Windsurfen, Leidenschaft und Erinnerungen - Manfred Bendner - E-Book

Windsurfen, Leidenschaft und Erinnerungen E-Book

Manfred Bendner

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Beschreibung

Erlebnisse aus 40 Jahren Windsurfen in vielen Ländern der Erde.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Marion und Anja, Vivien und Claire

Inhaltsverzeichnis

Wie es begann

Korsika, la Ciappa

Übungsrevier Baggersee

Herrliche Jahre am Chiemsee

Kurze Theorie zur Technik mit Surfbrettern und Segel

Starkwindrevier Gardasee, Malcesine

Surfspot Innstaustufe Nussdorf

Surfrevier am Simssee

Wieder einmal am Gardasee, Torbole

Koversada auf Istrien, damals noch Jugoslawien

Frankreich, Atlantikküste Montalivet, FKK Großgelände

Insel Elba

Israel, Golf von Aqaba Eilat

Ulika, Istrien

Wieder am Gardasee, Campingplatz in Limone sul Garda

Türkei, Cesme

Gardasee, wieder Campingplatz in Limone

Gardasee, Campione und al Pra

Kroatien Hvar

Jahre später auf der Fahrt nach Hvar

Frankreich Bretagne

Gardasee, Hotel Pier

Südfrankreich, Leucate

Italien Agentario

Italien, Bolsenasee

Italien, Gargano

Neusiedler See, Podersdorf

Ägypten, Hurghada

Gardasee, Hotel Capo Reamol

Heimische Reviere, Feringasee

Heimische Reviere, Walchensee

Wieder am Gardasee, Hotel Capo Reamol

Italien, Belluno, Lago di Santa Croce

Tunesien, Djerba

Griechenland, Levkada

Sardinien

Griechenland, Rhodos

Venezuela, Inseln unter dem Wind, Isla Margarita, El Jaque

Australien, Perth

Griechenland, Santorini

Türkei, Alacati, Hotel Süzer

Griechenland, Insel Kos

Kanarische Insel, Fuerte Ventura, Hotel Los Gorriones

Oberitalien, Comer See

Ägypten, Sinai, Rotes Meer, Dahab

Gardasee, wieder Capo Reamol

Karibik, Dominikanische Republik

Deutschland, Mecklenburg-Vorpommern

Cabo Verde, Insel Sal

Ägypten, Safaga

Ägypten, Somabay

Ägypten, Lahami Bay

Kroatien, Peljesac

Abgesang

Wie es begann

Korsika, la Ciappa

Wir wollten Urlaub machen auf Korsika. Meine Frau Marion, unsere sechsjährige Tochter Anja und meine Wenigkeit. Dazu waren wir mit dem Auto unterwegs und wollten mit der Fähre von Livorno nach Bastia auf Korsika übersetzen.

Die Fahrt von Wasserburg am Inn, unserem Wohnort, durch Österreich und nach Italien war ereignislos. Als wir im Hafen von Livorno ankamen, sahen wir, dass ein schneidiger Sturm das Mittelmeer in eine tosende Wellenlandschaft verwandelt hatte. Lange mussten wir warten, bis die Autofähre auslief, da die Mannschaft die Autos und Wohnmobile besonders gut sichern musste. Das hätte uns zu denken geben müssen.

Im Nachhinein betrachtet bin ich mir sicher, dass der Kapitän damals mit dem Befehl zum Auslaufen eine Fehlentscheidung traf.

Kaum hatten wir den Hafen verlassen, fing das große Fährschiff an, in den Wellen zu stampfen. Ich hatte mir bisher nicht vorstellen können, dass das Mittelmeer solche Monsterwellen aufwerfen kann. Der Bug schob sich steil auf die hohen Wellenberge und schlug mit gewaltigem Wumms ins Wellental zurück, worauf in mächtigen Schwaden die Gischt übers Deck flog. Anfangs war das Auf und Ab noch leidlich erträglich, aber als das Schiff dann nach und nach anfing, unkontrolliert nach allen Seiten zu rollen, verloren die Gesichter der Mitreisenden den gesunden Teint und wechselten ins Blass-graue und dann ins Grünliche. Die ersten Passagiere verließen eilig das überdachte Deck und verschwanden in den Toiletten. Bald waren diese besetzt und da viele ihren Mageninhalt nicht mehr bei sich behalten konnten, übergaben sie sich wo sie gerade standen. Die Menschen saßen oder lagen lethargisch an Deck, jeder mit sich und seinem Unwohlsein beschäftigt. Die Seekrankheit hatte uns alle mehr oder weniger fest im Griff. Die Besatzung wurde immer wieder nach Tüten gefragt, zog sich bald aber in Anbetracht ihrer Hilflosigkeit zurück. Das Chaos auf dem Schiff wurde zur Normalität.

Unsere Tochter fand das anfangs noch recht lustig, denn als wir eine Treppe zum Oberdeck hinaufstiegen und das Schiff gerade wieder einen Wellenberg erklomm, schrie sie in dem uns umgebenden Lärm: "Schau Mami, die Treppe kommt mir sogar entgegen, das ist wie auf einer Achterbahn". Wir fanden eine noch freie Bank in Fahrtrichtung, setzten uns und hielten uns fest, um die Schwankungen des Schiffs ausgleichen zu können. Bald jedoch kam von unserer Tochter kleinlaut: "Mami, ich muss gleich spucken, was soll ich denn machen?" Meine Frau wandte sich an ihren Nachbarn und fragte, ob er eine Plastiktüte für sie hätte. Er sah sie gequält an bevor er sich selbst auf den Boden übergab.

Das hatte zur Folge, dass meiner Frau selbst so übel wurde, dass sie zu unserer Tochter sagte: "Schatz, deine Mami wird jetzt ohnmächtig werden, du musst aber keine Angst haben, ich wache bald wieder auf".

Ich hatte mal gelesen, dass es in so einer Situation am besten wäre, sich auf einen feststehenden Punkt außerhalb des Schiffes zu konzentrieren und darauf zu starren, damit das Gleichgewichtsorgan nicht irritiert wird. Also begab ich mich schwankend an die Reling und schaute unverwandt auf den Horizont; mir war zwar arg blümerant, aber ich musste mich zumindest nicht übergeben.

Lange war ich da nicht allein. Neben mir beugte sich ein Mann weit über die Reling, würgte einige Male und erbrach sich dann lauthals. Ich wollte da gar nicht so genau hinsehen, aber mich irritierte, dass der Rücken seines gelben Friesennerzes die Farbe veränderte. Ich wagte einen kurzen Blick zu ihm hinüber, das hätte mich bald meinen mühsam zurückgehaltenen Mageninhalt gekostet. Auf dem Deck über uns hatte sich ein Passagier über die Reling gebeugt und, obwohl er einige Meter weiter in Fahrtrichtung stand, hatte sich sein Erbrochenes mit dem Wind in Richtung auf den Rücken meines Nachbarn aufgemacht.

Die Überfahrt dauert im Normalfall etwas mehr als vier Stunden, wir kamen nach über neun Stunden im Hafen von Bastia an. Das Schiff war bis dahin, mit Verlaub gesagt, vollgekotzt, die Mitreisenden hatten sich apathisch ihrer Seekrankheit ergeben und saßen oder lagen mit blassen Gesichtern auf jedem noch nicht verschmutzten Platz oder standen wie ich an der Reling, bemüht, dem Unwohlsein nicht die Oberhand zu überlassen.

Nachdem wir endlich im geschützten Hafen angekommen waren und die Fähre an der Mole zur Ruhe gekommen war, hatte ich Bedenken, ob ich, sowie die anderen Mitreisenden, in dem maladen Zustand, in dem wir uns befanden, ohne größere Probleme vom Schiff fahren könnten. Aber ich musste erstaunt feststellen, das Unwohlsein verschwand innerhalb weniger Minuten. Auch den Mitreisenden erging es so, dazu kam wohl auch die Erleichterung, dass wir doch noch unser Ziel erreicht hatten, ohne Schiffbruch zu erleiden. Die Gesichter nahmen wieder ihre normale Farbe an und wir fuhren bald erleichtert und überraschenderweise hungrig von Bord.

Wir waren unter den Letzten, die in Livorno an Bord gefahren waren, also mussten wir länger warten, bis wir das Schiff verlassen konnten. Deshalb bekamen ich noch mit, wie die Besatzung das Schiff wieder in einen normalen, sauberen Zustand versetzte: Mit starkem Wasserstrahl wurden die besudelten Tische, Bänke und der Boden abgespritzt und das Wasser über die in der Reling befindlichen Abflüsse weggespült.

Froh darüber, dass wir diesen Albtraum hinter uns gebracht hatten, konnten wir die Fahrt in unser im südlichen Bereich der Insel gelegenes Feriendomizil "La Ciappa" fortsetzen. In einem der Ferienprospekte hatte ich gelesen, dass die Übersetzung dieses Namens aus dem Korsischen "Pobacke" lautet, was mir in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um ein FKK-Camp handelte, passend erschien.

Nach einigen Tagen hatten wir uns gut eingelebt und dank der Geselligkeit meiner Frau und meiner sportlichen Leidenschaft für das Volleyballspiel, Bekanntschaft mit vielen Gästen geschlossen. Unter den Volleyballspielern war auch eine Gruppe junger Burschen aus München, die ihre Surfbretter dabei hatten. Ich habe ihnen ein wenig neidisch zugesehen und mir vorgestellt, wie das denn wäre, wenn ich auf so einem Brett mit Segel stehen würde.

Es war meine Frau, die es in die Wege leitete, dass ich mit einem der Bretter das Surfen versuchen durfte. Da ich seit Jahren segeln konnte, wir hatten sogar einige Jahre eine eigene Jolle am Chiemsee liegen, war ich mit der Segeltechnik gut vertraut. Also stellte ich mich nach einigen Anweisungen des Besitzers auf das Brett, den Mastfuß, da wo er im Brett gefestigt ist, zwischen den Füßen, und zog langsam das Segel hoch. Kaum hob ich das Gabelbaumende aus dem Wasser, wurde das Brett unter mir so kippelig, dass ich auch schon wieder im Wasser lag.

Sie, geneigter Leser, werden das sicherlich schon aus eigener Erfahrung oder durch bedauerndes Mitansehen erlebt haben, so dass ich mir eine längere Schilderung des nun folgenden Auf und Ab vom Wasser auf das Brett mit fast unverzüglichem Wiederabstürzen ins Wasser sparen kann.

Ich fahre also da fort, wo ich es endlich, mit dem Wind in den Händen und trotz des unvermeidlichen, schadenfrohen aber fröhlichen Gelächters der umstehenden Zuschauer, geschafft hatte, ein fragiles Gleichgewicht auf dem Brett zu halten. Auch hatte mir der hilfreiche Brettbesitzer beigebracht, wie ich das Segel am besten in den Wind stellen solle, damit sich das Brett mit mir vorwärts in Bewegung setzt.

Als mir das dann endlich gelungen war, fuhr ich voller Begeisterung eine Weile hinaus aufs offene Meer, froh darüber, dass ich das alles so lange ohne Sturz durchstehen konnte. Freilich muss man irgendwann auch zurück. Das wurde mir alsbald klar, nur wusste ich nicht wie. Eine kleine Änderung meiner krampfhaften Stellung auf dem Brett mit Segel führte prompt zum Absturz. Da lag ich nun im Wasser und wusste nicht, was ich unternehmen sollte, um wieder an Land zu kommen, das sich immer weiter von mir zu entfernen schien.

Draußen am Ufer hörte ich wieder dieses unvermeidliche, schadenfrohe aber fröhliche Gelächter der umstehenden Zuschauer, während ich verbissen versuchte, wieder aufs Brett zu steigen. In der einsetzenden leichten Panik war ich auch nicht in der Lage, zu überdenken, was ich denn machen müsste, damit ich die gleiche Strecke wieder zurücksurfen könnte. Stand ich schon mal auf dem Brett, hatte das Segel wieder aufgezogen und in Fahrtstellung ausgerichtet, ging die Reise wieder weiter hinaus aufs offene Meer.

Nach etlichen vergeblichen, aber auch geglückten Versuchen, allerdings in die falsche Richtung, sowie den unvermeidlichen Rückfällen ins Wasser, erbarmte sich ein auf mich zukommender und beneidenswert locker auf seinem Brett stehender älterer Surfer und fragte mich, wohin ich denn wolle. Ob zurück an den Strand oder in Richtung offenes Meer, da solle ich aber Geld und Pass nicht vergessen, denn da würde ich nach einigen Stunden und Seemeilen auf Sardinien landen.

Ich hatte damals schon das beste Burschenalter hinter mir, aber es war mir peinlich, dass mir ein "alter" Mann (er hatte die 40 wohl gerade mal überschritten) in einer so lächerlichen Situation helfen könne. Seine ironische Bemerkung machte es zudem nicht gerade erträglicher.

Aber was blieb mir übrig? Ich nahm also dankbar seinen Vorschlag an, das Brett doch erst mal dahin zu drehen, wo ich auch hin surfen wolle. Dann gab er mir noch einen Tipp, der für mich damals sehr hilfreich war, den ich aber leider bald wieder vergaß: Ich solle das Segel bis etwa die Hälfte über die Mitte des Bretts neigen und dann erst langsam in den Wind stellen. Gesagt - getan. Und es funktionierte! Zurück schipperte ich an den Strand, krampfhaft bemüht, jetzt keinen neuerlichen Sturz einzulegen.

Dort angekommen war mir die Belobigung der bis dahin schadenfroh, aber fröhlich lachenden, umstehenden Zuschauer gewiss, aber für mich war es dennoch eine unwürdige Vorstellung gewesen. Ich konnte das Gelächter nicht vergessen und beschloss noch am selben Abend, mir unverzüglich zuhause ein Surfbrett mit Segel zu kaufen, um das Surfen so gut zu erlernen, dass ich kein schadenfrohes, aber fröhliches Gelächter der umstehenden Zuschauer mehr ertragen müsste.

Viele werden nun vermuten, dass ich keine Niederlage wegstecken könne und deshalb mir selbst gegenüber beweisen musste, dass ich ja viel besser wäre als andere mich sehen.

Dieser Meinung muss ich vehement widersprechen! Denn Freudianer und gleichgesinnte tiefschürfende Seelenkundler werden meine Entscheidung, das Surfen zu erlernen, glaubhaft umdeuten: in dem ich mich künftig auf ein kleines Brett mit Segel stelle und mich damit den Naturgewalten aussetze, kompensiere ich die Angst, die ich auf der Überfahrt mit der Fähre erlitten hatte. Da war ich den tobenden Naturgewalten schutzlos, hilflos und gezwungenermaßen tatenlos ausgeliefert, aber beim Surfen würde ich den Umgang mit Naturgewalten auf ein menschlich beherrschbares Maß reduzieren!

Also handelte es sich bei meiner Entscheidung keineswegs um eine kleinliche Charakterschwäche, wie sich viele der geneigten Leser schon zu vermuten anschickten, sondern um elementare, fundamentale, autonome und unterbewusste Seelenheilkunde! Basta!

Zur Entspannung nach meinem ersten dilettantischen Surfversuch haben wir uns anderntags die Insel auf einer Rundfahrt angesehen. Das kann ich nur empfehlen, denn Korsika ist wunderschön.

Nach zwei Wochen war unser Urlaub zu Ende und wir wollten wieder auf das Festland zurückfahren. Da ereilte uns noch einmal Ungemach. Im Hafen bei der Fähre angekommen, erfuhren wir, dass unsere Buchung für den Vortag gegolten hätte und wir erst wieder in zwei Tagen mitgenommen werden könnten. Es waren ja die letzten Ferientage und die Fähre deshalb ausgebucht.

Was tun? Wir erkundigten uns und erfuhren, dass in drei Stunden noch eine Fähre nach Genua gehen würde, die koste allerdings wesentlich mehr. Was blieb uns übrig? Am Tag darauf begann die Schule! Also zahlten wir den Aufpreis und fuhren auf die Fähre nach Genua. Die Überfahrt dauerte zwar länger, aber das Meer blieb ruhig und wir erreichten nach einer anschließenden längeren Nachtfahrt im PKW wohlbehalten aber müde unser Zuhause.

Übungsrevier Baggersee

So wie ich es mir vorgenommen hatte, machte ich mich kundig, wo denn ein Surfbrett zu kaufen sei. Das war damals gar nicht so einfach, weil zu dieser Zeit, man schrieb das Jahr 1976, Surfen noch kein Trendsport war. Die ersten Anhänger wurden mitleidig belächelt, da sie ja fast nur im flachen Wasser in Ufernähe zu finden waren, wo sie das bereits bekannte Spiel vom Aufstieg und Runterfallen übten. Selten nur konnte man einen Könner sehen, der ruhig in einiger Entfernung vom Ufer mit dem Wind seine Bahnen zog.

Ich wurde fündig im kleinen Ort Chieming am Ostufer des Chiemsees. Dort hatte sich im rückwärtigen Teil und anschließenden Innenhof des väterlichen Schuhgeschäfts der noch schulpflichtige Sohn einen kleinen Laden eingerichtet, in dem er, soweit es die Schularbeiten zuließen, am Nachmittag Surfbretter mit Zubehör verkaufte. Der Laden wurde dann im Laufe der Jahre und im Zuge der raschen Ausbreitung der faszinierenden Wassersportart Segelsurfen, so nannte man das damals, immer größer und führt bis heute ein reichhaltiges Sortiment der gängigsten Marken.

Der Inhaber, der Mayer Maxe, war lange Jahre mein Materialausrüster, denn der Surfsport entwickelte sich rasant und es war immer mal wieder neues Material nötig, um den selbstgestellten Anforderungen zu genügen. Damals gab es nur ein begrenztes Angebot weniger Hersteller von Surfbrettern, die bekannteste Marke, die mir auch selbst am vertrauensvollsten erschien, war "Mistral". Also kaufte ich mir einen "Mistral Alround". Es war ein wunderbares Brett. Dazu ein Segel mit einer Fläche von 6 qm, einen Mast und einen Gabelbaum. Der Gabelbaum war bereits aus Aluminium und der besseren Griffigkeit wegen mit Gummi ummantelt. Also bereits ein Fortschritt gegenüber den Gabelbäumen der ersten Stunde, die noch aus Holz gefertigt waren.

Da die Surfbretter, aber auch die Segel, im Laufe der Fortentwicklung wesentlich andere Formen annahmen, will ich hier kurz beschreiben, wie sie und das nötige Zubehör damals aussahen. So ein Brett war etwa zwischen 3,60m und 3,90m lang, bis zu 70cm breit. Obwohl es nur aus kunststoffummanteltem Schaumstoff bestand, hatte es ein Gewicht so um die 23kg. Das wurde einem jedes Mal beim Hochwuchten auf das Autodach bewusst. Im Surfbrett eingefügt waren noch ein Schwertkasten, ein Finnenkasten und das Einsteckloch für den Mastfuß. Diese Stellen waren empfindlich, denn wenn sie beschädigt wurden, nahm der Schaumstoff im Brett Wasser auf und es wurde nach und nach schwerer. Nicht lange war es üblich, dass Schwert und Finne starr in den dafür vorgesehenen Kästen im Brett steckten, was natürlich den Nachteil hatte, dass sie bei Grundberührung beschädigt werden konnten. Bald schon wurden Bretter angeboten, da konnten Schwert und Finne zurückgeklappt werden; später konnte das Schwert auch während der Fahrt vollständig im Brett versenkt werden. Mein Brett hatte zumindest schon den Vorteil, dass Schwert und Finne zurückgeklappt werden konnte. Das verringerte die Gefahr der Beschädigung erheblich.

Das Rigg, bestehend aus Mastfuß, Mast, Segel und Gabelbaum war noch einfach gestaltet. Das Segel war ein Kunststofftuch mit einer Masttasche, in welche der Mast gesteckt wurde. Am unteren Ende des Segels, dem Unterliek, war eine Öse eingearbeitet, an dem das Segel nach unten stramm gezogen wurde. Am äußeren Ende des Segels, dem Achterliek, befand sich ebenfalls eine Öse, da wurde das Segel nach außen, zum Gabelbaumende hin, gespannt. Anfänglich war es schwierig, den Gabelbaum mit dem Mast zu verbinden. Da es noch keine entsprechenden Beschläge gab, musste man den Gabelbaumkopf mit einem Tampen (kurzes Seilstück) und dem sogenannten "Stopperstek" befestigen. Der Stopperstek war ein spezieller Knoten, der sich selbst festzog, so konnte der Gabelbaum nicht am Mast verrutschen. Die Gabelbäume waren dazumal lang und unhandlich, später konnten sie kürzer bebaut werden, da bei den durchgelatteten Segeln mehr Segelfläche nach oben verteilt werden konnte.

Jetzt hätte ich fast ein wichtiges Teilstück am Rigg vergessen. Die Starschott. Das ist ein längerer, dickerer Tampen, der zum Hochziehen des Riggs aus dem Wasser dient und am Gabelbaumkopf befestigt ist. Hatte man die Startschot beim Aufriggen vergessen und war schon so fortgeschritten, mit einem "Beachstart" in See stechen zu können, bei dem man die Startschot nicht benutzen musste, und stellte man womöglich erst weit draußen auf See fest, dass diese wichtige Starthilfe an Land geblieben war, stand man vor einem Problem. Vor allem als Anfänger. In den späteren Jahren, wenn man schon ein Könner war und den Wasserstart beherrschte, erübrigte sich eine Startschot, sie wurde aber zur Sicherheit meist noch verwendet.

Mit dem neuen Material und viel Vertrauensvorschuss an mich selbst ausgerüstet, startete ich an den Soyensee, einem längst wieder renaturierten ehemaligen Baggersee in der Nähe meines Wohnortes. Der See wurde zu Anfang des vorigen Jahrhunderts beim Bau der B 15 geschaffen. Da neben dem Nasenbach auch noch einige kleinere Rinnsale eingeleitet wurden, musste ein Abfluss geschaffen werden. Das übernahm ein in nächster Nähe gelegenes Stromversorgungsunternehmen. Es baute einen unterirdischen, begehbaren Stollen zum etwa drei Kilometer entfernten Inn, um so das Gefälle zur Stromerzeugung zu nutzen.

Der See war im Sommer warm, der Seezugang lag in der Nähe eines Gasthofes und für die noch geringe Zahl an Surfern war die Liegewiese der Badeanstalt gut geeignet, um auf den Wind zu warten. Ja, leider hat das Warten auf geeigneten Wind in unseren Breiten die weit überwiegende Zeit beim Surfen beansprucht. Mit wachsendem Können auf dem Brett sollte dann der Wind immer stärker sein, was aber bei uns fast ausschließlich nur mit schlechtem Wetter einherging. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Könner bald in die Ferne schweiften, vorwiegend an den Lago di Garda. Davon aber später.

Das Auf und Ab der ersten Startbemühungen kennen Sie schon, es wurde bald abgelöst vom Gleiten über das Wasser mit dem Wind in den Händen. Eine Schwierigkeit trat aber doch bald zu Tage. Auch wenn es Sommer war, durch die immer noch häufig vorkommenden Stürze ins Wasser mit anschließendem Aufsteigen aufs Brett, kühlte der Körper empfindlich aus. Also schaffte ich mir einen Neoprenanzug an, damals noch "Long John" genannt, weil er lange Beine aber kurze Ärmel hatte.

Nachdem die Leidenschaft für das Surfen im zweiten und dritten Jahr schon ausufernd gediehen war, legte ich mir noch einen so genannten Trockenanzug zu. Eine hässliche weiße Gummihaut, die mit Manschetten an Beinen, Armen und Hals versehen war. Ein speziell gestalteter wasserdichter Reißverschluss quer über der Brust ermöglichte das Einsteigen in dieses Ungetüm. Darunter musste man, wollte man nicht frieren, einen Ganzkörperfrotteeanzug tragen. Sie denken, das wäre aufwändig? Ich stimme Ihnen zu, aber wenn sie ein "Ganzjahressurfer" sein wollten, musste das der Gesundheit wegen in Kauf genommen werden. Dazu durften Neoprenschuhe und Handschuhe nicht fehlen. Der Trockenanzug überlebte zwei Jahre, dann bekam er einen Riss und war damit außer Dienst gestellt. Diese Art von Trockenanzügen war nicht sehr funktionell und kam auch deshalb zu Recht schnell wieder aus der Mode.

Mit den Neoprenhandschuhen kam ich nicht zurecht. Ich bekam Krämpfe in den Unterarmen. Also musste es auch ohne Handschuhe gehen. Das war unter gewissen Umständen möglich.

Ich erinnere mich da an einen 24. Dezember. Sie liegen richtig, es war Heiliger Abend, am Vormittag. Ich war mit meiner Frau noch die letzten Einkäufe erledigen, es waren nicht mehr viele, da meine Frau immer sehr penibel voraus denkt vor solchen Feiertagen und deshalb war das Meiste schon erledigt.

Aber es herrschte Föhnsturm! Bei uns im Alpenvorland ist das nicht gerade ungewöhnlich. Und Föhn bringt Wärme mit. Also fragte ich vorsichtig bei meiner Frau an, ob sie was dagegen hätte, wenn ich am Nachmittag noch für einige Stunden an den Soyensee fahren würde. Sie kannte ihren Pappenheimer ja schon länger und stimmte, wenn auch mit der Bemerkung, ob ich sie denn noch alle hätte, schließlich resigniert zu.

Schnell war alles auf und in das Auto gepackt und innerhalb einer Viertelstunde war ich am See und riggte auf. Sie werden sich wundern, ich war nicht allein! Also ab ins Wasser und aufs Brett. Das Wasser hatte so um die zehn Grad Celsius. Erst versuchte ich es mit Handschuhen. Die Folge waren beginnende Krämpfe in den Unterarmen. Raus ans Ufer, Handschuhe ausgezogen und wieder losgesurft. Die Hände wurden nass, das war nicht zu vermeiden. Der Wind trocknete sie, aber die Verdunstungskälte entzog den Händen die Wärme und machte sie alsbald zu Eisklumpen, sodass ich den Gabelbaum nur mehr mit Mühe halten konnte. Also wieder raus aus dem Wasser, mit der bedauerlichen Erkenntnis, dass es damit vorbei war mit der Surferei am Heiligen Abend.

Doch bald bemerkte ich, dass nach dem heftigen Schmerz, der mit dem Auftauen der eiskalten Hände einherging, diese zu glühen anfingen. Also zurück aufs Wasser! Das war die Lösung, die ich von dem Tag an immer praktiziert habe. Ich muss allerdings gestehen, in späteren Jahren kam ich vom Surfen bei kaltem Wetter wieder ab, der Spaß dabei war dann doch nicht so grandios.

Neben der Gefahr für die Gesundheit durch Surfen ohne Neoprenanzug lauerte noch eine andere, die zumindest in der Frühzeit dieser Wassersportart äußerst schmerzhaft auftreten konnte. Die Ursache dafür lag darin, dass der Mastfuß nicht fest mit dem Brett verankert war, was der bestehenden Sicherheitsvorschrift entsprach. Die Verordnung sollte verhindern, dass man sich die Zehen oder die Finger einklemmte, wenn der Mast, vom Winddruck beschleunigt, auf das Brett krachte. Also löste sich der Mastfuß mit Rigg vom Brett bei einer definierten Belastung. Diese Belastung trat manchmal schon auf, wenn man das Rigg aus dem Wasser ziehen wollte. Es führte zwar in den meisten Fällen nur dazu, dass man rückwärts mit der Startschot in den Händen ins Wasser fiel. Manchmal aber stand man auf dem in den Wellen schwankenden Brett, startbereit zum Hochziehen des Riggs, den Mastfuß zwischen den Füßen, um das Gleichgewicht zu wahren und zog am nassen und damit schweren Rigg. Wenn dann der Mastfuß unverhofft aus seiner Verankerung im Brett sprang, geschah es, dass man nicht mehr rechtzeitig reagieren konnte und das Rigg schlug einem zwischen die Beine. Ein unvermeidlicher Abgang ins kühlende Nass mit anschließender längerer Erholung nahe der Bewusstlosigkeit mit Scherzen, die nur ein Mann nachempfinden kann, war die sehr unangenehme Folge.

Später änderte sich das, Gott sei es gedankt. Die Vorschrift wurde kassiert, als die Bretter durch den technischen Fortschritt zu "boards" wurden. Die waren um mehr als die Hälfte leichter, hatten damit nicht mehr die Massenträgheit und reagierten nachgiebiger auf entstehenden Druck bei untergelegten Zehen oder Fingern.

Eine rührende Geschichte möchte ich noch erwähnen, die ich in den vielen Jahren am Soyensee erlebt habe. Schon im zweiten Jahr meiner Surfversuche gesellte sich zu der nach und nach anwachsenden Szene von Surfern ein älteres Ehepaar. Beide waren sicher schon im Ruhestand, denn immer, wenn ich dort ankam, waren sie schon da. Er war ein leidenschaftlicher Surfer, trainierte bis zur Erschöpfung, dann stieg er zur Erholung vom Brett, legte es am Ufer ab und ging zu seiner Frau, die im Windschatten der Wasserwachtshütte auf ihn wartete. Dort hatten sie einen kleinen Tisch und zwei Stühle aufgestellt. Aus einem Picknickkorb zauberte sie eine Thermosflasche mit heißem Tee und zwei Tassen sowie eine kleine Brotzeit. Das alles wurde ihm liebevoll serviert. Nachdem er sich gestärkt und erholt hatte, verabschiedete er sich mit einem Bussi bei seiner Frau und stieg wieder auf sein Brett.

Ich bin gelegentlich mit ihm ins Gespräch gekommen, wenn wir wieder einmal auf Wind warteten. Er erzählte mir, er sei Monteur bei BMW gewesen und seit zwei Jahren im Ruhestand. Surfen hätte er im Fernsehen gesehen, es hätte ihn so fasziniert, dass er es unbedingt lernen wollte. Ich habe ihn und seine Frau lange Jahre dort angetroffen und bei mir gedacht, siehe da, diesen Sport kannst du lange ausüben.

Herrliche Jahre am Chiemsee

Jahre bevor ich anfing zu surfen, waren wir in einem Verein für Freikörperkultur am Chiemsee eingetragene Mitglieder. Zur damaligen Zeit, wir schrieben das Jahr 1965, war das nicht selbstverständlich, man konnten nicht jedem davon erzählen, denn das war noch ein wenig anrüchig im katholischen Bayern.

Diese Art Urlaub und Freizeit zu genießen lernte ich, als ich meine spätere Frau kennenlernte. Deren Eltern, also meine zukünftigen Schwiegereltern, waren mit Freunden aus Linz in Österreich jedes Jahr im Urlaub an den Keutschacher See gefahren, auf einen FKK-Platz.

Als meine Frau mir vorschlug, ihre Eltern dort zu besuchen, war ich einerseits neugierig, andererseits fragte ich mich und dann auch sie, ob ich denn dafür bereits die sittliche Reife hätte. Sie versicherte mir, dass daraus kein Problem entstünde. Wir fuhren also - ich mit gemischten Gefühlen belastet - los an den Keutschacher See.

Dort angekommen wurden wir freundlich empfangen, vorläufig noch im Vorfeld, in dem zum FKK-Platz gehörenden Café. Da saßen schon die ersten "Nackerten" auf ihren mitgebrachten Handtüchern, braun gebrannt am ganzen Körper und völlig ungezwungen, Männlein wie Weiblein. Von der natürlichen Ungezwungenheit angesteckt dauerte es nicht lange, bis auch ich den Schritt wagte, mein Outfit dem der Umgebung anzupassen. Ich habe es nie bereut. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich nie erlebt, dass sich auf einem FKK-Platz jemand ungebührlich benommen hat.

Dort, in Keutschach am See, lernte ich dann Volleyballspielen. Ein weit verbreiteter Sport auf FKK-Plätzen. Was bot sich Besseres an, als dieser Freizeitgestaltung auch zu Hause zu frönen? Mit Gleichgesinnten gründeten wir innerhalb eines bestehenden Vereins eine Volleyballabteilung. Das war nicht sonderlich schwer, da uns meine Frau tatkräftig unterstützte. Sie war Sportlehrerin, die ihre Schüler für die Volleyballmeisterschaften der Schulen trainierte. Wie professionell diese Unterstützung war, kann man daran ermessen, dass sie mit ihren Schülern einige Male die bayerischen Endausscheidungskämpfe gewonnen hat.

Im Rahmen der abendlichen Sportstunden stellte sich heraus, dass zwei der mitspielenden Paare auch auf einem FKK-Freigelände am Chiemsee im Rahmen eines Vereins diesen Sport ausübten. Wir wurden uns schnell einig, sie machten für uns die Bürgen, die waren damals zum Vereinsbeitritt erforderlich, und wir spielten am Chiemsee Volleyball.

Schon im folgenden Jahr nach meinem ersten Surfversuch auf Korsika tauchten auf unserem Gelände am Chiemsee die ersten Surfbretter auf. Darunter auch meins. Das war ideal. War kein Wind, spielten wir Volleyball, kam Wind auf, gingen wir mit den Brettern aufs Wasser. Beim Konkurrenzkampf sowohl beim Ballspiel als auch auf den Surfbrettern hatten wir viel Spaß.

Verbissen lernten wir von einander, was der eine vormachte, versuchten die anderen mit mehr oder weniger Glück nachzumachen. Das begann mit einer schnellen Wende, bei der man vor dem Mast auf die andere Seite des Brettes gelangen, das Brett gleichzeitig mit den Füßen um 180 Grad drehen musste, um dann in die Gegenrichtung surfen zu können.

Später wurde die Wende von der Halse abgelöst, bei der man hinter dem Mast stehen blieb, dafür jedoch das Segel auf die andere Seite drehen musste, um zum gleichen Ergebnis zu kommen wie bei der Wende. Die Halse war schwieriger, da das Brett dabei instabiler wurde und man leichter vom selbigen fallen konnte.

Eine besondere Übung war das "Kantefahren". Man stellte mit den Füßen das Brett auf die Kante, mit einem Bein stützte man sich auf dem Schwert ab und nun musste man das Segel noch richtig in den Wind stellen, damit man einige Meter "umfallfrei" vorankam. Bei dieser Übung handelte ich mir so manch blauen Flecken auf meinen Schienbeinen ein. Eine beliebte Übung war zudem das Rückwärtsfahren. Wir stellten uns auf den Bug des Brettes, sodass sich das Heck mit der Finne aus dem Wasser hob und versuchten, mit dem Brett rückwärts zu fahren. Das war nicht einfach, da ja keine stabilisierende Finne mehr im Wasser die Richtung vorgab.

Kurze Theorie zur Technik mit Surfbrettern und Segel

Zu Anfang waren die Segel noch einfache Kunststofftücher, die frei zwischen den drei Festpunkten Masttasche, festgezurrtes Unterliek und Gabelbaumende flattern konnten. Das Material des Segeltuches war zwar weitgehend wasserabweisend, damit es nicht zu schwer wurde, aber nicht reckfrei; das heißt, es dehnte sich unter Zug aus.

War Wind im Segel, bildete es einen Bauch. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Bald wurden die Segeltücher mit "Mylar" beschichtet, was sie weitgehend reckfrei machte; als dann später noch Latten in die Segel eingearbeitet wurden, flatterte das Segel nicht mehr. Bei einem modernen Segel ist heute der Segelbauch durch eine enorme Spannung von der Mastspitze zum Unterliek nahe an den Mast herangerückt und verändert seine Position auch bei starkem Wind nicht. Das setzte voraus, dass nahezu reckfreies Segeltuch entwickelt wurde.

Heute ähneln Surfsegel stark dem Profil eines Flugzeugflügels, was durchaus gewollt ist und ihre Eigenschaften für gutes Handling und schnelles Surfen erstaunlich verbessert hat. Es wird sicherlich nicht mehr lange dauern, dann wird der Geschwindigkeitsrekord für Surfboards die 100-km/h-Marke überschreiten.

Die innovative Entwicklung bei Surfsegel hat auch die Segelmacher der Rennjachten inspiriert. Um dort den Segelbauch definiert gestalten zu können, wird das reckfreie, sehr leichte, aber teure "Kevlar" verwendet, auch werden zwischenzeitlich durchgehende Segellatten eingezogen. Die Segel sind an ihrer braunen Farbe leicht zu erkennen.

Aber zurück zu den Anfängen der Surferei. Die Surfbretter waren noch schwer und lang, hatten ein Schwert in der Längsmitte und eine kleine Finne am Heck. Um eine solches Brett steuern zu können, musste man das Segel entsprechend bedienen.

Selbstverständlich war das Segel je nach Fahrtrichtung so zu stellen, wie man das auch bei einem normalen Segelboot machen sollte, will man damit effizient segeln. Kurs hart am Wind: Segel nahe an die Bootsmitte beiholen: Je weiter ab man vom Wind segeln will, desto mehr fiert man das Segel auf. Segelt man mit dem Wind, steht das Segel quer zum Wind. Die Richtung wird durch das Steuerruder bestimmt. Soweit die Theorie beim Segeln.

Da das Surfsegel aber nicht starr mit dem Brett verbunden ist - es fällt ja um, wenn man es nicht hält - und am Brett kein Steuerruder angebracht ist, muss man sich anders behelfen. Ich will hier nicht auf die physikalischen Grundlagen von Abtrieb, Lateralfläche u. ä. eingehen, das würde zu weit führen, auch weil es eigentlich schon Schnee von gestern ist. Moderne Surfboards steuert man vor allem in der Gleitphase nur noch mit der Brettneigung per Knieschub. Klingt verwirrend, deshalb werde ich das später noch genauer erklären.

Also hier nur die Techniken der Surfbrettsteuerung per Segelstellung und das kurz und lapidar: Neige ich das Segel in Fahrtrichtung gesehen nach vorne, kommt mehr Winddruck vor den Mast und das Brett dreht weg vom Wind, es fällt ab. Neige ich das Segel weiter nach hinten, nimmt der Winddruck hinter dem Mast zu und das Brett dreht in den Wind. Der Drehpunkt des Bretts liegt dabei nahe dem Schwert, das den Abtrieb hemmt. Vergesse ich das Schwert ins Board zu stecken, treibe ich ungehemmt ab; die Finne war damals zu klein, um diesem Abtreiben merklichen Widerstand entgegen zu setzten.

Vorerst genug mit der Theorie zur Technik mit Surfbrettern und Segel. Kommen wir zurück zu den Erlebnissen und Geschichten der damaligen Zeit und den herrlichen Tagen am Chiemsee.

Es war ein wenig beschwerlich, die Bretter und Teile für das Rigg ans Ufer des Chiemsees zu tragen, da wir außerhalb des Geländes parken mussten. Da waren noch die Stühle oder Liegen und die Verpflegung zu tragen, da wir oft den ganzen Tag unserer Freizeit dort verbrachten. Wir lernten viele Freunde kennen, mit denen wir oft zusammen in Urlaub fuhren, fast immer zu Orten, an denen guter Wind herrschte.

Einer davon war Felix. Er heiß eigentlich nicht Felix, sondern Rudolf. Aber er hatte ein sehr sonniges Gemüt, war immer zu Späßen aufgelegt und strahlte mit seinen hellblauen Augen stets fröhlich in die Welt. Er war Zollbeamter und hatte den Außendienst gewählt. Also stromerte er zusammen mit einem jeweiligen Kollegen an der Grenze zu Österreich entlang, im Tag- als auch im Nachtdienst, um illegale Grenzüberschreitungen oder Schmuggler aufzudecken. Im Winter waren sie auf Tourenskiern unterwegs. Von ihm kenne ich einige der schönsten und einsamsten Skitouren in den bayerischen Bergen.

Auf einer dieser Touren waren wir gerade dabei, die grüne Grenze zu Österreich zu überschreiten, als wir von einem österreichischen Zollbeamten in Zivil aufgefordert wurden, unsere Ausweise vorzuzeigen. Felix kannte den Kollegen und meinte freundlich: "Du kennst mich doch, muss ich jetzt wirklich meinen Ausweis unter der Skikleidung hervorkramen?". Der Zollbeamte entgegnete, er könne da keine Ausnahme machen und verlangte den Ausweis. Felix kam dem zähneknirschend nach.

Einige Wochen später hat mir ein Kollege von Felix erzählt, dass der unnachgiebige österreichische Kollege an der Grenze bei Wildbichl von Felix aufgefordert wurde, seinen Kofferraum zu öffnen. Er kam gerade vom Einkaufen in Bayern zurück und wollte wieder nach Tirol. Felix ließ ihn den ganzen Kofferraum auspacken mit der Begründung, er müsse kontrollieren, ob zollpflichtige Ware darunter sei. Auf die Bemerkung des verärgerten Kollegen, das sei Schikane, antwortete Felix lapidar, er könne da keine Ausnahme machen.

Felix war auf einer privaten Skifortbildung mit befreundeten Skilehrern, als ihm die Freunde vorübergehend seine Geldbörse vom Tisch nahmen, auf dem er sie liegen gelassen hatte, während er auf die Toilette gegangen war. Sein Ärger war groß und er musste sich Geld leihen um zahlen zu können. Dann erst wurde ihm seine Geldbörse wieder ausgehändigt. Am anderen Morgen wunderte sich der Übeltäter, dass seine Skier nicht glitten. Felix hatte ihm nachts Steigwachs auf die Lauffläche aufgetragen.

Im Laufe weniger Jahre war Felix ein guter Surfer geworden. Aber bis es soweit war, musste auch er, wie wir alle, Lehrgeld bezahlen. Unser Gelände lag am südlichen Chiemseeufer, die Autobahn war nicht weit davon entfernt. Während der Lernphase unserer Surferei geschah es öfter, dass der Wind zu stark wurde und wir nicht mehr ans rettende Ufer kamen und abgetrieben wurden. Manch einer wurde dann mit dem Boot geholt.

So erging es auch Felix, nur hatte keiner mitbekommen, dass er Richtung Westen am Ufer entlang abgetrieben war. Er konnte sich erst einige Kilometer weit entfernt, schon in der Nähe des dort liegenden amerikanischen Erholungszentrums, an Land retten. Das Dumme dabei war, dass er, was ja auf einem FKK-Gelände nicht unüblich ist, im Adamskostüm aufs Brett gestiegen war. Zu dieser Zeit bestanden die Segel noch nicht aus Klarsichtfolien, sie waren bunt und hatten keine Latten. Er baute also das Segel ab, wickelte es sich um den Körper und lief anfangs auf dem Teilstück der Autobahn, das direkt am See entlang führte, zurück zum Gelände. Er war erleichtert, dass er durch sein originelles Outfit keinen Unfall verursacht hatte. Angehupt wurde er allerdings des Öfteren.

Da wir uns auf unseren Brettern immer sicherer fühlten, wollten wir natürlich auch bei mehr Wind aufs Wasser. Wie schon beschrieben, waren die Segel damals einfach eingespannte Tücher. Frischte der Wind auf, wurde der Bauch im Segel immer größer und wanderte in die Mitte zwischen Mast und Gabelbaumende. Das führte dazu, dass der Winddruck im Segel anstieg. Das Rigg konnte nicht mehr gehalten werden, wir gerieten deshalb so manches Mal in Seenot. Also schafften wir uns Sturmsegel und dazu passende Sturmschwerter an. Sowohl die Segel als auch die Schwerter hatten weniger Fläche, wir konnten uns damit auch bei starkem Wind aufs Wasser wagen.

Ein weiterer großer Nachteil dieser bauchigen Segel war, dass man leicht das Gleichgewicht mit dem Winddruck im Segel verlor und über das Brett gezogen wurde. Beim Katamaran Segeln nennt man das "über Stag gehen", beim Surfen durchaus berechtigt "Schleudersturz". Das war nicht ungefährlich. Es geschah fast immer vollkommen überraschend, man konnte nichts dagegen unternehmen, es zog einen nach vorne im Salto übers Brett, das Segel klatschte aufs Wasser und man selbst konnte froh sein, wenn dabei alles heil blieb.

Diese Gefahr wurde weitgehend entschärft mit den später üblichen Segeln, die vom Mast bis zum Achterliek mit mehreren Segellatten ausgestattet waren und durch die Spannung vom Mastfuß zur Mastspitze den Segelbauch nahe am Mast hielten. Auch die bald aufgekommenen Fußschlaufen auf den Boards trugen hilfreich dazu bei, den gefürchteten Schleudersturz zu verhindern. Wir waren uns dieser Gefahren bewusst, aber es konnte uns nicht davon abhalten, bei jeder Gelegenheit aufs Wasser zu gehen. Es galt der Spruch: "Nur die Zeit auf dem Wasser zählt."

Als wir dann nach und nach mehr Sicherheit auf dem Surfbrett erworben hatten, zogen wir uns die Badehose an, nahmen Geld in wasserdichten Kartuschen mit und surften auf die Fraueninsel zum Eis essen. Auch eine Inselumrundung war eine angesagte Mutprobe, denn schlief der Wind ein, mussten wir uns aufs Board legen und mit den Händen paddelnd wieder Land gewinnen.

Im Laufe der Jahre, in denen ich am Chiemsee surfte, veränderten sich neben den Segeln auch die Surfbretter ganz entscheidend. Es wurden neue Kunststoffe verwendet, sie waren leichter, aber nicht mehr so robust. Die bisher übliche Form des Unterwasserschiffs entwickelte sich in zwei gänzlich unterschiedliche Richtungen. Es bestand bisher aus einem runden Vorschiff bis etwa zur halben Länge und lief zum Schiffsende hin ein wenig flacher aus. Diese Form des Unterwasserschiffs war ein Kompromiss, es verdrängte das Wasser beim Surfen nicht optimal und kam das Brett schon mal ins Gleiten, so wurde es instabil und war schwer beherrschbar.