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In der ehemaligen DDR aufgewachsen, waren die Weichen gestellt. Der Weg von Krippe, Kindergarten, Schule und Lehre war vorgezeichnet, und Alles ging seinen sozialistischen Gang. Als Sandwichkind - zwischen zwei Brüdern groß geworden - merkt Mette früh, dass in ihrer Herkunftsfamilie etwas nicht stimmt. Ein harmonisches Familienleben lernt sie nicht kennen, dementsprechend wächst der Wunsch nach einem Nestbau für eine eigene Familie. Die Wendezeit ist geprägt von Geringverdienst, Leih -und Zeitarbeit, Minijob und Arbeit, von der sie nicht leben kann. Erst als ihr die Grundsicherung kurzzeitig nicht zur Verfügung steht, und sie auch noch vermeintlich zu viel gezahltes Arbeitslosengeld zurück zahlen soll, nur weil sie ihre Arbeitslosigkeit beenden will, sieht Mette nur noch einen Ausweg. Welche gravierenden Folgen der Weg ins Ausland für sie und ihre beiden Kinder hat, ahnt sie noch nicht. Und dabei wollte sie doch nur mit Saisonarbeit endlich wieder Geld verdienen. Doch zu Hause wartet bereits der Haftbefehl auf sie. Sie spürte noch nie die nötige Selbstsicherheit, die es braucht, um unbeschwert seinen Weg gehen zu können, und doch kennt sie nur ein Ziel. Als ihre Ersparnisse ausreichen, um die Reise nach Norwegen anzutreten, zwingt ein Virus die ganze Welt in die Knie. Braucht es erst eine Pandemie, um sich wieder bewusst zu machen, was wirklich wichtig ist im Leben? Bitte kein weiter so! Mette wünscht sich sehr, dass etwas von der Solidarität und Nächstenliebe der letzten Wochen übrig bleibt. Es wäre ein Gewinn für uns Alle.
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ela Nova
Windmühlenwege
© 2020 Ela Nova
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,
22359 Hamburg
ISBN
Paperback: 978-3-347-10026-8
Hardcover: 978-3-347-10027-5
e-Book: 978-3-347-10028-2
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Windmühlenwege
Ela Nova
Wenn der Weg der Veränderung weht, bauen einige Menschen Mauern, und andere bauen Windmühlen.
(Altes chinesisches Sprichwort)
Roman
Prolog
In der ehemaligen DDR aufgewachsen, waren die Weichen gestellt. Der Weg von Krippe, Kindergarten, Schule und Lehre war vorgezeichnet, und Alles ging seinen sozialistischen Gang.
Als Sandwichkind - zwischen zwei Brüdern groß geworden - merkt Mette früh, dass in ihrer Herkunftsfamilie etwas nicht stimmt. Ein harmonisches Familienleben lernt sie nicht kennen, dementsprechend wächst der Wunsch nach einem Nestbau für die eigene Familie. Verunsicherung und fehlendes Selbstvertrauen bleiben ihre ständigen Begleiter.
Die Wende ist geprägt von Geringverdienst, Minijob, wechselnden Arbeitsstellen sowie emotionalen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten.
Erst als ihr die Grundsicherung kurzzeitig nicht zur Verfügung steht, und sie auch noch vermeintlich zu viel gezahltes Geld zurückzahlen soll, nur weil sie ihre Arbeitslosigkeit beenden wollte, sieht Mette nur noch einen Ausweg. Welche gravierenden Folgen der Weg ins Ausland für sie und ihre Kinder hat, ahnt sie noch nicht. Und dabei wollte sie doch nur
mit Saisonarbeit endlich wieder Geld verdienen.
Doch zu Hause wartet bereits der Haftbefehl auf sie.
Mutter, Vater, Kinder
Meine Eltern lernten sich bei einem Gartenfest in einer „Laubenkolonie“ kennen.
So hießen in den Fünfzigern die Gartenanlagen, in denen man günstig eine kleine Oase im Grünen pachten konnte.
Diese Anlagen wurden in einzelne Sparten unterteilt, die alle lustige Namen bekamen. Mit „Abendrot“ und „Erdenglück“ verbindet man schöne Gedanken - „Eigener Fleiß“ klingt eher nach Unkraut jäten und Bäume pflanzen.
Die unterschiedlich großen Parzellen boten den Gartenfreunden jede Menge an Abwechslung und einen guten Ausgleich zum Arbeitsalltag in den volkseigenen Betrieben und Kombinaten.
Ich glaube, Papi wollte früher schon was Eigenes schaffen. Grund und Boden selbst mit einem kleinen Häuschen bebauen, um somit dem Familienalltag entfliehen zu können.
Als Ältester von sechs Kindern hat er früh Verantwortung übernehmen müssen.
Seine Mutter starb, als er gerade mit seiner Maurerlehre begonnen hatte, die jüngste Schwester kam erst in die Schule.
Auch für Mutti gab es kein harmonisches Familienleben. Ihr Vater brachte aus erster Ehe zwei Töchter mit, zusammen mit ihrer Schwester waren vier Mädels im Haus.
Keine Liebe zu bekommen ist schon hart genug, aber den eigenen Vater im Gerichtssaal sehen zu müssen, löste bestimmt unvorstellbare Ängste in der Achtjährigen aus.
Die Mädchen sehen ihren Vater nie wieder.
Wahrscheinlich waren es eher ungünstige Voraussetzungen für eine glückliche gemeinsame Zukunft. Konnten beide auf ein gesundes Selbstvertrauen und ein emotionales Fundament bauen?
Sie haben gegeben was sie konnten. Haben sie aus Angst, Scham, falschem Stolz oder gar Macht nicht nach den Bedürfnissen des anderen gefragt?
Ein Mädchen ist geboren
Im Jahr des Mauerbaus bekommt der zweijährige Malte eine Schwester. Das Glück scheint perfekt, doch schon nach wenigen Wochen gibt es Grund zur Besorgnis. Die kleine Mette entwickelt sich nicht so unkompliziert wie ihr aufgeweckter Bruder mit seinen drei Jahren. Immer wieder beeinträchtigt ihr Heranwachsen zunehmend das Familienleben.
Während sich die Mutter aufopferungsvoll neben ihrer Arbeit als Verkäuferin um die Familie und den Haushalt sorgt, konzentriert sich der Vater auf seine Tätigkeit im Baugewerbe. Er sieht sich als Ernährer der Familie, und kann das Familienglück nicht genießen. Er nimmt den Ältesten öfter mit zum Angeln, kann aber offensichtlich mit der Tochter nicht viel anfangen.
In Freud und Leid zueinander zu stehen, das haben sie sich bei ihrer Hochzeit doch versprochen. In diesen schweren Zeiten müssen beide mitarbeiten, heißt es ganz lapidar. In den 60-iger Jahren können es sich die Familien einfach nicht leisten, auf den Lohn der Frau zu verzichten. Anders als im Westen, verdienen die Männer nicht genug, um eine Familie zu ernähren, und die Ehefrau bei den Kindern im trauten Heim zu lassen.
Obwohl sich die beiden Kinder zu guten Schülern entwickeln, wachsen Vertrauen, Wertschätzung, Achtung und Respekt in ihrer Gemeinschaft nicht mit. Häufig bestimmen Streit und fehlende Kommunikationsbereitschaft ihren Alltag. Die Ehe droht zu zerbrechen, denn die Mutter fühlt sich allein gelassen. So hat sie sich ihr Leben nicht vorgestellt: tagein, tagaus freundlich die Kunden bedienen. Ja in ihrer Arbeit geht sie auf wie eine aufspringende Rosenknospe mit dem ersten Sonnenstrahl. Dieses wohlige Gefühl begleitet sie bis zur Wohnungstür, doch wenn sie den Schlüssel im Schloss dreht, weicht es einem plötzlich auftretenden Grummeln in der Magengegend. Was erwartet sie, wenn sie die Stube betritt?
Geld verdienen, die Wohnung sauber halten, die Einkäufe erledigen und vor allem sich um die Schulbelange der beiden Sprösslinge zu kümmern, das Alles gehört im Hause Majers zu ihren Pflichten. Die Entwicklung ihrer Kinder bereitet ihr große Freude, und die beiden spüren ihre Liebe. Nur der Papi ist anscheinend zu tiefen Gefühlen nicht fähig. Oder kann er sie einfach nicht zeigen?
Liebevoll versucht Mutti unermüdlich, ihrem Ehemann zu zeigen, wie wichtig es ist, dass auch er allein mit den Kindern - mit beiden - Zeit verbringt, und das Zusammenleben fröhlicher und zufriedener für alle wird. Echte Vaterliebe und ein aufrichtiges, ehrliches Interesse am Nachwuchs kann er sich nicht abschauen, es ist ihm offensichtlich kein inneres Bedürfnis. Es tut Mutti in der Seele weh, wenn die Zweitklässlerin - auf Papis Schoß sitzend - ihn immer wieder anfleht, er möge doch einmal mit zum Elternabend gehen, dann zeigt ihm Mutti auch ihren Sitzplatz.
Doch Papi bleibt hart, und sieht die Klassenräume seiner Kinder nie von innen.
So lebt die vierköpfige Familie ihren geregelten Alltag, in dem nicht viel gesprochen, und noch weniger gelacht wird. Die Kinder sind oft bei ihren Freunden zu Besuch, und der liebevolle Umgang in diesen Familien mit den Eltern und Geschwistern tut ihnen gut.
In den frühen Siebzigern gehören Großfamilien zur Normalität. Ein Kind trägt die Kleidung vom Älteren ab, Schulranzen und Spielsachen werden ebenfalls an die Jüngeren weiter gereicht.
Nach der Schule gibt es neben den Hausaufgaben noch andere Verpflichtungen, und wenn diese nach Arbeitsschluss der Eltern nicht erledigt sind, gibt es schon mal Ärger. Die Mädchen helfen den Müttern bei der Hausarbeit, und Mette geht freiwillig gern zum Milchladen um die Ecke.
Dort wird noch die Milch in Kannen gefüllt, und bevor Mette den Einkauf nach Hause trägt, gibt es ein Bonbon aus dem dickbauchigen durchsichtigen Glas ganz oben auf dem Tresen. Immer wenn der nette Verkäufer die Milch einfüllt, sucht sie sich ein Stück von den kleinen bunten Köstlichkeiten aus. Hm. Das macht gute Laune.
Die Jungen werden frühzeitig mit dem Heizen der anfangs Kachel -und später Heißluftöfen vertraut gemacht. Schließlich möchte die Familie abends nicht frieren. Da müssen rechtzeitig Kohlen, Briketts oder Koks bestellt werden. Meistens im Sommer zum günstigen Preis. Im Herbst werden sie dann zentnerweise vor die Kellertür gekippt, und von den Männern und größeren Jungen von Hand durch die kleine Fensterluke geschippt. Eine schweißtreibende Aktion, bei der auch Malte hilft.
Jedes Familienmitglied kennt seine Aufgaben, und die Majers‘-Kinder beeilen sich, um möglichst schnell wieder Zeit zum Spielen zu haben. Während der Vater am Abend vor dem Fernseher einschläft, beginnt die Mutter in der Küche mit den Vorbereitungen für den nächsten Tag. Eigentlich ist es ganz normal bei uns, denkt sich Mette manchmal, aber doch ist es nicht richtig schön.
Auf eine ganz andere Idee bringt sie am nächsten Tag ihre Freundin Miriam.
Miri ist Mettes beste Freundin, und sie wünscht sich so gern ein Geschwisterchen. Dann hätte ich immer Jemanden zum Spielen, gern eine Schwester, dann könnten wir alle unsere Puppen tauschen. Oh ja, das wäre schön, findet auch Mette. Einen großen Bruder, der sie beschützt, kann sie ja nicht mehr bekommen. Aber Malte wohnt ganz in der Nähe. Wie bekommt man eigentlich ein Geschwisterchen, fragen sich die Mädels? Wenn Mutti und Papi sich ganz doll liebhaben, so sagen es die Erwachsenen. Dann wird Miri auch nicht lange auf ein Baby warten müssen, denn von ihren Eltern wird auch Mette immer richtig verwöhnt.
Überglücklich verabschieden sich die beiden Freundinnen, doch es sollte ganz anders kommen.
An einem herrlichen Sommertag - es sind Mettes und Miriams letzten Wochen des zweiten Schuljahres - fällt Mette etwas Ungewöhnliches auf. Wie konnte das nur passieren? Nicht Miri sondern Mette bekommt noch ein Geschwisterchen. Zutiefst verzweifelt zieht sich die Achtjährige zurück, und beschließt, Niemandem etwas von diesem tragischen Unglück zu erzählen. Auf dem Nachhauseweg kommt der pfiffigen Schülerin eine Idee. Nur der Lehrerin kann sie jetzt noch vertrauen. Doch völlig entrüstet muss sie feststellen, dass diese Nachricht sie sogar noch erfreut. Was kann Mette noch tun? Und plötzlich scheint alles ganz einfach…
In der letzten Deutschstunde vor den großen Ferien - Mette hat sich langsam mit der neuen Situation abgefunden - lautet das Thema: „Wem möchtet ihr gern eine Ansichtskarte aus eurem Urlaub schreiben?“
Familie Majers fährt nie in den Urlaub, darum kann sie diese Aufgabe gar nicht lösen. Aber vielleicht gibt es doch irgendwo da draußen jemanden, der sich über ihre Zeilen freut?
Brandnburg, 13. Juni 1970
Ich heisse Mette bin 8 Jahre alt und bekomme bald ein Beby. Dabei will doch meine Freundin Miri eins haben. Kannst du machen, das sie unseres bekommt? Unsere Lehrerin sagt, wenn wir ganz doll dran glauben gehen Wünsche in Erfüllung. Oh bitte wenn es wirklich Engel gibt darf ich mir das von dir wünschen?
Danke deine Mette.
Engelshausen, 20. Juni 1970
Liebe Mette,
ich danke Dir für Deinen lieben Brief. Du wirst sehen, dass auch Du Dich schnell an das Baby in Eurer Familie gewöhnen wirst.
Von nun an gebe ich auf Dich Acht, und Du kannst mir schreiben, wann immer Du magst.
Dein Schutzengel Igor
Im Herbst 1970 erblickt Maiko das Licht der Welt, und Mette platzt fast vor Stolz, so hat sie ihn gleich liebgewonnen.
Alles wird gut, denkt sich die große Schwester, doch ihr Schutzengel bekommt viel zu tun.
Berufswahl und Jugendliebe
Mette wächst zu einer hübschen hellblonden Teenagerin heran, und geht immer noch sehr gern zur Schule. Mit Miriam verbindet sie weiterhin eine tiefe Freundschaft.
Das Familienklima bleibt angespannt, und gerade als im Sommer 1977 der Jüngste in die Schule eintritt, Malte seine Berufsausbildung mit Abitur - das ist in den frühen Achtzigern zusammenhängend nach drei Jahren möglich - abschließt, und Mette die Polytechnische Oberschule beendet, lassen sich die Eltern scheiden.
Mette - nun als Sandwichkind - spürt die Traurigkeit, Wut und Enttäuschung, mit der alle Familienmitglieder irgendwie versuchen, mit der Situation umzugehen. Mutti arbeitet in drei Schichten in ihrem geliebten Beruf, und genießt dort die Anerkennung, die sie vermutlich zu Hause nie bekam. Papi wohnt in einer Einraumwohnung in der Nähe, und ist mehr mit der Suche nach einer neuen Frau als mit der Gestaltung des Umgangs mit seinen Kindern beschäftigt. Das kränkt Mette oftmals sehr, obwohl es ja nie anders war. Die Brüder lassen es sich nicht anmerken, aber die Schwester fühlt, wie sehr sie mit der neuen Situation zu kämpfen haben.
