotte lächelte. »Sie waren noch ein Teenager.«
»Ich war ein großspuriger kleiner Mistkerl und dachte: Ich habe eine Million Filme gesehen – England ist auch nicht anders als Tuga, nur eben ein bisschen größer. Und dann kam ich dort an, und die Leute merkten sofort, dass ich noch nie im Leben eine Rolltreppe gesehen hatte. Oder einen Aufzug. Oder eine Autobahn. Oder je von Raubüberfällen gehört hatte. Oder … Ach, es ist schwer zu erklären. Irgendwann wird einem klar, dass diese Autobahnen absolut beängstigende Orte sind und dass es ungefähr hundert verschiedene Zahnpasta-Sorten gibt.« Dan legte seine Füße auf die Reling, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah in den Himmel. »Ich wusste gar nicht, was ich alles nicht weiß. Sobald ich den Mund aufmachte, lachten die Leute über mich, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, warum das, was ich gerade gesagt hatte, so lustig war.«
»Ich habe mal ein Praktikum in einer Tierklinik gemacht, in der es acht verschiedene Hundezahnpasten zu kaufen gab.«
»Genau das meinte ich. Bis zu meiner Ankunft in England hatte ich gedacht, ich wäre Brite oder zumindest so was Ähnliches. Dass wir inzwischen verwaltungstechnisch unabhängig sind, steht auf einem anderen Blatt. Damals hatte ich jedenfalls das Gefühl … na ja, vielleicht nicht unbedingt nach Hause zu kommen, aber … Ich besaß denselben Pass wie alle anderen, daher war es ehrlich gesagt ein Schock für mich, dass mich niemand als britisch angesehen hat oder eine ähnliche Zuneigung für meine Heimat empfunden hat, wie wir sie für das Vereinigte Königreich empfinden. Ich traf im Hochsommer in England ein. Wenn man im Herbst mit dem Studium beginnt, muss man das Island-Close-Schiff nehmen, sonst kommt man bis Weihnachten nicht mehr von Tuga weg. Mein Vater hatte eine alte Freundin in einem Krankenhaus in Southampton, die mir dort für einen Monat einen Job als Sicherheitsmann verschafft hat, und es fühlte sich unglaublich an, in einer echten Klinik zu arbeiten, wie in einem Film. Aber dann begann das Semester, das Tageslicht verschwand, und ich trug ständig alle meine Kleider übereinander, weil mir so kalt war. In diesem ersten Winter habe ich jeden einzelnen Infekt aufgeschnappt, der im Umlauf war. Ich hatte die Grippe, ich hatte Ringelröteln, ich hatte die Hand-Fuß-Mund-Krankheit und wer weiß, was noch alles. Wie ein Kleinkind. Erst da ist mir klargeworden, wie wenig wir auf unserer Insel mit der Außenwelt in Berührung kommen. Die meisten Tuganer hatten noch nie RSV oder Windpocken. Egal welche Krankheit: Entweder hat sie niemand, oder wir haben sie alle. Ich glaube, ich war ein ganzes Jahr lang nicht einen Tag erkältungsfrei.«
»Aber Sie sind geblieben.«
»Ich bin geblieben, und es wurde schon bald deutlich besser. Ich legte mir eine englische Freundin zu.«
Dan grinste wie ein frecher Schuljunge, und Charlotte merkte, wie ihr Körper darauf reagierte, ein unerwartetes Zucken im Bauch, das sich angenehm von den qualvollen Krämpfen der letzten Wochen unterschied.
»Das ist meine erste Reise nach Hause, seit ich vor fünfzehn Jahren von hier weggegangen bin. Und es wird meine letzte sein. Ich darf nicht allzu viel darüber nachdenken, sonst werde ich ganz … verrückt.« Er atmete langsam und geräuschvoll aus. »Chief Medical Officer von Tuga, sobald mein Onkel Saul in Rente geht.«
»Realistischer geht es nicht.«
»Ganz schön krass, zumal wenn man bedenkt, dass die Insel mich überhaupt nur aus diesem Grund nach England geschickt hat: damit ich eines Tages zurückkehre und diesen Posten übernehme. Es ist nicht so, als würde ich meine Insel nicht lieben, ich liebe Tuga de Oro sogar sehr und möchte hier gern als Gemeindearzt arbeiten. Menschen liegen mir generell am Herzen, und diese hier besonders, aber … irgendwie kam der Zeitpunkt für meine Rückkehr so plötzlich.«
»Ich glaube, ich tue mich eher schwer mit Menschen«, gestand Charlotte zu ihrer eigenen Überraschung.
»Meinen Sie? Ich finde, Sie schlagen sich ganz gut.« Dan drehte ein wenig den Kopf, um sie anzusehen, und sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. »Na gut, ich glaube Ihnen. Menschen sind eher nicht so Ihr Ding, Molche schon. Verstanden. Aber warum Tuga? In all den Jahren, die ich in England war, sind mir ungefähr … ach, vielleicht zwölf Leute begegnet, die schon mal von Tuga gehört hatten, und ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der hierherziehen wollte. Sie hätten doch auch auf … sagen wir den Galapagos-Inseln Schildkröten erforschen können. Oder auf den Seychellen. Irgendwo, wo man leichter hinkommt. Wo es einen Flughafen gibt.«
»Ich ziehe ja nicht für immer her, es ist nur für ein Jahr. Lange Geschichte.«
»Es steckt immer eine lange Geschichte dahinter. Tuga zieht die Leute magisch an, es ist manchmal ein bisschen wie beim Jerusalem-Syndrom. Sie laufen vor irgendwas davon oder sind auf der Suche.« Sein Akzent war weder besonders britisch noch unbritisch. Jetzt verfiel er jedoch in den förmlichen Tonfall eines BBC-Reporters: »Nun die Frage an Sie, Charlotte Walker.« Er streckte ihr ein imaginäres Mikro entgegen. Das ist so abgedroschen, dachte Charlotte ungläubig. Dieser Kerl war manchmal furchtbar kitschig und altmodisch und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – sehr attraktiv. »Wie kommt es, dass eine schöne junge Postdoktorandin aus London auf dem Weg in die abgelegenste Inselgemeinde der Welt ist? Was von beidem sind Sie? Eine Flüchtende oder eine Suchende?«
Beides, dachte sie, verunsichert davon, wie sehr seine Frage den Nagel auf den Kopf traf.
»Keins von beidem, ich bin nur die neue Martha-Philips-Stipendiatin. Eine einmalige Gelegenheit, zumal ich schon immer Forschungsarbeit leisten wollte, die wirklich etwas bewirkt. Naturschutzprojekte sind überall wichtig, aber die Ökosysteme abgelegener Inseln sind besonders fragil. Sie wären schockiert, wenn Sie wüssten, wie viele stark gefährdete Arten keinerlei Aufmerksamkeit bekommen, keinerlei finanzielle Mittel, gar nichts. Sie werden auf einer Liste vermerkt, das wars. Und dann tut sich eine Chance wie diese auf, die Chance, eine Art genauer zu untersuchen und zu verstehen. Goldmünzschildkröten scheinen keine engen Verwandten mehr auf dieser Welt zu haben, evolutionsbiologisch gesehen bilden sie derzeit also vermutlich eine eigene Linie.« Während sie redete, spürte sie, dass sie zu sich selbst zurückkehrte, dass sie wieder sicheren Boden betrat, die Orte in ihrem Inneren aufsuchte, die wirklich wichtig waren. »Ein wissenschaftlicher Aufsatz, den ich schon vor Jahren über seltene Schildkrötenarten geschrieben habe, wurde im letzten Jahr nachträglich veröffentlicht, und dann ergab sich völlig unerwartet das Stipendium. Ich war mehr als bereit, wieder in die Feldforschung zu gehen. Das Ganze war ein Glücksfall, wie auf mich zugeschnitten. Zwölf Monate volle Förderung inklusive Unterbringung und Überfahrt auf diesem Schiff. Soweit ich es verstanden habe, muss man die Passage normalerweise Jahre im Voraus buchen.«
»Und viele tausend Pfund dafür hinblättern.«
»Genau, das kommt noch dazu. Die finanzielle Ausstattung des Stipendiums ist scheinbar recht üppig. Es handelt sich um ein neues Naturschutzprojekt zu Ehren einer Insulanerin. Martha Philips war offenbar eine wichtige Inselälteste. Stimmt das?«
Im Dunkeln sah sie, wie Dan erneut lächelte. Seine Augen spiegelten funkelnd das Licht der Sterne wider, und sie fand, dass seine Grübchen Schwarzen Löchern glichen, in die man nicht hineinfallen durfte. Sobald sie von diesem Höllenkahn herunter war, konnte sie wieder arbeiten, und mit der Arbeit würde ihr inneres Gleichgewicht zurückkehren.
»Martha ist immer noch eine hochbetagte Tuganerin. Sie werden sie bald kennenlernen.«
»Wirklich? Das hat mir niemand erzählt! Ich freue mich schon darauf, mit den älteren Bewohnern der Insel zu sprechen. Sie können mir vielleicht sagen, ob sich der Lebensraum der Goldmünzschildkröten mit den Jahren verschoben hat oder geschrumpft ist. Und mich würde auch interessieren, ob sich noch jemand auf der Insel an die Zeiten erinnert, als diese Schildkröten als Fleischlieferanten getötet wurden.«
»Na ja, ich weiß nicht, wie erfolgversprechend ein solches Gespräch mit Martha wäre, aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie sie kennenlernen werden.« Dan trank sein Glas leer. »Die Verspätung, das aufgewühlte Meer, die Tatsache, dass wir den Island Day verpasst haben … dadurch fühlt sich meine Rückkehr irgendwie noch realer an. Solche Unwägbarkeiten sind typisch für Tuga. Inseln zwingen einen dazu, die Illusion über Bord zu werfen, man könnte irgendetwas kontrollieren.« Er stand abrupt von seinem Stuhl auf. »Möchten Sie auch noch was trinken? Ich hole mir einen Brandy, bevor das Feuerwerk beginnt.«
»Ich trinke normalerweise keinen Alkohol. Der verträgt sich nicht mit meinem Kontrollzwang.«
»Ist auch besser, wenn Sie heute abstinent bleiben. Ihre letzte größere Dosis Promethazin ist noch nicht lange her. Nicht dass Sie mir ins Koma fallen. Ich hole Ihnen einen Saloop.«
Als Dan zurückkam, gab er ihr eine Teetasse mit einer zähen veilchenblauen Flüssigkeit.
»Danke. Sieht ziemlich schrecklich aus, wie Erkältungssirup. Mir ist übrigens etwas aufgefallen: Immer, wenn Sie über Tuga reden, wechseln Sie zwischen ›wir‹ und ›sie‹.«
Er nahm einen Schluck von seinem Brandy und seufzte stirnrunzelnd. »Ich kehre nach fünfzehn Jahren Weltall auf die Erde zurück, in die Realität der abgelegensten Insel der Welt. Wahrscheinlich werde ich eine ganze Weile brauchen, bis ich … bis ich vollkommen verstanden habe, wo ich bin. Dass Sie auch hier sein werden, ist für mich eine große Erleichterung, das gebe ich offen zu. Eine Astronautenkollegin.«
Sie saßen schweigend in einer Stille, die keine war, denn die Wellen schlugen gegen die hohe Flanke des Schiffs, und hinter ihnen knarrten die Rettungsboote. Charlotte stieß mit ihrer Teetasse gegen Dans Glas und wandte sich der unsichtbaren Insel zu. Ihr kam der Gedanke, dass für den Rest der Welt vermutlich Tuga das außerirdische Element darstellte. Die extreme Isolation der Insel war ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität.
Wie üblich versuchte Charlotte, mit ihrer Grübelei die heimtückischeren Gewässer ihrer Gefühle zu umschiffen. Dan Zekri mochte die Realität vor sich haben, sie selbst hatte sie hinter sich – die Realität einer fast dreißigjährigen Frau, die allein in der Souterrainwohnung des Hauses ihrer Mutter wohnte. Und diese fast dreißigjährige Frau hatte vor fünf Monaten im Zuge eines ansonsten unauffälligen Gesprächs eine erste Wahrheit über ihren Vater erfahren.
Dazu gekommen war es während der alljährlichen Weihnachtsfeier – Champagner, Backpflaumen im Speckmantel, Schottenmuster, Weihnachtssterne mit Goldschleifchen, zu viel blumiger Kerzenduft in der abgestandenen Luft und ein Wohnzimmer voller Gäste, deren Bekanntschaft Lucinda pflegte, weil sie sich berufliche Vorteile davon versprach. Rückblickend hatte es von allem zu viel gegeben – zu viel Essen, zu viel Gerede, zu viel Lärm. Die Stimmung war überhitzt gewesen. Charlotte hatte Lucindas Arm gedrückt und sarkastisch bemerkt: »Sieh dir an, was du dir alles allein aufgebaut hast. Mein Vater ist selbst schuld, dass er uns sitzengelassen hat und das alles verpasst.« Ihre Mutter hatte sie auf die Wange geküsst, mit ihrem Glas Veuve Clicquot gegen Charlottes Sprudelglas gestoßen und gesagt (warum gerade in diesem Moment? Warum überhaupt?): »Ach, du liebes Mädchen, sei doch nicht so naiv. Du brauchst dich nicht zurückgewiesen fühlen und in Selbstmitleid versinken. Ich habe ihm nie erzählt, dass ich schwanger war! Wir hatten keine feste Beziehung, und er hat mich auch nicht mit Babybauch sitzengelassen wie irgend so ein Schuft aus einer Seifenoper, oder was auch immer du dir da in deiner Fantasie zusammengesponnen hast. Du warst mein größter Schatz, da wäre ich niemals ein solches Risiko eingegangen. Er ist dahin zurückgekehrt, wo er herkam, und ich habe ihn einfach nie wieder kontaktiert. Er stammte vom hintersten Ende der Welt, Liebling.«
Eine lebenslange Lüge, zertrümmert auf dem Boden. Ihre ganze Identität hatte sich um eine schmerzende Abwesenheit herum entwickelt, und jetzt stürzte diese Identität in sich zusammen. Ihr Vater war kein Sünder gewesen, sondern ein Mensch, an dem sich ihre Mutter versündigt hatte. Sie hatte ihm nie die Chance gegeben, sich ihren Ansprüchen als würdig zu erweisen. Charlotte war von frühester Kindheit an zwischen der Sehnsucht nach ihrem Vater und dem Hass auf ihn hin- und hergerissen gewesen. Lucindas Schildkrötentorte aus Biskuit war die Hauptattraktion ihrer Party zum sechsten Geburtstag gewesen, aber sie hatte Charlotte nicht über den Schmerz hinweggetröstet, den sie empfand, als sie ihre Freundin Olivia Perez auf den Schultern ihres Vaters eintreffen sah – er hatte sie über die Pfützen getragen, damit ihre neuen Schuhe nicht nass wurden. Olivias kleine Finger, die sich im Haar ihres Vaters festkrallten, die leise Stimme, mit der er Lucinda erklärte, dass Olivia keine Geburtstagsfeiern ohne Eltern möge und es vorziehe, dass er dableibe – das alles hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Und er war tatsächlich geblieben und hatte sich nützlich gemacht, während Olivia in regelmäßigen Abständen zu ihm hinübergetänzelt war und sich in die abgeschirmte Sicherheit seines Schoßes geflüchtet hatte, um anschließend zurückzurennen und eine Tiersendung mit den anderen zu schauen. Es war um Chinchillas, Kaninchen und Laubfrösche gegangen, aber Charlotte hatte den Blick nicht von Olivias Vater abwenden können, von diesem ungezwungen auftretenden, lächelnden Mann, der mit seinen gewaltigen Pranken kleine Pappteller mit Schildkrötentorte herumreichte. Er hätte seine Tochter nie verlassen, nicht einmal auf einer Geburtstagsfeier, nicht einmal für eine Stunde. Aber wer wusste schon, was für ein Mann Charlottes Vater war? Vielleicht hätte auch er bereitwillig beim Stopptanz mitgemacht.
Nach dem aufwühlenden Gespräch mit ihrer Mutter hatte sich Charlotte wie immer in die Arbeit gestürzt, und im Rahmen ihrer Tätigkeit als Herpetologin hatte sich ihr aus heiterem Himmel dieses bizarre, einsame Inselabenteuer angeboten – als hätten ihre tiefsten Wünsche es heraufbeschworen. Lucinda würde es ihr nicht verübeln können, dass sie angenommen hatte, denn Feldstudien waren das unanfechtbare Recht einer Tierforscherin. Niemand würde ihr etwas anderes als den Wunsch nach beruflicher Weiterentwicklung unterstellen können. Die Arbeit würde ihr ihre Identität zurückgeben. Sie würde sie retten, ob ihr Vater nun von Tuga de Oro stammte oder nicht.
Die Erinnerung an jene schreckliche Weihnachtsfeier verblasste bereits, denn diese Tropennacht war das genaue Gegenteil: Weite und Himmel, Ozean und Leere. Charlotte sah sich um. Hier saß sie nun also, am Ende der Welt.
Dan und sie lehnten sich Seite an Seite auf ihren Plastikstühlen zurück, die Beine ausgestreckt. Dan berührte flüchtig ihren Fuß. In diesem Moment explodierte der Himmel über ihnen in Rubinrot und Smaragdgrün.
Tuga de Oro lag über dreitausend Kilometer von der nächsten Landmasse und über zehntausend Kilometer von England entfernt, und wenn sich dennoch unerschrockene Reisende näherten, war ihre Ankunft keineswegs garantiert, denn der kleine Hafen der Insel hatte kaum Tiefgang und war selbst in der Island-Open-Saison weniger als die Hälfte der Tage erreichbar. Das Versorgungsschiff, auf dem Charlotte angereist war, legte während Island Open ungefähr einmal im Monat an und brachte lebensnotwendige Transportgüter sowie die wenigen Passagiere auf die Insel, die das Glück gehabt hatten, eine Passage zu ergattern. Reisen nach oder von Tuga mussten meist Jahre im Voraus geplant und unerwartete Änderungen des Zeitplans miteinkalkuliert werden. Ein Öltanker kam regelmäßig vorbei, um die Dieseltanks aufzufüllen, und hin und wieder ankerten auch Segeljachten vor der Insel, entweder mit Touristen, die Tuga auf ihrer Bucket List hatten, oder Abenteurern auf Weltumrundung. Das Eintreffen dieser Besucher stieß stets auf großes Interesse, zumal sie ein hochwillkommenes Zusatzeinkommen bedeuteten. Während des halben Jahrs, in dem Tuga für den Schiffsverkehr geöffnet war, lag das Meer oft glatt und schimmernd da wie eine Glasscheibe, doch seine Sanftmut war schwer vorherzusagen, und es hatte schon Schiffe gegeben, die wochenlang in den Tangwäldern vor der Küste geankert und darauf gewartet hatten, endlich ausladen zu können, nur um irgendwann aufzugeben und die Heimreise anzutreten. Mit typisch tuganischem Understatement bezeichneten die Bewohner die Hurrikan-Saison, die ihre Insel von Ende Juni bis Anfang Dezember vollkommen isolierte, als »Island Close«.
Charlottes Reisepass war an Land gebracht und für zufriedenstellend erklärt worden. Man würde die Einreise per Stempel und Unterschrift genehmigen und ihr das Dokument dann »nach Hause« zustellen, wie es hieß. Charlotte fühlte sich bemüßigt, zu erklären, dass sie noch nicht wusste, wo ihr Zuhause auf der Insel sein würde. Die Organisatorin des Stipendiums, Joan Williams, hatte ihr in einer E-Mail mitgeteilt, sie verstehe Charlottes Widerwillen dagegen, bei einer Familie zu wohnen, man werde ihr ein Häuschen organisieren, von dem aus sie New Recife, den einzigen größeren Inselort, zu Fuß erreichen könne. In ihrer darauffolgenden Korrespondenz war es dann nur noch um Schildkröten gegangen.
Elsie, die Zollbeamtin der Insel, war während des Frühstücks an Bord gekommen und hatte sich zu Dan, Charlotte und den anderen Passagieren in die Messe gesellt. Es handelte sich um eine breitschultrige junge Frau, die zerschrammte Arbeitsstiefel mit Stahlkappen und einen Overall trug, auf dessen Revers in handgestickten orangefarbenen Buchstaben »Elsie Customs« stand. In der Schule war Elsie einige Jahrgänge unter Dan gewesen, weshalb sie in seiner Gegenwart ein wenig eingeschüchtert wirkte.
»Es ist mir eine große Ehre, Doktor Zekri«, hatte sie ehrerbietig gesagt und den Rücken gestrafft. Charlotte hätte sich nicht gewundert, wenn sie zusätzlich salutiert hätte.
Elsie hatte Charlotte mitgeteilt, sie werde im Mendoza-Haus untergebracht wie alle wichtigen LVAs (»Leute von außerhalb«, wie Dan ihr erklärte). Dann hatte sie ihr baldige Erholung von der Seekrankheit gewünscht, die Charlotte ihr gegenüber gar nicht erwähnt hatte, und ihr das Ingwerbrot einer gewissen Marianne Goss als Heilmittel empfohlen.
»Wenn Sie sich ein wenig eingelebt haben, Doktor Walker und Doktor Zekri, würde ich Ihnen gern meinen Roten Teju zeigen«, hatte Elsie hinzugefügt.
»Sie wird also bei Levi Mendoza unterkommen«, hatte Dan mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck wiederholt und Elsies Einladung bezüglich der Riesenechse ignoriert. Die Zollbeamtin hatte genickt und sich eine Birne vom Tisch genommen, die sie in eine Papierserviette gewickelt und anschließend in einem ledernen Beutel mit Reißverschluss verstaut hatte, den sie um die Taille trug.
»Ich richte Marianne aus, dass sie Ihnen ein paar Ingwerkekse backen soll, ja?«, hatte Elsie gesagt, und Charlotte hatte sich bedankt und hinzugefügt, es sei ihr selbstverständlich eine Freude, einheimische Echsen kennenzulernen, ob nun wild oder domestiziert. Elsie war zum nächsten Tisch weitergegangen.
»Erste tuganische Bauchtasche«, hatte Charlotte gemurmelt, nachdem die Zollbeamtin außer Hörweite war.
»Die erste von vielen.« Dan hatte die letzten Bissen seines Omeletts aus Eipulver gegessen. »Ich warne Sie lieber jetzt schon: Meine eigene Bauchtasche wird bestimmt auch bald aus dem Ruhestand zurückgeholt. Meine Güte, Marianne Goss war ungefähr zwölf, als ich weggegangen bin! Und Elsie hatte noch Milchzähne. Ich fühle mich plötzlich furchtbar alt.«
Jetzt trug Charlotte eine stark nach Feuchtigkeit riechende Rettungsweste und saß Schulter an Schulter mit Dan im Heck eines Tenderboots. In wenigen Minuten würde sie wieder festen Boden unter den Füßen haben. Hier war er nun also, der Ort, den sie sich so oft ausgemalt hatte – ihr war, als würde vor ihr im Ozean die berühmte Schatzinsel funkeln. Tuga de Oro würde ihr … was? Ein interessantes Forschungsgebiet liefern, eine Zuflucht, Antworten. Abenteuer, Freiheit. Eine Insel, die nur so groß war wie eine englische Grafschaft, eine Miniaturwelt und doch unendlich stolz auf das reiche kulturelle Erbe, das sie auf der Welt einzigartig machte. Eine verschworene Gemeinde, die auf Zusammenhalt und Solidarität fußte und deren Gründer teilweise mit Absicht, teilweise durch schwere Schicksalsschläge oder glückliche Zufälle hier gelandet waren.
Die hundertdreißig Quadratkilometer dichten Regenwalds waren unbewohnt gewesen, bis die Familien Lindos, Mendoza und Altaras von Recife hierher geflüchtet waren, in Bedrängnis gebracht von den antisemitischen Auswüchsen der portugiesischen Eroberer Niederländisch-Brasiliens. Auf ihrem Weg nach Curaçao hatten sie an dieser eigentümlichen Insel in ihren aufgewühlten Gewässern Halt gemacht, um ihre Süßwasservorräte aufzustocken, und waren kurz entschlossen geblieben. Verfolgt wurden sie hier nur von der Sonne, dem Meer und der Einsamkeit, was ihnen als fairer Tausch für die Chance auf eine echte Heimat erschien. Jene ersten Siedler fanden keine Hinweise auf menschliche Bewohner und beanspruchten die Insel von niemandem als der Mutter Natur, die sie zu respektieren versprachen. Es gab nicht einmal Spuren von einheimischen Säugetieren, Fledermäuse einmal ausgenommen. Sie waren also tatsächlich der Anfang von allem auf diesem einsamen Eiland.
Doch Bewohner ziehen weitere Bewohner an. Diese Insel hatte Jahrtausende darauf gewartet, besiedelt zu werden, und dann trafen kaum ein halbes Jahr nach diesen ersten Ankömmlingen die Engländer ein und versuchten, einen Stützpunkt zu errichten. Das Vorhaben wurde aufgegeben, als man feststellte, dass es keinen verlässlichen Hafen gab, ein Beschluss, der für die kurz zuvor eingetroffenen Siedler sicher eine große Erleichterung war. Einige britische Männer entschieden sich dennoch zum Bleiben, vielleicht aufgrund des Klimas, vielleicht aber auch wegen der Töchter der Familien Altaras und Mendoza.
Die beiden Gruppen kamen zu einer weitgehend friedlichen Übereinkunft, da kräftige Männer auf der Insel gebraucht wurden und man zum Überleben auf das Zusammenwirken aller angewiesen war. Abraham Mendoza und William Smith setzten an einem Tag, der zum ersten Island Day werden sollte, die Verfassung auf, und Tuga de Oro war geboren.
Die heutigen Tuganer stammten fast alle von mehreren oder allen der folgenden Volksgruppen ab: sephardischen Juden, die im siebzehnten Jahrhundert aus dem heutigen Brasilien geflohen waren, britischen Soldaten, die – entzückt von den sephardischen Mädchen – den Dienst quittiert hatten und von Bord gegangen waren, vier an Skorbut erkrankten Niederländern, die man zum Sterben an Land gebracht hatte, die jedoch Ananas gegessen und so überlebt hatten, neun nigerianischen Igbo-Sklaven aus Aba, die eine Schiffskatastrophe überlebt hatten, drei puritanischen amerikanischen Walfängern, die zufällig an der Insel vorbeigekommen waren, Igbo-Frauen geheiratet hatten und geblieben waren, und später einer Bootsladung osteuropäischer Flüchtlinge, denen die offiziell herrschenden Briten in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs die Landegenehmigung verweigerten und die dennoch von den Tuganern an Land geholt wurden, weil man wusste, dass Island Close die Deportation dieser armen Leute durch die Nazis verhindern würde.
Die überwältigende Mehrheit der ungleichen Gründerväter hatte gemeinsam, dass sie vor dem mörderischen europäischen Kolonialismus geflohen war und kein Interesse daran hatte, dessen Fehler zu wiederholen. Tuga war daher nicht nur eine kollektivistische Gemeinde, sondern auch eine weitgehend atheistische. Hier fühlte man sich einem rationalen Humanismus verpflichtet, der nicht die Religion, sondern die Vernunft sowie Fakten und Mitgefühl in den Mittelpunkt stellte. Und obwohl die Schließung des Suez-Kanals in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zu der pragmatischen Entscheidung führte, ein britisches Überseegebiet zu werden (was garantierte, dass ein jährliches Versorgungsschiff vorbeikam und den nun verringerten Verkehr von Handelsschiffen in der Region ersetzte), wurde die Insel später wieder weitgehend selbstverwaltend und autonom.
Und zu dieser Ansammlung von Menschen, die vorsätzlich oder zufällig auf Tuga de Oro gelandet waren, gesellte sich nun auch noch Charlotte Walker, studierte Tierärztin und Naturwissenschaftlerin, Mitglied im Veterinärverband des Vereinigten Königreichs, Doktorin der Herpetologie. Mütterlicherseits entstammte sie der oberen Mittelschicht und hatte angelsächsische Vorfahren. Was die Abstammung ihres Vaters anging, konnte sie nur spekulieren.
Kein Gebäude war höher als zwei Stockwerke. Die Häuser, die sich am Meer entlangzogen, waren niedrig und bonbonfarben – helltürkis, zitronengelb, Marshmallow-rosa, dunkellila, ockerbraun. Sie hatten dicke Wände und kleine Fenster, waren gebaut, um Hitze, Regen und Wirbelstürmen zu widerstehen. Ihre Dächer bestanden aus Palmstroh und wirkten, als hätten sie schon bessere Tage gesehen, wurden jedoch sorgfältig instand gehalten und repariert, wenn Schäden durch Wettereskapaden oder Salzerosion entstanden. Als das Boot ein wenig näher herangefahren war, erkannte Charlotte, dass die Küstenstraße, um die sich die Ansiedlung gruppierte, gepflastert war. Auf der einen Seite gingen die Pflastersteine einfach in weißen Sand über, und genau an dieser Stelle stand eine vertraute rote Londoner Telefonzelle unter den Palmen – eine kräftige Primärfarbe unter all den gedeckten Pastelltönen –, die die Widersprüchlichkeit dieses Orts perfekt zum Ausdruck zu bringen schien. Jenseits der Telefonzelle erstreckte sich sattgrüner Dschungel.
Am anderen Ende der Straße reihten sich die öffentlichen Gebäude aneinander, das Old Kal, die Residenz und das Zollhaus. Bei Letzterem handelte es sich um ein ehemaliges Herrenhaus, dessen gesamte Fassade anlässlich einer längst vergangenen Feier mit dem Union Jack bemalt worden war. Durch Salz und Wind waren jedoch nur noch blasse Anklänge der patriotischen Farben übrig. Überall, wo Charlotte hinsah, wehte die Flagge des Überseeterritoriums. Sie bestand aus einem Union Jack in der einen Ecke und dem Wappen Tuga de Oros vor blauem Hintergrund auf der restlichen Flagge. Auch wenn Charlotte aus der Ferne keine Details erkennen konnte, war sie mit dem Wappen vertraut, denn sie hatte zu Hause fleißig recherchiert: Es wurde von einer Goldmünzschildkröte, einer Kokospalme und einer Kette aus jenen echten blau schimmernden Perlen geziert, die im achtzehnten Jahrhundert das kurze Goldene Zeitalter der Insel eingeläutet hatten, bis zum unerwarteten und verheerenden Aussterben der tuganischen Meeresschnecke. Charlotte ließ den Blick schweifen. Der Rest von New Recife versteckte sich weiter im Landesinneren, nur hin und wieder war entlang schmaler Gässchen ein Blick auf die Behausungen zu erhaschen, die sich die sanften Hügel hinauf erstreckten.
Dan redete unablässig mit ihr, erklärte ihr gerade einen Brauch, der am sogenannten »Shrove Tuesday« stattfand: Vom Dach des Zollhauses wurde ein mit Schafwolle verstärkter großer Pfannkuchen zu einer Ansammlung von Kindern hinuntergeworfen, woraufhin sich diese um das größte Stück balgten, das anschließend gewogen und gegen einen Preis eingetauscht wurde. Er überlegte, ob Charlotte wohl davonkommen würde, ohne dass man beim Lammen ihre Hilfe einforderte. Während er sprach, suchten seine Augen nervös die Küstenlinie ab. Sein Bein hüpfte neben ihrem auf und ab, und er ließ die Fingerknöchel knacken.
»Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit«, sagte sie leise und war überrascht, als er nach ihrer Hand griff und sie drückte. Dann stand er abrupt auf, als hätten ihre Worte ihm Kraft verliehen, wobei er die erschrockene Charlotte fast über Bord beförderte. Breitbeinig und winkend ging er am Bug des Schiffs in Position.
»What, ho!«, rief er laut, »what, ho!« Und es klang wie hundert Stimmen, als der Ruf zurückschallte: »What, ho! What, ho!«
Charlottes Kamera und ihr ausgeschaltetes Smartphone befanden sich fest verpackt und unerreichbar in ihrer Reisetasche, was sie nun bereute, denn sie hätte gern jedes Wort in Erinnerung behalten, alles aufgenommen und gefilmt, sich jede Person und jede Miene genau eingeprägt. Dies war der alles entscheidende Moment. Erst jetzt, da sie die Beige- und Grautöne der Schiffskabine hinter sich gelassen hatte und dieses überwältigende, farbenfrohe Panorama vor sich sah, das goldene Licht, das erst auf tiefblaues und dann auf türkisfarbenes Wasser traf, wurde ihr die enorme Tragweite dessen bewusst, was sie getan hatte. Schwindel machte sich in ihr breit. Dann waren sie angekommen, und der Bootsführer warf eine Tauschlinge an Land, sprang hinterher und zog das Tenderboot an den Kai. Dan machte einen großen Schritt an Land und wandte sich zu Charlotte um. Sie holte tief Luft, ergriff seine ausgestreckte Hand, und mit der rauen, eiförmigen Walnussschale in der anderen Hand betrat sie Tuga de Oro.
Jubel und Applaus brandeten auf, als sie sich der wartenden Menge näherten. In Charlottes Ohren klang es wie ein ganzes Fußballstadion, obwohl es in Wahrheit nur um die vierzig Personen sein konnten, die dort standen und schrien, klatschten und stampften. Sie gab sich nicht der Illusion hin, dass es dabei um sie ging – die unbändige Freude der Menschen galt Dr. Dan Zekri, dem heimgekehrten Sohn der Insel. Sprechchöre wurden angestimmt: »Zek-ri! Zek-ri!«
»Ich habe keine Ahnung, wer gekommen ist, um mich abzuholen!«, rief sie gegen den Lärm an und ließ den Blick über die Gesichter schweifen, während ihr das Herz bis zum Hals klopfte.
»Alle sind gekommen, um Sie abzuholen!«, rief Dan zurück, ohne sich umzudrehen, und rannte dann mitten in die Menge hinein, die sich um ihn schloss. »Ke haber!«, hörte sie immer wieder. »Ke haber!« Charlotte hatte sich bisher an ihm orientiert und stand nun unsicher da und beobachtete die Szene.
Ein Teil des Brimboriums, das hier veranstaltet wurde, schien auch ihr zu gelten. Eine Blaskapelle, die sie bisher überhaupt nicht bemerkt hatte, stimmte Big Ship von Cliff Richard an, und zwei kleine Mädchen in hübschen Kleidchen begannen, helle Frangipani-Blüten vor ihren Füßen zu verstreuen. Charlottes Blick fiel auf ein drittes Mädchen, das ihr einen Glasteller hinhielt. Darauf befanden sich – wie das Mädchen mit leiser Stimme erklärte – Feigengeleewürfel, fein säuberlich aufgereiht. Ein winziger Junge mit gestärktem Hemd und Fliege trat nach vorn, um Charlotte einen Strauß weinrote Callas zu überreichen und seinen einstudierten Text loszuwerden: »Willkommen auf der Insel, Doktor Walker.« Dann fügte er mit vollkommen anderer Stimme hinzu: »Aber die ist doch viel zu mickrig, um sich um unsere Kühe und Bullen zu kümmern, oder?« Daraufhin wurde der Junge von einem etwas älteren Mädchen weggezogen, vielleicht seiner Schwester. Jetzt verstand Charlotte, warum Dan und sie allein mit dem ersten Tenderboot vorausgeschickt worden waren, zusammen mit den sehnlich erwarteten Postsäcken: Sie waren die VIPs des Schiffs.
Das Gedränge um Dan löste sich ein wenig auf, und sie erhaschte einen Blick auf ihn, wie er hinuntergebeugt dastand, umschlungen von einer älteren Frau, die vermutlich seine Mutter war. Die Frau machte einen Schritt nach hinten, um ihn anzusehen, wobei ihre Hände auf seinen Schultern ruhten. Lusi Zekri lachte und weinte und schüttelte den Kopf, und auch Dan hatte Tränen in den Augen. Charlotte nahm an, dass der rundliche, lächelnde Mann neben Lusi Dans Onkel war, Dr. Saul Gabbai. Sein Vater konnte es nicht sein, denn der war vor fünf Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen, wie Charlotte wusste, und Dan hatte nicht zur Beerdigung nach Hause reisen können, weil so kurzfristig keine Schiffspassage frei gewesen war. Und selbst wenn er eine ergattert hätte, hätte er sich unmöglich die vielen Monate freinehmen können, die eine Hin- und Rückreise in Anspruch nahm. Zumal er sich als Assistenzarzt nicht mehrere tausend Pfund für die Überfahrt hätte leisten können. Sein Vater war ohnehin auf See gestorben, es gab also keinen Leichnam, den man der Erde übergeben konnte. All dies musste ihnen nun durch die Köpfe gehen, während sie sich umarmten, dieser trauernden Mutter und ihrem Sohn, die sich erst jetzt gegenseitig Trost spenden konnten.
Die Internetverbindung war auf Tuga selten gut genug für ein Videotelefonat, und so hatte Dan seine Mutter seit seiner Abreise nur auf den Fotos gesehen, die sie mühsam hochgeladen und ihm per E-Mail geschickt hatte, Fotos von Hochzeiten oder Gemeindefesten, auf denen sie nur ein kleines Gesicht in der Menge gewesen war. Fünfzehn Jahre waren seit ihrer letzten Umarmung vergangen.
Charlotte war inzwischen von Kindern umringt, die sie neidisch dabei beobachteten, wie sie ihren ersten Geleewürfel probierte. Sie konnte nicht umhin, das Gespräch zwischen Dan und seiner Mutter mitanzuhören.
»Ich kann nicht glauben, dass du hier vor mir stehst, es ist wie ein Traum! Ich hätte nie gedacht, dass du tatsächlich kommst. Schau dich an, mi vida! Und du bleibst wirklich hier?« Lusi hielt das Gesicht ihres Sohns zwischen den Händen.
»Ich übernehme doch die Klinik. Chief Medical Officer, es gibt kein Zurück.«
»Ich weiß, ich weiß. Ach, ich kann es einfach nicht fassen! Vielleicht realisiere ich es erst so richtig, wenn Island Open ist und deine wunderbare Katie eintrifft. Dann tanze ich auf eurer Hochzeit und kapiere vielleicht endlich, dass du wieder hier bist. Saul, ist das nicht unglaublich?« Der Mann neben ihr nickte, wirkte jedoch zu ergriffen, um sprechen zu können. Auch sein Leben würde sich durch Dans Rückkehr vollkommen verändern.
Charlotte starrte zu den dreien hinüber. Sie konnte nicht so tun, als hätte sie nichts gehört, zumal Dans Mutter und Onkel sie nun mit einem strahlenden Lächeln willkommen hießen und in ihre Wiedervereinigung miteinbezogen. Ihre Freude machte sie großzügig, sie schäumten über vor Glück und wollten es mit allen teilen. Bevor sich die kleine Gruppe von Charlotte abwandte und davonging, warf Dan ihr noch einen verstohlenen Blick zu, und der beschämte, entschuldigende Ausdruck in seinem Gesicht war ihr Bestätigung genug.
Die Kinder zerstreuten sich, und Charlotte sah sich um und entdeckte einen Mann, der ungefähr so groß war wie sie und sie stirnrunzelnd anstarrte. Unter seiner rosa Baseballkappe quollen dicke dunkelgraue Locken hervor, zwischen denen Charlotte zwei leuchtend grüne Augen erkannte. Auch er hatte tuganische Grübchen, die Charlotte allerdings erst sehr viel später kennenlernen sollte, denn sein ernster Ausdruck blieb vorerst unverändert. Er schüttelte ihr kurz und fest die Hand.
»Garrick Williams. Der Inselgeistliche.«
»Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Na ja, ebenso … wobei nichts von alldem mit mir zu tun hat. Meine Frau Joan hat mir aufgetragen, Sie abzuholen. Sie organisiert das Stipendium.«
»Ach ja, Joan war mir wirklich eine große Hilfe!«, versicherte Charlotte. Die Unfreundlichkeit des Mannes verunsicherte sie. Sie versuchte es mit einem schiefen Lächeln, das nicht erwidert wurde.
»Ein bisschen weniger Hilfe hätte es auch getan, finde ich, aber das lässt sich nun nicht mehr ändern. Es tut ihr leid, dass sie heute nicht selbst kommen konnte, aber wie gesagt, sie ist verhindert. Haben Sie Gepäck bei sich, oder wird alles geliefert? Kommen Sie, wir müssen hier entlang.«
Die eintreffenden Passagiere mochten den Island Day verpasst haben, aber es hing noch überall die Feiertagsdekoration – rot-weiß-blaue Wimpelgirlanden, die zwischen merkwürdig großen viktorianischen Laternenpfosten gespannt waren. Die Laternen trugen Königskronen, genau wie die Originale aus Kensington, nach deren Vorbild sie gegossen worden waren. Sie waren höher als manches Gebäude, das sie beleuchteten, zehn an der Zahl entlang der bonbonfarbenen Häuser der Harbour Street, eine Spende des London Electricity Board aus den 1990er Jahren und inzwischen solarbetrieben, wie vieles auf der Ostseite von Tuga de Oro. Charlotte strich im Vorbeigehen mit den Fingerspitzen über die Laternenpfähle, deren Vertrautheit sie befremdete. Sie folgte dem eigenartig feindseligen Garrick die Straße entlang und fühlte sich, als wäre sie nackt und hätte keine Haut. Ihr war ein wenig schwindelig. Sie passierten einen Gemischtwarenladen mit dem Namen Sylvester’s, anschließend Betsey’s Café und einen Souvenirladen, der gleichzeitig das Postamt war und über dessen Tür stand: Tuga de Oro – Heimat der weltweit seltensten Briefmarken. Dann kamen ein namenloser Eisenwarenladen und ein Schaufenster mit einheimischem Kunsthandwerk und Töpferware unter einem schaukelnden handbemalten Schild mit der Aufschrift botika moschaw. Charlotte hatte sich im Internet so häufig Fotos von dieser Uferstraße angesehen, dass sie jedes Gebäude wiedererkannte.
Neben der Hafenmauer klammerte sich ein etwa fünfjähriges kleines Mädchen an seine Mutter und weinte, auch wenn Charlotte nichts davon hörte, weil die Schluchzer von einer steifen Brise aufs Meer hinausgeblasen wurden. Die Mutter bückte sich, um leise mit dem Mädchen zu sprechen, während es seine drallen Ärmchen um ihren Hals schlang. Zwei blonde Köpfe nebeneinander, lange Haare, die sich vermischten. Hinter dem Duo stand ein kräftiger Mann, der sich die Hand vor den Mund hielt. Auch er schien zu weinen.
Charlottes Augen brannten plötzlich, quollen über vor dämlichen, beschämenden Tränen. Sie war keine fünf Jahre mehr alt, und sie selbst hatte ihre Mutter verlassen, um hierherzukommen. Nach der Erschöpfung durch das wochenlange Schaukeln, der Seekrankheit und der emotionalen Überwältigung, endlich auf Tuga de Oro zu sein, sehnte sie sich dennoch schmerzlich nach Lucindas Armen. Seit Weihnachten hatte Charlotte stumm ihre Wut gepflegt, doch nun wünschte sie sich, ihre Mutter würde ihr die Monate des Zorns vergeben. Sie hatte die einzige Person, die für sie da war, vor den Kopf gestoßen.
Garrick drehte sich mit gefurchter Stirn nach ihr um, um zu sehen, warum sie so lange brauchte. Sein Blick folgte ihrem auf die andere Straßenseite hinüber, und sein Ausdruck wurde weicher.
»Rebecca Lindo-Smith. Ihre Mutter wird mit dem Schiff abreisen, sie hat eine Stellung in England angenommen. Solche Abschiede sind schwer für alle Beteiligten. Lassen wir die drei jetzt in Ruhe, hier entlang, wir sind gleich da. Ich habe es ein bisschen eilig, zu Joan zurückzukommen. Kommen Sie, bitte.« Er setzte sich wieder in Bewegung, und Charlotte warf einen letzten Blick zurück und sah, wie die Mutter das kleine Mädchen hochhob und ihr Gesicht an dessen Hals vergrub, während sich die kleinen Beine um ihre Taille schlangen. Der Mann trat vor und umarmte beide. Es war eine Szene, die gleichzeitig Liebe und Schmerz ausdrückte. Charlotte versteckte ihre geröteten Augen hinter ihrer Sonnenbrille und wandte sich ab.
Dort, wo die Straße endete, begann eine unbefestigte Piste, die sich den Hügel hinaufschlängelte und außer Sichtweite verschwand. Hier stand ein schwarzes London-Taxi mit laufendem Motor und offenen Türen bereit. Das vertraute Tuckern des Dieselantriebs wollte nicht recht zum Klatschen der Wellen und zu den schrillen, heiseren Schreien der kleinen weißen Vögel passen, die über ihnen kreisten. Es waren Antarktische Seeschwalben, bleich wie Baumwolle. Noch eine erste Begegnung. Charlotte lauschte und sog tief die Luft ein.
»Taxi!«, rief Garrick, was Charlotte eigenartig fand, denn er stand direkt vor dem Wagen und hatte seine Hand auf die Motorhaube gelegt. Bevor sich Charlotte bei ihm bedanken konnte, hatte er schon kehrtgemacht und war davongegangen.
