Wintergasse 24 - Ida Froh - E-Book

Wintergasse 24 E-Book

Ida Froh

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Beschreibung

Kurz vor Weihnachten strandet Irena, verzweifelt und einsam, im winterlichen Berlin. Sie ahnt nicht, dass sich hinter den maroden Mauern eines heruntergekommen Hauses ein Geheimnis verbirgt, das nicht nur ihr Leben für immer verändern soll. Ihre skurrilen Nachbarn beherbergen Stadttauben und halten ein Rentier im Hinterhof. Außerdem glauben sie, dass die alte Frau im Erdgeschoss für den unaufhörlichen Schneefall verantwortlich ist. Irena will nur eines: schnell wieder weg. Doch dann erwacht ein lang vergessener Traum in ihr und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Eine heitere, warmherzige Geschichte über Träume, Zusammenhalt und Akzeptanz. Und nicht zuletzt den sehnlichsten Wunsch eines Rentiers.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Kerstin

Die Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden (natürlich, es ist schließlich ein Weihnachtsmärchen, also, was sonst?). Etwaige Ähnlichkeiten zu Personen außerhalb dieser Geschichte sind rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Auftakt

Kapitel 2 – Ankunft

Kapitel 3 – Anschluss

Kapitel 4 – Angedacht

Kapitel 5 – Be-Geistert

Kapitel 6 – Nieder-Schlag

Kapitel 7 – Niederkunft

Kapitel 8 – Zersägt

Kapitel 9 – Träume

Kapitel 10 – Aufgewacht

Kapitel 11 – Vorbereitungen

Kapitel 12 – Heiligabend

Kapitel 1 – Auftakt

Wenn das gesamte bisherige Leben unerwartet in zwei unhandlichen Koffern und einer schweren Tasche neben einem steht, ist eine unangemessene Reaktion auf einen ebenso unangemessenen wie dummen Spruch sicher verständlich.

So kam es, dass eine durch und durch beherrschte Frau, sonst eher höflich und keineswegs gewalttätig, vor dem Zeitschriftenregal einer Bahnhofsbuchhandlung völlig die Beherrschung verlor und den Sprücheklopfer mit allen Zeitschriften bewarf, derer sie habhaft werden konnte.

Der graubärtige Riese hatte sich bereits kurz zuvor rücksichtslos an ihren Koffern vorbeigeschoben, die darauf in einer Kettenreaktion begannen umzukippen. Wie in Zeitlupe schienen sie auf die sorgfältig aufgebaute Bücherpyramide zuzufallen und brachten diese genau in dem Augenblick zum Einsturz, als der Riese sich neben die Frau drängelte, auf die Zeitschrift hinuntersah, die sie in den Händen hielt, während sie fassungslos auf die unaufhaltsame Katastrophe starrte.

„Na, Püppchen, ich habe noch einen anderen Vorschlag, wie du über Nacht schlank werden kannst.“

Der Kopf der Frau ruckte herum und eine Art wilder Urschrei grollte aus ihrer Kehle durch das Geschäft, indem ohnehin bereits alle zu der umstürzenden Pyramide sahen.

Die „Schlank-über-Nacht-Zeitschrift“ war die erste, die durch den Raum flog, noch gut einen Meter an dem Graubärtigen vorbei, dessen anzügliches Lächeln schlagartig aus seinem Gesicht gewischt war.

Doch schon die Nächste traf ihn unvorbereitet mitten vor die kravattierte Brust. Die „Vegane Weihnachtsbäckerei“ konnte er mit Mühe von seinem Gesicht fernhalten, indem er die Hände hochriss, doch die Frau hatte schnell nachgeladen und so schaffte es „Gemütliche Adventszeit“ geradewegs ins Ziel. Noch bevor er den Advent entfernen konnte, klatschte bereits ein schweres Hochglanzmagazin auf seinen Rücken.

In der Bahnhofsbuchhandlung war es bis auf die stakkatoartigen Schreie der Frau sehr still geworden. Niemand bewegte sich, alle starrten auf die unglaubliche Szene und nur langsam dämmerte es den Ersten, dass vielleicht etwas getan werden müsse.

Unterdessen flogen „Wintermärchen im Garten“, „Sonderheft Backen mit Kindern“ und „Urlaubsziele im Schnee“ in schneller Folge durch den Raum. Der Riese versuchte vergeblich sich hinter einer weiteren Bücherpyramide in Deckung zu bringen, während die Hände der Frau immer höher die Regale hinaufgriffen, um an Munition zu kommen.

Ein junger Mann löste sich aus seiner Erstarrung und trat beherzt einen Schritt auf die Frau zu.

„Hören Sie auf damit“, quetschte er etwas zu leise aus sich heraus und fand sich sofort im Fokus der Aufmerksamkeit.

„Was?!“, kam das erste wirklich artikulierte Wort aus dem Mund der Wütenden.

Der Mann hob eilig beschwichtigend die Hände und wollte sich eigentlich zurückziehen, hatte aber in seiner Aufregung die umgestürzte Bücherpyramide mit den zwei großen Koffern vergessen. So fiel er mit einem spitzen Schrei in den Bücherberg, worauf die letzten standhaften Mauern der Pyramide auf ihn hinunterstürzten.

Die Frau hatte dadurch immerhin so lange inne gehalten, dass sie einen Blick auf die Zeitschrift werfen konnte, die sie von dem oberen Regal gefischt hatte.

Als sie die nackte Frau mit der Weihnachtsmütze auf dem Cover sah, ruckte ihr Kopf zu dem Graubärtigen, der inzwischen versuchte, sich leise aus dem Laden zu stehlen. Ein erneuter Schrei der Frau ließ ihn panisch herumfahren. Mit schreckensgeweiteten Augen sah er sie auf sich zu stürmen, die Zeitschrift drohend erhoben.

„Hier!“, war ein immerhin verständliches Wort zu vernehmen und schon klatschte das schwere Hochglanzmagazin auf seine Schulter. Er hob abwehrend die Hände, taumelte einen Schritt zurück, riss dabei sämtliche drehbaren Postkartenständer um, während die Frau immer wieder zuschlug und die Zeitschrift in Fetzen endete.

Ihrer Munition beraubt, zu weit vom Nachschub entfernt, blieb die Frau mit hängenden Armen schweratmend stehen.

„So!“, könnte man verstehen, als sie sich umdrehte, vielleicht sollte es auch ein „Sie“ oder ein „Boah“ sein. Kurz erstarrte sie, als sie ihr stummes Publikum wahrnahm. Manch einer kam gerade erst wieder zögerlich hinter schnell aufgesuchten Schutzwällen aus Aufstellern und Werbetafeln hervor. Stöhnend erhob sich gerade der Gestürzte aus dem Bücherberg, während der Graubärtige sich hoffnungslos in den filigranen, aber äußerst stabilen Drahtkonstruktionen der Drehständer verfangen hatte und inzwischen auf eines der großen Schaufenster mit den künstlichen Weihnachtsbäumen zu torkelte.

Die Frau war mit entschlossenen Schritten bei ihren Koffern, schwang sich die viel zu schwere Reisetasche über und richtete keuchend die unhandlichen, schweren Pyramidenvernichter auf. Dann drehte sie sich nochmal zu dem Graubärtigen um, der gerade versuchte sein Gleichgewicht an einem der wackligen Weihnachtsbäume wiederzufinden. Die kunstvoll verlegte Elektrik hielt noch einen winzigen Augenblick stand, dann riss die gesamte Konstruktion von der Decke. Die Beleuchtung der Bahnhofsbuchhandlung erlosch.

In die folgende Dunkelheit sagte eine Frauenstimme: „Arschloch!“

Kurz darauf ging das Licht auf dem gesamten Bahnhof aus.

Voll grimmiger Zufriedenheit biss sie in den Schokoriegel, während Dörfer und graue Landschaften an ihr vorbei rasten. Der Regen klatschte unablässig an die Scheiben und ließ sich ständig ändernde Muster entstehen.

Das bunte Papier des letzten gestohlenen Riegels wurde in die Tasche gestopft, als die Tür des Großraumabteils aufgerissen wurde.

„Die Faaaaahrkarrrten, bittääää!“, tönte es durch das Großraumabteil und alle kramten eilig in ihren Taschen, holten Papier oder Handy hervor. Der Zug war nicht allzu voll und so stand der Kontrolleur schon bald vor ihr.

Er starrte auf ihre Fahrkarte. „Berlin, was? Da sitzen Sie aber im falschen Zug.“

Das Gesicht der Frau wurde blass und das Grinsen des Schaffners breiter. „Nur ein Scherz!“, lachte er.

„Mir. Ist. Heute. Nicht. Nach. Scherzen!“, kam es betont von der trotz der Wärme dick eingepackten Gestalt.

Ein großes Glück für den Scherzkeks, dass alles in der Nähe der Frau angeschraubt oder sonst wie befestigt war, während er ihr völlig ahnungslos den Rücken zuwandte und weiter seiner Aufgabe nachging.

Die Frau schob ihre Wollmütze zurück und drückte ihre Stirn an die kalte Scheibe. Irgendetwas in ihr musste durchgebrannt sein, mutmaßte sie. Niemals hätte sie gedacht, dass sie einmal derart ihre Beherrschung verlieren würde. Dazu hatte sie eilig in der Dunkelheit die Flucht ergriffen und sich die Manteltaschen mit gestohlenen Schokoriegeln vollgestopft. Am meisten befremdete sie allerdings, dass sie keinerlei schlechtes Gewissen hatte.

Eine ganze Weile hatte sie noch auf eine Durchsage im Zug gewartet, bei jedem Bahnhof starrte sie ängstlich auf den Bahnsteig und fürchtete, die Polizei würde den Zug stürmen, um sie festnehmen. Aber nach einigen Stunden entspannte sie sich schließlich. Vermutlich wurden erstmal Fahndungsfotos nach Beschreibung der Zeugen und Ähnliches angefertigt.

Sie starrte auf ihr Spiegelbild in der Scheibe. Aber was konnten die Leute schon sagen?

Eine graue Wollmütze bedeckte ihre blonden Haare, ein ebenfalls grauer Schal ihr halbes unteres Gesicht. Es folgte ein gleichfarbiger Mantel, wie er in jedem zweiten Modegeschäft hing und schließlich, wenig überraschend, eine graue Hose, die aufgrund des langen Mantels erst ab den Knien zu sehen war, gefolgt von schwarzen Stiefeln, an denen ebenfalls nicht das Geringste auffällig war. Außerdem bezweifelte sie, dass irgendjemand während ihres bühnenreifen Auftritts auf ihre Schuhe gesehen hatte. Dabei fiel ihr auf, dass sie ihre, natürlich grauen, Handschuhe im Zeitschriftenregal der Bahnhofsbuchhandlung vergessen hatte.

Ob jetzt wohl ihre Fingerabdrücke genommen wurden? Konnten in Wollhandschuhen überhaupt Fingerabdrücke sein?

Ein Glucksen entschlüpfte ihrem Mund, als sie sich vorstellte, wie die Leute sie beschrieben. Die graue Frau mit den großen Koffern.

Sie wandte ihren Blick von der Scheibe ab und sah an sich hinunter. Alles grau. So wie sie es am liebsten mochte. Auch in ihrer Wohnung war viel grau gewesen.

Sie lachte noch einmal auf, wobei es diesmal ein wenig wie ein Schluchzer klang, als sie an den verrückten Moment zurückdachte, als sie vorgestern wutgeladen aus der Straßenbahn gestiegen war. Kurz zuvor hatte sie ihrer Chefin ihre Kündigung durch das Geschäft entgegengebrüllt und nun starrte sie auf die Stelle, an der das Haus stehen sollte, in dem sich ihre Wohnung befand. Was sie sah, erinnerte sie an Bilder von Städten nach dem Krieg. Eine Außenwand war aufgebrochen und eingestürzt, alle Welt konnte direkt in ihr Badezimmer sehen. Auch sonst sah das Haus recht demoliert aus und Absperrbänder flatterten rundherum im Wind.

Sie entdeckte einen Nachbarn, ausgerechnet das Ekel aus dem ersten Stock, aber in manchen Situationen hat man einfach keine Wahl und so ließ sie sich von ihm erklären, dass das Haus Opfer eines furchtbaren Irrtums geworden war.

Zur Zeit der Katastrophe befand sich niemand im Haus und eine ganze Weile blieb unentdeckt, dass jemand die Straßen verwechselt hatte und das falsche Haus der Abrissbirne zum Opfer fiel.

Sie hätte geschworen, dass ihr seltsamer Zustand dort vor dem halbzerstörten Haus begann, musste sich aber eingestehen, dass dies nicht korrekt war. Es hatte schon am Morgen begonnen, denn wie alle Welt nun sehen konnte, war ihr Badezimmer in einem schrecklichen Zustand. Sie hatte die trockene Wäsche nicht abgehängt, der Toilettendeckel stand offen und ihr Duschhandtuch hing einfach über dem Badewannenrand. Ihr Blick war weitergewandert zu ihrer ebenfalls öffentlichen Küche. Klar und deutlich sprang ihr das nicht abgewaschene Frühstücksgeschirr ins Auge.

Sie hatte gestöhnt und die Hände vor ihr Gesicht geschlagen. Das Ekel aus dem ersten Stock legte doch tatsächlich seinen schmierigen Arm um ihre Schultern und etwas, das wie „Schsch“ klang, sprühte aus seinem Mund.

Jetzt rutschte sie tiefer in den Sitz und ihre graue Schutzhülle. Alles wirkte auf sie immer noch wie ein Traum oder besser wie ein Albtraum. Sie hatte eine grässliche Nacht auf einem Feldbett verbracht, danach eine noch schlimmere in der WG einer Freundin, wo sie das gemeinschaftliche Badezimmer nur mit Schuhen betreten hatte, auf eine Dusche lieber verzichtete und ballettartige Verrenkungen vollführen musste, um jede Berührung mit der Toilette zu vermeiden.

Und nun war sie auf dem Weg nach Berlin, mit eilig zusammengesuchten Sachen aus ihrer halböffentlichen Wohnung, die sie unter den strengen Blicken der Ordnungshüter ein letztes Mal hatte betreten dürfen.

Vielleicht war auch der Grund, warum sie heute auf dem Weg nach Berlin war, die Ursache ihrer eigenartigen Veränderung gewesen.

Keine Woche zuvor hatte sie einen höchst seriös aussehenden Brief erhalten. Eine Großtante hatte ihr ein Mietshaus in Berlin mit sieben Wohnungen vererbt. Nach akribischen Erkundigungen und einem Telefonat war sie zu dem Schluss gekommen, dass es sich nicht um einen schlechten Scherz handelte und hatte begonnen zu überlegen, was sie tun sollte.

Der Brief war ein so unglaubliches wie unwahrscheinliches Ereignis in ihrem geradlinigen, etwas langweiligen Leben, dass sie sich hier im Zug auf dem Weg nach Berlin sicher war, genau an jenem Tag musste schon eine Sicherung bei ihr durchgebrannt sein. Sie hatte seitdem mit ihrer Mutter telefoniert, was seit drei Jahren nicht mehr vorgekommen war, ihren langjährigen Freund abserviert, ihre Chefin angebrüllt und einen sicheren Arbeitsplatz aufgegeben. Ihre Wohnung lag in Trümmern (wofür sie natürlich nichts konnte, aber irgendwie schien es dazuzugehören) und schließlich hatte sie vor wenigen Stunden mit Magazinen nach einem Mann geworfen, gebrüllt wie eine Irre und eine Bahnhofsbuchhandlung in Trümmer gelegt, mit dem kleinen Nebeneffekt eines kurzzeitig stromlosen Bahnhofs.

Sie holte tief Luft.

Sie würde über Weihnachten eine wunderschöne Zeit in Berlin verbringen, in einer großen, schicken Altbauwohnung. Der Nachlassverwalter hatte ihr erzählt, dass eine der Wohnungen leer stand und da ihr das Haus nun gehörte, könnte sie selbstverständlich dort einziehen. Er war gar nicht zu bremsen gewesen und hatte von dem urgemütlichen Viertel erzählt, indem der echte Berliner Charme noch lebe.

Sie schloss die Augen und ging in Gedanken durch hohe stuckverzierte Räume, sah sich vor hohen Doppelfenstern stehen und auf einen pittoresken Park hinuntersehen, die Straße gesäumt von netten Cafés und kleinen Läden. Die Einnahmen aus der Miete wären ihr Einkommen, was wollte sie mehr? Vielleicht sollte sie erwägen einen Neuanfang in Berlin zu machen. Eine alte Freundin von ihr war vor Jahren dorthin gezogen und wenn die E-Mailadresse noch stimmte, konnte sie die Freundschaft vielleicht wieder aufleben lassen und wäre nicht so alleine am Anfang.

Erneut wurde die Tür des Großraumabteils aufgerissen und ihre Gedanken zerplatzten beim Anblick der entschlossenen Polizistin und ihres grimmigen Kollegen. Sofort rutschte ihr Gesicht tiefer in den dicken, grauen Schal. Jetzt war das Spiel also vorbei! Ob sie für so etwas ins Gefängnis musste? Bestimmt. Immerhin hatte sie den Mann tätlich angegriffen, auch wenn er selbst nach dem auf ihm zerschlagenen Pornomagazin nicht einmal geblutet hatte!

Ihr Herz klopfte lauter mit jedem Schritt, den die entschlossene Ordnungshüterin näherkam. Genau wie ihr Kollege musterte sie die schlafenden, lesenden, handytippenden oder erschrocken Aufsehenden scharf, während sie durch den Wagen ging.

Wo sollte sie hingucken? Was wäre am unauffälligsten? Sie hatte weder Buch noch Handy in der Hand und konnte schlecht vortäuschen versunken zu sein in die inzwischen finstere Landschaft hinter der Scheibe. Also entschied sie sich dafür die Augen schnell wieder zu schließen, was sich als ungünstig für ihre Pulsfrequenz herausstellte.

Sie lauschte den Schritten und als diese bei ihr innezuhalten schienen, hatte sie kurz den Impuls einfach die Augen zu öffnen und zu rufen „Ja, ich war’s!“

Aber dann hörte sie schon die Tür am anderen Ende des Großraumwagens zuschlagen und stieß erleichtert die angehaltene Luft aus. Sie war überzeugt, dass sie gesucht wurde. Natürlich wurde sie das! Sie sah auf ihre Uhr. Nicht mehr lange und sie hätte ihr Ziel erreicht. Es würde doch wohl keine Fahndungsfotos von ihr in den Nachrichten geben? Oder gleich am Bahnhof?

Kapitel 2 – Ankunft

Mühsam hievte er sich aus der Mulde seines alten Sessels, stützte dazu seine großen Pranken mit den gelblichen Fingernägeln auf die abgewetzten Armlehnen. Einen Augenblick blieb er ruhig stehen, bis der Schmerz in Hüfte und Rücken nachließ, strich sich über seinen gewaltigen Bauch, der von einem schmuddeligen Feinripp Unterhemd bedeckt wurde und sah aus dem Fenster seiner Erdgeschosswohnung.

War das tatsächlich Schnee da draußen?

Nicht schon wieder, dachte er. Jedes Jahr um diese Zeit dasselbe! Warum konnten sie es nicht einmal lassen?

Seufzend humpelte er in den vollgestopften Flur, zog sich einen löchrigen Wollpullover von ehemals rotweißer Farbe über und eine ebenfalls ursprünglich rote Winterjacke. Ärmel und Taschenöffnungen waren von einer glänzenden, schwarzen Schicht überzogen, ebenso die abgestoßene Kapuze, die er über sein schütteres, weißes Haar stülpte, bevor er Schal und Schuhe hervorholte. Solcherart vorbereitet auf den nötigen Weihnachtseinkauf fiel ihm ein, dass er das Geld vergessen hatte und hinterließ dreckige Tapser, als er sich vorbei an all den Säcken, Heuballen, Schlitten und allerlei gestapeltem Krimskrams in die Küche schob. Er suchte einen Platz, um die kleinen Tannen in Töpfen beiseitezustellen, entschied sich mangels Alternative für den wenigen Platz auf dem Boden und öffnete den Hängeschrank, um an die alte Zuckerdose mit dem Geld zu kommen.

Stirnrunzelnd betrachtete er die wenigen, zerknüllten Scheine und seufzte. Er überlegte, bei wem er eventuell noch anschreiben lassen konnte, aber selbst der stets hilfsbereite Caspar mit seinen exotischen Lebensmitteln aus aller Welt, hatte ihm bereits mit bedauernder Stimme mitgeteilt, dass bei ihm nichts mehr zu machen sei, bevor er seine Schulden nicht beglichen habe. Irgendetwas sollte das mit Caspars zwölf hungrigen Kindern zu tun haben, was er gleich gar nicht verstand. Soweit er wusste, war Caspar so was von schwul und sein langjähriger Partner hasste Kinder.

Er stopfte die Scheine in eine der Manteltaschen, nahm eine Plastiktüte aus seinem überbordenden Vorrat und öffnete die Schlösser und Riegel an der großen doppelflügeligen Wohnungstür.

Beinahe wäre er in den kleinen, unscheinbaren Mann hineingelaufen, der sich in der ehemaligen Durchfahrt zum Hinterhof herumdrückte. Dem fiel vor Schreck eine schwarze Aktentasche aus der Hand und landete auf dem Boden zwischen herausgefallenen Resten aus gelben Säcken und Biotonnen. Das entstandene Biotop versorgte mittlerweile großzügig alle ansässigen Ratten.

Der bebrillte, kleine Mann in Schwarz zögerte kurz, sah verzweifelt auf die gefallene Aktentasche, die sekündlich tiefer in die stinkende Masse hineingezogen zu werden schien und riss schließlich entschlossen ein Stofftaschentuch aus seiner Manteltasche, das im Dämmerlicht der geschlossenen Durchfahrt vor Reinheit solcherart glänzte, als habe er eine Taschenlampe angeknipst.

„Mannomann“, kam es von dem schmuddeligen, großen Mann aus der Erdgeschosswohnung.

Der kleine Mann brach seine Rettungsaktion ab und starrte zu dem Weißbärtigen hoch.

„Kellermann, angenehm“, piepste er unsicher. „Sie wohnen bestimmt hier, Herr, äh, Mannomann?“ Er versuchte ein Lächeln, während er mit einem Auge auf die versinkende Aktentasche schielte.

„Ja. Und? Was machen Sie hier?“, dröhnte es zurück und hallte an der hohen Decke wider.

In dem Augenblick riss die unsägliche Alte, die in der Wohnung auf der anderen Seite wohnte, ihre Tür auf und keifte los, noch bevor sie ihre Brille aufgesetzt hatte und etwas erkennen konnte.

„Das hier ist weder ein Schlafplatz noch ein Klo für euch Pack! Jetzt mal schön raus hier oder ich rufe die Polizei. Verstanden?!“ Eine Frage, die keine war.

Endlich war die Brille am Ort ihrer Wirkung angekommen und der Alten entschlüpfte ein „Oh“, als sie den kleinen, schwarzgekleideten Mann sah. Ihre Miene verfinsterte sich augenblicklich, als ihr Blick auf den Bärtigen in seinem dreckigen Mantel fiel.

„Na, wieder auf Pumptour? Wirst wohl deinen fetten Bauch diesmal nicht vollbekommen, was?“, giftete sie über den eingezogenen Kopf des Aktentaschenmannes.

„Du halt mal schön den Rand! Du warst das doch da draußen mit dem Schnee, oder?“

Das Gesicht der Alten bekam einen verschmitzten Ausdruck.

„Na, immerhin, ich beherrsche meine Aufgabe noch. Kann man von dir ja nicht behaupten, du alter Fettsack!“

Der Kopf des kleinen Mannes ruckte neugierig von der alten Frau zu dem Bärtigen zurück, der eine Antwort erwartungsgemäß nicht schuldig blieb.

„Kümmer‘ dich mal um deinen eigenen Kram! Deine geliebten Tauben scheißen hier wieder alles voll!“

„Na und? Die frieren schließlich auch und wollen es warm haben!“

„Die übertragen Krankheiten“, warf der kleine Mann in Schwarz ein und bückte sich erneut, um seine Aktentasche vor dem Versinken zu retten, doch die plötzlich eingetretene Stille ließ ihn innehalten. Er sah zwei sehr scharfe und schlechtgelaunte Augenpaare auf sich gerichtet.

Im Duett donnerte es: „Und was suchst du Klugscheißer eigentlich hier?“

„Ich“, piepste es tapfer, „warte auf die neue Besitzerin dieses Hauses.“

„Hallo? Hier ist Endstation!“

Sie schreckte hoch.

„Wie bitte?“ Sie blinzelte müde zu dem hageren Mann hoch, der vor ihr stand.

„End-Sta-tion!“, sagte er laut und betont, „Finito, End, go out! Kapito?“

Sie setzte sich aufrecht hin. „Schon gut, ich hab’s verstanden.“ Sie griff nach der schweren Reisetasche, hängte sie über die Schulter, nur um festzustellen, dass sie so nicht durch den engen Gang des Busses kam. Sie steckte fest und der Fahrer grinste vor sich hin, während sie versuchte die Tasche aus der Verkeilung zu lösen. Irgendwann riss sie wild daran, weil sie fürchtete, sonst dem Busfahrer eine reingeben zu müssen, der inzwischen vor sich hin kicherte.

„Sie könnten mir, verdammt nochmal, auch helfen!“, brüllte sie schließlich über ihre schmerzende Schulter.

„Geht nicht, ich film dich gerade. Aber mach nur weiter. Das wird der Renner auf YouTube.“

„Was?!“ Sie schaffte es, sich aus der verdrehten Schlaufe der Reisetasche zu winden und war mit drei schnellen Schritten bei dem lachenden Kerl, der bis zuletzt das Handy auf sie gerichtet hielt. Sie schnappte danach, griff natürlich ins Leere und stolperte in den Busfahrer hinein.

„Holla, du hast es aber eilig. Hab‘ aber keine Zeit für ‘ne schnelle Nummer. Der Fahrplan, verstehst du?“ Sein Lachen klang irgendwie nach Zeitschriften und Bahnhofsbuchhandlung.

Aber der Tag hatte sie ausgelaugt und kraftlos zurückgelassen, also sank sie nur auf einen der Sitze.

„Das dürfen Sie nicht. Wegen dem Datenschutz“, hauchte sie und sah zu ihrer verkeilten Tasche.

Wieder ein Lachen. „Der hat sich bei mir noch nicht vorgestellt“, rief Busfahrer, aber immerhin wuchtete er jetzt ihre Koffer aus dem Bus, entkeilte die Tasche und warf sie hinterher.

„Nun aber dalli!“, begann er, „Wegen dem…“

„Fahrplan. Ich weiß.“ Sie stieg aus und drehte sich noch einmal um. „Und wenn das im Netz landet, dann…“

Mit einem Zischen schlossen sich die Türen.

„Du verdammtes Scheißteil!“, rief sie und trat gegen ihre Reisetasche. Und dann noch einmal für den Busfahrer, der mitgemeint war.

Sie sah sich um. Langsam tröpfelte das Wort „Endstation“ in ihre rasenden Gedanken. Sie war zu weit gefahren!

Die diesmal gänzlich unschuldige Tasche bekam noch einen Tritt und sie fragte sich, ob sie vielleicht verrückt wurde oder eine Therapie machen sollte. Möglicherweise war auch ein Alien in sie geschlüpft? Die zweite Vorstellung war zwar grusliger und sprach in keinster Weise für einen guten Ausgang, aber irgendwie schien sie ihr vertrauter und somit tröstlicher.

Sie brüllte nicht in der Öffentlichkeit. Seit sie aus dem Teenageralter war, eigentlich gar nicht mehr. Sie trat weder ihre Taschen noch zerschlug sie Zeitschriften auf anderen Menschen. Im Gegenteil. Jeder kleinste Knick in einem Magazin verursachte ihr Unbehagen, wenn jemand umknickte, tat ihr eigener Fuß weh und ihre Sachen behandelte sie stets mit einer Sorgfalt, dass sie Jahre später problemlos als neuwertig verkauft werden könnten.

Die Tür hinter ihr ging zischend wieder auf.

„Hast du dich verfahren?“, fragte der Busfahrer und sah sie neugierig an.

Obwohl sie gerade beschlossen hatte, ihr altes Ich, das ruhige, sorgfältige, höfliche undsoweiter, wieder hervorzuholen, übernahm das Alien sofort.

„Wollen Sie noch ein paar mehr Filmchen für Ihren Scheißkanal auf YouTube machen, oder was? ‚Die Doofe im Bus‘ als Fortsetzung?“

Der hagere Mann hob beschwichtigend die Hände. „Nun reg dich mal ab. Ist ja schon gelöscht. Wo willst du denn hin?“

Sie kramte den Zettel mit der Adresse aus ihrer Manteltasche und hielt ihn dem Busfahrer vor das Gesicht.

Zwei Minuten später fuhr der Bus mit drei Minuten Verspätung ab. Der Busfahrer fand den Titel „Die Doofe im Bus“ gut und wenn die Gefilmte ihn selbst vergab, konnte da wohl nichts falsch sein mit dem Datenschutz. Fröhlich pfiff er ein Lied und freute sich auf viele Likes. Immer wieder sah er in den Rückspiegel zu der Frau in Grau, die, man konnte es tatsächlich nicht anders sagen, zu doof war eine Reisetasche zwischen den Sitzreihen durchzubekommen. Sie hatte ihre Hände in die tiefen Taschen ihres Mantels gesteckt, ihr Gesicht verschwand hinter einem gigantischen Schal, den sie mehrfach um ihren Hals geschlungen hatte und unter der tief in die Stirn gezogenen Mütze lugte eine einzelne blonde Strähne hervor, was ihr um diese Zeit im Jahr ein bisschen den Flair eines verkleideten Engels gab, wie er fand.

Eines doofen Engels, versteht sich. Aber nun ja, so direkt vom Himmel in den Berliner Busverkehr war sicher auch kein Zuckerschlecken. Er lachte auf.

Die gesenkten Augenlider der Frau schossen in dem Augenblick nach oben, als etwas in ihm sagte, dass er zu lange in den Rückspiegel gesehen hatte. Schon knirschte es fürchterlich und das Auto vor ihm wurde unaufhaltsam auf das nächste geschoben. Er trat hart auf die Bremse und zwei schwere Koffer und eine graue Frau, möglicherweise ein verkleideter Engel, rutschten durch den Gang nach vorne.

Die Reisetasche verkeilte sich diesmal natürlich nicht und folgten ihren drei Gefährten bis ganz nach vorne.

Als alles stand und der Schreck eine drückende Stille hinterließ, befreite sich die Frau von der Reisetasche, die sofort unter der Rückhaltschranke des Einstiegs stecken blieb und stand auf. Sie strich ihren Mantel glatt, ordnete den verrutschten Schal, zog die Mütze etwas tiefer, wobei nun drei blonde Strähnen heraushingen, und sah zu dem entsetzten Busfahrer.

„Heilige Scheiße. Das war`s mit meinem Job!“, hauchte er und beobachtete, wie der Fahrer des ersten Wagens mit hochrotem Kopf ausstieg. Er schrie etwas zweifellos Unflätiges und stapfte gemeinsam mit dem Fahrer des zweiten Wagens auf den Bus zu.

„Ich würde gerne aussteigen“, flötete der doofe Engel mit einer gewissen Schadenfreude in der Stimme.

„Ich mach‘ doch jetzt die Tür nicht auf!“, kam die Antwort, als vier Fäuste gegen eben diese hämmerten.

Das sah sie ein und brachte erst einmal Ordnung in ihr Gepäck.

„Komm raus du, Flachpfeife!“, brüllte der Mann aus dem ersten Wagen und die Scheiben der Tür bebten bedenklich.

„Was mach‘ ich denn nur?“, fragte der bleiche Busfahrer.

„Die Polizei rufen?“, schlug der verkleidete Engel mit zarter Stimme vor.

„Aber mein Job?“, jammerte es hinter dem Lenkrad hervor.

Da übernahm das Alien den Engel wieder. „Wie der doofe Busfahrer seinen Job verlor“, flötete sie und hielt ihr Handy hoch.