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Zeiten der Angst, Zeiten der Hoffnung … Berlin, 1923. Die junge Charlotte Berglas ist im fünften Monat schwanger, als ihr Mann auf tragische Weise verstirbt. Verzweifelt und ohne Einkommen beschließt sie, einige Zimmer ihrer Wohnung zu vermieten. Schon bald findet sich im 2. Stock der Winterfeldtstraße eine ungewöhnliche Gruppe zusammen: Charlottes verträumter Bruder Gustav, die geschiedene Claire, deren schmerzvolle Vergangenheit genauso groß ist wie ihr Herz, Theo, der hinter seiner charmanten Fassade ein großes Geheimnis verbirgt und der gutmütige Heini, der schon bald zu einer Art Ersatzvater für Charlottes Tochter Alice wird. Während im ganzen Land die dunklen Wolken des Nationalsozialismus aufziehen, wird die Gemeinschaft der Winterfeldtstraße für alle Mitbewohner zu einem Fels in der Brandung – doch als der Krieg ausbricht, wird ihr Zusammenhalt auf eine gefährliche Probe gestellt … Ein genauso fesselnder wie berührender historischer Roman für alle Fans von Julie Heiland und Felicitas Fuchs.
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Seitenzahl: 549
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Berlin, 1923. Die junge Charlotte Berglas ist im fünften Monat schwanger, als ihr Mann auf tragische Weise verstirbt. Verzweifelt und ohne Einkommen beschließt sie, einige Zimmer ihrer Wohnung zu vermieten. Schon bald findet sich im 2. Stock der Winterfeldtstraße eine ungewöhnliche Gruppe zusammen: Charlottes verträumter Bruder Gustav, die geschiedene Claire, deren schmerzvolle Vergangenheit genauso groß ist wie ihr Herz, Theo, der hinter seiner charmanten Fassade ein großes Geheimnis verbirgt und der gutmütige Heini, der schon bald zu einer Art Ersatzvater für Charlottes Tochter Alice wird. Während im ganzen Land die dunklen Wolken des Nationalsozialismus aufziehen, wird die Gemeinschaft der Winterfeldtstraße für alle Mitbewohner zu einem Fels in der Brandung – doch als der Krieg ausbricht, wird ihr Zusammenhalt auf eine gefährliche Probe gestellt …
eBook-Neuausgabe Oktober 2025
Copyright © der Originalausgabe 2014 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin /Marion von Schröder
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
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Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung zweier Motive von TazWeed / OVAVOai / Adobe Stock sowie eine Ansicht des Viktoria-Luise-Platzes, wikimedia commons
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ma)
ISBN 978-3-69076-534-3
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Johanna Friedrich
Roman
»Pleite, pleite sind heut alle Leute!
Pleite, pleite ist die ganze Welt!«
(aus dem Lied »Pleite, pleite«; Text: Hans Pflanzer)
Der Mittwoch, der alles verändern sollte, begann nicht ungewöhnlich, zumindest nicht für eine Zeit, in der man sich täglich mit unliebsamen Überraschungen konfrontiert sah. Charlotte Berglas jedenfalls glaubte aus Fehlern gelernt zu haben, als sie am Morgen das Klingeln an ihrer Tür ignorierte und unbeirrt mit ihrer Arbeit fortfuhr.
Dabei schrillte und schepperte es im ganzen Haus. Seit einiger Zeit störte sich sogar ihr schwerhöriger Nachbar daran, der zwei Stockwerke über ihnen wohnte. Schuld an dem Ärger war ihr alter Schrank, oder vielmehr die Möbelpacker, die das Ungetüm vor einigen Wochen abtransportiert hatten. Jetzt stand es mit ramponierter Zierleiste bei Neureichen in einem eiligst eingerichteten Salon, während ihre Klingel mit einer tiefen Kerbe und einem verbogenen Klöppel versehen war. Charlotte, die gerade Laken und Bettwäsche aussortierte, hörte die Nachbarin vom Flur gegenüber schimpfen.
Die Wäsche war für Herrn Jacobi bestimmt, der ein paar Häuser weiter eine kleine Schneiderei betrieb. Er wollte daraus Sommerkleider nähen, und sie konnte jede zusätzliche Einnahme gut gebrauchen. Auf manche Kopfkissen waren Initialen gestickt, von »Urgroßtanten, Großcousinen und Urur- irgendwer«, wie Albert früher zu sagen pflegte, als sie sich noch über sein Sammelsurium an Wäsche, Servietten, Tisch- und Taschentüchern gewundert hatte. Mittlerweile aber wusste sie die Sammelleidenschaft ihres Mannes zu schätzen.
Zwei Dutzend Kristallgläser mit Silberrand hatten fünf Kilo Bohnen und ein großes Stück Schweinebauch eingebracht, zwölf Tabakdosen, zum Teil mit Perlmuttintarsien versehen, ihre Vorräte an Zucker, Mehl und Kartoffeln kurzfristig gefüllt, und von dem Verkauf der Sammeltassen hatten sie sich etwas Besonderes gegönnt. Sie waren ausgegangen, die unverhoffte Schwangerschaft feiern. Nur wegen der Kandelaber, einst Requisiten an einem Filmset mit Asta Nielsen, war sie mit Albert aneinandergeraten. Er warf ihr vor, sein Leben zu veräußern, und fragte, ob sie denn auch schon von dem Virus infiziert sei, der in dieser Stadt grassierte. »Immer denken die Berliner nur an heute, heute, nichts als heute. Als ob das Gestern gar keine Bedeutung mehr hätte.« Das Geld würde sowieso niemals reichen, selbst wenn sie ihren kompletten Besitz verkauften, die Wohnung und das Auto inbegriffen. Er wolle wenigstens seine Erinnerungsstücke behalten. Seine Erinnerungen an ein ...
Aber da hatte sie ihn bereits mit dem für sie so typischen Lachen unterbrochen. Sie war die Optimistin von beiden. Eine Rolle, die sie sich nicht ausgesucht hatte, die ihr aber schon immer zugeschrieben worden war. Und jetzt, da sie jeden Tag aufs Neue dafür sorgen musste, dass zumindest so viel Geld in der Kasse war, dass sie genügend zum Leben hatten, war nicht die Zeit, diese Aufgabe in Frage zu stellen.
Erneut schrillte die Glocke. Sie erwartete niemanden. Gustav konnte es nicht sein. Es war kurz vor zehn, und ihr Bruder stand selten vor Mittag auf. Albert war wie jeden Tag vor Morgengrauen aufgebrochen, seine Kamera und das Stativ im Gepäck, um spät am Abend zurückzukommen, ohne auch nur ein einziges brauchbares Foto gemacht zu haben. Sie ahnte das schon.
Zweimal, dreimal, viermal läutete es jetzt hintereinander. Oben schlug Herr Steinberg mit einem Löffel gegen die Wasserleitung.
Charlotte ging zum Fenster. Von ihrer Wohnung im zweiten Stock war der Hauseingang kaum einzusehen. Ein abgewetztes Hosenbein lugte hervor, zu kurz für denjenigen, der es trug. Vermutlich gehörte es zu einem der zahllosen Hausierer, die mittlerweile vom Schlesischen Tor bis zu ihnen nach Schöneberg kamen.
»Man erkennt sie an ihren unrasierten Gesichtern und riecht sie auf fünfhundert Meter Entfernung«, behauptete Leni, die Marktfrau vom Wittenbergplatz.
Einem hatte Charlotte neulich geöffnet. Sie hatte mit Gustav gerechnet und war plötzlich diesem hageren Mann gegenübergestanden. Er war einen halben Kopf kleiner als sie, hatte ein Gesicht wie mehrfach umgegraben und eine Stimme, die sie frösteln ließ. Den Fuß in der Tür, hielt er ihr seinen geöffneten Koffer unter die Nase. Türgriffe, Eisenbeschläge, Scheren, alles lag fein säuberlich nebeneinander. Losgeworden war sie ihn erst, als sie ihm das kleinste Messer aus seinem Sortiment abgekauft hatte. Für zehntausend Mark. Dafür hätte sie an jenem Tag fünf Eier bekommen.
Unaufhörlich lärmte ihre Klingel durch das ganze Haus. Charlotte riss das Fenster auf. »Himmel aber auch. Es ist niemand da.«
Der Mann trat einen Schritt zurück. Er kam ihr bekannt vor. In Windeseile ging sie alle Plätze und Straßenzüge durch, die sie täglich passierte. Möglich, dass er einer der Bettler vom Nollendorfplatz war.
»Könn wer mal Ihren Mann sprechen?«
»Was wollen Sie?« Ihre Stimme klang alles andere als freundlich.
Statt zu antworten, pfiff er durch die Finger.
Von der gegenüberliegenden Straßenseite sah sie einen Jungen herübertrotten. Obwohl er seinen Kopf gesenkt hielt, erkannte sie ihn sofort. Albert hatte ihn ein paarmal mit nach Hause gebracht und ihm gezeigt, wie man Fotos entwickelte.
Sie mochte ihn, auch wenn er nicht gerade das war, was man einen höflichen Jungen nannte.
Sie hatte ihm erst beibringen müssen, dass man nicht ohne zu fragen in jedes Zimmer marschierte und sich nicht alle Gegenstände mit den Fingern besah. Aber das lag schon einige Monate zurück. Es hieß, Frau Lorenz, bei der er mit seiner Familie einquartiert gewesen war, habe ihre unliebsamen Untermieter aus der Wohnung geekelt, geradewegs hinein ins Elend, in den fünften Hof einer Mietskaserne im Wedding.
»Was für eine Überraschung. Schön, dass du uns mal wieder besuchen kommst«, rief Charlotte nach unten, auch wenn sie sofort spürte, dass etwas nicht stimmte. Noch nie war der Junge in Begleitung seines Vaters erschienen, und dass er nicht zu ihr nach oben schaute, machte sie stutzig. Wenn er allein gewesen wäre, hätte sie ihm längst die Tür geöffnet, aber der Vater sah nicht danach aus, als wollte er auf eine Tasse Kaffee vorbeischauen oder sich in die Geheimnisse der Fotografie einweihen lassen.
Unsanft stieß er seinen Sohn in die Seite. »Der da möchte Ihrem Mann etwas geben«, sagte er und zog an dem Beutel, den der Junge umklammert hielt. Er sah noch immer verlegen zu Boden, weigerte sich aber beharrlich, die Tasche loszulassen.
»Wird’s bald, du Rotzlöffel?« Der Vater zögerte nicht lange und schlug seinem Sohn mit der flachen Hand ins Gesicht.
Eine Passantin nickte zustimmend. Gegenüber öffnete sich ein Fenster. Hatte man nicht schon genügend eigene Sorgen? Charlotte entging der vorwurfsvolle Blick nicht.
Der Junge verzog keine Miene. Es schien, als wäre er an derlei Behandlung gewohnt. »Er hat sie mir geschenkt«, sagte er trotzig.
»Gnade dir Gott, mein Freundchen. Es wird einem nichts geschenkt in diesem Leben, und dir schon gar nicht, merk dir das.« Diesmal schlug der Vater fester zu.
»So hören Sie schon auf«, rief Charlotte, »und kommen Sie hoch, ich mach Ihnen auf.«
Doch da waren Vater und Sohn bereits in eine Art Ringkampf verstrickt. Rasch bildete sich eine Gruppe Schaulustiger, die sich nicht damit begnügte, die Szenerie zu kommentieren. Ein Haken gab den anderen, und binnen Sekunden war unter ihrem Fenster eine Keilerei im Gange, wie man sie in diesen Monaten in Berlin häufig zu sehen bekam.
Inzwischen hatte auch Charlottes Nachbarin ihr Fenster geöffnet und ließ eine Schimpfkanonade auf die Raufbolde hernieder. Autofahrer drosselten ihr Tempo, gafften und hupten, aus den umliegenden Wohnungen streckten sie ihre müden Gesichter. Ein Schutzpolizist betrachtete die Schlägerei von einer Kreuzung einen Block weiter. Er hatte an diesem Morgen bereits drei Streitereien geschlichtet und beschlossen, eine Pause verdient zu haben.
Charlotte eilte die beiden Stockwerke nach unten. Sie suchte nach dem aschblonden Haarschopf des Jungen. Als sie ihn schließlich entdeckte, passte sie einen Moment nicht auf. Eine Faust traf sie direkt über dem rechten Auge. Die Nachbarin, gleichermaßen erschrocken wie erbost, rief und gestikulierte in Richtung des Polizisten, er solle jetzt endlich dem Spuk ein Ende bereiten.
Doch der stand noch immer missmutig an seiner Ecke und fragte sich, welche Schuld er auf sich geladen haben könnte, dass an diesem Morgen des 6. Juni 1923 so viel Pech an seinen Schuhen klebte. Wenn er wenigstens ein Gewehr dabeigehabt hätte, er hätte draufgehalten wie früher im Krieg, aber er hatte nur seine Trillerpfeife.
»Scheißkommunisten«, brummte er, bevor er seine Pfeife zum Mund führte, als handelte es sich dabei um ein vergammeltes Stück Fisch.
Nach dem fünften Pfiff ließen die Männer langsam voneinander ab. Blutende Nasen und zerraufte Haare hatten fast alle, manche aufgesprungene Lippen, zerrissene Hemden, Löcher in den Hosen, wobei man nicht wusste, ob die nicht schon vorher da gewesen waren. Jedenfalls klopfte sich kaum einer den Staub aus den Kleidern, und auf den Gesichtern war sogar so etwas wie Zufriedenheit zu erkennen.
Charlotte, die sich gegen die Wand lehnte und ihre Hand schützend vor ihr Auge hielt, wunderte sich über die Stille, die sich in diesem kurzen Moment über die Straße legte. Es war, als hätte der letzte Schlag allen Lärm verjagt, den Groll aus der Stadt geprügelt. Hätte sich der Vater nicht rasch daran erinnert, weshalb er hierhergekommen war, hätte er nicht nach seinem Sohn geschrien, ihn am Kragen gepackt und vor sich hergetrieben, direkt auf Charlotte zu, sie hätte geglaubt, am friedlichsten Flecken Berlins zu sein. Selbst der Polizist machte keine Anstalten, nach Papieren zu fragen, Belehrungen auszusprechen, Tadel zu erteilen, geschweige denn sich nach Verletzten zu erkundigen. Er trottete einfach davon.
»Entschuldige dich«, sagte der Vater, als sie vor Charlotte standen.
Dieses Mal senkte der Junge nicht seinen Blick. Sein Gesicht war mit einer Mischung aus Blut und Staub überzogen, so dass seine Augen ungewöhnlich klar darin wirkten. Am Abend, als sich Charlotte diesen Moment wieder in Erinnerung rufen sollte, war sie sich sicher, in ihnen eine Durchtriebenheit erkannt zu haben, die sie zuvor noch nie bemerkt hatte. In diesem Moment aber fiel ihr nichts dergleichen auf.
Sie sah nur den verdreckten Beutel, den er ihr wortlos reichte, hörte seinen Vater zetern, der seinen Sohn beschuldigte, ein Dieb zu sein, seiner nicht würdig, einer, dem er auch in ihrem Namen und dem ihres Mannes eine Lehre erteilen würde, die Kamera, das sei doch die ihres Mannes, er habe seinen Sohn dabei erwischt, wie er sie habe verkaufen wollen, aber er sei ein Ehrenmann, auch wenn sie eine Woche lang nichts zu fressen hätten.
Seine Worte prasselten auf Charlotte nieder wie kurz zuvor auf ihn noch die Schläge.
Sie solle doch nachschauen, er hoffe, die Kamera habe keinen Schaden genommen. Die Prügelei, eine dumme Sache, aber manchmal, sie wisse schon, ginge es eben nicht anders.
Aus einem Grund, den sie später Vorahnung nennen sollte, zögerte sie, die Tasche zu öffnen. Aber der Vater blieb beharrlich, und kurz darauf zog Charlotte tatsächlich Alberts Fotoapparat heraus. Das Gehäuse war mit zahlreichen Schrammen versehen, eine Ecke abgebrochen, das Objektiv aber zum Glück ohne Schaden geblieben.
»Ich hoffe, es ist nicht allzu schlimm«, sagte der Vater.
»Woher hast du die?« Charlotte ließ den Jungen nicht aus den Augen.
»Gefunden«, sagte er mit dem gleichen trotzigen Ton in der Stimme wie zuvor, als er behauptet hatte, man habe sie ihm geschenkt.
»Glauben Sie ihm kein Wort. Der lügt, sobald er den Mund aufmacht. Und jetzt entschuldige dich, und dann sieh zu, dass du Beine bekommst.«
Der Junge murmelte etwas Unverständliches, woraufhin ihn sein Vater erneut ohrfeigte, aber der Schmerz schien ihn nicht zu erreichen. Er drehte sich um und ging, sein rechtes Bein hinter sich herziehend, was Charlotte noch mit einem Anflug von Mitgefühl bemerkte.
Danach aber hatte sie nur noch Augen für die Kamera. Für Alberts Kamera, die nicht irgendeine Kamera war. Man hatte sie extra für ihn entsprechend seinen Bedürfnissen als Standfotograf gefertigt. Niemals gab er sie in andere Hände, auch nicht in ihre, obwohl sie schon seit ihrer Kindheit fotografierte.
Von oben erkundigte sich die Nachbarin nach ihrem Befinden. »Vergessen Sie nicht, in welchem Zustand Sie sind«, fügte Frau Sommerfeld nicht ohne Tadel hinzu. Aber immerhin verkniff sie sich die sonst übliche Tirade über das Elend in Berlin, »das nur diesem Friedensvertrag geschuldet« sei und »seinen unmenschlichen Forderungen«.
Charlottes Lid pochte, und im Gegensatz zu dem Jungen spürte sie den Schmerz. Bis in die Zehenspitzen kroch er, vermischt mit einer Angst, die sie da noch nicht benennen konnte.
Erst Stunden später, sie hatte ihr Auge mit Jod versorgt, die Wäsche Herrn Jacobi gebracht und die Kamera auf den Esstisch gelegt, nicht ohne vorher mehrfach nachgesehen zu haben, ob sich nicht doch eine Platte darin verbarg oder sonst ein Hinweis auf den Irrweg, den sie und vermutlich ihr Mann an diesem Morgen zurückgelegt haben mussten, ahnte sie, wovor sie sich fürchten sollte. Man hatte Alberts Wagen mit eingeschlagenen Scheiben an einer Böschung des Landwehrkanals gefunden.
Am Abend entdeckte man auch seine Leiche. Sie hatte sich zwischen Wehr und Ästen verfangen, nicht weit von der Stelle entfernt, an der vor über vier Jahren Rosa Luxemburg ihren Kampf verloren hatte.
»Er ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen«, sagte Charlotte sofort, nachdem ihr der Polizist die Nachricht übermittelt und sein Beileid ausgesprochen hatte. Hastig erzählte sie ihm von den Ereignissen am Morgen. Als sie aber erwähnte, dass man ihr die Kamera zurückgebracht habe, erlosch sein ohnehin schon schwaches Interesse.
Mit verschränkten Armen lehnte er sich zurück. Während Charlotte immer schneller redete, von dem Diebstahl, dem Jungen, dessen Vater, von Albert, von sich, schüttelte der Polizist kaum merklich den Kopf. Nicht über Charlotte, der er gar nicht mehr zuhörte, schließlich kannte er dieses hysterische Gerede zur Genüge. Albert Berglas war sein vierzehnter Toter in dieser Woche, der siebenundvierzigste im Monat, der dreihundertsechsundzwanzigste im Jahr. Er pflegte seine Selbstmordstatistik. Nein, er empfand regelrecht Abscheu vor der Einrichtung dieser Wohnung, dem Neuen, Modernen, das, wie er fand, nur ein weiterer Beleg für die Verrohung der Sitten in diesem Land war. Die Fotos und Gemälde zeigten nichts als geometrische Formen, kalt und abstoßend, Geländer, Fensterrahmen, Undefinierbares, und die Möbel waren auch nicht besser. Mit seiner Hand fuhr er über den schwarzen Lederbezug des Sofas. Spuren von Schweiß blieben zurück, die nur allmählich verschwanden. Der Stuhl ihm gegenüber sah aus, als sei er nicht fertig geworden. Schmale graue Stoffbänder spannten sich über Eisenrohre. Auf einer schwarzen Kommode stapelten sich Bücher neben Kerzenständern und einer Lampe mit eckigem Schirm. Fotos lagen auf dem Couchtisch verstreut, Zeitschriften auf dem Parkett, in einer Vitrine aus Stahl und Glas herrschte nicht weniger Unordnung. Gläser, Tassen und Teller standen dort scheinbar kreuz und quer.
Er fand, er hatte genug gesehen. »Frau Berglas«, sagte er und gab sich Mühe, mitfühlend zu klingen, »ich weiß, das ist schwer zu verstehen, aber wir gehen davon aus, dass Ihr Mann freiwillig den Tod gesucht hat.«
»Nein. Das kann nicht sein. Ich bin im fünften Monat schwanger«, sagte sie, als würde das alles erklären.
Aber der Polizist ließ keinen ihrer Einwände gelten. Nicht die zerschlagenen Scheiben, die er darauf zurückführte, dass ihr Mann seine Kamera im Auto liegen gelassen haben musste, und schon gar nicht den Diebstahl des Jungen, eines schmächtigen Elfjährigen. »Und davon mal abgesehen, Ihr Mann weist keinerlei Spuren eines Verbrechens auf. Und bei Gott, davon haben wir in dieser Stadt wahrlich genug.«
Schweigend ließ der Polizist einen Moment verstreichen, in dem Charlotte ihre Hände über ihre helle Hose rieb und ihn beschwor, dass ihr Mann, Albert Berglas, niemals so feige wäre, sie in diesen Zeiten der Not, während dieser »schrecklichen Teuerung« alleinzulassen.
Auch das hatte der Polizist schon oft gehört. Aber früher oder später würde sich der Abschiedsbrief schon finden. Das sagte er ihr jedoch nicht, sondern klärte sie lediglich über das weitere Vorgehen auf, bevor er sich verabschiedete. Es standen noch andere Namen auf seiner Liste.
Das Treppenhaus ächzte unter seinen Schritten. Leise drückte Charlotte die Tür ins Schloss. Ihr Lid pochte jetzt wieder. Mit dem Rücken zur Wand ließ sie sich zu Boden gleiten.
Der Flur lag wie ein langer Tunnel vor ihr, links und rechts gepflastert mit Erinnerungen. Fotos, die sie vom Wannsee gemacht hatte, von der Wiese, auf der sie mit Albert früher oft gepicknickt hatte, von runden Gebäudefassaden, die sich sanft in den Straßenzug schmiegten. Alle aufgenommen, als sie noch keine Sorgen hatten.
Ihr Blick glitt über die Bilder hinweg, blieb haften, flog weiter, ging wieder zurück. Eine Strähne ihres kinnlangen Haares fiel vor ihr rechtes Auge. Mit zittriger Hand schob sie sie zurück.
Das Bild ihres Elternhauses hing an der Wand gegenüber der Dunkelkammer. Vier Fenster zeigten zur Straße. Hinter einem war ihr Zimmer gewesen, hinter einem anderen das Sterbebett ihrer Mutter. Das Bett ihres Vaters war da bereits seit zwei Jahren verwaist. Gustav hatte sein Zimmer gleich bei Kriegsende geräumt und war nach Berlin geflohen, einige Monate bevor auch sie gegangen war.
Weiter hinter, zwischen Küche und Bad, hatte sie ein Foto von Albert aufgehängt. Es zeigte ihn am Filmset in den Studios von Neubabelsberg, wie er gerade seine Kamera auf ein Stativ montierte. Er sollte Fotos von Dreharbeiten machen, seine letzten, wie sich kurz darauf herausstellen sollte. Sein volles Gesicht wirkte konzentriert, aus seinen Manteltaschen ragten Fotoplatten. Im Hintergrund sah man einen der Hauptdarsteller. Das Bild war von einer Ernsthaftigkeit, der nichts Schweres anhaftete. So wie Albert auch gewesen war, bevor man ihm im November 1922 gekündigt hatte.
In der Wohnung war es so still, dass Charlotte am liebsten geschrien hätte. Stattdessen aber stützte sie ihren Kopf in die Hände. In ihren Augen schwammen Tränen. Hastig stand sie auf, doch der Flur war zu einem schmalen schwarzen Schlund geworden, der sie zu verschlingen drohte. Fragen, Sorgen, Ängste stolperten übereinander.
Sie ließ sich wieder zu Boden gleiten, aber sie wusste nicht, wie sie sitzen sollte. Mit ausgestreckten Beinen, angewinkelt, gekrümmt, den Kopf auf den Knien? Denken war unmöglich geworden. Ein Gefühl von unbeschreiblicher Enge beherrschte sie, das sie die halbe Nacht über ziellos in der großen Wohnung umherirren ließ. Vom Salon in das mit einer hohen Flügeltür damit verbundene Speisezimmer, das dahinter liegende Arbeitszimmer, die Küche gegenüber. Von dort in das angrenzende Badezimmer, das Schlafzimmer, in die Dunkelkammer, die gegenüber des einstigen Mädchenzimmers direkt an der Wohnungstür lag, zurück durch den langen Flur in den Salon, hin und her, bis sie schließlich erschöpft auf dem Sofa einschlief.
Verärgert warf Gustav die Karten auf den Tisch. Hatte er fünf Dollar gewonnen, verlor er zehn, und dabei hatte er Moneten-Kalle bei seinem Leben geschworen, ihn noch in der Nacht auszuzahlen.
Dichte Rauchschwaden zogen durch das enge Kellerlokal, hinter dessen Tresen ein hünenhafter Wirt mit ebenso großen Pranken stand. Gustav gab ihm Zeichen, ihm noch ein Bier zu bringen.
»Vergiss nicht, dass du hier noch ’ne Menge Schulden hast«, sagte der, was jedem als Warnung gelten musste, der schon einmal im Linienkeller in der Kreide gestanden hatte.
Nervös zupfte Gustav an seinem Hemdkragen, der über die Zeit speckig geworden war.
Mit ihm saßen noch vier weitere Männer am Tisch. Außer Heinrich, den er aufgrund seiner Größe nur den Langen nannte und mit dem er seit einem halben Jahr befreundet war, einer kleinen Ewigkeit, wie Gustav meinte, kannte er niemanden beim Namen. Wer sich nicht vorstellte, blieb anonym, das war das ungeschriebene Gesetz in diesem Lokal. Zwei seiner Mitspieler waren ihm dennoch nicht unbekannt. Den einen hatte er schon einmal in der Mulackritze gesehen, gemeinsam mit Muskel-Adolf, was ihm mindestens ebenso viel Respekt abverlangte wie die Ermahnung des Wirts, den anderen, einen Glatzkopf mit nur einem Bein, am Rosenthaler Platz. Dort wohnte er gerade zur Untermiete und teilte sich ein Bett mit einem, der schon um vier Uhr morgens zur Arbeit ging, dann, wenn Gustav nach Hause kam. Der vierte aber wirkte wie ein Fremdkörper in dieser Höhle, auch wenn man hier öfter solche Typen sah. Gerne kamen sie in Begleitung vornehmer Damen, ans Spielen aber dachten sie nie. Und der hier spielte nicht schlecht. Zumindest hatte er bislang mehr Geld gewonnen als Gustav und der Lange zusammen. Sein Bart war frisch gestutzt, sein schwarzes Haar ordentlich nach hinten gekämmt, sein weißes Hemd sauber, und statt einer Schiebermütze lagen ein Hut und eine schwarze Hornbrille neben ihm auf dem Tisch.
»Polizei, oder was?«, hatte der Kerl aus der Mulackritze gleich zu Anfang gefragt, aber der Wirt, der jeden Polizisten beim Namen kannte, hatte geschworen, den Gast schon öfter gesehen zu haben. Ärger habe er jedenfalls noch nie gemacht.
Der Glatzkopf, in dessen Mundwinkel eine zur Hälfte abgebrannte Zigarette hing, teilte die Karten aus. Gustavs Blatt versprach nichts Gutes. Die erste Runde ging er mit, die zweite auch, bei der dritten musste er passen. Von den fünfzig Dollar, die Moneten-Kalle ihm geliehen hatte, waren ihm nur noch zehn geblieben, und wenn er die setzte und verlor und diesem Halsabschneider von Kredithai, der zwanzig Prozent Gebühr verlangte, mit leeren Händen gegenübertrat, brauchte es nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was dann geschehen würde. Das letzte Mal hatte er sechs Wochen kaum geschlafen, solche Schmerzen hatte er gehabt.
»Dein Bier.« Der Wirt knallte ihm den Krug vor die Nase. »Und vergiss nicht, du bist nur hier, weil Kalle ein gutes Wort für dich eingelegt hat.«
Gustav musste den Kopf weit in den Nacken legen, um an der Wand, die sich da neben ihm aufgebaut hatte, hochschauen zu können. »Keine Sorge, ich hab alles im Griff.«
»Und komm nicht auf die Idee, mich mit diesen lächerlichen Markscheinen abspeisen zu wollen. Devisen oder Ware, alles andere kannst du dir gleich an den Hut stecken, haben wir uns verstanden?«
»Ich hab ’ne echte Glückssträhne«, sagte er und lachte lauter, als er es hätte tun sollen.
Jedenfalls stemmte der Wirt nun seine Arme in die breiten Hüften und beugte seinen Kopf zu Gustav nach unten, so dass der glaubte, einem Raubtier in die Augen zu blicken. »Du hast mir das letzte Mal Zigarren versprochen. Was ist damit?«
»Da ist dummerweise mein Schwager dazwischengekommen«, sagte Gustav und begann nahtlos von Alberts plötzlichem Tod zu erzählen und dem Jungen, von dem Charlotte glaubte, dass er Albert auf dem Gewissen habe. »Dem Kerlchen musste mal einer auf den Zahn fühlen. Und da hab ich Metzger-Maxe gebeten, das zu übernehmen«, sagte er und versuchte dem durchdringenden Blick des Wirts standzuhalten. Max Kubaschki, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, war einer von mehreren kiezbekannten Schlägern, der gegen Bezahlung keine Skrupel kannte. »Sechs Zigarren wollte er dafür, alles, was ich hatte. Das verstehst du doch ... Das war ich meiner Schwester schuldig«, sagte Gustav und zuckte mit den Schultern. Dass Charlotte nichts davon wusste und dass die Aktion zudem vollkommen unnütz gewesen war, erwähnte er lieber nicht. Denn selbst unter Maxes starken Armen hatte der Junge Stein und Bein geschworen, nichts mit Alberts Tod zu tun zu haben. »Immer hat meine Schwester alles für mich getan ... Nie hat sie mich im Stich gelassen«, fuhr Gustav fort, nachdem der Wirt noch immer nicht die erhoffte Reaktion zeigte. »Ich konnte sie doch nicht im Regen stehenlassen. Ich bin ihr Bruder. Das hättest doch du ...«
»Verschon mich bloß mit diesem elenden Familienkram«, unterbrach der Wirt ihn barsch. Sein Gesicht war mit einem Mal ganz rot geworden, so dass man meinen konnte, er würde gleich mit der Faust auf den Tisch schlagen, stattdessen aber drückte er seine Hände gegen die Brust und rang plötzlich nach Atem.
Gustav sprang als Erster auf. Allerdings sah er mit seinen ein Meter siebzig neben dieser zentnerschweren Gestalt reichlich erbärmlich aus, so dass der Kerl aus der Mulackritze gleich hinterhersprang, Gustav zur Seite stieß, seinen Arm um die Hüften des Wirts legte und schrie, man solle ihnen »zum Teufel aber auch« sofort Platz machen.
Stühle wurden gerückt, Tische verschoben, damit er den Wirt hinter dessen Tresen bugsieren konnte, wo der sich schnaubend auf einen Hocker fallen ließ und über diese »gottverdammten« sentimentalen Familiengeschichten fluchte, die einem das Dasein nur noch mehr vergrätzen würden.
Das Ganze dauerte keine fünf Minuten, aber in dieser Zeit war das Lokal wie verwandelt. Dort, wo kurz zuvor noch nahezu schweigend um Geld gespielt wurde, schwirrten jetzt die Stimmen von Tisch zu Tisch. Es war, als hätte der Wirt ganz gegen seinen Willen eine Schleuse der Erinnerung geöffnet, durch die alles bislang Ungesagte wie Treibgut in das stickige Lokal sickern konnte.
Man erzählte sich von Brüdern, die in Frankreich zurückgeblieben waren, zerfetzt an der Somme, von Vätern, von denen man seit Jahren kein Lebenszeichen mehr erhalten habe, von Müttern, die nun täglich neben anderen lägen, um über die Runden zu kommen, von kleinen Geschwistern, deren Mäuler sie an Stelle der Väter stopfen mussten.
Der Einbeinige an Gustavs Tisch rieb gedankenverloren seinen Stumpf.
Blitzschnell tauschte Gustav mit dem Langen Blicke aus. Auf dem Tisch lagen mindestens zweihundert Dollar. Der Lange wusste sofort, was Gustav vorhatte. Verstohlen schaute er sich um. Niemand schien auf sie zu achten. Wie auf Kommando schnappten sie sich das Geld, steckten die Scheine in die Hosentaschen und nutzten das Durcheinander, um ungehindert aus dem Lokal zu kommen. Kaum waren sie vor der Tür, rannten sie, so schnell sie konnten. Erst in der Münzstraße verlangsamten sie ihr Tempo. Gustav, noch ganz außer Atem, hielt sich vor Lachen den Bauch.
»Die werden Augen machen«, sagte er und schlug dem Langen auf die Schultern. »Gut gemacht, alter Freund.«
»Lass mal zählen«, keuchte der und wollte schon die Scheine aus der Tasche ziehen, was Gustav gerade noch verhindern konnte.
»Bist du verrückt, doch nicht hier.«
Obwohl es bereits kurz vor Mitternacht war, herrschte noch immer geschäftiges Treiben auf den Straßen. Es wurde mit allem gehandelt, was den Tag über zurückgehalten worden war, um es unter der Hand lukrativer zu verkaufen. Kleidung, Zigaretten, Schnaps. Einer zog sogar fünf Forellen unter seiner Jacke hervor und wurde sofort von einer Schar Frauen belagert. Seitdem der Fischladen hatte schließen müssen, war es schwierig geworden, an einem Freitag gefüllten Fisch auf den Tisch zu bringen, was nicht nur dem Rabbiner ein Dorn im Auge war.
Gustav und der Lange drückten sich an den Händlern vorbei, bogen in die Grenadierstraße ein, ließen sich von dem reichen Angebot an Morphium und Kokain nicht verfuhren, sondern schauten sich immer wieder um, die bange Frage im Blick, ob ihnen nicht doch jemand gefolgt war.
Als Gustav sich sicher wähnte, klopfte er an die verwitterte Tür eines Hauses, an dessen Fassade der Putz herunterhing.
»Was machen wir hier?« Der Lange flüsterte, obwohl ihn zwischen all dem Getuschel und Geschiebe auch sonst kaum jemand hätte verstehen können, zumal gerade ein Leiterwagen vorbeipolterte, auf dem ein Kind inmitten leerer Kartoffelsäcke schlief. Aber er hatte sich im Laufe der vergangenen Monate so sehr an diese verschwörerische Art gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr in den Sinn kam, laut und deutlich zu sprechen.
»Maxe wohnt hier«, sagte Gustav. »Der schuldet mir noch was, der soll Moneten-Kalle ...«, aber da spürte er etwas Hartes in seinem Rücken und drehte sich abrupt um.
»Ganz ruhig bleiben.«
Gustavs Blick blieb an der Pistole kleben, die direkt auf ihn zielte.
»Keine Sorge, ich tu euch nichts.«
»Sieh an, der unbekannte Saubermann aus dem Linienkeller.« Gustav stöhnte. Es wäre ja auch wirklich zu schön gewesen, einfach so davonzukommen, mit den paar Dollar zu viel in der Tasche. Aber bei dem Glück, das er hatte, war das kaum zu erwarten gewesen. Die Waffe noch immer im Blick, machte er erst gar nicht den Versuch, sich gegen sein Schicksal zu wehren. In Gedanken ging er bereits alle Fluchtwege durch, die er in den kommenden Wochen würde einschlagen müssen, um Kalle, dem Wirt, dem Einbeinigen, dem Mulack-Typen und nun eben auch noch diesem Kerl, von dessen feinem Äußerem man sich offensichtlich nicht täuschen lassen durfte, zu entkommen. »Halbe-halbe, oder was schwebt dir vor?«, fragte er, während sich hinter ihm ein Fenster öffnete, aus dem Maxe seinen zerzausten Kopf streckte.
»Was ist denn hier los?«
»Ein kleines Wiedersehen unter Freunden«, sagte Gustav mit dem spöttischen Ton in der Stimme, den er sich seit einiger Zeit angewöhnt hatte.
»Und was willst du von mir?«
»Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber die Sache hat sich erledigt«, sagte der Mann mit der Pistole und gab den beiden Zeichen, sich vorwärtszubewegen. »Wir müssen jetzt weiter.«
»Da hörst du es. Freunden widerspricht man nicht.« Gustav zuckte mit den Schultern, drehte sich aber dennoch erst einmal zu Maxe um, während der Lange noch immer die Pistole fixierte. »Hast auf den Jungen ganz schön Eindruck gemacht. Noch so ’ne Begegnung, und aus dem wird’s nur so raussprudeln wie aus ’ner Fontäne. Wenn du nichts dagegen hast, dann frag ich meine Schwester, ob wir zwei dem Bürschchen nicht einen zweiten Besuch abstatten sollten«, sagte er, obwohl nichts davon stimmte und er den Teufel tun würde, in Charlottes Gegenwart überhaupt die Existenz eines Metzger-Maxes zu erwähnen. Aber er wollte etwas Zeit gewinnen und außerdem, so dachte er, schadete es nichts, wenn der Pistolenmann begriff, dass er mit Kerlen wie diesem gut konnte.
»Immer zu Diensten, Justav, weeste doch.« Maxe machte das erfreute Gesicht, das Gustav erwartet hatte. Starken Burschen zu schmeicheln hatte er schon als Kind gelernt, damals, in dem Dorf in Brandenburg, als er noch der Sohn des Dorfpolizisten und einer verrückten Mutter gewesen war.
Wie er allerdings diesem Typ mit der Pistole beikommen sollte, war ihm schleierhaft. Er war weder besonders groß noch muskulös, noch machte er den Eindruck, als hätte er sich jemals in seinem Leben geprügelt, ohnehin überraschte es ihn, dass er eine Waffe besaß. Wenn man ihn so sah, hätte man meinen können, er sei der ehrbarste Bürger Berlins. Wobei, wie Gustav nun dachte, Ehrbarkeit ziemlich aus der Mode gekommen war. Was nutzte einem auch alle Anständigkeit, wenn man sich davon noch nicht einmal eine Erbsensuppe bei Aschinger leisten konnte?
»Los jetzt.« Der Pistolenmann scheuchte die beiden die Straße entlang bis zum Bülowplatz, wo er sie in einen dunklen Hinterhof drängte.
»Jetzt mach doch nicht so ein Theater. Sag einfach, was du willst, dann werden wir uns schon einigen.« Gustav stieß den Langen in die Seite, damit auch der das Geld aus seiner Hosentasche kramte. »Ist doch kein Grund, uns hier wie Verbrecher zu behandeln.«
»Ich kenne da welche, die das bestimmt anders sehen würden.«
»Ja man, schon gut. Willst du uns jetzt etwa auch noch eine Lektion in Moral erteilen?« Gustav zählte rasch die Scheine. »Zweihundertzwanzig Dollar«, sagte er. »Die Hälfte für dich, die Hälfte für uns, das ist doch ein faires Geschäft.«
Die beiden fest im Blick, steckte der Unbekannte die Waffe in die Innentasche seiner dunklen Jacke. Auf seinem Gesicht war auf den ersten Blick keine Regung zu erkennen. Um den Mund aber spielte jenes feine Lächeln, das nur diejenigen bemerkten, die für derlei Zartheiten empfindlich waren.
Gustav war es schon im Linienkeller nicht entgangen. Es verlieh dem Unbekannten eine Stärke, die jenseits von Muskeln und Fäusten lag.
Ungeduldig trat der Lange von einem Bein aufs andere. »Was ist denn jetzt?«
»Ich möchte, dass ihr mir einen Gefallen tut.«
»Einen Gefallen?«, fragte Gustav, unsicher, ob dieser unerwartete Wunsch Gutes verhieß oder nicht doch nur weitere Probleme nach sich zog.
In wenigen Worten umriss der Fremde sein Anliegen und drückte sich dabei so gewählt aus, dass man meinen konnte, sie säßen in einem feinen Salon und stünden sich nicht in einem Hinterhof zwischen Müllbergen und Rattenkot gegenüber. Er sei erst vor wenigen Wochen aus London gekommen, wohne momentan bei einem Bekannten, der sich seine zwei Zimmer mit Frau und drei Kindern teile, weswegen er dort nicht mehr lange unterkommen könne, er aber vorhabe, in Berlin zu bleiben. Kurzum, er sei auf der Suche nach einem Zimmer, selbstverständlich zahle er auch Miete.
»Glaubt der, wir wären vom Wohnungsamt?« Der Lange tippte sich an die Stirn.
Gustav war ebenso überrascht wie sein Freund. »Da fragst du ausgerechnet uns? Ich meine, sieh uns doch an. Ich hab noch nicht einmal ein eigenes Zimmer ... Nimm das Geld und hau ab, aber komm mir nicht mit so einem Quatsch.«
»Das Geld ist mir egal.«
»Na, umso besser. Dann kannst du ja gleich gehen. Bei uns bist du jedenfalls an der falschen Adresse.«
Der Unbekannte lächelte jetzt wieder. »Ich denke nicht.«
»Du musst ja ganz schön Dreck am Stecken haben, wenn du ausgerechnet uns um Hilfe bittest«, sagte Gustav.
»Ich glaube, du bringst da etwas durcheinander. Denkst du etwa, es war eine gute Idee, das Geld zu stehlen? Spätestens morgen wird man euch finden. Und dann ... na ja ... Ihr wisst ja, was man mit Leuten wie euch macht ... Wie ich das sehe, könnt ihr Hilfe gut gebrauchen, und ich mache nichts weiter, als euch ein Geschäft vorzuschlagen, das für beide Seiten Vorteile bringt ... Ich sorge dafür, dass sich im Linienkeller die Gemüter beruhigen, und ihr macht euch ein bisschen fein und mietet ein Zimmer unter eurem Namen ... Glaubt mir, im Vergleich zu dem, was euch sonst erwarten würde, ist das nicht zu viel verlangt. Aber wenn ihr nicht wollt ...«
»Du erpresst uns?«
»Ja, der erpresst uns«, wiederholte der Lange empört.
»Ich helfe euch, ihr helft mir ... Eine Hand wäscht die andere. Aber wenn ihr das nicht versteht, habe ich mich wohl gründlich getäuscht. Gerade von dir hatte ich den Eindruck, du wärst schlau genug, das zu begreifen«, sagte er und zeigte mit seinem Kopf Richtung Gustav, den er schon im Linienkeller genau beobachtet hatte. Einer, der so klein und schmal war und sich dennoch in diese Gegend wagte, musste andere Qualitäten besitzen.
»Ich bin schlau genug, dir nicht über den Weg zu trauen«, erwiderte Gustav, der sich mit einem Mal sicher war, dass es besser wäre, von Moneten-Kalle und Muskel-Adolf gleichzeitig in die Mangel genommen zu werden, als mit dieser undurchsichtigen Gestalt Geschäfte zu machen.
»Schade.« Kopfschüttelnd betrachtete er dieses ungleiche Paar, das ihn bei anderer Gelegenheit zum Schmunzeln gebracht hätte. »Und ich dachte noch, wir könnten uns gut verstehen.«
»Tun wir aber nicht.«
»Ich halte meine Versprechen.«
»Du musst ja ganz schön verzweifelt sein.«
»Ich glaube, du verkennst eure Lage.«
Tage später, da hatte ihm der Kerl aus der Mulackritze bereits drei Rippen und die Nase gebrochen, alles Geld abgenommen und weitere hundert Dollar als Entschädigung gefordert, dachte Gustav ganz anders über diese Begegnung.
In den Tagen und Wochen nach Alberts Tod lag die Wärme wie ein schmieriger Ölfilm über Berlin. Die ganze Stadt schien darunter zu ersticken. Aus den Hinterhöfen drang der Gestank von Abfällen, der sich mit dem Brandgeruch aus den Fabrikschloten und Abgasen mischte.
Nach wie vor wusste Charlotte nicht, wie sie sitzen sollte, wie sie liegen sollte, wie sie essen sollte, wie sie überhaupt jemals wieder zur Ruhe kommen sollte in dieser großen Wohnung, in der sie mit Albert glücklich gewesen war. Unaufhörlich ging sie von einem Zimmer ins andere, öffnete Schubladen, Schränke, durchwühlte Jacken, setzte sich, hörte die Stille, diese lärmende Leere, die ihr in den Ohren dröhnte wie die Stimme des Polizisten.
»Wir gehen davon aus, dass Ihr Mann freiwillig ...«
Nein, das hat er nicht. Wir waren glücklich. Trotz allem. Trotz der schweren Zeiten. Wir waren glücklich. Mein Mann hat sich nicht umgebracht, hätte sie ihm am liebsten ins Gesicht geschrien.
Fast täglich rief sie bei der Polizei an. Bat darum, Ermittlungen aufzunehmen, den Jungen zu verhören. »Auch seinen Vater. Sie müssen den oder die Verbrecher finden«, rief sie ins Telefon, und die Tränen liefen ihr übers Gesicht. Aber man sagte ihr stets, dass alles »für eine Selbsttötung« spreche, dass dies nicht ungewöhnlich sei »in diesen Zeiten«.
Und dann betete man ihr die Statistik vor, sagte, dass man allein heute wieder drei Leichen aus dem Landwehrkanal gezogen habe, dass ihr Mann einer von vielen ...
»Nein. Das ist nicht wahr.«
Er war ihr einfach ins Bild gelaufen. Damals, im Mai 1919. Das Stativ geschultert, der Blick irrlichternd, auf der Suche nach einem Motiv. Als Erstes war ihr sein rotgelocktes Haar aufgefallen, das ihm etwas Exotisches verlieh. Wie Schlangen mäanderte es am Boden entlang. Zumindest sah das von ihrer Position hinter der Kamera so aus. Da stand die Welt Kopf, und mit ihr Albert, dessen Namen sie da natürlich noch nicht kannte.
Der Sommer war bereits zu erahnen, und sie trug ihr hellgelbes knöchellanges Kleid, das sie sich von ihrem ersten Lohn als Schreibkraft geleistet hatte. In ihrer Tasche lagen fünf neue Fotoplatten, am Tag zuvor erstanden, die ersten seit langer Zeit. Zwar hatte Charlottes Vater ihr seine Kamera schon vor Ausbruch des Krieges vermacht, aber in den vergangenen Jahren war ihr nicht nach Fotografieren gewesen.
»Würden Sie bitte aus dem Bild gehen«, rief sie Albert zu, der am Saum des Wannsees stand, für dessen feine Kräuselung sie sich interessierte.
Doch er schien sie nicht gehört zu haben, jedenfalls bewegte er sich nicht.
»Entschuldigung, aber Sie stehen mitten in meinem Motiv.« Ihr Kopf war unter einem schwarzen Tuch verborgen, während sie ihn mit beiden Armen wegzuwedeln versuchte.
Als sie sich schon etwas besser kannten, sagte er ihr, dass sie wie eine verzweifelt summende Biene ausgesehen habe, die nicht vom Fleck gekommen sei, und er sich habe beherrschen müssen, um nicht lauthals loszulachen, damals aber fragte er nur, was sie hier mache.
»Dasselbe wie Sie, nehme ich an.«
»Ach ja, und das wäre?«
»Die Zeit anhalten.«
»Eine Zauberin, wie interessant.«
Dass sie einfach auf den Auslöser drückte und so ihr erstes Foto von ihm machte, verwirrte ihn derart, dass er fast fluchtartig aus dem Bild sprang und sie in ein langes Gespräch über Perspektive, Komposition und die richtige Motivwahl verwickelte. Sie wusste zu allem etwas zu sagen, und als sie vorschlug, sich ins Gras zu setzen und von ihren Broten zu kosten, konnte er gar nicht mehr aufhören zu reden, so durcheinander war er.
An den Sonntagen darauf streiften sie gemeinsam durchs Unterholz auf der Suche nach neuen Motiven, bestiegen Hügel, planschten mit ihren Füßen im Wasser, dachten nur bis zur nächsten Biegung, redeten und lachten. Für beide war es wie ein Erwachen nach einem langen Schlaf.
Denn noch waberte über Berlin der Geruch von Straßenkämpfen, von Leichen, von Streiks und Bewaffnung, noch hatten sie nicht vergessen, wie es sich anfühlte, wenn man sich plötzlich inmitten einer Schießerei wiederfand, so wie Charlotte, als sie im März nach Hause gekommen war und ihre Straße in Trümmern gelegen hatte.
Am Wannsee aber roch es nach Frieden, und alles sah auch danach aus. Die knospenden Bäume, die Büsche mit ihrem hellen Blütenüberzug, der blassviolette Flieder. Hier küssten sie sich zum ersten Mal.
Das Foto, auf dem Albert aus dem Bild sprang, entdeckte Charlotte in der untersten Schublade der schwarzen Kommode. Mit zittrigen Händen holte sie es hervor, strich über Alberts wehendes Haar, küsste sein unscharfes Gesicht. Das Gesicht, das ihr Leben gewesen war in den vergangenen vier Jahren. Das sie angelächelt hatte, das ihr gesagt hatte, wie schön sie sei, wie begehrenswert. In seinen Augen hatte sie sich zum ersten Mal als Frau gesehen. Nicht als Tochter eines im Krieg gefallenen Vaters oder als Pflegerin einer von Dämonen besessenen Mutter oder als ältere Schwester eines leichtfertigen Bruders. Mit Albert hatte sie endlich ihr Glück gefunden.
Sie hatten ihr Glück gefunden, Albert und sie, und wie dem Polizisten hätte sie das auch am liebsten jedem Trauergast ins Gesicht geschrien. Diesen Regisseuren und Requisiteuren, diesen Schauspielern und Redakteuren, die vor zwei Wochen an seinem Grab gestanden hatten. Wir waren glücklich, Albert und ich.
Albert, der Fotograf, und sie, die Hobbyfotografin aus der brandenburgischen Provinz. Er der Ernste, sie die Unbeschwerte, trotz allem. Er der Künstler, sie die Überlebenskünstlerin, die dafür gesorgt hatte, dass sie immer genügend zu essen hatten, auch dann, als er kaum noch Geld verdient hatte. Er hätte sie niemals alleingelassen. Allein mit einem Kind.
»Es war ein Verbrechen«, hatte sie einem der Regisseure mit brüchiger Stimme auf Alberts Beerdigung gesagt. »Ein Verbrechen.«
Aber sie hatte in seinen Augen gesehen, dass er ihr ebenso wenig glaubte wie die Polizei und wie die anderen Trauergäste, deren Getuschel ihr nicht entgangen war. Albert habe seit seiner Kündigung kein Bein mehr auf den Boden bekommen, als Fotoreporter sei er nicht annähernd so gut gewesen wie als Standfotograf. Und in Zeiten, in denen jeder zu kämpfen habe, in denen die Preise stündlich stiegen, in denen es keine Aussicht auf Arbeit gebe, da müsse man sich nicht wundern, wenn einer keinen Ausweg mehr sehe.
Die Erinnerung an seine Beerdigung trieb ihr wieder die Tränen in die Augen. Er hat sie nicht zurückgelassen. Nicht Albert. Nicht der Mann, der ihr schon drei Monate nach ihrer ersten Begegnung einen Heiratsantrag gemacht hatte. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, obwohl es in der Wohnung mindestens dreißig Grad warm war. Auch auf dem Friedhof hatte sie unter glühender Sonne gefroren.
Charlotte nahm das Foto, auf dem Albert aus dem Bild sprang, und stellte es neben seine Kamera in die gläserne Vitrine. Dort lagerte sie seine Schätze. Tassen und Teller, Handschuhe, Schals, Leuchter, Gläser, Besteck, Aschenbecher, allesamt Requisiten aus Filmen, in denen Asta Nielsen die Hauptrolle gespielt hatte und die einigen Sammlern viel Geld wert waren. Aber es waren Alberts Heiligtümer, die jetzt ihre waren, die mehr wert waren als Trillionen von Mark. Niemals, das schwor sie sich, würde sie auch nur ein Stück davon verkaufen. Selbst dann nicht, wenn sie nicht wüsste, wovon sie ihr Kind ernähren sollte.
Alberts und ihr Kind, das nun gegen ihre Bauchdecke trommelte, als wollte es sie daran erinnern, dass sie auch noch eine Verantwortung zu tragen hatte, dass sie ihre Tage und Wochen nicht allein damit zubringen durfte, nach einem Beweis zu suchen, den sie doch gar nicht finden wollte, von dem sie hoffte, dass es ihn nicht geben würde.
Im Arbeitszimmer lagen ganze Jahrgänge vom Vorwärts neben Notizblöcken, neben alten Lichtspiel- und Theaterprogrammen verstreut. Im Schlafzimmer türmten sich Alberts Hemden und Hosen und Jacken auf dem Bett. Der Wohnzimmerboden war mit Fotos übersät. Jeden Werbezettel hatte sie in die Hand genommen, jeden Notizblock durchgesehen, jedes Gekritzel studiert, jedes von ihm notierte Wort gelesen, aber sie hatte nichts gefunden, was auch nur im Entferntesten einem Abschiedsbrief gleichgekommen wäre.
Wie er sie angesehen hatte, als sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger sei. Sie, die schon einunddreißig Jahre alt war, die mit keinem Kind mehr gerechnet hatte. Für einen Moment hatte sie geglaubt, in einen Spiegel zu sehen. Denn als der Arzt ihr die Nachricht verkündet hatte, war sie so erschüttert wie Albert gewesen.
»Ich werde Vater?« Er streichelte ihr über die Wange. Staunend. Als wäre sie das Wunder.
»Wir werden Eltern«, sagte sie und strahlte und nahm seine Hand. »Wir werden eine richtige Familie sein.«
»Aber ... wovon sollen wir denn leben?«, fragte er, und in seinen Augen erkannte sie kurz so etwas wie Hoffnungslosigkeit.
»Das wird sich schon finden«, sagte sie, noch immer strahlend. »Mach dir keine Sorgen. Die Zeiten werden auch wieder besser werden. Hauptsache, wir zwei halten zusammen.«
»Ach, Lottchen.« Er stöhnte erst, dann lachte er, wie er immer lachte, wenn sie ihn mit ihrem Optimismus betörte. »Was wäre ich nur ohne dich.«
»Das, was du auch mit mir bist. Der beste Fotograf auf Erden.«
»Wenn das doch nur alle so sehen würden.«
»Sie werden es. Glaub mir.«
Er nahm ihren Kopf in beide Hände und küsste sie zärtlich. »Gleich morgen«, sagte er, »werde ich die Redaktionen abklappern, versprochen.« Dann packte er sie um die Hüften, wirbelte sie im Kreis und rief: »Das müssen wir feiern. Auf unser neues Leben.«
Zum ersten Mal seit langem waren sie wieder ausgegangen, waren erst im Kino gewesen und danach tanzen und konnten von der Vorstellung, bald Eltern zu werden, gar nicht genug bekommen.
Einer, der sich so auf sein Kind freut, bringt sich nicht um, dachte Charlotte jetzt. Auch dann nicht, wenn sich keine Redaktion um seine Arbeiten reißt.
Sie fuhr mit ihrer Hand über das warme Holzgehäuse seiner Kamera.
Sie hätte schon dafür gesorgt, dass es immer weitergegangen wäre, das hatte er doch gewusst. Sie hatte doch nur ihn. Er war doch ihr Leben. Er, und bald auch das Kind.
Wieder standen Tränen in ihren Augen. Wieder wanderte sie von einem Zimmer zum nächsten, öffnete Schubladen, fand Bleistifte, Radiergummi, Briefpapier, aber keine Notiz an sie. Wieder nahm sie Buch für Buch aus den Regalen, schüttelte jedes einzelne in der bangen Erwartung, doch den alles entscheidenden Hinweis zu finden. Und wieder stellte sie jedes Buch mit einer Mischung aus Erleichterung und Verzweiflung zurück.
Das Kind in ihrem Bauch strampelte noch immer. »Ja«, flüsterte sie, »ja, ich weiß.« Es musste weitergehen. Es musste auch ohne Albert weitergehen.
Für den späteren Nachmittag hatte sich der Möbelhändler angekündigt, der den Schlafzimmerschrank, den Couchtisch, die Stehlampe und zwei Sessel mitnehmen wollte. Außerdem hatte er Interesse an ihrem Silberbesteck bekundet, und das Service mit dem Goldrand würde sie ihm auch noch verkaufen können. Das alles änderte aber nichts daran, dass sie dringend bei dem Geschäftsführer der Filmfirma anrufen sollte, von dem es hieß, dass er eine Sekretärin suchte. Irgendwann wäre auch ihr Fundus erschöpft, und was es bedeutete, dann ohne Einkommen dazustehen, konnte sie täglich mit eigenen Augen sehen. Dafür musste sie nur ein paar Schritte gehen. Spätestens am Nollendorfplatz begann das Elend. Von überall her kamen sie, um dort vor dem Eingang zur Hochbahn ihre Hände aufzuhalten. Kinder, Mütter, Alte, Junge.
Dennoch zögerte sie. Ihr letztes Vorstellungsgespräch, das sie eine Woche vor Alberts Tod geführt hatte, war ihr noch deutlich in Erinnerung. Allein der Weg ins Büro des Chefs glich einem Spießrutenlauf. Schreibmaschinengeklapper von allen Seiten und dazu jede Menge abschätzige Blicke, denen gerümpfte Nasen folgten. Ihr war, als könnte sie die Gedanken der emsigen Damen hören.
Ganz jung ist die aber auch nicht mehr. Habt ihr den Bauch gesehen? Da wächst was heran. Was will die hier? Hat die denn keinen Mann?
Der Chef dagegen war ganz direkt. Eine Schwangere in ihrem Alter, nein, beim besten Willen, da sei nichts zu machen. Ob sie denn glaube, sie wären hier bei der Wohlfahrt? Die Stadt richte gerade Schreibstuben ein, da könne sie ja mal ihr Glück versuchen, aber wenn er ehrlich sein dürfe, das ganze Arbeiten lohne sich sowieso nicht mehr, der Verdienst stehe doch in keinem Verhältnis zu den Ausgaben, allein seine Kosten überträfen jede Vorstellung, und dann begann er über die Politiker zu wettern, die »uns das alles eingebrockt haben«. Hätte man ihn gefragt, er hätte Ebert und dieser ganzen Versailler-Friedensvertrag-Mischpoke eine Kugel in den Kopf gejagt. »So wie sie es mit diesem Juden, diesem Rathenau gemacht haben. Eine Republik?« Er tippte sich an die Stirn. »Wer in solchen Hirngespinsten die Rettung sieht, kann sich ja gleich sein eigenes Grab schaufeln.«
Saß sie nicht schon mittendrin? In ihrem Grab? Schmiss man nicht schon mit Erde auf sie? Zu Alberts Beerdigung waren sie zwar noch alle erschienen, aber mit zu ihr nach Hause hatte keiner mehr kommen wollen. »Die Arbeit«, »Termine«, keiner war um eine Ausrede verlegen gewesen, dabei hatte sie die Angst auf ihren Gesichtern doch gesehen. Ihre Angst vor dem Tod, ihre Angst davor, sich bei ihr mit dieser Krankheit zu infizieren, die Aussichtslosigkeit hieß.
Es war ein Verbrechen, schrie es in ihrem Kopf. »Ein Verbrechen«, sagte sie, während sie ihre Hände beschützend auf ihren Bauch legte. »Dein Vater ist kein Selbstmörder, hörst du.« Tränen liefen ihr über die Wangen.
Sie wollte nicht, dass der Möbelhändler kam, sie wollte keine Arbeit finden, sie wollte Albert zurück. Sie hatte doch niemanden außer ihm. Er und sie, das hatte ihr immer genügt. An seiner Seite hatte sie sich so frei gefühlt wie noch nie zuvor in ihrem Leben. An seiner Seite konnte sie fotografieren, durch die Stadt streifen, tagelang neue Motive suchen. Zumindest, bevor diese Teuerungswelle über das Land hereingebrochen war. Aber auch danach hatte er ihr nie Vorschriften gemacht, nie etwas von ihr verlangt, und sie hatte ihm bereitwillig alles gegeben. Ihre ganze Liebe. Als hätte sie die nur für ihn aufgespart.
Als sich Charlotte gerade noch einmal den Zeitungsstapel vornehmen wollte, klopfte es an ihre Wohnungstür.
»Frau Berglas!«
Sie erkannte die Stimme der Nachbarin, die so gerne schimpfte und tratschte.
»Frau Berglas! Ich weiß, dass Sie da sind. Machen Sie schon auf.«
Das ganze Haus konnte sie hören.
Mühsam erhob sich Charlotte vom Boden, strich durch ihr Haar, zupfte ihre weiße Bluse zurecht, die um ihren Bauch spannte. Sie wollte jetzt niemanden sehen, sie wollte nie wieder irgendjemanden sehen, aber die Nachbarin würde keine Ruhe geben, das wusste sie. Charlotte atmete tief durch, machte sich gerade, übte zu lächeln, bevor sie die Tür öffnete. »Frau Sommerfeld.«
»Na endlich«, sagte die Nachbarin, einen Fuß schon in der Wohnung. »Glauben Sie, Sie können sich hier drin verschanzen? Sie müssen doch etwas essen. Ein Toter genügt ja wohl.« Kopfschüttelnd reichte sie Charlotte einen Laib Brot und ein in Papier eingewickeltes Stück Speck.
»Aber Frau Sommerfeld ...« Charlotte standen Tränen in den Augen. Der Rührung, aber auch der Wut. Sie wollte mit niemandem sprechen. Und schon gar nicht mit ihrer Nachbarin, auch wenn sie es gut meinte. »Das ist wirklich sehr freundlich, aber ... das kann ich nicht annehmen. Sie haben doch selber kaum ...«
»Keine Widerrede«, sagte Frau Sommerfeld und drückte Charlotte das Brot gegen den Bauch. »Beim Bäcker hat man Sie jetzt schon seit fünf Tagen nicht mehr gesehen. Wie stellen Sie sich das denn vor? In Ihrem Zustand.«
Sie gab sich Mühe zu lächeln, während sie versuchte, ihre Nachbarin sanft aus der Tür zu schieben. Deren neugieriger Blick wanderte jetzt den Flur entlang, und Charlotte glaubte genau zu sehen, was sie dachte. Verwahrlosung, stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Dieser Frau muss man helfen. Doch diese Frau brauchte keine Hilfe. Diese Frau brauchte ihren Mann. »Sie müssen sich keine Sorgen machen. Mir geht es gut. Mein Bruder hat für mich eingekauft«, sagte sie, dabei hätte sie eigentlich wissen müssen, dass Frau Sommerfeld nichts entging. Und schon gar nicht, wenn Gustav sie besuchte, der schon mehr als einmal mitten in der Nacht Sturm geklingelt und damit das ganze Haus aufgeweckt hatte.
»Ihr Bruder? Frau Berglas, ich bitte Sie. Den erkenne ich doch schon am Klingeln. Und entschuldigen Sie bitte, wenn ich das so sage, aber ich war nicht unglücklich darüber, ihn in letzter Zeit nicht gehört zu haben ... In diesem Punkt war ich mir mit Ihrem Mann immer einig ... Obwohl, in letzter Zeit hat er ja kaum noch mit mir gesprochen. Regelrecht verschlossen war er. Und schmal war er auch geworden ... Ehrlich gesagt habe ich mich schon gefragt, ob er nicht vielleicht doch krank ...«
»Nein, Frau Sommerfeld.« Charlotte versuchte noch immer zu lächeln. »Er war nicht krank. Er ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen, das wissen Sie doch. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte ... Sie sehen ja, ich habe noch viel zu tun. Und wie gesagt, machen Sie sich keine Sorgen und ... vielen Dank.«
Doch Frau Sommerfeld dachte gar nicht daran, ihren Platz in der Tür zu räumen. Ihr neugieriger Blick klebte noch immer auf den Zeitungen und Fotos, die im ganzen Flur verstreut lagen. »Es ist gut, wenn Sie schon jetzt aussortieren. Ich sage Ihnen, je eher alles weg ist, umso besser. Als mein Mann damals ...«
»Also noch einmal vielen Dank.«
»Wenn Sie Hilfe brauchen, ich habe Zeit, ich ...«
»Danke ... Das ist nicht nötig, aber das Brot und den Speck, den nehme ich gern«, sagte Charlotte, während sie die Tür Spalt um Spalt immer dichter an das Schloss heranschob, bis der Nachbarin gar nichts anderes übrigblieb, als ihren Fuß wegzunehmen.
»Denken Sie an das Kind«, sagte Frau Sommerfeld noch, bevor Charlotte die Tür zudrückte. »Das Kind, Frau Berglas«, rief sie vom Treppenhaus durch die geschlossene Tür, während sich Charlotte zitternd zu Boden gleiten ließ.
Die Nachbarin hatte ja recht. Sie musste an das Kind denken. An seine und ihre Zukunft. Sie musste Arbeit finden, sie musste weitermachen.
Das Kind strampelte jetzt wieder. Beschützend legte Charlotte ihre Hände auf den Bauch. »Schon gut«, flüsterte sie, »schon gut. Ich ruf diesen Filmproduzenten ja an.«
Doch es verstrichen weitere Tage, an denen Charlotte nichts anderes tat, als nach diesem Abschiedsbrief zu suchen, als bei der Polizei anzurufen, als zu hoffen, dass alles nur ein böser Alptraum wäre, aus dem sie bald erwachen würde. Und sie stellte sich vor, wie sie Albert von seinem Traumtod erzählte, wie er ihr beruhigend übers Haar streichelte, wie er sie küsste, wie er sie in den Arm nahm und wie sie schließlich beide über diesen albernen Traum lachten.
Aber natürlich erwachte sie nicht. Und es gab auch niemanden, der sie tröstete oder hätte trösten können. Auch Gustav nicht, der sie zwar regelmäßig besuchte, dessen aufgeregte Betriebsamkeit ihr jedoch mehr Last denn Entlastung war. Kaum trat er durch die Tür, überschüttete er sie mit hochfliegenden Plänen, die nur ein Ziel kannten, ihm, und damit auch ihr, zu Wohlstand zu verhelfen. »Du wirst sehen, morgen setze ich auf das richtige Pferd«, sagte er beispielsweise und phantasierte davon, dass man ihm mit dem gewonnenen Geld Zugang zu einer der geheimen Pokerrunden gewähren würde. Oder er träumte von Aktienspekulationen oder von einem eigenen Nachtlokal oder einer Tanzdiele oder einem Rennpferd oder, oder, oder. Seiner Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. »Ich werde alles tun, um dir zu helfen«, sagte er regelmäßig, und es gab für Charlotte keinen Grund, an seinem guten Willen zu zweifeln, an allem anderen jedoch schon.
Das strampelnde Kind in ihrem Bauch erinnerte sie daran, dass sie noch ein Versprechen einzulösen hatte. Charlottes Blick ruhte auf dem Telefon, das direkt neben dem Sofa auf einem schmalen Eisenrohrtisch stand. Sie musste doch nur den schweren schwarzen Hörer von der goldenen Gabel nehmen und diesen Filmproduzenten anrufen. Sie musste es wenigstens versuchen. Für das Kind, sagte sie sich. Als sie sich gerade dazu durchgerungen hatte, endlich vernünftig zu werden, klingelte das Telefon seit Tagen zum ersten Mal.
Wie üblich meldete sich die Telefonistin. Die Leitung knackte. Im Hintergrund war ein Meer aus Stimmen zu hören. Jemand rief, dass Kabine drei frei sei.
»Ja?«
»Du musst mir helfen, schnell, die sind ...«
»Gustav?«
Sie hatte nur ein Rauschen im Ohr. »Ich kann dich nicht verstehen.«
»Die sind hinter mir her, Charly, mindestens fünf Mann.«
»Was ist denn los?« Noch war sie ganz ruhig. Dass Gustav in Not war, kam nicht gerade selten vor.
»Die schlagen mich tot. Bitte, Charly, du musst mir helfen.«
»Wo bist du gerade?«
»Im Postamt. Am Hackeschen Markt.«
»Dann nimm die Bahn und komm her.«
»Nein, ich kann hier nicht weg.« Panik lag in seiner Stimme. »Die sind da draußen. Ich kann unmöglich raus. Du musst kommen. Mit dem Wagen. Die machen sonst kurzen Prozess.«
»Gustav! Bitte! Ich weiß nicht, ob der Wagen ...« Doch da hörte sie plötzlich aufgeregte Stimmen.
»Aus dem Weg«, schrie jemand. Kabinentüren wurden aufgerissen und wieder zugeschlagen, Füße trampelten über den Holzfußboden. »Wird’s schon?«
»Das sind sie.« Gustav sprach ganz leise.
»Was ist da los? Gustav, sag schon.« Von Charlottes anfänglicher Ruhe war nichts geblieben.
Frauen schrien, Kinder weinten.
»Sag doch was.« Doch sie hatte nur seinen hektischen Atem im Ohr.
»Na, Freundchen, wo hast du dich versteckt?«
Wieder schlugen Türen, sie hörte schwere Stiefel poltern, mit einem Mal aber war es ganz still.
»Gustav? Bist du noch da?«
»Verschwindet!« Eine rauchige Stimme dröhnte durchs Telefon. »Ich schwöre euch, ich sag’s nicht zweimal. Dieses Gewehr hier hat mehr Menschen auf dem Gewissen, als ihr euch vorstellen könnt. Da kommt es auf ein paar mehr nicht an.«
Ein Raunen erhob sich, das immer lauter wurde. Jemand schrie, dass sie ihn schon noch kriegen würden, dann hörte sie, wie sich Schritte entfernten.
»Ich glaube, die sind weg.« Noch immer sprach er ganz leise.
»Waren das die, von denen ...«
»Ja.«
»Rühr dich nicht von der Stelle. Ich bin so schnell wie möglich da.«
Das Auto stand Bayreuther Straße Ecke Viktoria-Luise-Platz. Dort hatte es die Polizei vor vier Wochen abgestellt. Und als Charlotte den Wagen nun zum ersten Mal nach Alberts Tod wieder sah, als ihr Blick zum ersten Mal auf die eingeschlagene Scheibe fiel, die für sie der Grund ihres Elends war, und als sie auch noch die toten Fliegen im Innenraum entdeckte, wäre sie im ersten Moment am liebsten umgekehrt. Im zweiten Moment aber hörte sie wieder die Angst in Gustavs Stimme, spürte ihre eigene Angst, auch noch ihn zu verlieren, den kleinen Bruder, für den sie schon immer gesorgt hatte und der ihr als Einziger noch geblieben war.
Mit zittrigen Händen öffnete sie die Fahrertür, wischte die Fliegen vom Sitz und setzte sich hinter das Lenkrad. Sie war ähnlich aufgeregt wie vor drei Jahren, als Albert ihr das Fahren beigebracht hatte. Damals war sie nervös gewesen, weil sie es kaum hatte erwarten können, selbst den Wagen durch Berlin zu lenken. Nun aber hielt sie die Anspannung kaum aus, weil sie nicht wusste, ob das Auto überhaupt anspringen und ob sie es noch rechtzeitig zu Gustav schaffen würde.
Der Wagen rumpelte, alles zitterte, dann wurde er ganz still. Charlotte versuchte erneut, ihn zu starten. Nach dem vierten vergeblichen Versuch schlug sie verärgert auf das Lenkrad. »Herrgott aber auch, jetzt spring schon an.« Schweiß stand ihr auf der Stirn.
Passanten blieben stehen, schüttelten den Kopf, tuschelten über »diese Frau da am Steuer«. Ein älterer Herr wetterte gegen »die Weiber heutzutage«, denen nichts mehr »heilig« sei. Ein anderer fragte, ob sie denn überhaupt schon jemals Auto gefahren sei?
Charlotte sah ihn mit blitzenden Augen an. »Bin ich, der Herr, bin ich ... Bis an den Müggelsee bin ich schon gefahren, bis ...« Da sprang der Wagen endlich an.
Der Motor dröhnte durch ihren Körper. Langsam fuhr sie los. Der rechte vordere Reifen eierte, aber sie hatte jetzt keine Zeit, danach zu sehen. Charlotte holperte über die Potsdamer Straße, bog in die Friedrich-Ebert-Straße ein, hupte, wenn mal wieder ein Fahrradfahrer im Weg stand, versuchte schneller zu fahren, aber der Motor zischte gefährlich, sobald sie das Gaspedal stärker drückte. Das Lenkrad zitterte in ihrer Hand. Und es war nicht klar, ob sich die Nervosität des Wagens auf sie übertrug oder ob es sich umgekehrt verhielt.
Unter den Linden ging es plötzlich nicht mehr voran. Ein schrilles Hupkonzert vermischte sich mit stakkatoartigen Rufen.
»Wir haben Hunger.«
