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Anders, ein junger Mann Ende zwanzig, geht den Dingen gern auf den Grund, hat aber nicht gelernt welche Fragen man besser nicht stellt, um der Welt und sich selbst nicht bedrohlich fremd zu werden. Ein Leben ist zu Ende, das Studium abgeschlossen, Beziehungen lösen sich. Um Anders drängt alles instinktiv vorwärts, zu beruflichen Einstiegs- und Aufstiegschancen. Er sträubt sich gegen das endgültige Erwachsenwerden, den grauen Arbeitsalltag und die drohenden Imperative. Anders sucht nach Alternativen, fühlt sich aber zu nichts berufen. Unentschlossen macht er sich auf eine Winterreise von Berlin nach Stockholm. Für den müßigen Beobachter gewinnen alltägliche Kleinigkeiten an Bedeutung. An sie knüpfen sich entscheidende Lebensfragen, aus ihnen wird ein Bild der eigenen seelischen Verfassung und menschlicher Möglichkeiten. Die Reise wird zu einer Gratwanderung zwischen Selbstauflösung und Identifikation, Haltlosigkeit und Gesellschaft.
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ich glaube, ich müsste anfangen, etwas zu arbeiten, jetzt, da ich sehen lerne, ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen.
Rainer Maria Rilke
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Anders legte den Stift aus der Hand und sammelte die auf dem Pult vor ihm liegenden Antwortbögen ein, auf die er soeben sein finales Examen niedergeschrieben hatte. In Gedanken bei seinen Formulierungen häufte er die Blätter langsam, eines nach dem anderen zu einem dünnen Stapel, richtete ihn auf und stieß die Ränder bedächtig auf der Tischplatte gerade, sein Blick fiel auf den Rücken seines Vordermannes, der tief über seine Prüfungsblätter gebeugt war, die Beine wie Würgeschlangen fest um die Stuhlbeine geschlungen.
Fünf Jahre Studium, annähernd sechs Monate intensiver Vorbereitung lagen nun hinter ihm. Entscheidend war am Ende doch nur die Fähigkeit zu ausdauerndem Lernen gewesen, die Gabe, eine möglichst große Anzahl von Fakten abzugrasen, um sie in den entscheidenden Stunden heraufzuwürgen und wiederzukäuen. Um seine Synapsen zu einem dichten Informationsnetz zu flechten, musste er sie wiederholter intensiver Stimulation aussetzen, zäh und dauerhaft, bis zu den Prüfungstagen, da er von ihren milliardenfachen Verzweigungen die richtigen Antworten auf die entscheidenden Fragen erwartete.
Er fühlte sich wie Sisyphos der seinen Stein mal wieder bis auf die Spitze des Berges gewälzt hatte. Schon begann der Abstieg ins Tal des Vergessens, rieselte das Wissen wie Sand durch das Sieb seines Gedächtnisses und das Gewicht des Steins lies seine stützenden Arme erlahmen.
Es mochten sich die Fleißigen noch so anstrengen, dachte Anders ernüchtert, an die geistig Begabten würden sie doch nicht rühren können, diese erfassten in einer Stunde Arbeitszeit, wofür ein gewöhnlicher Student vier benötigte. Sie wälzten ihre Steine scheinbar mühelos, vergnügt und immer wieder auf alle möglichen Berge. Anders gehörte, im Gegensatz zu seinem Vordermann, auf dessen Schultern ein genialer Kopf saß, nicht zu den Begabten. Dennoch würde er dank seiner zähen Anstrengungen mit seinem Ergebnis im oberen Drittel der Notenskala landen, weit abgeschlagen hinter seinem exzellenten Kommilitonen, der sich jetzt aufrichtete und den Blick im schmucklosen Prüfungssaal umherwandern ließ.
Magnus war nicht nur ein talentierter Student, er war den Professoren fachlich ebenbürtig, redete ihnen aber nicht nach dem Mund, sondern brachte sie mit intelligenten Einwürfen in Verlegenheit. Seine rasche Auffassungsgabe, das Gespür für unterschwellige Zusammenhänge, gepaart mit Humor und Einfallsreichtum konnten Seminare und Vorlesungen beflügeln. Man war geneigt, ihm zuzustimmen, wenn er Sachverhalte darlegte und Punkte anschnitt, die zu Unrecht vernachlässigt wurden. Dabei war deutlich zu spüren, dass es ihm nicht um Profilierung oder gute Zensuren ging, sondern darum, der Wahrheit etwas näher auf den Leib zu rücken. Während des Semesters erledigte er Klausuren und Hausarbeiten scheinbar mühelos in atemberaubender Geschwindigkeit, was ihm mehr als genug Zeit für Musik, Poesie, Fotografie und bacchantische Ausschweifungen ließ. Er spielte Saxophon und Klavier in wechselnden Jazz- und Bluesbands, probte, hatte Auftritte in verrauchten Kellerkneipen und nahm den einen oder anderen Tonträger zwar auf, diesen aber trotzdem nicht allzu wichtig. In einem heruntergekommenen ehemaligen Fabrikgebäude richtete er sich gemeinsam mit ein paar Kunststudenten ein kleines Fotoatelier ein und stellte seine Arbeiten aus. An trüben Tagen brachte er die Stimmung im grau verhangenen Berlin in einem kleinformatigen, zerfledderten Büchlein zu Papier. Er schien auf jedem der Gebiete talentiert und betrieb alles mit der gleichen dilettantischen Ambition, wie er es selbst ausdrückte.
Zwar hatten auch Magnus’ außeruniversitäre Aktivitäten unter den Prüfungsvorbereitungen gelitten, jedoch in weit geringerem Ausmaß als dies bei Anders der Fall war. Während Anders deutlich weniger oft ins Theater ging, weniger Zeit mit fachfremder Lektüre geschweige denn mit Freunden verbrachte, fand Magnus immer noch Gelegenheit für Proben mit seiner Band, eigene Kompositionen und eine Fotografievernissage. Magnus war immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig produktiv. Für Anders war es ungemein bereichernd gewesen, mit ihm den einen oder anderen Artikel für die Unizeitung zu recherchieren oder sich über Fotokunst auszutauschen. Eine Zeit lang hatte er sogar an eine Freundschaft geglaubt, doch es war fast unmöglich gewesen, Magnus alleine zu treffen oder mit ihm über persönliche Belange zu sprechen, die in keiner Beziehung zu einem seiner Projekte standen. Er feilte beständig an Visionen, an neuen Aktionen, knüpfte entscheidende Kontakte, brachte die richtigen Leute zusammen, war Schaltzentrale und Bindeglied, immer in irgendeiner Funktion, immer tätig. Anders ahnte, dass er diesen Menschen, wie so viele andere auch, nach dem Studium aus den Augen verlieren würde. In Magnus’ Fall tat es ihm aber leid, auch deswegen, weil er die wenig erfreuliche Ursache dafür zu kennen glaubte: Anders konnte in fast allen Belangen von Magnus lernen, umgekehrt war es Anders jedoch seltener gelungen, Magnus zu inspirieren, zu bereichern, voranzubringen. In Magnus’ Gegenwart hatte Anders immer etwas besonders Geistreiches, Revolutionäres, Unerhörtes beisteuern oder vorschlagen wollen, etwas, das Magnus’ Ansprüchen gerecht wurde, etwas, das als eine treffende Antwort auf das herausfordernde Funkeln seiner Augen hätte gelten können. Anders glaubte, Magnus’ Niveau in Kunstfertigkeit, Tatendrang und Kreativität mehr hinterherzulaufen als mitzugestalten. Konstruktive Kunstfertigkeit war es aber, was Magnus von seinen zwischenmenschlichen Kontakten erwartete. Es war gewissermaßen die Einstellungsvoraussetzung für eine freundschaftliche Beziehung, deren unausgesprochene Daseinsberechtigung in gegenseitiger Anregung und Befruchtung wurzelte.
Auf die Stunden der letzen großen Prüfung, da alle zuweilen verbissene Anstrengung der konzentrierten Vorbereitungszeit langsam wie eine Kruste aus getrocknetem Schlamm von seinem Körper abbröckelte, als seine Glieder beweglicher wurden, seine Haut wieder die wärmenden Strahlen der Sonne fühlte, folgte dieses einzigartige, schwindelerregende Hochgefühl, das mit wieder gewonnenen Freiheiten, mit schwer erkämpften Siegen bisweilen einherzugehen pflegt. Anders’ Gedanken durften wieder abschweifen oder besser schlicht ganz unterbleiben, als ob sich der Verstand, vom Korsett seiner täglichen Arbeit befreit, zur Ruhe begeben hätte. Als müsste er sich erst einmal ausschlafen, verweigerte er jegliche Beschäftigung, nicht nur mit prüfungsbezogenen, sondern auch mit lebenspraktischen, philosophischen, zukunftsrelevanten und sonstigen schwer zu beantwortenden Fragen. Anders sah das heitere Hochgefühl dieser Tage als eine unmittelbare Folge seines nun ruhenden Verstandes, die ungetrübte wie kurze Freude des Wanderers nach dem Gipfelsturm, bevor er langsam spürt wie kalt es in der Höhe ist und seine Blicke schon nicht mehr die Aussicht genießen, sondern den Weg zur nächsten Hütte suchen.
Anders war an einem Etappenziel angekommen, es galt weiterzugehen, es musste weitere Stationen geben auf diesem gewundenen Pfad. Den Wegweisern wollte er nicht mehr folgen, den anderen, die schon weiter gegangen waren, auch nicht. Er fröstelte, der Tag neigte sich dem Ende entgegen, die Nacht kroch aus den Tälern herauf, schickte lange Schatten voraus.
Jedenfalls kam es Anders dieser Tage so vor, als ginge er zum ersten Mal über das von ungezählten Schuhsolen blank gescheuerte Kopfsteinpflaster der lindengesäumten Straße mit den breiten Gehwegen, die vor seiner Mietskaserne den Kreuzberger Osten durchschnitt. Die Reichenberger Strasse, in den achtziger Jahren von bösen Zungen als die Pissrinne Kreuzbergs und völlig ungeeignet zum Wohnen bezeichnet. Auch heute noch eine durchaus treffende Bezeichnung. Die Bäume hier kleideten sich immer etwas zu früh in die schmuddelig braunen Farben des Herbstes.
Der Wind löste bereits erste Blätter aus ihren Kronen, die dann Hundehaufen, Sperrmüll und ausgediente Rostlauben zu bedecken begannen. Autos drängten ihre verbeulten Blechkörper auf dem Parksteifen dicht aneinender oder stolperten im klatschenden Stakkato über die gepflasterte Straße.
Die lokale Jugendgang lungerte in ihrem angestammten Hauseingang herum, einige Mitglieder pafften betont lässig Zigaretten, andere spielten umständlich mit Klappmessern herum oder übten sich im Verteilen verächtlicher, finsterer Blicke.
Fast hätte Anders in seinem Überschwang auch sie mit einem freundlich naiven Lächeln bedacht, konnte aber von Glück sagen, dass er rechtzeitig von einem schmatzenden Tritt in einen Hundehaufen davon abgehalten wurde und die Gang so auf angemessene Weise belustigte. Anders durfte ihnen mit Scheiße am Fuß ungestraft zulächeln und erntete herzhaftes Gelächter. Für ihn ein Tritt in den Hundehaufen, für den Bezirk ein großer Schritt in Richtung Integration und Miteinander, dachte er während er die braune Masse auf einem Bein hüpfend von seinem Schuh abschüttelte.
Er war auf dem Weg, um sich mit Magnus und anderen Kommilitonen zu treffen. Gemeinsam lagen sie nun im Görlitzer Park auf dem spärlichen Grün, das der sommerliche Ansturm von Picknickdecken und Grillfeuern übrig gelassen hatte und schauten dem Zug der Wolken über den spätsommerlichen Himmel zu.
Magnus verteilte bei der Gelegenheit Heftchen mit Fotografien und Textblöcken, ein Entwurf für das Begleitheft einer Ausstellung, die er gemeinsam mit einem Fotografen initiierte, der gerade aus London zurückgekehrt war. Sie planten die beiden Einwanderer- und Problemviertel Neukölln und Whitechapel fotografisch gegenüberzustellen.
Die Seiten fächelten ihm beim Blättern den betörenden Geruch von frischer Druckerschwärze auf glasiertem Fotopapier zu. Der durchdringende Blick eines jungen Mädchens forderte trotz oder gerade wegen der abgewandten strengen, erwachsen, fast alt wirkenden Gesichtszüge zum Verweilen auf. Sie schien das starrende Glasauge des Fotografen über einen Punkt außerhalb des Bildausschnitts völlig vergessen zu haben. Im unscharfen Hintergrund aufgesprungene Häuserfassaden, verwitterte Fensterrahmen, vernachlässigte winzige Vorgärten, verkrustet vom Straßenschmutz. Eine Frau im schwarzen Kleid vor einem der Häuser starrte gebannt auf denselben Punkt wie das Mädchen, beide Hände erschrocken an die Wangen erhoben, Augen und Mund in einer Mischung aus Staunen und Schrei geöffnet. Im Gegensatz zu der Schreckensmaske der Frau wirkte das Gesicht des Mädchens geradezu versteinert. Man glaubte die Jahre dauernder Ausgeliefertheit aus jeder Pore dringen zu sehen, so dass inzwischen keine situationsspezifische Mimik mehr nötig schien um auf ein offenbar erschreckendes, vielleicht grausames und abstoßendes Ereignis zu reagieren. Ihre kindlichen vollen Lippen waren leicht voneinander abgehoben, rußverschmierte Backenknochen erinnerten an eine Art Kriegsbemalung, Pupillen schwammen, pechschwarz, in einem milchigen Oval. Nicht voneinander zu trennen waren die äußeren Formen eines wohl sechsjährigen Gesichts und der Überzug aus bitteren, grausamen Erfahrungen, der sich ihren Zügen unauslöschlich, in einem verhärteten Ausdruck eingeprägt fand.
Anders legte den Kopf schief, als könne er so mit eigenen Augen sehen, was die Aufmerksamkeit der Fotografierten derart in seinen Bann schlug. Das ebenmäßig schwarze Haar des Kindes trug grau- glänzende Reflexe eines wolkenüberzogenen Himmels. Anders sog sich am Bild der blassen, traurigen Schönheit des Wesens fest, bis es vor seinen Augen zerfloss und er von Melancholie überspült den wohligen Duft seiner verflossenen Liebe einzuatmen glaubte. Fremdes Leid rief wie so oft eigenes Leid wach. Von Erinnerungen an ungeschminkten rohen Liebreiz überwältigt verbrannte er seine Kehle mit Genuss an einem tiefen Schluck aus der im Kreis wandernden Whiskyflasche. Er ließ sich in Erwartung des Rausches, auf ein zertretenes Stück Rasen sinken von woher ihm letzte frühherbstliche Wärme entgegenschmeichelte. Staunend wie ein Kind bewunderte er den wechselhaften Zug der Wolkenformationen. Er stellte sich vor, dass Anne von einem Platz in Berlin aus, den er nicht kannte, wohl denselben Wolken hinterhersah, die er getragen auf der Woge einer sentimentalen Wallung als Boten zwischen zwei untrennbar verbundenen Seelen verstehen wollte. Doch Anne hatte ihn verlassen und Anders glaubte einen Grund dafür in den Prüfungsvorbereitungen zu erkennen, die ihn für so manches blind gemacht hatten, bedauerlicherweise auch für Einfühlsamkeit, Sensibilität, Feinsinnigkeit und die im rauen Wind um ihr Überleben kämpfende Flamme der Liebe.
Das Getöse der offiziellen Abschlussfeiern mit ihrer pathetischen „Welt-wir-kommen-“ und schulterklopfenden „Wir-werden-in-Konakt-bleiben-“ Rhetorik war vorüber und wer noch nicht einen Urlaub oder die erste Stelle angetreten hatte, folgte weiter dem ausgetretenen Pilgerpfad zwischen Park und Party.
Doch wie sich die Bierflaschen leerten, so verschwand auch das Gefühl des Verdienstes, durch das sich die frisch Examinierten zu solch gemächlichem Vegetieren berechtigt glaubten. Abends versammelten sich die Verbliebenen an Küchentischen oder in Sofaecken, um dort irgendwann ermattet niederzusinken. Stunden später, als die Sonne schon ihren Zenit überschritten hatte, frühstückte die schläfrige Runde hinter den Fenstern von Wohnungen, die von ihren Mietern bald aufgegeben und verlassen werden würden. Man vergnügte sich in den Ruinen eines Lebensabschnittes. Auflösung und Zerfall, Müll am Gipfelkreuz, während Anders sich treiben ließ, übte sich der Rest in Verdrängung oder Aktionismus.
Die Tage wurden kälter und die Zusammenkünfte seltener. Der November schickte erste anhaltende Regengüsse über die Stadt und der Görlitzer Park verwandelte sich in eine schmierig braune Pfützenlandschaft. Die Linden verloren ihre letzten Blätter und die Äste griffen krallengleich in einen farblosen Himmel. Unter den vor Ort verbliebenen frisch diplomierten Betriebswirtschaftlern wuchs die Unruhe. Auf dem Gipfel wurde es kalt, die Aussicht öde und außerdem warteten andere Berge. Bewerbungen wurden in erhöhter Frequenz und erweitertem Radius verschickt, Stellenzusagen trafen ein, Praktika im In- und Ausland wurden angetreten, Anschluss- und Aufbaustudien gewagt. Bedingt durch das Wesen des Studienfaches mit seinem Einfluss auf die lernbegierigen Adepten strebten die allermeisten in die Ordnung und relative Sicherheit eines Arbeitsvertrages bei einer möglichst großen, weltweit agierenden Firma, zumal solche Anstellungen angesichts einer hohen Arbeitslosigkeit und ständigem Personalabbau alles andere als selbstverständlich waren.
Auch Anders’ Verstand erwachte aus seinem Schlummer und machte sich sogleich daran, das Für und Wider, einer festen existenzsichernden Anstellung, eines möglichst gesicherten Karriereweges, fortgesetzter, geregelter Lohndienerei abzuwägen. Seine Entschlusskraft war aber zugunsten eines alles durchdringenden Zweifels so sehr gelähmt, dass er mit seiner beständigen abenteuerlichen Dialektik, seinen Einwänden und Gegendarstellungen, mit welchen er die Lebensentwürfe seiner ehemaligen Kommilitonen bedachte, bisweilen schwer zu ertragen war. Weder in den Schattierungen und Abwegen seines Faches, noch in einem der zahlreichen Praktika und Projekte während des Studiums hatte er einen Weg gefunden, den er mit Überzeugung gehen wollte oder konnte. Es war ein namenloser, unbestimmter Zweifel, der an ihm nagte, den er verzweifelt mit jemandem zu teilen suchte, um ihn und nicht zuletzt sich selbst besser zu verstehen. Er sagte sich oft, dass er dabei war in der Zeit stehen zu bleiben und es wurde ihm zunehmend klar, dass er alleine stehen bleiben würde. Die Bande zu seinen früheren Bekannten lösten sich, die Kontakte wurden sporadischer, die Pausen in der Unterhaltung spürbar und peinlich.
Magnus seinerseits ließ sich von seinem gewissermaßen nebenbei gemachten exzellenten Abschluss und den damit verbundenen, verlockenden Angeboten nicht beirren. Wie zum Trotz widmete er sich verstärkt seinem neuesten Fotoprojekt und schlug sich die alkoholdurchtränkten Nächte auf den Bühnenbrettern von dusteren Spelunken um die Ohren.
Nach einem Konzert, als die Rauchschwaden dickflüssig um die abgewetzten Kneipentische waberten, von denen die Biergläser nicht mehr abgeräumt wurden, kam das Gespräch auf die hohe Arbeitslosigkeit und ihre Folgen. Einer der Gäste warf mit gönnerhaftem Grinsen eine nivellierende Floskel in die Runde:
- Keine Arbeit ist auch eine Lösung, meinte er, woraufhin konspiratives Gelächter die Runde machte. Auch Magnus lachte, als der Sprecher sein Bier in einem Zug austrank. Es folgte eine Pause, in der jeder zu seinem Glas griff, ob voll oder leer. Magnus schaute von einem seiner Bandmitglieder zum anderen, schien über das Gesagte nachzudenken und sagte mehr zu sich selbst als zu den Umsitzenden:
- Wir arbeiten und machen die Tonlosigkeit der Zeit zu Musik. Er hatte es leise gesagt, fast geflüstert, trotzdem hatte es jeder in der Runde verstanden. Keiner sagte etwas, alle schwiegen. Die Musik an diesem Abend hatte Gefallen gefunden, jetzt war sie verstummt und ihr Fehlen wurde greifbar. Anders hatte das Bedürfnis, eine Frage in die kontemplative Atmosphäre zu stellen:
- Das Ziel all unserer Arbeit, unserer Anstrengungen, und damit meinte er die Arbeit der beiden Betriebswirtschaftler am Tisch,
- ist die Ansammlung und ständige Steigerung materieller Werte. Was aber, wenn diese Werte tonlos sind?
Magnus blickte Anders an. In seinen Augen glaubte Anders, einen Anflug von Ironie zu erkennen, als habe er soeben etwas allgemein Bekanntes, Überkommenes, nicht mehr Erwähnenswertes wiederholt und als missbillige er die Anknüpfung an seine vorhergehende Aussage.
- Wenn du mit Liebe und Hingabe arbeitest führt das auch zu Harmonie, egal was du tust,
erwiderte Magnus ohne seinen Blick von Anders abzuwenden. Dieser schlug die Augen nieder. Magnus hatte den Finger in die Wunde gelegt. Liebte er seine Aufgabe nicht genug? Hatte er schlicht das Falsche studiert, wachte zu spät auf und kritisierte deshalb übermäßig?
Aber vielleicht konnte ihn jemand wie Magnus, der alle Aufgaben scheinbar mühelos, klar und effizient bewältigte, dem immer noch Zeit übrig blieb, sich seinen zahlreichen weiteren Interessen zu widmen, nicht verstehen, ihn, den alles viel mehr Zeit und Energie kostete und der nach getaner Arbeit müde, zu müde und erschöpft war, um Kreativitätsausbrüche zu haben.
Magnus war nicht gezwungen sich der bohrenden Frage zu stellen, was mit all seinen Fähigkeiten, Möglichkeiten und überfließenden geistigen Strömungen passieren würde, wenn er sich für eine von ihnen entschied, wenn er eine Richtung einschlug, so glich es eher einer sternförmigen dreidimensionalen Bewegung. Jeder Ausläufer auf seine Weise erhellte mit funkelnder Strahlkraft die Dunkelheit des Raumes. Was aber war mit Anders’ Regungen, Eindrücken und Vorstellungen, von denen ohnedies nur wenige die aktive Beschäftigung auf Bewusstseinsebene durchliefen, die aber in ihrer kaleidoskopähnlichen Zusammenschau sein zerrüttetes Selbstbild waren.
Keine dieser hauchfeinen, ephemeren, ständig vom Aussterben bedrohten Gewächse würde in einem einmal völlig funktionalisierten Geist mehr wohnen können, dort auf ausgelaugten Böden, in versandeten Gewässern fänden sie keinen Lebensraum mehr. Tausende winzige Eindrucksgeschöpfe, die in ihrem Überfluss seine Existenz ausmachten, er würde sie in ihrer Verschiedenheit, Individualität, anarchischer Verbindungsvielfalt auch Unergründlichkeit nicht mehr würdigen können. Es wäre nur noch ein lästiger Fliegenschwarm, der ihm die Sicht auf seine beruflichen Verpflichtungen und Ziele verdunkelte.
Zurück in seiner Kreuzberger Hinterhofbleibe, wo die unausgesprochene Solidarität der sonderbaren Schattengewächse herrschte, die sich dort im Schutz von Sozialhilfe, Bafög und Kindergeld eine Existenz zwischen den Stühlen eingerichtet hatten, lauschte er den Geräuschen der Nacht, die aus den umliegenden Fenstern in den Klangkörper des Hofes drangen. Über ihm knarrten die rastlosen Schritte des schweigsamen alten Mannes, der seine Wohnung selten verließ über den Dielenboden, von unten das Gewinsel eines Hundes, das nun schon seit einiger Zeit Nacht für Nacht zu hören war. Vom Parterre gegenüber tönte das gedämpfte Wummern der Bässe herauf. Dort hauste ein junger DJ, der sich um friedliche Nachbarschaft mit der Familie im 2. Stock bemühte, von woher das leise Weinen eines Kindes die nächtliche Geräuschkulisse bereicherte. Anders war dabei, aus dem Strom der Zeit herauszufallen, stehenzubleiben, zum reinen Beobachter, zum Außenstehenden zu werden. Er konnte nicht von ganzem Herzen wählen, was so offensichtlich vorgezeichnet in der Zukunft lag. Über die Zeit war in ihm aber wenigstens der Entschluss gereift, sich gewissermaßen kompensatorisch geographisch fortzubewegen.
Wenige Tage nach Magnus’ letztem Konzert meldete sich der leere Rucksack aus dem Schrank, zuerst mit einer wie zufällig unter der Tür hervorlugenden Lasche, dann mit einem herausfordernden Sturz vor die Füße des müde und verkatert nach Kleidern wühlenden Anders. Da lag er mit seinem hungrigen Schlund und verlangte nach Fütterung. Im Schrank befanden sich als einzig noch saubere Klamotten die warmen Winterpullis, Hosen und ein Mantel, womit der Rucksack rasch gefüllt war. Unterwäsche? Lange nicht mehr gewaschen, aber wer keinen Sex hat braucht auch keine saubere Unterwäsche. Dort wo er hinging musste es also kalt sein und Waschmaschinen geben. Er würde sich also in Richtung Norden begeben. Vielleicht würde der Frost das Blut in den Adern des vorwärts drängenden Lebens erstarren lassen und er hätte so endlich die Möglichkeit genauer hinzusehen, würde in tief verschneiten Landschaften mit entlaubten Baumgerippen und schwarzen Tannengestalten in den schräg einfallenden, ersterbenden Strahlen der kraftlosen Sonne, in langen Schatten versteckt, das finden, wonach er halbbewusst suchte. Es war der Aufbruch zu einer von Melancholie durchdrungenen Winterreise des verlassenen Jünglings im klassischen Sinne. Fremd war auch Anders nach Berlin eingezogen, fremd zog er wieder aus, bekümmert fragte er sich, ob auch er seinem Leiermann begegnen würde.
Das Dröhnen der Turbinen war in einem hohen Summen verebbt, als die Flugbegleiterin den Hebel am Ausstieg mit beiden Händen in die Horizontale brachte. Die Türe rückte ein Stück nach außen und glitt dann erstaunlich sacht in unsichtbaren Scharnieren, wie von Geisterhand bewegt an die Außenseite der Kabine. Draußen vor dem ovalen Loch, das nun im Bauch der Maschine klaffte, zeichnete sich die Silhouette einer Treppe ab, die ins Vage hinab führte. Die linke Tragfläche verschwand nach wenigen Metern hinter matten, weißen Vorhängen, die in bewegten Graustufen über dem Rollfeld niederfielen. In am Rand stehenden schrägen Lichtkegeln der Flutlichttürme funkelten die Schleier wie mit zahllosen feinen Kristallen bestickt. Auf der Erde angekommen, fanden sie keinen Ruhe und wirbelten der Laune des Windes folgend in schlingernden Fahrten über den Beton. Sie versammelten sich in windstillen Winkeln der kleinen Plattform am Ausstieg zu losen Hügeln. Schon konnten die flachen Furchen der Aluminiumstufen keine Flocken mehr aufnehmen. Nur die erhöhten Stege zeichneten sich als Schatten unter einem lockeren, fast transparenten Kleid ab. Der Treppenabgang war bald ganz verhüllt, als dieser mit einem schnappenden Geräusch an der Maschine verankert wurde und Anders bedächtig, fast feierlich zuerst den Absatz, dann die ganze Sohle seines Stiefels in den frisch gefallenen Schnee setzte, der unter seiner herannahenden Sohle zerstob.
Ein kalter Windstoß wirbelte einzelne Flocken durch den Ausstieg der Maschine. Anders musste die Augen zusammen kneifen und wich etwas zurück. Dabei stieß er gegen einen unmittelbar hinter ihm wartenden Mann, der mit einem ungeduldigen Brummen antwortete. Die Passagiere standen dicht hintereinander gedrängt, traten ungeduldig von einem Bein aufs andere und brannten darauf, aus der Kabine in die Wärme der nicht fernen Ankunftshalle eilen zu dürfen, die sich irgendwo dort im Schneetreiben verbergen musste. In nur wenigen Augenblicken würde ihre Subordination gegenüber dem Flugpersonal überstanden sein. Keine viehtransportähnlichen Platzverhältnisse, keine strikten Verhaltensregeln mehr, kein Betteln nach mehr Wasser, die Gedanken hatten aufgehört um die Frage nach der Flugfähigkeit von so vielen Tonnen Stahl zu kreisen, das schwerfällige Gespräch mit dem Nachbarn hatte sich erübrig, man war befreit aufgesprungen, kaum dass das „Fasten seatbelt“ Zeichen verloschen war. In einen schweren blauen Mantel gehüllt, hatte eine Stewardess stoisch darauf gewartet, mit ausgestreckter Hand die Stufen hinab aufs Rollfeld freizugeben. Im Vorbeigehen nickte ihr Anders dankend zu, bevor er sich gänzlich in das tosende Flockenmeer hinausbegab.
Männer in leuchtend orangefarbenen Westen, die Kragen hochgeschlagen, wuchteten mit eingezogenem Genick Taschen und Koffer aus dem Bauch der Maschine in die Waggons hinter einer Zugmaschine, auf der ein bereits von einer Schneeschicht überzogener Fahrer bewegungslos saß und ebenso stoisch wie die Stewardess dem Aussteigen der Passagiere der Verladung des letzten Koffers harrte.
Der Fußweg zum Terminal führte über eine dahergleitende Schneeschicht durch die mit wild tanzenden Flocken gefüllten Lichtgefäße der Laternenmasten. Anders blieb kurze Zeit andächtig in einem dieser strahlenden Schneekegel stehen. Auf seinen Schultern hob sich das frische Weiß in seiner gezackten, dreidimensionalen Schönheit vom Schwarz seines Wintermantels ab. Die Stofffasern griffen gierig nach den Kristallarmen der Flocken und hielten sie fest.
Im Flughafengebäude war es fast unerträglich warm. Die in der Wolle von Anders’ Mantel gefangenen Kristalle verloren ihre spitzen Zacken, schmolzen, zerflossenen, bis sie träge und nass als Tropfen an den Fasern des Stoffes hingen und aufgesogen wurden.
Was nun folgte, spielte sich in jedem Land der Erde auf die annähernd gleiche Weise ab: Das Ritual der Flugreisenden nach der Ankunft. Es wartete auf die Ankommenden immer eine mehr oder weniger ansehnliche Ankunftshalle, wo sich zumeist mindestens ein Gepäckband befand, um das sich kurz nach der Landung alle Passagiere wie um einen Altar versammelten, als ob sie die Reise meditativ ausklingen lassen wollten, bevor sie sich im Getümmel der Welt verloren, die dort hinter den letzten Absperrungen auf sie wartete. Oder tanzten die Reisenden nur um das goldene Kalb ihrer materiellen Besitztümer, die sie angsterfüllt auf ein Gewicht von höchstens 20 kg reduziert sahen und die es deshalb umso energischer zu verteidigen galt?
Anders wartete, seine Arme vor dem Körper verschränkt. Die ersten Koffer auf dem Gepäckband verschwammen vor seinen müden Augen. Er starrte durch die langsam im Kreis fahrenden Habseligkeiten ins Unbestimmte. Manchmal kam es ihm so vor, als könne er durch den dünnen Kunststoff einer Sporttasche oder das starre Plastik eines Schalenkoffers hindurch bis ins Innere sehen. Zu den dort gestapelten Hosen, Unterhosen, Hemden und Schuhen, Eau de Toilette und Zahnbürste, Büchern und Zeitschriften. In Gedanken schlug er Gedichtbändchen auf und blätterte in klassischer Literatur. Er war der Überzeugung, durch eine Auswahl von Lieblungsbüchern viel über den Charakter der Menschen erfahren zu können. Umso mehr, konnte man über persönliche Interpretation und Identifikation sprechen. Bisweilen versuchte er, nicht nur vom Äußeren eines Koffers auf dessen Inhalt zu schließen, sondern auch zu erraten, welcher der Umstehenden wohl welches Gepäckstück vom Band nehmen würde. Dabei hielt sich Anders im Hintergrund. Es drängte ihn nicht danach, seinen Rucksack an sich zu reißen, sobald dieser aus der Tunnelöffnung purzelte. Er wartete geduldig, sah zu, wie sein Gepäck, nachdem es einen weiten Bogen durch die Ankunftshalle beschrieben hatte, am anderen Ende des Förderbandes wieder in einem mit Gummistreifen verhängten Loch in der Wand verschwand. Er verbrachte einige bange Sekunden damit sich vorzustellen, was dort hinter dem Loch in der Wand mit seinem Gepäck passieren würde. Gab es dort Angestellte, die jeden Koffer, der wieder aus der Ankunftshalle zurückkam, vom Band nahmen, um die vermeintlich herrenlosen Stücke zu konfiszieren? Existierte gar ein Gesetz, das dem Flughafenpersonal vorschrieb, jedes zurückkommende Reisegepäck als potentielle Bombe zu betrachten, die es zu entschärfen galt?
Es existierten dort hinter der Mauer bestimmt weitere Förderbänder, die aus allen erdenklichen Richtungen des Flughafens zusammenliefen, beladen und entladen mit abgefertigtem Gepäck aus ankommenden und abfliegenden Maschinen. Anders stellte sich vor, wie sein Rucksack dort in dem Gewirr von aus allen und in alle Richtungen fahrenden Taschen und Tüten die Orientierung verlor, in einer Kurve aus dem Gleichgewicht geriet, auf ein anderes Band rutschte und in Richtung eines wartenden Jets nach Neu Dehli befördert wurde.
In Indien gelandet, würden Flughafenangestellte in weißen Dothis den Inhalt des verwaisten Rucksacks begierig unter sich aufteilen. Seine T-Shirts würden vielleicht bald von drahtigen indischen Straßenjungen getragen werden, sein Daunenschlafsack ginge an den nepalesischen Gastarbeiter, der sich und seine Familie über den bevorstehenden kalten Winter bringen musste. Auch seine dicken Wollpullover würden ihren Weg in den Norden des Subkontinents finden, als äußerste Kleidungsschicht an dick vermummten Menschen, die auf geröllübersäten Pässen bis in die abgelegenen Enklaven tibetischer Kultur zwischen Pakistan und China zogen. Als er sich überlegte, was die Inder wohl mit seinen Büchern anstellen würden, erschien sein Gepäck wieder am Anfang des Förderbandes. Kurz bevor sein Rucksacks erneut durch das Loch in der Wand verschwinden konnte, griff er zu, warf ihn auf den Rücken, stellte Beckengurt und Schulterriemen neu ein, ließ die Schnalle vor seinem Gürtel einrasten und machte sich auf den Weg zum Ausgang.
Seine Papiere hatte er bereits zur Hand, musste sie jedoch beim Verlassen der Ankunftshalle nicht mehr vorzeigen. Es interessierte sich auch niemand für sein Gepäck, schließlich hatte er die Europäische Union nicht verlassen, also keine Zollkontrolle mehr. Doch Anders glaubte nicht daran, dass sich Grenzen so einfach abschaffen ließen, vielmehr mussten sie sich irgendwohin verschoben haben. Vielleicht versuchten sich die Menschen untereinander mehr abzugrenzen, seit die nationalen Grenzen durchlässiger waren. Vielleicht verwischten die Grenzen zwischen den Völkern Europas aber schärfere Trennungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen schufen neue Parallelgesellschaften.
Vor Anders öffnete sich hinter zwei Schiebetüren aus Milchglas die bekannte, beliebig austauschbare Flughafenwelt. Hübsche Damen im Hosenanzug warteten vor dem Schriftzug der Autovermieter darauf, Daten zukünftiger Kunden in den Computer zu tippen, sie aus der anonymen Masse zu befreien und zum ewigen Empfänger von Werbemails zu adeln. Über den Marmorboden rollten die schweren Maschinen einer Reinigungsfirma, intensiver Zitronenduft mischte sich mit dem Aroma von Bratenfett und Kaffee. Auf langen Sitzreihen saßen Reisende, zusammengesunken, teilnahmslos, die glasigen Augen halb geschlossen. Über ihren müde hängenden Köpfen hintergrundbeleuchtete Plakate, auf denen glückliche Paare mit makellosem Lächeln und reiner Haut vor dramatischen Kulissen dinierten.
Beim Anblick dieser Bilder überlief Anders ein kalter Schauer. Es war weniger die aseptische Welt voller inszenierter Ästhetik oder die überzogene Idealisierung der Szene, die ihn unangenehm berührten. Luxuriöse Hotels, Diners von silbernen Tabletts, in englischen Gärten, dort sollte auch der gewöhnliche Lohndiener endlich die Rollen tauschen, Befehle geben, mehr Luxus erwarten und im vorgegebenen Rahmen glücklich sein dürfen. Wurde da das ultimative Ziel allen Erwerbslebens plakatiert? Ein paar Tage den Herren mimen, das sauer Verdiente ausgeben, es seinerseits mit gönnerhaftem Lächeln in Dienerhände legen dürfen? War das vorgesehen für den letzten Rest von Freiheit? Aufgelöst in einem Champagnerglas, träge und nutzlos wie ein Luftbläschen, das sich nicht so recht entscheiden kann was es vom Druck der Flasche befreit mit der neu gewonnenen Leichtigkeit seines Daseins beginnen soll und also schlingernd zur Oberfläche perlt.
Es war das angedeutete Konzept eines bestimmten Lebensentwurfs, den Anders da zwischen den Leuchtröhren hinter dem durchstrahlten Papier vermutete. Der Lebensentwurf einer ganzen westeuropäischen Generation. Rechtfertigte sie harte kontinuierliche Arbeit, Streben nach höheren Positionen und besserer Bezahlung, einzig mit der Verheißung von mehr Luxus, noch teureren Hotels, immer perfekter ausgeklügeltem Hedonismus, in einem enger und enger werdenden Zeitfenster, das sich im Laufe einer Karriere weiter schließt, bis kein Raum mehr für kreative Gestaltung bleibt, sondern nur noch für kurzfristigen, passiven Genuss, den es im Gegenzug bis ins künstlich Perfekte zu übersteigern gilt und den man dann mit Selbstverwirklichung verwechselt?
- Fünf Tage Urlaub am Stück, mehr ist nicht drin, sie wissen ja, das Projekt duldet keinen Aufschub, es verlangt nach Kontinuität!
Konnte Anders einen imaginären Chef sagen hören.
Also 6 Stunden Flug, möglichst Business-class, VIP- Transfer zum Sterne Hotel, das irgendwo auf dem Planeten stehen könnte, am Eingang verbeugt sich endlich der Chef, wenn auch nur der des Empfangs vor dem weit gereisten König, seinem zahlenden Kunden.
Gespräche werden höflich, rücksichtsvoll, gedämpft geführt, halten sich an Unverfängliches. Und dort soll es dann wohl erscheinen, das makellose Lächeln des Werbeplakates, vor der Kulisse eines farbenprächtigen Sonnenuntergangs über korrekt in Form geschnittenen Bäumen, die kein Blatt auf den grünen Rasen verlieren dürfen.
Wer sich viel leistet, muss auch viel leisten. Wer viel leistet, der will sich als Beweis seiner Leistung mit Symbolen der Macht umgeben. Eines bedingt das andere und am Ende weiß man nicht mehr, was das Leben so kostspielig werden ließ und warum man nicht mehr verzichten kann auf all die angehäuften, teuren Accessoires. Irgendwann sind die laufenden Kosten so hoch, dass man wie ein Sklave gebunden ist an monatlichen Geldfluss, an ein immer höheres Gehalt, schließlich steigen nicht nur die Bedürfnisse, sondern auch die Lebenserwartung. Das Gespenst des Alters in Armut treibt jedem Bürger den Angstschweiß auf die Stirn.
Was dort an den Sicherungen der Neonröhren herumnagt sind lebenslanger Freiheitsentzug, Gefangenschaft in einer hypothekenfinanzierten Scheinwelt auf tönernen Füßen, bestückt mit ausschließlich wohlgesonnenem Personal, das immer lächelt, solange man noch bezahlen kann. Als Entschädigung wird immer die Aussicht auf das nächst teurere Luxusprodukt versprochen.
Aber genau dieses Versprechen, so prekär es bei Licht besehen schon immer gewesen war, schien in Zeiten sinkender Löhne der Mittelschicht, gerade für die nachwachsende Bürgergeneration vor dem Berufseinstieg, zu der auch Anders gehörte, immer unrealistischer. Aber eben darin lag das Geheimnis seiner fortbestehenden Attraktivität. Das Verlangen nach einem Leben im materiellen Überfluss wurde weiter gesteigert, die Erfüllung dieses Traumes gleichzeitig immer unerreichbarer und dadurch begehrenswerter gemacht. Dieses Prinzip galt weiterhin, wenn auch die Risse im bröckelnden Selbstverständnis nicht mehr zu übersehen waren. Man bereitete sich fortwährend darauf vor, irgendwann das teurere Auto zu kaufen, irgendwann in den Traumurlaub zu gehen, den man sich immer vorgestellt hatte, bis die Ersparnisse endlich ausreichten oder dieses Irgendwann von der Angst um die gesicherte Existenz von vernünftigen Erwägungen sublimiert wurde. Aber das war unabdingbar, die Möhre vor dem Maul des Esels, damit der nicht aufhört den Karren zu ziehen. Es erinnerte irgendwie an einen Pfarrer, der von der Kanzel herab seine Schäfchen zu Sittenstrenge und Gebotstreue mahnte, mit dem Hinweis auf das jüngste Gericht und ein ewiges Leben der Tugendhaften im jenseitigen Paradies. Im Jetzt blieb nur Mühsal, Effizienz, immer weniger Zeit für immer mehr Aufgaben, die Luft wurde dünner, das Atmen fiel schwerer, die Konkurrenz, global, sitzt dir millionenfach im Nacken, keine Heilsversprechen mehr, nur noch Qual ohne Kompensation. Der Zenit des selbstmörderischen Wachstums war überschritten, die Zukunft der Menschen war eine asketische oder keine, eine Reihe von Entbehrungen die es galt nicht mehr als solche aufzufassen.
Das sollte folgen für Anders’ Altersgenossen, die wie er ein Studium oder eine Lehre abgeschlossen hatten und sich nun eingliedern sollten in ein System, das im Begriff war, seine immanente Rechtfertigung zu verlieren oder sie schon verloren hatte? Arbeit ja, aber wer quält sich, wer verkauft sich noch dafür, wenn nur immer mehr Arbeit in kürzerer Zeit die Folge ist?
Was es wie jeher gab, was es immer geben würde, war der trockene, ökonomische Zwang zur Erwerbsarbeit. Anders’ Vater würde sagen:
- Irgendwie muss man sich seine Brötchen verdienen.
Dagegen war nichts einzuwenden. Mit diesem Satz hatte er bereits eine aufkeimende Diskussion um seine Haltung während der geistigen Umwälzungen der so genannten 68er beendet. Auf die Frage, wie er denn zu den studentischen Bewegungen seiner Generation gestanden hatte, folgte eben jene Brötchen-Antwort, oder hatte er von Kreuzern gesprochen, die es zu verdienen gelte? Aus diesem Grund habe er keine Zeit für solcherlei Firlefanz gehabt. Dem damals gerade volljährigen Anders fiel nicht viel als Antwort ein, er war verstummt vor so viel lebensechter Rechtschaffenheit. Und es dämmerte ihm immer mehr, vielleicht war es eben doch der Weisheit letzter Schluss. Ob der lepröse Bettler in Kalkutta oder der Investmentbanker in Shanghai, sie alle mussten essen, sich irgendwie ihre Brötchen verdienen. Ein Naturgesetz, unumstößlich. Aber was der Ausspruch in diesem Kontext implizierte war: Brötchen verdienen funktioniert nur um den Preis der Unterordnung und Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten.
Heute würde er seinem Vater mit dem Beispiel vieler Alt- 68er vor Augen, die ihren linksintellektuellen, revolutionären Pathos zuerst in den Dienst ihrer libidinösen Begierden stellten und später als rhetorische Streitaxt im Kampf gegen berufliche Gegner einsetzten, die Frage wohl nicht mehr in Erwartung einer Art Rechtfertigung für das schuldhaftes Unterlassen nicht dabei gewesen zu sein stellen. Waren die meisten auf alternativen Pfaden über Protestaktionen, Widerstandsbewegungen, Umsturzphantasien und Weltverbesserungsambitionen ebenso wie sein Vater in der Vorstadtidylle gelandet. Die Ideale aus der Vergangenheit reduziert zu verklärten Versatzstücken einer nostalgieüberfrachteten Erinnerung von Jugend. Andererseits, was gab es daran schon auszusetzen?
Anders würde sich bald diesem einfachen Gesetz, das so alt war wie die Menschheit, beugen. Auch er würde Verpflichtung und Verantwortung übernehmen und sich in Zwänge und Abhängigkeiten begeben, die in der Folge gewisse Denkverbote vorschrieben. Nur stetig steigender Wohlstand, ein unbefristeter Arbeitsvertrag und eine gesicherte Altersversorgung waren Vergangenheit. Anders stand in offener Konkurrenz mit einer globalisierten Mittelschicht, die über Ländergrenzen hinweg miteinander um Arbeit und Wohlstand rang. Festanstellung würde selten sein, unterbrochen durch Phasen der Suche nach Arbeit, Orientierung in neuen Berufsfeldern, in fremden Kulturen und Gesellschaften. Löhne würden unregelmäßig fließen und zurückgehen. Um zu seinem Geld zu kommen, würde es nicht mehr ausreichen, seinen Job gut zu machen, ehrlich und auf höchstem Niveau, wie es sein Vater getan hatte. Die großen Verteilungskämpfe hatten längst begonnen, man würde kämpfen, streiken müssen, sich wehren gegen weitere Kürzungen und Entlassungen, gegen den Abfluss des Kapitals. Die einzige Chance zum Ausbruch aus dieser Misere war es möglichst schnell selbst zum Entscheider, selbst zum Sanierer, zum Hai zu werden.
Orientierung würde nicht mehr ein sich Einfinden in ein neues Aufgabenfeld innerhalb eines Berufes bedeuten, sondern völlige, radikale Umorientierung, Neuausrichtung. Lebensentwürfe würden nur begrenzt haltbar sein, Biographien Schlingerkurse, Verankerungen nur auf schlammigem Grund gelegt. Die Nachfrage war flüchtig und verlagerte sich mit den Geldströmen, die in Glasfaserkabeln um den Planeten flossen; die Menschen mussten ihren technisierten Geschöpfen ähnlich werden, um neben ihnen zu bestehen.
Nackter ökonomischer Zwang gepaart mit dem gesäuselten Heilsversprechen des Erfolgs: So ist es bereits gewesen, so war es eigentlich immer schon, nur ist jetzt die Fassade eines Sicherheitsversprechens zerbrochen und man macht wieder einmal kleine zaghafte Schritte in Richtung der wahren, unerbitterlichen Natur des Lebens, zu Vergänglichkeit und Unvorhersehbarkeit, hinein ins Wüten des Geschicks.
Es mochte ihm so vorkommen als sei im deutschen Gesellschaftssystem die Verarmung außerhalb des Materiellen so weit fortgeschritten, dass die Menschen dem Zerfall dieser Rechtfertigungsgrundlage schutzlos ausgeliefert waren. Ohne fassbare und sichtbare Prosperität war man buchstäblich Nichts, was bildlich gesprochen nicht unbedingt einer Katastrophe gleichkäme, hätte man den Umgang mit Leere als allgegenwärtigem Element des Lebens gelernt.
Jede Generation hat ihre höchst eigenen Herausforderungen zu bestehen, alles änderte sich bis auf die Gesetzmäßigkeit der Gesetzlosigkeit, mit der das Leben sich beharrlich weigerte nach menschlichen Vorhersagen und Berechnungen zu funktionieren.
Anders befand sich wie seine Generation in einer Art Zwischenwelt; er war kein Student mehr, hatte aber auch noch keine Berufsbezeichnung, er war also gesellschaftlich nicht definierbar, eben Einer im Übergang, in der Schwebe, von der einen Institution entlassen und von der anderen noch nicht aufgenommen. Die Vergangenheit war definitiv vorüber, die Zukunft hatte noch nicht begonnen. Anders’ ehemalige Kommilitonen der Psychologie würden die Denkerstirn in Falten legen und mit besorgter Miene vielleicht von Studien-End- Melancholie vielleicht sogar Depression sprechen. Er war von vielem frei, vollkommen seinen hin und her mäandernden Gedanken ausgesetzt. Jetzt war wieder so eine Zeit, ähnlich der nach dem Abitur, einer Zeit da noch alles möglich schien, Entscheidungen noch beeinflussbar, alternativenschwanger im Gewitterhimmel der Inspiration herumgeisterten.
Was machte er gerade aus dem letzten Rest seiner Freiheit und warum schien sie ihm verteidigenswert? Da war der Drang in die Ferne, stärker als der Impuls sich im Rennen um Wohlstand zu positionieren, der Versuch zur Flucht aus einer gewohnten Umgebung, aus bekannten Verhältnissen in die Fremde, in die Haut eines anderen, ins Unbekannte. Diese Lust in Gedanken an die bevorstehende Reise, in unerforschte (Gedanken) Welten, der bevorstehende Ausbruch aus überdrüssiger Gewöhnlichkeit in ein offenes Meer der Haltlosigkeit. Anders war voller Vorfreude auf den baldigen Über- oder Untergang in diese Sphäre der fortwährenden Bewegung, dieses tobende Leben, in dem Ankunft und Abschied eins waren. Bald würde er wieder ein Ausgelieferter sein. Den Eindrücken ausgesetzt, die in einen wachen Geist drangen, dem Leben preisgegeben, das von seinem grauen Alltagsschleier befreit von draußen vielfach gebrochen ins Innere drang, um sich dort wundersam auszugestalten. Ein Impuls, ein Gedanke, eine Bewegung - vielleicht eine Richtung für Minuten - für Tage gar - ein schemenhafter Lebensentwurf schwebte durch den verwundbaren Geist, bevor er sich in einer weiteren Wahrnehmung auflöste. Alltägliche Impressionen erhielten tiefe Bedeutung, Kleinigkeiten vergrößerten und verzerrten sich, als betrachte man die Welt durch eine Lupe.
Wenn er sich ein so hohes Maß an Entgrenzung ausmalte überwältigte ihn oft Nervosität, die sich meist wenige Tage vor einer physischen Abreise einstellte. Da war die Angst vor zu viel Freiheit, vor den ersten Schritten in eine neue, unbekannte Welt, wo er alleine sein würde, ausgeliefert und doch wieder abhängig von so vielen unvorhergesehenen Umständen. Anders ging trotzdem, saß mit klopfendem Herzen im Flugzeug oder in einem anderen Fortbewegungsmittel und versuchte, sich in seine Lektüre zu vertiefen. Mit zunehmender Entfernung vom Ausgangspunkt wurden die Gesichter fremdartiger, die Sprachen unverständlicher, Blicke länger, Münder öffneten sich voll Staunen und Neugier. Anders saß unter Fremden, schaute abwechselnd aus dem Fenster in die vorbeiziehenden Landschaften und in die Runde der Reisenden. Anders versuchte sich vorzustellen, welche Bilder von ihm wohl in den Köpfen existieren mochten und ob sie eher zutrafen als die Vorstellung, die er sich von sich selbst machte. Umgekehrt versuchte er in Biographien vorzudringen, versuchte Menschen auch jenseits der Worte zu verstehen.
Was er bisher nur während der Semesterferien, nach Praktika oder Hausarbeiten hatte tun können, das war ihm seit Abschluss seines Studiums jederzeit und unbeschränkt von anwesenheitspflichtigen Vorlesungen und Kursen möglich. Seine Reise nach dem definitiven Ende, dem diplomierten Finale, der bescheinigten Kompetenz zur Ausübung eines ernährenden, gesellschaftsfähigen Gewerbes, zum Eintritt in ein Leben voller Bilanzen, Bürokratie und Stempelkarten, war anders. Noch rief ihn nichts zurück, kein ungehaltener Arbeitgeber, keine wartende Freundin, keine Freunde, kein unerwarteter Tod eines Angehörigen, kein Vertrag, der erfüllt werden sollte. Zeit dazu, die Welt mit ihren mannigfaltigen menschlichen Lebensentwürfen unter den unterschiedlichsten Bedingungen in vollen Zügen aufzusaugen. Im winterlichen Stockholm würde er freier denn je sein. Er war ohne Sinn und Zweck ausgezogen, er würde vor allem Zeit haben, die Gedanken mehr oder minder lustvoll schweifen zu lassen, wach und aufnahmebereit in Absichtslosigkeit und Muße die Welt betrachten.
Mit seinen Zweifeln an materieller Höherentwicklung als Daseinsberechtigung war Anders auf der Suche nach Alternativen, wie viele vor ihm, auf Indien gestoßen.
