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Der Winter ist über die kleine Grafschaft Rabenwald im Nordwesten des Landes Erelioth hereingebrochen. Da die kalte Zeit des Jahres genau die richtige Zeit für Geschichten am Kamin ist. Hat Balthasar, der Barde, jetzt Graf dieses Landes, sich dazu entschieden, seinem ehemaligen Geschäft noch ein letztes Mal nachzugehen. Eingeladen zu dieser Zusammenkunft sind Myas und Balthasars Gefährten auf ihrem Weg zum Thron. Balthasar erzählt seine Geschichte, von seiner Geburt und seiner Kindheit, über den Bruch mit seinem Vater, die Jahre seiner Wanderschaft, bis er schließlich auf Mya trifft. An mancher Stelle erfährt er selbst Dinge, die er nicht wusste, greifen doch Mächte in seine Erzählung ein, die ihn auch immer wieder im Verlauf seines Lebens gelenkt haben. Wie war die Kindheit des Grafen? Was hat Siegfried von Rabenburg getan, dsss sein Sohn in so abgrundtief hasste? Was ist geschehen, das seinen Freund Johannes nach Grondenheim treib? Wie kam es dazu, dass Balthasar das gräfliche Leben hinter sich ließ und sein Glück als Barde machte? Welche Abenteuer erlebte er auf seinen Reisen? Welche Menschen lernte er kennen und wie? All diese Fragen beantwortet Balthasar seinen Zuhörern mit großer Freude.
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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Nadine Luckau wurde 1986 in der Hansestadt Lemgo geboren, wo sie bis heute lebt und schreibt. Bereits sehr früh begann sie, inspiriert von ihren Lieblingsautoren in Fantasy und Horror, selbst Geschichten dieser beiden Genres zu erzählen. Hiermit liegt nun der dritte Roman ihrer Romanreihe die Erelioth-Saga vor.
Dieses Buch widme ich unüblicherweise keinem Menschen, sondern meinem Kater Tomi. Vor ein paar Monaten musste ich ihn leider über die Regenbogenbrücke gehen lassen. Mit dieser Widmung möchte ich ihm nicht nur die Unsterblichkeit in meinem Herzen schenken, sondern ihn auch die Gedanken meiner geneigten Leser durchstreifen lassen. Ich werde dich nie vergessen
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Zwischenspiel
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Zwischenspiel
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Zwischenspiel
Kapitel 20
Kapitel 21
Zwischenspiel
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Die Zeit der Tochter des Finsteren war vorüber. Mya und Balthasar von Rabenwald waren aus der Dunkelheit eines untergangenen Fürstentums emporgestiegen und hatte das Land gewandelt. Doch umgab der Ruf der Geächteten die neu entstandene Grafschaft weiterhin wie der Nebel, der des Nachts die alten Bäume des finsteren Waldes umwebt. Kein Räuber, Wegelagerer oder anderer Geselle, den düstere Gedanken antrieben, wagte es, die Grenzen des geheimnisvollen Landes zu überschreiten. Es wurde erzählt, dass der Gräfin eine besondere Macht innewohne, die sie mit dem Herzen des Waldes und den sonderbaren Wesenheiten der alten Zeit verbanden, die noch immer unter den Bäumen wandeln sollten. Auch der merkwürdige Umstand, dass der Graf und die Gräfin die Heiden in ihrem Reich duldeten, ließ die Vermutung zu, dass in diesem Teil Erelioths seltsame Dinge vor sich gingen, denen jedoch niemand es wagte auf den Grund zu gehen.
Mya wurde in Erelioth alsbald als die Kriegergräfin bekannt, da sie nur selten edle Kleider trug und zumeist mit gegürtetem Schwert gesehen wurde. Zuerst wurde in weiter entfernten Landen darüber gespottet, doch nachdem einige Adelige, die ihre Neugier nicht zu zügeln vermochten, die Gräfin von Rabenwald zu Gesicht bekommen hatten, verstummten die Spötter und es gab geflüsterte Gerüchte, ob durch Myas Adern nicht vielleicht das Blut der Kriegerkönigin aus dem Norden jenseits der Silbernen Wogen floss. Schließlich wusste man nichts über Myas Mutter, die dereinst einfach in dem ehemaligen Fürstentum erschienen war und Myas Vater geehelicht hatte. Es war lediglich bekannt, dass sie eine Adelige aus einem anderen Teil Erelioths war, doch wusste niemand, woher sie stammte.
Viele Jahre hatte es in Erelioth niemanden mehr gegeben, über den Legenden erdacht wurden und der von den Barden des ganzen Landes besungen wurde. Doch nun kamen immer wieder Barden, die Balthasar von seiner Wanderschaft kannte, in die Grafschaft Rabenwald, um ihrem alten Zunftgenossen ihre Lieder vorzutragen. Zunächst weigerte sich der Graf, diese Männer zu empfangen und ließ sie im Dorf einige Tage verweilen, ehe sie vor die beiden treten durften. Manches Mal befürchtete Mya, dass er seine Drohung, keine anderen Barden in seinem Reich zu dulden, wahrmachen würde. Doch grinste er immer verschmitzt, wenn er erfuhr, wie erschrocken diese waren, wenn ihnen mitgeteilt wurde, dass er sie vorerst nicht empfangen würde.
Friedrich, Myas Lehrmeister in der Kampfkunst und einstiger Anführer der Geächteten, die sich dereinst im Wald verborgen gehalten hatten, um dem Zorn des Fürsten zu entgehen, und sein Sohn Hans fanden alsbald ihren Platz in der Burg an der Seite der beiden Herrscher.
Wilhelm, der bereits im Heer des Fürsten als Hauptmann gedient hatte, sich an Myas Rettung vor dem Tod beteiligt und sich so gegen seinen einstigen Herrn gestellt und seither an Myas Seite kämpfte, führte das Heer als neuer Heerführer mit starker und dennoch großzügiger Hand. Sebastian, Wilhelms Sohn, Hannes und Wolfgang, Wächter die bereits unter dem Fürsten in der Burg ihren Dienst verrichtet und dennoch heimlich auf Myas Sieg gehofft hatten, wurden zur gräflichen Leibwache ernannt.
Rolf von Moorbach, der Zauberer, der von einer Legende der alten Zeit zu einem wahren Weggefährten geworden war und sich seit vielen Jahren in der Burg als Ingolf von Wassertau aufhielt, Konrad von Dreiberg, ein Freiherr, der sich im Kampf gegen den Fürsten auf ihre Seite gestellt hatte und Edwin Slafyrn, der Sohn eines Stammesoberhauptes des Landes Gal Me’Linye im Meer Lortena, der durch eine freundschaftliche Verbindung nach Erelioth kam, wurden zu Myas und Balthasars engsten Vertrauten und Ratgebern.
Katharina, die einstige Magd, die der einsteigen Geächteten einige Male beigestanden und sich als Tochter Rolfs entpuppt hatte, wurde Myas Zofe, wobei sie sie niemals wirklich so betrachtete und Balthasar erwählte einen jungen Burschen namens Oliver zu seinem Kammerdiener.
Marie, Balthasars Schwester, von der Mya erst bei deren Ankunft erfahren hatte, und ihr Gemahl Ludwig kehrten bald nach der Vermählung in ihre Heimat zurück. Balthasar versprach seiner Schwester, dass sie, sollte es in den nächsten Jahren zu weiteren Festlichkeiten kommen, die erste sein würde, die davon erfuhr. Mya warf den beiden bei dieser Verabschiedung einen fragenden Blick zu. Balthasar grinste nur und Marie lachte fröhlich. Da verstand die schwarzhaarige Frau und errötete tief.
Johannes, Balthasars Freund aus Kindheitstagen, wurde sein Wunsch, den er schon immer gehegt hatte, erfüllt. Wie sein Vater einst der Hofschneider von Balthasars Vater war, wurde er nun zu dem des blonden Mannes. Seine Gemahlin war mit den beiden Töchtern und dem Sohn am Tag von Myas und Balthasars Vermählung angekommen. Irmgard war froh, einen geeigneten Nachfolger gefunden zu haben. Das letzte Stück, das sie gefertigt hatte, war Wilhelms Uniform gewesen. Die Kleider für die Vermählung von Mya und Balthasar hatte sie dann, wenn auch mit etwas Wehmut bereits Johannes überlassen. Wenn schon das alte dem neuen wich, dann in allen Dingen, hatte sie mit einer verdrückten Träne erklärt.
So begann mit der Gründung des Hauses von Rabenwald ein neues Zeitalter für die neu geborene Grafschaft. Das Erbe jenes Hauses sollte das Schwert sein, dass durch die Jahre hindurch zu einer Legende geworden war und die Bewohner dieses Teils Erelioths hofften, dass das Geschlecht von Rabenwald die Jahrhunderte überdauern und sein Stern am Himmel niemals erlöschen würde.
All dies ereignete sich in den ersten drei Monaten von Myas und Balthasars Regentschaft, während der Winter seine Herrschaft über die neu entstandene Grafschaft einforderte, nachdem er einen goldenen Herbst mit reicher Ernte, kräftigen Farben, sanften Nebeln und frohen Gemütern durch seine eigene Pracht vertrieben hatte. Er kam mit glitzernder Kälte, gefrorenen Seen, feinem und rein weißem Schnee, der die Welt um sie her wie eine weiche Decke überzog. Die Bäume des alten Walden hätten unter seiner Last geächzt, wäre dies ein gewöhnlicher Wald, wie er allerorts in Erelioth zu finden war. Aber jeder wusste, dass es sich mit diesem nicht so verhielt. War er doch alles andere als gewöhnlich. Seltsame Dinge gingen unter den Bäumen vor sich und um. Und manch einem der Bewohner des kleinen Dorfes, das Wald und Burg am nächsten war, kam es so vor, als würde die Macht, die zweifelsfrei in ihm herrschte, seit Myas Krönung weiter erstarken. Niemand konnte sich dieses Gefühl erklären, oder wagte es offen darüber zu sprechen. Mya und Balthasar waren ein in der gesamten Grafschaft geliebtes Herrscherpaar. Die Gerüchte über die beiden würden nie zur Gänze verstummen, aber es wollte auch niemand im Lande derjenige sein, der sie weiterhin schürte. Es war eine unausgesprochene Übereinkunft: Dieser Wald hatte seine Geheimnisse stets wohl gehütet, sollte er es auch weiterhin tun. Die Menschen ließen ihn in Frieden, wenn er sie in Frieden ließ. Schon die Großeltern der Großeltern hatten gewusst, dass es besser war, diesen Wald nicht zu erzürnen.
Mit dem ersten Schnee war ein seltsamer Besucher in der Burg erschienen, den Graf Balthasar von Rabenwald freudig lächelnd mit offenen Armen empfangen hatte. Zuerst war nur bekannt geworden, dass es sich bei diesem Mann um einen alten Weggefährten des Grafen aus seiner Zeit als Barde handeln sollte. Der Fremde erschien in einer stürmischen Nacht, in der der Himmel voll mit schweren Wolken gewesen war, die sich weigerten, den Sternen oder dem Halbmond, der zu dieser Stunde ein Auge auf die Ankunft des Fremden hätte haben sollen, auch hur einen Zoll zu weichen. Die Wenigen, die den Mann auf seinem Weg zur Burg gesehen hatte, konnten lediglich über ihn sagen, dass er ein schlanker Mann in einfacher Kleidung und einem schweren Mantel war. Dadurch wurde die Neugier der Menschen geweckt und es wurde getuschelt, wer der geheimnisvolle Besucher wohl sein könnte. Der Diener, der ihn eingelassen und zu Myas und Balthasar Gemächern geführt hatte, erzählte ein paar Tage und ein paar Bier später, dass es sich bei dem Neuankömmling um einen Mann mit freudigem Gemüt gehandelt habe. Er hatte langes, rotbraunes Haar, das er zu einem Zopf geflochten hatte und große, strahlende, haselnussbraune Augen. Seinen Namen hatte er nicht in Erfahrung bringen können, aber Graf Balthasar hatte, als er von der Ankunft des Fremden erfuhr, sofort Wein auf die gräflichen Gemächer bestellt und den Fremden, umgehend zu sich gebeten. Ehe sich die Tür vor ihm schloss, hatte der Diener noch gesehen, wie der ehemalige Barde den Fremden wie einen alten Freund mit einem strahlenden Lächeln in die Arme geschlossen hatte.
Vorerst hatte niemand erfahren, wer der Neuankömmling gewesen war. Erst als er ein paar Tage in der Burg verweilt hatte, gab Graf Balthasar bekannt, dass es sich bei dem Fremden um seinen alten Freund und Weggefährten Tobias handle, der von nun an in ihrer Grafschaft leben wollte. Kurz darauf war dann die Neuigkeit auf geheimen Pfaden, die Mya und Balthasar persönlich ausgewählt hatten, aus der Burg an die offenen Ohren der Neugierigen gedrungen, dass es sich bei dem Fremden um keinen gewöhnlichen Mann handelte. Er war ein Heide. Andernorts hätte diese Nachricht für Entsetzen gesorgt, aber dort so nah am Rand des unheimlichen Waldes gab sie nur Stoff für die Geschichten, die alsbald über das gräfliche Herrscherpaar erzählt werden würden.
Sechs Tage nach Tobias Ankunft waren Mya und Balthasar des Nachts aus der Burg geschlichen, um sich auf einer Lichtung tief im Wald einzufinden. Beide waren sie in schwarz gewandet gewesen, Mya in ihrer Kleidung, die sie als Tochter des Finsteren stets getragen hatte und Balthasar hatte getragen, was der Schneider Johannes, sein treuer Freund, vor einer Ewigkeit, wie es ihnen beiden zu diesem Zeitpunkt erschien, gefertigt hatte.
Als die beiden die Lichtung erreicht hatte, die ob des Vollmonds, der durch die düsteren Äste der Bäume, die beinahe wie skelettartige Klauen wirkten, die die Lichtung auf jeden Fall gleich gegen wen oder was verteidigen würden, waren sie verwundert stehen geblieben. Allerlei Volk war in dieser Nacht anwesend gewesen. Und Mya hatte sich eine kalte Hand ums Herz gelegt, als sie daran dachte, wer sich dort versammelt hatte, um diese besondere Zeremonie mit ihnen zu feiern. Sie hatte nur drei ihrer Gäste zuvor schon einmal gesehen gehabt und der Gedanke, wer all diese anderen waren, hatte ihr ein Gefühl der Schwere in der Körpermitte beschert.
Götter, Dämonen, Zauberer und magische Wesen, hatte sie beim Anblick dieser Schar gedacht. Sei froh, dass du nicht weißt, wer zu welcher Gruppe gehört.
Sie hatte zu Rolf von Moorbach geblickt. Zauberer seines Zeichens und einer ihrer engsten Vertrauten. Neben ihm hatte ein alter Mann gestanden, den sie schon einmal gesehen hatte. Auch das schien ihr tausend Jahre her zu sein. Diese Begegnung hatte in genau diesem Wald stattgefunden und hatte mit einem schwarzen Bären zu tun gehabt. Mya war froh gewesen, dass dieses Tier in dieser Nacht nicht ebenfalls zu sehen gewesen war, sondern dass dieser alte Mann, der Zauberer Dietger von Greiffslage und Rolfs Vater, auf seinen treuen Begleiter verzichtet hatte. Die schwarzhaarige Frau hatte die schöne Frau mit dem Haar, das bis zu ihren Knien reichte und die Farbe von Rabenfedern hatte, die neben den beiden Zauberern gestanden hatte, einen Moment gemustert und war dann zusammengefahren, als ihr ein Gedanke gekommen war. Diese Frau war gewiss die Gefährtin von Dietger und damit Rolfs Mutter und das bedeutete, dass sie die Göttin Nyfanyath war. Rasch wandte Mya den Blick ab und ließ ihn erneut über die Anwesenden schweifen. Aber das einzig andere bekannte Gesicht war der Dämon Wadall gewesen.
Die Gefährten, die sich im Laufe der Zeit um Mya und Balthasar gescharrt hatten, waren in dieser Nacht in der Burg verblieben. Sie hatten gewusst, dass das Herrscherpaar sich ein zweites Mal vermählen lassen wollte, hatten aber nichts von den Gästen erfahren, die erwartet wurden. Aber die schwarzhaarige Frau hatte vermutet, dass sie auch lieber gar nicht hatten wissen wollen, was vor sich ging. Nur Hans hatte seinen Vater mehrfach darum gebeten, bei der Zeremonie dabei sein zu dürfen. Aber Friedrich war hart geblieben und hatte es ihm untersagt. Da er seinen Sohn aber nur allzu gut kannte, hatte er geahnt, dass er versuchen würde, sich davonzuschleichen, also hatte er die ganze Nacht mit dem Heerführer Wilhelm vor dem Gemach des jungen Mannes verbracht und Würfel gespielt, während mehrere Flaschen Weinbrand sie vor der Kälte in dem alten Gemäuer bewahrt hatten.
Die Vermählung war vollkommen anders verlaufen als jene, die Mya und Balthasar vor Antuoth vereint hatte. Es war der schwarzhaarigen Frau würdevoller erschienen. Die Worte, die Tobias gesprochen hatte, waren wärmer, weniger steif und doch voller Ehrerbietung gewesen. Die tragende Stimme des Priesters hatte über die ganze Lichtung geklungen, auf der es sonst still gewesen war. Die Mächtigen aus der alten Zeit hatten nicht gesprochen, nur gelauscht und zugesehen. Erst als Tobias seinen letzten Segen gesprochen und Platz für die Hohepriesterin Nadæye, Rolfs Gemahlin, gemacht hatte, die noch ein paar Worte im Namen aller Götter gesprochen hatte, rührte sich die Menge. Als sie geendet hatte, hatten einige der Gäste die Stimme erhoben und Worte in einer Mya unbekannten Sprache gesprochen. Und in diesem Moment hatte Mya gewusst, dass es die Götter selbst gewesen waren, die den Segen erhört und gewährt hatten. Danach hatte ein rauschendes Fest begonnen. Es hatte zu Essen und Bier und Wein gegeben.
Im Verlauf der Nacht hatte jeder der Gäste noch das Wort an sie gerichtet, ohne sich jedoch zu erkennen zu geben. Auch der Dämon Wadall, der nun in der Grafschaft lebte und sie bereits einige Mal in der Burg aufgesucht hatte, war zu ihnen gekommen, um ihnen seinen Segen zu geben. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, zu wissen, dass sie nicht nur von diesem Dämon Glückwünsche und Segnungen erhalten hatten. Von Rolf hatten sie erfahren, dass viele der höheren Dämonen sich unter das Volk mischen würden. Sie hatten nie erfahren, welche magischen Wesen sich auf der Lichtung versammelt hatten, denn für diese Nacht hatten alle, die normalerweise anderer Gestalt waren, menschliche Züge angelegt. Diese Nacht würde für die beiden unvergessen bleiben.
Erst mit der Morgendämmerung war das Herrscherpaar in die Burg zurückgekehrt. Der Wächter am Tor hatte ihnen einen langen Blick zugeworfen, als sie an ihm vorbeigegangen waren, aber er hatte es nicht gewagt, sie anzusprechen, obwohl ihm die Neugier ins Gesicht geschrieben gestanden hatte. Mya und Balthasar hatten sich sogleich in ihre Gemächer zurückgezogen und sich zur Ruhe begeben. An diesem Tag waren sie nicht einmal in der Burg gesehen worden. Niemand erfuhr je, wo sie in dieser Nacht gewesen waren. Aber alsbald rankten sich Gerüchte, denn jemand hatte gesehen, dass die beiden sich in den Wald begeben hatten und es wurde bald im ganzen Land gemunkelt, dass in dieser Winternacht etwas Besonderes und Einzigartiges unter den Bäumen geschehen war. Stimmen sollten zu hören gewesen sein und eine Vielzahl Bewegungen in der Dunkelheit. Niemand konnte sagen, woher diese Geschichten, die nur gemurmelt wurden, kamen, gab doch kein Mensch jemals zu in dieser Nacht auch nur in der Nähe des Waldes gewesen zu sein. Ein jeder sagte stets, dass er diese Gerüchte selbst nur gehört hatte.
Als Mya und Balthasar dies zu Ohren gekommen war, hatte die Gräfin nur gegrinst und gesagt, dass sie wohl ihren Ruf nie ganz loswerden würde, dafür war sie zu lange unter den unheimlichen Bäumen gewandelt. Als Quelle dieser Gerüchte hatte sie Balthasar gegenüber Wadall verdächtigt. Sich auf diese Weise einen Spaß zu gönnen, traute sie ihm durchaus zu. Der Graf hatte gelacht und ihr nicht widersprochen. Auch er hatte dem Dämon diesen Schabernack zugetraut.
Auch diese Ereignisse lagen nun ein paar Wochen zurück. Und wir wollen uns nun an einem kalten Abend, dessen düsterer Himmel weiteren Schnee für die Nacht versprach, wieder einmal zu Mya und Balthasar gesellen. Zu dieser Stunde sitzen sie in einem großen Raum zusammen, den sie stets für Zusammenkünfte nutzten, unterhalten sich leise und harren dem Eintreffen eines Gastes, der sich bereits am Morgen angekündigt hatte, nun aber schon seit einer Stunde auf sich warten ließ. Mya hatte gesehen, wie er gegen Mittag die Burg verlassen hatte. Er hatte etwas erledigen wollen, wie sie von von Dreiberg erfahren hatte. Sehnsüchtig erwartet nicht nur das Herrscherpaar seine Rückkehr.
»Bist du dir sicher, dass du das willst?«, fragte Mya an ihren Gemahl gewandt.
Balthasar sah sie mit einem schiefen Grinsen an. »Hast du vergessen, dass es mein Geschäft ist, Geschichten zu erzählen? Und was gibt es besseres, als an langen Winterabenden an einem gemütlichen Feuer zu sitzen und einer Geschichte zu lauschen?« Mya lächelte. Sie wusste, was er meinte. Das Gemach, in dem sie nun saßen, war ein großer gemütlicher Raum. Der Kamin nahm beinahe eine komplette Wand ein. Er war gemauert, große Holzscheite knisterten in den Flammen. Auf dem Sims standen die Figur eines Raben, ein Geschenk, das Rolf ihnen im Namen seiner Mutter zur Vermählung überreicht hatte und ein Wolf, der ein Geschenk von Sevyth gewesen war. Sie erinnerte sich noch gut an den Moment, als ein Mann mit weißblondem Haar und einer mächtigen Streitaxt auf dem Rücken in der Nacht im Wald vor ihr gestanden hatte. Die schwarzhaarige Frau hatte gefürchtet, dass sich Rolfs Vermutung nun bewahrheiten würde und der mächtige Kriegergott sie zu einem Zweikampf herausfordern würde. Aber das war nicht geschehen. Der Mann war ein Krieger aus dem hohen Norden gewesen. Er kam von jenseits der Silbernen Wogen, was Mya und Balthasar sehr fasziniert hatte, denn seit Jahrhunderten hatte niemand mehr die Silbernen Wogen durchquert. Joro’Distra war ein Hohepriester Sevyths gewesen und war von ihm aus diesem unbekannten Land nach Erelioth gebracht worden und vor sie getreten, um ihnen das Geschenk seines Herrn zu überreichen. Er hatte ihr gesagt, dass Sevyth zwar unter den Gästen sei, sich aber noch nicht zu erkennen geben wollte. Mit sehr ernstem Gesicht hatte er hinzugefügt, dass sie gewiss wusste, warum, hatte sich verneigt und war wieder unter den Gästen verschwunden. Seit diesem Tag rechnete Mya damit, dass jederzeit ein Fremder vor den Toren der Burg erscheinen und ein Duell fordern würde. Rolf hatte sie also nicht verspotten wollen, er hatte recht gehabt. Mya betrachtete die Figur des Wolfes einen Moment und ließ ihren Blick dann zu dem schweifen, was über dem Kamin hing. Die Kriegerin lebte noch immer in ihr, weswegen sie das Schwert ihres Vaters weiterhin trug. Den Bogen, den sie vor all den Jahren mit ihren eigenen Händen geschaffen hatte, hatte sie in diesem Gemach über den Kamin gehängt, zwei Pfeile hingen gekreuzt darunter. Gegenüber dem Kamin war ein großes Fenster, das den Blick auf den nahen Wald freigab. Dies war einer der Gründe gewesen, warum sich Mya und Balthasar für dieses Gemach entschieden hatte, um Gäste zu empfangen und Beratungen abzuhalten. Der schwarzhaarigen Frau würde dieser Wald stets am Herzen liegen und es gab ihr ein gutes Gefühl, bei schweren Entscheidungen auf ihn blicken zu können. Auch in dieser Nacht waren die schweren grünen Vorhänge nicht vorgezogen, so dass der Blick auf den verschneiten Wald frei war. In dem fahlen Mondlicht schien der Schnee zu glühen und ließ den unheimlichen Wald noch mysteriöser erscheinen. An den anderen beiden Wänden des Gemachs hingen eine Karte von Tarac und den den Kontinent umschließenden Meeren, die Rolf ihnen geschenkt hatte und das Banner, das die Dorfbewohnen Mya und Balthasar im Spätsommer geschenkt hatten. Mya ehrte dieses Geschenk zu sehr, um es von einem der Türme wehen zu lassen, wo es der Witterung ausgesetzt war und eines Tages zerfetzt werden oder gar verloren gehen könnte. Die Dorfbewohner hatte diese Idee sehr erfreut. Die Karte der Welt, die sogar das Land jenseits der Silbernen Wogen andeutete, hatte Rolf selbst gezeichnet. Selbst Balthasar hatte nie eine so genaue Karte gesehen, obgleich er glaubte, dass Rolf noch mehr hätte zeichnen können, aber das hätte nur Fragen aufgeworfen. Der Zauberer hatte viele Jahrhunderte Zeit gehabt, Tarac und die Lande jenseits der Meere zu erkunden. Er kannte Orte, die niemand, der jetzt lebte, je besucht hatte. Aber er hätte nicht erklären können, woher er eine solche Karte gehabt hätte, also hatte er einige Orte nicht eingezeichnet.
Nun warteten Mya und Balthasar auf eben diesen Zauberer. Auch ihre anderen Gefährten würden zu ihnen stoßen, wenn sie sie rufen ließen, aber Rolf wollte zuerst mit ihnen allein sprechen.
Mya sah zum Fenster. »Wo ist er nur?«
»Wir wissen nicht, wo er hinwollte«, erinnerte Balthasar sie. »Wer weiß, wovon er aufgehalten wurde.«
»Es ist nicht seine Art, dass er sich verspätet.«
Der blonde Mann grinste. »Er ist ein Zauberer. Wenn er durchschaubar wäre, würde er etwas falsch machen.«
Mya lachte.
Etwa eine Viertelstunde später klopfte es kurz an der Tür und ehe einer der beiden etwas sagen konnte, wurde sie geöffnet. Ein großer braunhaariger Mann mit braunen Augen trat ein. Er trug einen schweren grauen Mantel, dessen Kapuze er noch über den Kopf gezogen hatte. Als er sie nun zurückwarf, veränderte sich sein Gesicht und anstelle Ingolfs von Wassertau stand nun Rolf von Moorbach vor ihnen. Sein Äußeres hatte sich in den letzten Monaten ein wenig verändert. Sein vorher recht kurzes schwarzes Haar war nun schulterlang und er trug es zumeist zu einem Zopf gebunden. Seit einer Weile trug er den silbernen Ohrring nicht mehr. Mya hatte ihn einmal auf seine Veränderung angesprochen.
Er hatte gegrinst und gesagt: »Ich bin ein Unsterblicher. Von Zeit zu Zeit wird mir langweilig und ich ändere nicht nur das Gesicht, das ich der Welt zeige, sondern auch das, mit dem ich geboren wurde. Und der Ohrring? Den habe ich zur Erinnerung an eine alte Freundin getragen. Sie war eine Piratin aus Lasun Galath und eine starke Kämpferin. Sie hätte dich in arge Schwierigkeiten bringen können. Sie schenkte mir einst diesen Ohrring und trug das Gegenstück. Sie starb vor vielen Jahrhunderten in einer Schlacht gegen die Flotte von Swa’Aracg. Ich trage diesen Ohrring stets eine Weile, wenn sich ihr Tod nach einem weiteren Jahrhundert jährt.«
»Sie muss dir sehr viel bedeutet haben«, hatte Mya leise gesagt.
»Seskaja war etwas Besonderes. Ich habe nie wieder eine Sterbliche wie sie getroffen. Und ich hatte nie wieder eine Freundin wie sie.« Seine Stimme und sein Blick waren düster.
An diesem Blick hatte Mya erkannt, dass es besser war, ihre Neugier zu zügeln. Er würde ihr keine weitere Frage beantworten.
Nun zog Rolf den Mantel aus und ließ sich in einem Sessel nahe dem Feuer nieder, scheinbar um sich aufzuwärmen. Wobei Mya sich in diesem Moment fragte, ob der Zauberer dort draußen in der Nacht wirklich gefroren hatte.
Sie bemerkte plötzlich, dass Rolf ihr einen Seitenblick zuwarf, der von einem verschmitzten Grinsen begleitet wurde. Erst da spürte sie einen kalten Luftzug und wandte sich der Tür zu, von der Balthasar scheinbar nie den Blick gewandt hatte.
Im Rahmen stand eine sehr große Frau, deren Gesicht Mya vor einigen Monaten zum ersten Mal im Feuer gesehen hatte. Sie hatte sie bisher nur einmal getroffen und hatte bei ihrer Vermählung kaum Zeit gehabt, mit ihr zu sprechen. Sie hatte schwarzes, kurz gehaltenes Haar, blaue Augen, eine helle Haut und war von schlanker aber muskulöser Gestalt. Nadæye, Rolfs Gemahlin, trug an diesem Abend eine schwarze Wildlederhose, eine scharlachrote Bluse und darüber einen schwarzen Mantel. Sie trug ein Langschwert am Gürtel. In diesem Moment bemerkte die schwarzhaarige Frau, dass Rolf Kleidung in derselben Farbe trug.
»Mya, Balthasar.« Nadæye neigte den Kopf vor ihnen. Sie sprach mit einer dunklen, tragenden Stimme, die die Gräfin schon bei ihrer Vermählung fasziniert hatte. »Es ist mir eine Freude, euch wiederzusehen. Wie ich hörte, ist die Zeit gekommen, Geschichten auszutauschen.« Rolfs Gemahlin trat ein und setzte sich in einen Sessel direkt neben dem Zauberer.
»Auch uns freut es sehr, dich wiederzusehen, Nadæye«, sagte Mya. Diese Frau würde sich vor ihnen nicht verneigen und der Graf und die Gräfin wollten es auch gar nicht. Sie war nicht nur eine Hohepriesterin der Göttin Nyfanyath, sondern auch die Tochter eines Kriegerkönigs. Wenn überhaupt mussten Mya und Balthasar sich vor ihr verneigen. Sie stand im Rang weit über ihnen. »Was verschafft uns die Ehre deines Besuchs?«
»Es war schon immer mein größter Wunsch, einer der Geschichten des berühmten Barden Balthasar zu lauschen.« Nun verbeugte sie sich doch spöttisch grinsend vor dem ehemaligen Barden. »Vor allem, wenn ich daran denke, welch Geschichte wir heute Nacht hören werden.« Ihr Gesicht nahm wieder diesen ernsten Ausdruck kann, den sie die meiste Zeit des Tages zeigte. »Aber es hat noch einen anderen Grund, dass Rolf mich in dieser Nacht hierhergeholt hat.«
Balthasar sah Nadæye an. »Du sagtest, heute Nacht werden Geschichten ausgetauscht. Heißt das, auch du hast etwas zu berichten?«
Die Hohepriesterin sah ihren Gemahl an. »Wir finden, jemand sollte eine Geschichte zu hören bekommen, die ihr schon lange vorenthalten wird.«
Das Herrscherpaar starrte die beiden einen Moment lang an.
Schließlich fragte Mya leise: »Soll ich sie rufen lassen?«
Rolf blickte einen Moment in die Flammen. »Schicke sie, um die Anderen zu holen. Ich denke, wenn sie sie hierherbringt, wird sie die Neugier übermannen, was ihre Mutter in der Burg zu suchen hat.«
Mya nickte. »So soll es sein.« Sie erhob sich und ging in ein Nebengemach.
Dort fand sie einen Boten vor, der darauf wartete von ihr in die Küche geschickt zu werden, wo Friedrich, Hans, Wilhelm und Johannes bei Bier zusammensaßen und darauf warteten, sich zu ihnen zu gesellen.
»Gehe zu Katharina«, sagte sie zu dem Mann, der etwa Anfang dreißig war. »Sie soll unsere Freunde zu uns bringen.«
Er nickte und ging.
Mya kehrte zu den Anderen zurück.
»Das bedeutet also, dass du nun auch unseren anderen Gefährten offenbaren willst, wer du bist«, stellte Balthasar fest, als die Gräfin sich wieder zu ihnen gesetzt hatte. »Oder willst du Katharina sagen, dass Ingolf von Wassertau ihr Vater ist?«
Der Zauberer lächelte ein wenig schief. »Unsere Freunde sind soweit. Sie akzeptieren, dass es Dinge gibt, die dem widersprechen, wie ihre Eltern sie erzogen haben. Sie wissen, dass es Dinge gibt, die jenseits ihres Verständnisses liegen. Es wird wohl Zeit, sie wissen zu lassen, dass ihr beide mehr seid als die, die sie von der Tyrannei des Fürsten befreit haben. Und sie sollten wohl auch wissen, wer da hinter eurem Thron steht und euch Dinge ins Ohr flüstert.« Er zwinkerte den beiden zu.
Mya und Balthasar grinsten.
»Findest du nicht, dass wir selbst entscheiden sollten, wann wir unseren Freunden etwas erzählen?«, fragte Balthasar mit gespielter Verstimmung. »Immerhin sind wir das Herrscherpaar.«
Rolf sah ihn ernst an. »Ich bin das Flüstern hinter dem Thron. Mein Wille ist zu erfüllen. Ich habe euch geführt. Ohne mich wärt ihr heute nicht hier.«
»Du vergisst dich gerade«, sagte Mya.
»Ich vergesse nie, wer und was ich bin. Ebenso sollte ihr das nicht vergessen.«
Dann lachten alle vier,
»Wenn uns jemals jemand hört.« Mya grinste noch immer.
Rolf zwinkerte ihr zu. »Wenn ich das in Ingolfs Gestalt machen würde, würden sie den Galgen in nur wenigen Stunden wieder errichten. Und wenn sie Rolf von Moorbach so reden hören würden, würden sie wohl Ismar den Weißen rufen, um mich zu vertreiben. Aber ich habe mich entschlossen hier zu bleiben, so leicht werde ich nicht verschwinden.«
»Das ist wahr. Dich loszuwerden ist beinahe genauso unmöglich, wie für einen Menschen einen Schwarzen Blutegel von der Haut zu lösen.«
Alle wandten den Blick in eine Ecke des Raums. Dort stand ein Mann in schwarzer Kleidung, ebenso schwarzen Augen und schwarz-blauem Haar. Er hatte sich an die Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, die Beine mit den schweren Stiefeln überkreuzt und zeigte ein dunkles Grinsen. Der Dämon Wadall war gekommen.
»Was willst du denn hier?«, knurrte Rolf. »Dich hat niemand eingeladen.«
Mya lächelte. Auch wenn Rolf immer so tat, als würde er Wadall lieber dreitausend Meilen entfernt von sich wissen, war es doch nicht zu übersehen, dass die beiden eigentlich über die Jahrhunderte hinweg zu Freunden geworden waren. Dies war ihr nicht erst bei ihrer Vermählung im Wald bewusst geworden, auch wenn es dort besonders deutlich gewesen war, hatte sie den Dämon und den Zauberer doch in dieser Nacht des Öfteren mit einem Krug Bier in der Hand in angeregte Gespräche vertieft gesehen. Sie hatten sogar zusammen gelacht. Auch bei Wadalls Besuchen in der Burg war es offensichtlich, dass die beiden weniger verfeindet waren, als es den Anschein haben sollte. Natürlich wusste die Gräfin, dass diese Freundschaft nicht bedeutete, dass Rolf nicht weiterhin versuchen würde, Wadall aufzuhalten, wenn er finstere Pläne verfolgte. Es war das oberste Anliegen des Zauberers den Frieden in dieser Welt zu bewahren, ganz gleich, wer ihn bedrohte.
»Seit wann warte ich auf eine Einladung?« Der Dämon grinste. »Ich langweile mich in solch einer Winternacht sehr schnell, da lasse ich mir doch nicht die Gelegenheit auf Geschichten entgehen. Vielleicht kann ich gar die eine oder andere selbst zum Besten bringen. Du weißt selbst, dass ich viel zu berichten habe.« Er grinste wieder. »Außerdem solltest du froh sein, dass ich hier bin. So hast du mich schließlich im Blick und kannst dir sicher sein, dass ich nicht aus Langeweile Unheil stifte.«
Der Zauberer funkelte ihn noch einen Moment lang an, dann lächelte er schwach und bedeutete Wadall sich zu setzen.
»Das könnte eine spannende Nacht werden«, sagte Mya zu Balthasar. »Vielleicht werden wir noch, bevor die Sonne am Horizont erscheint, mit Flüchen aus der Burg vertrieben.«
Er nickte ernst. »Heute Nacht wird offenbart, dass wir den legendären Zauberer Rolf von Moorbach zu unserem engsten Berater ernannt haben. Sollten wir dann noch offenbaren, dass wir einen Dämon in unserem Reich dulden… Und zwar nicht irgendeinen Dämon, sondern einen der ältesten und mächtigsten.«
»Wenn dies den Falschen zu Ohren kommt, wird es nicht bei Flüchen bleiben.«
»Glaubst du, unser junger Priester wird versuchen den Zorn Antuoths über uns zu bringen?«
Die schwarzhaarige Frau lächelte leicht. »Möglich wäre es, dass Stephan sich betrogen fühlt. Andererseits haben wir ihm von Anfang an gesagt, dass weder wir noch dieses Land gewöhnlich sind.«
»Oh«, machte Wadall. »Meine Herrin, mein Herr. Ihr könnt gewiss sein, dass Rolf und ich alles in unsere Macht Stehende tun werden, um die von den Göttern erwählte Bewahrerin der alten Zeit und ihren nicht weniger bedeutenden Gemahl vor allen Gefahren zu beschützen.«
Rolf warf ihm einen vernichtenden Blick zu, sagte aber nichts, sondern verwandelte sich in Ingolf von Wassertau.
Mya sah ihn fragend an.
»Sie werden gleich hier sein«, erklärte der Zauberer. »Wir sollten sie langsam darauf vorbereiten.«
Wadall verdrehte übertrieben die Augen. »Manchmal bist du ein Feigling, mein alter Freund.«
Rolf überging diese Bemerkung.
Kurz darauf klopfte es respektvoll an der Tür. Nachdem Mya »Herein« gerufen hatte, traten Friedrich, Hans, Wilhelm und Johannes ein. Sie sahen den verwandelten Rolf, Wadall und die ihnen fremde Nadæye verwundert an. Doch ehe jemand etwas sagen konnte, trat Katharina ein und machte einen Knicks.
»Kann ich sonst…« Sie hielt mitten im Satz inne und ihre Augen weiteten sich, als sie Nadæye erkannte. »Mutter«, hauchte sie entsetzt.
Die Männer, die mit ihr eingetreten waren, wandten sich verwirrt zu ihr um.
Nadæye erhob sich elegant. »Tritt ein, meine Tochter und setze dich zu uns.«
Die Zofe sah Mya ängstlich an.
»Es ist alles in Ordnung, mein Kind.« Mya benutzte absichtlich die Anrede, die sie so oft verwendet hatte, als sie noch eine Geächtete gewesen war. »Es hat seine Gründe, dass deine Mutter hier ist.«
Katharina sah erst sie, dann ihre Mutter an. »Was machst du hier, Mutter? Und warum trägst du ein Schwert?«
»Setz dich, Katharina«, erwiderte die Hohepriesterin. »Und all ihr anderen auch. Die heutige Nacht ist wie geschaffen für Geschichten und Wahrheiten.«
Niemand konnte sich dem sanften Befehl in ihrer Stimme widersetzen und so ließen sie sich alle nieder. Katharina zögerte noch einen Moment, aber nachdem Mya ihr aufmunternd zugenickt hatte, setzte auch sie sich.
Wilhelm sah nun die Versammelten einen nach dem anderen an. »Wir sind eine seltsame Gesellschaft. Warum sind ausgerechnet wir zusammengekommen? Ich weiß, dass der Herr von Wassertau einer Eurer engsten Berater ist. Aber ich verstehe nicht, warum dann nicht auch der Herr von Dreiberg hier bei uns ist, wenn Ihr beschlossen habt, dass auch Eure Vertrauten aus dem Adel diese Geschichte hören sollen. Und wer ist diese Frau? Ich habe sie noch nie gesehen. Und was tut dieser fremde Adelige hier? Zwar habe ich ihn schon ein paar Mal in der Burg gesehen, aber mir war nicht bewusst, dass er so hoch in Eurer Gunst steht.«
»Adelige?« Wadall lachte und neigte den Kopf vor Wilhelm. »Ich bin weit davon entfernt, ein Adeliger zu sein.«
Rolf warf ihm einen mahnenden Blick zu. »Mäßige dich. Wenigstens für einen Moment.«
Der Dämon erhob sich und verneigte sich vor dem Zauberer. »Aber gewiss, Herr. Vergebt mir, dass ich nicht in der Lage war, mein vorlautes Maul zu hüten. Ich halte mich zurück, bis Ihr mir wieder das Wort erteilt, gütiger Freiherr von Wassertau.«
Rolf starrte ihn finster an.
Wadall lachte und setzte sich wieder.
Einen Moment herrschte Schweigen.
»Es gibt vielerlei Gründe, warum ausgerechnet wir hier zusammengekommen sind«, erklärte Mya, um das Unbehagen, das sich wie eine dunkle Wolke über sie legte, zu verbannen. »Aber es ist nicht an mir, mit den Offenbarungen zu beginnen.«
»Ich dachte, wir sind hier, um Balthasars Geschichte zu hören«, platze er aus Hans heraus.
Der blonde Mann lächelte. »Das ist wahr. Ich werde eure Neugier auch bald stillen. Und ich werde meine Geschichte in meiner Kindheit beginnen und nicht erst mit meiner Wanderschaft, damit ihr versteht, warum es kein großer Verlust für mich war, das Land, das mein Vater als Tyrann beherrschte, zu verlassen.«
»Und vielleicht können wir gar früher mit der Erzählung beginnen«, sagte Rolf. »Mit Eurer Geburt.«
»Wie sollte das möglich sein?«, wollte Friedrich wissen. »Niemand erinnert sich an seine Geburt.«
»Aber Balthasar kennt viele Geschichten«, warf Hans ein. »Womöglich hat ihm jemand auch seine eigene erzählt.«
Friedrich wirkte nicht überzeugt. Er wollte noch etwas sagen, aber dann fiel sein Blick auf Katharina, die versuchte sich in ihrem Sessel so klein wie möglich zu machen und nur nicht aufzufallen.
»Dieses Rätsel sollten wir später zu lösen versuchen«, sagte er sanft und lächelte die Zofe an. »Wir sollten versuchen, dass diese junge Dame sich in unserer Mitte ein wenig wohler fühlt und dafür sorgen, dass ihr ihre Fragen beantwortet werden.« Er sah Nadæye an. »Soweit ich es verstanden habe, seid Ihr Katharinas Mutter. Aber würdet Ihr uns Euren Namen nennen?«
Die Hohepriesterin sah ihren Gemahl an, dann sagte sie: »Man nennt mich Norhild. Und wie Ihr schon gehört habt, ist Katharina meine Tochter.«
»Und was tut Ihr heute Nacht hier?«, wollte Wilhelm wissen.
»Geschichten lauschen.« Sie lächelte leicht.
»Doch warum seid ausgerechnet Ihr zu dieser Zusammenkunft geladen, wo Euch doch niemand von uns je zu Gesicht bekommen hat?« Wilhelm ließ sich nicht beirren.
»Weil auch ich eine Geschichte zu erzählen habe.«
»Warum tut Ihr so geheimnisvoll?« Der Hauptmann klang leicht gereizt.
»Vergebt meiner Mutter«, flüsterte Katharina kaum hörbar. »Sie war schon immer sehr wortkarg.«
Alle sahen die Zofe an.
»Sie war noch nie in Gegenwart so vieler wichtiger Menschen.«
Ein dunkles Grinsen stahl sich auf Nadæyes Gesicht. »Das stimmt so nicht, meine Tochter. Keiner der hier Anwesenden schüchtert mich ein. Weder wegen seiner Geburt, noch ob seines Amtes.«
Katharina starrte ihre Mutter an.
Wilhelm musterte sie. »Ihr zeigt wenig Respekt«, merkte er an.
»Ja. Das ist aber nichts Neues.« Wadall kicherte. »Deswegen bleibt sie lieber in ihrer Waldhütte. Männer wie ihr es seid, sind Frauen wie ihr nicht gewachsen und das weiß sie.«
Nadæye warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Ich kann mich nicht erinnern, dass dir das Wort erteilt wurde.«
Er neigte den Kopf vor ihr. »Bitte um Verzeihung. Ich schweige nun wieder. Du weißt, dass es mir schwerfällt, sowohl mein Wort als auch meinen Mund zu halten.«
Sie schüttelte den Kopf, konnte das Lächeln aber nicht zur Gänze unterdrücken. Sie sah ihre Tochter an. »Ich bin hier, um dir, Katharina, ein lang gehütetes Geheimnis zu offenbaren. Dein Vater ist nicht verschollen, meine Tochter. Er lebt in diesem Land und du kennst ihn sogar.«
Katharina starrte ihre Mutter an. Sie wand sich beinahe in ihrem Sessel.
»Und das offenbart Ihr Eurer Tochter vor uns allen?«, begehrte Friedrich auf. »Warum tut Ihr das? Ihr seht, wie sie das mitnimmt.«
Balthasar hob die Hand. »Lass sie gewähren. Es wird sich alles aufklären.«
Myas alter Lehrmeister sah den blonden Mann nicht überzeugt an, schwieg jedoch.
»Warum hast du mich belogen, Mutter?«, flüsterte Katharina kaum hörbar.
»Es machte es leichter. Für uns alle«, erwiderte Nadæye.
»Warum jetzt die Wahrheit?«
»Wir haben darüber gesprochen und uns entschieden, dass es an der Zeit ist.«
»Wer ist mein Vater?«
Die Hohepriesterin sah einen der Anwesenden nach dem anderen an. »Diese Offenbarung betrifft euch alle.«
»Warum redest du so lange um den Kern der Sache herum?«, fragte Wadall belustigt. »Hast du etwa Angst? Die große…«
»Halt dein Schandmaul, du Bastard«, fauchte Nadæye.
Er kicherte.
Johannes schüttelte den Kopf und sah Balthasar leicht belustigt an. »Wenn eine Frau in Gegenwart deines Vaters eine solch lose Zunge gezeigt hätte, wäre sie ausgepeitscht worden.«
Der blonde Mann lächelte. »Zum Glück geht dieser Graf andere Wege. Und außerdem würde ich es nie wagen, Hand an diese Frau zu legen. Ich könnte wahrscheinlich gar nicht so schnell reagieren, wie ich sie verlieren würde.«
»Vielleicht solltest du mit einer anderen Wahrheit beginnen«, schlug Mya an Nadæye gewandt vor und tat so, als hätte sie den Wortwechsel der beiden alten Freunde überhört.
Katharina starrte ihre Herrin an. »Ihr wisst es?«
Die Gräfin musterte sie. »Ich weiß so manches, das anderen noch verborgen ist«, sagte sie ausweichend.
Nadæye sah ihre Tochter an. »Dann will ich dir zunächst die Frage nach meinem Schwert beantworten. Ich bin keine gewöhnliche Frau, wie du denkst und mein Name ist nicht Norhild. Ich stamme nicht einmal aus Erelioth.«
Katharina starrte ihre Mutter an. Sie war bleich und wusste nicht, was sie sagen sollte.
»Ich stamme aus Iaregh. Mein wahrer Name ist Nadæye. Und ich bin die Tochter eines Kriegerkönigs, was auch mich selbst zu einer Kriegerin macht.«
»Ich bin die Tochter einer Heidin?«
Nadæye lächelte sanft. »Und im Grunde genommen auch die Erbin eines Stammesthrons.«
Wenn das überhaupt möglich war, erbleichte die Zofe noch mehr.
»Aber ja, deine Mutter ist eine Heidin. Jedoch bin ich keine gewöhnliche Heidin. Ich bin auch eine Priesterin. Genauer gesagt, bin ich eine der Hohepriesterinnen der Göttin Nyfanyath.«
Alle, die dieses Geheimnis noch nicht gekannt hatten, starrten sie an.
»Wer ein Problem damit hat, kann mich gern herausfordern«, erklärte Nadæye kalt und legte die Hand an den Schwertgriff, um ihre Aussage zu unterstützen.
»Niemand verurteilt dich, Nadæye«, sagte Mya. »Lass sie diese Nachricht erst einmal verarbeiten. Jemanden wie dich hat man nicht alle Tage in seiner Mitte.« Sie grinste. »Gerade die Männer dürften von einer Frau deiner Geburt und deines Standes eingeschüchtert sein. Unser vorlauter Freund hat da nicht ganz Unrecht.«
»Es ist, als würde man eine Legende aus alten Zeiten vor sich sitzen haben«, sagte Wilhelm mit leiser, ehrfürchtiger Stimme.
Mya sah ihn an und musste lachen, weil diese Weise zu sprechen so ungewöhnlich für den Heerführer war. Die Gräfin konnte sich nicht erinnern, ihn schon einmal so gesehen zu haben.
Das könnte Rolfs Offenbarung noch spannender machen, dachte sie.
Ich freue mich jetzt schon auf ihre Gesichter, wenn sie erfahren, dass dieser mächtige Zauberer, der direkt einer Legende entsprungen zu sein scheint, schon so lange unentdeckt an ihrer Seite lebt, erwiderte die belustigte Stimme in ihrem Geist, die sie nun schon so viele Jahre begleitete.
Das sagt ausgerechnet die, die sich selbst noch nicht offenbart hat, gab Mya zurück.
Die belustigte Stimme kicherte. Ich freue mich auch schon auf dein Gesicht. Erinnere mich daran, dass wir vor einem Spiegel stehen, wenn ich es dir sage.
Zurück in die Kammer mit dir, forderte Mya innerlich lachend. Wir sprechen uns noch.
Wir Ihr befehlt, oh mächtige Gräfin.
Sie spürte, wie sich die Stimme zurückzog und wandte sich wieder dem Geschehen zu.
»Was sagst du, meine Tochter?«, fragte Nadæye.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, gab Katharina zu. »Aber ich weiß, dass ich noch immer wissen will, wer mein Vater ist.«
»Sieh an«, kicherte Wadall. »Die kleine Zofe hat scheinbar doch das Herz ihrer Mutter.«
»Soll ich für dich mein Schwert ziehen?«, bot Nadæye an. »Ich wollte schon immer versuchen, was passiert, wenn man dir den Kopf abschlägt.«
»Verzeih, Kriegerin. Ich wollte dich nicht erzürnen.« Er grinste.
»Als ob dir das jemand glauben würde.« Sie verdrehte die Augen und wandte sich wieder an Katharina. »Dein Vater ist heute Abend hier. Vielleicht möchte er sich selbst offenbaren.«
Allen Anwesenden musste klar sein, dass es nur Rolf oder Wadall sein konnten.
Der Dämon öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
»Schweig«, fuhr Rolf ihn an. »Dies ist nicht der Moment für deinen Hohn und Spott. Behalte dein Gift einmal in dir.«
»Gewiss, mein Herr.« Wadall senkte den Blick.
Mya entging sein dunkles Grinsen jedoch nicht.
»Ich habe dieses Geheimnis lange gehütet«, erklärte Rolf, der noch immer in von Wassertaus Gestalt bei ihnen saß.
Katharina, Friedrich, Hans, Wilhelm und Johannes starrten ihn an.
»Ihr seid mein Vater?«, brachte die Zofe hervor.
»Deswegen wart Ihr so oft der Burg fern«, murmelte Wilhelm. »Ihr habt Eure… Geliebte aufgesucht.«
»Gemahlin«, verbesserte Rolf ihn, ohne den Blick von Katharina zu nehmen.
»Ihr seid mein Vater«, wiederholte Katharina, nur dieses Mal war es keine Frage.
»Ja und nein«, sagte Rolf. »Ingolf von Wassertau ist nicht dein Vater. Denn das ist nicht wirklich mein Name.«
Er spürte die Blicke der nicht Eingeweihten auf sich, während er noch immer nur Augen für seine Tochter hatte.
»Was bedeutet das?«, wollte die Zofe wissen.
»Dieses Geheimnis sollte den Raum nicht verlassen«, sagte Wilhelm. »Es gab schon immer jene, die Euch misstrauisch beäugt haben. Der fremde Adelige, der sich in die Burg eingeschlichen hat. Sie werden Verrat wittern. Vor allem, weil Ihr Euch so für die Gräfin eingesetzt habt. Das könnte alte Gerüchte wieder entflammen.«
Nun sah Rolf den Heerführer doch an. »Vor allem wenn herauskommt, dass ich mit einer Heidin vermählt bin, meint Ihr.« Er lachte. »Nein. Mein Name würde dafür schon reichen.«
»Was…?«, setzte Wilhelm an. Doch zu mehr kam er nicht, denn er hielt entsetzt inne.
Der Mann, den die meisten der Anwesenden bis zu diesem Moment für Ingolf von Wassertau gehalten hatten, veränderte sich plötzlich. Und ein Fremder saß vor ihnen.
»Zauberei«, murmelte Hans ehrfürchtig.
Friedrich erhob sich halb und Katharina versuchte klein und unauffällig zu wirken.
Wadall lachte.
Johannes saß wie erstarrt da.
»Beruhigt euch, ihr alle«, sagte Rolf mit einem sanften Lächeln. »Es gibt keinen Grund zur Furcht. Ich bin kein Dämon«, er sah Wadall an, »kein Diener Shaitaraths«, er grinste Mya an.
»Was seid Ihr dann?«, wollte Wilhelm wissen.
Rolf lachte. »Die Antwort auf das Was ist euch wichtiger als das Wer? Also gut, was ich bin, hat Euer Sohn, Friedrich, schon gut erkannt. Ich bin ein Zauberer.«
Hans sah ihn neugierig an. »Ich hörte, dass es unter den Heiden Zauberer gibt. Aber ich dachte immer, sie beherrschen eher Heilkräfte und können nur kleinere Zauber wirken. Ich hörte nie, dass diese auch ihre Gestalt verändern können.«
»Können sie auch nicht.« Der Zauberer sah Katharina an. »Meine Tochter, erschrick nicht, wenn du nun meinen Namen hörst. Ich weiß, dass du ihn kennst. Du hast früher den Geschichten Theobalds gelauscht und ich weiß, dass er auch von mir erzählt hat.« Er sah die Anwesenden der Reihe nach an. »Mein Name darf diesen Raum keinesfalls verlassen, denn er würde für Unruhe in dieser noch jungen Grafschaft sorgen und das können wir zurzeit nicht gebrauchen.«
»Sei nicht so dramatisch, Freund Zauberer.« Wadall kicherte.
Rolf funkelte ihn an. »Kannst du nicht einmal in solch einer Situation das Maul halten?«
»Dann hör auf, dich wie ein Feigling hinter Worten zu verstecken. Sprich deinen Namen schon aus. Es ist nicht schwer. Oder soll ich es für dich tun?«
»Das sind große Worte von jemandem wie dir«, knurrte Rolf. »Und wag es ja nicht, dich jetzt weiterhin einzumischen.«
»Wir sollten nachher auch noch klären, wer er eigentlich ist«, stellte Friedrich fest.
Mya und Balthasar tauschten einen Blick. Diese Offenbarung konnte die ganze Situation noch komplizierter machen. Auf Nadæye hatten sie noch recht ruhig reagiert, Rolfs Name konnte mehr Unruhe hervorrufen. Aber Wadall? Ein Dämon in ihrer Mitte konnte zu Angst führen und wenn dann herauskam, dass der Graf und die Gräfin ihn duldeten, konnten große Probleme auf sie zukommen und das Vertrauen in sie konnte zu einem Teil erlöschen.
Wadall sah Friedrich an. »Dies soll an mir nicht scheitern. Aber was sagen unsere Herren dazu?«
»In dieser Sekunde zunächst nichts«, sagte Mya kalt. »Der Eimischungen ist jetzt genug. Katharina soll nicht länger in Unwissenheit leben. Also schweig jetzt. Und zwar bis dich jemand zum Sprechen auffordert. Und ich rate dir, dich dieses Mal daran zu halten.«
Der Dämon stand auf und verneigte sich. »Euer Wunsch ist mir Befehl, erwählte Gräfin.« Das dunkle Grinsen huschte wieder über seine Lippen.
Wilhelm warf Mya einen scharfen Blick zu, den sie ignorierte und stattdessen Wadall mit einem vernichtenden Blick bedachte.
Er kicherte und ließ sich wieder nieder.
Rolf sah seine Tochter wieder direkt an und sagte dann schlicht: »Mein Name ist Rolf von Moorbach.«
Schweigen legte sich wie dunkle Schwingen über sie und alle, die sein Geheimnis noch nicht gekannt hatten, konnten den Zauberer nur anstarren, während sie dort saßen und es für sie unmöglich zu sein schien, sich zu rühren.
»Diesen Namen habt Ihr gerade nicht ausgesprochen«, murmelte Wilhelm schließlich und seine Stimme drang nur zögerlich durch die ozeantiefe Stille.
Ohne den Blick von Katharina zu nehmen, antwortete Rolf: »Ihr könnt Euren Ohren trauen, Wilhelm. Ich sitze hier vor Euch.« Er lächelte. »Aber was sagst nun du, Katharina. Hab keine Angst, spreche offen deine Gefühle aus.«
Die Zofe hatte den Blick gesenkt, als er seinen Namen ausgesprochen hatte. Sie starrte auf ihre Hände, die sie in ihrem Schoss gefaltet hatte. Als Rolf sie nun ansprach, zuckte sie zusammen. Mya sah, dass ihre Hände sich so sehr verkrampften, dass ihre Finger sich weiß zu verfärben begannen. Katharina schloss sogar für einen Moment die Augen.
Die Gräfin wollte etwas sagen, aber Rolf hielt sie mit einer Handbewegung davon ab, ohne sie anzusehen, erhob sich und setzte sich mit unterschlagenen Beinen vor Katharinas Sessel.
»Sieh mich an, meine Tochter«, flüsterte er sanft.
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich weiß, dass das eine große Offenbarung war, die dein Leben verändern wird. Viele Fragen sehe ich in deinem Kopf. Ich werde sie dir alle beantworten. Das verspreche ich dir. Aber, zuerst möchte ich, dass du mich ansiehst, damit du mit eigenen Augen sehen kannst, dass ich vieles bin, aber vor allem bin auch ich im Grunde meines Herzens nur ein gewöhnlicher Mensch. Ich bin dein Vater und liebe dich als solcher.«
Katharina hob den Blick noch immer nicht.
»Blicke hinter den Namen. Höre auf dein Herz. Lerne mich kennen, ehe du nur den Zauberer in mir siehst.«
Langsam hob die Zofe den Blick.
Er lächelte sie fast schüchtern an. »Ich danke dir. Du kennst mich als Ingolf von Wassertau und ich glaube, dass dieser Mann dir nie einen Grund für Misstrauen gegeben hat. Vertraue nun auch deinem Vater.«
Sie nickte. Plötzlich ließ sie sich von ihrem Sessel vor ihm auf die Knie sinken. Tränen liefen über ihre Wangen und sie stürzte sich in seine Arme.
Ein überraschter Ausdruck huschte über das Gesicht des Zauberers, verwandelte sich jedoch schnell in ein sanftes Lächeln und er drückte seine Tochter fest an sich.
»Mein Vater«, flüsterte Katharina.
Nadæye lächelte und auch über ihr Gesicht liefen Tränen.
Alle beobachteten diesen Moment gerührt. Selbst Wadall war verdächtig still und Mya vermeinte unterdrückte Freude für seinen Widersacher und Freund in seinen Augen zu sehen.
Wage es ja nicht, ihn das wissen zu lassen, hörte die Gräfin den Dämon in ihren Gedanken.
Ich denke, ich werde es im Kopf behalten, erwiderte sie. Ich könnte dieses Wissen irgendwann noch gebrauchen, wenn du mich verärgerst.
Er kicherte. Ich wusste, dass das Zusammenleben mit dir spannend und äußerst amüsant werden kann.
In diesem Moment half Rolf Katharina beim Aufstehen. Die Zofe sah ihre Mutter an. Nadæye erhob sich, nahm ihre Tochter in die Arme. Nach einem Moment sah sie Rolf an, umarmte dann auch ihn und küsste ihn kurz.
»Ich bin froh, dass es nun ausgesprochen ist«, sagte die Hohepriesterin leise.
Rolf nickte. »Mir ergeht es nicht anders.«
»Ist Katharina dann eine Zauberin?«, fragte Hans, der in seiner manchmal noch recht kindlichen Unschuld seine Neugier nicht mehr zu zügeln vermochte.
Mya und Balthasar warfen ihm beide einen finsteren Blick zu. »Hans«, wies sein Vater ihn zurecht.
»Ich denke, das ist etwas, das die drei unter sich besprechen sollten«, sagte Balthasar sanft. »Das geht uns zunächst nichts an.«
»Du alter Geheimniskrämer«, raunte Johannes dem Grafen zu. »Wie lange wisst Ihr es schon?«, fragte Wilhelm leise an Mya und Balthasar gewandt.
Die Gräfin sah Rolf an. »Willst du dich mit deiner Familie zurückziehen, während wir unseren Freunden die Umstände erklären?«
Der Zauberer schüttelte den Kopf. »Diese Nacht ist eine Nacht der Geschichten. Die Geheimnisse, die offenbart wurden, sollen vor allen erklärt werden.«
Die schwarzhaarige Frau zuckte die Achseln. »Wie du meinst.«
»Wollt Ihr…«, setzte Katharina an und errötete dann. »Willst du Hans Frage beantworten?«
Rolf lächelte väterlich. »Möchtest du das?«
Die Zofe nickte.
»Ja, Katharina. Du hast Zauberkräfte.«
Sie starrte ihn an.
»Aber das ist kein Grund zur Beunruhigung. Ich werde dich unterweisen, wenn es soweit ist. Noch hast du aber ein paar Jahre Zeit. Deine Kräfte liegen tief in deinem Herzen verborgen, bis du neunzehn Jahre alt wirst. Ein Zauber. Damit du zunächst behütet aufwachsen kannst und deine Kräfte erst erwachen, wenn du ihnen gewachsen bist. Das waren…«, er zögerte und grinste dann, »dein Großvater, deine Großmutter und ich.«
Mya, Balthasar und Katharina starrten ihn an und seine Gemahlin lachte ebenso wie Wadall.
»Ob die beiden sehr angetan davon wären, wenn sie wüssten, dass du sie so nennst?«, fragte die Hohepriesterin. »Ich möchte bitte dabei sein, wenn du ihnen das sagst.«
Der Dämon nickte eifrig.
»Haben Euer Vater und Eure Mutter auch magische Kräfte?«, wollte Hans neugierig wissen.
Rolf lächelte ihn warm an. »Ich hatte gedacht, du wüsstest zumindest, wer mein Vater ist. Hat dein Vater nie von mir berichtet?«
»Ich kann noch immer nicht glauben, dass Ihr hier wirklich in unserer Mitte sitzt«, gab Friedrich leise zu. »Ihr seid ein Teil der alten Zeit und wart damit nie mehr als eine Legende für mich. Ich habe nie von Euch gesprochen. Hans hörte Euren Namen von Theobald.«
»Dafür schlagt Ihr Euch gut. Ich hatte mit größerer Unruhe ob meines Namens gerechnet.«
»Ich glaube, unser Schweigen rührt daher, dass wir noch immer sprach- und fassungslos sind«, erklärte Wilhelm. »Ich finde einfach keine Worte.«
»Das solltest du nutzen, Rolf.« Balthasar grinste. »Es passiert nicht oft, dass unser Heerführer nicht weiß, was er sagen soll.«
Der Zauberer lachte.
Wilhelm sah ein wenig beleidigt aus. »Ich habe meine Frage an Euch und Mya nicht vergessen. Aber ich möchte jetzt mehr über den Herrn von Moorbach wissen.«
Der schwarzhaarige Mann verzog das Gesicht. »Rolf, bitte. Mein Vater ist der Zauberer Dietger von Greiffslage. Und den Namen meiner Mutter möchte lieber nicht vor all diesen Leuten nennen.«
»Du bist schon wieder feige«, murmelte Wadall gerade so laut, dass ihn alle hören konnten.
»Und du sprichst schon wieder, ohne gefragt zu werden«, erwiderte Mya kalt. »Willst du mich wirklich herausfordern?«
»Verzeih, edle Gräfin«, erwiderte der Dämon. »Wobei ich es doch sehr spannend fände, zu erfahren, wie du mich zu bestrafen gedenkst.« Er grinste.
»Willst du das wirklich?«
»Aber gewiss.« Das dunkle Grinsen kehrte auf seine Züge zurück. »Vielleicht kann ich von dir noch was lernen.« Er zwinkerte ihr zu. »Obgleich mich das sehr überraschen würde.«
»Wer nun seid Ihr?«, verlangte Friedrich zu wissen.
»Habe ich das Wort eines jeden hier im Raum, dass der Name meiner Mutter nicht mit euch durch diese Tür geht?«, fragte Rolf rasch, ehe Wadall noch auf die Idee kam, sein eigenes Geheimnis zu offenbaren.
Alle, die diese Wahrheit noch nicht kannten, sahen ihn erwartungsvoll an.
»Ihr habt mein Wort«, sagten Wilhelm und Friedrich gleichzeitig.
»Ich verspreche es«, erklärte Hans ernst.
»Ich werde schweigen«, erwiderte Johannes.
Katharina nickte nur stumm.
»Meine Mutter ist die Göttin Nyfanyath.«
Katharina saß wie erstarrt auf ihrem Sessel, Hans klappte vor Unglauben die Kinnlade herunter und Friedrich, Wilhelm und Johannes starrten ihn entsetzt an.
»Seht mich nicht so an.« Der Zauberer musste scheinbar gegen seinen Willen lachen. »Macht diese Offenbarung es denn tatsächlich noch schlimmer? Das ist doch wohl kaum noch möglich.«
»Ich stamme von einer Göttin ab?«, flüsterte Katharina.
Rolf nickte ernst. »Aber das sollte dir keine Furcht ins Herz pflanzen. Sie ist eine gütige und weise Frau.«
Nadæye sah ihre Tochter an. »Das stimmt. Wenn man nicht weiß, wer sie ist, wirkt sie auf jeden, der sie trifft, wie eine gewöhnliche Frau. Ich hatte schon einige sehr angeregte Gespräche mit ihr bei einer schönen Tasse Tee.«
Alle starrte sie an.
Selbst Mya und Balthasar wussten nichts dazu zu sagen, obwohl die Gräfin sich die beiden Frauen durchaus in Nadæyes Haus beisammensitzend vorstellen konnte.
Die Hohepriesterin lachte.
Plötzlich sah Katharina ihre Mutter erschrocken an. »Sagtest du nicht, dass du die Hohepriesterin der Göttin Nyfanyath bist?«
»Das ist wahr. Sie ist meine Göttin und die Mutter meines Gemahls.« Sie schmunzelte.
»Habt ihr euch so kennengelernt?«, fragte Friedrich plötzlich.
Nadæye hob die Hand. »Dieses Gespräch begibt sich in Bahnen, die wir untereinander besprechen sollten. Ich möchte unsere Geschichte zuerst nur mit unserer Tochter teilen. Dir werden wir gewiss mehr erzählen, als diese Leute erfahren sollten.« Ihre Miene war finster.
Friedrich sah sie kurz an und senkte dann den Blick. »Ihr habt recht. Wir sollten nicht zu neugierig sein. Verzeiht, aber das hier erscheint mir noch immer so, als würden ein Barde oder ein Geschichtenerzähler alte Legenden berichten.«
Wilhelm nickte. »Ich kann noch immer nicht glauben, dass der schweigsame stets unauffällige Ingolf von Wassertau der legendäre Zauberer Rolf von Moorbach ist. Wenn auch nur ein Teil der Geschichten über Euch stimmt…«
Rolf hob die Hand. »Wir haben noch viel Zeit, Wilhelm. Nächte wie diese wird es noch geben. Aber seht mir nach, dass ich nie alles offenbaren werde.« Er grinste. »Zum einen würde das die Spannung verderben und zum anderen könnte euch manches Wissen in den Wahnsinn treiben.«
Der Heerführer starrte ihn an.
»Das hat er mit uns auch schon gemacht«, erklärte Balthasar.
»Das bringt mich zu der Frage zurück, die ich vorhin schon stellte.« Wilhelm sah Mya und Balthasar an. »Seit wann wisst Ihr, wer er ist?«
»Eine ganze Weile möchte ich wetten,« murmelte Johannes.
Mya erwiderte den Blick des Heerführers gelassen. »Seit der Nacht, in der er mich in die Burg geschmuggelt hat.«
Wilhelm starrte sie an.
»Hättet Ihr Mya dann nicht mit Zauberei verschleiern können?«, wollte Hans wissen. »Dann hätte sie sich nicht in solche Gefahr bringen müssen. Wozu seid Ihr ein Zauberer, wenn Ihr nicht helfen konntet?«
Friedrich sah seinen Sohn fassungslos an.
Wadall kicherte.
Aber auch Rolf lachte. »Du bist forsch, mein Junge. Aber deine jugendliche Unschuld ist in dieser Burg voller alter Männer sehr erfrischend. Also seid unbesorgt, Friedrich. Ich trage ihm nichts nach.« Dann wurde er wieder ernst. »Mya und Balthasar mussten es allein schaffen. Ich habe schützend meine Hand über sie gehalten. Aber ich durfte mich nicht zu sehr einmischen.«
»Ihr durftet nicht?« Friedrich zog eine Braue hoch.
Balthasar hob die Hand. »Das genügt vorerst. Rolf hat recht. Es werden weitere Nächte dieser Art folgen.« Er grinste. »Mein Bardenherz ist voller Trauer. Es sehnt sich danach, endlich wieder Geschichten erzählen zu dürfen. Lasst es nicht länger auf diese Gelegenheit harren. Wir sollten uns nun dem zuwenden, weswegen wir zusammengekommen sind.«
»Erst wenn auch noch der Letzte unter uns sein Geheimnis offenbart«, sagte Wilhelm plötzlich.
Mya und Balthasar sahen sich an.
Eine leise Stimme im Geist der Gräfin flüsterte: Noch nicht.
Wadall öffnete den Mund, um zu antworten, schwieg dann aber grinsend.
»Warum sagt Ihr nichts?«, hakte der Heerführer nach.
Der Dämon sah Mya an. »Die edle Gräfin hat mir nicht das Wort erteilt.« Er klang beinahe unterwürfig.
»Warum macht mich dein jetziges Verhalten nervöser als dein übliches?«, fragte Mya besorgt.
Er zeigte wieder dieses dunkle Grinsen. »Weil du deinen Freunden das Wissen voraus hast, wer ich bin. Außerdem wäre es äußerst langweilig, wenn ich leicht zu durchschauen wäre.«
Die Gräfin verdrehte die Augen.
»Ihr tut scheinbar alles, um dieser Frage auszuweichen«, stellte Friedrich fest. »Gleich ob ich sie stelle oder Wilhelm.«
Die schwarzhaarige Frau seufzte. »Ich fürchte, für diese Wahrheit seid ihr noch nicht bereit. Wer er«, sie deutete auf Wadall, »ist, sollten wir erst dann offenbaren, wenn wir wieder zusammenkommen, um über Rolf zu sprechen.«
»Was, glaubst du, könnte uns mehr beunruhigen als die Tatsache, Rolf von Moorbach in unserer Mitte zu haben?«, fragte Friedrich sanft.
»Das werdet ihr dann hören.«
Wadall sah sie an. »Mir gefällt der Gedanke, die Spannung noch ein wenig aufrecht zu erhalten und die Neugier weiter zu schüren. Ich denke, ich werde noch eine Weile«, er warf Nadæye einen belustigten Blick zu, den sie gelassen erwiderte, »mein Schandmaul halten.«
»Welch eine Schande, dass das wohl nur für dieses Thema gelten wird«, murmelte sie.
Er lachte.
Wilhelm sah den Dämon an. »Es wurden ein paar interessante Dinge in Eure Richtung und von Euch gesagt. Wenn ich ein wenig darüber nachdenke, lüfte ich Euer Geheimnis vielleicht.«
Wadall kicherte. »Das kann ich mir kaum vorstellen.« Er sah Rolf an. »Weißt du, ob er schon von mir gehört hat?«
Der Zauberer sah erst den Dämon und dann Wilhelm nachdenklich an. »Möglich ist es. Er ist schon weit gereist.«
»Deswegen hat auch niemand bisher meinen Namen ausgesprochen.« Er kicherte wieder.
»Das stimmt«, sagte der Heerführer plötzlich. »Seit Ihr das erste Mal in der Burg erschienen seid, hat niemand Euren Namen ausgesprochen.«
Wadall sah Mya an. »Nennt mich vorerst Robert.«
Er benutzte den Namen, den er Mya auch schon bei ihrer ersten Begegnung hatte nennen wollen, ehe Rolf sich eingemischt hatte.
»Gebt euch vorerst damit zufrieden«, riet Balthasar. »Es kommen noch weitere Winternächte, in denen noch mehr Wahrheiten folgen. Lasst mich nun mit meiner Geschichte beginnen.«
»Ich bitte dich, mir den ersten Teil deiner Geschichte zu überlassen, werter Herr Barde«, sagte Rolf grinsend. »Ich weiß, dein Herz ist schwer, weil du dich so lange zurückhalten und mit lästigen Aufgaben herumärgern musstest. Aber wie du weißt, war ich bei deiner Geburt zugegen. Ich weiß Dinge, die du nicht weißt, die du aber gewiss hören möchtest.«
Der blonde Mann seufzte theatralisch.
Rolf grinste wieder. »Ich fasse das als Ja auf. Aber ich versichere dir, du wirst alsbald selbst das Wort ergreifen dürfen.«
Und so begann Rolf von Moorbach ihnen die Geschichte von Balthasar von Rabenburg zu erzählen.
