5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €
Sie liebt ihre kleine Bäckerei – und aus Versehen liebt sie auch ihn!
Eine humorvolle Wholesome Romance voller Weihnachtsmagie und Liebeschaos
Lucy liebt ihre kleine, gemütliche Familienbäckerei, in der sie die traditionsreichen Rothenburger Schneeballen herstellt und direkt in ihrem eigenen Café verkauft. Durch die anstehende Weihnachtszeit boomt das Geschäft und für Lucy könnte es nicht besser laufen.Aber dann geschieht eine kleine Katastrophe: Gegenüber von ihrer kleinen Manufaktur soll eine neue Filiale einer großen Bäckereikette eröffnen. Und diese hat sich ausgerechnet auf maschinell hergestellte Rothenburger Schneeballen spezialisiert! Lucy fällt aus allen Wolken. Doch zumindest in der Liebe läuft es für sie gut: Auf dem Weihnachtsmarkt hat Lucy Nicholas kennengelernt, einen attraktiven Mann, mit dem sie immer mehr Zeit verbringt und für den sie wahre Gefühle entwickelt. Aber ist alles wirklich so schön wie es scheint – oder verheimlicht ihr Nicholas etwas, was ihre noch frische Liebesbeziehung grundlegend ins Chaos stürzen könnte?
Erste Leser:innenstimmen
„Eine herzerwärmende Feelgood Romance mit ganz viel Weihnachtsfeeling!“
„Lucys und Nicholas Liebesgeschichte hat mich zum Lachen und Träumen gebracht! “
„Die perfekte Winterromance zur Weihnachtszeit!“
„Humor, Liebe, Weihnachten – was will man in der kalten Jahreszeit mehr?“
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2024
Willkommen zu deinem nächsten großen Leseabenteuer!
Wir freuen uns, dass du dieses Buch ausgewählt hast, und hoffen, dass es dich auf eine wunderbare Reise mitnimmt.
Hast du Lust auf mehr? Trage dich in unseren Newsletter ein, um Updates zu neuen Veröffentlichungen und GRATIS Kindle-Angeboten zu erhalten!
[Klicke hier, um immer auf dem Laufenden zu bleiben!]
Lucy liebt ihre kleine, gemütliche Familienbäckerei, in der sie die traditionsreichen Rothenburger Schneeballen herstellt und direkt in ihrem eigenen Café verkauft. Durch die anstehende Weihnachtszeit boomt das Geschäft und für Lucy könnte es nicht besser laufen. Aber dann geschieht eine kleine Katastrophe: Gegenüber von ihrer kleinen Manufaktur soll eine neue Filiale einer großen Bäckereikette eröffnen. Und diese hat sich ausgerechnet auf maschinell hergestellte Rothenburger Schneeballen spezialisiert! Lucy fällt aus allen Wolken. Doch zumindest in der Liebe läuft es für sie gut: Auf dem Weihnachtsmarkt hat Lucy Nicholas kennengelernt, einen attraktiven Mann, mit dem sie immer mehr Zeit verbringt und für den sie wahre Gefühle entwickelt. Aber ist alles wirklich so schön wie es scheint – oder verheimlicht ihr Nicholas etwas, was ihre noch frische Liebesbeziehung grundlegend ins Chaos stürzen könnte?
Erstausgabe November 2024
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98998-532-2 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98998-702-9
Covergestaltung: Larissa Siepmann unter Verwendung von Motiven von: shutterstock.com: © vertukha, © Elena Istomina, © olyha.sokolovo4ka, © Antonio Baranessku, © iconim Lektorat: Sarah Nierwitzki
E-Book-Version 13.10.2025, 11:11:56.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier
Website
Folge uns, um immer als Erste:r informiert zu sein
Newsletter
TikTok
YouTube
Für meine Mama ❤
Und für meine Katzen.
Danke, dass ihr noch nie den Weihnachtsbaum angegriffen habt.
Der würzige Duft von Glühwein zog durch die Luft und vermischte sich mit dem der frischen Tannenzweige in meinen Händen. Ich pflückte einen der Äste aus dem Strauß, platzierte ihn am Dach der Hütte und klammerte ihn mit dem Tacker am Holz fest, sobald ich mit der genauen Position zufrieden war. Dann folgte der nächste Zweig und der übernächste, bis nur noch einer übrig war.
Inzwischen war ich seit mehr als vier Stunden mit dem Aufbau beschäftigt, und langsam nahm meine Bude Form an, wie ich mit einer gewissen Erleichterung feststellte. Den halben Tag hatte ich gewerkelt, gezurrt und getackert, und meine Finger, die in Handschuhen steckten, fühlten sich mittlerweile an wie Eiszapfen. Es war bitterkalt an diesem Tag, und das Schneegestöber wurde immer dichter. Gerade wollte ich die Leiter hinabsteigen, um mir den nächsten Schwung Zweige zu schnappen, als ich aus dem Augenwinkel etwas Weißes auf mich zufliegen sah, erst winzig, doch rasch größer werdend.
Es geschah innerhalb von Sekundenbruchteilen. In dem Augenblick, als ich verstand, dass es sich um einen Schneeball handelte, war es bereits zu spät. Er klatschte mir so hart ins Gesicht, dass ich aufkeuchte und für einen Moment nur noch verschwommen sah. Eiskaltes Wasser rann über meine Wangen und mit den Händen fuhr ich reflexartig zu meinen Augen, die brannten wie Feuer. Ich geriet ins Taumeln.
Ich blinzelte heftig und versuchte verzweifelt, mit einer Hand nach dem Dach der Bude zu greifen, um das Gleichgewicht zu halten, doch meine Finger tasteten ins Leere. Die Leiter unter mir schwankte so sehr nach links, dass sie schließlich wegrutschte.
Mein Magen machte einen Satz, als ich stürzte. Im selben Moment schaffte ich es endlich wieder, meine Lider zu öffnen und sah aus dem Augenwinkel ein paar Kinder auf dem Marktplatz, die erschrocken die Augen aufrissen und dann wegrannten. Unter mir ertönte ein Fluch, den ich jedoch niemandem zuordnen konnte.
Der harte Aufprall, auf den ich mich innerlich einstellte, blieb jedoch aus.
Stattdessen stieß ich mit dem Rücken gegen etwas Weiches. Starke Arme schlossen sich um meine Mitte, eine dunkle Stimme keuchte „Hab dich!“
Gemeinsam stolperten wir zwei Schritte rückwärts, dann fanden wir unser Gleichgewicht wieder und der Mann entließ mich aus seinem Griff. Ich wirbelte herum, blickte in ein Paar grauer Augen, die mich hinter einer schwarzumrandeten Brille aufmerksam musterten. Haselnussbraune Locken lugten unter einer roten Strickmütze hervor, die über und über mit Schnee bedeckt war – wie meine eigene. Mit rasendem Puls starrte ich den Mann an, der mich aufgefangen hatte. Er kam mir vage bekannt vor.
„Alles okay?“, fragte er mit tiefer, leicht atemloser Stimme. Ein schiefes Lächeln formte sich auf seinem Gesicht. Kleine Grübchen erschienen auf seinen Wangen, während sein Atem weißen Dampf in die Luft stieß.
Ich blinzelte. Der Schnee auf meinen Wimpern schmolz langsam, was dazu führte, dass meine Sicht erneut verschwamm. Ungeduldig wischte ich mir mit dem Handrücken über die Augen.
„Ja, ich … ich denke schon.“ Meine Stimme klang viel zittriger als sonst; kein Wunder. Mein Körper hatte noch nicht begriffen, dass ich mir nichts gebrochen hatte – im schlimmsten Fall das Genick.
„Du hast da noch ein wenig …“
Der Fremde deutete auf meine Wange, worauf ich mir hastig den restlichen Schnee aus dem Gesicht rieb. Für einen Augenblick war ich heilfroh, dass ich mich am Morgen nicht geschminkt hatte, sonst hätte ich nun ausgesehen wie ein Waschbär in seiner Emo-Phase.
„Mir geht’s gut“, sagte ich. „Und danke fürs Auffangen.“
„Keine Ursache.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Ich hätte es schlimmer treffen können, ehrlich gesagt. Sag mal, trinkst du einen Glühwein mit mir? Ich lade dich ein. Ich wollte gerade versuchen, den Kerl da hinten zu überreden, mir einen zu verkaufen, auch wenn er offiziell noch nicht geöffnet hat.“
Er deutete in Richtung einer halbfertigen Bude, deren Besitzer gerade dabei war, Regale im Inneren der Hütte aufzubauen.
„Glühwein?“ Ich lachte zittrig. Mein Herz raste noch immer. „Ich könnte einen vertragen, ja. Aber ich bezweifle, dass irgendjemand hier schon Ware dabeihat.“
„Auch wahr. Warte hier, ich bin gleich wieder da!“
Damit verschwand mein Retter um die Ecke in Richtung Hafengasse. Schmunzelnd blickte ich ihm nach. Ich gab mir noch ein paar Minuten und atmete einige Male tief durch, dann machte ich mich wieder an die Arbeit. Schließlich musste ich fertig werden, die Zeit drängte. In wenigen Tagen sollte der Weihnachtsmarkt eröffnen und pünktlich zum Wochenende wurden große Besucherströme erwartet – wie jedes Jahr. Da ich in meiner Bäckerei auch noch einiges vorzubereiten hatte, wollte ich mit dem Aufbau der Bude so schnell wie möglich fertig werden.
Es dauerte etwa zwanzig Minuten, in denen ich gute Fortschritte machte, da hörte ich den Fremden wieder am Ende der Leiter.
„Hier bin ich wieder! Mein Glühwein-Angebot steht noch!“
„Moment!“, rief ich zurück und brachte rasch den letzten Zweig an. Dann stieg ich lächelnd die Leiter hinab und wischte mir, unten angekommen, mit der behandschuhten Hand ein paar schneenasse blonde Strähnen aus dem Gesicht.
„Du warst also wirklich erfolgreich“, stellte ich fest.
„Klar.“
Er grinste und reichte mir einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit.
„Hätte nicht eher ich dich einladen sollen?“, fragte ich. „Immerhin habe ich es dir zu verdanken, dass ich den Rest des Tages nicht in der Notaufnahme verbringen muss.“
„Ach was.“ Er winkte ab. „Haarspalterei.“
„Na dann. Prost.“ Ich nahm den Becher entgegen, in dem bereits einige Schneeflocken schmolzen, stieß gegen seinen und nippte anschließend vorsichtig daran. Der Glühwein war großartig. Kräftige Noten von Zimt und Nelken vermischten sich mit der feinen Süße von Orangen und Honig, und bereits nach einem Schluck breitete sich eine wohlige Wärme in meinem Magen aus.
Zufrieden ließ ich meinen Blick über das Verkaufshäuschen schweifen. Es war noch früh am Nachmittag, aber ich war heute gut vorangekommen. Inzwischen war meine Bude ordentlich mit den Zweigen dekoriert, nur zwei Seiten fehlten noch. Ich war froh, dass der größte Teil der Aufbauarbeit inzwischen bereits hinter mir lag. So sehr ich den Winter und alles, was dazugehörte, liebte, so sehr sehnte ich mich nach stundenlanger Arbeit in der Kälte in die Wärme meiner Backstube zurück – spätestens seit dem Schneeball-Attentat, von dem mir immer noch das Gesicht brannte.
„Ich bin übrigens Nick“, stellte sich der Mann vor, der mir den Glühwein ausgegeben hatte. Er deutete vage in Richtung der Jakobskirche.
„Mein Stand ist weiter hinten, am Kirchplatz.“
„Lucy.“ Ich lächelte und wandte den Blick von meiner Bude ab. „Du bist zum ersten Mal dabei, oder? Ich habe dich noch nie hier gesehen.“
Erst jetzt betrachtete ich ihn genauer. In den letzten Tagen waren wir uns schon häufiger über den Weg gelaufen, aber beim Aufbauen war jeder mit sich selbst beschäftigt, jeder wollte schnell fertig werden, um für den großen Ansturm am ersten Dezember gewappnet zu sein. Mehr als ein paar kurze höfliche Worte und Begrüßungsfloskeln hatten wir deswegen noch nicht miteinander gewechselt, was schade war, wie ich jetzt feststellte. Nick hatte nicht nur sympathische Grübchen, wenn er lächelte, sondern unter seiner modischen Brille auch wache graue Augen, in denen der Schalk wohnte. Er war fast zwei Köpfe größer als ich, was bei meinen einen Meter sechzig allerdings nicht ungewöhnlich war, und wirkte sportlich – das konnte auch die unförmige Flanelljacke nicht verbergen, die er trug. Ein leichter Bartschatten lag auf seinem kantigen Kiefer, gerade so viel, dass es ein wenig verwegen, doch nicht ungepflegt wirkte. Unwillkürlich überlegte ich, was für Waren er an seinem Stand wohl verkaufte. Seinem Aussehen nach tippte ich auf Kunsthandwerk. Ich beschloss, ihn nicht zu fragen, sondern mich am Sonntag überraschen zu lassen.
„Ja“, sagte er jetzt. „Ich komme eigentlich aus Würzburg. Ehrlich gesagt habe ich ein bisschen Angst vor dem, was mich erwartet. Ich habe die wildesten Geschichten gehört.“
Nun musste ich lachen. „Es ist alles halb so schlimm“, versuchte ich, ihn zu trösten. „Die Wochenenden können heftig sein, aber unter der Woche geht es. Warst du denn schon mal als Besucher hier?“
Er schüttelte den Kopf. „Weder auf dem Markt noch in der Stadt selbst.“
„Du warst noch nie in Rothenburg?!“ Gespielt entsetzt schlug ich mir die Hand vor den Mund. „Mein Gott! Und ich dachte immer, diese Menschen wären ein Mythos …“
Er zuckte mit den Schultern und lächelte schief. „Da habe ich wohl echt eine Bildungslücke, oder?“
„O ja, allerdings!“, behauptete ich. „Es hat einen Grund, dass die Leute aus aller Welt hierherkommen, um Urlaub zu machen.“
„Na ja, ich habe ja die nächsten paar Wochen Zeit, um alles nachzuholen, was ich verpasst habe.“ Seine Augen hinter der Brille funkelten. „Wo soll ich anfangen, was würdest du mir empfehlen? Mit zwei Litern Wein die Stadt retten?“ Grinsend wedelte er mit dem Becher in seiner Hand.
Ich verstand die Anspielung auf Georg Nusch. Die Legende darüber, wie der damalige Bürgermeister im Dreißigjährigen Krieg durch das Trinken von Wein die Stadt vor einem Einmarsch der Schweden bewahrt hat, kannten wohl auch die Leute, die nie hier gewesen waren. Ich schüttelte den Kopf, musste jedoch lachen. „Es waren dreieinhalb Liter“, belehrte ich ihn. „Und nein. Glaub mir, die Stadt hat mehr zu bieten als den Meistertrunk. Auch wenn die Aufführungen wirklich cool sind und du sie dir unbedingt mal ansehen solltest.“
Ich nippte erneut an meinem Becher. Der Inhalt war schon fast kalt, obwohl erst wenige Minuten verstrichen waren. Es schneite allerdings auch so heftig, dass vermutlich die Hälfte der Flüssigkeit in meiner Tasse inzwischen aus geschmolzenen Schneeflocken bestand.
„Also, du solltest auf jeden Fall …“, setzte ich an, doch dann stockte ich. Kurz überlegte ich, bevor mir eine Idee kam. Langsam schüttelte ich den Kopf. „Weißt du was?“, fragte ich. „Rothenburg kann man eigentlich nicht beschreiben, die Stadt muss man erleben. Und ich kenne sie in- und auswendig. Wenn du Lust hast, gebe ich dir eine Führung. Als Dankeschön für deine Rettungsaktion, wenn du so willst.“
„Ein Dankeschön ist zwar nicht nötig, aber ich würde total gern. Allerdings kann ich hier nicht weg, ich muss noch ein paar Stunden durchhalten.“
„Ist nicht so schlimm, ich sollte ohnehin zurück in meinen Laden“, sagte ich und trank den letzten Schluck, der inzwischen bereits eiskalt war und fast nur noch nach Wasser schmeckte. „Wie wäre es mit morgen Mittag? Als kleine Pause für dich, als Belohnung für mich. Bis dahin bin ich nämlich hoffentlich hier fertig.“
„Ich würde mich freuen.“ Er nahm mir den leeren Becher ab und wandte sich zum Gehen. „Dann bis morgen, Lucy.“
Ich winkte ihm nach, während er wieder in Richtung Kirchplatz lief. Die Schneeflocken wirbelten durch die Luft und es dauerte nicht lange, bis Nick hinter dem weißen Schleier verschwunden war. Unwillkürlich musste ich lächeln. Er war nett. Wer hätte gedacht, dass die mühselige Zeit des Standaufbaus noch eine solche Wendung nehmen würde?
Ich gab mir einen Augenblick, bevor ich mich wieder zu meiner Bude umdrehte und seufzte. Für heute reichte es, der Rest würde bis morgen warten müssen. Meine Fingerspitzen waren trotz der Handschuhe und des Glühweins halb erfroren, außerdem arbeitete Akiko nur halbtags im Laden und wollte bald Feierabend machen. Bis dahin musste ich zurück sein.
Ich brachte schnell alles in Ordnung und packte meine Tasche, bevor ich mich schließlich an den Rückweg machte.
Mit gefrorenen Fingern versuchte ich, mein laut bimmelndes Handy aus der Jackentasche zu bekommen. Es gestaltete sich schwieriger als gedacht. Mein Anrufer war jedoch zum Glück hartnäckig, was nur zwei Schlüsse zuließ: Es war entweder Charlie oder Anton. Jeder andere hätte längst aufgegeben.
Endlich bekam ich mein Telefon zu fassen und konnte einen Blick auf das Display werfen. Schnell drückte ich die Annehmen-Taste.
„Nick?“, ertönte es aus dem Hörer. „Bist du da?“
„Ich bin da“, sagte ich.
„Das rauscht hier so komisch, kannst du mich hören?“
„Das liegt am Wetter“, erklärte ich. Noch immer schneite es wie verrückt, in der letzten Stunde war jedoch auch noch ein scheußlicher beißender Wind hinzugekommen. Selbst ich nahm wahr, wie er durch mein Handy pfiff, und stellte mich näher an meine Bude. „Ist es so besser?“
Anton lachte. „Du hast dir echt ein Scheißwetter ausgesucht für den Job.“
Ich schnaubte. Als hätte ich mir das selbst ausgesucht. Anton hätte auch Jan damit beauftragen können, den Stand aufzubauen, immerhin war ich für Organisatorisches nach Rothenburg gekommen und nicht, um auf dem Markt zu arbeiten. Aber er stand auf Machtspielchen, das wusste ich. Es war nichts Neues, dass Anton spontan seine Pläne änderte, und wenn ich den Job in der neuen Filiale haben wollte, spielte ich das Spiel besser mit. Immerhin waren es nur noch ein paar Tage und wenn es erst so weit wäre, würde ich meine Ruhe vor ihm und seinen Launen haben. Er blieb in Würzburg und würde vermutlich nur alle paar Wochen mal nach Rothenburg kommen, um zu sehen, wie es in der neuen Niederlassung lief. Ich konnte es kaum erwarten.
„Hör mal, eigentlich wollte ich das selbst machen, aber ich schaffe es nicht“, erklärte Anton. „Ich stecke im Stau. Jetzt ist die eine Baustelle auf der A7 endlich fertig, schon machen diese Idioten die nächste auf. Hier ist alles verstopft.“ Er stieß einen Fluch aus. „Das Navi sagt, ich hänge hier noch mindestens eine halbe Stunde lang fest, der Termin ist aber schon um drei. Kannst du den vielleicht für mich wahrnehmen?“
„Um was geht es denn?“, hakte ich nach.
„Ein Termin beim Gewerbeamt.“ Nun klang er ungeduldig. Ich konnte seine Finger auf das Lenkrad trommeln hören. „Wegen der Eröffnung. Nur ein paar Unterschriften und Formulare, das kannst du auch machen. Geht das? Du kannst doch lesen, oder?“
Ich verkniff mir eine bissige Erwiderung und warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits halb drei. Eigentlich hatte ich noch bis vier am Stand arbeiten wollen, bei dem Wetter hatte ich allerdings nichts dagegen, heute früher aufzuhören.
„Klar, das kann ich machen“, sagte ich deshalb.
„Guter Junge. Ich sollte gegen vier hier sein, dann treffen wir uns. Es gibt noch einiges zu besprechen und für heute Abend habe ich einen Tisch im Reichsküchenmeister reserviert.“
„Heute Abend ist …“, setzte ich an, doch bevor ich weitersprechen konnte, hatte Anton bereits aufgelegt.
***
Zwanzig Minuten später saß ich im Vorraum des Gewerbeamtes und wartete darauf, dass die Ampel über der Tür auf Grün sprang. Außer mir war nur eine weitere Besucherin da. Sie hatte üppige braune Locken, die ihr herzförmiges Gesicht umrahmten, trug ein Kostüm in einem Beerenton und war vollkommen in einen Stapel Unterlagen auf ihrem Schoß vertieft.
Nachdem ich mein Handy einige Minuten lang in den Händen gehalten und auf das schwarze Display gestarrt hatte, gab ich mir schließlich einen Ruck. Es ging nicht anders. Wenn ich wollte, dass sich etwas änderte, musste ich diese letzten paar Wochen noch irgendwie überstehen, danach würde es besser werden. Aber ich durfte Anton jetzt nicht verärgern, denn ich wusste, wie impulsiv er sein konnte und wie schnell er seine Meinung änderte, wenn ihm etwas nicht in den Kram passte. Er war der größte Sturkopf, den ich kannte, und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, wurde es genau so umgesetzt.
Seufzend wählte ich die Nummer. Es klingelte nur zweimal, bis ein dünnes Stimmchen am anderen Ende ertönte.
„Papa! Weißt du, was ich heute gemacht habe? Wir machen jetzt Zumba im Kindergarten! Marie hat gesagt, dass ich richtig gut darin bin!“
Unwillkürlich musste ich lächeln, auch wenn ich mich gleichzeitig mit einem Mal furchtbar müde fühlte. Charlies Stimme zu hören, war immer wieder wie Urlaub. Wie ein warmer Sommerwind, Balsam für die Seele. Doch sie erinnerte mich gleichzeitig auch schmerzhaft daran, auf wie vieles ich in den vergangenen Jahren verzichtet hatte. Wie viele Fehler ich gemacht habe.
„Das ist ja großartig, mein Schatz“, sagte ich.
„Und ich hab was gemalt! Ich hab dich in der Backstube gemalt, in deinem neuen Laden! Wenn wir uns später sehen, dann zeige ich es dir. Du kannst das Bild in deinem neuen Haus aufhängen, Papa. Dann hast du schon ein Bild für die Wand, aber ich kann dir auch noch ganz viele andere malen. Ich hab auch eins von dem Hund gemalt, den Mama mir kaufen wird!“
Im Hintergrund hörte ich Laura protestieren und obwohl ich lachen musste, bildete sich ein dicker Kloß in meinem Hals. Das war es, mein Stichwort.
„Hör mal, Schatz, ich weiß, ich habe gesagt, dass wir zwei uns heute einen gemütlichen Abend machen, aber …“ Ich schluckte. Es fiel mir schwer, die richtigen Worte zu finden, weil ich meine Tochter in den vergangenen Jahren und Monaten schon so oft versetzt, sie so oft enttäuscht hatte. Und ich hatte ihr versprochen, es würde besser werden, wenn ich erst die neue Filiale führte, wenn ich in der Nähe war. Und nun war der erste Tag, an dem sie mich in der neuen Stadt besuchen kommen wollte – in der Pension, in der ich mich für die nächsten Wochen eingemietet hatte, denn ich hatte noch immer keine Wohnung gefunden –, und ich musste sie schon wieder versetzen, weil mein Chef andere Pläne für meinen Abend hatte.
„Ich kann heute leider doch nicht“, presste ich unter größter Anstrengung hervor. „Es tut mir wahnsinnig leid, Charlie. Ich mache es wieder gut, versprochen.“
Einen kurzen Moment lang herrschte Stille am anderen Ende. Sie dehnte sich aus, zog sich in die Länge, bis ich es fast nicht mehr aushielt. Dann hörte ich ein zartes „Okay“. Viel zu leise, viel zu distanziert. Ich hatte mich vor ihrem Protest gefürchtet, doch nun stellte ich fest, dass ich diese stille Resignation viel schlimmer fand; als hätte sie bereits mit meiner Absage gerechnet. Als hätte sie es gewusst – weil es eben immer so war. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen.
„Wir treffen uns an einem anderen Tag, ja?“, versuchte ich es noch einmal. „Ich verspreche es dir. Ich rede später mit meinem Chef und dann können wir einen neuen Termin ausmachen, an einem Tag, an dem ich ganz sicher frei habe, ja?“
„Ja, ist gut“, sagte Charlie. Mit einem Mal klang sie viel zu ernst, viel zu erwachsen für ihre fünf Jahre, und mein Herz wurde ganz schwer. „Ich muss jetzt aufhören. Tschüss, Papa.“
Bevor ich mich richtig verabschieden konnte, war sie bereits weg, und im nächsten Augenblick sprang die Ampel auf Grün und die Tür zum Gewerbeamt flog auf. Eine blonde Frau mit streng zurückgekämmtem Haar erschien in der Tür.
„Sind sie Nicholas Bernauer von Crumb Factory?“, fragte sie. „Dem Schneeballengeschäft in der Oberen Schmiedgasse?“
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Blick der anderen Besucherin nach oben schoss, dann erhob ich mich. „Ja, der bin ich“, sagte ich und folgte der Frau in das Büro. Während ich auf dem Stuhl gegenüber ihres Schreibtisches Platz nahm, versuchte ich, das scheußliche Gefühl zu verdrängen, das das Telefonat mit Charlie in mir zurückgelassen hatte. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. Ich würde es wiedergutmachen. Und wenn ich erst eine Wohnung gefunden hätte und in meinem neuen Job angekommen wäre, dann könnte ich meine Tochter endlich so oft treffen, wie ich wollte – ohne dass mir dabei die ganze Zeit Anton im Nacken saß und immer wieder meine Pläne über den Haufen warf.
Die Tür meines Ladens flog auf und Mayla stürmte herein. Es war später Nachmittag und Akiko hatte sich bereits verabschiedet. In der Stadt war es ruhig, typisch für den November, wenn die Sommertouristen längst abgereist waren und der Weihnachtstourismus noch nicht richtig angelaufen war. Es war die Ruhe vor dem Sturm.
So hatte ich auch an diesem Nachmittag keine Gäste mehr in der Schneeballmanufaktur. Draußen dämmerte es bereits. Noch immer fielen dicke weiße Flocken vom Himmel, doch hier drin war es wohlig warm. Das Feuer im Kamin knisterte, es duftete nach den frischgebackenen Schneeballen und Puderzucker, und leise Weihnachtsmusik tönte aus den Lautsprechern – „Neon Christmas“ von Mitchell Tenpenny. Ich nutzte die Ruhe, um schon einmal die erste Weihnachtsdeko im Café anzubringen, und hängte gerade Tannengirlanden hinter dem Tresen auf, während Muffin, mein getigerter Kater, auf der Fensterbank schlief und schnarchte.
Nun allerdings riss mich das Hereinplatzen meiner besten Freundin aus meinem Tun. Die dunklen Locken standen ihr wild in alle Richtungen, sie war über und über mit Schnee bedeckt, doch das schien sie nicht zu stören. Ihre nussbraunen Augen waren weit aufgerissen.
„Ich weiß, welcher Laden gegenüber einzieht!“, stieß sie hervor. Sie ließ sich auf einen freien Stuhl fallen und schälte sich aus ihrem Mantel. Wie immer war sie unglaublich hübsch angezogen. Heute trug sie ein dunkellila Kostüm mit großen goldenen Knöpfen, dazu schicke schwarze Stiefel in Samtoptik. Neben ihr kam ich mir in meinen Leggins und den dicken Norwegerpullovern immer vollkommen underdressed vor, aber in der Backstube hatte es einfach wenig Sinn, sich herauszuputzen. Meist dauerte es nicht lange, bis sich die ersten Mehlflecken auf meiner Kleidung zeigten.
„Komm erst mal richtig an.“ Ich lachte. „Möchtest du einen Kaffee?“
Meine Freundinnen und ich spekulierten bereits seit Wochen, welches Geschäft gegenüber aufmachen würde. Seit einem Jahr stand der Laden nun leer und es wurde höchste Zeit, dass wieder etwas Neues eröffnete. Das Ladensterben in der Altstadt war schon seit einigen Jahren ein Problem. Nichts wirkte trostloser als die leerstehenden Geschäfte, doch die Leute kauften inzwischen einfach lieber online oder in den größeren Einkaufsparks und -zentren außerhalb ein. Deswegen hatten wir uns sehr darüber gefreut, als wir gehört hatten, dass die Fläche gegenüber wieder vermietet worden war.
Noch wussten wir allerdings nicht, an wen. Deswegen war ich neugierig auf das, was Mayla mir gleich berichten würde, doch Zeit für einen Kaffee musste trotzdem sein.
„Ja, schwarz bitte“, sagte sie. Noch immer wirkte sie vollkommen durch den Wind.
„Das weiß ich doch“, sagte ich. Immerhin kannte ich meine Freundin inzwischen seit mehr als fünf Jahren und ihre Kaffeegewohnheiten hatten sich seitdem nicht geändert: Dunkel und stark und davon bestenfalls mehrere Tassen pro Tag. Ich selbst trank hingegen lieber Früchtetees, oder, noch besser, Punsch. Wobei der Glühwein am Nachmittag auch nicht schlecht gewesen war.
Kurz blitzten Nicks graue Augen und sein verschmitztes Lächeln vor meinem inneren Auge auf, und die Vorfreude auf den nächsten Tag ließ meine Fingerspitzen kribbeln.
Ich stellte Maylas Kaffee zusammen mit einem Kännchen Waldbeerentee und einer Tasse für mich auf ein Tablett, brachte es zum Tisch und nahm ihr gegenüber Platz. Nun konnte ich meine Neugierde allerdings nicht mehr im Zaum halten. Ich lehnte mich nach vorn.
„Okay, nun bin ich ganz Ohr“, sagte ich. „Wer oder was wird gegenüber einziehen? Und woher weißt du das überhaupt?“
„Ich hatte heute Nachmittag einen Termin beim Gewerbeamt“, erzählte sie. „Du weißt schon, wegen der geplanten Umbaumaßnahmen in meinem Hotel, ich musste dafür noch ein paar Sachen regeln. Und da war er zufällig auch, der neue Ladenbesitzer!“
Sie nippte vorsichtig an ihrem Kaffee. Nun erkannte ich, dass neben der Aufregung noch etwas anderes in ihrem Blick schwang. Ich konnte es nicht recht deuten; war es Unbehagen? Aber wieso?
„Nun spann mich nicht so auf die Folter“, sagte ich. „Was wird es sein? Kunst? Ein weiteres Souvenirgeschäft? Vielleicht was ganz anderes?“
Im Kopf überschlug ich erneut die Möglichkeiten. Jedes Mal, wenn wieder eine Ladenfläche neu vermietet wurde, schloss ich mit Mayla und Akiko Wetten ab, was dieses Mal in unsere kleine Stadt ziehen würde, und jedes Mal hofften wir auf unterschiedliche Dinge. Mayla hatte sich auch jetzt wieder eine neue Boutique gewünscht. Davon gab es zwar bereits einige in der Stadt, doch meine Freundin konnte nicht genug bekommen von schicker italienischer Mode. Akiko hingegen hoffte eher auf Kinderkleidung oder Spielzeug, während ich selbst seit Jahren von einem zweiten Lebensmittelgeschäft träumte. Es gab zwar bereits eins, doch ein wenig mehr Auswahl wäre nett gewesen, zumal es immer ein bisschen umständlich war, außerhalb einkaufen zu gehen, wenn man, wie ich, in der Altstadt lebte.
Maylas düsterer Blick und die Art und Weise, wie sie herumdruckste, sagten mir jedoch, dass es nichts von alledem war.
„Schneeballen!“, platzte sie schließlich hervor. „Dort soll ein Schneeballenladen aufmachen!“
Einen kurzen Augenblick lang schaffte ich es nur, sie wortlos anzustarren. Dann endlich kam das Gesagte bei mir an – doch ich verstand es nicht.
„Schneeballen?“, fragte ich verwirrt. „Wieso das denn? Es gibt doch hier schon ein Schneeballencafé.“ Das stimmte. Nämlich meins. „Bist du dir sicher, dass du das richtig verstanden hast?“
Mayla nickte, dann schüttelte sie den Kopf. Gleichzeitig zuckte sie die Schultern.
„Eigentlich schon, ja“, sagte sie. „Ich verstehe es auch nicht so richtig, aber es soll wohl eine neue Filiale von Crumb Factory werden.“
„Crumb Factory? Diese Bäckereikette aus Würzburg?“ Ich runzelte die Stirn. „Die machen doch gar keine Schneeballen, oder?“ Mein Hirn arbeitete fieberhaft. Bei besagter Bäckerei war ich nur einmal gewesen und sie verkauften wirklich gute Sachen, aber die klassischen Rothenburger Schneeballen waren nicht Teil ihres Angebots. Und warum sollten sie das auch sein? Es war eine regionale Spezialität, hier in der Stadt gab es neben meinem bereits einen anderen Laden, der das Gebäck herstellte und verkaufte, und Crumb Factory war eher spezialisiert auf Alltagsbackwaren zu günstigen Preisen. Es war Fließbandware: Die Rohlinge wurden fabrikweise in automatisierten Mischmaschinen vorbereitet und dann zum Aufbacken an die einzelnen Filialen geschickt.
Mayla zuckte erneut die Schultern. „Das kann ich dir leider nicht beantworten, ich bin mir aber ganz sicher, dass ich richtig gehört habe. Die Worte Crumb Factory und Schneeballenladen in der Oberen Schmiedgasse sind ganz sicher gefallen.“
„Hat sie vielleicht gesagt gegenüber des Schneeballenladens?“, überlegte ich. „Vielleicht hat sie mein Geschäft gemeint.“
Nun war sich Mayla doch nicht mehr ganz so sicher. „Das kann natürlich auch sein“, sagte sie langsam. „Je länger ich darüber nachdenke …“ Gedankenverloren griff sie nach ihrer Tasse und nahm noch einen Schluck. Wirklich überzeugt sah sie allerdings nicht aus.
„Das macht mehr Sinn, oder?“, fragte ich und wusste dabei nicht, ob ich das tatsächlich glaubte, oder ob ich nur versuchen wollte, mich selbst zu beruhigen. Wenn es nämlich wirklich stimmte und ein Schneeballengeschäft von Crumb Factory gegenüber eröffnen würde, dann wäre das so was wie der Super-GAU für meinen Laden. Das Geschäft lief nicht schlecht, aber kämpfen musste ich schon, vor allem in den ruhigeren Monaten des Jahres. Und ich war mir nicht sicher, ob ich eine so starke Konkurrenz überleben würde. Vermutlich eher nicht.
„Du hast recht“, sagte Mayla mit fester Stimme und schüttelte leicht den Kopf, wobei ihre Locken hin und her wippten. „Ich habe mich da sicher verhört, oder die Frau vom Amt hat sich ein wenig umständlich ausgedrückt. Es ist bestimmt alles halb so wild, bitte entschuldige, dass ich hier reinplatze und dich verrücktmache.“
„Das macht nichts.“ Ich musste grinsen. „Immerhin ist das Geheimnis jetzt gelüftet. Und Geschäfte mit günstigen Lebensmitteln braucht es hier ohnehin viel mehr, es hätte uns also wirklich schlechter treffen können.“
„Da hast du recht. Auch wenn ich einen Prada-Store besser gefunden hätte.“ Mayla stieß ein theatralisches Seufzen aus.
Ich musste lachen. „Das war von Anfang an ein unrealistischer Wunsch, und das weißt du genau.“
„Der erste Schritt zum Erreichen deiner Träume besteht darin, zu glauben, dass sie möglich sind“, erklärte sie altklug und ich lachte erneut.
„Okay, verstehe, Frau Dalai Lama. Na ja, vielleicht hast du beim nächsten Mal mehr Glück.“
„Das hoffe ich.“ Sie kippte den Rest ihres Kaffees hinunter und erhob sich. „Na gut, ich muss dich jetzt leider wieder allein lassen. Ich muss rüber, es warten noch ein paar Buchhaltungsangelegenheiten auf mich. Und Hannes hat mich heute Abend zum Essen eingeladen, wir haben Jahrestag. Wir zwei sehen uns morgen?“
„Natürlich“, sagte ich. „Wie jeden Tag.“
Mayla verabschiedete sich mit einer festen Umarmung, bevor sie wieder aus meinem Café verschwand. Nachdem sie weg war, fühlte sich die Stille plötzlich ohrenbetäubend an. Aus irgendeinem Grund war die Musik ausgegangen, der Kamin war fast heruntergebrannt und draußen war es inzwischen stockdunkel. Muffin hüpfte von der Fensterbank und sprang auf meinen Schoß, wo er sich zu einer kleinen flauschigen Kugel zusammenrollte und laut zu schnurren begann. Geistesabwesend streichelte ich ihm durch das dichte Fell.
Ganz so überzeugt, wie ich mich vor meiner Freundin gegeben hatte, war ich nicht. Was, wenn sie sich wirklich nicht verhört hatte? Was, wenn Crumb Factory wirklich Schneeballen verkaufen würde? Dann müsste ich meinen Laden innerhalb kürzester Zeit dichtmachen, das wusste ich. Mit den Dumpingpreisen einer solchen Kette könnte ich nicht einmal mithalten, wenn ich meine Gewinnspanne halbieren würde.
„Ich hoffe, dass sich Mayla verhört hat“, murmelte ich.
Muffin rollte sich noch ein wenig enger zusammen und stieß ein leises Brummeln aus, als würde er mir zustimmen.
„Du hast ja recht“, sagte ich zu dem Kater, als könnte er mich verstehen. „Es hat keinen Sinn, sich verrückt zu machen. Noch wissen wir es nicht. Und Probleme löst man am besten erst dann, wenn sie auch wirklich da sind.“
Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert. Obwohl ich versucht hatte, mich nicht verrücktmachen zu lassen und die Erklärung, dass sich Mayla verhört hatte, durchaus plausibel war, hatte ich unglaublich schlecht geschlafen.
Als ich um kurz nach acht die Treppe zum Verkaufsraum hinunterschlurfte – meine Wohnung lag direkt über dem Café, was an Tagen wie diesem besonders praktisch war –, warteten meine Freundinnen bereits vor der Tür. Über Nacht hatte es nicht aufgehört zu schneien und die Straße war von einer zentimeterdicken Puderschicht bedeckt.
Mayla warf ungeduldige Blicke auf ihre Armbanduhr, Akiko hingegen strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, wie sie immer so gut gelaunt sein konnte. Das glatte schwarze Haar hatte sie heute zu einem Pferdeschwanz gebunden, auf dem Kopf trug sie puschelig-pinke Ohrenwärmer. Auch Sandra war schon da, von ihrem Gesicht war allerdings kaum etwas zu erkennen; es verschwand zwischen einem monströsen Schal, den sie sich bis zur Nasenspitze hochgezogen hatte, und einer überdimensionalen Fliegermütze, unter der nur eine einzelne graue Locke hervorlugte. Es war kein Geheimnis, dass Sandra die Kälte hasste, und einer der Gründe dafür, warum sie so gern in der Backstube arbeitete. Dort war es immer kuschelig warm.
Ich hastete zur Tür und sperrte auf. „Sorry, ihr drei“, sagte ich zur Begrüßung. „Ich habe verschlafen, die Nacht war furchtbar.“
„Oje, das tut mir leid“, sagte Akiko, während sie in den Laden kam und ihren Mantel abnahm. Darunter trug sie ein rotes Wollkleid und dicke Strumpfhosen zu roten Moon Boots. „Woran liegt es? Hast du Sorgen?“
Muffin sprang von der Fensterbank und strich ihr um die Beine. Lächelnd nahm sie ihn hoch und fing an, ihn hinter dem Ohr zu kraulen, woraufhin er laut zu schnurren begann und seine Stirn an ihren Hals drückte.
„Es ist bestimmt meinetwegen“, sagte Mayla. Sie sah zerknirscht aus und Akiko und Sandra warfen ihr fragende Blicke zu.
„Wir werden euch gleich alles erzählen“, sagte ich, „aber ich mache uns erst mal Frühstück.“
Schnell suchte ich die entsprechenden Sachen zusammen, warf die Kaffeemaschine an und setzte Teewasser auf, während sich meine Freundinnen an unseren Stammplatz setzten. Schon vor zwei Jahren, kurz nachdem Akiko angefangen hatte, bei mir zu arbeiten, hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, in meinem Laden gemeinsam zu frühstücken. Maylas Hotel lag nur zwei Häuser weiter, ihr Tag war fast immer sehr lang und voll. Bereits um sechs Uhr morgens war sie auf den Beinen, für eine halbe Stunde schaffte sie es jedoch immer, sich loszueisen. Akikos Schicht begann um neun, wenn das Café öffnete. Sandra und ich starteten in der Backstube meist früher, zumindest in den Phasen, in denen der Verkauf Hochkonjunktur hatte. Momentan reichte es an Wochentagen noch, wenn wir gemeinsam kurz vor Ladenöffnung anfingen, doch das würde sich bald ändern. Noch ein paar ruhige Tage, bis die wichtigste Zeit des Jahres gekommen wäre.
Ich stellte Kaffee, Tee und ein paar Schneeballen auf den Tisch – unser Standardfrühstück –, und berichtete Akiko und Sandra im Schnelldurchgang von dem, was Mayla mir erzählt und was mir in der Nacht den Schlaf geraubt hatte.
Akiko wirkte besorgt, doch Sandra blieb vollkommen entspannt. „Ach, und wenn schon“, sagte sie in der für sie typischen trockenen, pragmatischen Art, und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Selbst wenn es stimmt, was sollte eine solche Kette schon ausrichten können? An unsere Sachen kommen die doch nie und nimmer ran, und das wird sich schnell rumsprechen. Mach dir keine Sorgen, Lucy. Die Leute hier kennen dich seit Jahren, deinen Laden sogar seit Jahrzehnten, seit deine Großeltern ihn damals eröffnet haben. Keine Chance, dass die auf Billigkram umsteigen. Und es geht ja nicht nur um die Ware, du weißt, wie wichtig dein Café ist. Du bringst die Menschen zusammen. Das kann so ein seelenloser Betrieb nicht leisten.“
„Und was ist mit den Touristen?“, sprach ich meine größte Sorge aus.
„Das kann ich mir auch nicht vorstellen“, sagte Akiko. „Gerade die Urlauber legen Wert auf authentisches Handwerk. Ich meine, ich glaube auch, dass Mayla sich verhört haben könnte“, sie warf einen entschuldigenden Blick zu Mayla, „aber selbst wenn nicht, billige Fließbandarbeit wird bestimmt keine echte Konkurrenz für uns sein.“
„Und du weißt doch, wie es ist“, fügte Sandra an. „Diese großen Ketten sind ganz andere Umsätze gewöhnt. Die probieren das hier vielleicht ein Jahr lang, dann werden sie merken, dass es nicht so viel abwirft, wie sie sich erhofft haben, und dann schließen sie ihre Filiale wieder. Und tschüss.“
„Und dann kommt ein Gucci-Store“, bestätigte Mayla.
„Oder ein Spielwarenladen“, warf Akiko ein.
„Apropos Spielzeug“, sagte Sandra. „Naos Geburtstag ist schon in drei Wochen. Du hast uns immer noch nicht erzählt, was sie sich wünscht. Du kannst uns doch nicht so im Regen stehen lassen.“
„Stimmt, es wird langsam wirklich Zeit“, beschwerte sich Mayla. „Wenn du uns nichts sagst, dann suche ich selbst was aus. Ich habe schon ein paar Dinge im Auge. Wie wäre es mit einem Schlagzeug? Oder einer Trompete?“
„Zehn Kilo Süßigkeiten und zwei Liter Cola“, sagte Sandra.
„Ein Welpe!“, schlug ich vor. „Über einen süßen kleinen Hund freut sie sich bestimmt.“
Akiko lachte. „Ist ja schon gut, ich habe verstanden. Ich überlege mir was und sage euch Bescheid.“
Mayla beugte sich vor und wedelte drohend mit dem Zeigefinger. „Das will ich dir auch raten, meine Liebe.“
Den Rest des Frühstücks redeten wir über die bevorstehende Geburtstagsfeier von Akikos bald fünfjähriger Tochter, über die geplanten Umbaumaßnahmen in Maylas Hotel und den Dubai-Urlaub, den Sandra sich mit ihrem Mann zum dreißigjährigen Hochzeitstag gönnen würde, wenn der Weihnachtsstress vorbei wäre. Als Mayla gehen musste und wir den Laden öffneten, Sandra in der Backstube und Akiko hinter der Theke verschwand, hatte ich all meine Sorgen tatsächlich vergessen.
Ich packte mich in meinen dicksten Mantel, setzte meine Bommelmütze auf und machte mich auf den Weg zum Weihnachtsmarkt, um meinem Stand den letzten Schliff zu verpassen. Gedanklich war ich da jedoch bereits bei Nick und der Frage, welche Sehenswürdigkeiten ich ihm in der Mittagspause als erstes zeigen wollte.
In der letzten Nacht hatte ich schlecht geschlafen. Das schlechte Gewissen, weil ich Charlie versetzt hatte, lastete noch immer auf mir, dazu kam die Wut darüber, dass es so sinnlos gewesen war. Das Abendessen mit Anton war zwar nett gewesen, das Essen selbst sogar ausgesprochen gut, sodass ich mir das Restaurant auf meine gedankliche Liste gesetzt hatte von Orten, die ich unbedingt öfter aufsuchen wollte, wenn ich nur endlich fest in Rothenburg angekommen war – doch das Treffen selbst hatte keinen tieferen Zweck gehabt als den, dass Anton den Abend offensichtlich nicht allein hatte verbringen wollen. Sehr viel lieber hätte ich mit meiner Tochter Pommes bei ihrem Lieblingsimbiss gegessen und danach in meinem Apartment einen Disneyfilm mit ihr geschaut.
Den heutigen Vormittag hatte ich damit verbracht, literweise Kaffee in mich hineinzukippen, um die Müdigkeit zu vertreiben, und die Bude für den Weihnachtsmarkt fertig aufzubauen. Im Anschluss daran dekorierte ich sie mit Tannenzweigen, so wie es alle Aussteller hier taten. Es war bitterkalt an diesem Tag und die Straßen waren unter einer dicken Schneeschicht begraben, dafür war es allerdings windstill und es schneite nicht, was mir den Aufbau erleichtert hatte.
Ich war gerade fertig, da schlug die Glocke der Jakobskirche zwölf Mal. Ich packte in Windeseile zusammen und machte mich auf den Weg zu Lucys Bude. Sie stand bereits davor und wartete auf mich, eingehüllt in einen grauen Wollmantel. Sie trug grobe Boots zu ihren schwarzen Leggins, auf dem Kopf thronte eine dicke Bommelmütze, unter der ein blonder Pferdeschwanz hervorblitzte. Sie lächelte, als sie mich sah, was ihr ganzes Gesicht strahlen ließ. Schon am ersten Tag war mir aufgefallen, wie hübsch sie war, mit ihrer Stupsnase und den hellgrünen Augen, doch das allein war es nicht gewesen, was mich fasziniert hatte. Sie strahlte eine unglaubliche Ruhe und Wärme aus, ich konnte mir nicht vorstellen, dass es einen Menschen gab, der sich in ihrer Nähe nicht wohlfühlen würde. Umso mehr hatte es mich gestern gefreut, dass sie sich die Zeit genommen hatte, mal ein paar mehr Worte mit mir zu wechseln als nur Hallo und Tschüss.
„Hey!“, rief sie, als sie mich sah.
„Hey“, erwiderte ich, wobei ich nicht aufhören konnte, dämlich zu grinsen.
„Bist du bereit?“
„So was von!“
„Ich habe mir überlegt, dass wir direkt hier anfangen“, sagte sie. „Mit dem Kirchplatz und der Jakobskirche als erste Station.“
„Ehrlich?“, zog ich sie auf. „Ich kriege das volle Touri-Programm? Ich dachte jetzt, du zeigst mir die Geheimtipps, die ich nicht in jedem Stadtführer nachlesen kann.“
Sie grinste. „Wart’s ab, die kommen noch. Außerdem habe ich Geschichten auf Lager, die dir nicht jeder Stadtführer erzählen wird. Komm!“
Schmunzelnd folgte ich ihr zum Kirchplatz und die Mauern der riesigen Kirche entlang, die teilweise hinter Buden verborgen lag. An einer Stelle beim Südturm blieb sie stehen und deutete auf eine kleine Skulptur, die ein Stück weiter oben an der Kirche angebracht war.
„Das hier zum Beispiel“, sagte sie.
Ich betrachtete die Skulptur, konnte jedoch nicht erkennen, was sie darstellen sollte. Aus der Ferne erinnerte sie mich an einen Gargoyle, einen Wasserspeier mit weit geöffnetem Mund, jedoch ohne Flügel.
„Was ist das?“ fragte ich.
„Ein Hund“, entgegnete Lucy. „Erkennst du das nicht?“
„Nein, ehrlich gesagt nicht. Wobei, jetzt wo du es sagst …“ Ich kniff die Augen ein wenig zusammen, sodass ich mit sehr viel Fantasie das besagte Tier erkannte.
Sie lachte. „Aus der Nähe würde man es vermutlich besser sehen. Er ist ja ziemlich weit oben.“
Das überraschte mich nun doch. „Was hat ein Hund mit der Kirche zu tun?“
„Es ist eine Legende“, sagte sie. „Und wie die meisten Legenden ist nicht ganz klar, welcher Teil davon wahr ist und welcher erfunden. Aber wie die meisten Legenden hat mit Sicherheit auch diese hier einen wahren Kern.“
„Wie beim Meistertrunk?“
„Genau, wie beim Meistertrunk.“
„Okay, was hat es nun also mit dem Hund auf sich?“, fragte ich. Neugierig betrachtete ich die kleine Skulptur. Dass ich mein Leben in der Großstadt aufgeben und nach Rothenburg ziehen wollte, hing vorrangig mit Charlie zusammen. In den vergangenen Jahren hatte ich sie viel zu wenig gesehen und ich wollte ihr endlich der Vater sein können, den sie verdient hatte. Dennoch war ich nicht traurig darüber, dass es mich ausgerechnet nach Rothenburg verschlagen würde. Diese Stadt und ihre Vergangenheit faszinierten mich.
„Ist dir aufgefallen, dass die Türme der Kirche unterschiedlich hoch sind?“, fragte Lucy.
Das war es tatsächlich: Der Südturm war ein ganzes Stück kleiner als der Nordturm.
„Ja“, sagte ich. „Ich habe mich schon gefragt, was das für einen Hintergrund hat.“
Lucy lächelte. „Das ist die Legende“, sagte sie. „Angeblich schloss der Meister eine Wette mit seinem Gesellen ab. Es ging darum, wer von beiden den höheren Turm bauen könnte. Der Meister baute den Südturm, der Geselle den Nordturm. Und der Nordturm wurde größer und schöner, was den Meister am Ende so sehr ärgerte, dass er sich in seinem Frust vom Südturm stürzte.“
„Wow“, sagte ich. „Das ist eine etwas heftige Reaktion auf eine berufliche Niederlage, findest du nicht?“
Lucy lachte, zuckte dann die Schultern. „Tja, damals waren die Leute eben noch ein bisschen krasser drauf.“
„Was ich aber nicht verstehe“, sagte ich. „Was hat das Ganze nun mit dieser Hundeskulptur zu tun?“
„Das war der Hund des Meisters. Treu, wie Hunde nun einmal sind, ist er seinem Meister vom Turm in den Tod gefolgt. Deshalb die Skulptur.“
„Eine tragische Geschichte. Ich wusste gar nicht, dass es bei euch so düster zugeht.“
„Keine Sorge, das ist die einzige düstere Geschichte, die du heute zu hören bekommst“, versprach Lucy. „Ab jetzt nur noch schöne Sachen! Bist du schon die Stadtmauer entlanggegangen?“
