Willkommen in der Helix 7 - Bernd Siegel - E-Book

Willkommen in der Helix 7 E-Book

Bernd Siegel

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Beschreibung

Elie wird von einem bösen Traum aus dem Schlaf gerissen. Mit dem ersten Augenaufschlag wird sein Kaffeeautomat aktiviert und fängt an, eine Tasse zu brühen. Daran ist auch nicht das Geringste auszusetzen. Es ist nur ein Beispiel unter zahllosen, das stellvertretend für die ständige Wunscherfüllung in der durchtechnisierten Lebenswelt der Helix 7, seiner Heimat, steht. An jenem Morgen schafft es die Utopie aber nicht, über Elies Zerschlagenheit hinwegzutäuschen. Der Grund ist der Traum, der zwei Angelegenheiten, die ihm schon lange auf der Seele brannten, zurück in sein Leben bringt: seinen Freund Haidar und seine totgeglaubte Mutter. Von hier aus beginnt eine Entdeckungsreise durch eine scheinbar perfekte Zukunft, die viele Fragen aufwirft. Vor allem, wer darüber entscheidet, ob und für wen sie perfekt ist...? Mit dem Roman "Willkommen in der Helix 7" legt der junge Autor Bernd Siegel sein Debüt-Werk vor. Es ist ein klassischer Science-Fiction-Roman in der Hinsicht, dass er den Blick auf die Gegenwart schärfen soll. Zu diesem Zweck wird auch nicht mit humoristischen Passagen gespart. Wer aber auf der Suche nach großen menschlichen Regungen und einer spannenden Handlung ist, wird auch hierbei nicht enttäuscht werden...

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Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Buch

Elie wird von einem bösen Traum aus dem Schlaf gerissen. Mit dem ersten Augenaufschlag wird sein Kaffeeautomat aktiviert und fängt an, eine Tasse zu brühen. Daran ist auch nicht das Geringste auszusetzen. Es ist nur ein Beispiel unter zahllosen, das stellvertretend für die ständige Wunscherfüllung in der durchtechnisierten Lebenswelt der Helix 7, seiner Heimat, steht. An jenem Morgen schafft es die Utopie aber nicht, über Elies Zerschlagenheit hinwegzutäuschen. Der Grund ist der Traum, der zwei Angelegenheiten, die ihm schon lange auf der Seele brannten, zurück in sein Leben brachte: seinen Freund Haidar und seine totgeglaubte Mutter. Von hier aus beginnt eine Entdeckungsreise durch eine scheinbar perfekte Zukunft, die viele Fragen aufwirft. Vor allem, wer darüber entscheidet, ob und für wen sie perfekt ist…?

Mit dem Roman ‚Willkommen in der Helix 7‘ legt der junge Autor Bernd Siegel sein Debüt-Werk vor. Es ist ein klassischer Science-Fiction-Roman in der Hinsicht, dass er den Blick auf die Gegenwart schärfen soll. Zu diesem Zweck wird auch nicht mit humoristischen Passagen gespart. Wer aber auf der Suche nach großen menschlichen Regungen und einer spannenden Handlung ist, wird auch hierbei nicht enttäuscht werden…

Dieses Buch widme ich meinem PC, meinem Smartphone, sowie meinem eBook Reader. Danke für die kleinen Erleuchtungen.

Aber ernsthaft: Thx Mom.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28 (EPILOG)

1

Elie musste sich auch an diesem Morgen ernsthaft die Frage stellen, woher es kam, dass er immer öfters von dunklen und bedrohlichen Orten träumte. Immerhin lebte er – und davon hatte er völlige Gewissheit – in einem Habitat von Licht und Freude; einem Ort von noch nie da gewesener technischer und gesellschaftlicher Raffinesse; in einer architektonischen Funktionseinheit, die, und das nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich, stetig hin zur Sonne wuchs.

Kurz er war Helixianer. Und als Helixianer war er ein Teil der unumkehrbaren Krönung des menschlichen Fortschritts. Und an diesem Punkt der Geschichte war das eben kein falsches Versprechen mehr. Trotzdem fühlte er sich heute Morgen nicht dementsprechend. Vor allem nicht nach diesem Traum.

Elie war erst einen Moment wach gewesen, als er das unverkennbare aber durchaus minimale Surren und Blubbern seines Kaffeeapparats vernahm. Es störte ihn nicht sonderlich, dass er den betriebsamen Barista hören konnte. Dennoch war er gerade davon überzeugt, dass in der Reklame zu diesem Gerät eindeutig die Rede davon war, dass man das Teil wirklich gar nicht bei seiner Arbeit hören sollte.

Vielleicht täuschte er sich aber auch. Viel wichtiger war eben, dass der Kaffee schon gemacht wurde. Denn in der Werbung war nachweisbar die Rede davon, dass die Maschine in Verbindung mit einem Versprechen kam, ein Versprechen, das besagte, dass an jedem Tag der Woche mit dem ersten Augenaufschlag bereits eine fertige Tasse Kaffee auf einen wartete.

Und genauso war es auch heute wieder.

Doch am heutigen Tag brachte ihn der bereits fertiggebrühte Kaffee, der nur fünf Meter von ihm entfernt unaufhaltsam sein herrlich frisches Aroma durch die halbe Wohnung versprühte, in eine missliche Lage. Es war nämlich so – er wusste aber eben nicht genau, warum es so war, wie es war – dass er an diesem Tag wahrscheinlich noch gerne einfach im Bett liegen geblieben wäre, sich also am liebsten einfach umgedreht hätte und noch ein, oder auch zwei Stunden weitergeschlafen hätte. Oder auch gleich den ganzen weiteren Tag, oder auf sonst unbestimmte Zeit.

Diese Unentschlossenheit konnte für seinen Kaffeeautomaten nicht gut sein, dachte er sich daraufhin.

Als ihm dieser mitfühlende, aber völlig unnötige Gedanke gekommen war, hatte er sich schon ein halbes Dutzend Mal unter der Decke umgedreht und war dabei immer wieder kurz eingedöst. Folglich ging er davon aus, dass der Kaffee, den er sich nun aus der Küche holen würde, kalt sein musste. Das war er aber nicht. Die gleichmäßig aufschwingenden Dampfschwaden und das versprühte Frischearoma gaben ihm unmissverständlich zu verstehen: Dieser Kaffee war eben erst gebrüht worden.

„Natürlich war er das“, räumte er ein und nahm einen ersten Schluck aus dem kleinen warmen Gefäß.

Einmal mehr hatte er die ausgeklügelte Technik hinter einer der Gerätschaften, die sein Leben Tag für Tag besser erscheinen ließ, unterschätzt. Und wieder einmal, im Moment als der innovative Ausdruck der Vollkommenheit sich am deutlichsten zeigte, blieb er unbeeindruckt.

Der allCoffee-Automat, wie er hieß, und deren neueste Ausführung er erst vor ein paar Tagen erhalten hatte, musste wohl jedes Mal, wenn er eingedöst war, den gerade gebrühten Kaffee weggeschüttet und bei jedem Aufwachen sofort durch einen frischen ersetzt haben. Zu einer derartig simplen und schlichtweg primitiven Schlussfolgerung wäre Elie womöglich gekommen, wenn er denn darüber nachgedacht hätte. Es war aber ganz anders. In Wirklichkeit war dieser neueste Geniestreich der Marke allCoffee in der Lage, Kaffee ‚rückwärtszubrühen‘. Er konnte also nicht konsumierten Kaffee wieder zu Pulver und Wasser aufspalten, ohne dabei beim erneuten Brühen an Aroma und Geschmack einzubüßen.

Fraglos eine Revolution in der Welt der Kaffeeautomaten. Elie fehlte diese Information, weil es nicht wichtig war, sie zu wissen. Wenn er sich aber auch nur ein bisschen mehr für diese Maschine interessiert hätte, könnte er des Weiteren in Erfahrung bringen, was die Zurück und Vorwärtsspuhltasten am Bedienfeld bedeuteten. Das tat er aber nicht. Er verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr an die Produktionsweise seines Kaffees; er sehnte sich nur nach dem Produkt.

Seine Gedanken kreisten gerade um etwas anderes: Es war immer noch der Traum. Der Traum, der ihn am Morgen angstbesetzt aus dem Schlaf riss, ihn aber auch in den darauffolgenden Schlummerphasen immer wieder unruhig werden ließ und bis zu diesem Moment als schwer zuordenbare Bildfetzen nachstellte.

Der Traum trug etwas sehr Bedrohliches in sich, gut möglich aber auch etwas Enthüllendes. Was genau, wusste er nicht. Die Bilder, oder die Erinnerung an die Bilder, die doch nur erträumt waren, schwanden dahin – und da verfluchte er die Eigenart von Träumen, so unzuverlässlich zu sein. Aber es stand hier genauso wie um seinen magisch zubereiteten Kaffee: Er machte sich keinen Kopf darum, wie der Traum im Schlaf zustande gekommen war, er wollte nur wissen, was er davon hatte. Oder, wenn er schon nichts davon hatte, wollte er wissen, was der Traum von ihm wollte.

Eine Rewind-Taste gab es da keine. So dachte Elie zumindest.

Wenn er also dem Traum mehr abluchsen wollte als dieses beklemmende Gefühl früh am Morgen, musste er schnell machen. Vielleicht gab es ja etwas zu erfahren – etwas über sich selbst, oder über ein anderes Problem.

Darüber nachzudenken, würde wohl kaum schaden. Elie entschied sich kurzerhand dafür, drei charakteristische Punkte des Traums im Geiste zu manifestieren. Warum es nur drei Punkte sein sollten, hatte damit zu tun, dass er sich so früh am Morgen nicht mehr Denkarbeit zutraute. Er war bei Gott kein Morgenmensch.

Er rekapitulierte also angestrengt den Traum und kam auf folgende drei Eckpfeiler der Traumsequenz:

Der erste Punkt war sein alter Freund Haidar, ein guter Freund, ja, aber immer auch unberechenbar und egoistisch. Darüber hinaus hatte er ihn schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen, oder sonst irgendwie mit ihm zu tun gehabt, wenn er sich nicht irrte.

Der zweite Punkt war die Umgebung beziehungsweise die widergespiegelte Atmosphäre im Traum. Es war ein dunkler Ort, aber eindeutig ein Ort, wie er in der Helix zu finden war. Was zu seinem ausgestrahlten Unbehagen führte, war wohl tatsächlich bloß das fehlende Licht, so seine Einschätzung. Die Dunkelheit reichte aus, um den Ort zu einem unheilvollen Ort zu machen.

Der dritte Punkt war am uneindeutigsten. Es war keine Person, kein Ding und keine Umgebung. Es war viel mehr eine Idee, die im Traum an ihn herangetragen wurde. Er glaubte zu wissen, dass diese Idee von seinem Freund Haidar in der bedrohlichen Traumwelt angesprochen wurde; dass dieser überaus erpicht auf dieses etwas hinweisen wollte.

Die Idee war die Idee seiner Mutter.

Wenn er auch nur das Geringste von Traumdeutung verstanden hätte, würde er wissen, dass Träume über die eigene Mutter immer etwas Wichtiges über einen selbst verbargen und es würden bei ihm sofort die Alarmglocken läuten. Das taten sie aber nicht.

Anstelle der autoanalytischen Alarmglocken durchbrach ein anderes, ein reales Geräusch die Stille in seiner Wohnung.

Ein Werbeclip erschien am großen Bildschirm an der Wand. Das bedeutete, dass sich, wie so oft, ein Helix-Angebot mit einem seiner ungestillten Wünsche überschnitt und sofort begann, um seine Aufmerksamkeit zu ringen.

Er war neugierig, was sein Wunsch war und horchte aufmerksam aber im Grunde gezwungenermaßen dem Werbetext zu:

„Na, haben Sie gut geträumt? Wissen Sie noch, von was genau? Halt! Hören Sie mir nicht weiter zu! Mit jedem Moment, in dem Sie sich auf mich konzentrieren, vergessen Sie wichtige Informationen zu Ihrem Traum – am Ende dieses Clips ist er höchst wahrscheinlich ganz weg! Ihnen bleibt nur mehr das Gefühl, einen schönen Traum gehabt zu haben…“

Die Werbung traf sein Problem ganz gut, auch wenn sein Traum, nicht unbedingt von der guten Sorte war, wie Elie meinte. Die Nachfrage war damit zumindest getroffen. Jetzt wollte er das Angebot hören.

„Kommen Sie zu allDream! Wir können Ihren Traum ergründen, ihn nach Ihrer persönlichen Gefühlswelt analysieren und Ihnen sogar ein ausgewertetes und kommentiertes Video davon zukommen lassen! Besuchen Sie uns einfach in unserem allDream-Store in Ihrer Helix…“

Über seinen üblichen Einwand, der sich trotz aller Dementi von offizieller Seite hielt, dass er und alle andere Helixianer unter Gedankenkontrolle standen (wie sollten sonst die Werbungen immer so passend zugeschnitten sein?!), sah er ausnahmsweise hinweg. Anders als bei vielen anderen unwillkommenen Anpreisungen von neuen Waren und Dienstleistungen ließ er sich das Angebot von allDream zumindest durch den Kopf gehen. Es war wahrscheinlich anmaßend, aber er kam trotz dieses neuartigen Traumdeutungsangebots, von dem er wieder einmal keine Ahnung hatte, wie es funktionierte – was es nur vielversprechender klingen ließ – zu dem Entschluss, selbst herausfinden zu wollen, wie weit er mit seinen eigenen Möglichkeiten der Traumanalyse kommen würde. Der Hauptgrund dafür, diesen Weg vorzuziehen, war sicherlich der, dass es in der Werbung hieß, dass er zu all-Dream ‚kommen‘ musste, sprich eine Boutique, eine Klinik oder Ähnliches ausfindig machen musste – und sich dort physisch hinbewegen musste. Dazu hatte er schlichtweg keine Lust.

Stur wiederholte er die drei Eckpfeiler des Traums, an denen er festhalten wollte: sein Freund Haidar, die Dunkelheit im Herzen der Helix, seine Mutter. Da sah Elie ein, dass es wohl das Klügste wäre, diese Dinge zu notieren. Dazu schritt er zum Bildschirm, der, nachdem der Werbeclip von allDream zu Ende war, wieder mattschwarz geworden war. Er nahm den dort befestigten Stift zur Hand und begann direkt am Monitor zu schreiben.

Er schrieb als erstes, weil er glaubte, dass dies das grundlegendste Element war: ‚Dunkler Ort Helix‘.

Dort, wo er die Worte niedergeschrieben hatte, erschien sogleich ein Erklärvideo. Gemeinsam mit dem Off-Ton – eine wirklich vertrauensvolle Stimme – ergab sich für Elie bald ein klares Bild, was seiner unterbewussten Vorstellung von den ‚dunklen Orten‘ in seiner Heimat der Helix gleichkommen könnte.

Nach der Meinung des Erklärvideos konnte es sich dabei nur um die jungfräulichen Lebensräume der Helices, die ununterbrochen, also auch jetzt und genau unter ihm, zum Leben erweckt wurden, handeln. Bei ihrer Konstruktion wird kein Licht benötigt, da sie völlig automatisch ohne das Zutun von Menschen erschaffen werden – und ein Ausleuchten der Baustelle wäre somit reine Ressourcenverschwendung. Wenn der neue Lebensraum, meist handelte es sich dabei gleich um mehrere Etagen, fertig ist, wird die Helix ein Stück hin zur Sonne gehoben. So wächst seine Heimat, die Helix 7, kontinuierlich und im Grund, ohne dass er viel davon mitbekam Stück für Stück in den Himmel – ohne dass jemals ein Ende in Sicht wäre. Das machte eine Helix zu einem Projekt für die Ewigkeit. Das ewige Wachstum war gesichert, hörte er die nette Stimme in seinem Wohnzimmer nonchalant verlautbaren. Und auch diesmal machte sich ein wohliges Gefühl dabei breit.

„Interessant“, dachte sich Elie ferner. Er wusste aber nicht wirklich, ob ihm diese Information weiterbrachte, oder ob das Erklärte überhaupt im Zusammenhang mit seinem Traum stand. Immerhin, so schlussfolgerte er, konnte er genauso von irgendeiner Etage in der Helix geträumt haben, in der, warum auch immer und obwohl es in Wirklichkeit nie vorkommen würde, das Licht ausgeschaltet wurde. Träumen konnte man ja davon.

Von seinem Fernsehgerät würde er dahingehend nichts Konkretes erfahren, wusste er. Er entschied sich daher, den nächsten Begriff aufzuschreiben. Er hatte keine großen Hoffnungen für neue Erkenntnisse, dafür aber eine klare Vorstellung davon, was passieren würde.

Er schrieb: ‚Haidar‘.

Erst geschah nichts. Dann erschien ein Dropdown-Menü mit der Überschrift, „Meinen Sie eine dieser Personen?“, wobei darunter eine wahrscheinlich unendliche Aufzählung mit Menschen, viele davon historischer Natur, folgte, die diesen Namen trugen oder getragen haben.

Er war verwirrt. Er kannte doch den Haidar, den er meinte und von dem der hier verantwortliche Algorithmus auch wissen sollte, dass er diesen meinte, schon seit vielen, vielen Jahren. Warum wurde hier nicht, wie zu erwarten war, einfach das Social-Media-Profil von diesem speziellen Haidar aufgerufen, oder zumindest verlinkt?

Er musste dieser Sonderbarkeit nachgehen. Dazu nahm er sein allDevice aus seiner Hosentasche und tippte in der allCommunity-App, kurz allCom, nochmals ‚Haidar‘ ein.

Wieder ohne das erwartete Ergebnis.

Elie konnte das nicht fassen. War sein Freund aus dem System gefallen? Jeder Helixianer war doch auf allCom – und er hatte noch nie gehört, dass irgendwer sein Profil gelöscht hätte (er bezweifelte, dass das überhaupt möglich war).

Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Es könnte sein, dass Haidar ihn blockiert hatte. Elie wusste nicht, warum Haidar das machen sollte. Etwa nur, weil sie schon seit Monaten nichts mehr Richtiges unternommen haben? Er gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Stattdessen entschied er sich dafür, aufgewühlt und wütend zu sein.

Wenn er etwas mehr über die Funktionsweise von allCom gewusst hätte, würde er wissen, dass man durchaus die Profile von Usern besuchen kann, die einen geblockt haben; es würden dann bloß keine Inhalte gezeigt werden. Diese Information würde Elie verdeutlichen, dass hier tatsächlich etwas Größeres nicht stimmte. Seine Empörung konnte somit als voreilige eingestuft werden, hielt aber weiterhin an.

Schnaubend setzte Elie zum letzten Schluck an. Da war der Moment gekommen, um tiefergehend an seinen alten Freund Haidar zu denken. Weil er glaubte, gerade erfahren zu haben, dass dieser ihn aus Feindseligkeit, oder aus welchem irrsinnigen Grund auch immer, geblockt hatte, poppten in seinem Bewusstsein selbstverständlich nur negative Eigenschaften von ihm auf: Haidar war verrückt. Er war leicht zu reizen, gar jähzornig. Das alles wurde nur durch seine selbst inszenierte Persona als Freidenker, Aufdecker und Nonkonformist übertüncht. Wie er sich diese Beschreibung seines alten Freundes zurechtlegte, konnte Elie unmöglich sagen, warum er jemals mit ihm abhängen hat wollen: Haidar war ein gar grotesker Kerl.

Das Schlimmste musste in diesem Zusammenhang aber sein, dass Haidar in der Vergangenheit immer wieder seine Mutter zum Gesprächsthema machen wollte. Elie redete grundsätzlich nicht gerne über seine Mutter, denn er wusste nichts über sie. Sie war seit seiner frühesten Kindheit kein Teil mehr seines Lebens, und er hegte Groll gegen jeden, der eine Erinnerung in ihm hervorrufen wollte, der er vermutlich nicht trauen konnte. Darüber hinaus brüskierte er sich im konkreten Fall von Haidar vor allem über die Art, wie dieser von ihr sprach. Sie war nicht die Pointe von pietätlosen Witzen, oder galt als Anstoß, um über Elies verkorkste Persönlichkeit zu reden. Nein, es war viel schlimmer: Haidar machte sie zum Mittelpunkt vieler seiner obskursten Verschwörungstheorien.

Elie hatte das fast verdrängt gehabt, aber da er es nun wieder am Schirm hatte, machte sein Traum auf einmal Sinn.

Haidar war auf seine Mutter versessen. Er bauschte sie zu einer Person historischer Reichweite und wissenschaftlicher Magnitude auf. Das war natürlich absolut haltlos und somit völlig hirnrissig. Haidar stand aber damit nicht allein auf weiter Flur. Er hatte die Unterstützung von zahlreichen anderen Spinnern im Netz und so bekam der Kult um seine Mutter irgendwann eine Eigendynamik, die sich Elie wohl nie hätte ausmalen können. D. h., er hatte wirklich keine Ahnung, wie ausufernd diese Theoriegebäude in jüngster Vergangenheit geworden sind. Sie reichten von der Annahme, dass seine Mutter eine tonangebende aber schlussendlich abtrünnig gewordene Konstrukteurin der Helix-Ordnung war, bis zu dem Wahnsinn, dass sie eine Superintelligenz auf die Erde losgelassen hatte, die für jede menschliche Existenz von Geburt an die Schicksalsfäden spinnt.

Elie konnte nicht mit Sicherheit sagen, wer die Helix-Ordnung und die Technik dahinter entwickelt hatte – es interessierte ihn auch nicht großartig. Noch viel weniger wollte er von einer alles steuernden Superintelligenz wissen. Er hätte keine der Theorien dazu nennen können, obwohl ihre Zahl groß war. Seine Ahnungslosigkeit in diesen Sachen kam daher, weil er dafür gesorgt hatte, davon unbehelligt zu bleiben. Alle Beiträge, Kommentare oder direkte Kontaktversuche, die das Ziel hatten, seine Mutter, oder, weil er schon dabei war, andere unbewiesene Theorien zu adressieren, wurden für ihn ausgeblendet. Das gelang so gut, dass Elie die ganze Sache mit den Konspirationen rund um seine Mutter immer mehr aus den Augen verlor. Der Umstand, dass er zu Haidar, der das Thema bestimmt immer wieder aufgeworfen hätte, nun schon seit mehreren Monaten keinen engen Kontakt gepflegt hatte, führte dazu, dass er es ganz vergessen hatte.

Bis zu diesem Traum. Der Traum wollte, dass er sich daran wieder erinnerte.

Wie dem auch sei, Elie ersparte sich, den Namen seiner Mutter hier auf den smarten Monitor zu schreiben. Er wusste, dass bloß eine lückenhafte Biografie über eine zweitrangige Technologin vor der Zeit der Helix erscheinen würde. Gefundenes Fressen für diejenigen, die diese Lücken mit ihrer eigenen Fantasie stopfen und sie mit anderen welterklärenden Gedankengebäuden erweitern wollten.

Elie trug es seinem Traum, und in letzter Konsequenz, seinem Unterbewusstsein und somit sich selbst, durchaus nach, dass er daran wieder erinnert wurde.

Dabei würde es doch für sein traumbildendes Unterbewusstsein zumindest ein bisschen Stoff geben, um seine Mutter als eine etwas zugänglichere Gestalt erscheinen zu lassen. Frühkindliche Erinnerungen, die es wohl auch wert wären, aufgearbeitet zu werden, lagen da noch irgendwo tief vergraben in seinem Kopf. Vermutlich, so dachte er sich stattdessen, war es besser, sie in der Versenkung zu lassen. Die ganze Sache mit den Verschwörungstheorien reichte schon aus, um ihm das Gefühl zu geben, kein besonders gutes mutterloses Kind zu sein. Immerhin waren es andere, die sich eindeutig mehr um diese Person den Kopf zerbrachen, als er, ihr Sohn.

Nach diesen erschlagenden Gedanken ließ er die weitere Traumdeutung kurzerhand bleiben. Geistesabwesend drückte Elie auf ‚Play‘ und es wurde ihm eine neue Tasse Kaffee zubereitet. Sogleich bereute er diese Tat. Noch ein Kaffee würde bedeuten, dass er wohl kaum mehr zurück in sein Bett kriechen würde – in sein Bett, das er besser gar nicht erst verlassen hätte sollen.

Das Beste, was er jetzt machen konnte, war Kaffee zu trinken, bis er hungrig wurde.

2

Und da setzte auch schon der Hunger ein. Es war ein beißender Hunger, der sich tief in der Magengrube breitmachte. Gespeist wurde er nicht davon, weil er schon zu lange nichts gegessen hätte, nein, sondern allein dadurch, dass er zu viel Kaffee getrunken hatte.

Es waren vier Tassen in nicht einmal einer Stunde gewesen und nun brodelte es in seinem Inneren.

Die letzte Stunde hatte Elie also nur in seiner Küche rumgehangen, Kaffee getrunken und versucht über nichts nachzudenken. Für den letzten Punkt war er auf sein allDevice angewiesen, sein kleiner persönlicher Helfer für alle Dinge, aber in erster Linie, sein Unterhaltungsangebot, das immer an seiner Seite war. Wenn man ihm nun gefragt hätte, was er da so Unterschiedliches gelesen, geschaut oder gespielt hatte, würde er es nicht wissen. Es hatte also gewirkt.

Ein allDevice war natürlich auch die erste Anlaufstelle, wenn man Hunger hatte. Elie hätte damit seiner Küche auftragen können, dass sie dies oder das kochen sollte. Dazu hatte er aber keine Lust. Warum ihm nicht nach frisch Gekochtem war, konnte er nicht genau sagen. Vermutlich wollte er nicht die Betriebsamkeit in seiner Küche mitansehen, oder er wollte einfach keine Umstände machen. Eine überflüssige Anwandlung natürlich. Er hätte auch etwas kommen lassen können, aber entschied sich auch hier dagegen. Bevor er eine Lösung für sein Essensproblem ergründete, zwang ihn sein Magen auf die Toilette. Von der Toilette rutschte er auf die allHygiene-Vorrichtung, fühlte sich plötzlich so frisch und energiegeladen, dass er es nicht mehr abwegig fand, seine Wohnung tatsächlich zu verlassen, und sich irgendwo einfach etwas zu essen zu holen. Das war gar keine schlechte Idee, dachte er sich. Immerhin war er, wer weiß wie lange schon nicht mehr aus seiner Wohnung raus gewesen und es fühlte sich langsam, aber sicher danach an, dass ihm die Decke bald auf den Kopf fallen würde.

Er würde also in den allShop gehen, entschied er. Dort offerierte man alles Mögliche zum Essen, und neben jeder erdenklichen Nahrung fand man auch sonst alles, was es zu konsumieren gab. Ein Ausflug in den allShop enttäuschte einen nie. Und das war ein hochheiliges Versprechen.

Dass er sich vorhin noch davor gesträubt hatte, die Wohnung zu verlassen, um in einer Filiale des neuartigen allDream-Projekts seinen sonderbaren Traum über seinen besten Freund Haidar und seine Mutter analysieren zu lassen, sah er nicht im Widerspruch zu seiner plötzlichen Entschlossenheit. Bei allDream wäre man ihm sicherlich auf die Pelle gerückt, hätte ihn zur Mitarbeit gedrängt, und gefragt, ob er denn zufrieden war. Grauenhaft. Ein Ausflug in einen allShop war da etwas ganz anderes. Dort konnte man anonym und alleingelassen die unendlichen Regalreihen durchstreifen, seine Jagdinstinkte frei walten lassen, und man würde gutmöglich dabei keinem anderen Menschen begegnen. So riesig waren die allShops.

Mit einem Gefühl, das man leicht mit Vorfreude verwechseln konnte, schlüpfte er das erste Mal seit langem aus seiner Wohnungstür. Er trat mit selbstbewusstem Schritt auf die Straße. Immerhin hat ihn vorhin sein allStyle-Spiegel, vor dem er zurechtgemacht und angezogen wurde, versichert, dass er ‚100 % schick und leger‘ aussah. So viel dazu.

Nach ein paar weiteren Schritten wurde ihm aber doch anders. Das hing damit zusammen, dass er dem Haus seines Nachbarn am Ende der Straße gefährlich nahekam.

Er hatte vergessen, dass Dienstag war.

Am Dienstag, und das trug sich schon immer, seitdem er hier wohnte, so zu, kamen im Laufe des Tages Dutzende und manchmal noch deutlich mehr Menschen in dieser Wohnung zusammen. Sie strömten wie durch ein Nadelöhr in seine Straße ein und verursachten ein unglaubliches Gedöns. Er hasste diesen allwöchentlichen Aufruhr und konnte sich auch nicht erklären, was diese sonderbaren Leute bei seinem Nachbarn, den er nicht wirklich kannte (eine Untertreibung), wollten. Daher hielt er es so, es zu vermeiden, am Dienstag das Haus zu verlassen. Weil er aber aufgrund der langen Isolation das Gefühl darüber, welcher Wochentag nun war, verloren hatte, schlitterte er geradewegs in eine Ansammlung gut gelaunter Narren.

Diese Menschen waren vom schlimmsten Schlag. Zu dieser Voreingenommenheit kam Elie, weil er beim Anblick von guter Laune immer misstrauisch wurde. Glücklichsein, und das noch dazu in Gruppen, konnte nur bedeuten, dass sie ihre Glückshormondosis aufeinander abgestimmt hatten, eine Gelage begingen, oder in einer noch viel grausameren Weisen konspirierten. Dazwischen gabs nicht viel. So seine Ansicht zumindest.

Geduckt ging er an drei Typen vorbei, die dermaßen eng umschlungen nebeneinander stolzierten, dabei immer wieder im Reigen auf und ab hüpften, dass er sich ernsthaft Sorgen machte, belästigt zu werden, was er aber natürlich nicht wurde. Was er hingegen zu spüren bekam, war ihr lautes Organ. Wie die drei Typen vor die Pforte der Nachbarwohnung einkehrten, stimmten sie ein einstimmiges Jubelgeschrei an.

„HERTHA! HERTHA! HERTHA!“, hallte es durch die Straße.

Elie hatte diesen Namen hier schön öfter gehört. Für ihn bestand kein Zweifel: Hertha war seine Nachbarin und der Grund für den wöchentlichen Radau in seinem sonst so ruhigen Eckchen der Helix.

Bei der allGo-Station am Ende seiner Straße sah er, dass noch einige mehr vom selben Temperament herbeischwärmten. Alle waren in bunte Kleidung gehüllt und ihre Gesichter hatten gleich, dass sie von einem freudigen Lachen durchzogen waren. Schrecklich. Das Gute war, dass folglich die allGo-Kapsel, die er besteigen würde, frei von irritierenden Individuen sein musste und er die Fahrt zum allShop unbeschadet überstehen würde. Ohnehin hörte er die ganze Zeit über laute Musik, und wenn er doch etwas sehen sollte, das ihm zuwider war, konnte er ja immer noch die Augen davor verschließen.

Im allShop angekommen, pausierte er die Musik jedoch sogleich und sperrte seine Äuglein weit auf. Er wollte das ganze Ambiente dieses Tempels des Konsums in sich aufsaugen. Dazu gehörten die Durchsagen der aktuellen Angebote, genauso wie der Blick, den man gezwungenermaßen auf die Reklame-Monitore werfen musste.

Er konnte nicht sagen, was genau ihm an diesem Ort so gefiel. Vielleicht einfach die Tatsache, dass er alles haben konnte, was er haben wollte. Aber das war eine Selbstverständlichkeit. Interessanter war da schon die Möglichkeit, etwas feilgeboten zu bekommen, von dem er noch gar nicht wusste, dass er es haben wollte.

Der allShop warb aktiv damit, auch die letzte unformulierte Sehnsucht seiner Kunden stillen zu wollen. Das griff mit ein, nicht vor den abwegigsten Versuchen zurückzuschrecken, früher oder später jedes Konsumgut, das erträumt werden konnte, auch mindestens einmal im Angebot zu haben. Diese Devotion ließ die angebotene Auswahl entlang einer Demarkationslinie aufteilen. Auf der einen Seite waren die ‚Hits‘ und ‚Basics‘, ohne die viele Helixianer nicht leben konnten und wollten. Die Klassiker sozusagen. Auf der anderen Seite waren Dinge, die es vorher so noch nie gegeben hatte. Sie waren mindestens genauso wichtig, auch wenn sie oft nach nur ein paar Tagen wieder verschwanden, weil sie doch niemand haben wollte.

Manche Kunden würden sogar sagen, dass sie es bereut haben die Mitochondrien-Geschmacksrichtung im Eissortiment probiert zu haben (sie schmeckte furchtbar nach Eisen und Schwefel), oder dem ‚Schuh aus Licht‘ eine Chance gegeben zu haben (er lief recht schnell heiß). Es waren böse Erfahrungen. Aber es waren Erfahrungen, mit denen man so nicht gerechnet hatte, und darin ließ sich doch auch ein persönlicher Mehrwert finden.

Elie gehörte sicherlich nicht zu den Kunden, die alles probieren wollen würden, zeigte aber dennoch immer wieder Anzeichen von Neugierde. Da er mit einem bestimmten Wunsch hergekommen war, nämlich Essen zu erbeuten, stand sein erster Weg aber fest. Es sollte in die Abteilung für Fertigmahlzeiten gehen.

Er schob seinen Einkaufswagen, der grundlegend für das Erlebnis hier war, vor sich her und hielt ihn schließlich vor einem bunten Berg an gleichförmigen Trays aus Kunststoff an.

Hier griff man zu, wenn man keine konkrete, sondern nur eine vage Vorstellung davon hatte, was man essen wollte. Eine grüne Box bedeutete etwa, dass sich etwas besonders Gesundes und auf Pflanzenbasis Zubereitetes darin befand. Bei Rot konnte man mit etwas Würzig-Scharfem rechnen. Bei Hellblau mit etwas Süßem und bei Gelb mit etwas Gebackenem. Zugegeben, die Assoziation von Essen mit den Farben des Regenbogens erschloss sich nicht jedem intuitiv, noch konnte man von der einfärbigen Verpackung unmöglich rückschließen, was nun genau darin war. Dazu zeigte sich aber wieder das allDevice als hilfreich. Ein Blick darauf schlüsselte einem genau auf, was heute in die jeweilige Farbe geflossen war, wie es fertig zusammengebaut aussehen würde (sogar wie es duften und schmecken würde), aber auch wie verträglich das Ganze für einen war. Darüber hinaus gab es minutiöse Auflistungen von Inhaltsstoffen, Allergenen, etc. Wenn man sich aber überraschen lassen wollte, war das natürlich nur unnötige Spoiler-Arbeit.

Elie sah sich ‚Lila‘ an und erkannte, dass es sich um eine Art Kartoffel-Auberginen-Auflauf mit Käse handelte. Das war interessant genug, und die Box landete in seinem Trolley. Essen für später war zwar seine Priorität – er wollte aber auch nicht zu viel Zeit mit der Suche danach vergeuden. Von nun an sollte es ums Entdecken gehen. Er hüpfte auf das Trittbrett seines Einkaufswagens und schaltete auf Autopiloten.

Die Tatsache, dass er von nun an auf seinem Weg quasi gelenkt wurde, bedeutete nicht zwingend, dass er sich auf eine Odyssee durch den Supermarkt begab, nein, es bedeutete, dass ein Algorithmus übernahm, der durchaus wusste, was Elie gerne haben wollte, und wo er schlussendlich am wahrscheinlichsten zuschlagen dürfte.

Der logische Weg aus dem Gebiet der Fertigmahlzeiten war über die Dessertabteilung hin zu den Snacks. Ein ganzer Kirschkuchen landete im Wagen und darauf wurden sogleich mehrere Packungen Chips und Dips verteilt. Dann kamen bunte Limonaden aus der überwältigend riesigen Getränkeabteilung daran, darunter viele Dauerbrenner, wie Cola und allOrange, aber auch viele neue Produkte, von denen sich Elie ein neues Geschmackserlebnis erwartete. Hier orientierte er sich wieder an der Farbe der Dosen und Flaschen, mied zu grelle Töne aber auch zu fade Erdtöne. Es sollte schön süß und fruchtig schmecken, dachte er sich und nahm rot, blau und gelb.

Er war gespannt, wo es nun hingehen würde, und schaute nicht schlecht, als er sich in der Abteilung für Hausschuhe wiederfand.

„Hausschuhe?“, wunderte er sich zu Recht. Er hatte in seinem Leben noch keine Hausschuhe besessen. Ihm war doch auch nie kalt in den Füßen. Jedenfalls nicht so, dass er sich nach warmen Pantoffeln sehnte.

Der Trolley sah, dass er sich vertan hatte, und zog weiter. Elie dachte an einen einmaligen Fehler, wurde aber eines Besseren belehrt. Es kam noch sonderbarer. Auf einmal wurde er in die Spielzeugabteilung und dort vor das Regal für an lebensechte Tiere angelehnte Spielkameraden manövriert. Sein smarter Einkaufswagen wollte tatsächlich, dass er einen guten Blick auf die künstlichen Katzen und auf die Hunde mit Halogenaugen warf. Elie konnte sich nicht erklären, warum sein Einkaufswagen glaubte, dass er so ein falsches Viech gerne haben wollte, und dachte bei Gott nicht daran ein Spielzeug für Kinder in seinen Wagen zu laden.

Das war zu eigenartig, befand er und entschied sich vom Trittbrett zu hüpfen und den Faxen machenden Einkaufswagen eine Weile selbst zu schieben. Doch das machte auch keinen Spaß und brachte ihn viel zu langsam voran.

Der Gedanke an Hausschuhe und Roboterhunde hing ihm nach. Er hatte sich doch vom allShop, den er schon seit so langer Zeit nicht mehr von innen gesehen hatte, versprochen, großartige neue Kreationen zu entdecken und womöglich hätte er sogar irgendwelche Gadgets zum Ausprobieren mit nach Hause genommen. Aber keine Hausschuhe! Der Ausflug in den allShop verweigerte ihm somit bis jetzt die Einlösung seines Versprechens, ihn zufrieden nachhause zu schicken.

Für Elie war die Luft jedenfalls raus und er bat seinen Einkaufswagen ihn doch bitte wieder zum Ausgang zu bringen. Da er aber schon so weit in das Innere des allShop vorgedrungen war, hatte der Trolley noch einiges an Spielraum, um die seiner Ansicht nach beste Route nach draußen zu errechnen.

Er fuhr von der Spielzeugabteilung zur Sportabteilung, um dann von dort am Sortiment für Aufputschmittel vorbei, mitten unter den harten Drogen zu landen.

An diesem Punkt wurde der Wagen diskret langsamer.

Bei den hier angebotenen Mitteln nach Herzenslaune zuzugreifen, war im Grunde nicht verwerflich oder irgendwie mit Konsequenzen in Verbindung zu bringen. Es war rein Elies eigene Beziehung zu den psychotropen Stoffen, die ein anrüchiges Gefühl in ihm aufkommen ließ.

Er galt sicherlich nicht als süchtig, oder hatte andere Schäden davongetragen. Seine letzten Eskapaden lagen auch schon eine längere Zeit zurück. Genauso wie von allen anderen Helixianern konnte man von ihm aber nicht behaupten, dass er abstinent war. Seine aktuelle Dosis war ohne deliriöse Auswüchse und diente nur der psychischen Hygiene. Seinem Wohlbefinden. Jetzt, da er wieder das gesamte Angebot an Aufputschern und Downern vor sich sah – er musste nur die Hand danach ausstrecken –, fühlte er doch die Verführung.

Da musste er sich die zwingende Frage stellen, ob sein Einkaufswagen sich aufs Neue vertan hatte, oder diesmal sein Begehren richtig gelesen hatte.

Richtig zugedröhnt war er zuletzt vor allem in der Gesellschaft seines Freundes Haidar, erinnerte er sich. Und die Erfahrung war aus multiplen Gründen nicht immer rosig gewesen.

„Schauen, würde nicht schaden“, sagte er sich und stieg vom Trittbrett.

Behutsam schob er seinen Einkaufstrolley vor sich her. Dabei machte er sich bewusst, dass er das letzte Mal tatsächlich zusammen mit Haidar hier gewesen sein musste. Die Erinnerungen an diese Zeit waren folgerichtig vernebelt und unklar. Er stellte sich gerade bildhaft vor, wie Haidar vor ihm seinen Einkaufswagen mit Schub Stück für Stück die Regalreihe entlangsteuerte und dabei mit ausgestrecktem linken Arm blindlings Schächtelchen für Schächtelchen, Pillendose für Pillendose, in den Korb des Wagens regnen ließ.

Das war eine wilde Zeit, und hätte wohl auch schief gehen können, resümierte Elie in Demut.

Er passierte einige der Evergreens. Bei den meisten Mitteln erweckte der bloße Anblick eine Assoziation zu einem bestimmten Rauschzustand. Ganz anders war es beim neueren Sortiment. Um hier einen Vorgeschmack über ihre Wirkung zu erhalten, hätte er wieder sein allDevice konsolidieren müssen. Dort würde ihm gezeigt werden, wie die Rauschmittel richtig einzunehmen waren, was zu beachten war, und wie es um mögliche Nebenwirkungen stand. Drogen ohne sein allDevice einzunehmen wäre ohnedies überaus verantwortungslos gewesen. Damit wurde nicht nur die Intensität des Trips überwacht, sondern auch sichergestellt, dass es zu keinen Langzeitwirkungen kommen konnte. Die Gefahr bestand also nicht darin, unwissend zu handeln, sondern darin, aus Absicht oder Dummheit über die Ratschläge und Direktive hinwegzusehen.

Dass der Missbrauch von Drogen an sich nichts Gutes war, davon erzählten keine ausgesprochenen Verbote, sondern in aller erster Instanz kleine Warnhinweisschildchen. So waren so gut wie alle Verpackungen hier mit solchen plakativen Warnungen versehen. Sonderbarerweise war Elies Blick gerade vor allem auf diese gerichtet. Er sah Menschen, die mit psychotischen Anfällen kämpften, Gewalt an sich und anderen ausübten und sogar tot waren. Dass er sich darauf konzentrierte, konnte nur bedeuten, dass ihm der Gusto doch nicht danach stand.

Sein Einkaufswagen hat ihn mal wieder falsch eingeschätzt. Er wollte weiterziehen.

Plötzlich schlug seine vorsichtige Haltung aus heiterem Himmel in pures Entsetzen um. Er traute seinen Augen nicht – und vermutlich war sein Eindruck auch falsch.

Er glaubte, Haidar zu erkennen.

Hundertmal Haidar. Immer, und immer wieder Haidar.

3

Was waren schon Warnhinweise? Nichts als uninspiriertes Verpackungsmaterial. Nichts, was man ohnehin schon gewusst hätte.

Dieser Warnhinweis überstieg aber seine ursprüngliche Wirkung, die, wie es üblich war, primär auf die breite Masse abzielte, und schlug Elie stattdessen direkt und ohne Vorwarnung ins Gesicht.

Erst der Traum – dann das Erwachen. Eine unschöne Fügung.

Es kam nun mal so, dass ihm hier im allShop das erste Mal seit Langem sein, ja, er würde jetzt, ohne viel drumherum zu reden, sagen, sein bester Freund Haidar wieder begegnete. Nur diesmal in der Funktion eines alltäglichen Warnhinweises. Auf einer handelsüblichen Packung Scoto.

Das konnte eigentlich nur eines bedeuten und genau das bedeutete es wahrscheinlich auch, dachte er sich entsetzt.

Der Zweck dieser Warnhinweise war immer der gleiche: Abschreckung durch Appetitverstimmung. Die meisten Konsumenten mit dickerer Haut sahen über diese oder ähnliche gut gemeinten Hervorhebungen der Risiken und Nebenwirkungen, die diese oder ähnliche Produkte mit sich brachten, gerne hinweg. Sie griffen weiterhin ohne Bedenken zu und verließen sich auf ihr Glück. Da Glück in der Helix eines der höchsten Rechte, und folglich stark reguliert war, setzten sie auch auf das richtige Pferd. Für Elie war das nicht anders gewesen. Bei dieser Konsumentenbelehrung war es aber anders.

Kreidebleich im Gesicht nahm er eine der Scoto-Schachteln mit zittriger Hand aus dem Regal. Er musste sich vergewissern, dass es wirklich Haidar war, der da die Leute abschrecken sollte. Er war es und es fühlte sich falsch an. Er war es auf dieser Packung und auf allen anderen Packungen.

Es war eine Wand von toten Haidars und Elie wurde von ihr erschlagen.

Haidar in der Funktion der Vernunftbelehrung und Selbstkontrolle. Ein irrer Gedanke für Elie. Ihm wurde übel.

Dabei kannte er die Droge Scoto nicht einmal. Es war auch nicht gesagt, dass Haidar diese Droge gekannt hatte, oder an ihr schlussendlich verendet war. Die Tatsache, dass es nun aber Haidar als Vorzeigejunky auf das Cover von Scoto 25 g und 50 g geschafft hatte, hieß eigentlich nur, dass Haidar vor nicht allzu langer Zeit irgendwo in der Helix als Drogentoter aufgefunden wurde.

Die Chance, dass man in so einem Fall als Warnhinweis herbeigezogen wurde, war relativ hoch. Das lag daran, dass die Chance, in der Helix überhaupt unvorhergesehen zu sterben, enorm niedrig war. Es musste etwas schrecklich schiefgelaufen sein. Davon war auszugehen. Dass in so einem Fall nicht nur keine Anonymität gewährt wurde, sondern sogar das eigene Versagen im Angesicht des Todes als Warnsignal hergenommen wurde, war Elie bis hierher nicht bekannt gewesen. Es machte wohl aber Sinn, dachte er sich und wollte sich damit selbst über seine Verwirrung hinwegtäuschen.

Elie schluchzte unmerklich. Eigentlich wollte er schreien. Keiner dieser Impulse nahm überhand. Hingegen verharrte er gespenstisch ruhig. Er stellte das Schächtelchen, dessen Oberfläche gleichzeitig Haidars Totenzettel war, zurück ins Regal.

„Warum muss man so vom Tod seines besten Freundes erfahren?“, fragte er sich erschüttert. Elie wollte nicht an einen fiesen Streich des Schicksals denken. In solchen Kategorien dachte er einfach nicht. Doch der Gedanke, dass er das gerade verdiente, weil er seine Freundschaft zu Haidar vernachlässigt hatte, ließ sich nicht völlig unterdrücken.

Doch stimmte das? Hatte er ihre Freundschaft tatsächlich vernachlässigt? Hatte er Haidar in irgendeiner Weise im Stich gelassen? Er beantwortete diese Fragen insgeheim mit Nein, was dazu führte, dass er sich erst mal nicht die Schuld, oder auch nur eine Teilschuld, an dieser Tragödie gab. Und überhaupt hatte er Haidar nicht als die Art Kerl in Erinnerung, die ihre Gefühlslage davon abhängig machen wollten, was so „kleine Geister“ (ja, so hatte er ihn einmal genannt) bereit waren, ihm anzubieten. Diese Feststellung ließ Elie gezwungenermaßen über eine eigentlich leichtere Frage nachdenken: Wann hatte er zuletzt Haidars Gesellschaft geteilt?

Elie wollte partout nicht einfallen, wie lange es her war, dass sie sich das letzte Mal gesehen hatten, geschweige denn, was sie damals unternommen hatten. Diese Tatsache zu wissen, kam ihm aber gerade so unglaublich wichtig vor. Es musste tatsächlich eine Ewigkeit her sein. Sowohl Face-to-Face als auch online. Er wusste nicht genau, wer angefangen hatte, den anderen zunehmender zu ignorieren. Ihre Freundschaft schien so plötzlich zu verblassen, wie sie sich ursprünglich verfestigt hatte. So war wohl der Lauf der Dinge. Und keiner schien sich allzu sehr daran zu stören.

Das letzte echte Treffen war womöglich schon fast ein halbes Jahr her. Die Kontakte online waren meist nicht der Rede wert, denn sie waren unpersönlich und die geteilten Inhalte hätten jedem gelten können. Es gab nie einen großen, alles beendenden Streit oder dergleichen. Das hätte Elie mitbekommen, sagte er nun zu sich selbst. Irgendwann war wohl das Verlangen sich zu treffen auf beiden Seiten einfach zu gering. Und jetzt war es zu spät.

Die Tatsache, dass er ausgerechnet heute von ihm geträumt hatte, machte die Sache so unendlich unwirklicher für ihn.

Haidar hatte damals angefangen, mit einem Mädchen auszugehen, fiel ihm gerade ein. Sophie war ihr Name. Das musste etwas mit ihrer aufgebauten Distanz zu tun haben, dachte er sich, ohne dies aber als unumstößlichen Beweis gelten lassen zu wollen. Das wäre auch nicht fair gewesen, lenkte er ein. Elie hatte diese Sophie nicht oft getroffen, aber sie wirkte nett. Sehr nett sogar. Zumindest sah er das gerade in seiner beklemmenden und unvollständigen Rückschau so.

Er wollte sich nicht ausmalen, wie es ihr ging, nachdem Haidar so eine Shit-Show abgeliefert hatte und an einer Überdosis krepiert war.

„Wie konnte das nur geschehen?“, fragte er sich erneut. Es gab zwar keine Garantie ewig weiterzuleben, aber man musste sich schon richtig dumm anstellen, um in einer Helix abzukratzen. Beim Konsum von harten Drogen überwachte ständig sein allDevice die lebenswichtigen Körperfunktionen. Im Notfall wurde automatisch interveniert und selbstverständlich bevor es zu spät war.

Zu sterben war ein Systemfehler, ähnlich wie Selbstmord seit jeher ein Systemfehler war. An Absicht wollte Elie aber nicht denken. Auch so etwas abzuziehen, war schwieriger, als man glauben mochte. Vor allem, weil jedes Verhalten unter ständigem Monitoring stand und verdächtige und selbstverletzende Tendenzen sofort erkannt und unterbunden wurden. Aber wenn, so war er sich sicher, hätte Haidar es getan, um dem System eins auszuwischen. So war er nun einmal.

Er schaute sich noch einmal das Päckchen an, das gleiche, das er vorhin schon in der Hand hatte, wie wenn es die ganzen anderen völlig Identischen nicht gäbe. Haidar war eindeutig zu erkennen. Sein Kopf befand sich in der linken unteren Bildhälfte. Er lag mit dem Rücken am Boden in einem spärlich beleuchteten Raum. Vom Kopf weg erstreckte sich ein langer, fast nackter, etwas fahler und viel zu dünner Körper.

Haidar sah nicht gesund aus. Und das lag nicht nur daran, dass er augenscheinlich tot war.

Auf seinem allDevice sah er, dass die Packung Scoto vor knapp vier Monaten abgefüllt worden war. Ob man von dieser Zeitangabe auf das Aufnahmedatum des abschreckenden Fotos rückschließen konnte, wusste Elie nicht. Es schien aber auf der Hand zu liegen, dass Haidar vor mindestens vier Monaten verstorben sein musste.

Elie kannte nicht viele Leute, die tatsächlich gestorben sind. Er zählte seine Mutter dazu, doch er wusste nichts Genaues über ihren Tod. Die Möglichkeit, dass sie noch leben könnte, schloss er aus offensichtlichen Gründen aus. Ohne diesen Zweifel war es einfacher.

Da durchbrach plötzlich etwas die Stille und Elie wurde aus seiner Apathie wachgerüttelt.

„Großartig!“, hörte er. „Es freut uns, dass Sie fündig geworden sind!“

Die offensichtlich unpassenden Worte kamen aus der Sprachausgabe seines Einkaufswagens. Bevor er sie unterbinden konnte, bekam er noch einen Vorschlag zu hören: „Sie können jederzeit Ihre Shopping-Tour abbrechen. Wir würden uns in diesem Fall freuen, Ihnen Ihren Einkauf nachhause bringen lassen zu dürfen. Drücken Sie dazu bitte ‚OK‘.“

Elie schubste eine der Packungen Scoto mit Haidars gemarterten Todespose in den Wagen, drückte ‚OK‘ und zog niedergeschlagen davon.

Diesmal hat der allShop sein Versprechen nicht einlösen können.

4

Niedergeschlagenheit zu erfahren, war in der Helix ein Tabubruch. Sich mit Problemen zu umgeben, grenzte an Blasphemie. Folglich war es außerordentlich, Leute vorzufinden, nach deren Meinung es erstrebenswert war, sich regelmäßig und mit voller Absicht eigentlich unnötigen Erschwernissen zu stellen. Menschen, die so handelten, dachten tatsächlich, dass sie mit ein oder sogar zwei Komplikationen mehr ein erfüllteres Leben leben würden.

Aus dieser selbstquälerischen Grundhaltung heraus, gingen einige auf Jobsuche.

Das mag eine zu harsche Verallgemeinerung über eine kleine Randgruppe – Leute, die arbeiten wollten – darstellen. Es gab augenscheinlich auch andere Gründe dafür, sich um einen Job umzuschauen. Io zum Beispiel, sie war 17 Jahre alt, ging es gut möglich ebenfalls darum mit einer zusätzlichen Bürde mehr an Lebenssinn zu gewinnen. Ihre grundlegende Intention war aber eine andere: Sie wollte anderen helfen.

Das war aber nicht ganz so einfach. In der Helix hatte immerhin jeder alles, und wenn jemand etwas brauchte, dass er nicht hatte, wurde es ihm einfach gegeben, oder es wurde ihm etwas gegeben, das genauso gut war. Gefiel einem etwa seine alte Küche nicht mehr, sorgte die Küche selbst dafür, wieder so auszusehen und so ausgestattet zu sein, dass sie wieder gefiel. Brauchte jemand Erste Hilfe, weil er sich beim Teetrinken verbrüht hatte, stand der Erste-Hilfe-Bot bereits im Hintergrund bereit und verarztete einen ohne Zögern. Sehnte sich jemand nach seelischem Beistand, intervenierte die nie müde werdende allCare-App und kümmerte sich in holistischer Weise um einen. Materielle und emotionale Nöte waren somit Schnee von gestern. Und das war auch gut so.

Für eine Samariterin, wie es Io gerne gewesen wäre, gab es hier kaum etwas zu tun. Sie musste ihren Blick daher nach außen richten.

Außerhalb der Helices lebten schlussendlich noch immer fast die Hälfte aller Menschen, wie allgemein bekannt war. Das Verhältnis entwickelte sich zwar kontinuierlich in die Richtung, dass tatsächlich in abschätzbarer Zeit alle einen Platz in einer Helix finden würden – aber solang das nicht gänzlich der Fall war, gab es eine deutliche Grenze zwischen denen, die privilegiert waren, und denen, die nicht so glücklich waren.

Letzteren sollte man doch helfen können. Davon war Io überzeugt.

Um diesen Drang in Io erklären zu können, reicht es nicht, auf ihre offensichtliche Nettigkeit zu verweisen. Es lag etwas Tiefergehendes, etwas durchaus Ideologisches, hinter ihren guten Absichten.

Und es handelte sich dabei wohl oder übel um Humanismus.

Als Verfechterin dieses altehrwürdigen Ideals wollte Io ihren Mitmenschen helfen. Jedem Mitmenschen. Egal wer sie waren, und unabhängig von allen Parametern, die errechnen wollten, ob sie dies auch verdient hätten, oder, was doch denkbar war, eben auch nicht. Solche Nebensächlichkeiten spielte genauso wenig eine Rolle, wie der Umstand, ob nach Hilfe gefragt wurde, oder nicht.

Um diesem hochgestochenen aber für sie natürlich daherkommenden Ideal gerecht zu werden, las Io viel über Barmherzigkeit und einiges über Nächstenliebe. Sie wollte sich aber nicht mehr ausschließlich fragen, was es theoretisch hieß, barmherzig zu sein und seinen gedacht Nächsten zu lieben, sondern endlich etwas in der Praxis in diese Richtung unternehmen. Das war, wie sie selbst feststellen musste, leichter gesagt als getan. Alle Menschen, die sie bisher in ihrem jungen Leben kennengelernt hatte, hatten eben keinen Gebrauch für aufrichtige und selbstlose Hilfe. Nebenbei teilten die Menschen in ihrem Umfeld auch nur sehr selten ihr Verständnis von Liebe, und Barmherzigkeit war für die meisten ein Fremdwort, was sie überaus schade fand.

Sie litt an diesen Umständen, und das machte Io zu einem überdurchschnittlich unglücklichen Menschen. Vor allem wenn man ihr junges Alter bedachte. Ihr Unglücklichsein rührte von ihrem Wissen her, unheimlich privilegiert zu sein, wo doch gleichzeitig andere, die nichts dafürkonnten, weniger privilegiert waren. Das war nicht fair – und daran nichts aus eigener Kraft ändern zu können, machte sie zu einem schlechten Menschen. Das war ihre Bürde.