Wind aus Nord-Süd - Dorothee Häußermann - E-Book

Wind aus Nord-Süd E-Book

Dorothee Häußermann

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Beschreibung

Eine namenlose Gruppe sprengt im Namen des Klimaschutzes ein Flugzeug nach Bangkok in die Luft. In Frankfurt steht eine Frau auf dem Balkon und raucht. Zwei Menschen, die sich gerne haben, finden nicht den richtigen Ton miteinander. Was machen fünf Handys im Cocktail-Shaker einer Brüsseler Bar? Eine Brieftaube verirrt sich. Ein Junge sammelt schlechte Nachrichten an seiner Zimmerwand. Drei Frauen folgen ihrem moralischen Kompass und verlieren sich dabei. Vielleicht finden sie sich wieder, wer weiß. Der Roman zeigt die unterschiedlichen Lebenswege der drei Frauen, die ein Auf und Ab von Nähe und Entfremdung bringen; er zeigt ihre Trauer und Ohnmacht, aber auch ihren Mut angesichts überwältigender globaler Krisen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2019

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DOROTHEE HÄUSSERMANN

WIND AUS NORD-SÜD

Romanfetzen

© 2019 Dorothee Häußermann

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7497-5706-0

Hardcover: 978-3-7497-7288-9

e-Book: 978-3-7497-7289-6

Umschlagfotos: Dorothee Häußermann

Auszug aus: Aric McBay, Lierre Keith and Derrick Jensen, Deep Green Resistance: Strategy to Save the Planet. Copyright © 2011 by Aric McBay, Lierre Keith, and Derrick Jensen, Deep Green Resistance: Strategy to Save the Planet.

Reprinted with the permission of The Permissions Company, LLC on behalf of Seven Stories Press, www.sevenstories.com

Auszug aus: Mark Lynas. Six Degrees. Our Future on a Hotter Planet. HarperCollinsPublisher 2007

Reprinted by permission of HarperCollins Publishers Ltd

Copyright © by Mark Lynas 2007

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

für alle, die nicht aufgeben

Stellungnahme zum gestrigen Brandanschlag am Flughafen Frankfurt/Main

Mit der Zerstörung des Airbus 380-800 haben wir seinen Flug nach Bangkok verhindert und damit 1844,12 Tonnen CO2 vermieden. Wir betrachten unsere Aktion daher als aktiven Beitrag zum Klimaschutz. Selbst abzüglich der durch die Explosion entstandenen Treibhausgase liegt unsere CO2 – Bilanz dieses Jahr im vierstelligen Minusbereich. Somit haben wir den Schaden, den wir durch unser Leben in einer Industrienation verursachen, erfolgreich kompensiert. Das soll uns erstmal irgendwer nachmachen.

Wir sind auch weiterhin entschlossen, fossile Infrastruktur nachhaltig zu zerstören und gewaltsame Produktionsabläufe zu stoppen. Angesichts der allgemein bekannten Sachlage bezüglich des ökologischen Gleichgewichts unseres Planeten erscheinen uns alle anderen Aktionsformen absurd und nicht zielführend.

Wir sind eine Gruppe von im Prinzip sehr harmoniebedürftigen Personen. Darum legen wir Wert darauf, dass bei unseren Aktionen keine Menschen ums Leben kommen. Ob das in Zukunft immer gelingen wird, können wir allerdings nicht garantieren.

Die „Mehrheit“ wird unsere Aktion missbilligen. Leider können wir darauf keine Rücksicht nehmen. Die „Mehrheit“ betreibt oder toleriert die systematische und unwiderrufliche Vernichtung von tierischen und menschlichen Lebensgrundlagen. Darum ist der Wille der „Mehrheit“ für uns kein moralisches Kriterium.

Ihr werdet uns sowohl in islamistischen als auch in linksradikalen Kreisen vergeblich suchen (in den rechtsradikalen sucht ihr ja sowieso nicht). Wir haben mit allen politischen Strömungen abgeschlossen. Ihr werdet uns nicht finden. Wir sind nicht online. Wir sammeln keine Treuepunkte. Eure Drohnen wissen nicht, wonach sie suchen sollen.

Bis zum nächsten Mal

Nennt uns wie ihr wollt

FRANKFURT 2014

Die Nachmittagssonne schien durchs Fenster hinein und erfüllte den Raum zwischen Holzparkett und stuckverzierter Decke mit Licht. Sie erinnerte Lotte daran, dass es bald Zeit war, das Büro zu verlassen, ihre Tochter abzuholen und auf einer warmen Bank am Spielplatz zu sitzen.

„Ja“, sagte sie. „Ich denke, ich habe verstanden, was Sie meinen. Aber könnten Sie bitte ihre Kernbotschaft noch einmal ganz kurz zusammenfassen. Wirklich ganz kurz. Ein Satz am besten.“

„Seriosität“, sagte der Kunde nach kurzem Zögern und nickte dann mit dem Kopf, zufrieden.

„Seriosität. Und der Eindruck, sich vertrauensvoll und ernsthaft mit einem Anliegen an uns wenden zu können, dass sonst eher… sagen wir… belächelt wird. Darum finde ich es wichtig, dass die Diskretion auch durch das Layout…“

„Um die grafische Gestaltung kümmert sich mein Kollege“, unterbrach ihn Lotte. „Bei unserem Termin heute geht es ja um den Text.“

„Das sagten Sie.“

„Aber was ist nun die Hauptaussage der Broschüre, die ihnen vorschwebt?“ hakte Lotte nach. „Wollen Sie medizinisch aufklären, wollen Sie Verständnis bei den Mitreisenden der betroffenen Passagiere wecken oder soll in erster Linie diese neue Art von Kissen vorgestellt werden…?“

„Ja. Das ist alles wichtig. Alles. Aber vor allem geht es um eine Befreiung von der Tabuisierung. Darin wird diese Broschüre sensationell sein. Es wird die erste Broschüre sein, die das Thema adressiert, offen, diskret, ernsthaft. Darum war uns auch wichtig, für die Kommunikation über dieses brisante Thema professionelle Unterstützung zu holen. Verstehen Sie, diese Broschüre leistet Pionierarbeit. Für den gesamten Passagierflugverkehr.“

Lotte hängte ihren Blick an das Schild aus weißem, mattem Milchglas hinter dem Rücken des Kunden. Communication and Design stand darauf. Das Co und das De standen fett hervor und waren grasgrün. Wie viel Zeit in Entwürfe, Diskussionen um Farbtöne, Honorare sie auf dieses Logo verwendet hatten. Bis es genau richtig wirkte.

„Gut“, sagte Lotte und umkringelte einige Begriffe auf ihrem Notizblock. „Ich gebe kurz wieder, wie ich den Problembereich verstanden habe: In großer Höhe können Mahlzeiten nicht optimal aufgenommen werden, so dass Verdauungsabläufe häufig zu Blähungen führen. Deshalb fühlen sich Passagiere vor allem auf Langstreckenflügen häufig unwohl.“

„Die Tabuisierung. Vergessen sie nicht die Tabuisierung. Die ist zentral.“

„Richtig. Die Flugpassagiere leiden nicht so sehr unter den Blähungen, sondern darunter, dass sie sie unterdrücken.“

„Und das führt zu Beschwerden im Verdauungstrakt bis hin zu Koliken, nicht erst zu reden vom psychischen Stress, dem Schamgefühl, den zwischenmenschlichen Komplikationen.“

„Es ist Ihnen also vor allem ein Anliegen“, fragte sie, „dass die Menschen über ihr verstärktes Aufkommen von Blähungen miteinander sprechen?“

„Wenn sie so wollen, ist unser Anliegen eine zweifache Befreiung von der Tabuisierung. Die Menschen sollen darüber sprechen. Ja. Verständnis und Toleranz füreinander entwickeln. Aber sie sollen auch so weit kommen, es zu tun.“

„Was zu tun?“

„Sie sollen sich nicht mehr so quälen. Das wird erleichtert durch das neue geruchsabsorbierende Sitzkissen, das in Kürze gegen eine kleine Gebühr beim Bordpersonal erworben werden kann. Damit sind wir übrigens die erste Fluglinie, die so einen Service anbietet.“

„Aha. Die Leser sollen dazu ermutigt werden, ihre Blähungen nicht zu unterdrücken, sondern abzulassen, und das Bordpersonal auf ein Kissen anzusprechen, das eventuellen üblen Gerüchen vorbeugt.“

Der Kunde runzelte die Stirn.

„In etwa, ja. Wir haben uns gerade an Sie gewandt, damit das alles nicht so.… klinisch klingt. Oder lächerlich. Wir bezahlen sie dafür, dass Sie die richtigen Worte finden, um den Sachverhalt angemessen zu beschreiben.“

„Natürlich. Verlassen Sie sich auf uns. Die Formulierungen, die ich gerade gewählt habe, dienten dazu, den Inhalt, so wie wir ihn besprochen haben, korrekt zusammenzufassen. Das hat nicht unbedingt soviel mit dem endgültigen wording des Flyers zu tun.“

„Ich vertraue darauf, dass Sie eine Lösung finden werden.“

„Ja. Ich denke, ich kann mit dem, was wir besprochen haben, anfangen zu arbeiten. Ich schicke Ihnen in der nächsten Woche einen ersten Entwurf zu.“

Lotte begleitete den Kunden zur Tür. Sie gaben sich die Hände und verabschiedeten sich. Als sie die hohe, weiße Flügeltür hinter ihm schloss, rieb sie kurz ihr Gesicht, um ihre Miene zu entkrampfen.

Sie schaute in den Büroraum ihres Kollegen Steffen hinein. Er sah von seinem Bildschirm auf. „Und – wie war’s?“ fragte er.

„Sensationell. Die Menschheit wird uns ewig dankbar sein für diese Dienstleistung.“

„Das sowieso.“

„Ich sehe kommen, dass Konzeption und Erstellung der Broschüre aufgrund dieser anspruchsvollen Pionierleistung doch länger dauern als geplant. Ich sehe kommen, dass wir leider mit dem Honorar etwas in die Höhe gehen müssen. Oder können wir so was verlangen wie Härtezuschlag?“

Steffen lachte. Sie ging zurück in ihr Büro und stand eine Weile vor dem Bücherregal, obwohl sie dringend los musste. Wenn Dinge einen komischen Nachgeschmack haben, war es gut, danach etwas anderes zu essen. Sie zog einen Gedichtband heraus, blätterte darin, blieb an einer Seite hängen. ….Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern’, und verstehe die Freiheit, aufzubrechen, wohin er will.

Sie atmete tief und stellte den Band zurück. Sie machte ihre Arbeit, weil sie Sprache liebte.

BRÜSSEL 2014

Im „Parzival“ des Wolfram von Eschenbach ist Kundrie eine gelehrte aber unheilverkündende Frau mit zottigen Ohren, Zähnen wie Eberhauer und Augenbrauen, die zu Zöpfen geflochten gen Himmel ragen. Zum Glück wusste das niemand. Außer Lotte wahrscheinlich. Zum Glück sah Kundrie Walther nicht so garstig aus wie ihre literarische Namenspatronin. Ihre Gestalt war normal proportioniert, Arme und Beine ein bisschen zu lang geraten vielleicht. Sie hatte dichtes, dunkles Haar, was in verschiedene Richtungen von ihrem Kopf abstand – vor einem halben Jahr war dies eine Kurzhaarfrisur gewesen, deren Anspruch schon damals an ihren Wirbeln gescheitert war. Trotzdem, und auch obwohl ihre Züge eher unordentlich und eigen im Gesicht standen, machte ihre Erscheinung auf viele Menschen einen angenehmen, verschmitzten Eindruck. Von anderen bekam sie gelegentlich zu hören, sie wirke arrogant oder kühl.

In diesem Moment stand zwischen ihren Brauen eine tiefe Falte, die entweder auf Missmut oder höchste Konzentration deutete. Sie rieb ihre Schläfen, weil ihre Augen vom Starren auf den Bildschirm verspannt waren, und nahm einen Schluck Bier. Ihr Blick wanderte kurz zum Fenster, hing einen Moment im Leeren und heftete sich dann wieder auf den Monitor. Wackelige, verschwommene Aufnahmen einer Handy-Kamera. Die wulstige Rauchwolke, die aus dem Jet ausstieg, die splitternden Teile. Menschen in Panik in den Gängen des Flughafens. Ein graumelierter Experte. Die zerzauste weiße Taube, die vom Bekennerschreiben grinste. Im Schnabel hielt sie keinen Ölzweig sondern ein Schnur, die an einem Ende glühte…. erscheint uns jede andere Aktionsform absurd und nicht zielführend.

Die Eingangstür ging auf. Kundrie zuckte zusammen, weil sie so spät niemanden im Büro erwartete und klickte die Seite weg. Dann klopfte es und Florian, der Praktikant, steckte den Kopf durch die Tür.

„Das hab ich gehofft, dass du noch da bist. Ich würde gerne was mit dir besprechen – hast du Zeit?“

„Ja. Ich bin sowieso nicht mehr wirklich produktiv. Wir könnten zusammen was essen gehen, wenn du möchtest“, sagte Kundrie.

„Klingt gut.“

Das Institut lag in einer ruhigen Straße in Ixelles. Seine Flügeltür mit der verzierten Milchglasscheibe lag zwischen einem leeren Ladenlokal, dessen Eisenjalousie mit Graffiti beschmiert war und den Auslagen eines türkischen Obsthändlers. Sie gingen den Hügel hinunter zu einem Imbiss in der nächsten größeren Straße. Kundrie hätte gerne in der Abendsonne gesessen, an der Tischreihe, die zwischen Lokal und parkenden Autos auf den Gehweg gequetscht war. Doch Florian fand es wegen der vorbeirumpelnden Straßenbahnen und Lkws zu laut und wünschte sich, sein Anliegen lieber in einem 'geschützten Raum' zu besprechen. Drinnen lief die Übertragung eines Fußballspiels. An den Tresen standen ältere Männer und tranken Tee.

Sie bestellten zwei Falafel und setzten sich an einen Fenstertisch.

„Lass mich raten“, sagte Kundrie. „Du willst abbrechen. Du bist total enttäuscht vom Arbeitsalltag. Weil du nicht gedacht hättest, dass du zum Weltretten den ganzen Tag in einem kleinen muffigen Büro vorm Rechner sitzen muss. Oder… du hast ein Stellenangebot bei der Konkurrenz.“

„Nein. Ja.“

Florian wischte sich mit der Serviette die Soße vom Mund. „Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, aber das ist ein anderes Thema.“

„Dann bin ich jetzt ganz schön neugierig.“

„Es ist eine ziemlich heikle Angelegenheit.“

Er biss erneut in seine Falafel-Rolle, wobei er nicht verhindern konnte, dass ein Teil der Salat-Füllung auf die Tischplatte abstürzte.

„Aha. Und wie kommst du auf die Idee, dass ich die richtige Ansprechpartnerin für heikle Angelegenheiten bin?“

Das war eine rhetorische Frage. Natürlich wendete sich Florian nicht an die angegraute Generation, die das Institut vor 20 Jahren aufgebaut hatte. Und auch nicht an den Teil des Kollegiums, der auf den Zeigerschlag das Büro verließ. Sondern an Kundrie, die drei Mal in der Woche auf der Liege im Besprechungszimmer übernachtete, und die sich, wenn sie mal keine Überstunden machte, mitunter dazu verleiten ließ, mit den Praktikanten in der Teeküche Nudeln zu kochen oder bei hochprozentigem Bier und schwergewichtigen Diskussionen zu versumpfen.

„Ich hab ziemlich heiße Infos und weiß nicht, was ich damit machen soll. Willst du sie hören oder nicht?“

Jetzt plustert er sich auf, dachte sie. Wie putzig. Sie fand Florian eigentlich ganz sympathisch. Sie hatte nicht den Eindruck, dass er ausschließlich um seines Lebenslaufs Willen ein Praktikum in Brüssel machte. Allerdings war ihr suspekt, dass er haargenau so aussah, wie ein hipper Mittzwanziger im Jahr 2014 aussehen sollte, inklusive der braun-orangefarbenen Wildleder-Turnschuhe, bei denen ständig die Schnürsenkel offen waren, der Trainingsjacke und dem Dreitagebart. Und punktuell neigte er zur Selbstüberschätzung.

„Schieß los“, sagte sie.

Florian setzte seine Umhängetasche aus recycelten LKW-Planen auf seinen Schoß und zog einen Stapel Papier daraus hervor. Er wischte die Salatreste von der Kunststofftischplatte und legte ihn vor Kundrie.

„Das hier ist eine Studie einer kleinen, uns wohlbekannten Nichtregierungsorganisation, und zwar das allerletzte Exemplar. Meine Quelle hatte bei dieser Organisation, sagen wir… vorübergehend eine untergeordnete Position. In dieser Zeit hat diese Person das vorliegende Exemplar aus dem Altpapier gezogen. Außerdem hat sie in einer informellen, privaten, ich nehme an alkoholisierten Situation, den Hintergrund dazu erfahren.“

„Und um welche Organisation geht’s?“

Kundrie nahm den Stoß Blätter in die Hand. Er war verknickt, voller Tomatensoßenflecken und offensichtlich unvollständig.

„Das spielt keine Rolle.“

„So geheim?“

„Nennen wir sie NGO X. Ich habe die Studie nur bekommen, weil ich absolute Diskretion versprochen habe.“

Sie überflog den Text und konnte so schnell nichts Brisantes entnehmen.

„NGO X hat den Bericht nach Recherchen in Sambia geschrieben, wo sie die Umweltsauereien rund um eine Kupfermine untersucht hat. Dort operiert das Tochterunternehmen eines transnationalen Bergbaukonzerns; und anscheinend kippen die alle ihre Chemieabfälle in den nächsten Fluss, in den Ka… Kaf…. .“ Florian blätterte.

„Ist doch egal“, sagte Kundrie.

„Naja. Trinkwasser und Böden sind auf jeden Fall seit Jahren mit Schwefelsäure kontaminiert; die Leute werden krank, auf den Böden wächst nichts mehr. Sie sind jetzt abhängig davon, dass die Regierung ihnen Trinkwasser in Tanks in die Dörfer fährt; erstens müssen sie es kaufen und zweitens klappt der Service nicht immer. Der Konzern zahlt keine Entschädigung.“

„Die übliche Geschichte halt.“

„Hier ist alles drin, Interviews mit Betroffenen, Studien zur Belastung von Wasser, Boden, Luft; Krebsraten. Außerdem haben sie rausgefunden, dass in dem Bergbauprojekt nicht nur die üblichen fiesen Banken stecken, sondern auch Entwicklungsgelder … der Hammer, oder?“

Kundrie wartete kauend auf die echte Sensation.

„Eine wunderbare Studie also. Aber der Konzern hat Wind von dem Vorhaben bekommen und kündigt an, unsere NGO wegen Verleumdung zu verklagen. Es drohen Schadensersatzforderungen in astronomischer Höhe. Es zeigt sich, dass der Report an irgendeiner Stelle nicht wasserdicht ist. Eine Null zuviel, der Name vom Bürgermeister falsch geschrieben, keine Ahnung. Man einigt sich außergerichtlich: Der Konzern verzichtet auf eine Klage. Dafür darf nie mehr etwas von den Anschuldigungen an den Konzern in die Öffentlichkeit gelangen. Die Studie und das komplette Material dazu werden gelöscht. Von den Festplatten, aus den Aktenordner, aus dem Netz, aus dem Bewusstsein. Bis auf dieses Exemplar, was wohl aus Versehen dem Schredder entging.“

„Die armen Schweine.“

„Die Kosten hätten ihnen komplett das Genick gebrochen. Sie hatten keine Wahl.“

„Ja. Das kommt vor.“

„Was?“

„So eine Klage hast du ziemlich schnell am Hals. Dafür musst du noch nicht mal inhaltliche oder formale Fehler machen. Die fangen einfach schon mal an zu klagen. Nicht weil sie Recht haben, sondern weil sie genug Geld für Anwaltskanzleien haben und du nicht.“

Sie knüllte das fettige Papier zusammen, in dem ihr Falafel gewesen war und beobachtete Florian, der merklich an Fahrt verloren hatte.

„Und was dachtest du, soll ich jetzt tun?“ fragte sie.

„Hier auf diesem Tisch, und sonst nirgends, liegen Infos, die die Welt erfahren muss. Das INS könnte den Fall nach-recherchieren. Jemanden nach Afrika schicken. Die Quellen der Studie prüfen, rausfinden, was richtig ist und wo der Haken liegt, und dann einen unabhängigen Bericht schreiben, der sich an keiner Stelle auf die Arbeit von NGO X bezieht, sondern nur auf Originalquellen. Einen niet- und nagelfesten Bericht. Und dann damit an die Öffentlichkeit gehen. Und einen fetten Skandal für den Konzern provozieren.“

Sie blätterte durch die Seiten und kniff an manchen Stellen die Augen zusammen. Florian beobachte sie genau.

„Ach, sieh an“, murmelte sie.

„Was?“

„AuroMont, unser Lieblingsfeind. Die haben ihre Finger wirklich überall drin…“

Sie schüttelte den Kopf und legte den Papierstapel zusammen.

„Für Afrika bin ich nicht zuständig. Das macht Laurent. Den kannst du ja mal fragen. Allerdings steckt der grad bis zum Hals in Arbeit. Und wird außerdem im Herbst noch mal Papa. Der fliegt da garantiert nicht runter. Außerdem können wir doch nicht einfach in einen neuen Fall einsteigen. Das dauert Jahre. Wie soll das denn finanziert werden? Wir arbeiten ja zum größten Teil mit Projektgeldern und die sind zweckgebunden. An das, wofür wir sie beantragt haben, halt.“

Florian war ganz ruhig geworden und auch, wie sie zu spüren glaubte, reserviert. Wahrscheinlich war er gedanklich schon mit einem Bein im Flugzeug nach Sambia gewesen.

Sie schob das Manuskript ein Stück von sich. Allein der Anblick der Papiere löste tiefe Erschöpfung in ihr aus.

„Das tut mir leid“, sagte Kundrie. „Ich arbeite schon den ganzen Tag an Skandalen. Oder an Dingen, die wir für Skandale halten.“

Ihr fiel ein regnerischer Spaziergang ein, die Stimme eines alten Freundes und gute Vorsätze. Mehr schwimmen. Frisches Gemüse auf dem Wochenmarkt einkaufen und kochen. Wochenende ist Wochenende.

„Ich mach mich dann jetzt auf den Weg“, sagte Florian. „Ich bin noch verabredet.“

Er machte Anstalten, die Studie wieder einzupacken.

„Warte“, sagte Kundrie plötzlich und legte die Hand auf die Papiere, bevor Florian sie wegziehen konnte. „Lass die mal hier.“

VON ALJOSCHAS TAPETE

„TERROR-AKTE SIND KEINE LÖSUNG“

Umweltverbände rufen zu gewaltfreiem Engagement für den Klimaschutz auf und distanzieren sich von Airbus-Anschlag

Berlin, 14.5.2019 Ein breites Bündnis aus Umwelt- und Naturschutzverbänden ruft die Gesellschaft zu friedlichem Engagement für den Klimaschutz auf. In einer gemeinsamen Erklärung bekräftigen die Verbände die Notwendigkeit, entschlossene Maßnahmen gegen die globale Erwärmung zu ergreifen. Gleichzeitig betonen sie, dass Gewalt als politisches Mittel abzulehnen sei, und dass Proteste der Umweltbewegung friedlich ablaufen müssen.

„Der Klimawandel ist eine drastische ökologische und soziale Bedrohung, deren Ausmaß die meisten Menschen in ihrem Alltag unterschätzen“, heißt es in der Erklärung. „Für diese Bedrohung müssen wir langfristige Lösungen suchen, die von einem gesellschaftlichen Konsens getragen werden. Terror-Akte wie der Anschlag auf den Airbus in Frankfurt sind keine Lösung. Im Gegenteil, sie tragen dazu bei, die Gesellschaft zu spalten.“

„Das Flugzeug-Attentat ist ein Verbrechen, dass nicht im geringsten zum Klimaschutz beigetragen hat“, äußert sich Horst Althoff von RdED (Rettet die Erde, Deutschland). „An den Emissionen des Flugverkehrs hat sich dadurch nichts geändert.“ Weiter fordert er die Bürger und Bürgerinnen auf, auf unnötige Flugreisen zu verzichten. Als sinnvolles Beispiel für Klimaschutzengagement nannte er die Kampagne zur Einführung einer Kerosinsteuer, die die RdED in der Vergangenheit durchgeführt hat.

Mit der Erklärung reagieren die Umweltverbände auf die Kritik, die in den letzten Wochen in den Medien an ihrer Öffentlichkeitsarbeit geübt worden war. Die Debatte war durch den Artikel Biedermann unddie Brandstifter in der Tageszeitung Die Welt ausgelöst worden, in der die Umweltverbände als „geistige Wegbereiter des Öko-Terrorismus“ bezeichnet wurden, die durch ihre „Panikmache auf wissenschaftlich umstrittener Faktenbasis“ junge Menschen in die Gewaltbereitschaft trieben.

Die Situation hatte sich zugespitzt, als die Jugendsektionen des RdED und der Organisation „Freunde des Planeten“ das Logo des Bekennerschreibens bzw. das Bekennerschreiben selbst in ihren sozialen Netzwerken gepostet hatten und dafür eine überwältigende Anzahl von ‚Gefällt mir’-Angaben erhielten. Vertreter der Jugendverbände gaben an, die Posts mittlerweile gelöscht zu haben.

BONN 1992

Es war eine der letzten Deutsch-Stunden des Schuljahres. Kundrie hatte den Badeanzug schon unter ihren Kleidern an, dazu trug sie gelbe Espandrillos. Der Referendar war frisch promoviert und fest davon überzeugt, eine zehnte Klasse kurz vor den Sommerferien für einen enggedruckten zehnseitigen Aufsatz über die Epoche der Aufklärung begeistern zu können. Er hatte viele bunte Papierschnipsel ausgeteilt, auf denen das Wort „Freiheit“ stand. Dann schrieb er in großen Buchstaben „Gesetz“ und „Chaos“ jeweils an eine Tafelhälfte und forderte sie auf, ihren persönlichen Freiheitszettel einem dieser Begriffe zuzuordnen. Die Klasse reagierte nicht gleich. Sie merkten am bunten Papier und dem Schrifttyp Comic Sans MS, dass sie geködert werden sollten, und waren misstrauisch.

„Aufstehen“, sagte der Referendar. „Dafür müsst ihr aufstehen!“

Die ersten wohlgesinnten Jugendlichen standen auf und gingen nach vorne, die anderen folgten langsam. Sie mochten den Referendar, weil sie fühlten, dass er sie ernst nahm, und begegneten seinen umständlichen Versuchen, den Unterricht aufzulockern, mit Nachsicht. Außerdem spürten sie die Blicke des Schulleiters und der zwei fremden Damen im Nacken, die sie an den Ernst der Situation erinnerten. Es gab nur zwei Tesafilmrollen, darum dauerte es fast zehn Minuten, bis alle 32 Mädchen und Jungen ihren Zettel an die Tafel geklebt hatten, das im Gedränge entstandene Gelächter sich gelegt hatte und alle wieder ruhig an ihrem Platz saßen. Der Referendar war derweil ins Schwitzen geraten. Bis auf zwei Ausnahmen hingen alle Zettel auf der „Chaos“-Seite der Tafel.

„So. Das ist ja interessant. Wer hat denn den Freiheitsbegriff unter „Gesetz“ zugeordnet?“

Kundrie und Paul meldeten sich.

„Paul, kannst du bitte erklären, warum du das gemacht hast?“

„Bei Chaos war kein Platz mehr!“

Alle lachten. Alle außer dem Schulleiter und den zwei Damen im Kostüm.

„Kundrie, was ist mit dir?“

Kundries Kopf lief rot an. Sie hatte den Zettel unter „Gesetz“ gehängt, weil die andere Lösung zu offensichtlich gewesen wäre. Aber sie ahnte, dass weder der Referendar noch das strenge Publikum an der Seite des Klassenzimmers eine solche Antwort hören wollten.

„Ich weiß nicht so recht“, sagte sie.

„Du weißt nicht so recht?“

„Ich erinnere mich nicht mehr.“

„Hmm“, sagte der Referendar, „vielleicht fällt es dir wieder ein, wenn du eine Weile nachdenkst.“

Sein Blick hing verzweifelt an Neles leerem Platz.

„Was sagen denn die anderen dazu? Warum könnte Kundrie glauben, dass im Gesetz die Freiheit liegt?“

Die Klasse schwieg ratlos. Gesetz – das war der Grund, warum sie gerade im Unterricht waren und nicht im Freibad. Gesetz war das Prinzip, das ihnen die Beschaffung von hochprozentigem Alkohol erschwerte. In einer entspannteren Situation hätte der eine oder die andere sicherlich Widerspruch geäußert, oder auch im Hinblick auf die mündliche Mitarbeitsnote einen Beitrag aus der Nase gezogen. Doch sie hielten alle den Mund, weil sie nichts Falsches sagen wollten, das den Referendar – der immer bleicher wurde - noch tiefer in die Bredouille manövrieren würde.

Kundries Mitleid schlug in Ärger um. Gestern hatten Lotte, Steffi und sie dem jungen Mann in der Fünf-Minuten-Pause aufgelauert, um ein bisschen mit ihm zu schäkern.

„Sagen Sie uns einfach, was wir morgen sagen sollen“, hatte Lotte großherzig angeboten, „wir drehen das schon für Sie.“ Doch der Referendar hatte nur gequält gelächelt und gesagt, sie sollten ihre Hausaufgaben gründlich machen. Das hatte er jetzt davon.

Sie meldete sich tollkühn und wurde sofort dran genommen. „Ich habe meinen Zettel dahingehängt, weil Gesetz ja irgendwie schon etwas mit Freiheit zu tun hat“, sagte sie.

„Ja!“ sagte der Referendar erleichtert. „Du bist auf einer ganz heißen Fährte. Kannst du das vielleicht noch etwas ausführen?“

„Gesetz hat ja auch was mit Ordnung zu tun“, improvisierte Kundrie, „und Ordnung kann einem manchmal sogar etwas erleichtern, zum Beispiel im Zimmer. Wenn man nicht suchen muss, dann ist man frei, andere Dinge zu tun.“

Zu ihrer Überraschung war der Referendar begeistert. „Hat das jeder mitbekommen?“ Einige der Jugendlichen schreckten hoch. „Kannst du das bitte laut für alle wiederholen, Kundrie?“

Sie rollte die Augen. „Ordnung im Zimmer verschafft einem Freiheit, weil man nicht suchen muss“, leierte sie.

„Genau!“ rief der Referendar. „Im Chaos funktioniert gar nichts mehr. Das Gesetz dagegen befreit uns vom Chaos und von der triebgesteuerten Herrschaft des Stärksten. War es das, was du sagen wolltest, Kundrie?“

„Ungefähr.“

„Ihr müsst begreifen…“, und jetzt war der junge Mann nicht mehr zu bremsen, „bevor es Gesetze gab, regierte die Willkür der Tyrannen. Die Einführung von Gesetzen war ein unglaublicher Fortschritt. Sie schützen die Armen und Schwachen. Sie sichern unsere Rechte! Und genau darum…“, er lief zurück zum Pult und hielt emphatisch die Kopien des Textes hoch, der als Hausaufgabe zu lesen war, „genau darum ging es in diesem Text. Wir haben diesen kleinen Einstieg deshalb gemacht, weil ich mir gedacht habe, dass euch dieser Gedankengang fremd erscheint. Heutzutage werden Gesetze vielfach als Freiheitsberaubung angesehen, als bürokratische Beengung und Ausdruck von Spießertum. Einen kongenial schlechten Ruf hat die Moral. Wenn ihr Moral hört, denkt ihr an Doppelmoral, Heuchelei, Bigotterie, verkürztes Denken und… verklemmten Sex!“

Die Klasse horchte auf und schenkte dem Referendar für eine Spanne von etwa fünf Sekunden ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Von den Stühlen der Gäste war unruhiges FüßeScharren zu hören.

„Was für ein Irrtum!“ fuhr der Referendar fort. „Zur Zeit Schillers – und nicht nur zur Zeit Schillers – kam man ins Gefängnis, wenn man zu moralisch war. Moral ist mutig. Moral ist subversiv. Moral ist außerdem weit davon entfernt einfach zu sein, oder eindeutig. Nie werdet ihr die Moral eures Lebens finden können, nie die überall einsetzbare Allround-Moral. Ständig werdet ihr euren moralischen Kompass aufs Neue ausrichten müssen. Das ist eine immerwährende intellektuelle Herausforderung. Mit anderen Worten…“, er stützte sich auf das Pult und lehnte sich weit nach vorne, „Moral ist, wie ihr es sagen würdet, das Geilste, was es gibt.“

Eine der fremden Damen runzelte die Stirn. Die andere kritzelte wie wild in ihren Unterlagen. Der Schulleiter sah betreten auf den Boden.

Der Referendar richtete sich wieder auf und räusperte sich.

„Und, wie fandet ihr den Text?“

Die Jugendlichen fingen an, in ihren Taschen zu kramen, um ihre Deutsch-Mappen hervorzuholen.

„Ihr habt ihn doch alle zu Hause bearbeitet, nehme ich an?“ fragte der Referendar verzagt in die Stille.

Lottes Finger schoss in die Höhe. Sie wollte vorlesen, was sie zur ersten Aufgabe geschrieben hatte. Zusammen mit dem schlauen Oliver und dem zuverlässigen Bernd verhinderte sie, dass die Stunde zum totalen Fiasko wurde. Kundrie hielt sich zurück. Sie hatte den Text nicht verstanden, obwohl sie alle Fremdwörter nachgeschlagen hatte. Ihre eigene Muttersprache war ihr so bedeutungsleer erschienen wie die Formeln im Mathebuch der Oberstufe. Sie begriff nicht, was der Referendar von ihnen wollte.

In den Wochen, die auf den Besuch der fremden Damen folgten, verspannte er sich zunehmend. Er strengte sich sehr an. Seine Arbeitsblätter waren stets mit Bildern oder einem passenden Comic-Streifen gesäumt. Häufig machte er Farbkopien davon. Für seine Methoden musste die Klasse meistens das ganze Mobiliar umstellen. Seine Texte wurden jedoch immer schwieriger und seine Arbeitsaufträge wirrer. Am Ende der Stunde schrieb er Dinge an die Tafel, die nichts mit den Inhalten zu tun hatte, die sie vorher besprochen hatten. Mitten im nächsten Schuljahr verließ er die Schule, ohne Examen gemacht zu haben.

AUS LOTTES TAGEBUCH

Jetzt sitze ich hier und trinke Kaffee. Draußen laufen hunderttausende von Menschen durch die Straßen. Wohl eine der größten Demos, die Berlin je gesehen hat, meinte irgendwer. Ohne mich. Ich hab mich abgesetzt in eine Seitenstraße. Bin in einem überschaubaren Raum, leise Hintergrundmusik, ruhige Gespräche von Menschen, die eine Verabredung an diesem Nachmittag wichtiger finden als den Irak-Krieg. Zurück in der Normalität also. Erleichterung. Die Kaffeetasse gibt mir Halt. Traurigkeit. Weil mit mir irgendetwas nicht stimmt. Ich verachte diese Menschen um mich herum, weil sie hier sind und nicht auf der Straße. Und ich gehöre jetzt dazu.

Aber ich fühle mich sau-unwohl in Menschenmengen. Ich will kein Teil einer Masse sein. Die Parolen skandiert. Niemals, niemals werde ich irgendetwas im Chor schreien können, und sei es noch so richtig.

Eine Frau, die ein Transparent trug, gefragt, ob ich sie ablösen kann, und ich habe nein gesagt. Dann bin ich abgehauen.

Ich kann kein Transparent tragen. Das geht einfach nicht. Wieso nur? Weil ich keine Rolle spielen will, auf dieser Demo, sondern eigentlich nur dabei sein will (wollte), Mäusschen spielen, auf Absprung sein können, beobachten. Wenn ich so ein Transparent trage, dann hieße das, eindeutig dazu zu stehen, was drauf steht, und das kann ich in den wenigsten Fällen. Weil ein Transparent nicht alles ausdrücken kann, was für mich das Problem ist, weil das, was das Problem ist, zu groß und komplex ist, um auf ein Transparent zu passen. Und wenn ich mir vorstelle, in dem Moment wäre ein Reporter gekommen, und am nächsten Tag wäre da ein Bild in der Zeitung gewesen mit meinem Gesicht über „Bomb the U.S.A. - they have weapons of mass destruction“… das ist einfach nicht Lotte-Lindner-Style. Blablaba. Eigentlich ist es so: Ich bin zu feige, zu etwas zu stehen.

Wenn alle so wären wie ich, dann wären Demos stumm, farblos und lahm wie Trauerzüge. Ohne Biss. Oder würden gar nicht erst organisiert. Darum bin ich abgehauen.

Vielleicht sollte ich mich generell einfach raushalten. Ehrlich zu mir selbst sein. Anstatt halb dabei zu sein und dann Leute zu enttäuschen, wie die Frau am Transparent. Oder herumzunörgeln. Wie ich das in in letzter Zeit häufiger mache.

Ich kann ihnen nicht mehr folgen. Kundrie und Nele - sie sind so überzeugt. Sind sich so sicher. Ich kann diese Phrasen nicht so wiederholen wie sie, nicht mit dem gleichen Ernst. Wir drei waren doch die, die über alles gelacht haben. Und plötzlich gibt es da diesen abgezirkelten Bereich. Das Ende der Ironie, tote Zone für den Humor. Das macht mir Angst. Nein: Es befremdet mich, stößt mich ab. Angst macht mir die Aussicht, dass ich sie verlieren werde. Vielleicht nicht nächste Woche, nicht dieses Jahr. Aber irgendwann.

Werde immer widerborstiger bei Diskussionen, weil sie mit diesen Sätzen um sich schmeißen, die schon hundertmal gesagt wurden – das tut mir weh.

Ich passe nicht mehr zu ihnen. Unsere subversive Dienstags-Abend-Gruppe. Das Überbleibsel der autonomen Republik Marburg-Biedenkopf. Sie erklären den Irak-Krieg mit den gleichen Argumenten wie die bundesdeutsche Bildungsmisere, die Gleichen sind schuld, das Gleiche muss abgeschafft werden. Salbungsvolle Reinkarnationen der Randgruppe, die seit 100 Jahren das Gleiche kritisiert; und noch in hundert Jahren werden sie zu siebt im Kreis sitzen, etwas gealtert, und zum selben Ergebnis kommen.

Ich war nicht mehr da, seit meinem Faux-Pas. Von dem ich noch immer nicht sicher bin, ob es einer war. Ich habe halt gesagt, was ich denke. Vielleicht blöd formuliert. Dass ich „stolz auf Deutschland bin, dass es sich nicht am Krieg beteiligt“. Das frappierte Schweigen. Das Stirnrunzeln. „Das meinst du nicht ernst?“, fragte jemand. Irgendwer listete militärische Stützpunkte der USA in Deutschland auf, Ramstein und so. O.k., nicht stolz. Aber ich bin froh, finde es gut, dass die bundesdeutsche Regierung den Irak-Krieg nicht offen unterstützt, ja. Das denke ich. Muss ich das zensieren? „Stolz auf Deutschland“. Ich gebe zu, klingt ungünstig. Aber die anderen sind es, die Parolen in Menschenmassen schreien. Für einen guten Zweck zwar. Aber woher wissen sie denn, dass er gut ist, wirklich, woher maßen wir uns an, das unterscheiden zu können? Wie soll ich einen Krieg am anderen Ende der Welt verstehen können? Am Ende einer Kommunikationskette, die unser Bild der Wirklichkeit verzerrt. Nicht wegen der bösen, korrupten Massenmedien - sondern weil Kommunikation schwierig ist, verdammt schwierig. Wenn ich noch nicht mal Mark verstehe, mit dem ich seit Jahren im Bett liege. Wie können sie sich so sicher sein, dass es stimmt, was sie über diese riesigen globalen Zusammenhänge denken und schreiben?

Kundrie und Nele geraten immer mehr in diese Welt, in die ich ihnen nicht folgen kann. Obwohl ich so an ihnen hänge. Aber ich bin so nicht. Ich will nicht mein Leben in kompletter Ablehnung und Verachtung der Gesellschaft verbringen, die mich umgibt.

Habe einen zweiten Kaffee geholt. Er ist nie so gut wie der erste. Trotzdem ist es gut, hier zu sitzen und zwischendurch auf die Straße zu schauen, oder einfach nur in die Luft.

Vielleicht ist das so. Dass man sich irgendwann auseinander entwickelt.

Aber wir drei sind schon etwas Besonderes. Kundrie und Nele teilen etwas, was mir fremd ist. Doch auch Kundrie und ich haben eine gemeinsame Ebene. Und ich würde sagen, sogar zwischen Nele und mir gibt es ein gegenseitiges Verstehen, ein Aufblitzen von Nähe, gerade bei Dingen, für die Kundrie einfach zu prosaisch ist. Musik natürlich. Kundrie klimpert manchmal die Klavierstimme mit, uns zuliebe. Sie zählt, als habe sie ein Metronom verschluckt. Nele und ich hören einfach aufeinander. Wenn wir aus dem Takt geraten, finden wir immer wieder zusammen. Es ist ein Traum, mit ihr Musik zu machen. Vielleicht ist das die Lösung. Nicht mit ihnen zu diskutieren, sondern Schubert sprechen zu lassen.

VON ALJOSCHAS TAPETE

We must put our bodies and our lives between the industrial system and life on this planet. We must start to fight back. Those who come after, who inherit whatever's left of the world once this culture has been stopped – whether through peak oil, economic collapse, ecological collapse, or the effort of brave women and men resisting in alliance with the natural world – are going to judge us by the health of the landbase, by what we leave behind.

They’re not going to care how you or I lived our lives. They're not going to care whether we were nice people. They’re not going to care whether we were nonviolent or violent. They’re not going to care whether we grieved the murder of the planet. They’re not going to care whether we were enlightened or not. They’re not going to care what sort of excuses we had not to act (e.g. „I’m too stressed to think about it,“ or „It’s too big and scary,“ or „I’m too busy,“ or „But those in power will kill us if we effectively act against them,“ or „If we fight back, we run the risk of becoming like they are,“ or „But I recycled,“ or any of a thousand other excuses we’ve all heard too many times). They’re not going to care how simply we lived. They’re not going to care how pure we were in thought or action. They’re not going to care if we became the change we wished to see. They’re not going to care whether we voted Democrat, Republican, Green, Libertarian, or not at all. They’re not going to care if we wrote really big books about it. They’re not going to care whether we had „compassion“ for the CEOs and politicians running this deathly economy.

They’re going to care whether they can breathe the air and drink the water.

Derrick Jensen

NORDHESSEN 2014

Als der Zug Richtung Wochenende die Vorstädte Bremens hinter sich gelassen hatte, ging Kundrie ins Bordbistro und bestellte einen Kaffee. Sie setzte sich damit an einen Tisch, breitete die Süddeutsche Zeitung vor sich aus und holte diskret ihr Schoko-Croissant aus der Bäckertüte. Sie krümelte beim Kauen über den Leitartikel, dachte eine Weile darüber nach und blickte auf die Rapsfelder, die am Fenster vorbeizogen.

Ihre Gedanken schweiften ab. Sie war zufrieden. Sie hatte einen schönen Termin hinter sich, mit interessanten Begegnungen. Aljoscha. Die Einladung war von einem selbstverwalteten Kulturzentrum gekommen, das Vorträge im Rahmen einer Lateinamerika-Reihe organisierte. Die Anfrage war ans Berliner Büro des INS gegangen, aber dort hatte niemand Zeit gehabt. Oder es hatte niemand Zeit haben wollen. Der Termin bot keine illustre Gästerunde und nur ein mageres Honorar. Aber Kundrie hatte zugesagt. Sie fand das ab und zu erfrischend, nicht vor einem überinformiertem Fachpublikum zu sitzen, das sie nur mit komplizierten Details beeindrucken konnte. Außerdem bin ich sowieso am Wochenende in Deutschland, hatte sie gedacht, aber das war natürlich Unsinn. Sieben Stunden war sie von Brüssel nach Bremen unterwegs gewesen. Doch sie konnte im Zug gut arbeiten, und für den Abend selbst musste sie nicht viel vorbereiten. Sie hatte nur ihren Basis-Vortrag etwas umgemodelt. Kupferminen in den Anden, Ölgewinnung im Amazonas. Und, von diesen Beispielen ausgehend, eine komprimierte Zusammenstellung aller Übel des industriellen Zeitalters. Evil-in-a-nutshell nannte sie diese Präsentation.

Sie hatte vor dieser Art Vorträgen manchmal Sorge, dass das Publikum die Augen rollen würden. Kalter Kaffee, alles hundertmal gehört. Aber nein. Es gab immer noch Menschen, für die es neu war. Durchschnittliche Nutzungsdauers eines Mobiltelefons; steigender Bedarf an Rohstoffen in den Industrieländer; Abbaubedingungen. Vergiftetes Trinkwasser, Krankheiten, Vertreibungen, von Konzernen finanzierte Paramilitärs. Die ökologischen Grenzen: Bodenschätze und Senken. Wirtschaftswachstum. Klimawandel. Geplante Obsoleszenz. Rohstoff-Fluch. Neo-Kolonialismus. Einfuhrzölle, Handelsverträge, die EU-Rohstoff-Initiative. Einfluss der Wirtschaftslobby auf Gesetzestexte. Zum Schluss eine komprimierte Version der politischen Forderungen, die das Institut für Nord-Süd-Beziehungen im Angebot hatte. Sie spannte den großen Bogen, malte das große Bild, alles in vierzig bis fünfundvierzig Minuten.

Pass auf, dass das nicht zu pauschal wird, warnte der Chef. Lieber weniger, dafür gründlich, wir müssen ein bestimmtes Niveau halten. Aber Kundrie hatte lange an diesem Vortrag gefeilt, ihn immer wieder überarbeitet, es war keine Zahl zuviel darin, keine zuwenig, und es war gut so. Anschließend Zeit für Fragen und Diskussion. Die angegrauten Herren, die schon 68 auf der richtigen Seite gestanden hatten. Die Studentinnen mit blondem Pferdeschwanz, die fragten, was man tun könne. Die engagierte Frau aus dem Kirchenvorstand, die den Abend organisiert hatte. Die Generation zwischen 30 und 50, also ihre, Kundries, Generation, fehlte. Wie meist. Es war ein gutes Gespräch gewesen. Kaum selbsternannte Co-Referenten, kaum wirre Monologe, sondern echte Fragen. Natürlich wollten sie wieder wissen, welchen Konzern man boykottieren müsse und von welchem man seine Geräte bedenkenlos kaufen könne.

„Wenn Sie einen Konzern boykottieren, dann profitiert die Konkurrenz“, war ihre Antwort darauf. „Der Fehler liegt nicht bei einem bestimmten Unternehmen, er liegt im System.“

Einige skeptische Fragen, die sie in wunderbare Gelegenheiten verwandelte, noch mehr Argumente auf den Tisch zu legen. Ein Einwand, auf den sie souverän parierte. Gegen Ende waren die Fragen persönlicher geworden. Ob es nicht manchmal frustrierend sei, sich ständig mit solchen Themen zu beschäftigen. Woher sie ihren Idealismus nehme, und ob sie nicht glaube, dass es sinnlos sei, gegen eine solche ökonomische Übermacht anzugehen. Kundrie entgegnete, sie fände es frustrierender, Probleme zu verdrängen, als sich mit ihnen zu beschäftigen. Früher sei sie bis zu vier Stunden am Tag geschwommen, vier Stunden von der einen Kante des Schwimmbads zur anderen, um beim Wettkampf einen Bruchteil einer Sekunde schneller zu sein als jemand anderes. Und, komisch, damals hätten sie erstaunlich wenige Menschen gefragt, ob sie das nicht sinnlos fände. Das Publikum hatte gelacht.

Kundrie grinste und trank den letzten Schluck Kaffee. Auch wenn sie schon unzählige Male über diese Themen referiert hatte, es war jedes Mal anders. Das Publikum war sich wohl kaum bewusst, wie viel Einfluss es auf die Qualität des Abends hatte. Gestern hatten die Menschen so konzentriert und wohlwollend zugehört, dass Kundrie zur Hochform aufgelaufen war. Sie hatte beflügelt einen klar formulierten Satz nach dem anderen abgeschickt, und sie fühlte, dass sie ankamen. Trafen. Sie sah in 30 aufmerksame Augenpaare und Köpfe, in denen sich etwas bewegte. Einige Menschen waren hinterher geblieben, hatten sich Flyer und Broschüren aufmerksam angeschaut, gegen eine Schutzgebühr erworben; es gab einige neue Adressen auf der Newsletterliste des INS.

Was tun sie jetzt, hätte Nele gefragt. Was tun denn jetzt die Leute, die deinen Vortrag gehört haben? Gehen informiert und entsetzt nach Hause und leben weiter wie bisher.

Irgendwann, widersprach Kundrie im Geiste, wenn sie genug gehört haben, dann vielleicht.…

Dann vielleicht, hörte sie Nele sagen, dann gründen sie 'ne neue Gruppe. Und halten selber Vorträge. Nach denen Leute informiert und entsetzt nach Hause gehen. Und weiter leben wie bisher. Oder vielleicht mal einen Leserbrief schreiben.

Kundrie könnte sich auf den langen Atem berufen, der ja bekanntlich notwendig war für Bewusstseinsbildung und gesellschaftlichen Wandel.

Und in der Zeit sterben jeden Tag 100-150 Arten aus.

Hatte Nele oft gesagt. Sagte sie selbst oft. Aljoscha hatte sie irgendwie an Nele erinnert.

Ihr Telefon klingelte – ihre Mutter. Kundrie überlegte kurz, das Handy wieder in die Tasche zu stecken und dort weiterklingeln zu lassen, nahm den Anruf aber schließlich entgegen.

„Kundrie - was für ein Glück, dass ich dich erreiche! Hör mal, kannst du in die Wohnung fahren? Die Nachbarn haben mich gerade angerufen. Es gibt einen Wasserschaden. Es tropft von unserer Wohnung herunter in ihre. Ist das nicht furchtbar? Und ausgerechnet jetzt, wo die Mieter in Urlaub sind. Kannst du dich darum kümmern?“

„Das geht nicht“, sagte Kundrie. „Ich sitze gerade im Zug und bin die nächsten Tage gar nicht in Frankfurt.“

„Ach Gott!“ rief die Mutter bestürzt. „Was soll ich denn jetzt machen? Irgendwer muss sich darum dringend kümmern!“

„Ich weiß nicht, was du jetzt machen sollst. Die Handwerker rufen, nehme ich an. Und was ist mit den Nachbarn?“

„Die haben doch alle keinen Schlüssel!“

„Was erwartest du jetzt von mir, Mama? Dass ich aus dem Zug springe, zurückfahre und mein freies Wochenende für eine Wohnung drangebe, mit der ich sowieso nie etwas zu tun haben wollte?“

„Wir haben sie damals für dich gekauft!“

„Ja, ich wollte aber nie, nie nur einen Moment darin wohnen, oder sie auch nur haben!“

Und die verwünschten Schlüssel, dachte Kundrie, werden gleich nächste Woche die Klospülung runtergeschickt. Oder, viel besser, per Einschreiben zurück zu ihren Eltern.

„Es ist einfach absurd. Unsere Tochter lebt einen Kilometer von unserer Eigentumswohnung entfernt in einem schimmeligen Altbau. Während wir uns mit anstrengenden Mietern herumschlagen. Das wird mir immer ein Rätsel bleiben.“

„Da könnte ich jetzt einiges zu sagen, Mama“, erwiderte Kundrie mit gedämpfter Stimme, „aber ich möchte jetzt nicht so gerne die anderen Leute hier beschallen.“

„Ich versteh’ schon. Ach, ich hoffe, ich erlebe noch den Moment, an dem du erwachsen wirst und Verantwortung übernimmst. Wohin fährst du denn eigentlich?“

„Zu einer Freundin.“

„Ach so“. Das klang skeptisch. „Dann wünsche ich dir ein wunderbares Wochenende.“

Kundrie schaltete das Handy ganz aus und verstaute es in ihrer Tasche. Wo sie hinfuhr, gab es sowieso keinen Empfang. Der Moment – Kaffee, Zeitung, Zufriedenheit - war geplatzt.

Übriggeblieben war Ärger. Dass sie sich jemals den Schlüssel hatte aufschwatzen lassen. Dass sie nichts zurückgegeben hatte, nichts zurecht gerückt. Ihr gingen mögliche Antworten durch den Kopf. Etwa: In meiner Altbauwohnung hab ich wenigstens keinen Wasserschaden, Mama. Oder: Meinst du wirklich, ich werde dadurch erwachsen, indem ich in die Wohnung meiner Eltern ziehe? Vielleicht wäre auch eine Sentenz am wirkungsvollsten gewesen, in der Art „Sei froh, anstrengende Mieter ziehen irgendwann aus, eine anstrengende Tochter bleibt ein Leben lang?“

Sie packte die Zeitung ein und ging zu ihrem Platz zurück. Sie streifte die Schuhe ab, streckte die Beine aus und lehnte sich ans Fenster.

Erwachsen werden. Sie dachte an Konrad, den Bruder. Der Kleine, der so klein nicht mehr war, und mit dem sie an seinem 35. Geburtstag auf den Badezimmerfliesen gehockt hatte, als die anderen Gäste weg waren. Das Motto der Party war „Trauerfest“ gewesen und ein Teil der Gäste war in schwarz gekommen.

„Sag ihr, sie soll vom Gas gehen“, greinte er, und es klang hohl, weil er über der Kloschüssel hing. „Die Zeit soll vom Gas gehen. Der spielenden Kinder zuliebe.“

Konrad besaß ein eigenes Auto und ein Apartment, für das er ganz allein die Verantwortung übernahm, aber in Würde altern… oder reifen. sah anders aus… Zugegeben war auch sein Lebensmodell keines, was den Eltern Freude bereitete, so anders es war als das der Schwester. Nein, das war nicht fair, dieser Vorwurf an sie, die sich doch immer über den Jugendwahn lustig machte. Sie schätzte alle Qualitäten, die das Erwachsenwerden mit sich gebracht hatten. Finanzielle Unabhängigkeit. Ernst genommen werden in einem beruflichen Umfeld. Fundierte Standpunkte formulieren können. Geschichten aus einem bewegten Leben erzählen können. Entspannt einen Samstagabend oder sogar Sylvester zu Hause auf dem Sofa zu verbringen, wenn ihr danach war. Nicht mehr Pfeife zu rauchen, weil es ihr wichtig war, Menschen zu irritieren. Den anderen und sich selbst nicht ständig beweisen zu müssen, dass sie cool war. Sondern einfach zu sein, wie sie war. Beim Denken, bei Gesprächen konnte sie auf einen Schatz von Erlebnissen zurückgreifen. Ein frostiger Morgen im Herbst, an dem die Sonne allmählich den Dunst vertrieb, war nicht nur dieser eine Tag. Er brachte mit sich: die Stimmung der ersten Wochen an der Uni in Marburg, lange Spaziergänge mit Lotte zwischen bunten Bäumen. Die Einsamkeit eines Oktobers an der irischen Westküste, wo sie sich in eine Ferienwohnung vergraben hatte, um an ihrer Doktorarbeit zu schreiben. Ein kleiner Laden, in dem sie Milch kaufte, der Mann vor der Bushaltestelle, der sagte: „Not a bad morning, eh?“ Und sie fühlte sich innerlich reich dadurch.

Ein weiterer Vorzug, den die Zeit für sie gebracht hatte: sich wohl zu fühlen in ihrem Körper. Irgendwann um die 30 hatte sie angefangen, sich attraktiv zu finden. Auch wenn sie niemals als Balletttänzerin taugen würde oder als Weinkönigin. Aber das waren ja sowieso nicht die Karrieren, die sie anstrebte. Seit Jahren sprachen Bekannte vom physischem Verfall, der bald einsetzen würde. Im Büro war neulich eine Kollegin in ihrem Alter wegen eines Bandscheibenvorfalls ausgefallen. Doch ihr Körper funktionierte wunderbar. Ihre Schulter war etwas eingeschränkt belastbar, als Folge einer Verletzung, die sie sich vor Jahren zugezogen hatte. Sonst war alles in Ordnung.

Achja, Mutter. Falls du es noch nicht gemerkt hast. Ich bin erwachsen. Und ich übernehme Verantwortung, vielleicht nicht für die Wohnung, aber für einen ganzen Planeten. Naja, okay, für einen Kontinent.

Sie entdeckte einen Fleck auf ihrem Rock und kratzte ihn stirnrunzelnd weg, so gut es ging. Ob der beim Vortrag schon dagewesen war? Dann schlug sie sich vor den Mund. Die Wäsche. Sie hatte eine Waschmaschine angestellt. Am Montagabend. Dann war sie eingeschlafen, am Morgen nach Brüssel gefahren.… ohne die Kleider rausgeholt zu haben. Wie mussten die jetzt muffeln. Sie würde gleich Christine anrufen, wenn sie diese Tunnelstrecke hinter sich hatte, und sie bitten, die Wäsche aufzuhängen. Wahrscheinlich hatte sie es sowieso schon getan. Eine weitere dunkle Wolke zog durch Kundries Gedanken. Sie war gerne unterwegs. Aber nicht zu Hause zu sein, war belastend. Und sie war häufig und länger nicht zu Hause. An drei Tagen in der Woche war sie verpflichtet, im Büro in Brüssel zu sein. An Wochenenden kreuzte sie häufig durch die Lande, um dienstliche Termine wahrzunehmen oder Freunde zu besuchen. Oder sie blieb in Brüssel für eine Party.

Eigentlich war es ein großer Unsinn, dass sie immer noch ihr Zimmer in Frankfurt hielt. Nicht aus den Gründen, aus denen sich ihre Mutter darüber echauffierte. Als sie ihre Arbeit beim INS anfing, hatte sie zunächst nur eine Elternzeitvertretung für ein Jahr, ihre Zukunft danach war ungewiss. Sie wollte damals das WG-Zimmer nicht aufgeben. Niemals würde sie wieder so eine günstige Wohnung in bester Lage bekommen. Sie war nicht bereit, ihre Taue zu kappen. In Frankfurt wohnte Lotte. Und es war wichtig, einen Fuß in Hessen zu behalten, denn in Hessen war Hendrik. Und Nele… früher…

Ihre Elternzeitvertretung wurde um ein Jahr verlängert, wegen der Geburt eines zweiten Kindes. Als der Vater wiederkam, saß sie auf einer einjährigen befristeten Projektstelle. Mittlerweile steckte sie so tief in ihrer Arbeit und der Brüsseler Polit-Blase, dass sie ihren Außenposten in Frankfurt immer mehr schätzte. Christine arbeitete als Sozialarbeiterin mit straffällig gewordenen Jugendlichen, Burkhard war Bühnenbildner. Bei einem ausgedehnten Wochenend-Frühstück mit ihnen über ihre Alltage zu sprechen, war für sie Erholung pur. Sie brauchte ihre WG, um nicht völlig im Sumpf ihrer eigenen Themen zu versinken.

Und sie liebte auch ihre HomeOffice Tage in einer leeren Wohnung, an denen sie sich in der Küche ausbreitete, ab und zu mit einem Tee auf ihre winzige Terrasse trat, um den Spatzen zuzuschauen, und an denen sie so entspannt und konzentriert arbeiten konnte wie sonst selten.

Letztendlich konnte sie Frankfurt nicht aufgeben, weil sie versuchte, zwei Leben gleichzeitig zu leben; oder sogar drei. Sie wusste, dass das unweise war, fühlte aber gleichzeitig einen tiefen Widerwillen, sich in der Vielfalt von möglichen Lebensweisen auf eine zu reduzieren.

In Hannover stieg eine junge Frau mit großem roten Koffer ein, den sie kaum bewegen konnte. Sie setzte sich an einen Fensterplatz und zog ihr Gepäckstück zu sich, so dass es zwischen Sitzfläche und Rückenlehne des Vordersitzes eingezwängt war.

Nun hatte sie ihren kostbaren Zwischenstopp in Frankfurt wieder geopfert, haderte Kundrie. Sie hätte Wäsche aufhängen und hören können, wie es Christine und Burkhard ging, etwas für den Haushalt tun. Stattdessen hatte sie eine verrückte Zickzack-Route über Bremen genommen, für einen Termin, den sie auch hätte einfach ablehnen können.

Die Gruppe, die die Vortragsreihe organisierte, hatte kein Geld, um ein Hotelzimmer für Referentinnen zu bezahlen, darum wurde Kundrie nach der Veranstaltung mit einer kleinen, etwa fünfzigjährigen Frau namens Maria bekannt gemacht, die sie in ihrem Gästezimmer unterbringen konnte. Auf dem Weg zur Wohnung hatte Maria so vom Vortrag geschwärmt, dass es Kundrie langsam unangenehm wurde.

„Wissen Sie, wir sind ja nicht die einzigen… es gibt tausende von Menschen, die versuchen.…“

„Wir sind gleich da. Links.“

„Und natürlich bleiben unsere Möglichkeiten….“

„Ja, sie tun etwas. Ich wünschte, ich hätte meinen Aljoscha überreden können, mitzukommen. Es hätte ihm gut getan. Er glaubt nicht mehr an einen Sinn.“

Maria blieb vor der Haustür eines Mehrfamilienhauses stehen und nestelte in der Handtasche.