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Der Musikwissenschaftler Jonathan Gut kommt nach Venedig, zwei Wochen vor dem Karneval. In seiner Manteltasche steckt sein Lieblingsbuch – poetische Prosa eines russischen Dichters über die Lagunenstadt. Die Musik von Vivaldi und die Bilder von Tintoretto üben auf ihn eine grosse Faszination aus. Doch der Hauptgrund seiner Reise ist die Suche nach den Spuren von Susanna, die er in dieser Stadt vor dreißig Jahren kennengelernt hatte. Die frisch Verliebten genossen hier miteinander unvergessliche Tage. Bevor Susanna nach Deutschland zurückkehrte, versprach sie, Jonathan bald anzurufen. Doch sie hielt ihr Versprechen nicht, und er sah sie nie wieder. In der Stadt begegnet Jonathan dem alten Chirurgen Jakob Kräftig aus Hamburg. Dieser kennt sich in den Geheimnissen der Lagunenstadt und deren Bewohner gut aus. In seinem Gefolge wird Jonathan vom Sog beunruhigender Ereignisse mitgerissen. Zunehmend verliert er den Boden unter den Füßen, und die Grenze zwischen Traum und Realität löst sich im Nebel auf. Wo endet die Wirklichkeit und wo beginnt die Einbildung? Ist das Leben nur eine Täuschung, versteckt hinter der Maske der Realität? Hängt es einzig von unseren Entscheidungen ab, ob sich unser Schicksal als ein guter oder schlechter Traum entwickelt? Oder ist alles nur ein Spiel, dessen Regeln auf dem Gesetz des Zufalls basieren?
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Vladislav Jaros
Novelle
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Impressum
© 2023 Edition Königstuhl
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert werden, insbesondere nicht als Nachdruck in Zeitschriften oder Zeitungen, im öffentlichen Vortrag, für Verfilmungen oder Dramatisierungen, als Übertragung durch Rundfunk oder Fernsehen oder in anderen elektronischen Formaten. Dies gilt auch für einzelne Bilder oder Textteile.
Bild Umschlag:
Maria Julia Martinez, unsplash.com
Gestaltung und Satz:
Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Bern
Lektorat:
Walburga Glaremin
Druck und Einband:
CPI books GmbH, Ulm
Verwendete Schriften:
Adobe Garamond Pro, Mark Narrow
ISBN 978-3-907339-32-9
eISBN 978-3-907339-72-5
Printed in Germany
www.editionkoenigstuhl.com
Vladislav Jaros, geboren in Karlsbad (Tschechien), lebt und arbeitet als freischaffender Musiker, Komponist und Schriftsteller in der Schweiz. Musik- und Kompositionsstudium. Mehrere seiner Werke wurden produziert und ausgestrahlt vom Schweizer Radio DRS II. Mitglied des Schweizerischen Tonkünstler- und Schriftstellervereins (Bern). Drei Romane, zahlreiche Kurzgeschichten und Essays in Anthologien und Literaturzeitschriften.
© axp photography,
unsplash.com
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Jonathan hatte sich im Labyrinth der verzweigten Gassen verlaufen und hoffte, bald den Weg zum Canal Grande zu finden. Plötzlich vernahm er Schritte. Er blieb stehen, drehte sich um. Eine Gestalt im langen schwarzen Mantel verschwand durch eine Tür. Es ging so schnell, dass er nicht sicher war, ob er sich das nicht bloß eingebildet hatte. Die Gasse vor ihm gähnte vor Leere, und er fragte sich, woher seine innere Unruhe kam? Warum sollte ausgerechnet ihn jemand verfolgen? Wer konnte hier Interesse an ihm haben? Er ging weiter, aber das bedrückende Gefühl ließ ihn nicht mehr los. Die engen Gassen führten ihn oft nur zu einem der zahlreichen Seitenkanäle. Manchmal endeten sie auf einer Piazza und es blieb ihm nichts anderes übrig, als umzukehren und bei der nächsten Kreuzung eine andere Richtung einzuschlagen. Er bereute es, keinen Stadtplan mitgenommen zu haben. Das hätte ihm das mühsame Herumirren erspart. An einem Kanal blieb er stehen und überlegte wie weiter. Schließlich entschloss er sich, dem Kanal entlang weiterzugehen.
Langsam neigte sich der Tag zu Ende. Wie ein weiches dunkelgraues Seidentuch senkte sich die Winterdämmerung auf die Lagunenstadt. Einige Möwen zankten sich um Abfälle am Rande des Kanals. Das schrille Kreischen der Vögel hallte überm Wasser und wurde von den Mauern der Häuser verstärkt reflektiert. Ein kalter Dunst lag über dem Kanal und es fing an zu regnen. Ein leichter Nieselregen. Jonathan steckte seine Hände in die Manteltaschen. Eine Melodie aus Vivaldis Le Quattro Stagioni erklang in seinem inneren Ohr. Er fing an, im Rhythmus seiner Schritte das Thema des zweiten Satzes aus dem Werkabschnitt Winter zu summen. Nur ganz leise. Das Largo, in dem Vivaldi den Klang des Regens mit Pizzicato-Begleitung in den Violinen geschickt nachahmt, fand Jonathan schon immer faszinierend. Die Melodie berührte ihn jedes Mal, wenn er sie im Konzert hörte. So auch jetzt, an diesem kaltfeuchten Wintertag, obschon sie nur in seinem Kopf erklang.
Jonathan war vor knapp einer Woche in die Serenissima gekommen, wie Venedig von den Venezianern liebevoll genannt wird. Auf gewisse Fragen, die ihn seit Jahren beschäftigten, hoffte er hier eine Antwort zu finden. Es war eine Art Suche nach vergangener Zeit, nach den Spuren einer Geschichte, die mit dieser Stadt eng verbunden war. Er hatte in einem Hotel gebucht, das direkt am Canal Grande lag. Das Zimmer war klein und spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein winziger Kleiderschrank, ein enges Badezimmer mit Waschbecken, Dusche und Toilette. Das reichte ihm. Mehr brauchte er nicht. Er war nicht anspruchsvoll. Durch das Fenster sah man Gondeln, Motorboote und Vaporetti auf dem Wasser vorbeifahren. An den Abenden, wenn der Schlaf nicht kommen wollte, betrachtete er den Verkehr auf dem Kanal. Die Vaporetti fuhren bis weit nach Mitternacht. Uralte Laternen auf der anderen Seite des Kanals warfen gelbe Lichtkegel aufs Wasser. Jedes Mal, wenn ein Boot vorbeifuhr, zerbrach das Licht auf der Wasseroberfläche in unzählige Lichtsplitter, die auf den schwarzen Wellenkämmen unruhig tänzelten. Seine Schlaflosigkeit war für ihn neu. Normalerweise konnte er überall einschlafen. Ob es nun an der feuchten Kälte oder an seinen Erwartungen lag, vermochte er nicht zu sagen. Mit seinen vom Schlafmangel geröteten Augen sah er das Wasser im Kanal und die modernden Palazzi mit abblätterndem Verputz unscharf wie die Impressionen von Monet, bei denen der atmosphärische Eindruck überwiegt. Venedig, dachte er, die ewige Metapher der Vergänglichkeit.
Am frühen Nachmittag hatte er den Lido besucht. Langsam schlenderte er über den menschenleeren, von unzähligen zerbrochenen Muscheln übersäten Strand, Muscheln verschiedener Formen, in deren Perlmutt blaue und rosa Träume schlummerten. Die Wellen der Brandung schlugen mit ihren eiskalten Fäusten auf den Strand ein, wo sie sich in formlosen Schaum verwandelten. Der Himmel war verhangen mit einer dunkelgrauen Wolkendecke und die Meerlandschaft in düsteres Licht getaucht. Die melancholische Atmosphäre erinnerte Jonathan an das Gemälde Gondola sulla Laguna Grigia von Francesco Guardi, welches er vor langer Zeit in einem Museum in Rom gesehen hatte. Es war ein Sinnbild der Einsamkeit.
Die Muscheln zerbrachen unter seinen Schuhsohlen mit einem leisen, knirschenden Geräusch. Es klang wie Schritte auf dünnem Eis, das unter dem Gewicht des Spaziergängers durchbricht. Ein eisiger Wind blies vom Meer her, was ihn dazu bewog, den Strand schon nach einer Stunde zu verlassen. Er durchquerte verschiedene Quartiere, wartete auf eine Regung in seiner Seele, auf ein Erwachen verschütteter Bilder oder Gefühle, aber außer unerträglicher Leere und feuchter Kälte, die ihm in die Knochen kroch, spürte er nichts.
Noch vor Kurzem lagen einige Stadtteile unter Wasser. Aqua Alta, die alljährlichen Überschwemmungen. Im Spätherbst habe es ungewöhnlich viel geregnet, vernahm er von einem Verkäufer in einem Souvenirladen. Das Wasser sei so hoch angestiegen, dass man über die Piazza San Marco habe bootfahren können. Einmal sei es dermaßen kalt gewesen, dass sich auf der Hochwasseroberfläche eine fingerdicke Eiskruste gebildet habe. Die Einwohner hätten sich gezwungen gesehen, sie mit Schaufeln zu zerschlagen, um mit dem Boot durchzukommen.
Die Venezianer sind es gewohnt, die Wetterkapriolen des Winters stoisch hinzunehmen. Sie kennen die Spielchen der Natur während der Aqua Alta seit je. Mit hohen Gummistiefeln und Regenschirm ausgerüstet, waten sie durchs Wasser, das ihnen zuweilen bis zu den Hüften reicht, und warten auf eine Entspannung der Wetterlage. Es ist einfach so, daran lässt sich nichts ändern. Das Leben geht weiter.
Das Wasser hatte sich bereits zurückgezogen, aber die Mauern der Palazzi und die Steinplatten der Fußwege blieben feucht und glitschig. Hier und dort lagen in den Gassen immer noch Bretter aufgeschichtet, über die man das Wasser an den tieferen Stellen hatte überqueren können. Man würde sie bald in den Abstellräumen verschwinden lassen, die Besucher sollten sich nicht weiter daran stören. In ein paar Tagen würde der Carnevale di Venezia anfangen und den Maskennarren aus aller Welt durfte beim Herumtollen nichts im Wege stehen. Da musste die Lagunenstadt aufgeräumt und herausgeputzt aussehen, um bei den Touristen einen bleibenden guten Eindruck zu hinterlassen.
Jonathan zitterte am ganzen Körper. Und er wusste nicht, ob das Zittern von der Kälte oder von der bedrückenden Stimmung hervorgerufen wurde. Wahrscheinlich von beidem. Was er jetzt unbedingt brauchte, war ein heißes Getränk. Aber das erwies sich als ein Problem. Die Restaurants, an denen er vorbeiging, waren alle geschlossen. An einem der Kanäle fand er endlich eine offene Bar. Es war ein kleiner länglicher Raum, in dem ein paar alte Venezianer an einem Tisch saßen, Wein tranken und sich laut unterhielten. Als Jonathan eintrat, brach das Gespräch sogleich ab. Schweigend musterten sie ihn eine Weile. Dann wandten sie sich von ihm ab und ihre Stimmen füllten die Bar von Neuem. Jonathan setzte sich nah am Fenster an einen Tisch.
«Was wollen Sie trinken?», rief ihm der Wirt von der Theke zu.
«Un té e una grappa, per favore», antwortete Jonathan mit erhobener Stimme, weil er befürchtete, der Wirt könnte ihn sonst in dem Stimmenwirrwarr nicht verstehen.
Vor Jahren hatte Jonathan Italienischunterricht genommen. Jetzt freute es ihn, dass er den Gesprächen der Einheimischen einigermaßen folgen konnte. Der Wirt nickte und Jonathan blickte aus dem Fenster. Durch die leicht angelaufenen Fensterscheiben konnte man den Kanal sehen. Kaltes Winterlicht fiel auf die Wasseroberfläche und übersäte sie mit winzigen eisblauen Pinselstrichen. Vereinzelte Schneeflocken schwebten in der Luft, landeten auf dem Wasser und lösten sich auf. Blaue Dämmerung hielt die Stadt in ihrer Umarmung. Ab und zu tuckerte ein Motorboot vorbei und die Oberfläche des undurchsichtigen, fast schwarz anmutenden Wassers geriet in Bewegung. Kleine Wellen breiteten sich fächerartig hinter dem Boot aus und leckten an den Wänden der Häuser. Die leisen, plätschernden Geräusche konnte man im Restaurant selbst bei geschlossenen Fenstern vernehmen. Jonathan schaute auf seine Armbanduhr. Erst halb fünf und schon fast dunkel, dachte er.
Der Wirt brachte die Getränke, stellte sie auf den Tisch.
«Che freddo oggi!», sagte er mit heiserer Stimme, ohne Jonathans Antwort abzuwarten, als hätte er keine Lust, mit ihm zu reden. Jonathans Mundwinkel verzogen sich zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. Der Italiener war ihm trotzdem sympathisch. Seine authentische, schroffe Art und sein schwerfälliger Gang gefielen ihm. Er goss den Grappa in den Tee, warf zwei Würfel Zucker hinein und rührte mit dem Löffel in der Tasse, bis sie sich auflösten. Schon nach dem ersten Schluck spürte er eine wohltuende Wärme, die sich in seinem Körper ausbreitete, und die Welt kam ihm sofort etwas freundlicher vor. Unter den Einheimischen fühlte er sich wohl, selbst wenn sie ihm keine Beachtung schenkten.
Nur mit einem Koffer in der Hand und dem Buch eines russischen Dichters über dessen neunzehn Venedig-Aufenthalte in der Manteltasche war Jonathan in der Lagunenstadt angekommen. Der Titel der deutschen Übersetzung des Textes passte gut zu Jonathans Reise, selbst wenn er mit demjenigen der Originalausgabe nicht ganz übereinstimmte. Der Dichter hatte einen italienischen Namen für seinen Band gewählt, obschon er es auf Englisch geschrieben hatte. Vielleicht wollte er damit seine Liebe zu Venedig unterstreichen. Der deutsche Titel gefiel Jonathan besser, weil er ihn an seine selbst gewählte Einsamkeit erinnerte. Er kam sich verloren vor, und wenn es keine Musik und Literatur gäbe, die ihn vom Alltag ablenkten, hätte er hinter sein monotones Leben längst einen Punkt gesetzt. Das Reisen trug maßgeblich zur Aufhellung seines grauen Daseins bei. Es brachte ihm willkommene Abwechslung und verscheuchte für eine Weile die dunklen Geister aus der Vergangenheit, die ihn immer wieder heimsuchten. Er zog das Buch aus seiner Manteltasche und legte es auf die Tischplatte. Unbewusst fuhr er mit den Fingerspitzen über den Buchumschlag, auf dem man eine verwitterte Ziegelmauer, drei Fenster mit grünen Läden, darunter ein typisch venezianischer Kanal mit stillem Wasser und die dunkle Silhouette eines verloren wirkenden, auf einer kleinen Brücke stehenden Mannes sehen konnte. Ob dieser dort stehen geblieben war und ins trübe Wasser des Kanals schaute oder ob er nur die Brücke überqueren wollte, war nicht erkennbar. Beides war möglich. Bei einer genaueren Betrachtung konnte man drei oder vier Schritte hinter ihm eine zweite Männersilhouette erkennen, die, von einer Hausecke halb verdeckt, den Eindruck eines ihn verfolgenden Schattens erweckte. Die gelungene Komposition verlieh der Fotografie eine bedrohliche Atmosphäre, eine seltsame Spannung und gleichzeitig etwas zutiefst Irritierendes. Jedenfalls regte sie die Fantasie des Betrachters an. Handelte es sich da um den Autor auf der Brücke, den jemand auf seinen Wunsch abgelichtet hatte? Möglich. Aber es konnte genauso gut ein Schnappschuss eines Fremden sein, der dem Fotografen zufällig vor die Linse lief und der Verlag wählte ihn aus der Flut der Venedigbilder für den Umschlag aus, weil das Foto zum Thema des Textes besonders gut passte. Aber es war auch durchaus möglich, dass der Fotograf den Auftrag bekam, ein Foto zum Thema Verloren in der Lagunenstadt zu machen, und er erledigte diesen mit der ihm eigenen Professionalität.
Jonathan öffnete das Buch, fing an zu lesen. Die eigenartige Stimmung des Textes machte ihn fast süchtig; er konnte in sie eintauchen und alles um sich herum vergessen. In einer venezianischen Bar sitzen mit diesem Buch in der Hand und heißen Tee mit Schnaps trinken, genauso stelle ich mir das Paradies vor, hatte er einmal einem Universitätskollegen gesagt und ihm den Band gezeigt. Dieser hatte sich die Fotografie auf dem Umschlag angesehen und geschmunzelt. Dann hatte er ihm ohne Kommentar auf die Schulter geklopft und gedacht, dass Jonathan wieder einmal ein bisschen übertrieb. Er hatte sich das Paradies völlig anders vorgestellt. Doch Jonathan hatte es ernst gemeint.
Obschon er das Buch mehrmals gelesen hatte und einige Passagen daraus inzwischen auswendig kannte, blätterte er immer wieder darin und fand jedes Mal etwas Neues, entdeckte eine neue Schicht, die ihm bisher entgangen war. Es war die Vielschichtigkeit der poetischen Prosa dieses Russen, die ihn faszinierte und die eindrücklich belegte, dass dieser ein begnadeter Dichter war. Für seine Lyrik war er mit etlichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden. Der Text hatte ebenso viele Nuancen wie das Wassers in Venedigs Kanälen Grüntöne aufwies, deren Schattierungen sich je nach Witterung andauernd veränderten. Es gab keine plausible Erklärung, warum ihn die Werke dieses Dichters so tief berührten. Ob es an der originellen Wortwahl, am Rhythmus, an der Form oder am Undefinierbaren zwischen den Zeilen lag, konnte er nicht mit Gewissheit feststellen. Diese Sprache wirkte auf ihn wie eine Droge. Aber es konnte auch daran liegen, dass das Buch in ihm Erinnerungen an glückliche Tage wachrief, die er vor Jahren in der Lagunenstadt erlebt hatte. Tage, die er nicht vergessen konnte, obschon er sie noch so gern vergessen hätte, weil sie ihm vor Augen führten, dass der Mensch in seinem Leben manchmal sehr glücklich sein kann. Es handelt sich meist um kurze Zeitabschnitte, die schnell vorbeifließen. Dann kommt ein graues Dasein ohne Höhe- und Tiefpunkte, das mehr einem ziellosen Irren im dichten Nebel ähnelt als einem bewusst gelebten Leben. Und es ist eine schmerzhafte Erfahrung, wenn man sich der trostlosen Eintönigkeit des eigenen Alltags bewusst wird. Ins Buch vertieft, trank Jonathan ab und zu einen Schluck Tee. Dabei merkte er nicht, dass die Stadt allmählich in der Dunkelheit versank.
Die Stimmen in der Bar waren in der Zwischenzeit verstummt. Jonathan warf einen Blick zur Theke. Der Wirt stand immer noch an der gleichen Stelle wie vorher. Gelangweilt fuhr er mit einem Lappen über die Theke, um der Zeit ein Schnippchen zu schlagen und der Theke zumindest ein bisschen Glanz zurückzugeben. Die Gäste hatten die Bar verlassen, ohne dass Jonathan es bemerkt hatte. Es ist auch für mich an der Zeit zu gehen, dachte er, klappte das Buch zu, steckte es in seine Manteltasche und verlangte die Rechnung. Der Wirt ließ nicht lange auf sich warten. Jonathan gab ihm ein angemessenes Trinkgeld und stand auf.
«Arrivederci», sagte er.
Der Wirt steckte das Geld ein und nickte schweigend. Jonathan fragte, ob er ihm den Weg zur Ponte dell’Accademia erklären könnte. Erstaunt sah ihn der Wirt an, als hätte er den Verdacht, dass Jonathan ihn auf den Arm nehmen wolle. Offensichtlich fiel es ihm schwer zu begreifen, dass jemand zu dieser Tageszeit mit solchen überflüssigen Fragen kommen konnte. Als er jedoch merkte, dass Jonathan es ernst meinte, erbarmte er sich.
«Die Brücke ist nur einen Steinwurf von hier entfernt», sagte er grinsend.
Etwas beschämt erklärte Jonathan, er habe im Labyrinth der Gassen die Orientierung verloren und wisse nicht, in welchem Quartier er sich befände.
Mit ein paar Strichen zeichnete der Wirt eine einfache Stadtkarte auf ein Stück Papier. Den Ort, an dem sich die Bar befand, markierte er mit einem kleinen Kreuz. Mit einigen Pfeilen bezeichnete er schließlich den direkten Weg zur Ponte dell’Accademia.
«Folgen Sie den Pfeilen und Sie können die Brücke unmöglich verfehlen», sagte er.
Jonathan bedankte sich. Mit der provisorischen Karte in der Hand verließ er die Bar. Nach der Zeichnung zu schließen, musste sich die Brücke tatsächlich ganz in der Nähe befinden. In den spärlich beleuchteten Gassen bestand trotzdem die Gefahr, den Weg zu verlieren, wenn man nicht gut aufpasste. Die Orientierung war nie seine Stärke gewesen. Er hielt sich strikt an die vom Wirt gezeichneten Pfeile und gelangte bald zum Canal Grande. Schon von Weitem sah er die Ponte dell’Accademia. Er atmete auf. Jetzt war es nicht mehr weit bis zu seinem Hotel.
Der Concierge hob den Kopf von einem Modemagazin, mit dem er sich die Arbeitszeit zu verkürzen schien. Er schaute Jonathan an, als wollte er ihn am liebsten wieder hinausschicken. Es war offensichtlich, dass er die Zeitschrift interessanter fand als den Fremden, der aus der Kälte kam. Durch die dicken Brillengläser sahen seine Augen unnatürlich groß aus. Sie erinnerten Jonathan an Froschaugen.
«Haben Sie sich die Schönheiten unserer Stadt angeschaut?», fragte der Concierge gezwungen lächelnd. Bevor er noch etwas beifügen konnte, öffnete sich die Tür. Ein alter Mann kam in die Hotelrezeption.
«Come va?», fragte der Concierge.
«Va bene», sagte der Alte, aber es klang nicht besonders überzeugend.
Der Concierge wandte sich an Jonathan.
«Dieser gute Mann hat hier lange gearbeitet. Bis zu seiner Pension. Vierzig Jahre stand er an der Rezeption dieses Hotels. Ich bin sein Nachfolger.»
«Tatsächlich!», rief Jonathan, ohne ihn anzusehen.
«Waren Sie nicht schon einmal hier?», fragte der Alte plötzlich.
«Ja, aber das ist schon sehr lange her», sagte Jonathan.
«Interessant», sagte der Alte. Aufmerksam schaute er Jonathan eine Weile ins Gesicht. «Als ich Sie sah, hatte ich sofort das Gefühl, dass ich Sie schon einmal gesehen habe. Mein Gedächtnis für Gesichter ist ausgesprochen gut. In unserem Metier ist das von Vorteil, denn so kann man Gäste, die schon einmal im Hotel waren und nach einem oder zwei Jahren wiederkommen, mit dem Namen ansprechen. Das kommt immer gut an. Sie sind überrascht und fühlen sich geschmeichelt, dass man sich an sie noch erinnert. Wenn ich mich nicht täusche, waren Sie damals in Begleitung einer Dame mit rotblondem Haar, nicht wahr?»
Etwas beunruhigt schaute Jonathan ihn an. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass sich der Alte nach so langer Zeit an ihn erinnern konnte.
«Es tut mir leid, aber Sie irren sich. Ich war allein hier», sagte er ungeduldig. «Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen, Signori, ich habe zu tun.»
«Aber natürlich, Signore, ich habe nicht vor, Sie lange aufzuhalten», sagte der Alte, «Sie müssen mir verzeihen, aber ich bin ziemlich sicher, dass Sie damals nicht allein hier waren. Die Frau hatte ein auffallend schönes Gesicht. Ich sehe sie immer noch vor mir, wenn ich die Augen schließe. So ein Gesicht vergisst man nie wieder.»
«Anscheinend wissen Sie es besser als ich», sagte Jonathan schroff. «Ich wünsche einen angenehmen Abend, meine Herren.» Er hatte keine Lust, mit ihm weiter zu diskutieren, nahm seinen Zimmerschlüssel entgegen und ging.
Der Concierge sah ihm kopfschüttelnd nach und Jonathan hörte, wie er zum Alten sagte: «Pazzi stragnieri. Sie kommen nach Venedig und benehmen sich, als ob sie keine Erziehung genossen hätten. Wahrscheinlich hatte er auch keine», lachte er und dieser ließ sich von seinem Lachen anstecken.
Als Jonathan die Zimmertür aufsperren wollte, merkte er, dass sie nicht abgesperrt war. Er öffnete die Tür und zuckte zusammen. Am Fenster stand ein Mann im blauen Overall.
«Was haben Sie hier zu suchen?», rief Jonathan empört.
Der Handwerker drehte sich ruhig um.
«Nur keine Panik. Ich habe bloß nachgeschaut, ob der Heizkörper funktioniert», sagte er. «Alles in Ordnung. Ich bitte um Verzeihung, falls ich Sie erschreckt habe. Ich habe den Auftrag bekommen, die Radiatoren im ganzen Hotel zu prüfen. Hat der Concierge Sie darüber nicht informiert?»
«Nein.»
«Nicht mein Fehler», sagte der Mann im Overall trocken.
«Ich frage mich, wieso Sie Ihre Arbeit nicht tagsüber erledigen können? Das wäre doch das Normale oder etwa nicht?»
«Ich muss meine Arbeit machen, wann ich kann. Seit ein paar Tagen werde ich mit Aufträgen überhäuft. Deswegen bin ich überlastet. Es gibt viele Hoteliers in Venedig, die noch vor dem Carnevale ihre Heizungen überprüfen lassen wollen, damit alles gut funktioniert, wenn die Gäste aus aller Herren Länder anreisen. So, jetzt bin ich fertig. Dauerte ja auch nicht lange. Ich wünsche Ihnen einen besonders ereignisvollen Aufenthalt in Venedig, Signore!»
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.
Jonathan sperrte hinter ihm die Tür ab und ließ den Schlüssel im Schloss stecken. Eine Weile stand er da und blickte geistesabwesend auf die Wand. Es fiel ihm auf, dass der Handwerker im letzten Satz die Worte «besonders ereignisvollen Aufenthalt» unnatürlich stark betont hatte. Sie klangen fast wie eine Drohung. Sein Herz schlug wild. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, öffnete er seinen Koffer. Auf den ersten Blick erkannte er, dass jemand darin herumgewühlt hatte. Er kontrollierte den Inhalt. Es fehlte nichts. Dann nahm er eine kleine Schachtel mit Medikamenten und eine gerahmte Farbfotografie heraus. Er steckte eine Tablette in den Mund und spülte sie mit einem Glas Wasser hinunter. Die Fotografie, auf der eine junge, attraktive Frau abgelichtet war, stellte er auf den Tisch und betrachtete sie eine Weile. Recht hatte er, der komische Alte, dachte er missmutig, sie hatte rotblondes Haar, eine prächtige Löwenmähne … Er zog seinen Mantel aus, hängte ihn an einen Kleiderbügel. Dann legte er sich aufs Bett und schloss die Augen.
Unter dem bedeckten Himmel sah der Canal Grande rabenschwarz aus. Die Palazzi entlang des Kanals wuschen ihre alten verwitterten Füße im trüben Wasser. Das Bild wirkte wie eine Theaterkulisse für ein Drama. Die Historie dieser Stadt ist voller Tragödien, dachte Jonathan. Jeder Ziegelstein in den Hausmauern flüstert seine eigene düstere Geschichte ins Wasser der Kanäle. Kaum zu glauben, wie trostlos die Serenissima bei Regenwetter anmuten kann. Eine Stimme in seinem Kopf opponierte: Und die Liebe? Gibt es denn keine Liebesgeschichten in dieser Stadt? Ach ja, freilich gibt es sie! lächelte Jonathan. Selbst wenn die meisten tragisch enden, sollte man sie unter keinen Umständen vergessen. Warum sehe ich in der letzten Zeit alles so schwarz? Ja, warum eigentlich? Er dachte nach und zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen: Woher soll ich das wissen? Es ist einfach so. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass es mir nicht guttut. Wieso vergesse ich immer wieder, wie freundlich diese Stadt unter klarem Himmel aussieht?
Laut keuchend durchpflügte ein Vaporetto den Kanal. Bald sah Jonathan die Rücklichter des Boots in der Dunkelheit verschwinden.
«Es sieht genauso aus wie damals», flüsterte er vor sich hin, «als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Das Wasser des Canal Grande, tagsüber grün, nachts schwarz wie Vivaldis Tusche, mit der er seine Opern und die weltberühmten Le quattro stagioni für Streicher schrieb, es ändert sich andauernd und wirkt trotzdem immer gleich.»
Jonathan dachte nach. Er konnte sich nicht erinnern, ob Vivaldi das Stück in Venedig, Mantua oder in einer anderen italienischen Stadt komponiert hatte. Je mehr er sich anstrengte, desto weniger wollte es ihm einfallen, obschon er früher über Vivaldis Leben und Werk alles gewusst hatte. Seit seiner Kindheit hatte ihn die bestechende Klarheit und Virtuosität von Vivaldis Musik fasziniert. Seine Eltern besaßen viele Schallplatten mit Werken des venezianischen Komponisten, und er hörte sie, wann immer er konnte. Er liebte diese Musik. Dass selbst ein Johann Sebastian Bach, dieser bedeutendste Meister der barocken Epoche, sich Vivaldis Einfluss nicht entziehen konnte, war für Jonathan die beste Bestätigung der musikalischen Qualität des italienischen Meisters. Bach komponierte das Italienische Konzert
