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In den Vereinigten Staaten von Amerika ist ein rechtspopulistischer Immobilienmogul zum Präsidenten gewählt worden. Nicht nur viele Bürger und Politiker weltweit sind alarmiert. Auch der Sternenrat auf ALPHA CENTAURI, von wo aus man seit Jahrtausenden die Evolution auf der Erde steuert, herrscht größte Beunruhigung, und so wird beschlossen, ein Team unter der Leitung des erfahrenen Agenten Bondishi auf die Erde zu schicken, um potentiellen Gefahren vorzubeugen. Tatsächlich gelingt es ihm nach kurzer Zeit, in das Umfeld des neuen Präsidenten zu gelangen, der als Einziger von seiner eigenen Großartigkeit überzeugt ist und stümperhaft durch sein neues Amt irrlichtert. Da tauchen plötzlich Gegenspieler auf, die ahnen, dass der smarte Arzt, als der sich der außerirdische Agent tarnt, noch etwas anderes im Schilde führt als die Gesundheit seiner Patienten... So entfaltet sich eine nicht immer ganz ernstzunehmende Geschichte darüber, was im mächtigsten Land der Kolonie GAIA möglich ist - und was nicht.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2022
Torsten van de Sand
Willkommen, Mr. Ace!
Eine Raumzeitalter-Agenten-Farce
Roman
© 2022 Torsten van de Sand
ISBN Hardcover: 978-3-347-65457-0
ISBN E-Book: 978-3-347-65458-7
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Torsten van de Sand, geboren 1963, studierte Psychologie in Kiel und Würzburg und arbeitete anschließend als Psychotherapeut auf Borkum und in der Eifel. Seit 2005 führt er an der irischen Westküste das eigene Gästehaus Greenwood Hostel. 2017 erschien sein Roman Robertos endlose Reise. Eine rollende Renaissance-Revue, 2021 Der schweigsame Joan, Magier von Mallorca, und das Lunanom.
für Yvonne, dass sie sich hüte vor Schein und Scheinen; für alle, die das Scheitern nicht fürchten
und
in memoriam Doris Lessing,
die so wenig wie jeder andere die Zukunft vorhersehen konnte
und
in memoriam Leonard Cohen,
der ahnte, was geschieht, wenn die Demokratie Einzug hält in Amerika
Prolog
- Wenn ich recht informiert bin, haben Sie vor einigen Jahren einmal über eine Kandidatur für die Präsidentschaft nachgedacht, Mr. Ace. Wäre die nächste Wahl nicht eine günstige Gelegenheit, dies ernsthaft zu verfolgen?
Der Angesprochene richtete sich auf. Automatisch fühlte er sich nicht nur noch etwas größer, ein wenig wirkte er auch so.
- Ach, wissen Sie, zweifelsohne könnte mein Land jemanden wie mich an höchster Stelle gut gebrauchen. Jemanden, der zupacken kann, durchsetzungsstark ist, unkonventionelle Wege geht… Und konsequent das Ziel verfolgt, das Land wieder zu dem zu machen, was es einmal war: das größte, stärkste, fabelhafteste Land auf Erden, dem kein anderes das Wasser reichen konnte. Auch nicht das Ihrige, mit Verlaub gesagt. Aber in diesem Sumpf, den das politische Establishment heute darstellt, hat jemand, der von außen kommt - ein erfolgreicher Unternehmer wie ich - niemals eine Chance. Diese Abgeordneten und Senatoren, sie verteidigen ihr Revier wie eine Bande Geier das Aas.
- Gerade deshalb dachte ich an Sie, Mr. Ace. Was Sie gesagt haben, ist vollkommen richtig. Deshalb bedürfte es schon einer herausragenden Persönlichkeit, um sich dort durchzuboxen. Sie haben die nötige Statur dafür.
- Vielen Dank. Mir scheint, Sie sind in der Lage, die Fähigkeiten eines Menschen gut einzuschätzen.
- Das habe ich in den langen Jahren meiner Arbeit in sehr unterschiedlichen Milieus gelernt. Wie Sie gewiss auch, Mr. Ace. Wenn nun zu den besonderen Talenten eines Kandidaten noch eine ganz besondere Hilfe dazu käme… Einige hilfreiche Winke, die mit Geld nicht zu bezahlen sind… Warum sollte dann nicht das scheinbar Unmögliche gelingen?
Dagobert Ace merkte auf. Welche Botschaft wollte man ihm gerade geben? Er wusste nicht recht, was er von seinem Gesprächspartner halten sollte.
- Wie dem auch sei, sagte Ace. Schauen Sie herein bei mir, wenn Sie das nächste Mal in New York sind. Und lassen Sie sich bloß nicht von meiner Sekretärin abwimmeln. Für jemanden wie Sie habe ich immer Zeit.
- Das höre ich gern, Mr. Ace. Und denken Sie einmal darüber nach, was ich gesagt habe.
- Gewiss. Bis zum nächsten Mal also!
Ace reichte dem anderen die Hand.
- Bis zum nächsten Mal, Mr. Ace. Doswidanja, wie man bei uns hier sagt.
***
Sofort nachdem er aufgelegt hatte, wusste er, dass sie recht hatte. Es musste etwas geschehen, sonst würde seine Kandidatur mit einem Erdrutschsieg seiner Konkurrentin enden. Mit einer Niederlage hatte er zwar von Anfang an gerechnet und vor allem auf einen Gewinn für seinen Namen und den seiner Firmen gesetzt. Aber eine allzu deutliche Niederlage wäre doch peinlich. Niemand anderen als ihn selbst würde man dafür verantwortlich machen, und es wäre zweifelhaft, ob seine Strategie, anderen die Schuld am Misserfolg zu geben, aufginge. Am Ende wäre er unter Umständen selbst erledigt, und das durfte auf keinen Fall das Ergebnis seiner Kampagne sein. Doch Aufgeben war nicht seine Sache. Wer das dachte, kannte Dagobert Ace nicht. Er würde kämpfen bis zum Ende. Hatte er nicht in der Vergangenheit schon oft erlebt, dass sich das Blatt plötzlich auf unerwartete Weise wendete? Wie vor Jahren, als die Firma kurz vor dem Bankrott gestanden hatte. Auch da hatte es so ausgesehen, als ob er mausetot wäre - und dann hatte er sie doch alle rumgekriegt. Alle bis auf einen, aber diese deutschen Zwergenbanker zählten natürlich nicht. Er, Dagobert Ace, war auferstanden wie Phönix aus der Asche.
Was es jetzt brauchte, war ein klarer Schnitt. Nicht nur jemanden feuern. Das war einfach. Zu einfach. Das allein würde nicht verfangen. Was er brauchte, war ein ganz neuer Ansatz, und er wusste, wer in der Lage war, den zu liefern. Er hätte ihren Hinweis auf diesen Mann gar nicht gebraucht. Aber immerhin war es eine Bestätigung, dass diese kluge Frau an denselben Mann gedacht hatte. Er griff erneut zum Telefonhörer.
Tom Crewley überraschte dieser Anruf nicht. Aufgrund seines Jobs und seiner Geschichte war er im Grunde seit langem in einer stand-by-Position für die Aufgabe, die Dagobert Ace ihm anbot. Er brauchte keine Bedenkzeit. Nachdem sie einen Termin für den nächsten Morgen vereinbart hatten, um das weitere Vorgehen zu besprechen, konnte er mit voller Überzeugung dem Kandidaten versichern: Wir schaffen das.
Dagobert Ace war zufrieden und erleichtert. Wieder einmal hatte er gespürt, dass dieser Tom aus dem gleichen Holz geschnitzt war wie er selbst. Das hatte ihm diesen Mann vom ersten Moment an sympathisch gemacht. Genau wie er selbst war das jemand, der sich nicht den Teufel darum scherte, was andere von ihm hielten. Einer, der sein Ding durchzog. Gegen alle Widerstände. Auf Biegen und Brechen. Und der damit zum Erfolg kam. Genau wie er selbst, Dagobert Ace. Er schöpfte wieder Zuversicht. Die Entschlossenheit, nicht aufzugeben, war das Eine. Einen Plan zu haben, war etwas ganz Anderes. Er wusste: Dieser Mann würde einen haben.
Tom Crewley lächelte zufrieden. Was für eine phantastische Chance, dachte er. Schon dieser Kandidat war eine einzigartige Gelegenheit für seine politischen Vorstellungen, und er hatte sie mit seiner Plattform im Netz in den letzten Monaten genutzt, wann immer es möglich war. Doch nun an diese Schaltstelle im Zentrum des Wahlkampfes zu gelangen, ganz dicht am potentiellen nächsten Präsidenten, vergrößerte seine Möglichkeiten und die Effizienz, mit der er seine Botschaft unter das Volk bringen konnte, um ein Vielfaches. Selbst wenn es nicht gelingen sollte, die Wahl zu gewinnen, wäre Wesentliches erreicht, auf das man beim nächsten Versuch aufbauen könnte. Doch im Gegensatz zu fast jedem anderen im Lande hielt er es noch ganz und gar nicht für ausgemacht, das Ace´ Gegnerin, diese korrupte Furie, gewinnen würde. Genauso wie viele andere wusste er, dass etwas passieren musste, um das zu verhindern. Was ihn von all den anderen unterschied, war: Er wusste, wie man das Ruder herumreißen konnte. Was getan werden musste, um ein scheinbar aussichtsloses Rennen zu gewinnen. Es ging jetzt darum, auf volle Offensive umzuschalten. Die Gegnerin anzuklagen, zu demaskieren, zu deligitimieren, zu dämonisieren; mit einem Wort: sie fertig zu machen. So dass sie selbst erledigt war, ohne es zu merken, weil sie immer noch meinte, dass alle Schwächen des Gegners genügten, um ihr zum Sieg zu verhelfen. Crewley wusste es besser. Er hatte seine Studien durchgeführt. Sie belegten, dass all das Material, das er jahrelang über sie und ihren Mann gesammelt hatte, auf offene Ohren stieß. Dann musste man die eigene Botschaft, die eigenen Ziele dagegensetzen. Klar den Feind benennen; vielmehr all die vielen Feinde, denen gegenüber der normale Bürger, der kleine Mann dort draußen im Lande seit Jahren ein diffuses Unbehagen spürte und denen gegenüber er sich ohnmächtig fühlte. Ein riesiges Heer von Unterstützern wartete nur darauf, dass jemand kam, der denen den Kampf ansagte. Es galt jetzt, diese Feinde zu benennen. Sie zu isolieren. Und dann aus allen Rohren auf sie zu schießen. Mit voller Feuerkraft. Und auf alle, die nicht auf der eigenen Seite standen. Jede Brücke zu irgendwelchen Kompromisslern konsequent abzubrechen. Jedes Haus irgendwelcher angeblichen Gemeinsamkeiten niederzubrennen. Die Botschaft war: Schwarz oder weiß. Die oder wir. Und das Wahlergebnis würde ein großer Aufschrei sein: Wir!
I Plötzliche Unruhe auf ALPHA CENTAURI
- Nervös? fragte der Ältere den Jüngeren, als das ungleiche Paar gemessenen Schrittes den langen weißen Gang entlang schritt, begleitet allein von dem Klacken ihrer Sohlen auf den dunkelblauen Granitfliesen.
- Ein bisschen schon, antwortete der Jüngere.
- Das kann ich verstehen. Mir erging es nicht anders, als ich zum ersten Mal an einer der Kommissionssitzungen teilnahm. Aber ich kann dir versichern: Auch dort treffen wir lediglich auf Wesen aus Fleisch und Blut.
- Und trotzdem… Es sind immerhin Kommissare des Sternenrats für eine unserer Kolonien. Verdienstvolle Frauen und Männer, seit vielen Jahren im Einsatz in verantwortungsvoller Position.
- Das Letztere ist Fakt. Über die Verdienste gibt es freilich verschiedene Meinungen.
Ehrfurchtsvoll betrachtete der Jüngere im Gehen die Bilder an den Wänden, die Landschaften auf verschiedenen Kolonien von ALPHA CENTAURI zeigten. Schließlich stoppte der Ältere vor einer Tür. Sein Blick fiel auf das kleine Schild daneben. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er klopfte an, und nachdem eine Stimme sie von innen ermuntert hatte einzutreten, drückte er die Klinke herunter.
- Da ist er ja, der Agent Bondishi… Unser bester Mann für GAIA, und wie immer mehr als pünktlich. Es ist eine Weile her, dass ich Sie hier begrüßen durfte. Eigentlich müsste ich sagen: viel zu lange. Wenn ich nicht wüsste, was Ihr Aufkreuzen hier zu bedeuten hat, sagte die blonde Frau.
Sie ging auf ihn zu und umarmte ihn. Sie tauschten Wangenküsschen rechts und links und strahlten sich an.
- Nämlich dass es irgendwo auf GAIA ein Problem gibt, setzte Bondishi ihren Gedanken fort. Wie ist die Stimmung, Assistentin Fontanella?
Sie rümpfte die Nase.
- Sie ist schon seit Wochen eher schlecht und seit gestern - nun, das können Sie sich ja denken: Miserabel.
Bondishi nickte.
- Aber wen haben Sie denn da mitgebracht?
- Oh, wie unhöflich von mir, sagte Bondishi. Darf ich vorstellen: Azubishi, frisch gebackener Diplom-Gaiologe und seit einem halben Jahr bei mir im Kurs zum GAIA-Agenten. Azubishi, Assistentin Fontanella ist die gute Seele für die Betreuung dieser Kolonie. Ohne sie würden -
- Übertreiben Sie nicht, Bondishi. Ich tue, genau wie Sie und jeder andere hier, nur meine Pflicht. Erzählen Sie mir lieber, was Sie von den neuesten Entwicklungen auf unserem kleinen Problemplaneten halten.
- Unsäglich, sagte Bondishi mit einer wegwerfenden Handbewegung und einem Tonfall, der Frustration und Unverständnis zum Ausdruck brachte. Unfassbar, dass so etwas möglich ist, und das in diesem Land und in dieser Zeit…
- Tja, da hatte wohl niemand mit gerechnet, dass dieser Ace… Aber vielleicht sagt es ja etwas aus über dieses Land und diese Zeit. Und wenn wir uns jetzt so darüber wundern, vielleicht auch über uns.
- Das lassen Sie besser niemanden in der Kommission hören.
- Natürlich nicht. Aber Ihnen gegenüber, Bondishi, wird man so eine Bemerkung wohl machen dürfen.
Sie hatte sich inzwischen wieder hinter ihren Schreibtisch gesetzt und blickte Bondishi etwas kokett von unten an. Ein Lächeln spielte um Bondishis Lippen, als der Computer vor der
Assistentin einen kurzen Klingelton gab.
- Assistentin Fontanella, bitte schicken Sie Agent Bondishi herein, ertönte eine Stimme.
- Sehr wohl, Frau Präsidentin, antwortete Fontanella.
Sie warf Bondishi einen kurzen Blick zu. Er nickte und schritt zu der Tür auf der rechten Seite, die in das Konferenzzimmer führte. Mit einer kleinen Geste bedeutete er Azubishi, ihm zu folgen.
Die Mitglieder der Kommission erhoben sich, als die beiden eintraten. Bondishi und Azubishi stellten sich hinter die beiden leeren Stühle und neigten leicht den Kopf zur Begrüßung. Die Kommissare erwiderten die Geste. Man setzte sich.
- Agent Bondishi, wir freuen uns, Sie in dieser Runde begrüßen zu dürfen. Ich glaube, ich spreche für jeden hier, wenn ich sage, wir schätzen Sie als den Mann, der besser als jeder andere auf ALPHA CENTAURI die Verhältnisse auf dem Planeten GAIA kennt. Deshalb interessiert uns Ihre Ansicht zu den jüngsten Entwicklungen dort, sagte die Frau, die im Abstand von einigen Metern ihm am Tisch gegenüber saß, während ihn von links und rechts jeweils drei Augenpaare konzentriert musterten.
- Präsidentin Brahmashana, das Wahlergebnis im wichtigsten Staat auf GAIA hat mich gewiss genauso überrascht wie jeden anderen. Es wirft sehr viele Fragen auf. Sowohl im Hinblick darauf, wie es zustandekommen konnte, als auch auf seine Folgen, sagte Bondishi.
- Wie beurteilen Sie es im Hinblick auf die Sicherheit der Kolonie?
- Das erscheint mir im Moment noch schwer abzuschätzen. Keinesfalls stellt es eine Verbesserung dar. Eine erhebliche Destabilisierung ist zu befürchten.
- Was meinen Sie damit konkret? Was wäre aus Ihrer Sicht das Schlimmste, was passieren könnte?
- Um ehrlich zu sein -, Bondishi räusperte sich etwas, gibt es so viele worst-case-Szenarien, dass es schwer ist, ihre Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abzuwägen.
Bondishi bemerkte, dass sich zu beiden Seiten von ihm Unruhe
ausbreitete.
- Bitte erläutern Sie das, sagte die Präsidentin.
- Nun, Dagobert Ace, der neugewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, zeichnet sich meines Erachtens vor allem durch drei Eigenschaften aus: Ich-Bezogenheit, Skrupellosigkeit und Unberechenbarkeit. Er verfügt über keinerlei politische Erfahrung. Was eine solche Persönlichkeit auf diesem Hintergrund bedeutet, ist nicht einfach vorherzusagen. Aufgrund vieler seiner Äußerungen im Wahlkampf muss man extreme Entscheidungen für möglich halten.
- Es weiß doch jeder, dass das, was die Gaianer bei ihren Bewerbungen für ein Amt von sich geben, in der Regel völlig unglaubwürdig ist, sagte einer der Männer zu Bondishis Linken in leicht indigniertem Tonfall.
- Es ist genau so, wie Sie sagen, Kommissar Nihilishi: in der Regel. Jedoch spricht vieles dafür, dass wir es hier mit der berühmten Ausnahme von der Regel zu tun haben.
- Dieser Mann ist in jeder Hinsicht anders, warf eine Kommissarin zur Rechten Bondishis ein.
- So nehme ich Ace auch wahr, Kommissarin Darwilishi. Er ist in jeder Hinsicht brutal. Das bedeutet zuweilen auch: brutal ehrlich. In gewisser Hinsicht jedenfalls. Denn erwiesenermaßen ist er ein großer Lügner.
- Was denn nun, ist er besonders ehrlich oder besonders verlogen? fragte Nihilishi ungeduldig.
- Das bedürfte einer differenzierten Analyse, sagte Bondishi. Im Hinblick auf diese brutale Ehrlichkeit denke ich: Er ist unter anderem gerade deshalb gewählt worden. Nicht wegen seiner Ehrlichkeit. Sondern wegen deren Brutalität.
- Wie abstoßend, sagte der Mann, der links neben Kommissar Nihilishi saß.
- Ein Zeichen für den immer noch erschreckend niedrigen Entwicklungsstand der Gaianer, sagte dessen Gegenüber.
Ein beifälliges Nicken ging durch die Runde.
- Jede Evolution braucht ihre Zeit. Das ist keine neue Erkenntnis, sagte Nihilishi.
- Es geht nicht darum, wieviel Zeit wir ihnen lassen müssen oder wollen. Es geht um die Nebenwirkungen, sagte die Präsidentin.
Mehrere der Anwesenden nickten.
- Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen, Präsidentin Brahmashana. Nicht umsonst erleben wir das seltene Ereignis, dass ein Wahlergebnis auf GAIA zu einer umgehenden Krisensitzung auf ALPHA CENTAURI führt. Doch ich denke, sagte Kommissar Nihilishi, wir sollten gerade in dieser Situation unsere größte Tugend pflegen: Gelassenheit.
- Ich gebe zu bedenken, dass dies auch die Reaktion der Kommission war, als vor einigen Jahrzehnten dieser gescheiterte Kunstmaler in einem mittelgroßen Staat die Macht ergriffen hatte. Auch ihn hat damals niemand für voll genommen. Und wir alle wissen, was daraus geworden ist, sagte Bondishi. Im übrigen hatte auch er, bevor er an die Macht kam, genau gesagt, was er tun würde.
Die Unruhe unter den Kommissionsmitgliedern nahm sichtlich
zu, begleitet von einem nachdenklichen Schweigen.
- Wir haben die Situation ja bereits ausführlich diskutiert, bevor der Agent eingetreten ist, sagte Präsidentin Brahmashana. Agent Bondishi, wir möchten Sie bitten, auf dem Hintergrund seiner Biographie eine Studie über die Persönlichkeit des Dagobert Ace zu erstellen und auf dieser Basis eine Einschätzung der zu erwartenden positiven und negativen Entwicklungen für sein Land und die gesamte Kolonie vorzunehmen. In unserer nächsten regulären Sitzung erwarten wir Ihre detaillierten Aussagen.
- Frau Präsidentin, meine Damen und Herren Kommissare, Ihnen werden pünktlich meine Ergebnisse vorliegen, sagte Bondishi.
Er nickte kurz und erhob sich. Im Aufstehen schaute er kurz Azubishi an, der ebenfalls aufstand, und sie verließen den Sitzungssaal.
Dagobert Ace war groß, von eher bulliger Statur und mit seinen siebzig Jahren nicht mehr der Jüngste, doch es gelang ihm, sich rechtzeitig zur Seite zu drehen und zu ducken. Der Teller flog an seinem Kopf vorbei und zerschellte an der Wand hinter ihm.
- Du altes Miststück! brüllte seine Frau. Du verdammter Großkotz! Das haben wir jetzt von deiner Angeberei.
- Aber Liebling, versuchte Ace zu beschwichtigen. Das konnte doch niemand ahnen, dass die mich tatsächlich wählen.
- Du hast zu mir gesagt: Mach dir keine Sorgen… Ich werde denen allen bloß mal ein bisschen die Meinung sagen… Und ihnen eine Vorstellung davon geben, wie man das wirklich machen sollte… Und jetzt musst du genau das vier Jahre lang tatsächlich tun. Aus ist es mit unserem schönen, ruhigen Leben!
- Aber Manuela, mein Schatz… Ja, es stimmt, das habe ich gesagt. Ich hätte doch niemals geglaubt, dass mich die Partei überhaupt als Kandidaten aufstellen würde. Geschweige denn… Aber anscheinend habe ich etwas angesprochen, das
- Halt den Mund! Ich will es nicht mehr hören! Ich will nicht denken an all die fürchterlichen Dinge, die in den letzten Wochen passiert sind. Und ich darf gar nicht daran denken, was in der nächsten Zeit noch alles auf mich zukommt. Während des ganzen Wahlkampfes haben sie mit Argusaugen auf uns geblickt. Keinen Schritt konnte ich mehr unbeobachtet tun. Und jetzt, wo du gewählt bist, wird das noch viel schlimmer werden.
- Aber Manuelalein, bist du nicht auch ein klein bisschen stolz? Ich meine, nicht auf mich - obwohl du auch das könntest. Aber du wirst die First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika sein! Jetzt bist du nicht nur die schönste, sondern auch die wichtigste Frau der ganzen Welt.
- Ich pfeife darauf, die wichtigste Frau der Welt zu sein! Du bist es, der diese ganze Aufmerksamkeit braucht. Für sein verdammtes Ego. Ich war ganz zufrieden mit meinem Leben. Wir haben genug interessante Leute getroffen. Wir standen auch so schon oft genug im Rampenlicht. Und wir konnten uns alles leisten, was wir wollten. Und jetzt? Jeden Tag wird nicht nur dir, sondern auch mir vorgeschrieben werden, wo wir hinzugehen, wen wir zu treffen, mit wem wir zu essen und uns zu unterhalten haben. Jedes Wort werde ich auf die Goldwaage legen müssen, weil ständig irgendwelche Kameras und Mikrofone laufen, die alles aufnehmen. Und wehe, ein falsches Wort - schon zerreißt sich am nächsten Tag die ganze Welt das Maul darüber. Ich habe keinen Bock auf so ein Leben, kapierst Du das nicht?
Vor Wut nahm sie einen weiteren Teller vom Tisch und zerschmetterte ihn auf dem Boden zwischen sich und ihm. Dagobert Ace wertete es als ein gutes Zeichen, dass sie ihn nicht mehr nach ihm schleuderte. Anscheinend war ihre Wut, auch wenn es sonst noch nicht danach aussah, am Abklingen.
- Aber mein Täubchen, bedenk doch einmal: Wir werden viele tolle Sachen machen. Dinge, die du sonst nicht einmal mit mir hättest erleben können.
Ein leichtes Grinsen huschte über sein Gesicht.
- Was sollte das schon sein? erwiderte sie.
Ace bemerkte, dass ihr Protest definitiv eine absteigende Kurve zeigte.
- Was hältst du zum Beispiel davon, wenn ich den französischen Präsidenten bitte, uns auf dem Eiffelturm zusammen mit ihm und seiner Frau von dem berühmtesten Koch Frankreichs verwöhnen zu lassen?
- Ach, auf diesen langweiligen Glatzkopf kann ich verzichten. In Hollywood gibt es tausend Leute, die interessanter sind.
- Aber bis dahin haben sie einen neuen Präsidenten, Schatz. Und vielleicht ist es ein schicker, intelligenter Kerl mit einer eleganten Frau.
- Seit wann sind Politiker schick und intelligent? zischte sie.
Dagobert Ace beschloss, alles auf eine Karte zu setzen.
- Nun, sieh mich an! Bin ich nicht schick und intelligent? Hätte ich sonst eine Wahl gewinnen können, die, wie jeder meinte, unmöglich zu gewinnen war?
Er grinste seine gut aussehende, fünfundzwanzig Jahre jüngere Frau breit und frech an. Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen.
- Fängst du schon wieder an, du eingebildeter Fatzke! Ja, wie du die Wahl gewonnen hast… Das ist eine Geschichte für sich. Hoffentlich bringt uns das nicht noch viel Ärger ein.
- Du musst zugeben, dass ich nicht ganz blöd sein kann, wenn ich so etwas hinbekommen habe.
Er steckte beide Daumen in die Hosentaschen, reckte seine Brust vor und richtete sich innerlich und äußerlich auf. Nun ganz ernst, sogar mit leicht aggressivem Unterton sagte er:
- Keiner hätte das hingekriegt außer mir. Punkt.
- In der Tat, was für eine Leistung: Du gewinnst eine Wahl, die du gar nicht gewinnen wolltest. Dagobert Ace, du bist ein Idiot.
Mit einem Ruck drehte sie sich um und verschwand im Schlafzimmer. Die Tür knallte. Er hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss herumdrehte.
- Pah, sagte er leise zu sich selbst. Vielleicht wollte ich die Wahl ja doch gewinnen? In Wirklichkeit ist sie voller Bewunderung für mich. Ihr eigener Stolz verbietet es ihr nur, es zuzugeben. Aber das kriegen wir schon auch noch hin.
Er blickte um sich und betrachtete die Scherben auf dem Boden. Er schüttelte den Kopf, ging zur Bar und goss sich einen doppelten Whisky ein.
- Den haben wir uns jetzt wirklich verdient, sagte er.
Der große schlanke Mann ging gemächlich auf seinen alten Freund zu, als er ihn in der Menge der Feiernden entdeckte. Der korpulente Mann, der gut sechzig Jahre alt sein mochte, hob sein Glas, als er ihn seinerseits erblickte.
- Auf das Geburtstagskind, die charmanteste Achtzigjährige von New York, sagte er.
Die beiden Männer stießen an.
- Auf unseren wertvollsten Klienten.
Sie tranken beide einen großen Schluck Champagner.
- Wer hätte das gedacht, dass dieses Riesenbaby es einmal so weit bringen würde.
- Was mit einer großen Klappe nicht alles möglich ist…
- Verschwiegenheit und wenige Worte im richtigen Moment sind die größere Kunst.
Sein Gegenüber lächelte.
- Die wir besser beherrschen als jeder andere, sagte er.
Eine Weile betrachteten die beiden Männer die anderen Gäste.
- Plötzlich und unverhofft sind wir in einer Situation mit einem ungeheueren Potential, sagte der Schlanke.
- Wir wären nicht unsererseits so weit gekommen, wenn wir nicht wüssten, wie wir es nutzen könnten, sagte der Dicke.
- Schon eine Idee?
- Wir sollten nichts überstürzen. Stattdessen erst einmal beobachten, wie sich die Dinge entwickeln. Und dann schauen, ob unser arrivierter Freund sich noch an die erinnert, ohne deren zuverlässige Hilfe seine Paläste nicht so hoch in den Himmel gewachsen wären.
In gehobener Stimmung genossen die beiden Geschäftspartner
ein italienisches Geburtstagsfest in New York.
- Ich habe Sie zu mir rufen lassen, um Ihnen zu danken, sagte der kleine Mann mit den schütteren Haaren. Sie und Ihre Leute haben vorzügliche Arbeit geleistet. Sie werden bald eine weitere Nadel an Ihre Brust heften können, und sie wird alle, die Sie bereits tragen, an Bedeutung übertreffen.
Der Angesprochene neigte ehrfurchtsvoll den Kopf.
- Wir geben immer unser Bestes, wenn es darum geht, dem Wohl unseres großen, ruhmreichen Landes zu dienen, sagte er.
- Das ist nun einen Schritt weiter auf dem Weg, seine wahre Größe zurückzugewinnen. Vor zwanzig Jahren haben sie bestimmt, wer hier bei uns das Sagen hat. In ihrer Überheblichkeit hätten sie sich totgelacht bei der Vorstellung, dass es nur wenige Jahre später umgekehrt sein würde.
- Sie sind kurzsichtig.
- In der Tat. Ihnen fehlt der lange Atem. Und das Verständnis für historische Prozesse. Ich fürchte allerdings, dass das unter ihrem neuen Häuptling nicht besser werden wird.
Die beiden Männer lachten.
- Da Sie sich so intensiv mit diesem Fall befasst haben, Oberst, interessiert mich Ihre Meinung. Für wie zuverlässig halten Sie unseren neuen Gegner?
- Sie berühren einen schwierigen Punkt, Herr Präsident. Er ist ausgesprochen wankelmütig. Ein Mann mit sehr instabilen Emotionen, der sich leicht zu etwas hinreißen lässt.
- Zum Beispiel zu seinen unterhaltsamen Kurzmitteilungen. Sie haben mich schon manches Mal erheitert.
- Viele sind ebenso gefährlich, wie sie lächerlich sind. Am bedenklichsten ist, wie scheinbar unbedacht und ohne Rücksprache mit Beratern er sie in die Welt schießt.
- Ein bisschen präpubertär. Oder vielleicht sollte man es angesichts seines Alters eher als eine Art verbaler Inkontinenz betrachten. Schon von daher war es gut, auf Personen seines Umfeldes zu setzen.
- Unsere Informationen besagen, dass sie vermutlich bald unter einigen Druck kommen werden. Er hat viele Gegner, nicht zuletzt in seinem eigenen Lager, die eingeschworene Feinde unseres Landes sind. Größere Feinde als die unterlegene Konkurrentin. Wir müssen davon ausgehen, dass Informationen durchgesteckt werden und man seine Kontakte zu uns sehr genau unter die Lupe nehmen wird.
- Ich verlasse mich darauf, dass Ihr Vorgehen wasserdicht war.
Der Präsident blickte dem Offizier scharf in die Augen, und
dieser senkte spontan seinen Blick.
- Wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Höchste Wachsamkeit ist angezeigt. Wir benötigen alle Quellen im gegnerischen Apparat, um frühzeitig Gefahren zu erkennen. Dann werden unsere Ministerien die passenden Antworten parat haben.
- Jawohl, Herr Präsident. Ich habe verstanden. Sie können sich auf mich verlassen.
- Das tue ich auch.
Der Tonfall des Präsidenten modulierte sublim Respekt und
Drohung.
Kurz nach der Wahl begann das Gerangel um Posten und Ämter in der zukünftigen Regierung. Man brachte sich in Stellung, stellte eigene Leistungen und Verdienste heraus, und - was immerhin nicht zum Standardrepertoire eines Bewerbungsauftritts gehörte - fiel über die innerparteilichen Konkurrenten her. Nicht nur die, die sich als Unterstützer für den scheinbar aussichtslosen Kandidaten Ace während des Wahlkampfes aus der Deckung gewagt hatten, wollten nun die Ernte einfahren. Auch einige, die ihn zuvor heftigst kritisiert hatten, meinten, sich in einem Amt unter seiner Präsidentschaft nützlich machen zu können. Dachten sie vielleicht, dass sie nun besonders benötigt würden, damit erfahrene, vernünftige Köpfe den im Wahlkampf oft irrlichternden Politanfänger einrahmten und gewissermaßen zur Vernunft brachten? Der Wahlsieger selbst jedenfalls genoss dieses Schaulaufen, und vielleicht beließ er nur deshalb frühere Kritiker in dem Glauben, sie könnten tatsächlich ein hohes Amt von ihm erhalten, um sie später umso süffisanter abzuservieren. Zweifelsohne gehörten Rachegelüste zu den Gefühlen, denen er sich besonders gern hingab.
Unterdessen mehrten sich Nachrichten, dass Hackerangriffe gegen die unterlegene Kandidatin während des Wahlkampfes auf das Konto des Erzfeindes im Osten gingen, und die Öffentlichkeit begann zu rätseln, wie weit solche Manipulationen der Wahl möglicherweise gegangen sein könnten. Der noch amtierende Präsident ordnete eine Untersuchung an und der oberste Polizist machte sich an die Arbeit, mochte Ace noch so sehr schimpfen, dies alles seien lediglich Falschmeldungen und er das Opfer einer Hexenjagd. Da die Wahlentscheidung in einigen Bundesstaaten sehr knapp ausgefallen war, wurden vereinzelt Neuauszählungen gefordert, die jedoch bald im Gestrüpp der diesbezüglichen Gesetze, der dafür von den Zweiflern aufzubringenden Gelder und der Einflussnahme des gewählten Kandidaten steckenblieben. Es mochte einem gefallen oder nicht, Dagobert Ace war der gewählte Präsident und daran war nicht mehr zu rütteln.
Agent Bondishi hatte die ihm übertragene Aufgabe überrascht, doch nicht unvorbereitet getroffen. Die Beobachtung der politischen Verhältnisse auf GAIA gehörte zu seinem Arbeitsfeld, aber er hatte unabhängig davon die Wahl und die vorausgehenden Kampagnen genau verfolgt. Über die Kandidaten, die gegeneinander angetreten waren, war er bestens informiert. Nur kurze Zeit später konnte er dem Sternenrat seine Untersuchungsergebnisse vorstellen.
Er beschrieb Dagobert Ace als eingenommen von der herausragenden Bedeutung seiner eigenen Person; als einen Mann, der sich für einzigartig hielt im Hinblick auf seine Intelligenz, Cleverness und Attraktivität. Seine sozialen Beziehungen waren geprägt von einem Mangel an Einfühlungsvermögen, während er für sich selbst intensive Bewunderung erwartete - was in der Regel dazu führte, dass er andere Menschen für seine eigenen Interessen und Bedürfnisse ausbeutete. Arrogantes Verhalten paarte sich in ihm mit der Vorstellung, dass andere ihn wegen seiner Fähigkeiten und Leistungen beneideten.
In seiner beruflichen Laufbahn hatte er sich oftmals als verantwortungslos, rücksichtslos und kriminell erwiesen. Soziale Normen beachtete er nur, solange es ihm und seinen Interessen nutzte. Traf er auf Schwierigkeiten oder Widerspruch, so reagierte er impulsiv und aggressiv. Die Fähigkeit, sich selbst infrage zu stellen oder gar eigene Schuld zu erleben, ging ihm gänzlich ab. Als Gründe für sein Verhalten genügten ihm vordergründige Erklärungen, die er gerne mit Beschuldigungen anderer verband. Reue war eine Empfindung, die für ihn nicht existierte. Auffällig war, dass er auch aus Misserfolgen nicht zu lernen schien und dass er kaum über die Fähigkeit des vorausschauenden Planens verfügte.
Die genannten Eigenschaften und Verhaltensweisen waren zu verstehen auf dem Hintergrund einer Lebensgeschichte, die von dem autoritären Vater geprägt gewesen war, gegenüber dem Ace sich nie hatte behaupten können. Stattdessen hatte er mitansehen müssen, wie sein älterer Bruder, der sich erlaubt hatte, dem Vater zu widersprechen, einen eigenen Lebensweg zu verfolgen und nicht wie vom Vater geplant dessen Nachfolge in der Firma zu übernehmen, von diesem verstoßen und als Schwächling abgewertet wurde. Danach fiel Dagobert die vom Vater für den Ältesten vorgesehene Rolle zu, der er sich nun umso mehr als würdig erweisen musste, als sie ihm ursprünglich nicht zugedacht gewesen war. Dies gelang ihm, indem er sich ganz mit dem Vater identifizierte und dessen Einstellungen und Strategien übernahm. Hinter Ace´ dominantem, triumphierendem Auftreten verbarg sich eine tiefe Unsicherheit bis hin zur Selbstverachtung, denn weder hatte er irgendeine Eigenständigkeit gegenüber dem Vater gewagt, noch dem Bruder beigestanden, als dieser vom Vater für sein Unabhängigkeitsstreben bestraft worden war. Hinter seiner generellen Verachtung jeglicher Schwäche verbarg sich nichts anderes als das Erleben seiner eigenen.
In der Folge hatte Ace den Vater kopiert, sowohl im Hinblick auf dessen Ziele - Geld war das Einzige, was zählte, und das einzig wirkliche Kriterium für Erfolg - als auch die Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Alles, was dem angestrebten Zweck diente, war erlaubt, und da Lügen, Betrügen, Bestechungen und andere kriminelle Machenschaften, wie bereits der Vater vorgemacht hatte, sehr machtvolle Instrumente darstellten, wäre seiner Vorstellung nach jemand dumm gewesen, sich nicht dieser Methoden zu bedienen. Man musste lediglich die Schwachstellen der anderen kennen und ausnutzen, dann spielte es kaum noch eine Rolle, ob man selbst über gute oder schlechte Karten verfügte. Dreistigkeit hatte sich für ihn oft als das beste Mittel herausgestellt, um über eine eigene ungünstige Situation hinwegzutäuschen. Man musste diese Dreistigkeit nur konsequent durchziehen. Dagobert Ace hatte sich immer wieder als Meister darin erwiesen, diese auf die Spitze zu treiben.
Eine große Rolle in seiner Welt spielten Frauen, allerdings lediglich zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse und dazu, die Großartigkeit seiner eigenen Person zu unterstreichen. So hatte er zuweilen behauptet, Beziehungen zu prominenten, attraktiven Frauen zu haben, denen er tatsächlich nur einmal kurz begegnet war. Frauen waren für ihn Statussymbole. Er präsentierte sie wie andere dies mit gewonnenen Pokalen, preisgekrönten Turnierpferden oder dem exklusiven Fuhrpark taten. Es war ihm offensichtlich sehr wichtig, seine sexuelle Potenz zu demonstrieren.
Bondishi skizzierte die Entwicklung von Ace´ Firmenimperium, bei dessen Aufbau dieser stets darauf geschaut hatte, wo er möglichst schnell viel Geld machen konnte. Dies war besonders in der Immobilienwirtschaft, dem Glücksspielbetrieb und den Massenmedien der Fall; Branchen, die darüber hinaus den Vorteil hatten, dass sie leicht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit fanden und deshalb geeignet waren, Ace´ Bedürfnis nach einem großen Publikum gerecht zu werden. Detailliert analysierte Bondishi den Beinahebankrott von Ace´ Firmenimperium, der in Zusammenhang mit seinen Verbindungen zur organisierten Kriminalität stand und darüber hinaus belegte, dass er gerade nicht der klug planende Unternehmer war, als der sich Ace gerne darstellte. Es war vor allem die Befürchtung der Banken, bei einem Zusammenbruch der Firmengruppe noch weit mehr Geld zu verlieren als bei ihrer Sanierung, die damals einen Zusammenbruch verhindert hatte. Allerdings hatten sich Ace´ gut geschmierte Beziehungen zu Politikern dabei auch als nicht ungünstig erwiesen.
Im Hinblick auf seine politischen Vorstellungen bemühte sich Ace, einen früheren Präsidenten, der allgemein als erfolgreich galt, zu kopieren. Auch dieser war kein typischer Berufspolitiker gewesen; man hatte ihn mehr als den großen Kommunikator gesehen, der seine Ideen geschickt in der Öffentlichkeit zu platzieren verstand, um dadurch das politische Establishment in eine bestimmte Richtung zu lenken und danach die eigentliche Arbeit seinen Mitarbeitern zu überlassen. Doch selbst diesem Quereinsteiger gegenüber wirkte Ace wie ein Auszubildender im Politbetrieb. Ace verstand es allerdings, aus seiner Unerfahrenheit Kapital zu schlagen. Gerne stellte er sich als unverdorbener und volksnaher Außenseiter dar, der mit den Berufspolitikern, die abgehoben von den Bürgern ihre eigenen Geschäfte betrieben, aufräumen würde. Er wusste um die Ressentiments vieler Frustrierter gegen die da oben und verstand es, sie für seine eigenen Interessen auszunutzen, obwohl er in seiner Karriere als Geschäftsmann sich weniger als jeder andere um die kleinen Leute gekümmert hatte. Doch die Wähler interessierte es nicht, dass Ace seinen Arbeitern zuweilen den verdienten Lohn vorenthalten oder sie skrupellos Gesundheitsrisiken ausgesetzt hatte; dass er junge Leute viel Geld für wertlose Ausbildungszertifikate hatte bezahlen lassen. Mit einem kämpferischen Nationalismus appellierte er an den Stolz des kleinen Mannes, der - mochten seine Lebensumstände auch bescheiden sein - doch Teil eines mächtigen Landes war, dem es zusammen mit allen seinen Bürgern viel besser gehen könnte, wenn man eigene Interessen nicht in schlechten internationalen Verträgen zurückstellte. Er präsentierte sich als der starke Mann, der gegenüber allen anderen, egal ob Freund oder Feind, konsequent die Vorteile für das eigene Land durchsetzen würde. Waren die Vereinigten Staaten in ihrer Geschichte immer wieder zwischen aktivem Engagement in internationalen Angelegenheiten und dem Rückzug aus der Weltpolitik hin und her geschwankt, so wirkte das dumpfe Gemisch von Vorurteilen und Drohungen, mit dem Ace internationale Partner und Gegner überschüttete, wie die Quadratur des Kreises: Als ob er es vermochte, gerade durch den Rückzug aus Verträgen und internationalen Engagements allen anderen Nationen den eigenen Willen aufzuzwingen, von dem er behauptete, dass er letztlich zum Wohle der gesamten Staatengemeinschaft wäre.
Generell plädierte Ace für einen Kurs der Konfrontation. Verbündete wie Konfliktpartner sollten gleichermaßen willfährig gemacht werden durch bedingungslose Härte. Bondishi wies auf das Konfliktpotential hin, das darin insbesondere gegenüber einigen kleineren Ländern lag, die seit Jahrzehnten mit den USA verfeindet waren. Im Wahlkampf hatte Ace sich auf Nachfragen stets geweigert, genauer auszuführen, wie er seine Ziele gegenüber solchen Staaten durchsetzen wolle. Es würde den Erfolg gefährden, wenn er dies frühzeitig verrate, hatte er argumentiert. Bondishi war sich sicher, dass Ace keinerlei Strategie hatte. Ace war dazu viel zu ahnungslos. Sein Vorgehen war das eines Spielers: Er bluffte. Doch während er damit vielleicht seine eher wenig gebildeten Wähler überzeugen mochte, würden seine internationalen Gegner schnell erkennen, dass Ace im Spiel der internationalen Politik letztlich schlechte Karten hatte. Der Kaiser war nackt; nicht nur Kinder, auch erfahrene Diplomaten würden das ohne weiteres erkennen.
Eine möglicherweise noch größere Gefahr für die Stabilität des gesamten Planeten lag jedoch in der Wirtschaftspolitik, wie Ace sie umrissen hatte. Sie bestand aus vielen Versprechen, wie z.B. die marode Infrastruktur des Landes durch ein großes Investitionsprogramm zu modernisieren oder die Armee kräftig aufzurüsten. Gleichzeitig wollte er die Einnahmen des Staates durch Steuerentlastungen für alle, insbesondere natürlich die Reichen, radikal reduzieren. Ace blieb sich treu, die eigenen Interessen über alles andere zu stellen. Das öffentliche Wohl und die Interessen der großen Masse mussten hintanstehen. Letztere war für ihn ohnehin nur als Stimmvieh interessant. Würde Ace jedoch eine solche Wirtschaftspolitik konsequent umsetzen, so liefe das darauf hinaus, die bereits jetzt beispiellose Staatsverschuldung exponentiell in die Höhe zu treiben, was auf die Dauer zu Inflation und Zusammenbruch führen musste; angesichts der internationalen Verflechtung und der zentralen Stellung der Vereinigten Staaten würde dies alle anderen mit in den Abgrund reißen, wie es bereits knapp hundert Jahre zuvor geschehen war. Nichts aber stellte mehr Zündstoff für Kriege dar als wirtschaftliche Not.
