Windelvollkatastrophe - Eve Hietamies - E-Book

Windelvollkatastrophe E-Book

Eve Hietamies

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Beschreibung

Babys sind wie Wecker ohne Snoozefunktion. In Jonas' Leben läuft alles nach Plan – bis Söhnchen Oskar das Licht der Welt erblickt und seine Frau Pia sich auf und davon macht. Als wäre die Vaterrolle nicht abenteuerlich genug, muss sich Jonas nun als Alleinerziehender durchschlagen. Dabei muss er sich als Windelbezwinger behaupten und im Baby-Musikclub gute Miene zum bösen Spiel machen. Zugegeben: Auf den zweiten Blick ist die dort anzutreffende Spezies der frischgebackenen Mamis gar nicht so abschreckend. Einer von ihnen will Jonas ganz besonders imponieren, und nicht nur Oskar und sich selbst beweisen, dass er der coolste Papi der Welt ist. »Windelvollkatastrophe« von der finnischischen Erfolgs-Autorin Eve Hietamies ist eine charmant-witzige Geschichte über die Höhen und Tiefen eines alleinerziehenden Vaters. »Irrsinnig komisch! Dieses Buch bringt einen zum Lachen, egal ob man Kinder hat oder nicht!« Cosmopolitan

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für Jype und diejenigen, die 2006 bis 2007 im Park saßen

Für die Mitglieder der Dienstags-Gruppe

Vor allem für Saana und Hilda

 

Übersetzung aus dem Finnischen von Anu Lindemann© Eve Hietamies 2010Titel der finnischen Originalausgabe:»Yösyöttö«, Otava Publishing Company, Helsinki 2010

© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2019Covergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCovermotiv: Leremy / Shutterstock.com

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhalt

Cover & Impressum

1 Als die Tür …

2 »Aber natürlich kommst …

3 Fünf Monate zuvor …

4 Als Anna ging …

5 Während seines dreiwöchigen …

6 Ich wälzte mich …

7 Zehn Jahre, drei …

8 Abends wollte ich …

9 Bis ich die …

10 Wie fremdgesteuert wachte …

11 Als meine Schwiegermutter …

12 Irgendwo hatte ich …

13 »Aber natürlich kommst …

14 Je weiter der …

15 Jan wurde dreißig …

16 Mein Vater war …

17 Jans neue Bude …

18 In jener Nacht …

19 Ulla warf einen …

20 Sommer. Jeden Tag …

21 Es gab nichts …

22 Als Elli zum …

23 Das Glück findet …

24 Ich starrte auf …

25 Die Vormittage verstrichen …

26 Oskar hatte sein …

27 Im Laden besorgte …

28 Ich hätte mit …

29 Am nächsten Morgen …

30 Armi kam mit …

31 Ein paar Tage …

32 Es regnete einige …

33 Eine Woche vor …

34 »Hier ist es …

35 Oskar lief am …

36 Elli schickte mir …

37 »Wie wär’s, wenn …

38 Am nächsten Morgen …

39 Die ersten drei …

40 Ich machte mich …

41 Mit Oskar auf …

42 Auf dem Nachhauseweg …

43 Ich schaute nur …

44 Ich sah mir ...

45 »Ich dreh gleich …

46 Mein Vater lag

47 Ich beobachtete, wie …

48 »Was bedeutet Rollewoi …

49 Nach dem Termin …

50 Die Frühlingssonne war …

51 Einer dieser nicht …

52 Ich erzählte Elli …

53 Ich schickte Elli …

54 Auf dem Flohmarkt …

55 Ich wachte davon …

56 Nelli-Tupperdose war nicht …

57 »Pocken-Party?« …

58 Auf der Bank …

59 Nyman freute sich …

60 Mein Vater, Gustavson …

61 Ich kaufte Oskar …

62 Ich rannte den …

63 Elli kramte eine …

64 »Danke«, sagte Elli …

1 Als die Tür …

 

Als die Tür hinter mir zuknallte, drehten sich alle Köpfe zu uns um. Ich hob das Baby hoch, legte es auf den Schlafsack, den ich auf dem Fußboden vor mir ausgebreitet hatte, und begann, es auszuziehen: Mütze, Schlupfmütze, Steppoverall, Stepphandschuhe, Steppsocken, Strickjacke, Wollhose. Die Frauen schauten mich schief an und tauschten untereinander lange Blicke aus. Ich dachte mir: Da guckt ihr aber. Ich wusste, dass der Junge ordentlich angezogen war, den Pullover hatte ich ihm auch nicht verkehrt herum angezogen, und unter der Steppmütze trug er eine Schlupfmütze. Ich hob ihn aus dem Kleiderhaufen und setzte ihn auf meinen Schoß. Dann warf ich einen prüfenden Blick in die Windel. Sie war noch sauber. Ich legte den Jungen wieder zurück auf den Schlafsack und holte einen Holzlöffel aus der Tasche.

Einige der Frauen lächelten.

 

Während das Baby mit seinem Lieblingsspielzeug auf dem Fußboden lag, zog ich meine Jacke aus, steckte Mütze und Handschuhe in die Tasche und warf meine Jacke dann auf die Sachen meines Sohnes. Ich holte mir eine der rosafarbenen Gymnastikmatten, die neben der Tür lagen, breitete sie hinter dem Schlafsack aus und hockte mich auf den Fußboden.

Ein bisschen umständlich. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die es bequem finden, ohne Stuhl zu sitzen.

Im Saal waren circa zwanzig Frauen, die auf rosafarbenen Matten hockten, die so aussahen wie meine. Und vor jeder lag ein Baby auf einem Schlafsack, der wie meiner aussah. In diesem Jahr gab es die nämlich im Mutterschaftspaket, das frischgebackene Mütter in Finnland umsonst vom Staat bekommen.

»Und da wir jetzt vollzählig sind, können wir ja mal anfangen«, sagte Ulla, die in der Beratungsstelle arbeitete. Auf dem Tisch neben ihr befanden sich Plastikbecher, eine Thermoskanne, Zucker, eine Milchtüte und Kekse. Nach dem Programm gab es noch kostenlose Erfrischungen. Neben der Thermoskanne stand eine Mikrowelle.

»Hinter diesen Treffen steckt eine lange Geschichte. Im Jahr 1980 hatten die Mitarbeiter der Beratungsstelle zum ersten Mal die Idee, ein Treffen für gleichaltrige Babys und deren Mütter aus unserem Wohngebiet zu organisieren«, erzählte Ulla. »Und natürlich auch für die Väter«, fügte sie noch schnell hinzu, weil sie das musste. Weil es nämlich peinlich gewesen wäre, wenn sie die Väter nicht erwähnt hätte. »Das Treffen überbot alle Erwartungen, und aus dem Experiment wurde letztendlich eine der Aufgaben der Beratungsstelle. Dreimal im Jahr stellen wir eine neue Gruppe zusammen. Danach soll sie sich noch vier weitere Male an jedem ersten Dienstag des Monats treffen. Im ersten Monat wird ein Dentalhygieniker zu uns kommen, danach ein Ernährungstherapeut und bei unserer letzten Sitzung ein Logopäde.«

Die Frauen begannen untereinander zu tuscheln.

»Ein Logopäde! Für ein drei Monate altes Baby! Warum nicht gleich ein Vitamintherapeut, der uns dann erzählen kann, wie man dieses verdammte nächtliche Rumgeschreie am besten übersteht«, flüsterte die Dunkelhaarige, die zu meiner Linken saß. Eine andere Frau neben ihr nickte zustimmend. Das Baby, das vor der Dunkelhaarigen lag, trug einen rosafarbenen Wollanzug. Also ein Mädchen.

»Unsere heutigen Vortragenden sind Satu und Markku, deren Tochter Ada gerade ein halbes Jahr alt geworden ist. Ihr interessiert euch doch bestimmt alle dafür, was Säuglingspflege wirklich bedeutet«, sagte Ulla und drehte sich dann zur Tür um.

Ich war genervt. Als ob das hier für uns alle bis jetzt nur ein Spielchen gewesen wäre. Und als ob wir gerade zum ersten Mal in unserem Leben hören würden, was Säuglingspflege überhaupt ist.

Wegen dem Rumgehocke auf dem Fußboden hatte ich bereits Rückenschmerzen, und dann redete diese ganze Familie zu allem Überfluss auch noch in Babysprache, so als ob wir alle total bescheuert wären. Der Mann war sowieso der letzte Vollidiot, seine Frau nannte er »Boss«, und die kapierte noch nicht mal, dass ihr das eigentlich total peinlich sein sollte. Die Kleine heulte die ganze Zeit mit rot angelaufenem Gesicht, der Mann ging mit ihr an der Wand entlang und gab ihr dann einen Klaps auf den Hintern. Die Frau betonte währenddessen immer wieder, das Allerwichtigste sei, dass auch der Mann bei der Säuglingspflege mithilft.

»Hilft der denn auch richtig, wenn er es noch nicht mal hinkriegt, dieses Kind da zu beruhigen«, murmelte die Dunkelhaarige. Fast hätte ich losgelacht, aber der Boss fing plötzlich an, übers Bäuerchen Machen zu reden. Dass auch Ada das mache, und zwar die ganze Zeit. Ich spitzte meine Ohren, um etwas mitzubekommen, denn es interessierte mich, wie man das Kind dazu bringt, anschließend wieder damit aufzuhören. Konnte man das überhaupt in den Griff bekommen? War vielleicht die Körperhaltung dabei wichtig, mussten Säuglinge häufiger im Liegen als in einer aufrechten Position ein Bäuerchen machen – waren dem Boss da vielleicht irgendwelche Unterschiede aufgefallen? Brachte Brei die Kinder eher dazu, ein Bäuerchen zu machen, als Milch, und gab es Unterschiede zwischen Muttermilch und der Milch aus der Fabrik?

Ich starrte die Frauen so lange an, bis sie endlich den Mund hielten, aber als der Boss die kleine Ada dann irgendwann auch noch als »Bauchbewohnerin« bezeichnete, steckte sich die Frau neben mir ihren Zeigefinger in den Mund und tat so, als ob sie sich gleich übergeben würde. Die anderen fingen an zu lachen, und ich bekam nicht mehr mit, was Adas Bäuerchen Machen letztendlich zum Stoppen brachte oder ob es überhaupt durch irgendetwas beendet werden konnte.

 

Als sich das Paar schließlich seine heulende Ada schnappte und uns verließ, erhob sich die dunkelhaarige Frau, die neben mir gesessen hatte, und schüttelte ihre Beine aus.

»Milch?«

Ich starrte auf ihre Oberweite. Sprach sie etwa mit mir?

»Für den Kaffee?«

»Äh, nein, danke. Ich trinke ihn schwarz. Zwei Zucker.«

Die Frau holte Plastikbecher und setzte sich dann wieder neben mich. Plötzlich erinnerte ich mich daran, dass ich sie schon zweimal im Laden an der Ecke gesehen hatte. In einer schwarzen, langen Lederjacke. War sie vielleicht eine von diesen Gruftis? Jedenfalls sah sie so aus. Langes, schwarzes Haar und eine lange, schwarze Jacke.

»Wie alt ist dein Baby?«

»Drei Monate.«

»Ich bin übrigens Elli, und das hier ist Tilda.«

»Jonas. Jonas Pasanen und Oskar.«

»Wo wohnt ihr?«

Ich nannte ihr die Adresse. Elli begann zu lächeln. Es stellte sich heraus, dass sie in einem dieser großen Hochhäuser wohnte, die man aus unserem Wohnzimmerfenster sehen konnte.

Wenn ich nachts auf dem Sofa saß und Oskar sein Milchfläschchen gab, blickte ich oft zu einem der Fenster, in dem immer zur gleichen Zeit Licht brannte.

»Ich weiß auch, welches euer Fenster ist.« Elli lachte. »Ihr wohnt in diesen Reihenhäusern? Letzte Wohnung? Ich schau oft rüber und denke mir: Gott sei Dank, zu dieser verrückten Zeit ist auch noch ein anderer wach. Das tröstet mich ein bisschen.«

Das tat es wirklich.

Aus der Seitentasche holte ich das Fläschchen mit der Ersatzmilch heraus und erwärmte es in der Mikrowelle. Als ich wieder zu meinem Platz zurückkehrte, gab Elli ihrer Tochter die Brust. Genau genommen, holten gerade ungefähr zwanzig Frauen ihre Brüste heraus. Dass so etwas bei diesem Treffen passieren könnte, war mir vorher nicht mal in den Sinn gekommen. Da ich nicht wusste, wo ich hinschauen sollte, hob ich Oskar auf meinen Schoß, schob ihm den Flaschensauger in den Mund und glotzte ihn an, als ob ich ihn gerade zum ersten Mal in meinem Leben sehen würde.

»Du kannst helfen«, sagte Elli.

»Wobei denn?«

»Beim Füttern. Wenn Oskar ohne Probleme das Fläschchen nimmt, kannst du deiner Frau damit Arbeit abnehmen. Jetzt kannst du übrigens wieder gucken.« Elli hatte ein weißes Tuch über das Baby und ihre Brust gelegt.

»Deine Frau ist heute gar nicht mitgekommen?«

Nee, ist sie nicht. Ich schüttelte den Kopf. Eine Weile sagten wir beide nichts.

Während ich Oskar das Fläschchen gab, starrte ich auf den Fußboden.

»Schön, dass deine Frau durch deine Unterstützung ein bisschen Zeit für sich hat. Das tut ihr sicher gut. Bestimmt schläft sie gerade«, fuhr Elli fort.

Ganz bestimmt, ja. Ich nickte.

»Wart ihr eigentlich in der Frauenklinik oder in der Hebammenschule?«

»Frauenklinik.«

»Ich war in der Hebammenschule. Ist alles gut gelaufen? Also die Geburt?«

»Saugnapf.«

Elli verzog das Gesicht.

»Ich kenne eine, bei der das Kind auch per Saugglocke geholt werden musste. Sie konnte viele Wochen nicht vernünftig laufen. Deiner Frau geht’s aber bestimmt schon wieder gut?«

Ich antwortete nicht.

»Bei Tilda gab’s keine Probleme, die Geburt hat fünfeinhalb Stunden gedauert. Ich wechsle jetzt mal eben die Brust«, sagte Elli.

Ich wandte meinen Blick ab, starrte wieder meinen Sohn an, der an dem Fläschchen mit der Ersatzmilch nuckelte. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, seine Augen hatte er geschlossen. Die Frau, die links von mir saß, wechselte gerade die Windeln ihres Kindes, ihre entblößte, schneeweiße Brust baumelte herunter.

 

Als Elli meinen Blick bemerkte, lachte sie. »Wir sind doch unter Frauen!«

»Und was ist mit mir?«

»Eigentlich könnte man doch davon ausgehen, dass ein Mann in deinem Alter schon mal nackte Brüste zu Gesicht bekommen hat.«

»Aber doch nicht vierzig auf einmal! Höchstens zwei!«

2 »Aber natürlich kommst …

 

»Aber natürlich kommst du!«, hatte Ulla aus der Beratungsstelle gesagt.

Natürlich. Da passiert ja auch gar nichts Besonderes. Man trinkt lediglich ein bisschen Kaffee, und irgendjemand erzählt etwas, aber das Wichtigste ist ja sowieso nicht die Veranstaltung an sich, sondern überhaupt zu kommen. Networking. Die Möglichkeit, sich mit Leuten auszutauschen, die in derselben Situation sind.

Als ich das hörte, musste ich lachen.

»Und wie viele davon sind denn bitte in derselben Situation wie ich?«

Normalerweise werden die Frauen der Beratungsstelle nicht wütend, sondern setzen stattdessen einen tadelnden oder besorgten Gesichtsausdruck auf. Ullas Blick war beides zugleich: tadelnd besorgt. »Du weißt ganz genau, was ich meine. Wie geht’s euch?«

»Erzähl du es mir.«

Ulla seufzte. Wieder derselbe Gesichtsausdruck.

»Wir ziehen dem Jungen jetzt erst mal seine Klamotten aus.«

 

Im darauffolgenden Monat ging ich wieder hin. Dieselben verdutzten Gesichter, aber diesmal sah ich auch Neugierde. Ich passte zu dieser Gruppe genauso gut wie ein Mädchen zu einem Weitpinkelwettbewerb.

Ich zog meinem Sohn seine Klamotten aus, warf einen Blick in die Windel, legte ihn dann auf den Schlafsack und setzte mich anschließend wieder mit schmerzendem Rücken auf diese dämliche, rosafarbene Gymnastikmatte. Verspätet schlüpfte schließlich auch Elli in den Raum und begann, Tilda den Schneeanzug auszuziehen.

Neben dem Couchtisch hielt dieses Mal eine Dentalhygienikerin vom Gesundheitszentrum einen Monolog. Sie war klein, hatte eine Prinz-Eisenherz-Frisur und verkündete mit finsterer Miene, dass man mit Snacks und Säften bereits die Zähne der unter Dreijährigen ruiniert. Weil es den Eltern nämlich total egal ist! Ohne Gewissensbisse verteilt man Schnuller und Fläschchen, und dann lässt man das Kind so lange daran rumnuckeln, bis die Zähne wie bei einem Karnickel aussehen.

In dem Moment hätte ich natürlich etwas entgegnen können, aber ich hielt den Mund.

»Und am schlimmsten ist das Küsschen Geben!«, fuhr die Frau wütend fort. »Man verteilt Küsschen, weil man das Baby ja so schrecklich lieb hat, und dadurch werden dann auch die Kariesbakterien von einem Mund zum anderen übertragen. Und wenn der Schnuller oder Löffel mal auf den Boden fällt, dann macht man sich erst gar nicht die Mühe, diesen unter dem Wasserhahn abzuspülen, sondern taucht ihn stattdessen lieber in den Bakterienpool im eigenen Mund!«

Oskars Schnuller fiel aus seinem Mund. Ich hob ihn auf, saugte ihn sauber und steckte ihn dann wieder zurück in seinen Mund.

»Unverantwortlich!«, polterte die Alte weiter.

Einige der Frauen sahen aus, als ob sie gleich ernsthaft in Tränen ausbrechen würden, und ein paar Kinder fingen dann auch tatsächlich an rumzuheulen, als ihre Mütter ihnen die Schnuller wegnahmen. Ich warf einen Blick auf die Uhr, holte das Milchfläschchen aus der Tasche und stellte es in die Mikrowelle.

»Die Kinder, die nur wenige Monate gestillt wurden, leiden häufiger unter Bissanomalien«, schwafelte die Frau weiter.

Die Mikrowelle machte Ping, ich nahm das Fläschchen raus, ging damit zurück zu Oskar und fütterte ihn.

 

Für die nächste Untersuchung in der Beratungsstelle kaufte ich aus purer Lust und Laune einen Tulpenstrauß und überreichte ihn Ulla. Sie freute sich, wunderte sich aber auch, war verwirrt. Ich grummelte irgendetwas davon, dass sie mir die Blumen im Laden regelrecht hinterhergeschmissen hätten. Hahaha. Doch wir wussten beide, dass ich ohne Ulla nie so weit gekommen wäre. Sie hatte viel mehr für Oskar und mich getan, als sie gemusst hätte oder nötig gewesen wäre.

»Du siehst schlecht aus«, bemerkte sie, holte eine Vase aus dem Schrank und stellte die Blumen hinein.

»Bin müde.«

»Brauchst du Hilfe?«

Die brauchte ich tatsächlich. Schlaf, Zeit für mich, Freizeit, Einsamkeit. Ich wollte aufs Boot, joggen, in die Kneipe, Sex haben.

»Ich komm schon klar.«

Ulla sah mich an, als ob sie mir kein Wort glauben würde, und notierte dann etwas im Kinderuntersuchungsheft.

»Vielleicht irgendeine Therapie? Wir haben hier im Gesundheitszentrum einen guten Psychologen.«

Ja. Das wäre …

»Hast du eigentlich etwas von Pia gehört?«

Oskar begann, auf meinem Schoß herumzuzappeln. Ich legte ihn an meine Schulter, klopfte ihm auf den Rücken, woraufhin er begann, an meiner Schulter zu nuckeln.

»Gestern hat er sich auf die Seite gedreht, und seitdem scheint irgendwie alles in seinen Mund zu wandern.«

Ulla streckte ihre Hand aus, nahm den Jungen auf den Arm.

»Eigentlich lernen sie mit fünf bis sechs Monaten, sich umzudrehen. Lass ihn ruhig neue Gegenstände entdecken, aber kontrolliert und sicher. Nichts Scharfes, nichts Ungeeignetes oder etwas, von dem sich kleine Teilchen lösen können. 6050 Gramm und 59,50 Zentimeter. Der Junge sieht gut aus, du schlecht. Was könnte man denn für euch tun?«

Was könnte man für uns tun?

 

Das dritte Networking-Treffen verpasste ich, weil ich dringend Wäsche waschen musste. Und als ich mich dann irgendwann an den Termin erinnerte, war es bereits nach elf und das Treffen schon zu Ende. Andererseits war der Ernährungstherapeut auch nicht so wichtig. Ich hatte nämlich im Laden solche Behälter gekauft, auf denen draufstand, welche Portionsgröße für welches Alter angemessen ist. Allerdings hatte ich noch nichts gekocht, was ich da reintun könnte. Ulla hatte es wirklich versucht: »Wenn du zum Beispiel Gemüsesuppe kochst, dann tu etwas davon beiseite und salze nur den Teil der Suppe, der für dich bestimmt ist. Es lohnt sich, Oskars Anteil in eiswürfelgroßen Behältern einzufrieren, dann hast du immer angemessene Portionen für ihn zu Hause …«

Keine Ahnung, wie mein Gesichtsausdruck dabei aussah, sie hörte jedenfalls auf weiterzureden.

 

Ich traf mich mit meinem Vater und meinem Bruder.

»Ich bin ein Onkel!«, verkündete Jan stolz. »Ich bin ein Onkel. Das da ist ein Baby. Und ich bin der Onkel von diesem Baby!«

»Ja, der bist du. Hat’s dir Papa erzählt?«

Jan nickte.

»Ja, Papa hat’s erzählt. Ich bin ein Onkel. Darf man mit dem Baby spielen?«

»Ja, aber sei bitte vorsichtig«, erwiderte ich, holte ein paar Spielsachen aus der Wickeltasche und gab sie ihm. »Das Baby darf man nicht hochheben. Lass das Baby auf dem Fußboden.«

»Baby auf dem Boden lassen«, wiederholte Jan und legte sich dann bäuchlings neben Oskar auf den Fußboden. Ich schaute meinen Bruder an und dachte daran, dass Oskar und er in fünf Jahren auf dem gleichen geistigen Niveau wären – der eine mit fünf und der andere mit fünfunddreißig. Kämen bestimmt gut miteinander klar.

»Wie geht’s dir denn?«, fragte mein Vater.

»Bin müde. Irgendwann hab ich morgens mal gemerkt, dass ich in der Nacht aus Versehen Oskars Klamotten in den Mülleimer geworfen hab anstatt in den Wäschekorb.«

Mein Vater lachte nicht.

 

Ich war müde, einsam, gelangweilt. Ich wollte wieder zur Arbeit und auch mit anderen menschlichen Wesen reden anstatt nur mit herumsabbernden Zwergen. Ich wollte in der Kneipe sitzen, Bier trinken, am Wochenende lange schlafen, tagsüber im Bett herumliegen und mir die Herr der Ringe-Trilogie auf DVD anschauen. Ich wollte Sex am Sonntagmorgen haben und auch mal allein in der Sauna hocken.

Ich wollte allein sein. Ich wollte mit Oskar zusammen sein.

 

Eines Tages hörte ich jemanden hinter mir rufen.

»Wir haben denselben Weg«, keuchte die dunkelhaarige Frau vom ersten Networking-Treffen, während sie ihren Kinderwagen schnell neben meinen schob. Hieß sie nicht Elli?

Aus meinem Kinderwagen ertönte Oskars Gewimmer, eine seiner Backen war ganz rot, weil er gerade seinen ersten Milchzahn bekam. Zuerst schaute er Elli an, aber dann zog das kleine Mädchen im Kinderwagen neben ihm seine ganze Aufmerksamkeit auf sich – Hilda oder Tilda.

»Wie geht’s?«

»Letztens war ich einkaufen und hab das Baby im Laden vergessen. Ich war schon beim Auto, als mir plötzlich einfiel, dass ich doch auch noch ein Baby dabeihatte, verdammt! Ich war ganz schön durcheinander.«

Elli lachte zwar, guckte allerdings ein bisschen merkwürdig.

»Darf ich dich mal etwas fragen? Ich hab dich schon oft im Einkaufszentrum und draußen gesehen, aber immer nur dich mit Oskar. Was ist eigentlich mit deiner Frau?«

»Tot.«

Warum zur Hölle war mir denn jetzt so etwas herausgerutscht? Elli sah aus, als ob sie sich für ihre Frage schämen würde, denn sie lief knallrot an und fing an zu stammeln.

»Entschuldige bitte. Ich hab gedacht …«

»Schon gut. Bin schon drüber hinweg.«

Verdammte Scheiße – Trauerbewältigung in fünf Monaten?

»Also, ich bin über den ersten Schock hinweg. Oskar und ich meistern unseren Alltag jetzt zu zweit.«

 

»Ich hätte gerne gefragt, was genau passiert ist und woran sie gestorben ist, aber ich hab mich nicht getraut!«, erzählte Elli. »Ich dachte, dass es wahrscheinlich bei der Geburt passiert ist. Oskar war damals doch nicht älter als fünf Monate, oder?«

»Ich hätte geantwortet, dass es bei der Geburt passiert ist. Oder bei einem Verkehrsunfall. Eins von beidem.«

 

Ich schob den Kinderwagen vor mir her und dachte über Pias Beerdigung nach. Bestimmt in der alten Kirche in Tuusula und die anschließende Feier dann in Krapis Hof. Anschließende Feier? Gedenkfeier. Oskar müsste jedenfalls etwas Dunkles und Seriöses tragen. Gab es eigentlich schwarze Strampelanzüge oder zumindest kurze Strampelhosen?

»Bis bald!«, verabschiedete sich Elli von uns und bog mit ihrem Kinderwagen an der Straßenecke in Richtung des Hochhauses ab, in dem sie wohnte. Ich bog nach links ab und schob den Kinderwagen den Hang hoch. Oskar fing an, etwas vor sich hin zu brabbeln, und mir fiel plötzlich ein, dass ich ja noch Kartoffelstärke kaufen musste – gegen den Hautausschlag, den Oskar durchs Windeln Tragen bekam. Kartoffelstärke war besser als Zinksalbe.

Woher zur Hölle wusste ich denn so etwas?

Und dass man ihn auf gar keinen Fall mehr allein auf dem Wickeltisch liegen lassen durfte. Schnupfen behandelt man mit Kochsalztropfen, und Kindern, die jünger als ein Jahr sind, darf man keine Steckrüben geben, aber jeden Morgen sollte man dem Kind Jekovit, ein Vitamin-D-Präparat, und danach Relaa geben, das Milchsäurebakterien enthält, weil der Kleine sonst Bauchschmerzen bekommt. Aber weil ich einen kleinen Zwerg nicht quälen wollte, gab ich ihm überhaupt kein Vitamin D mehr, und Ulla machte mir deswegen regelmäßig die Hölle heiß.

Dass er noch kein Kissen brauchte, wusste ich, und dass Gewohnheiten wichtig waren. Wenn Tag für Tag immer wieder dieselben Dinge zur selben Zeit gemacht werden, wird das Kind später mal kein Drogendealer. Es kapiert, dass die Welt beständig ist, die Vorhersehbarkeit von gewissen Dingen ist beruhigend.

Jeden Abend, wenn Oskar eingeschlafen war, las ich noch Das Große Babybuch, Das Finnische Babybuch, ZweiPlus und die Baby-Zeitung, den Wir bekommen ein Baby-Ratgeber aus der Beratungsstelle sowie die von dem Kinderschutzbund herausgegebenen Kinder in den verschiedenen Altersstufen-Zeitschriften, die Ulla mir nach den Untersuchungen mitgegeben hatte.

Ich lernte, dass das Weinen eines Babys der Kommunikation dient und es nicht weint, weil es anderen damit auf den Keks gehen will.

Die Beurteilung der psychomotorischen Entwicklung gehört zu jedem Besuch in der Beratungsstelle dazu, und die sogenannten ursprünglichen Reflexe verschwinden innerhalb eines halben Jahres wie von selbst – was auch immer die letztendlich gewesen sein mögen.

Und wenn man mal irgendetwas nicht weiß, kann man immer bei der Hotline des Kinderschutzbundes anrufen.

Aber als ich damals dort anrief, kapierten sie überhaupt nichts.

3 Fünf Monate zuvor …

 

Fünf Monate zuvor:

 

»Wie bitte?«

»Wie heißt das noch mal?«

»Sie meinen Muttermilch?«

»Genau. Unter welcher Bezeichnung kann man das im Laden kaufen?« Die Frau verstand nur Bahnhof. Sie sagte »Einen Moment bitte«, legte ihre Hand auf den Hörer und tuschelte dann mit irgendjemandem. Schließlich kam dieser Jemand ans Telefon.

»Könnten Sie bitte noch mal wiederholen, worum es hier geht?«

Ich versuchte, mich klar und deutlich auszudrücken.

»Um Muttermilch. Ich weiß nicht, unter welcher Bezeichnung man so was im Laden kaufen kann. Hier wird’s langsam ein bisschen eilig. Ich glaub, er hat Hunger.«

Die Frau war verwirrt. »Wer?«

»Das Baby.«

»Ich versteh jetzt nicht so ganz …«

»Oh, verdammt noch mal!«, fluchte ich in den Hörer. »Wenn man Ketchup kaufen will, wird Felix empfohlen. Wenn man gutes Roggenbrot kaufen will, wird Roggie empfohlen. Und wenn man gute Muttermilch kaufen will? Mamas Milch? Milkys? Milchy?«

Für einen Moment wurde es am anderen Ende der Leitung mucksmäuschenstill.

»Dürfte ich bitte mal mit Ihrer Frau sprechen?«

Ich legte auf.

Ich stand im Wohnzimmer, betrachtete den Jungen, der langsam wach wurde. Und als das Geschrei dann schließlich einsetzte, gab es nur noch eine Option. Ich schnappte mir die Schlüssel vom Flurtisch, wickelte Oskar in eine Jacke und rannte nach draußen auf den Vorhof und dann zum anderen Ende des Hauses. Ich klingelte an der Tür und hoffte inständig, dass mir die Frau öffnen würde, aber natürlich war es der Mann.

»Guten Tag und entschuldigen Sie bitte vielmals die Störung, aber ich müsste mal mit Ihrer Frau sprechen«, sagte ich und fühlte mich dabei wie der letzte Vollidiot. Und natürlich sah ich gerade auch so aus. Aus irgendeinem Versteck in der Jacke hörte man den Jungen schreien, ich fror in meinen Hausschlappen in der klirrenden Kälte, und die Panik stand mir ins Gesicht geschrieben.

Der Mann starrte mich an, wägte wohl gerade die Situation ab, warf dann einen Blick über seine Schulter.

»Anna …«

Die Frau kam zur Tür, wischte sich die nassen Hände an ihrer Hose ab, anscheinend hatte sie gerade Geschirr gespült. Und im Bruchteil einer Sekunde hatte sie die Situation erfasst.

»Du Dummkopf! Lass ihn rein. Du kannst ihn doch nicht mit einem Säugling einfach da draußen in dieser Eiseskälte stehen lassen«, schimpfte sie und starrte ihren Mann wütend an, der daraufhin Platz machte.

Allerdings trat er nur circa einen Meter zurück und blieb im Flur stehen. Ich wusste, was ihm gerade durch den Kopf ging. Und ich wusste auch, dass er Polizist war. Die gesamte Wohnungseigentümergemeinschaft hatte nämlich schon darüber geredet, und alle waren der Meinung, dass es für Sicherheit sorgt, wenn im Nachbarhaus auch ein Polizist wohnt. Als ob der Lust hätte, nach seinem Arbeitstag immer noch ein Polizist zu sein.

»Er hat Hunger«, sagte ich und holte Oskar aus der Jacke. Der Polizist zog die Augenbrauen hoch, und seine Frau tat es ihm gleich. »Ist nicht seine … Mutter …?«

Verdammte Scheiße, ich hätte heulen können! Der Junge schrie, und plötzlich wurde alles einfach zu viel für mich. Frauenklinik, Tasche, Taxi.

Besonders das Taxi. Ich starrte auf die schwarzen Socken des Mannes, biss mir auf die Lippe und hob das Kind hoch.

»Er hat furchtbar Hunger«, wiederholte ich, schaute die Frau hilfesuchend an und reichte ihr das Kind.

»Können Sie mir bitte helfen?«

 

»Schwarz, zwei Stück Zucker«, sagte Anna und stellte die Tasse auf den Tisch.

Der Polizist hockte auf dem Sofa und starrte mich an. Das Sofa im Wohnzimmer stand bei meinen Nachbarn woanders als bei uns, und der Fernseher war auch in einer anderen Ecke. Hier gab es mehr Grünpflanzen, Pia hatte nämlich keinen grünen Daumen. Auf dem Fußboden lag Spielzeug herum, neben dem Fernseher stand ein rosafarbener Barbie-Friseursalon. Hier war es ordentlich, aber auch chaotisch – beides zur selben Zeit. Es gab keine Bücher, aber die Regale waren voller DVDs. Und irgendjemand aus der Familie hatte viele Preise, Diplome und Pokale bekommen, aber ich konnte von meinem Sitzplatz im Sessel nicht erkennen, was auf den Pokalen stand.

Oskar saugte aus dem Fläschchen die letzten Milliliter heraus, lag ausgestreckt und mit geschlossenen Augen auf meinem Schoß. Anna reichte mir ein Handtuch, das ich mir über die Schulter warf. Dann hob ich den Jungen hoch, legte ihn an meine Schulter, klopfte ihm auf den Rücken und ließ ihn sein Bäuerchen machen.

»Wie alt?«

»Sechs Tage.«

»Süßes Kerlchen«, sagte Anna. »Darf ich …?«

Sie nahm ihn auf den Arm, hielt ihn so wie die Kinderkrankenschwestern in der Frauenklinik. Fast schon aufrecht, auf dem Arm. Das würde ich auch nie lernen. Aber ich konnte ihn baden, ihm das Fläschchen geben, ihn nach dem Füttern sein Bäuerchen machen lassen. Und ich wusste, dass er mir direkt ins Gesicht pinkeln würde, wenn ich beim Windeln Wechseln keinen Lappen über seinen Pimmel warf.

»Wir haben vier«, erzählte Anna lächelnd und blickte zu dem Polizisten rüber. »Alles Mädchen. Die Jüngste wird bald anderthalb, ist also gar nicht mal mehr sooo klein. Meinetwegen könnte auch gerne noch ein fünftes kommen …«

Der Polizist stöhnte und schaute finster unter seinen Augenbrauen hervor, aber nicht mehr ganz so wachsam wie noch vorhin im Flur. Ich rührte in meinem Kaffee herum, mochte ihm nicht in die Augen sehen.

»Gustavson, Sami«, stellte er sich schließlich vor, streckte sich und reichte mir über den Couchtisch seine Hand.

Ich schüttelte sie. »Pasanen, Jonas. Einer Ihrer Nachbarn, vom anderen Ende des Hauses, Wohnung 2 A. Aber das wissen Sie wahrscheinlich schon längst. Wir sind uns mal bei den Mülltonnen über den Weg gelaufen. Meine Frau und ich sind vor ein paar Monaten hergezogen. Müsste man alles mal in Ruhe erzählen«, sagte ich zum Schluss und nippte an meinem Kaffee. Anna setzte sich mit meinem Jungen im Arm neben ihren Mann aufs Sofa.

»Wäre bestimmt gut«, erwiderte Gustavson.

»Gott sei Dank hatten wir noch Ersatzmilch im Schrank, die auch noch nicht abgelaufen war!«, sagte Anna seufzend.

Ersatzmilch. Muttermilchersatz! Muttermilch wurde nämlich gar nicht in Geschäften verkauft, die bekam man nur von Müttern! In den Läden wurde stattdessen Ersatzmilch in Tetra Paks verkauft. Nicht in Konservendosen oder Milchtüten. Man fand sie nicht im Regal neben der normalen Milch, sondern in dem Regal, in dem es die Kindernahrung gab. Ich prägte mir alles ganz genau ein, damit ich nicht noch mal zu ihrer Haustür kommen und mich zum Affen machen musste.

Dann erzählte ich ihnen alles: Komplikationen, Operation, Anästhesie, musste genäht werden. Risse in verschiedenen Schweregraden. Ich wiederholte die schlimmsten Befunde, die ich in der Cafeteria der Station 51 der Frauenklinik mitbekommen hatte. Pia käme bald nach Hause, aber die Kühltasche mit der Muttermilch hatte ich im Krankenhaus vergessen.

»Wir sind erst vor ein paar Stunden nach Hause gekommen, und ich hab eben erst gemerkt, dass ich die Tasche im Krankenzimmer meiner Frau vergessen hab. Und dann hab ich ein bisschen Panik bekommen.«

Na ja, eigentlich sogar eine verdammt große Panik, und die wurde von Minute zu Minute immer schlimmer.

»Ich kann für Sie einkaufen gehen«, bot Anna an. »Es ist nicht besonders vernünftig, ein Neugeborenes bei so einer Kälte irgendwohin zu bringen. Und ganz sicher nicht in einen Laden!«

Gustavson hörte nicht auf, mich anzustarren. Er wusste, dass ich wusste, dass er mir von meiner Geschichte kein einziges Wort glaubte.

 

Wir kehrten nach Hause zurück. Der Junge war wieder eingeschlafen. Er schaffte es noch nicht, lange wach zu bleiben. Ich schmierte mir ein Butterbrot.

Eine knappe Stunde später kam Anna vorbei, ihre Wangen waren von der Kälte ganz rot. Sie hatte eine Einkaufstasche dabei, die sie auf den Küchentisch stellte und auspackte. Viele Packungen Ersatzmilch, ein paar Babyfläschchen, Schnuller, Windeln für Neugeborene. Ich holte mein Portemonnaie und bezahlte. Sie blieb noch ein Weilchen, schaute sich um und merkte, dass das Sofa und der Fernseher bei uns woanders standen. Als sie die Rosen auf dem Tisch sah, die ich für Pia gekauft hatte, lächelte sie, dann schaute sie zu den Umzugskartons, die immer noch unausgepackt an der Wand unter den Brettern des Bücherregals standen. Ich hatte noch keine Zeit gehabt, das Regal zusammenzubauen.

Aus dem Schrank holte ich eine Flasche Rotwein.

»Danke.«

»Nichts zu danken.« Zuerst genierte sie sich, die Flasche anzunehmen, aber dann nahm sie sie doch. »Und nur zu Ihrer Information: Neugeborene werden nie ohne die Mutter aus dem Krankenhaus entlassen.«

Oh, verdammt. Echt?

»Ich frag jetzt auch nicht mehr weiter, aber ich werde wieder vorbeikommen. Kommen Sie so lange alleine klar?«

Ob ich alleine klarkäme?

Natürlich. Weil ich es musste. Weil meine Frau nämlich vor der Klinik in ein Taxi gehüpft war, das daraufhin davonbrauste.

Blieb mir denn etwas anderes übrig?

4 Als Anna ging …

 

Als Anna ging, nahm ich die von ihr mitgebrachte Windeltasche, hob den Jungen auf meinen Schoß und trug ihn vorsichtig nach oben. Ich holte mir aus dem Badezimmer ein Handtuch, breitete es auf dem Bett aus, legte Oskar darauf und zog ihm dann die Klamotten aus. Ich fummelte die Bänder an seinem Pullover auf und zog ihm seine Socken aus, die die Größe eines Männerdaumens hatten. Der Junge schaute zu, sein Blick schoss hin und her.

»Wenn du anständig bist, dann ist hier gleich nur Pipi drin«, sagte ich zu ihm und zog das Klebeband von der Windel ab, ohne allzu große Hoffnung.

Dann trug ich ihn ins Badezimmer, ließ warmes Wasser einlaufen und hielt seinen Popo, der die Größe einer Mandarine hatte.

Im Schlafzimmer zog ich ihm eine neue Windel an und zerrte unter dem Bett das Mutterschaftspaket hervor. Die Klamotten darin waren alle noch viel zu groß für ihn. Zum Schluss zog ich ihm einen langärmeligen Strampelanzug an, auf dem Bilder von Tieren zu sehen waren. Häschen, Kätzchen, Füchschen stand unter den Tieren. Der Junge fühlte sich in den Klamotten offensichtlich wohl, weil er nicht schrie. Ich ließ die Krankenhausklamotten mit dem Erbrochenen zum Einweichen im Waschbecken liegen. Ich benutzte ganz normale Seife, weil ich nicht wusste, ob man Babyklamotten mit einem speziellen Waschmittel waschen musste. In der Zwischenzeit schlief der Junge auf dem Bett ein. Um ihn herum legte ich Kissen, damit er nicht im Traum auf den Fußboden fiel, dann legte ich mich neben ihn.

Ich hätte gedacht, dass ich sofort einschlafen würde, aber stattdessen starrte ich die Zimmerdecke an.

 

Alles war so schnell passiert:

»Entschuldige, aber ich schaff das einfach nicht«, hatte Pia gesagt. Dann hatte sie sich umgedreht, war zu einem Taxi geeilt und hatte den Fahrer gefragt, ob das Taxi noch frei wäre. Der vorherige weibliche Fahrgast wankte gerade – den dicken Bauch haltend – durch die Eingangstür in die Frauenklinik. Pia rutschte auf den Rücksitz, zog die Tür hinter sich zu, drehte sich noch einmal um, um aus dem Heckfenster zu blicken, und zuckte mit den Achseln. Sie sah ein bisschen so aus, als ob sie das Ganze bedauern würde. Das Taxi fuhr los. Es ließ uns an der Stelle stehen, wo man darüber informiert wird, dass das Rauchen im Gebäude verboten ist und dass man sein Handy ausschalten muss.

Als ich endlich begriff, was soeben passiert war, war das Taxi auch schon durch die Einfahrt gebraust. Ich schleuderte den Beutel dem Wagen hinterher und bekam im selben Moment einen Riesenschreck, dass ich anstelle des Beutels die Babytragetasche geworfen hätte. Aber da lag der Junge immer noch in der Babytragetasche zu meinen Füßen. Vielleicht habe ich noch geschrien, dass sie zurückkommen sollte und ob das hier ein schlechter Scherz sei.

Irgendetwas schien ich tatsächlich zu schreien, weil sich die Leute nach mir umdrehten.

Aber das Taxi hielt nicht an, deshalb holte ich den Beutel und nahm das Kind. Dann ging ich zum Auto, sicherte die Babytragetasche auf dem Rücksitz, warf den Beutel in den Kofferraum und fuhr nach Hause.

Aus dem Auto versuchte ich, Pia auf ihrem Handy zu erreichen, aber es war ausgeschaltet. »Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist vorübergehend nicht erreichbar.«

 

Auf dem Wohnzimmertisch erwarteten mich fünf rote Rosen, weil die Verkäuferin im Blumenladen gesagt hatte, dass es bei so einem Anlass Rosen sein müssen. Die Teppiche waren gesaugt, das Kaffeepulver in der Maschine, sie musste nur noch angeschaltet werden. Im Kühlschrank war Essen – Würstchen und diese Reisschokolade, die Pia während ihrer ganzen Schwangerschaft so gerne gegessen hatte. Ich trug das Baby rein, stellte die Babytragetasche auf den Wohnzimmerfußboden und ließ Oskar weiterschlafen.

»Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist vorübergehend nicht …« Ich durchsuchte die Küchenschränke und überprüfte den Kühlschrank einschließlich des Gemüsefachs, grub im Gefrierschrank bis ganz nach unten zu den Fischstäbchen. Ich lief ins Obergeschoss, zog das Mutterschaftspaket unter dem Bett hervor, kippte es auf dem Fußboden aus. Es gab so ziemlich alles außer Muttermilch: Klamotten, Bettwäsche, einen Schneeanzug, Verbandsmull, eine Bürste, Kondome sowie eine Nagelschere. Keine Ahnung, was Babys mit Kondomen machten. Vielleicht bekäme man das ja mal bei Gelegenheit heraus.

Aber nirgends fand ich einen Behälter, auf dem gestanden hätte: Muttermilch. Und Pia hatte sie auch nicht gekauft!

»Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist vorübergehend …«

Ich trug den Jungen zurück ins Auto und fuhr zum Supermarkt. Dort lief ich mit der Babytragetasche zwischen den Regalen herum, starrte auf die Milchpackungen im Milchregal und überlegte, ob man die nicht vielleicht einfach stattdessen nehmen könnte. Ich erinnerte mich an meine Kindheit im Sommerhaus, an die Sahneschüsseln der Katzenbabys der Nachbarn.

Eine Kartoffelbrei-Packung schaute ich mir genauer an. Was wäre denn, wenn man das mit Wasser vermischen und daraus einen Brei machen würde, und zwar einen so flüssigen, dass er durch den Trinksauger des Fläschchens passen würde? Kartoffelgrütze. Davon hatten doch früher – vor ungefähr hundert Jahren – die Babys auch gelebt? Dafür brauchte man nur Kartoffeln und … irgendwas?

Zum Schluss fragte ich einen Verkäufer, wo man Muttermilch kaufen könnte, aber er verdrehte nur die Augen und ging einfach weg. Danach fragte ich eine Frau, die sich gerade beim Süßigkeitenregal mit einem kleinen Jungen stritt, dasselbe. Der Zwerg machte einen Riesenaufstand, weil er einen Lolli haben wollte, und die Frau brüllte mich an, dass irgendeine beschissene Milch sie im Moment nicht weniger interessieren könnte. Ich kehrte zum Wagen zurück und dachte einen Augenblick darüber nach, zurück ins Krankenhaus zu fahren, was letztendlich wohl auch das Klügste gewesen wäre.

»Die von Ihnen gewählte …«

Ich fuhr zurück nach Hause, zog Oskar die gefütterten Klamotten aus und legte ihn aufs Sofa. Dann rief ich bei der Hotline des Kinderschutzbundes an, aber die kapierten überhaupt nichts.

Als der Junge irgendwann aufwachte und zu weinen begann, nahm ich ihn auf meinen Arm und lief zu den Gustavsons rüber.

Etwas hatte ich in den letzten sechs Tagen von meinem Sohn gelernt. Dass er zumindest am Anfang noch irgend so ein braunes, klebriges Zeug kackte, die ganze Zeit schlief und zehnmal am Tag etwas zu essen brauchte. Oder zumindest war das der Fall, seitdem er einen ganzen Tag auf der Intensivstation mit einer Infusionsnadel in der Stirn eine Zuckerlösung verabreicht bekommen hatte.

In der Nacht darauf hatte ich kein Auge zubekommen.

Ich hatte auf dem Sofa im Wohnzimmer gelegen, das Handy in Reichweite gehalten und darauf gewartet, dass sie gleich anriefen und mir mitteilten, dass das Baby gestorben ist. Dass es ihnen schrecklich leidtue, aber sie hätten wirklich alles getan, was in ihrer Macht stand.

Am Morgen war ich dann schon vor neun ins Krankenhaus geeilt. Die Kinderkrankenschwester der Wöchnerinnenstation schob den Jungen in einem kleinen Krankenbett mit Rollen zurück auf die Station.

»Sie müssen sich keine Sorgen machen. So eine Infusion ist Routine bei Säuglingen, die zweieinhalb Kilo wiegen. Die Energie fürs Essen hat nicht gereicht. Jetzt ist das Gewicht schon um fünfzehn Gramm gestiegen, und er hat wieder angefangen zu essen. Wir machen aus ihm schon noch einen ganzen Kerl«, erklärte mir die Kinderkrankenschwester Sirpa an der Aufzugstür.

 

»Lach jetzt nicht. Aber ich erinner mich noch daran, wie ich eine richtige Mutter wurde«, sagte Elli plötzlich. »Das passierte am Morgen nach der Geburt. Ich nahm das Kind mit aufs Zimmer, setzte mich mit der Kleinen auf meinem Schoß in den Lehnstuhl und schaute sie einfach nur an. Fünf Stunden lang. Während ich sie betrachtete, verliebte ich mich in sie.«

»Ich lache nicht.«

 

Ich nahm den Jungen aus dem Bett und setzte mich mit ihm in den Rollstuhl, der im Fahrstuhlvorraum stand. Er hatte einen weißen, klebrigen Pflasterrest an der Stirn. Nach einer Weile kam Schwester Sirpa zurück, brachte mir ein Milchfläschchen und verschwand wieder.

 

Was ihre Schwangerschaft anging, war Pia circa fünfzehn Minuten lang hellauf begeistert gewesen. Und zwar an jenem Tag, als wir das Mutterschaftspaket bekamen.

»Das hier ist ja wie Weihnachten!«, hatte sie gejubelt und dann das Paket durchwühlt. Hatte Pullis hervorgeholt, die so groß waren wie die Hand eines Mannes. Einen Strampler, einen Steppoverall, einen Schlafsack, ein Badethermometer. Dann erlosch die Begeisterung aber auch schon wieder. Sie warf alles zurück in das Paket, schob es unters Bett und holte es nie wieder hervor.

Einige Monate vor dem Tag der Entbindung fragte ich, ob man für das Baby nicht ein Bett und eine Wanne kaufen müsste. Kurz darauf schenkte uns ein Arbeitskollege eine Tasche mit Klamotten, eine Babytragetasche sowie anderen Krimskrams.

»Es braucht kein Bett, es schläft in dem leeren Mutterschaftspaket«, erwiderte Pia, erhob sich umständlich vom Bett und legte eine andere DVD ein. Während ihres Mutterschaftsurlaubs hatte sie damit begonnen, sich den ganzen Tag Sex and the City-Folgen anzuschauen. Mittlerweile war sie schon bei der dritten Staffel angelangt. »In dem Paket gab’s auch eine Matratzenauflage.«

Den Kinderwagen kauften wir. Pia schaute sich im Laden die Wagen an, probierte einige von ihnen aus und zeigte dann auf den blauen.

»Der da.«

Der Kinderwagen kostete fast einen Tausender. Schließlich fand ich bei einer Online-Auktion ein Kinderbett, eine Wanne und eine Babywippe, die Verkäuferin wohnte ebenfalls in Helsinki. An der Tür versuchte sie, mir auch noch einen Schutzhelm für Kleinkinder sowie ein Dreirad anzudrehen. Bevor ich mich auf den Heimweg machen konnte, musste ich auf dem Hof das Bett in seine Einzelteile zerlegen, aber letztendlich bekam ich alles ins Auto. Pia schaute sich die Sachen kurz an, nahm sich dann eine Tafel Reisschokolade und kehrte wieder ins Schlafzimmer zurück.

Ihr Bauch wurde immer runder, Pia wurde überall immer runder, und in der Beratungsstelle meckerten sie darüber. Zu den Kontrolluntersuchungen ging Pia zwar, aber vermutlich nur, weil es Pflicht war. Sie beschwerte sich darüber, dass sie viele Male in der Nacht auf die Toilette musste, dass die Nase immer zu war, dass sie ihre Haare ständig waschen musste, dass sie Pickel bekam, dass sie wie ein Schwein schwitzte und dass sie die ganze Zeit müde war. Anfangs hatte sie Pilzerkrankungen, dann Blasenentzündungen. Dann begann sie, mich zu verdächtigen, dass ich sie betrügen würde. Und als Nächstes, dass ich, wenn ich sie schon nicht betrog, zumindest darüber nachdachte.

Sie fing auch ständig an zu weinen, und dann begann sie, mich zu kontrollieren.

Ich versuchte, sie zu überreden, zu einem Arzt zu gehen, und schließlich willigte sie ein. Im Nachhinein stellte sich allerdings heraus, dass sie nur über die Blasenentzündung geredet hatte.

 

Weil das Kind aufhörte zu wachsen, wurde die Geburt drei Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin eingeleitet. Pia rief mich auf der Arbeit an und bat mich, ihr das Taschenbuch vorbeizubringen, das sie momentan las. Es lag auf dem Nachttisch im Schlafzimmer, und ich sollte ihr auch die blaue Tasche mitbringen, die im Flur war.

Ich dachte, dass sie nur zu einer Kontrolluntersuchung dableiben würde. Deshalb beeilte ich mich auch nicht, sondern erledigte meine Arbeit in aller Ruhe. Als ich dann schließlich das Krankenhaus erreichte, war Pia bereits im Kreißsaal, und der Arzt führte gerade eine PDA durch. Die Hebamme war überrascht, dass diese Frau ja doch einen Ehemann hatte. Ich hatte keine Lust, ihr zu erklären, dass mir meine Frau nicht gesagt hatte, dass sie jetzt ein Kind bekommen würde.

Es gab Komplikationen. Erst setzten die Herztöne des Jungen aus, dann war Pia mit ihren Kräften am Ende. Plötzlich musste alles ganz schnell gehen. In den Raum kamen viele Geburtshelfer und Ärzte, von denen einer grüne OP-Bekleidung trug. Ich hockte auf einem roten Lehnstuhl in einer Ecke und hielt mir die Hände vor die Augen, als sie begannen, Pia mit einer Schere aufzuschneiden. Verfluchte Scheiße – so als sei sie aus Papier!

»Der Junge ist da!«, rief eine Hebamme.

Das Baby hatte verquollene Augen, eine zerknautschte Nase, und das Gesicht war knallrot. Der Kopf war länglich wie die Zipfelmütze eines Wichtels, und die Beine sahen aus wie Hühnerbeine. Das Baby war bläulich grau, schielte und jammerte leise vor sich hin.

Es war das schönste Baby der Welt.

 

Meine Schwiegermutter schickte mir eine SMS, in der sie lediglich dem Kind alles Gute wünschte. Mein Arbeitskollege Pep teilte mir mit, dass er mich in zwei Stunden mit Bier in der Kneipe erwarten würde, und aus der Nachricht meines Vaters wurde ich nicht wirklich schlau – zu viele Rechtschreibfehler.

»Hab meine Lesebrille verloren«, erklärte er später, und seine Stimme brach. »Ein Junge?«

»Zweieinhalb Kilo, fünfzig Zentimeter. Hat ziemlich viel geweint. Dann ist die Hebamme daraufgekommen, dass er vielleicht wegen dem Saugnapf Kopfschmerzen haben könnte, und hat ihm Schmerzmittel gegeben. Pia geht’s gut, ist ziemlich erschöpft. Wie geht’s Jan?«

»Hab ihm noch nichts erzählt.«

»Ist vielleicht auch besser so. Das bringt ihn nur durcheinander.«

»Ich komm zu Besuch«, sagte mein Vater. »Morgen. Gleich morgen früh.«

Als ich in den Kreißsaal zurückkehrte, war Pia wieder zusammengeflickt worden. Sie saß auf dem Bettrand und aß ein Butterbrot, ein Krankenpflegehelfer wischte Blut auf. Ich setzte mich in den Lehnstuhl, und die Hebamme brachte mir den Jungen, den sie in ein weißes Tuch gewickelt hatten.

»Unter den ganzen Schwellungen ist er ein wirklich hübsches Kerlchen. Ich hab ihm eben etwas Milch gegeben, jetzt schläft er.«

»Könnten Sie mal mit dem Mist aufhören und mich endlich auf die Station bringen«, schnauzte Pia sie an. »Ich bin müde.«

 

»Hängt alles mit den Hormonen zusammen«, sagten die Krankenpfleger, als Pia weinend in den Duschraum stakste und die Tür hinter sich zuknallte. »Nachdem die Plazenta raus ist, gibt es weniger Steroide im Körper.«

»Außerdem ist diese Überempfindlichkeit nach der Geburt nichts, weshalb man sich Sorgen machen müsste. Es handelt sich dabei um Stress sowie um die Angst vor dieser riesengroßen Verantwortung, die ein Baby mit sich bringt«, fuhren sie fort, als Pia den Rettungsring aus Gummi, auf dem man wegen der Nähte sitzen sollte, gegen die Tür pfefferte.

»Die Mama ist unruhig, mürrisch und nah am Wasser gebaut, aber zur selben Zeit wird aus der Mama gerade auch eine richtige Mutter, und diese wird ganz sensibel auf die Bedürfnisse ihres Babys reagieren. Ganz simple Dinge mögen sich im Moment wie etwas schier Unmögliches anfühlen. Baby-Blues ist ganz normal, kommt oft vor und geht wieder vorbei«, erzählten sie.

»Diese Wochenbettdepressionen kann man vielleicht auch mit Humor erträglicher machen«, sagten sie lächelnd.

»Wie wär’s, wenn wir mal ein paar grundsätzliche Dinge lernen würden?«, schlug die Kinderkrankenschwester Sirpa vor und brachte uns alles bei: füttern, Windeln wechseln, tragen, hochheben, Klamotten wechseln und baden.

»Für dich, Jonas, habe ich nur einen einzigen Ratschlag, aber der ist wichtig.«

Fang jetzt schon mal mit dem Bausparen für dein Kind an? Lass ihn einen Mopedführerschein machen, aber lass ihn nur beim Jugendzentrum rumfahren? Ein Pornoheft unter der Matratze ist gar nicht so schlimm?

»Rülpsen. Rülpsen. Rülpsen.«

 

Am sechsten Tag wollte Pia von sich aus nach Hause, weil nachts noch eine andere Patientin zu ihr aufs Zimmer gebracht worden war und sie es nicht mehr für sich allein hatte. Der Arzt hätte sie eigentlich noch nicht entlassen wollen, aber sie rief mich morgens an und bat mich, sie mittags abzuholen.

Ich hatte daran gedacht, für den Jungen einen Beutel für seine Klamotten mitzunehmen sowie die Babytragetasche und die Blumensträuße: einen für Sirpa und einen für die Hebamme. Ich schippte noch den Schnee vor dem Hauseingang weg, damit ich beim Heimkommen nicht mit der Babytragetasche ausrutschen und aus Versehen das Kind fallen lassen würde. Bevor ich die Wohnung verließ, drehte ich die Heizkörper auf, damit der Junge nicht zu Hause frieren würde, ich tankte und machte mich danach auf den Weg, um beide aus dem Krankenhaus abzuholen – mit den bekannten Folgen.

5 Während seines dreiwöchigen …

 

Während seines dreiwöchigen Lebens war der Junge schon ein paarmal im Auto gewesen, aber jetzt ging ich richtig mit ihm raus. Ich schob den Kinderwagen die Straße entlang und kam mir dabei ein bisschen dämlich vor. Ich wusste nicht wirklich, wohin ich gehen sollte und ob man mit einem Baby normalerweise überhaupt irgendwohin gehen muss. Schließlich blieb ich an einer Parkbank stehen und setzte mich. Ich beobachtete die Leute, die zum Einkaufszentrum gingen. Der Junge schlief. Schließlich schob ich den Kinderwagen wieder zurück nach Hause, mit genau demselben Gefühl.

Am nächsten Tag brachte ich den Jungen zum ersten Mal zum Strand, wo unheimlich viele Boote waren. Mit dem Jungen auf dem Schoß setzte ich mich auf eine Bank und blickte auf den leeren Bootsliegeplatz Nummer zehn. Das war meiner, ich bezahlte hundert Euro im Jahr dafür.

Am Strand gab es viele Enten.