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Die Stadt Saenda ist Vergangenheit. Vor drei Jahren wurde sie Opfer einer Katastrophe und riss all ihre Bewohner mit sich in den Tod. Der einzige Weg, die Stadt wiederzusehen, führt durch die Augen eines Sehers – Menschen, die andere ihre Erinnerungen erneut durchleben lassen können. Vain hält nicht viel von Sehern. Aber seine Ankunft in der Stadt Term zwingt ihn zunehmend, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ebenso wie mit den Bewohnern eines Hotels, die in Vain eine Möglichkeit sehen, einer anhaltenden Bedrohung auf den Grund zu gehen. Auch gegen seinen Willen. Auf der anderen Seite der Bucht genießt Ronan seinen Alltag als arbeitsloser Seher. Doch als sich die Gelegenheit bietet, mehr über Saenda herauszufinden, fordert jemand seine Kräfte ein … und Ronan muss erkennen, dass die Machenschaften in Term auch ihn in ein gefährliches Spiel verwickeln. Die Wege von Vain und Ronan kreuzen sich. Sie geraten ins Visier jener, die Term ihr Eigen nennen, und schon kurz darauf können sie den Wellen, die Saendas Zerstörung geschlagen hat, nicht mehr entkommen. Denn Saenda ging im Licht der Wintersonne unter. Derselben Sonne, die bald auch wieder am Himmel über Term stehen wird.
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Seitenzahl: 1087
Veröffentlichungsjahr: 2023
S. W. Draheim
WINTERSONNE
Band 1 – Für ein kleines Stück von Freiheit
Die Geschichte
Jahr für Jahr ziehen die Sonnen des Sommers und des Winters über einen Himmel, unter dem seit Jahrzehnten kein Krieg mehr stattgefunden hat. Eine von ihnen bringt Leben und Wärme, sogar Macht für jene, die in ihrem Stand geboren sind. Die andere bringt Kummer. Eine Krankheit. Aber das Leben ist erfinderisch ... und so florierten die Städte, trotzten den Kräften der Natur in einem menschengemachten Frieden.
Doch der Schein begann zu schwinden. Angefangen mit einem Sonnenaufgang, der eine gesamte Stadt dem Untergang weihte.
Die Autorin
Sandra W. Draheim, Jahrgang 1996, arbeitet seit ihrer Schulzeit an ihrem schriftstellerischen Lebenswerk. Worte, Sätze und Geschichten füllen jede noch so kleine Lücke in ihrem Alltag, den sie im Süden Bayerns verbringt. Mit ihrer Roman-Reihe »Wintersonne« öffnet sie die Tore zu einer Welt voller Geheimnisse, Rätsel und verborgener Wahrheiten, die die Grenzen der Realität verschwimmen lassen. Ganz nach dem Grundsatz: Jedes Kapitel eine Entdeckung - jeder Satz eine Spur.
Vorwort zum Inhalt
Dieses Buch beinhaltet oder erwähnt Themenbereiche, die u. U. einer vorausgehenden Sensibilisierung bedürfen. Physische und psychische Gewalt, Krankheit, Tod und Suizid sowie Beschreibungen von mentaler und seelischer Belastung sind in mehr oder minder starker Ausprägung Teil dieser Geschichte – wie sie auch Teil des alltäglichen Lebens sind.
S. W. Draheim
WINTERSONNE
Für ein kleines Stück von Freiheit
Roman
© 2023 Sandra W. Draheim
Umschlaggestaltung: Jaqueline Kropmanns CoverDesign
Lektorat: Judith Bannicke (WortTraum Lektorat)
Website Design: Valentum Kommunikation GmbH
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Dieses Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für sämtliche Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
1. Auflage, 2023
ISBN Taschenbuch: 978-3-384-05302-2
ISBN E-Book: 978-3-384-05303-9
www.swdraheim.de
Für meine Familie
»Ich sehne mich nach einem Ort,
den ich fast vergessen habe.
Einem Ort, der sehr weit weg ist.«
Es hätte sich gut anfühlen müssen.
»Beweg dich!«
Der Regen auf ihrer Stirn. Diese kühle Nässe, die in schweren Tropfen über ihre Wangen floss, um sich an ihrem Kinn zu sammeln und lautlos hinunter auf die gepflasterte Straße zu fallen.
»Eins, zwei, drei—«
Oder der Wind. Der bis vor kurzem noch warme Sommerwind, der in den frühen Abendstunden bereits abgekühlt war.
»—vier—«
Es hätte sich gut anfühlen müssen. Aber alles, was sie wahrnahm, war das Wasser in ihrem Haar, in ihren Schuhen, in den feinsten Fasern ihrer Kleidung. Wasser, das einen Weg bis auf ihre fiebernde Haut fand.
Sesha verstand es nicht.
»—fünf—«
Schwer atmend krachte sie mit der Schulter gegen eine steinerne Hauswand. Ihr Sichtfeld schmälerte sich, bis ihre Umgebung kaum mehr war als ein unwirklicher Schleier, der ihre Sinne betäubte.
Es war nicht genug.
Eins, zwei, drei, vier, fünf. Fünf Schritte war sie vorangekommen, ehe ihre Beine unter ihrem eigenen Gewicht nachgegeben hatten. Schon wieder.
Sesha presste eine Hand auf ihre schmerzende Brust, obwohl sie wusste, dass es nicht helfen würde. Ebenso wenig, wie der Regen und der Wind halfen.
Es hätte sich nicht so schlimm anfühlen sollen.
»Weiter, na los …«
Winzige Blätter und Blüten eines Baumes wurden von einer Böe über die Straße getragen und umwehten den Pfosten einer Laterne, bevor die Regentropfen sie zu Boden zwangen. Eine Schicht Farbe auf glattem Stein. Rot, Grün, Violett.
Rot. Grün. Violett.
Sesha kniff die Augen zusammen. Die flachen Atemzüge schienen ihr nicht den Sauerstoff zu bringen, nach dem ihr Körper sich so sehr sehnte. Als sie die Luft durch den Mund wieder ausstieß, blieb ein Nachgeschmack von Metall auf ihrer Zunge zurück.
»Du musst durchhalten.«
Durchhalten, das musste sie. Denn sie durfte sich nicht verlieren. Sie durfte ihn nicht die Oberhand gewinnen lassen, diesen Schmerz, der mit jedem Herzschlag eine neue Welle aus Hitze durch ihren Körper zu schicken schien.
Fieber.
Sesha kämpfte.
»Komm schon, du bist stärker als das!«
Sie zwang sich, die Augen wieder zu öffnen, nahm die Hand von ihrer Brust, um das Wasser aus ihrem Gesicht zu wischen, und richtete sich mühsam auf. Ihre Schulter pochte, nachdem sie so oft in so kurzer Zeit gegen verschiedene Wände geprallt war, doch dieser Schmerz war gut. Dieser Schmerz würde vergehen.
Sie stützte sich noch einen Moment an der Wand ab, bevor sie ihrem Körper ausreichend vertraute, weitergehen zu können. Sie hatte den Großteil des Weges bereits geschafft, sie konnte es nicht zulassen, auf den letzten Metern zu scheitern.
Es war keine Option.
Keine. Option.
Sesha ließ die Wand los. Der erste Schritt vorwärts brachte sie aus dem Gleichgewicht, aber sie fing sich wieder. Ein kleiner Erfolg.
Die Straßensteine waren im nassen Zustand so dunkel, dass die gesamte Umgebung ihre sonst so freundliche Atmosphäre verloren hatte.
Warum ist mir das nie aufgefallen?
In den bald zwei Jahren, die Sesha nun in Term wohnte, hatte sie dem Boden wohl nie Beachtung geschenkt, obwohl es mehr als genug Regentage gegeben hatte. Sie war niemand, der den Blick gesenkt hielt, das war nicht ihre Art. Gebäude, Wasserstraßen, Parks und Menschen waren ihrer Aufmerksamkeit würdiger. Und von alledem hatte Term reichlich zu bieten.
»Nicht—«
Wieder stieß ihre Schulter unsanft gegen eine Wand. Die Geräusche von Regen auf Stein und von Wind in belaubten Baumkronen verschmolzen mit dem ansteigenden Rauschen in ihren Ohren. Bis sich etwas anderes dazwischen drängte.
Musik.
Sesha hob den Kopf und blinzelte, die Stirn angestrengt in tiefe Falten gelegt. Es dauerte nicht lange, bis es ihr wieder einfiel.
Das Sommerfest.
Vergesslichkeit zählte normalerweise nicht zu Seshas Schwächen. Sie gab der gegenwärtigen Situation die Schuld, aber auch das änderte nichts an der Tatsache, dass das Sommerfest auf dem Platz stattfand, den sie bald überqueren musste. Ein anderer Weg kam nicht in Frage.
Sesha musste alle Kraft aufbringen, um nicht an der Wand hinunter auf den Boden zu sacken. Ein Schluchzen presste gegen ihre Kehle, erstickte sie förmlich, doch sie rang das Gefühl nieder. Sie holte tief Luft und kämpfte gegen eine weitere pulsierende Schmerzwelle an, bevor sie sich gedanklich so gut wie möglich für das Bevorstehende wappnete. Bewegung. Schritt für Schritt.
Sie schaffte es ohne Pause bis zum Ende der Straße, wo sie auf einen der tiefer gelegenen Kanäle stieß, die Term wie ein Netz aus Adern durchzogen. Das eiserne Geländer gab ihr Halt und sie erlaubte es sich, einen Augenblick stehenzubleiben.
Das Eisen erzitterte unter ihren Fingern.
Das Fieber brennt, glüht, weiter, weiter, weiter …
»Weiter.«
Dieses eine Wort hielt sie in der Realität.
Mit einer Hand am Geländer bog sie nach rechts ab, von der breiten Straße weg und einen Kanalweg entlang. Der nasse Boden war rutschig und das Geländer glitschig, doch wenigstens boten die eng stehenden Häuser zu ihrer Rechten Schutz vor dem Wind.
Die Musik wurde derweil stetig lauter. Das Dröhnen der begleitenden Trommeln war alles andere als hilfreich für Seshas schmerzenden Körper, und ihr Inneres sträubte sich, seinem Ursprung noch näher zu kommen, aber sie schleppte sich weiter voran. Nach der Überquerung des Platzes würden es nur noch zwei Kreuzungen bis zu ihrem Ziel sein.
Ihr Zuhause wartete auf sie. Menschen, die sie erst seit zwei Jahren kannte. Und doch waren ein paar von ihnen wie eine Familie für sie geworden.
Ein Knacken, ein Rascheln. Hinter ihr, neben ihr, ganz nah. Eine Präsenz, die ihr erst bewusst wurde, als sie im Begriff war, zu verschwinden.
Sesha hatte etwas vergessen.
Der Platz kam in Sicht, ein Achteck, das ringsum von einem Kanal umgeben war. Von vier der acht langen Seiten führte jeweils eine Brücke über die stillen Wasserstraßen, an die sich die hellen, steinernen Häuser schmiegten. Lediglich Kanalwege und wenige breitere Straßen fanden Platz zwischen den Gebäuden.
Dieser Ort sollte eine Oase sein. Eine Insel inmitten einer stürmischen See. Lindernd für das Fieber, den Schmerz, die ständig abschweifenden Gedanken.
»Ich kann nicht—«
Das Fest war in vollem Gange. Die Musik kam von der erhöhten Bühne etwas abseits der Mitte, wo vier Straßenmusiker mit unterschiedlichen Instrumenten ihr Talent zum Besten gaben. Zwei Streicher, ein Trommler, eine Flötenspielerin. Die ganze Nachbarschaft drängte sich auf engem Raum, tanzte und lachte und kaufte die gleichen Dinge wie letztes Jahr – an den gleichen Ständen.
Sesha fokussierte den Blick auf die Brücke auf der anderen Seite des Platzes.
Einfach weitergehen. Eine Brücke, dann der Platz, dann die zweite Brücke.
Wie eine Formel sagte sie sich diese Worte im Kopf vor, bis sie den ersten Übergang erreichte. Ihre Hand zitterte unkontrolliert, als sie das Geländer loslassen musste, und Sesha ballte sie zur Faust, bevor sie sie in ihre Jackentasche steckte. Die Feuchtigkeit ließ sie schaudern, aber dieses Gefühl war nichts im Vergleich zu der brodelnden Wärme, die sich durch die Anspannung der Nerven in ihrer Hand noch zu vervielfachen drohte.
Mit wackligen Beinen betrat sie die Brücke.
Und die schattenhafte Präsenz verschwand, löste sich auf, ließ sie zurück, allein, allein, allein …
Sesha hatte etwas vergessen.
Um dem schlechten Wetter zu trotzen, waren riesige, verknüpfte Planen über dem Platz aufgespannt und auf der anderen Seite des umschließenden Kanals an den Dachfirsten der Wohnhäuser befestigt worden. An den Rändern floss ein Teil des Regenwassers in den Kanal ab, während sich eine gewisse Menge in der Mitte sammelte, über den Köpfen der Menschen und direkt über der Bühne. Sesha hatte das Gefühl, dass die Planen demnächst unter dem Gewicht des Wassers nachgeben würden.
Ein falscher Schritt. Ihr Fuß blieb an einem hervorstehenden Wegstein hängen und sie taumelte zur Brückenbrüstung, wo dieses Mal nicht ihre Schulter, sondern ihre Hüfte den Anprall abbekam.
»Geht es Ihnen gut?« Eine verhaltene Stimme brachte Sesha dazu, die vor Schmerz geschlossenen Augen wieder zu öffnen. Eine hochgewachsene Frau kam auf sie zu, die Kapuze ihres pfirsichfarbenen Regenmantels so tief gezogen, dass nur die untere Hälfte eines faltigen Gesichts zu erkennen war.
Sesha lockerte ihren Griff um den breiten Brüstungsstein. Ein Stück davon sprang ab, zerbrach in kleine Brocken und fand sein neues Zuhause auf dem Grund des Kanals. Die Frau bemerkte das Plätschern nicht. Sesha schon.
»Alles in Ordnung«, versicherte sie und nahm einen Schritt Abstand vom Rand der Brücke.
Lächle, versuchte sie sich selbst zu sagen. Lächle, komm schon!
Es gelang ihr, auch wenn es zu gezwungen wirken musste, denn als die Frau ihre Kapuze anhob, zeigte sich eine nachdenkliche Falte zwischen ihren Augen. Augen, in denen dunkle Flecken tanzten.
Sesha verbannte das Lächeln von ihrem Gesicht.
»Ich muss auf die andere Seite«, sagte sie und setzte ihren Weg fort.
»Trinken Sie besser nichts mehr!«, rief die Frau ihr hinterher. Sesha konnte ihren missbilligenden Blick deutlich im Rücken spüren.
Solange sie nur das denkt …
Die vier Musiker auf der Bühne genossen gerade ihren Applaus, als Sesha auf dem Platz ankam. Sie hatte kaum bemerkt, dass die Musik nicht mehr spielte, doch sie empfand es als Segen, das Echo der Trommeln nicht mehr in ihrer Brust zu fühlen.
Der Regen wurde lauter.
Es war eine Qual, einen Weg durch die Menschenmenge zu finden. Sesha schob sich mühsam zwischen den Körpern hindurch, die so viel kühler im Vergleich zu ihrem eigenen waren, und sie verlor das Gleichgewicht, als ein Pärchen sie auf dem Weg zur Bühne unsanft zur Seite stieß. Sie stolperte ein paar Schritte nach vorn und fing sich an der Seitenwand einer Holzbude, an der man Schlüsselanhänger aus bunten Stoffen kaufen konnte.
»Willst du einen?«, fragte der alte Mann in der Bude griesgrämig. Er war so klein, dass er kaum über die Theke sehen konnte.
»Nicht wirklich«, brachte Sesha hervor und kehrte ihm den Rücken zu, ehe er sie für ihre Unhöflichkeit schelten konnte.
Sie hielt sich am Rand des Platzes, um nicht in die gedrängte Menge zu geraten, und richtete all ihre Gedanken auf ihr Ziel: die Brücke, die nicht mehr weit entfernt war.
Sie entdeckte die Stelle, an der die Plane über der Brücke endete, und sehnte sich nun doch danach, den Regen wieder zu spüren, egal, ob er ihr den Ansatz einer Erlösung brachte oder nicht. Ihr Blick glitt vom Rand der Plane nach unten, wo sich eine deutliche Grenze zwischen nass und trocken auf dem Boden abzeichnete.
Sie hatte den Rand des Platzes erreicht. Die Erleichterung raubte ihr mehr Kraft, als ihr lieb war, und sie umklammerte notgedrungen einen Laternenpfahl.
Es ist nicht mehr weit. Sie biss die Zähne zusammen. Nur noch ein paar Straßen—
»Sesha!«
Sie sah erschrocken hoch. Auf der anderen Seite der Brücke stand ihre Rettung, mitten im Regen, einen schwarzen Schirm gegen das Wetter aufgespannt.
Akeo.
Sesha mochte ihn nicht besonders, aber er war besser als nichts. Und sie musste zugeben, dass sie es ohne Hilfe kaum weiter schaffen würde. Sie ließ die Laterne los und betrat die Brücke, begrüßte diesen kurzen Moment, in dem ihr das Atmen etwas leichter fiel. Ein ehrliches Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
Akeo zögerte, bevor er ihr schließlich entgegen kam.
»Wo warst du?«, rief er Sesha zu, noch bevor sie einander gegenüberstanden. »Wir dachten, er hätte dich auch erwischt.«
Der Regen war so laut.
Sesha blieb stehen. Es war ein gutes Gefühl gewesen, wieder atmen zu können, doch dieser Moment war so schnell vorbei, wie er gekommen war. Ihr Mund wurde trocken.
Sie musste sich erinnern.
»Er hat mich erwischt«, sagte sie zwischen zwei flachen Atemzügen. Akeo hörte es wohl nicht, aber er hatte Sesha fast erreicht, und das war die Hauptsache.
Ein dumpfer Trommelschlag brach durch das Stimmengewirr in Seshas Rücken. Die Menge jubelte, offenbar hatte wieder jemand die Bühne betreten. Wieder ein Schlag, dann noch einer, in kurzen Abständen hintereinander, um einen Rhythmus aufzunehmen. Ein Beben unter Seshas Füßen, in ihren Beinen, durch ihren gesamten Körper.
»—sha! Sesha!«
Sie war auf der Brücke auf die Knie gesunken und sah in Akeos geweitete Augen, der sich zu ihr herunterbückte, den Regenschirm noch immer hoch erhoben. Schwere Tropfen fielen um ihn herum zu Boden, malten einen Kreis. Sesha blinzelte.
Der nächste Trommelschlag beantwortete ihre stille Frage, was sie auf dem Boden machte. Der Schmerz jagte wie ein Blitz durch ihren Körper, und jeder Herzschlag trieb ihn weiter voran bis in ihre Fingerspitzen. Sesha kippte nach vorn und stützte sich keuchend mit den Händen auf dem Boden ab.
»Was ist los?«, fragte Akeo ernst. Sesha bewunderte und verfluchte ihn zugleich für seine Ruhe.
»Ich dachte—« Ihre Stimme versagte und sie stieß hastig die Luft aus. »Ich dachte, ich würde es noch zum Hotel schaffen. Nach Hause …«
Es hatte nicht gereicht.
Sie verlor die Kontrolle.
Ihr Körper wandte sich gegen sie, entriss ihr jegliches Gefühl für das Hier und Jetzt. Ihre klammen Hände verkrampften sich, suchten Halt an den Steinen, die die Brücke deckten. Sie spürte etwas Kaltes in ihrem Nacken und erkannte Akeos Hand.
Es hätte sich besser anfühlen müssen.
Der Regenschirm lag vergessen auf dem Boden. Akeo redete auf sie ein, ohne dass sie ihn verstand, und hinter ihr tönten unablässig diese verdammten Trommeln—
Die Brücke erbebte. Sesha riss die Augen auf.
»Hoch mit dir!«, forderte Akeo. Die Hand in Seshas Nacken verschwand und legte sich in festem Griff um ihren Oberarm. Zog sie hoch. Seshas Blick blieb auf den Boden gerichtet, auf den tiefen Riss, der bis vor wenigen Sekunden noch nicht dort gewesen war. Eine scharfe Kante, die sie auch jetzt noch unter ihren Fingern spürte.
Aber der Riss verschwand aus Seshas Sichtfeld, während sie sich vorwärts bewegten. Akeo stützte fast ihr gesamtes Gewicht, als sie den Schutz der Plane verließen und der Regen wieder unerbittlich auf sie einprasselte. Die Trommeln auf dem Platz hatten ein gleichmäßiges Tempo gefunden und die Stimme einer Sängerin gesellte sich dazu, hoch und klar. Abermals jubelte das Publikum, sodass der Gesang für einen Augenblick übertönt wurde.
»Wohin …?«, begann Sesha, vergaß jedoch, was sie hatte fragen wollen. Der Schmerz wuchs erneut. Ihr Körper fuhr zusammen.
»Nach Hause«, sagte Akeo knapp und zog sie die breite Straße entlang. Fort vom Kanal, fort von den Menschen.
»Akeo, ich glaube—«
»Hat er dich erwischt? Wie bist du entkommen?« Akeos Augen waren starr geradeaus gerichtet. Wo war nur dieser Regenschirm geblieben?
»Ich bin mir nicht sicher.« Sesha kniff die Augen zusammen. Ein heftiger Schauer durchfuhr ihren Körper.
Akeos Griff verstärkte sich. »Kannst du dich nicht erinnern?«
»Lass—«
»Das ist wichtig! Kannst du dich an irgendetwas erinnern?«
»Du musst mich loslassen!« Sie stieß Akeo fort. Ihre Beine, plötzlich überfordert von ihrer Aufgabe, gaben nach und ließen sie in Richtung der nächsten Hauswand taumeln. Ihr Rücken stieß unsanft dagegen. Sie blendete es aus. Denn sie fühlte, wie die gesamte Anspannung sie in einem einzigen Schub verließ, gemeinsam mit der angestauten Hitze, die sie so lange versucht hatte, zurückzuhalten. Ein Schock lief durch ihren Körper, über ihren Rücken, hinein in die Wand hinter ihr. Etwas krachte und knirschte bedrohlich. Die Wand erzitterte.
»Komm schon!« Akeo packte Sesha wieder am Arm.
»Das wollte ich nicht.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sesha wischte mit der freien Hand die durchnässten Haare aus ihrem Gesicht.
Akeo ignorierte sie, das konnte er gut.
Ein weiteres Knacken, diesmal lauter. Und es fand kein Ende. Sesha sah erschöpft über die Schulter, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich tiefe Risse einen Weg die Wand emporbahnten, bevor die Frontfassade des Gebäudes krachend in sich zusammenstürzte.
Staub stieg auf.
Grobe Brocken stürzten auf die Straße, sämtliche Fensterscheiben zerbarsten in tausend Scherben. Es regnete Glas.
Sesha konnte die Augen nur mit größter Anstrengung offenhalten. Am Rande bekam sie mit, wie Akeo mit ihr zurückwich.
Fenster und Türen in der Nähe flogen auf. Entsetzte Rufe erklangen von allen Seiten, die Trommeln und die Sängerin waren in der Ferne verstummt.
Der Regen floss in Strömen die Straße hinunter, wusch Staub und Scherben fort.
Die Erinnerung blieb.
Ein älterer Mann rief unverständliche Dinge, und mehrere Leute blickten direkt zu Sesha und Akeo. Manche ungehalten. Andere verwirrt. Sesha hasste es, dass sie sie anstarrten, aber ihr fehlte die Kraft, auch nur das Gesicht abzuwenden.
»Akeo! Sesha! Was zum—« Die Stimme einer Frau. Seshas Augen fielen zu. Die Anspannung war weg, der Schmerz war weg.
Schlaf.
Sie musste schlafen. Die anderen würden sich um alles kümmern.
»Was ist passiert?«, fragte die Frau.
»Ich weiß es nicht.« Das war Akeo.
»Wo ist sie gewesen?«
»Ich weiß es nicht!« Er verlor wohl die Geduld.
»Es sieht fast aus wie das Blutfieber.« Wieder eine neue Stimme, eine, die Sesha unbekannt war. Zu viele Zeugen. Scheinbar waren doch nicht alle auf dem Fest.
»Wie soll es denn das Blutfieber sein?«, warf ein weiterer Fremder ein. »Die Wintersonne geht erst in ein paar Monaten auf!«
Nein, dachte Sesha. Die zweite Sonne brauchte es nicht dafür.
Doch sie hatten keine Ahnung.
Vorhang auf – die Welt am Abgrund,
schweigend, wartend, angstbeherrscht und
im Geheimen auf der Schwelle
eines Krieges, dessen Quelle
unberührt am Himmel strahlt –
alles nimmt, was jeder zahlt.
Der Seher und der Wintergeborene
Vain stieß vor Schreck sein Glas vom Tisch, als er die Hand auf seiner Schulter spürte.
»Oh, tut mir leid!« Die Kellnerin trat peinlich berührt einen Schritt zurück und ging in die Hocke, um das Glas aufzuheben. Bis auf einen Sprung an der Unterseite war es unversehrt.
»Verzeihung«, setzte sie erneut an, »ich wollte Sie bloß informieren, dass wir in Kürze den Hafen von Term erreichen.« Sie versuchte ein Lächeln und wartete offenbar darauf, dass Vain etwas erwiderte.
Der starrte sie nur an. Es war eine Herausforderung, sich nicht von ihrer violett schillernden Uniform oder den Kunstblumen in ihrem Haar ablenken zu lassen.
Er brachte seine Gedanken in eine sinnvolle Reihenfolge.
Term. Er befand sich auf einem Schiff nach Term.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte die Kellnerin und umklammerte mit beiden Händen das Glas. Unglücklicherweise durchzog der Sprung darin genau das Wappen der Schiffsgesellschaft, das in den Boden eingraviert war. Ein klassischer Anker, darunter zwei Fische.
»Ich …« Vain zögerte, dann setzte er ein Lächeln auf, von dem er hoffte, dass es ansatzweise höflich wirkte. »Ja, alles gut. Danke.«
Wenigstens war das Glas leer gewesen.
»Gut. Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Term.« Die Kellnerin senkte den Kopf und drehte Vain schließlich den Rücken zu, um mitsamt Glas in Richtung Küche zu verschwinden.
»Angenehmer Aufenthalt, auf jeden Fall«, murmelte er, sobald sie außer Hörweite war. Er stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und rieb sich die Augen.
Nach insgesamt fünfzehn Stunden, aufgeteilt auf vier verschiedene Schiffe, wunderte es ihn kein bisschen, dass seine Aufmerksamkeit am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen war. Die übertriebenen Wartezeiten zwischen den einzelnen Etappen hatte er aus seinem Gedächtnis gestrichen und im Nachhinein überlegte er, ob eine Schlafkabine doch eine gute Idee gewesen wäre, trotz ihres hohen Preises. Dann hätte er die Zeit nicht in diesem stickigen Aufenthaltsraum verbringen müssen, wo die Decke zu niedrig und die Fenster zu klein waren.
Aber an Schlaf war nicht zu denken gewesen.
Vain seufzte, stand auf und griff nach seiner Reisetasche, die er auf dem Stuhl gegenüber gelagert hatte. Erst jetzt bemerkte er, dass das mittlere Deck des Reiseschiffes nahezu menschenleer war, lediglich ein Paar kämpfte damit, ein protestierendes Kleinkind in einen Kinderwagen zu setzen. Vain runzelte die Stirn. Er hatte nicht bemerkt, dass die anderen Reisenden den Raum längst verlassen hatten.
Er brauchte frische Luft.
Vain schulterte seine Tasche und rollte die Zeitschrift zusammen, die er am Anfang der Reise gekauft und inzwischen viermal durchgelesen hatte.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie die jungen Eltern die Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln begannen. Wenn er die Blicke in seine Richtung richtig deutete, sprachen sie über ihn.
Es wäre nicht das erste Mal. Je weiter ihn sein Weg in den Osten der Welt geführt hatte, desto mehr eben solche Blicke waren auf ihn gerichtet worden.
Vain vermutete stark, dass es an seiner Erscheinung lag. Er mochte weder auffallend groß noch klein sein, aber hier im Osten fiel jeder Mann wie er aus der Reihe, der keinen Wert darauf legte, sich dem Sommer angemessen leicht und farbenfroh zu kleiden. Er hatte zwar vor Antritt seiner Reise mit dem Gedanken gespielt, sich anzupassen, war letztendlich jedoch zu dem Entschluss gekommen, dass es für die wenigen Tage kaum lohnenswert wäre.
Zumal allein die Kombination aus seinen hellgrauen Augen und dem schwarzbraunen, schulterlangen Haar nicht der östlichen Norm entsprach. Zusammen mit der schmalen Statur und der nahezu farblosen Haut bot Vain das Bild eines Wintergeborenen, wie er im Buche stand. Und Wintergeborene waren in diesem Teil der Welt selten geworden.
Vain richtete den Blick auf seine beiden Beobachter, die es auf einmal sehr eilig zu haben schienen, den Raum zu verlassen. Mit einem tiefen Atemzug steckte er seine Zeitschrift in die Tasche und folgte ihnen, wenn auch in einigem Abstand. Der Vater schob den Kinderwagen, die Mutter trug das Kind.
»Du freust dich auch schon auf den Urlaub, nicht wahr?«, fragte die Mutter gerade ihren Sohn und pflanzte ihm einen schmatzenden Kuss auf die Wange. Das Kind zeigte keine Reaktion, aber Vain war nicht der Meinung, dass es glücklich wirkte. Ebenso wenig wie der übermüdet aussehende Vater, der gerade zurückblickte.
Vain folgte der Familie den Gang entlang, während er versuchte, den Blick des Kindes zu ignorieren, das ihn über die Schulter seiner Mutter hinweg anstarrte und unentwegt auf ihre Bluse sabberte.
Die übrigen Fahrgäste waren nicht schwer zu finden. Sie drängten sich allesamt unweit des Aufenthaltsraumes vor der Tür, durch die sie das Schiff betreten hatten und durch die sie es wieder verlassen würden. Aufgeregtes Stimmengewirr erfüllte die Luft, zusammen mit dem Quietschen von Schuhen auf blank poliertem Boden und dem Kläffen eines Hundes in Taschengröße.
»Dürfte ich mal?« Vain hatte gerade den Hund beobachtet, als ein kleiner, blonder Mann sich an ihm vorbei zwängte. Ein aufdringlich süßlicher Geruch folgte ihm.
»So, meine Damen und Herren«, klang die Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern, »wir sind in die Weiße Bucht eingefahren und werden in Kürze den Hafen von Term erreichen. Die Temperaturen vor Ort—«
Der Rest ging in lauten Rufen unter.
»Mama, ist das Term?«
»Sei leise!«
»Aber ist es das?«
»Nein, Term liegt rechts von uns! Und jetzt sei still!«
Doch der Kapitän hatte seine Ansage bereits beendet. Vain störte es nicht, er kannte diese Durchsagen zur Genüge und konnte keine Begeisterung für einen Wetterbericht aufbringen. Sein Blick folgte dem Finger des Mädchens, das den Kapitän übertönt hatte.
Term lag nördlich der Bucht, die durch die mondsichelförmige Insel gebildet wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite, auf dem südlichen Arm der Sichel, befand sich Pulsa, allen nur bekannt als eine kleinere und weniger schöne Version von Term. Die in diesem Raum großzügigeren Fenster des Schiffes boten im Moment eine mäßig beeindruckende Aussicht auf einen Teil dieser zweiten Stadt. Die Silhouetten ihrer Häuser waren nur schemenhaft zwischen den unzähligen Bäumen zu erkennen, und selbst das Grün wirkte grau unter dem Himmel. Die Umrisse verschmolzen mit den Bergen, an die sich die Häuser am Stadtrand schmiegten.
Eine Stadt im Schatten. Für den Großteil des Tages konnte kein Sonnenlicht die Bergkette überwinden. Völlig egal, welche der beiden Sonnen es versuchte.
Das Reiseschiff überholte einen Fischkutter und drehte nach Norden ab, bis Pulsa aus Vains Blickfeld verschwunden war. Gleich würde er Pulsas schöne Schwester sehen. Term, das traumhafte Urlaubsziel, die Stadt, in der immer die Sonne schien und in der jeder ein zufriedenes Leben führen konnte.
Draußen begann es zu regnen. Die Tropfen klatschten mit zunehmender Intensität auf das Schiff und rannen in Strömen die Scheiben hinunter. Vain konnte die Enttäuschung der anderen Gäste deutlich in ihren Gesichtern lesen. Ihre Erwartungen waren zu hoch.
Der Anblick von Term begeisterte die Allgemeinheit allerdings auch im verregneten Zustand. Zuerst erschienen ein paar einzeln stehende Gebäude nah am Ufer, dann eine Promenade und schließlich die klassischen, eng aneinandergereihten Häuser aus sandfarbenem Stein. Die ungleichmäßig geneigten Dächer, Türmchen und Schornsteine gaben jedem Haus eine einzigartige Erscheinung, trotz ihrer ähnlichen Bauart.
Es fiel Vain schwer, die Stadt nicht als schön zu bezeichnen.
Ein Ruck durchfuhr das Schiff, als sie anlegten, gefolgt von überraschten Rufen vereinzelter Gäste. Vain fasste seine Tasche fester und sah zu, wie zwei an Land bereitstehende Angestellte die Taue auffingen, die ihnen vom Schiff aus zugeworfen wurden. Der Kapitän dankte über Lautsprecher seinen Fahrgästen, dann schwang die Glastür auf und die Leute drängelten nach draußen.
Vain hielt sich im Hintergrund, bis er nicht mehr Gefahr lief, von übermütigen Urlaubern und ihren Kindern und Hunden zerdrückt zu werden. Es kam ihm wie eine geschlagene Stunde vor, aber endlich hatte er wieder den Boden einer Insel unter den Füßen und frischen Wind im Gesicht. Auf den Regen war er nicht vorbereitet und schon nach wenigen Augenblicken klebten seine Haare nass und schwer auf seiner Stirn. Er hoffte, dass seine Tasche wasserdicht war.
Vain strich mit der freien Hand ein paar dunkle Strähnen aus seinem Gesicht und folgte der Menge bis zu den Einreiseschaltern, wo sich bereits Schlangen klagender Menschen gebildet hatten.
»Warum muss es gerade jetzt regnen?«, hörte er hier und da.
Eine durchaus berechtigte Frage.
Vain reihte sich ein und machte sich auf eine lange Wartezeit gefasst, während er seinen Blick über die Stadt schweifen ließ und der belanglosen Diskussion einer Reisegruppe in seiner Nähe zuhörte.
Term erstreckte sich ebenso wie Pulsa einen Hang hinauf. Die hintersten Viertel der Stadt grenzten bereits an einen Ausläufer des Bergmassivs, das den westlichen Teil der Insel prägte. Das Meer aus Dächern und spiegelnden Fenstern reichte bis an den Stadtrand, lediglich unterbrochen durch Straßen, Plätze oder Kanäle, wovon Term eine beachtliche Anzahl besaß. Dementsprechend hatte die Stadt viel Geld in Brücken investieren müssen, um dem durchschnittlich faulen Urlauber die Fortbewegung zu erleichtern.
Vain versuchte, sich an die genaue Anzahl dieser Brücken zu erinnern, die der Kapitän des Reiseschiffes am Anfang ihrer Fahrt erwähnt hatte. Er wusste es nicht mehr.
»Der Nächste.«
Die Schlange bewegte sich gemächlich vorwärts. Vain tastete nach dem Stoff seiner Tasche, war aber nicht sicher, ob die Nässe bereits bis nach innen gedrungen war.
Er musste nicht so lange warten, wie er befürchtet hatte. Der dickliche Mann am Schalter winkte ihn heran und nahm einen Schluck aus einem Plastikbecher, ehe er Vain ansprach. »Name?«
Vain stellte seine Tasche auf ein möglichst trockenes Stück Boden und überreichte seinen Pass. Der Angestellte wischte mit der Hand über seinen Mund, wo Reste des Getränks zurückgeblieben waren, und griff mit derselben Hand nach dem Dokument. Vain verzog keine Miene.
»Mister Neveress«, fuhr der Mann fort und schrieb etwas auf seinen Block. »Willkommen in Term. Der Grund für Ihren Besuch, bitte?« Er nieste und ließ den Stift fallen, um sich die Hand vorzuhalten.
»Familienbesuch.« Vain sah zu, wie sein Pass einen Stempel auf Seite fünf erhielt.
»Wie lange werden Sie bleiben?«, fragte der Mann weiter und genehmigte sich einen weiteren Schluck aus seinem Becher.
»Nur bis morgen.« Vain nahm seinen Pass wieder entgegen. Der Mann überflog seine Liste und machte eine Notiz ziemlich weit unten.
»Sie haben ein Zimmer für die Nacht gebucht?«, fragte er und hob die Brauen.
Vain schüttelte den Kopf. »Dafür hat die Zeit nicht gereicht. Ich werde schon etwas finden.«
Der Angestellte tarnte sein Seufzen wenig erfolgreich als tiefen Atemzug. »Ich kann Sie einem Hotel zuweisen, wenn Sie das möchten. Wie viel würden Sie zahlen?«
Es musste ein Versuch sein, ihm ein besonders teures Haus zu empfehlen.
»Sechzig?«, sagte Vain schließlich, nachdem er die Währung umgerechnet hatte. Der Mann am Schalter machte ein überraschtes Gesicht und senkte den Blick wieder auf eines seiner Papiere. Vain überlegte spontan, ob er sich beim Rechnen vertan hatte.
»Melden Sie sich im Hallya-Hotel, das größere der beiden Gebäude«, sagte der Angestellte, bevor Vain nachrechnen konnte, und schob ihm eine kleine, quadratische Karte zu: die Visitenkarte eines Hotels. »Viel Spaß.« Er winkte die nächsten Gäste in der Reihe heran.
Vain griff nach der Karte und schenkte dem Angestellten ein gequältes Lächeln, doch der hatte sich längst wieder seinem Getränk zugewandt.
Vain senkte den Blick.
Sesha sollte zu schätzen wissen, was er ihretwegen auf sich nahm.
Das Hallya-Hotel befand sich in unmittelbarer Nähe des Hafens und wäre auch ohne Zuhilfenahme der Visitenkarte nicht zu verfehlen gewesen. Es bestand aus zwei Gebäuden mit weit überstehenden Balkonen und einem großzügig begrünten Platz, vollendet mit einem Brunnen und der Statue eines Fisches in seiner Mitte. Besonders hier im Osten der Welt zeigte ein Gebäude den Wohlstand seines Eigentümers durch aufwändig gestaltete Holztüren und verzierte Fensterrahmen, wovon dieses Haus eine beachtliche Menge besaß.
Vain war ehrlich überrascht, dass man ihn diesem offenbar edlen Hotel zugewiesen hatte, obwohl er nur eine Nacht bleiben würde. Normalerweise gab es für spontane Gäste ohne Hotelreservierung kaum mehr als ein Bett in einer Pension.
Er hatte sich definitiv verrechnet, was das Geld anging. Aber das war ein Problem für später.
Das Foyer im größeren der beiden Gebäude stand seiner äußeren Erscheinung in nichts nach. Sogar die Statue des Fisches war in kleinerer Ausgabe an verschiedenen Stellen zu sehen. Der Boden glänzte im Licht des mächtigen Kronleuchters, und etwas roch stark nach Honig.
Möglicherweise hätte Sesha Freude an solch einer Fischfigur.
Vain war noch dabei, sich einen Überblick zu verschaffen, als er ein Hüsteln vernahm.
»Ja?« Er entdeckte den Empfangstisch, hinter dem eine schlanke junge Frau mit aufwändiger Hochsteckfrisur saß. Sie hatte ein dünnlippiges Lächeln aufgesetzt und hielt es zweifellos für unschicklich, dass er den Raum begaffte wie ein Kind den ersten Freizeitpark, den es besuchte.
Vain machte sich auf den Weg zum Empfangstisch und war sich der nassen Fußabdrücke, die er auf dem Steinboden hinterließ, unangenehm bewusst. Er kam sich in dieser Umgebung mehr als fehl am Platz vor, durchnässt wie er war, und beim Anblick der gut gekleideten Frau kam in seinem Kopf plötzlich die Frage auf, ob das Hotel von seinen Gästen erwartete, in Anzug und geputzten Schuhen zu erscheinen. Vain könnte weder das eine noch das andere bieten.
Er legte seinen Pass und die Karte des Hotels auf den Tisch.
»Neveress, Vain. Ein Zimmer für eine Nacht. Bitte«, fügte er schnell hinzu. Sie sollte ihn wenigstens nicht für so unkultiviert halten, wie er äußerlich auf sie wirken musste.
»Sofort«, sagte die Frau mit hoher Stimme und durchkämmte den Inhalt einer ihrer Mappen mit flinken Fingern. Es war still in dem menschenleeren Foyer, nur das Geräusch des Regens drang durch die offene Flügeltür nach innen.
»Vierter Stock«, sagte sie schließlich, »Zimmer sechs. Den Schlüssel bekommen Sie im Zwischengeschoss. Abendessen gibt es ab sechs Uhr, Frühstück morgens ab sieben Uhr. Bezahlung bei Abreise.«
Sie schob ihm ein Formular zu, das er überflog und unterschrieb.
»Danke.« Abermals steckte Vain seinen Pass weg. Er erhielt den Durchdruck des Formulars und machte sich auf den Weg ins Zwischengeschoss, wobei er darauf achtete, nicht zwei Stufen der Treppe auf einmal zu nehmen. Den Blick der Empfangsdame spürte er noch im Nacken.
Der ältere Herr im Zwischengeschoss schreckte aus seinem Nickerchen, als Vain ihn ansprach, kramte einen Schlüssel aus den Tiefen eines Schranks hervor und bestand darauf, Vain die Tasche abzunehmen. Vain zweifelte, ob der Mann überhaupt noch etwas tragen sollte, denn im vierten Stock glich seine Atmung eher einem pfeifenden Keuchen. Aber er ließ sich nicht abwimmeln, bis sie die richtige Tür erreichten, wo er Vain den Schlüssel und die Tasche übergab.
»Wenn Sie etwas brauchen«, röchelte er, »lassen Sie es mich wissen.« Vain nahm sich fest vor, das nicht zu tun.
Er sperrte sein Zimmer auf, einen Raum von schlichter Eleganz, warf die Tasche achtlos aufs Bett und begann, darin zu wühlen. Glücklicherweise waren die Sachen trocken geblieben. Er wechselte Hemd und Hose, ehe er den Schlüssel in der Hosentasche verschwinden ließ und einen Blick in seinen Geldbeutel warf. In Term hatten sich geschliffene Muscheln als Währung durchgesetzt, aber Vain ging davon aus, dass auch die für den Westen der Welt typischen Bronzemünzen akzeptiert werden würden. Es war kaum notwendig, für seinen kurzen Aufenthalt etwas umzutauschen.
Vain packte das Geld ein und trat wieder auf den Gang. Zurück im Zwischengeschoss hielt er doch noch einmal bei dem alten Mann inne und fragte ihn nach einem Regenschirm, woraufhin er tatsächlich ein nagelneues, rundes Exemplar in grau ausgehändigt bekam.
Ein Schritt weiter. Immer nach vorn.
Auf der Treppe hinunter ins Foyer bohrte sich Unbehagen in sein Inneres. Es hatte lange auf sich warten lassen.
Vain biss die Zähne zusammen und lockerte seine Hand um den Regenschirm, durchquerte das Foyer, wo eine Putzfrau gerade dabei war, den Boden zu wischen, und ließ das edle Innere des Hallya-Hotels hinter sich. Er spannte den Schirm auf.
Selbst durch den Nebel, der über der Bucht hing, waren die Lichter von Pulsa gut zu erkennen. Vain ließ die Aussicht vom Hafen aus auf sich wirken. Es kam ihm vor, als würden ihm alle Leute im Vorbeigehen böse Blicke zuwerfen, obwohl er darauf achtete, niemandem im Weg zu stehen.
Vermutlich war es Einbildung. Es wäre nicht das erste Mal.
Er bemühte sich um eine entspannte Haltung und nicht zu große Schritte, als er dem Hafen den Rücken zukehrte und sich zu den Menschen auf der ersten breiten Straße Richtung Innenstadt gesellte. Das Wetter machte den Leuten offenbar doch wenig aus, die Läden waren gut besucht und an diversen Cafés wartete ebenfalls eine ordentliche Menge Kundschaft. Für den Bruchteil einer Sekunde kam Vain die Idee, dass er Sesha etwas mitbringen könnte, aber den Gedanken ließ er auf der Stelle fallen. Sie würde von seinem Besuch nicht einmal etwas mitbekommen.
Vain stieß die Luft aus und beschleunigte seine Schritte, nun doch sehr erpicht darauf, den Besuch so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Sein Herzschlag stieg stetig an, und das Gefühl, kurz vor einem Schweißausbruch zu stehen, war wenig hilfreich.
Je früher er wieder auf dem Rückweg war, desto eher würde es ihm besser gehen.
Selbst, wenn er Sesha zurückließ. Verletzt. Allein. Ob sie in dieser Stadt Freunde—
Die Türen eines Geschäfts neben ihm flogen auf. Ein Mann und eine Frau kamen herausgeeilt, um Vain den Weg zu versperren.
»Guten Tag, Mister!«, rief die Frau mit übertriebener Fröhlichkeit, während der Mann sogar den Hut vor ihm zog. Die Leute in der unmittelbaren Umgebung starrten sie an.
Und Vains Herz setzte einen Schlag aus.
»Haben Sie Interesse daran, Ihre schönsten Erinnerungen noch einmal zu erleben?«, fragte der Mann und machte eine ausladende Handbewegung. Vain machte schon den Mund auf, um ihn abzuweisen, kam aber nicht dazu.
»Meine Frau«, sagte der Mann und legte den Arm in einer besitzergreifenden Geste um ihre Schultern, »ist eine unglaublich talentierte Seherin, da bleiben keine Wünsche offen. Was sagen Sie?«
Vain spürte die Blicke aller umstehenden Leute auf sich ruhen. Entspannend war es nicht.
»Nein, vielen Dank«, sagte er mit einem gezwungenen Lächeln und setzte sich wieder in Bewegung. Zu seinem Unmut konnte er die Seherin und ihren Mann nicht so einfach abschütteln.
Das war einer der Gründe, weshalb er Urlaubsorte mied. Es kam ihm vor, als hätten diese beiden nur darauf gewartet, jemandem ihre Dienste anzubieten – insbesondere jemandem, der nicht verbarg, ein Wintergeborener zu sein.
»Es gibt bestimmt etwas, das Sie gerne noch einmal erleben würden«, sagte die Frau. Es konnte unmöglich normal sein, dass ihr Lächeln so verklärt wirkte. Ihre Pupillen verkleinerten sich in den wässrigen Augen. Vain brach den Blickkontakt ab.
»Ich habe es eilig«, betonte er und heftete den Blick auf das Ende der Straße. Etwas schnürte ihm die Kehle zu.
»Heutzutage haben es alle so eilig«, sprach wieder der Mann, der auf seiner anderen Seite mit ihm mitzuhalten versuchte. »Die Leute müssen lernen, ihr Inneres zu entspannen und nicht nur im hektischen Alltag zu leben!«
Vain schloss frustriert die Augen. Term war ein großartiger Ort für Wahrsager, Scharlatane und sommergeborene Seher, hier konnten sie ihre Fähigkeiten nach Lust und Laune ausleben und verkaufen. Interessierte gab es genug. Zum großen Pech dieses Paares gehörte Vain nicht dazu.
»Hören Sie«, sagte Vain. »Ich bin hier, um meine Cousine im Krankenhaus zu besuchen, und nicht, um mich zu entspannen.« Er rang sich ein Lächeln ab und nutzte die Sprachlosigkeit seiner Verfolger, um über die nächste Brücke zu flüchten. Sie folgten ihm nicht.
Vain verbannte die Begegnung aus seinem Gedächtnis. Es brachte selten etwas Gutes, Blickkontakt zu einem Seher aufzubauen.
Es hatte aufgehört zu regnen. Vain klappte seinen Schirm zusammen und überquerte noch vier weitere Brücken über verschiedene Kanäle, auf denen Boote mit staunenden Urlaubern auf und ab fuhren. Hinter einer Abzweigung geriet er in eine Sackgasse, die ihre Existenz mit einem Schild rechtfertigte, das den Abriss einer Brücke erklärte. Dem weiteren Text zufolge würde hier in naher Zukunft eine Haltestelle für eine Straßenbahn errichtet werden. Das Kanalbett war bereits trockengelegt, doch von Schienen fehlte bislang jede Spur.
Vain schlug einen anderen Weg ein, folgte der künftigen Bahnstrecke ein Stück nach Norden und fand sich schließlich auf dem Marktplatz von Term wieder, wo es von Menschen nur so wimmelte.
Alt und Jung, Groß und Klein.
Vain überquerte den Platz und drehte sich ein paar Male um die eigene Achse. Reich verzierte, eiserne Laternen, die auch tagsüber leuchteten, schmückten die Umgebung rundherum, und selbst außerhalb der üblichen Marktzeiten präsentierten Stände verschiedenster Art ihre Waren.
Aber es war der Tempel in der Mitte, der Vains Aufmerksamkeit einholte. Er überragte die umliegenden Häuser um bestimmt das Doppelte ihrer Höhe und war damit das höchste Bauwerk in Term. Es basierte auf einer achteckigen Grundform, um der Kontur eines Kreises nahezukommen, und bestand aus fünf aufeinandergestapelten Elementen, die sich nach oben hin verjüngten. Ähnlich einer nördlichen Pagode formte es eine Leiter zum Himmel, gekrönt von einer schillernd weißen Kugel auf der höchsten Spitze.
Eine eigene kleine Sonne, die das Tageslicht einfing.
Vain seufzte innerlich und verließ den Platz. Er verstand nicht, was Sesha ausgerechnet in dieser Stadt gefunden hatte. An einem anderen Ort wäre ihr womöglich nichts passiert.
Er verlor seine Gedanken im Auf und Ab von Eindrücken, Geräuschen und Gerüchen. Er hatte sich den Weg zum Krankenhaus im Voraus eingeprägt, um zwischen Häusern, Plätzen und Brücken die Orientierung zu behalten, doch die Straßenschilder wären ausreichend gewesen. Und nachdem Vain zwei weitere Plätze passiert hatte, kam endlich das Ziel in Sicht.
Diese Mischung aus Erleichterung und nervöser Erwartung, die Vain augenblicklich durchströmte, war etwas, auf das er gut verzichten konnte. Schnell hatte er den Haupteingang des Krankenhauses erreicht und die Glastür des Gemäuers aufgeschoben, wobei er zu seinem Unmut bemerkte, dass er das Zittern seiner Hände kaum unter Kontrolle halten konnte. Er hängte den Regenschirm in die Garderobe, steckte die Hände tief in seine Jackentaschen und blieb vor dem Pult unweit der Eingangstür stehen. Die Frau dahinter rückte ihre Brille zurecht und lächelte gutmütig.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie mit einer Stimme, die klang, als würde sie unter den Nachwirkungen einer Erkältung leiden. Ihre Kleidung hatte dieselbe grüne Farbe wie die fleischigen Blätter der Topfpflanze auf dem Pult.
Vain erwiderte ihr Lächeln.
»Neveress, Vain. Ich möchte Sesha Astaiden besuchen.«
Die Tür zu Seshas Zimmer klemmte. Vain musste einiges an Kraft aufbringen, um sie zu bewegen, und er stellte sich unwillkürlich vor, wie viel Zeit in einem Notfall dadurch verloren gehen könnte.
Nein. Sesha konnte hier nichts passieren. Und viel schlimmer konnte es sie momentan ohnehin nicht treffen.
Langsam betrat Vain das Zimmer. Es war kühl, das Fenster an der hinteren Wand stand einen Spalt offen und ließ eine leichte Brise herein. Vain war dankbar dafür, denn der sterile Geruch des Raumes bereitete ihm Kopfschmerzen. Auch der Raumerfrischer auf der Fensterbank verfehlte seine Wirkung, mehr als ein Hauch von Minze war nicht wahrnehmbar.
Vain fasste sich ein Herz und trat näher an das Bett heran. Er hatte sich das Wiedersehen mit Sesha anders ausgemalt, aber besonders ein Gefühl lag schwer und unnachgiebig auf seine Schultern: Wut. Nicht auf Sesha, und auch nur ein bisschen auf ihre Situation, sondern vor allem auf sich selbst. Denn sein letztes Treffen mit seiner Cousine lag über zwei Jahre zurück, und das war Vains Schuld.
»Was hast du nur gemacht«, murmelte er und starrte auf Seshas schlafenden Körper herab. Sesha, mit der er aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Sesha, die ihn verteidigt hatte, als sein Klassenlehrer der Meinung gewesen war, dass Vains schlechte Zensuren darauf zurückzuführen seien, dass er ein Wintergeborener war.
Vain biss sich auf die Unterlippe, die Augenbrauen fest zusammengezogen, und blendete die Geräte aus, die am Kopfende des Bettes aufgereiht waren. Ebenso die Töne, die sie von sich gaben. Das Piepen, das regelmäßige Zischen, von Zeit zu Zeit ein Klicken. Nur den Anblick des Schlauches, der in Seshas Mund verschwand, konnte er unmöglich ignorieren.
Sesha war blass. Das lange, blonde Haar war heller, als Vain es in Erinnerung hatte, vielleicht hatte es in letzter Zeit viel Sonne abbekommen. Doch die kleinen Lachfältchen um ihre Augen waren unverändert, blieben auch bei diesem vollkommen regungslosen Gesichtsausdruck sichtbar.
Unter dem Kragen von Seshas farbloser Krankenhauskluft ragten die Ansätze eines Verbandes hervor, der sich über ihre Schulter fortsetzte und am Rücken wieder unter dem Stoff verschwand. Vain versuchte, nicht daran zu denken, wie weit er reichen mochte. Wie schwer verletzt Sesha wirklich war.
Ein Geräusch ertönte hinter ihm und befreite Vain von den Bildern in seinem Kopf. Jemand versuchte, die Klinke hinunterzudrücken und die protestierende Tür zu öffnen.
Es war nicht abwegig, dass Sesha auch andere Besucher hatte, und trotzdem traf es Vain unvorbereitet.Er war nicht begeistert von Gesellschaft, geschweige denn von der drohenden Gefahr, der er sich gegenübersehen würde, müsste er erklären, wer er war. Er zog in Erwägung, seinen Besuch kürzer ausfallen zu lassen als geplant. Immerhin könnte er am folgenden Tag noch einmal nach Sesha sehen, bevor er Term wieder verließ. Sie war nicht bei Bewusstsein, es machte keinen Unterschied, ob Vain den einen oder den anderen Tag bei ihr war.
Doch es war lediglich ein Pfleger, der das Zimmer betrat. Er trug die gleiche grüne Uniform wie die Frau im Eingangsbereich, auch wenn sie viel zu groß an seinem schmächtigen Körper wirkte. Er war bestimmt einen halben Kopf kleiner als Vain.
»Ich hoffe, ich störe nicht«, sprach er Vain durch seinen Mundschutz hindurch an und machte sich daran, das Fenster zu schließen.
Vain schüttelte den Kopf und sah zu, wie der Pfleger einen mit dunkler Flüssigkeit gefüllten Beutel am Kopfende des Bettes anbrachte. Seine Vorstellungskraft begann unweigerlich, ihm negative Szenarien zu präsentieren. Er verschränkte die Arme vor der Brust und holte tief Luft, ehe er sich an den Pfleger wandte.
»Können Sie mir sagen, wie es aussieht?«, fragte er. Der Pfleger musterte Vain von oben bis unten, als würde er abwägen, welche Informationen er ihm guten Gewissens anvertrauen konnte.
»Ihr Unfall war vor zwei Wochen«, berichtete er nach einigem Zögern und nahm wieder Blickkontakt auf. »Sie wurde in diesem Zustand eingeliefert und hat bisher keine Anzeichen gezeigt, aufzuwachen.«
Das war nicht das, was Vain sich von der Antwort erhofft hatte. »Und was ist das?«, fragte er, um sich abzulenken, und nickte in Richtung des Beutels.
»Das …« Der Pfleger fischte ein Stück Papier aus seinem Kittel und drehte es in der Hand, bevor er Vain entschuldigend ansah. »Es tut mir leid, ich sollte es nur aufhängen.« Das beruhigte Vain kein bisschen. Er wollte Seshas Leben nicht in die Hände eines verplanten Auszubildenden legen.
»Aber ich weiß, dass es gegen innere Blutungen helfen soll«, fügte dieser eilig hinzu.
Innere Blutungen. Vain wurde schlecht. »Danke.« Er wünschte fast, er hätte nicht gefragt.
Vain wurde zunehmend unsicherer, ob er sich länger in diesem Raum aufhalten wollte als nötig. Er hatte Sesha einen Besuch abgestattet, seine Pflicht war erfüllt. Für Schuldgefühle würde er auf der Rückreise noch ausreichend Zeit haben.
Der Pfleger verrichtete schweigend seine Arbeit, während Vain ihn beobachtete. Das Klicken und Piepen brannte sich in sein Gedächtnis, bis er überzeugt war, den Nachhall in seinem Kopf fühlen zu können.
Er schnitt den Gedanken ab.
»Kann man sagen, ob sie überhaupt aufwachen wird?«, fragte er.
Der Pfleger hielt in der Bewegung inne und hob die Schultern. »Möglich ist es. Dennoch ist unklar, wann das der Fall sein wird.« Er runzelte die Stirn, sein Blick blieb freundlich. »Sind Sie ein Freund von ihr?«
»Ihr Cousin.« Vain sah weg. Er wünschte, das Fenster würde noch offenstehen, die Luft war mit einem Mal schwer und stickig geworden. Der sanfte Geruch nach Minze vernebelte seine Sinne, doch das konnte unmöglich der einzige Grund dafür sein.
»Wie schön!«, rief der Pfleger plötzlich aus. »Noch ein Cousin, der Miss Astaiden besuchen kommt!«
»… noch einer?« Vain hatte das Gefühl, dass sein Denken verspätet einsetzte.
»Aber ja«, bekam er als Antwort. »Sie scheinen eine sehr fürsorgliche Familie zu sein.«
»Ist das so.«
Der Pfleger nickte eifrig. »Dann wussten Sie gar nicht, dass noch jemand aus Ihrer Familie hier ist? Wenn Sie noch eine Weile warten, könnten Sie sich treffen. Er kommt oft hierher, es könnte einen Versuch wert sein.«
Die Geräusche schienen anzuschwellen.
»Wer?«, fragte Vain verhalten.
»Wenn ich seinen Namen bloß wüsste«, sagte der Pfleger. Er hielt seine Hand ein gutes Stück über seinen eigenen Kopf. »Er ist etwa so groß. Blonde Haare, etwas breiter als Sie.« Er ließ die Hand wieder sinken. »Hilft Ihnen das?«
Vain hatte prompt das richtige Gesicht vor Augen. Nur eine einzige männliche Person in seiner Familie war überhaupt blond.
Dennoch schüttelte er den Kopf.
»Sehr bedauerlich«, seufzte der Pfleger und ging weiter seiner Arbeit nach.
Vain richtete seinen Fokus derweil auf seine unmittelbar bevorstehende Flucht. Er sah noch einmal auf Sesha herab, auf ihr helles Haar, das denselben Farbton hatte wie das des Mannes, den der Pfleger soeben beschrieben hatte.
Vain kannte seinen Namen genau.
Sanseer war hier.
Noch jemand, mit dem Vain seine Kindheit geteilt hatte. Allerdings auch jemand, der nie von dem Standpunkt abzubringen gewesen war, dass Wintergeborene schwächer waren. Körperlich und geistig.
»Ich sollte gehen«, brachte Vain hervor, schenkte dem verwunderten Pfleger einen letzten Blick und machte auf dem Absatz kehrt. Er spürte die Präsenz des Mannes in seinem Rücken, wusste, dass das steigende Gefühl, nicht atmen zu können, einzig und allein aus seinem eigenen Inneren kam, aber er kam immer weniger dagegen an. Weniger. Weniger.
Sanseer war hier. Die Vorstellung allein nahm Vain die Fähigkeit, klar denken zu können. So sehr, dass er Sesha zurückließ. Er sollte sie nicht zurücklassen.
Die Türen des grellen Ganges flogen an ihm vorbei, während er sich auf den Rückweg zur Eingangshalle machte.
Es war ein Fehler gewesen, nach Term zu kommen.
Bis jetzt hatte er es durch reine Willenskraft geschafft, seine Nervosität in Schach zu halten, aber er vergaß zunehmend, wie das funktionierte.
Er bog um die Ecke und zuckte zurück, als ihm eine Person entgegenkam.
Eine Ärztin. Kein Sanseer.
Trotzdem blieb die Erleichterung aus.
Vain verstand es nicht.
Er ließ die Abteilung für Knochenbrüche links liegen und schlug den nächsten Weg zum Ausgang ein.
»—sollten wir andere Möglichkeiten in Betracht ziehen«, ertönte eine Stimme unweit von ihm, hinter der nächsten Ecke.
Vain blieb abrupt stehen. Wie hörte sich Sanseers Stimme an?
Schritte näherten sich, kamen in seine Richtung. Er versuchte, sich zu erinnern, wie Sanseers Stimme klang, wie er sprach. Sein Gedächtnis ließ ihn im Stich.
Er konnte es nicht riskieren. Er drehte um und lief in die entgegengesetzte Richtung, wählte einen seitlichen Korridor, in der Hoffnung, einen anderen Ausgang zu finden.
Was er vorfand, war eine Sackgasse. Eine Tür, die mit einem Schloss versehen war. Auf Augenhöhe prangte das Symbol einer tiefroten Schneeflocke, das ihn regelrecht zu verhöhnen schien.
Hier ging es nicht weiter. Der Bereich für Blutfieber-Kranke war nur im Stand der Wintersonne geöffnet.
»Kann ich Ihnen weiterhelfen?«
Vain fuhr herum. An der Kreuzung zum Hauptflur war ein Mann in langem, weißem Kittel aufgetaucht.
»Ich muss falsch abgebogen sein«, brachte Vain hervor. »Eigentlich wollte ich zum Ausgang.«
Der Arzt betrachtete ihn abschätzig. »Sie können sich an die Wegweiser halten. Sie finden sie an den Wänden.«
»Ah. Danke.«
»Keine Ursache.« Der Arzt schenkte ihm einen letzten Blick, ehe er über die Schulter sah. »Wir können weiter, Mister Visaider.« Er verstummte. »Stimmt etwas nicht?«
Visaider. Vains Magen drehte sich um.
»Gehen Sie schon vor«, beantwortete eine zweite Stimme die Frage des Arztes. »Mir ist gerade etwas Wichtiges eingefallen.«
»Wie Sie meinen.« Der Arzt setzte seinen Weg fort.
Visaider.
Vain starrte an die Stelle, an der eben noch der Arzt gestanden hatte, bis eine zweite Gestalt hinter der Ecke auftauchte, langsam, bedächtig.
Er befand sich in einer Sackgasse. Und den Weg voraus versperrte ihm Sanseer Visaider. Sein eigener Bruder.
Wie hätte Vain auf diese Begegnung vorbereitet sein können, noch dazu am anderen Ende der Welt?
»Sanseer«, sagte er knapp. Es war des Pechs zu viel. Sanseer konnte nicht hier sein, nicht genau an diesem Tag, in diesem Moment.
Vain starrte ihn mit einem Gesichtsausdruck an, der mit großer Wahrscheinlichkeit genau den Schreck widerspiegelte, der ihm den Atem verschlug. Die Gedanken rasten ohne Sinn und Ordnung durch seinen Kopf und sein Körper tat das Einzige, das er für angebracht hielt: Er gab sich einen Ruck und lief los, um den Korridor fluchtartig zu verlassen.
Vain hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Schob sich an Sanseer vorbei.
»Warte.« Sanseers Stimme war schon immer laut gewesen und ließ Vain auch jetzt zusammenfahren, und er verkrampfte sich noch mehr, als er eine Hand um seinen Unterarm spürte. Es kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung, nicht zu Sanseer aufzusehen.
»Du solltest mich besser loslassen«, sagte Vain kalt.
Der Fußboden hatte eine wirklich eigenwillige Musterung. Grüne und blaue Sprenkel, schwarze Punkte dazwischen, wahllos verteilt auf einer grauen Ebene—
»Was machst du hier?«, fragte Sanseer, ohne den Griff um Vains Arm zu lockern.
Vain beschwor sich dazu, Ruhe zu bewahren. Er befreite sich in einer ruckartigen Bewegung, machte dabei jedoch den Fehler, in Sanseers Gesicht zu sehen.
Der Blick versetzte seinem Herzen einen Stich. Da war etwas in den Augen seines Bruders, das er nur als Enttäuschung bezeichnen konnte. Er hatte Wut erwartet.
Ein Augenblick verstrich, in dem weder Vain noch Sanseer ein Wort über die Lippen brachten.
Es verwunderte Vain nicht, dass sie nach zwei Jahren kein Gespräch beginnen konnten.
Optisch hatte sich sein Bruder kaum verändert. Kräftige Statur, breite Schultern, strenger Gesichtsausdruck. Die blonden Haare trug er nach wie vor in dieser nichtssagenden Frisur, die er schon im Jugendalter bevorzugt hatte, und Vain könnte schwören, dass er auch das graue, kurzärmelige Hemd schon gesehen hatte.
Aber die Falten auf Sanseers Stirn waren tiefer. Die blauen Augen wirkten dunkler.
Endlich erlangte Vain das Gefühl in seinen Beinen zurück. Er ließ Sanseer stehen, bog nach links ab und prallte zu allem Überfluss auch noch gegen eine junge, schwarzhaarige Frau, die den Gang entlang ging. Etwas fiel klappernd zu Boden und sie stolperte einen Schritt nach hinten, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Als Vain zu Boden sah, erblickte er einen Gehstock.
»Tut mir leid«, presste Vain hervor, hob den Stock auf und drückte ihn der Frau in die Hand. Sie blinzelte ihn aus großen, blauen Augen an. Blaue Augen wie die von Sanseer.
Vain eilte zur Treppe, ohne Sanseer eines weiteren Blickes zu würdigen.
Was Sanseer in Term tat, war Vain schleierhaft. Er hatte Sesha nie gut leiden können, es ergab keinen Sinn, dass er sie jetzt besuchte, aber in Vains Hinterkopf nisteten sich Zweifel ein. Er konnte unmöglich wissen, wie Sanseer und Sesha zueinanderstanden, nicht mehr. In zwei Jahren konnte viel passiert sein. Möglicherweise hatten sie ihre gegenseitige Abneigung längst hinter sich gelassen und akzeptierten einander, so wie Vain es sich in der Vergangenheit von ihnen gewünscht hatte.
Der Gedanke war auf eine bösartige Weise lachhaft.
Sanseer folgte ihm nicht. Die einzigen Schritte, die Vain durch das Treppenhaus hallen hörte, waren seine eigenen. Im Erdgeschoss angekommen warf er einen Blick zurück, um sicherzugehen, und er war tatsächlich allein.
Es war ein Wunder, das Vain lieber nicht in Frage stellen wollte.
Er erreichte die Eingangshalle und eilte mit großen Schritten nach draußen. Die verabschiedenden Worte der Frau am Empfang nahm er kaum wahr und auf halbem Weg über den Platz stellte er fest, dass er den Regenschirm des Hallya-Hotels in der Garderobe des Krankenhauses vergessen hatte. Er kehrte nicht um.
Die Sommersonne suchte sich genau diesen Zeitpunkt aus, um durch die Wolkendecke zu brechen und der Stadt für die letzten Stunden des Tages ein wenig Licht und Wärme zu spenden. So viel wohlwollender als ihr winterlicher Zwilling, der noch für einige Monate hinter dem äußersten Rand der Welt verborgen sein würde.
Vain hatte nicht das Gefühl, dass das Sonnenlicht gegen die Kälte half, die sich in ihm ausgebreitet hatte. Er hatte längst eine Entscheidung gefällt. Seine Füße trugen ihn wie von selbst durch Terms Straßen, über die Brücken und Plätze, mit einem einzigen, sehr klaren Ziel vor Augen.
Er würde nicht bis zum nächsten Tag bleiben.
Das würde ihm sogar die Hotelkosten ersparen.
Wenn er sich beeilte, wenn er es schaffte, rechtzeitig zum Hotel zu gelangen, seine Sachen zu holen und am Hafen zu sein, könnte er mit ein wenig Glück einen Platz auf dem letzten Schiff des Tages bekommen. Das Problem war, dass er selten Glück hatte.
Vain hielt dennoch an der Hoffnung fest. Er erreichte den Marktplatz, in dessen Mitte der Tempel seine bunten Glasfenster inzwischen weit geöffnet und so positioniert hatte, dass das Sonnenlicht hindurchfiel und den Boden mit tanzenden Farbflecken schmückte. Für Vain waren die länger werdenden Schatten ein weiterer, äußerst motivierender Grund, sein Tempo weiter zu beschleunigen. Er brauchte dieses Schiff.
Die Begegnung mit Sanseer hatte ihn mehr aus der Bahn geworfen, als er je für möglich gehalten hätte. Der Blick in den Augen seines Bruders war genau derselbe gewesen wie damals, als sie sich das letzte Mal verabschiedet hatten.
Vain wählte eine andere Straße als auf dem Hinweg, um dem Seher-Pärchen kein weiteres Mal über den Weg zu laufen, aber auch diese war voll von Urlaubern und Händlern. Vain vermied es, jemandem in die Augen zu sehen, besonders dann, wenn er hörte, wie ein Seher seine Fähigkeiten an den Mann bringen wollte. Niemand sprach ihn an.
Bis zu seiner Ankunft im Hallya-Hotel war Vain erfolgreich mehreren Händlern ausgewichen. Am Hafen erlaubte er es sich, stehenzubleiben und den Blick suchend über die Bucht schweifen zu lassen, bis er tatsächlich ein Schiff entdeckte, von dem er annahm, dass es das richtige war. Das Schiff, das ihn weit aus Term wegbringen würde. Der Anblick schenkte ihm einen Tropfen Zuversicht.
Er empfand einen weiteren Anflug von Dankbarkeit, dass das Hallya-Hotel in unmittelbarer Nähe des Hafens lag. Den Platz davor hatte er schnell hinter sich gebracht, ebenso wie das Foyer, wo er die Stimme der Empfangsdame ignorierte, die seinen Namen rief, vermutlich um ihn darauf hinzuweisen, dass er in diesem Haus nicht rennen sollte.
Vain nahm zwei Stufen jeder Treppe nach oben auf einmal und holte mit zitternder Hand den Schlüssel zu seinem Zimmer hervor. Erst beim vierten Versuch traf er das Schlüsselloch.
Die Tür schwang geräuschlos auf. Die Sonne war inzwischen so tief gesunken, dass Vain das Licht einschalten musste, um etwas sehen zu können.
Die letzten Stunden kamen ihm vor wie eine Ewigkeit.
Das Licht flackerte einmal hell auf und nahm dann einen warmen, goldenen Ton an. Es sollte vermutlich den Eindruck von Geborgenheit vermitteln, aber diese Wirkung prallte an Vain erfolglos ab.
Etwas fehlte.
Vain blinzelte.
Das Zimmer sah aus, als hätte es nie jemand betreten. Und Vains Tasche war verschwunden.
»Was soll das heißen?«, fragte Vain die Dame im Foyer. Er hatte seine Fassung erstaunlich schnell zurückgewonnen, war aber wieder drauf und dran, sie zu verlieren, nachdem er um eine Erklärung gebeten hatte.
»Es tut mir sehr leid«, sagte die Frau und hielt seinem stechenden Blick mit Leichtigkeit stand. »Wir können daran nichts ändern. Wir haben Sie verlegen müssen, weil wir das Zimmer für einen spontanen Langzeitgast benötigen. Ihre Sachen wurden bereits abgeholt, erst vor wenigen Minuten.«
Es kam Vain beinahe unverschämt vor. Er massierte seine Stirn und wandte sich kurz ab, um durchzuatmen. »Und in welches Zimmer?«, fragte er dann.
Er hatte keine Zeit dafür. Wenn er sein Pech richtig einschätzte, war seine Tasche in das Nachbargebäude gebracht worden, möglichst weit weg von seinem jetzigen Standpunkt, sodass er lächerlich viel Zeit verlor. Er musste rechtzeitig am Hafen sein. Er war diese Art von Stress nicht mehr gewöhnt und sie trieb ihn in den Wahnsinn.
Die Frau faltete die Hände zusammen, wobei die Ringe an ihren Fingern leise gegeneinanderschlugen. Sie wählte ihre nächsten Worte hörbar mit Bedacht.
»Leider konnten wir in unserer Anlage kein Zimmer mehr für Sie finden«, sagte sie. »Es wurde entschieden, Sie in einem anderen Hotel unterzubringen. Es ist nicht weit von hier, keine Sorge.«
Das hatte er nun davon, dass er sich nicht im Voraus um ein Hotel gekümmert hatte.
Vain nahm die quadratische Karte, die die Frau ihm entgegen schob, und gab ihr seinen Zimmerschlüssel in die ausgestreckte Hand.
