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Wer sind wir, und wer sind die Menschen, mit denen wir zusammenleben? Für Sophie und Alexander gibt es darauf keine einfache Antwort. Sie wachsen bei einer geheimnisvollen Frau auf, und jedes Jahr ziehen sie an einen anderen Ort. In diesem Sommer aber finden sie Stück für Stück mehr heraus über die Frau, mit der sie leben - und werden dabei in eine spannende Jagd auf eine gefährliche Bande von Verbrechern verwickelt.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2020
Wer sind wir, und wer sind die Menschen, mit denen wir Zusammenleben? Für Sophie und Alexander gibt es darauf keine einfache Antwort. Sie wachsen bei einer geheimnisvollen Frau auf, und jedes Jahr Ziehen sie an einen anderen Ort. In diesem Sommer aber finden sie Stück für Stück mehr heraus über die Frau, mit der sie leben – und werden dabei in eine spannende Jagd auf eine gefährliche Bande von Verbrechern verwickelt.
Ben Jansen
Windmar
Für Alexander und Sophie
© 2020 Ben Jansen
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-12526-1
Hardcover:
978-3-347-12527-8
e-Book:
978-3-347-12528-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
1 Der Einzug
2 Das Dorf
3 Die Kinder
4 Tiger
5 Fahrräder
6 Die Nachbarn
7 Der Laden
8 Ein Ausflug
9 Die Hütte im Wald
10 Ein Geheimnis
11 Der Professor
12 Sophie hilft
13 Das Medikament
14 Am See
15 Die Rast
16 Ernte
17 Besuch bei Nacht
18 Streit
19 Regen
20 Margaret verschwindet
21 Kampf
22 Das Spiel ist aus
23 Die Auflösung
24 Umzug
1 Der Einzug
Am Dienstag war der Einzug. Der große Möbelwagen kam morgens um neun – und mit ihm eine Gruppe von kräftigen, schweigsamen Männern die nach Zigaretten, Schweiß und nach der Mittagspause auch nach Bier rochen. Gemeinsam hatten sie Betten, den Tisch, die schweren Schränke und Kommoden sowie die vielen nummerierten Umzugskisten in die jeweiligen Zimmer getragen, die Margaret ihnen angewiesen hatte.
Die Kinder hatten sich bemüht, nicht zu stören; und wenn der ganze Vorgang auch eine Abwechslung war und aufregend, so war es besser, Margaret nicht in die Quere zu kommen. Sie hatte auch so schon genug zu tun, und wahrscheinlich noch weniger Geduld als sonst. Den Vormann der Arbeiter jedenfalls hatte sie bereits morgens mehrmals scharf zurechtgewiesen, so dass der dicke Mann – etwas älter als seine Kollegen – ihr für den Rest des Tages aus dem Weg ging, wo immer das möglich war.
Das Haus war alt und hatte zwei Stockwerke. Es war über und über mit grauen Holzschindeln bedeckt und hatte spitze Giebel. Efeu wuchs an der Wand entlang hoch und reichte an manchen Stellen fast bis an das Dach. Der mit lockerem Kies bedeckte Hof befand sich ganz am Ende einer gewundenen Sackgasse, ein wenig außerhalb des Dorfes. Hinter dem großen, verwilderten Garten auf der Rückseite fingen weite Felder an, nur durch eine dicke Hecke getrennt. In der Ferne sah man den dunkelgrünen Saum eines dichten Waldes, und die Felder standen bereits hoch im Frühsommer.
Zum ersten Mal in ihrem Leben mussten sich der Junge und das Mädchen kein Zimmer mehr teilen. Beide hatten ihre eigene kleine Kammer, auf gegenüberliegenden Seiten im oberen Stockwerk. Beide Räume hatten jeweils ein kleines Fenster zum Garten, und die schmalen Betten standen unter der Dachschräge. Zwischen den Zimmern lag ein kleines Badezimmer mit gekachelten Wänden. Es war wunderbar – ein eigenes Reich für die Kinder, durch einen niedrigen Flur und eine enge gewundene Treppe getrennt vom Rest des Hauses. Dort gab es das Schlafzimmer von Margaret, ein weiteres Bad, die Küche mit dem Steinboden und der Tür zum Garten, und das kleine Wohnzimmer.
Überhaupt war das Haus voller Wunder. Es gab einen hohen, rundlichen Kühlschrank, außen aus weißer Emaille; die schwere Tür wurde mit einem großen Chromhebel verschlossen. Und sogar einen eigenen Telefonanschluss! Der Apparat befand sich im Schlafzimmer von Margaret. Es war ein schweres, schwarzes Gerät aus Bakelit mit einem großen Hörer auf der Gabel und weißen Nummern auf der Wählscheibe. So hatten sie noch nie gelebt.
Sowohl das Mädchen als auch der Junge hatten einen neuen, schmalen Schreibtisch bekommen, zusammen mit einem der hölzernen Küchenstühle aus dem letzten Haus. Der Schreibtisch stand unter dem Fenster, und wenn man sich ein wenig reckte, konnte man hinunter in den Garten, weit über die Hecke und Felder bis hin zum Waldrand in der Ferne schauen.
Die Kommoden waren eigentlich zu groß für die Zimmer. Es war nicht einfach gewesen, sie die enge Treppe hoch und durch die schmalen Türen zu wuchten. Die Arbeiter hatten geflucht und einen großen Kratzer in die Wand im Treppenhaus gemacht, über den der Vormann sich von Margaret einen ganzen Vortrag hatte anhören müssen. Nun aber stand alles an seinem Platz, und die Kinder konnten ihre Kleider wieder in die jeweiligen Schubladen einsortieren. Als dann auch noch die Bücher wieder aufgestellt waren, gab es nicht mehr viel zu tun. Die Schultaschen hatten sie fertig gepackt selbst getragen – und nun waren sowieso erstmal für lange Zeit Ferien.
Sophie hatte das kleine Fenster geöffnet und lag auf dem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Feiner Staub flirrte in den Sonnenstrahlen, und die träge, warme Luft von draußen duftete schwer nach dem weißen Flieder im Garten. Alexander saß in seinen kurzen Hosen auf dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch und kratzte sich an den Beinen. „Warum sind wir ausgerechnet hierher gezogen?“, fragte er. „Ich glaube, wir mussten dort weg“, sagte Sophie. „Mal wieder“, fügte sie ein wenig altklug hinzu.
Von unten erklang ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem Klirren und dann der gewohnten, scharfen Stimme von Margaret. Diesmal wollte das Schimpfen kein Ende nehmen. Wenn man auch die Worte hier oben nicht verstand, so wusste man wohl, dass man nicht in der Haut der Möbelpacker stecken wollte; Erwiderungen waren nicht zu hören.
„So viele Umstände. Soviel Arbeit. Wer weiß, was diesmal alles kaputt geht. Jedes Jahr das gleiche. Und ich habe unser altes Dorf so gerne gemocht.“ Alexander öffnete die Schreibtischschublade und schob sie wieder zu. Sie war leer.
Sophie dachte an die Katze, die manchmal im Schuppen des letzten Hauses geschlafen hatte, und wer ihr jetzt wohl Essen zustecken würde. Sie verscheuchte den Gedanken und versuchte, sich selbst und Alex aufzumuntern. „Aber da hatten wir kein eigenes Zimmer, jeder für uns. Und außerdem gab es nur ein Bad. Und es war kalt. Das neue Haus ist schön.“
„Bilder fehlen“, sagt Alexander. Er wusste, dass Sophie recht hatte, aber er hatte schlechte Laune. „Es wäre schön, etwas zu haben, was wir an die Wand hängen können. Wie in einem richtigen Zuhause.“
Sophie fand den Gedanken Quatsch. „Aber wir haben doch ein richtiges Zuhause, Bilder oder nicht. Wir habe uns beide, und das ist ein Haus, und Essen, und Kleider, und Margaret. Und bestimmt gibt es auch hier wieder Schulen und einen Bus, der uns dort hinfährt. Vielleicht bekommen wir sogar die Fahrräder, von denen Margaret gesprochen hat.“
„Alexander! Sophie!“ – diesmal war es klar zu verstehen, und die Kinder sprangen auf. „Wir kommen!“ Sie stürmten den engen Gang und die Stiege herunter. Die Treppe endete im Flur mit den Holzdielen, vor der Tür zur Küche. Der Vormann der Möbelmänner stand mit Margaret bei der Eingangstür, und beide hielten einen Stoß Papiere in der Hand.
„Habt ihr alle Eure Sachen bekommen? Und ausgepackt?“, wollte Margaret wissen, ohne von ihren Listen aufzusehen. „Ja“, und „Haben wir“ sagten die Kinder durcheinander, etwas atemlos. „Gut“, bemerkte Margaret tonlos, und wandte sich dann an den Vormann.
„Sie und Ihre Männer haben viele Dinge kaputt gemacht. Mehr, als Sie durften.“ Der Mann war rot im Gesicht, sagte aber nichts. „Aber weniger als ich von Ihnen erwartet hätte.“ Sie sah ihn bissig an. „Hier ist etwas Trinkgeld für Sie und die Männer. Wir haben ja in der Mittagspause gesehen, dass Sie gerne trinken.“ Margaret drückte ihm ein paar Scheine mit den unterschriebenen Papieren zurück in die Hand. Der Vormann schnaufte, deutete eine Art Verbeugung mit einem Kopfnicken an und drehte sich um. Die Tür fiel wohl etwas stärker ins Schloss, als er gewollt hatte. Daher öffnete er sie noch einmal von außen, und schloss sie sanfter ein zweites Mal.
Margaret drehte sich zu den Kindern um. Sie war wütend, aber ihre Stimme war ruhig. „Ihr könnt jetzt in den Garten gehen, und auch das Dorf erkunden. Ich möchte, dass ihr in einer Stunde wieder hier seid. Ihr werdet mir dann erzählen, was ihr gesehen und mit wem ihr geredet habt.“
Beide nickten mit dem Kopf und sahen sich an. Dann gingen sie zusammen in die Küche und von dort aus durch die offene Tür in den großen Garten hinter dem Haus. Das Gras musste geschnitten werden; wahrscheinlich gab es Werkzeuge in dem Schuppen in der rechten Ecke am Ende. Der verwilderte Flieder war riesig, fast zwei Meter hoch, mit weißen, fingrigen Blüten. Zwei rostige Metallstühle und ein runder Tisch waren wohl früher einmal blau gewesen und standen verloren auf der kleinen Steinterrasse. Die Fenster zu ihren Zimmern waren offen; von hier unten konnte man die weißgestrichene Holzdecke sehen.
„Viel Arbeit hier. Da weiß ich ja schon, wie meine Ferien aussehen werden“, sagte Alex. „Stell‘ dich nicht so an“, meinte Sophie, „glaubst Du, Margaret packt das ganze Geschirr und ihre Kleider alleine aus? Außerdem muss das Haus von oben bis unten saubergemacht werden. Und um die Fenster wird es sowieso wieder ein Theater geben.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und wer wäscht Deine Sachen, wenn du dich beim Rasenmähen dreckig machst?“ Er grinste. „Komm, lass‘ uns sehen, was alles in dem Schuppen da ist. Vielleicht sogar `ne Heckenschere.“
Der Schuppen war größer, als er vom Haus aus erschien. Er war solide gebaut, aber schon alt, und das verwitterte Holz war grau. Das Dach war mit kleinen Schindeln aus Teerpappe bedeckt und hatte die Form eines umgedrehten V. Die Tür war zugehakt, aber es war kein Vorhängeschloss in der Öse. Wie erwartet fanden sie in dem Schuppen einen grünen Hand-Rasenmäher mit rostiger Spindel, eine Forke oder Heugabel mit drei langen Zacken, eine Harke und einen Spaten mit kurzem Holzstiel. In einem ehemals weißen Eimer mit Metallbügel lagen mehrere löchrige Gartenhandschuhe aus rauem Leder. In einer Art Regal gab es Zange, Hammer, flache Schachteln mit Nägeln und ein paar Einweckgläser ohne Deckel, die Schrauben, etwas Draht und allerhand Kleinzeug enthielten. In der Ecke stand noch ein zerfledderter Besen mit einem Kehrblech aus Metall.
„Na wunderbar!“, sagte Alexander. „Dann kann es ja morgen gleich losgehen. Hier ist sogar noch etwas altes Schleifpapier. Damit kriege ich den Rasenmäher wieder hin. – Margaret wird zur Abwechslung mal nichts auszusetzen haben.“ Sophie war nicht überzeugt. „Das Ding ist doch schon ewig nicht mehr benutzt worden“, sagte sie. Der Junge winkte ab. „Das sehen wir morgen. Komm, jetzt schauen wir mal, was es hier sonst so gibt.“
Zwischen der Hecke und dem Haus gab es einen schmalen Weg, der zum Hof nach vorne führte. Die breiten Reifen des Möbelwagens hatte tiefe Spuren im Kies hinterlassen. Wohl beim Umdrehen hatte der Fahrer auch ein paar Äste von dem großen Baum an der Einfahrt abgerissen, die nun am Boden lagen. Sophie und Alexander sammelten die größten davon auf und warfen sie zur Seite. Sie versuchten, den Kies mit ihren Schuhen wieder ein wenig zurechtzuschieben.
Dann wandten sie sich die Straße herunter; neugierig, wie ihre neue Heimat aussah und wen sie treffen würden.
2 Das Dorf
Das Dorf hieß Windmar und hatte bestimmt weniger als fünfzig Häuser, von denen die ältesten um einen kleinen Dorfplatz herum angeordnet waren. Einige der Wege hatten keinen festen Belag. Nur im Dorfkern bestanden die meisten Gassen aus Kopfsteinpflaster, und die Hauptstraße und der Rundweg um den Dorfplatz waren asphaltiert.
Es gab eine alte Kirche, bei der die Tür abgeschlossen war. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes standen ein kleines Gasthaus mit ein paar Fremdenzimmern und eine Bäckerei. Außerdem zwei andere Ladengeschäfte mit Schaufenstern, von denen eines leer zu stehen schien. Das andere war wohl eine Art Gemischtwarenladen. Auf dem großen Metallschild des Gasthauses war ein Löwe abgebildet, der eine Krone auf dem Kopf trug und einen Krug schäumendes Bier in der Pfote hielt. Im ganzen Dorf gab es nur eine einzige, rote Telefonzelle mit einem Münzfernsprecher. Sie stand neben der Kirche.
Die meisten Häuser waren alt und hatten manchmal nur ein einziges Stockwerk. Bei vielen der Gebäude konnte man von außen das Fachwerk sehen, und einige der Dächer sahen aus, als ob sie demnächst einstürzen würden. Dabei hielten sie wahrscheinlich schon seit vielen Jahren so. Nur in einem neueren Gebiet an der Ausfallstraße standen ein paar Reihen einförmiger Reihenhäuser, die aus rotem Backstein gebaut waren.
Und noch ein Haus im Dorf war anders; es stand genau da, wo die Sackgasse auf die Hauptstraße des Dorfes einmündete, und war in einem auffälligen lila gestrichen. Im Garten waren allerhand Figuren und Steinzeug zu sehen, und in den Beeten lagen bunte Glaskugeln in allen Farben. Sophie fand, dass eine sehr seltsame Person dort leben musste. „Wahrscheinlich eine Hexe“, sagte sie. „Wir haben Glück gehabt. Margaret ist auch nicht normal, aber wenigstens müssen wir für sie keine magischen Tränke kochen oder einen Zauberstab schnitzen.“ Alex lachte. „Aber einen Drachen“, sagte er, „den haben wir auch im Haus.“
Ein altertümlicher Hufschmied hatte das Tor offenstehen, und als die Kinder in das halbdunkle Innere spähten, sahen sie ein Pferd. Es hatte eines der hinteren Hufe in einer Schlinge hängen, und das heiße Eisen lag schon im Feuer. Ein Mann hämmerte darauf herum. Funken sprühten, und es roch nach verbranntem Horn. Das Pferd stand still.
„Der arme Gaul“, meinte Alex. Über Tiere aber wusste Sophie besser Bescheid. „Im Gegenteil. Das Eisen schützt die Hufe. Und angeblich tut es denen auch gar nicht weh.“ Der Junge war nicht überzeugt. „Ich jedenfalls trage lieber Turnschuhe“, sagte er.
An der Ausfallstraße bei den neuen Häusern gab es eine Autoreparaturwerkstatt mit Tankstelle. Das flache Gebäude hatte breite Rolltore, die bis zur Decke reichten und offen waren. Drinnen schraubte ein älterer Mechaniker in einem grauen Overall an einem grünen Familienauto herum. Es roch nach Benzin, und ein kleines Radio spielte leise Schlagermusik. Zwischen den beiden Zapfsäulen vor der Werkstatt lag ein zotteliger Hund und schlief in der Sonne.
Auf den Straßen war kaum Verkehr. Nur ein Mann, der aussah wie der Pfarrer, kam auf einem Fahrrad die Straße heruntergefahren; sein schwarzer Umhang wehte hinter ihm her. Einmal fuhr ein gelber Kastenwagen an ihnen vorbei. Er trug den Schriftzug einer Brauerei, und hielt vor dem Gasthaus. Zwei Männer mit langen braunen Lederschürzen stiegen aus und öffneten die Hecktüren. Wahrscheinlich wurde frisches Bier für den Löwen geliefert.
Alexander und Sophie waren bald durch alle Straßen des Dorfes gelaufen. Es war ein schöner Ort, aber viele Menschen konnten hier nicht leben. Egal, in welche Richtung man sich wandte – es dauerte nie lange, bis man wieder die Felder erreichte, die rings um das Dorf herum lagen. Eine Straßenbeleuchtung gab es anscheinend nur an der Ausfallstraße und um den Dorfplatz herum.
Die beiden setzten sich auf eine Bank im Schatten vor der Kirche und ließen die Beine baumeln. „Was für ein verschlafenes Nest“, meinte Sophie. „Warum wir wohl ausgerechnet hier hingezogen sind? Und warum eigentlich können wir nicht einmal irgendwo leben, wo es Läden gibt, bei denen man in die Schaufenster gucken kann? Oder wo es vielleicht sogar eine Eisdiele gibt?“
Tatsächlich schien in dem Ort nicht viel zu passieren, und Alex sah eine ziemlich trübe Zeit auf sie zukommen. Er gähnte. „Das wird langweilig hier. Mal sehen, wann wir wieder umziehen – aber hoffentlich bald.“
Das Beste an Windmar war ein Schwimmbad. So etwas hatten sie in ihrem letzten Dorf nicht gehabt. Die Anlage war nicht groß und lag ein wenig außerhalb, hinter dem neueren Teil des Dorfes bei der Autowerkstatt. Es bestand aus einem rechteckigen, grünen Becken mit einer Leiter an der einen Seite, und einem niedrigen Sprungbrett am anderen Ende. Es war eingezäunt, und es gab sogar einen kleinen Schuppen, in dem man sich umziehen konnte. Anscheinend kostete es keinen Eintritt. Niemand war zu sehen, und das Tor ließ sich ohne weiteres öffnen.
„Leider sieht das Wasser nicht besonders sauber aus“, meinte Sophie und verzog ihr Gesicht. „Erinnerst du dich daran, wie schön das Haus an der Steilküste war? Im Meer zu baden, das hat Spaß gemacht.“
Tatsächlich konnte man teilweise nicht einmal den Grund sehen, und Blätter schwammen an der Oberfläche. Aber Alexander hatte weniger Bedenken. „Ach was“, sagte er, „Das ist besser als im letzten Jahr, wo wir nirgendwo schwimmen konnten. Wenigstens vergessen wir so nicht noch alles, was Margaret uns beigebracht hat – und wir können uns in der Hitze abkühlen.“
Auf einer Tafel waren Öffnungszeiten angeschrieben. „Das heißt, demnächst wird hier abgeschlossen“, sagte Alex und sah auf seine Armbanduhr. Sie hatte sogar Leuchtziffern, und Margaret hatte sie ihm letztes Jahr zum Geburtstag gekauft. „Es ist gleich fünf Uhr.“
„Wirklich?“, fragte Sophie. „Oh weh. Jetzt aber schnell!“ Sie zog Alexander am Arm. „Die Stunde ist fast um. Ich habe keine Lust, gleich am ersten Tag im neuen Haus Ärger zu bekommen. Und Margaret ist sowieso schon böse wegen dem Umzug – das wird nicht lustig. Wir müssen rennen.“ Alex ärgerte sich über sich selbst. „Verdammt! Das stimmt. Los geht’s.“ Und schon rannten die beiden los, die Straße zurück, durch die Gassen mit dem Kopfsteinpflaster und an dem lilafarbenen Haus vorbei. Endlich waren sie wieder in der Sackgasse, die zum Haus führte.
Als sie völlig außer Atem im Hof anlangten, stand die Tür offen – von Margaret aber war nichts zu sehen. Sie musste in ihrem Zimmer sein. Alle Möbel waren bereits an ihrem Platz. Margaret hatte sogar die meisten ihrer Bücher schon wieder in die beiden Regale gestellt. Das tat sie immer als erstes, und sie hatte ihre eigene Methode. Je nach Sachgebiet wurden die Bücher alphabetisch nach Autoren sortiert. Das Haus sah fast schon bewohnt aus.
„Glück gehabt“, wisperte Alex. Sophie hielt sich die Seite, und versuchte zu lächeln. Sie konnte nicht so schnell rennen wie er, aber trotzdem hatten sie es noch rechtzeitig nach Hause geschafft.
3 Die Kinder
Die Kinder waren eigentlich keine Kinder mehr; zumindest betrachteten sie sich selbst nicht als solche. Sie sahen nicht aus wie Geschwister, und nach allem, was sie wussten, waren sie das auch nicht. Dennoch hatten sie die meiste Zeit ihres Lebens zusammen verbracht, und wenig Erinnerung an das Vorher. Alex sah manchmal noch den langen, dunklen Gang in dem Waisenhaus vor sich, und Sophie erinnerte sich an das schlechte Essen an dem großen Tisch mit anderen Mädchen. Das alles aber war lange her, und oft schien es, als ob sie schon immer mit Margaret gelebt hätten.
Alexander war vierzehneinhalb; groß und kräftig für sein Alter, mit braunen Augen und kurz geschnittenen Haaren von undefinierbarer Farbe – irgendwo zwischen blond, braun und grau, je nach Tageslicht. Er las viele Bücher, und es machte keinen Unterschied für ihn, von was sie handelten. In dem neuen Haus würde er vielleicht sogar lesen können, nachdem Margaret schon Licht aus befohlen hatte – weil sie ihr Schlafzimmer im Erdgeschoß hatte, würde sie die Taschenlampe unter seiner Decke hoffentlich nicht bemerken. Handwerklich geschickt war es normalerweise er, der Reparaturen und die anstrengenden Arbeiten in Haus und Garten ausführen musste. Das war oft schwer, aber es gefiel ihm, dass er dabei ernst genommen wurde. Er wusste, dass Sophie ihn darum beneidete, wenn Margaret ihn die Arbeit so machen ließ, wie er es für richtig hielt.
Sophie war kleiner, ein zartes Mädchen von fast vierzehn Jahren mit schmalen, fast schwarzen Augen. Die langen, dunklen Haare hatte sie immer zu einem dicken Pferdeschwanz zusammengebunden, weil Margaret es so wollte. Am liebsten trug sie kurze Hosen wie Alex, aber das war ihr nicht oft erlaubt. In der Schule musste sie die Uniform tragen, und zuhause gab es einfache Kleider, kurz im Sommer und lang im Winter, mit einer Strickjacke, wenn es kalt war. Sophie mochte Tiere, und alle Tiere mochten Sophie. Gerne hätte sie eine eigene Katze gehabt; oder vielleicht einen kleinen Hund, den sie morgens und abends ausführen konnte. Bisher aber hatte Margaret dies nie erlaubt. Auch sonst fühlte sich Sophie manchmal schlechter behandelt als Alex, denn sie musste Margaret beim Kochen, Waschen und den anderen Haushaltsarbeiten helfen – und niemals schien es gut genug, was sie tat.
Zwischen Alexander und Sophie gab es keine Geheimnisse. Sie standen sich so nahe, wie es eigentlich nur richtige Geschwister können, und beide wussten immer genau, wie sich der andere Teil fühlte. Sie teilten alles, und halfen einander, wo sie konnten. Oft genügte nur ein Blick zwischen ihnen, um Alexander von einer Widerrede abzubringen oder Sophie aufzumuntern.
Mit anderen Kindern aber redeten beide nicht viel. In den letzten Jahren waren sie jeweils auf getrennte Schulen gegangen; Sophie nur mit Mädchen, und Alex auf eine reine Jungenschule. Beide waren mit sich und auch ohne viele Freunde zufrieden. Jedes Jahr zogen sie an einen anderen Ort, und so war ohnehin zu wenig Zeit, um lange Freundschaften aufzubauen. Beide waren Außenseiter, die sich in den Schulpausen abseits hielten. Weil sie aber überlegt und selbstbewusst sprachen, waren sie respektiert genug, um von den jeweiligen Mitschülern akzeptiert und in Ruhe gelassen zu werden. Sophie hatte ihre letzte Schule gemocht, und wenn sie auch nicht viel an den jeweiligen Moden und Gesprächen und kleinen Intrigen teilnahm, so genoss sie, mit anderen Mädchen zusammen zu sein und diese zu beobachten. Die meisten Jungen in seiner Klasse bewunderten Alexander, weil er nicht viel redete, selbst dann beherrscht blieb, wenn andere Streit suchten oder ein Lehrer ihn härter anfasste, und weil er im Sport ausdauernd und kräftig war.
Margaret war nicht mehr viel größer als Alexander, weil er so schnell gewachsen war. Es war schwer zu schätzen, aber sie konnte nicht viel älter sein als vielleicht dreißig Jahre. Anders als für die Kinder wurde ihr Geburtstag nie gefeiert. Sie war schlank und sah sportlich aus, mit offenen braunen Haaren, die nie länger wurden als bis zu ihrem Kinn. Sie war sehr schön. Aber sie schminkte sich nie, war einfach gekleidet und verhielt sich auch sonst ganz anders als andere Frauen, die sie kannten. Und natürlich – so hatten die Kinder schnell herausgefunden, schon vor
