Winterträume im Château - Vivien Gilland - E-Book

Winterträume im Château E-Book

Vivien Gilland

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Beschreibung

Stürmische Zeiten für die Liebe im Château Romantique

Anna soll als PR-Managerin das Château neu positionieren, doch ihre Probezeit wird durch den Besuch eines geheimnisvollen Hoteltesters gefährdet. Als zwei allein reisenden Männer, der charmante Finn und der zurückhaltende Julian, im Château Romantique eintreffen, stellt sich die Frage, wer von ihnen den Auftrag hat, das Hotel zu beurteilen. Während Anna versucht, professionell zu bleiben, fühlt sie sich zu beiden Männern hingezogen. Des Rätsels Lösung stellt ihre Gefühle auf eine harte Probe. Wird sie die richtige Entscheidung treffen - für ihre Karriere und für ihr Herz?

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Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch:

Anna soll als PR-Managerin das Château neu positionieren, doch ihre Probezeit wird durch den Besuch eines geheimnisvollen Hoteltesters gefährdet. Als zwei allein reisende Männer, der charmante Finn und der zurückhaltende Julian, im Château Romantique eintreffen, stellt sich die Frage, wer von ihnen den Auftrag hat, das Hotel zu beurteilen. Während Anna versucht, professionell zu bleiben, fühlt sie sich zu beiden Männern hingezogen. Des Rätsels Lösung stellt ihre Gefühle auf eine harte Probe. Wird sie die richtige Entscheidung treffen - für ihre Karriere und für ihr Herz?

Zur Autorin:

Vivien Gilland schreibt am liebsten Geschichten über lebensnahe Figuren, die einen Weg suchen, um ihre Träume zu verwirklichen. Im Mittelpunkt stehen dabei tiefe romantische Gefühle, mit denen sie ihre Charaktere für den Mut belohnt, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Wenn sie nicht gerade am Schreibtisch sitzt, streift sie mit ihrer Hündin Malia durch die Wälder oder quält ihre Schülerinnen und Schüler mit Tonleitern und italienischen Verben.

Lieferbare Titel der Autorin:

Winterzauber im Château

Vivien Gilland

Winterträume im Château

Roman

HarperCollins

Originalausgabe

© 2025 by HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von bürosüd, München

unter Verwendung von Shutterstock

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783749909414

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für alle, die sich an Weihnachten verloren fühlen. Du bist nicht allein.

»The truth is rarely pure and never simple.«

(Oscar Wilde)

Personenverzeichnis

Rosie und Hannes Stadler – besitzen das Château Romantique

Anna Seidel – PR-Managerin

Florence – Rosies Souschefin

Roane – Rezeptionistin

Milan – Stallbursche

Leni – Fitnesstrainerin und Masseurin

Tim – Page

Heidrun – Leiterin des Housekeeping

Michelle und Britta – Angestellte im Housekeeping

Sergio und Paul – Angestellte in der Wäscherei

Inga – Angestellte im Service

Max und Florian – Auszubildende im Service

Julian Morgner – Gast im Château Romantique

Finn Berger – Gast im Château Romantique

Marianne und Rolf Gruber – Gäste im Château Romantique

Francesca – Inhaberin einer Glasbläserei

Anja – Ballonpilotin

Sophie, Ben und Pia – Annas Geschwister

Richard Hohensee – Annas ehemaliger Vorgesetzter

Maxim Hohensee – Erbe des Hohensee-Hotelimperiums und Annas Ex-Freund

Klara Hohensee – Richards Frau

Marco – ein enger Vertrauter der Stadlers und ein guter Freund von Annas Bruder Ben

Livia – Marcos Partnerin

Nane – Marcos Schwester

Cleo – Nanes Partnerin

Maja – Nanes und Cleos Adoptivtochter

Minnie – Rosies und Hannes’ Berner Sennenhündin

Don Juan und Zorro – Hannes’ Pferde

1

Die triumphierende Fanfare meines Weckers kam mir nach der schlaflosen Nacht wie eine Erlösung vor. Seit Stunden lag ich reglos da und starrte an die Decke. Die Aussicht auf einen neuen Tag voller unbekannter Herausforderungen löste ein nervöses Kribbeln in meinem Magen aus.

»Aufgeben ist keine Option!«, wiederholte ich die Worte, die während der letzten Wochen zu meinem Mantra geworden waren. Sie hatten mich davon abgehalten, meine bis dahin recht vielversprechende Karriere in den Wind zu schießen und mir einen Aushilfsjob als Kellnerin, Briefträgerin oder Hundesitterin zu suchen. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass mein Leben sich innerhalb kürzester Zeit auf solch drastische Weise verändern würde. Dass ein einziger, noch dazu im Scherz geäußerter Satz ausreichte, mich alles infrage stellen zu lassen, was bis dahin als vermeintlich sichere Zukunft vor mir gelegen hatte.

Widerwillig schälte ich mich aus dem Bett, zog mir eine Strickjacke an und tapste über die warmen Holzdielen zum Fenster, um es weit aufzureißen. Die eisige Luft war im ersten Moment ein Schock und bescherte mir eine Gänsehaut. Der Wind wirbelte dicke Schneeflocken umher, die die umstehenden Tannen in unschuldiges Weiß hüllten. In der Ferne konnte ich die majestätische Bergkette erahnen, deren Umriss nahtlos mit dem nachtschwarzen Himmel verschmolz. Ich breitete die Arme aus und nahm einen tiefen Atemzug. An manchen Tagen fiel es mir immer noch schwer, zu glauben, dass ich dem Albtraum, in den ich mich selbst hineinmanövriert hatte, entkommen war. Statt in einem winzigen Apartment im Düsseldorfer Stadtteil Wersten lebte ich nun in einem Schloss an einem der abgelegensten und malerischsten Orte der Schweiz.

Das Klingeln meines Handys durchdrang die morgendliche Stille. Wer um alles in der Welt rief mich um diese Uhrzeit an? Mein Herzschlag beschleunigte sich bei dem Gedanken, dass meinen Eltern oder einem meiner Geschwister etwas passiert sein könnte. Eilig lief ich zum Nachttisch und griff nach meinem Smartphone. Der Name auf dem Display ließ mich aufatmen. Offenbar startete Marco, der Gründer und CEO des Unternehmens Visions and Dreams, noch früher in den Tag als ich.

»Guten Morgen, Marco. Ist das ein Kontrollanruf, um sicherzustellen, dass ich meinen neuen Job als PR-Managerin im Château Romantique auch ernst nehme?«, scherzte ich, wobei ein Hauch von Sorge in meiner Stimme mitschwang. Entschlossen drängte ich meine Paranoia zurück und erinnerte mich an meinen Vorsatz, nicht gleich vom Schlimmsten auszugehen. Sein unbeschwertes Lachen sorgte dafür, dass ich mich ein wenig entspannte.

»Das würde mir nicht im Traum einfallen, Anna.« Im Hintergrund hörte ich das Hupen mehrerer Autos. Anscheinend war Marco bereits auf dem Weg ins Büro. »Entschuldige bitte die frühe Störung. Ich wollte mich schon letzte Woche erkundigen, wie du zurechtkommst, doch sobald der Tag einmal angefangen hat, habe ich keine freie Minute mehr.«

»Ich bin noch dabei, mich einzuarbeiten und mir eine Strategie zurechtzulegen. Als Erstes werde ich eine Community aufbauen, um so viele Menschen wie möglich auf die Besonderheiten des Hotels aufmerksam zu machen.«

»Das klingt nach einem guten Ansatz.«

Trotz seines Lobs regten sich leise Zweifel in mir. Vertraute Marco mir wirklich? Oder hatte er mich nur empfohlen, weil mein Bruder ihn um einen Gefallen unter Freunden gebeten hatte?

»Ich kann mir vorstellen, dass dich die Sache mit den Hohensees noch beschäftigt.«

Dass ich wochenlang von einem Gefühl der Ausweglosigkeit beherrscht worden war und seitdem nachts keinen Schlaf fand, wäre die passendere Beschreibung für meine aktuelle Situation gewesen. Es war allgemein bekannt, dass Richard Hohensee, mein ehemaliger Chef und der Kopf eines weltweit agierenden Hotelunternehmens, skrupellos und manipulativ war. Dass er jedoch aus puren Rachegelüsten dafür sorgen würde, dass ich nirgendwo in der Hotelbranche mehr eine Anstellung fand, hatte ich nicht vorhersehen können.

»Jeder, der über ein gewisses Maß an Verstand verfügt, erkennt, dass seine Anschuldigungen und Verleumdungen haltlos sind. Allein die Projekte, an denen du beteiligt warst, bezeugen, dass du hervorragende Arbeit geleistet hast.«

»Und dennoch haben alle auf ihn gehört«, murmelte ich.

Als ich die Hohensees mit meinem Entschluss konfrontiert hatte, das Unternehmen zu verlassen, war mir nicht bewusst gewesen, welch weitreichende Folgen meine Entscheidung mit sich brachte. Hätte Marco sich nicht für mich eingesetzt, wäre meine Zukunft ruiniert gewesen.

Andererseits hätte es mich nicht überraschen dürfen, dass ein Narzisst wie Richard Hohensee es nicht so einfach hinnahm, dass eine kleine Angestellte seinen heiß geliebten Sohn und Erben des Hohensee-Hotelimperiums abservierte. Wie hätte ich auch ahnen sollen, dass er von unserer Beziehung wusste? Immerhin hatte Maxim alles getan, um unsere Verbindung vor seiner Familie und der feinen Düsseldorfer Gesellschaft geheim zu halten. Im Nachhinein fragte ich mich, wie ich so blind hatte sein können. Sein Verhalten mir gegenüber hatte mehr als deutlich gemacht, dass er niemals jemanden mit meinen bescheidenen familiären Wurzeln an seiner Seite akzeptieren würde.

»Wir können davon ausgehen, dass dein vorheriger Boss jedem gedroht hat, der dir einen Job anbieten wollte.«

»Man sollte eben Berufliches und Privates voneinander trennen. Glaub mir, diese Lektion habe ich auf bittere Weise gelernt.«

»Sei nicht so streng mit dir. Du hast dich in den Falschen verliebt. Das kann passieren.«

Laut der Klatschpresse zählte Maxim zu den begehrtesten Junggesellen Europas. Er war nicht nur gefährlich gut aussehend, sondern auch äußerst charmant, hochintelligent, aufmerksam und auf seine Art humorvoll. Erst wenn man ihn besser kennenlernte, offenbarte sich, dass er sein Ego damit puschte, andere kleinzuhalten und zu erniedrigen.

»Vielleicht wäre es schlauer gewesen, zuerst zu kündigen und mich dann von Maxim zu trennen«, sinnierte ich.

»Glaubst du wirklich, das hätte etwas geändert? Schlimmstenfalls hätte er dir das Leben noch länger zur Hölle gemacht, indem er dich dafür bestraft, dass du eigene Entscheidungen triffst und dich dadurch seinem Einfluss entziehst. Wenn du mich fragst, war ein klarer Cut genau das Richtige. Wie sagt man? Lieber ein Ende mit Schrecken …«

»Als ein Schrecken ohne Ende.« Ich seufzte. »Vermutlich hast du recht. Nachdem mir bewusst geworden war, dass er mich weder liebt noch als ebenbürtige Partnerin betrachtet, hätte ich es keinen Tag länger mit ihm ausgehalten.«

»Wer nicht sieht, was für ein wundervoller Mensch du bist, hat dich auch nicht verdient.«

Marcos Worte trieben mir Tränen in die Augen. Gerührt wischte ich mir mit dem Handrücken über die Wange. »Lieb von dir. Ich bin so dankbar, dass du die Stadlers überredet hast, mir einen Job zu geben.« Rosie und Hannes Stadler waren die Inhaber des Château Romantique und ehemalige Klienten von Marco, die seine Meinung sehr schätzten.

»Ich mag dich empfohlen haben, aber sie hätten dich nicht eingestellt, wenn sie nicht von dir und deinem Talent überzeugt gewesen wären.« Er hielt kurz inne, ehe er das Thema wechselte. »Es gibt noch einen weiteren Grund für meinen Anruf. Eigentlich nur eine Lappalie, doch ich dachte, du solltest Bescheid wissen.« Obwohl er sich um einen lockeren Tonfall bemühte, war ich sofort in Alarmbereitschaft. »Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen, dass ein Mitarbeiter von Adventure World bei euch einchecken wird, um die Location und das Angebot zu bewerten.«

Mein Puls schoss in die Höhe. »Soll das heißen, sie schicken einen Hoteltester zu uns?«

Adventure World war ein internationaler Reiseveranstalter, dessen Entscheidungen für oder gegen ein Hotel immensen Einfluss in der Branche hatten. Ein Zittern durchfuhr meinen Körper, das entweder von der arktischen Temperatur herrührte, die mittlerweile in meinem Zimmer herrschte, oder von der Schreckensnachricht, die Marco mir soeben mitgeteilt hatte.

Ich schloss das Fenster und begann, unruhig auf und ab zu laufen. Dann kam mir ein Gedanke, der mich abrupt stoppen ließ. »Glaubst du, die Hohensees stecken dahinter?«

»Das wäre möglich. Sollten sie diejenigen sein, die Adventure World auf das Château aufmerksam gemacht haben, hätten sie dir einen Gefallen getan. Denn wenn du es schaffst, diesen speziellen Gast von Rosies und Hannes’ Konzept zu überzeugen, ist das die beste Marketingkampagne, die du dir wünschen kannst.«

Es fiel mir schwer, seinen Optimismus zu teilen. Vielmehr kostete es mich einiges an Willensstärke, die Worst-Case-Szenarien zu vertreiben, die ich mir ausmalte, sollte das Urteil nicht positiv ausfallen. »Hast du eine Ahnung, wann er kommt?«

»Ich schätze, vor Weihnachten. Es wäre denkbar, dass der Ball als Höhepunkt des Jahres mit in die Bewertung einfließt. Sieh es als Chance, und mach dich nicht verrückt. Das Hotel läuft sehr gut, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand Rosies und Hannes’ herzlicher Gastfreundlichkeit etwas entgegenzusetzen hat. Die beiden haben sogar Livia davon überzeugt, dass Romantik und das Fest der Liebe ein Grund zur Freude und nicht zur Flucht sind.«

»Wie man hört, hast du auch deinen Teil dazu beigetragen.«

»Irgendjemand musste ihr doch beweisen, dass nicht alle Männer verlogene Egoisten sind.«

Ich schluckte und verbot mir, an meine gescheiterte Beziehung mit Maxim zu denken. Der Umzug in die Schweiz diente nicht nur dazu, mich wieder in die Lage zu versetzen, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern sollte auch ein Neuanfang sein. Aber dafür musste ich die Vergangenheit ein für alle Mal hinter mir lassen.

Nachdem wir das Telefonat beendet hatten, machte ich mich kurz frisch, band mir das blonde Haar zu einem hohen Zopf zusammen und legte dezentes Make-up auf in dem Versuch, meine Augenringe zu kaschieren. Dann zog ich meine roséfarbene Seidenbluse und den hellgrauen Hosenanzug mit den dazu passenden Pumps an. Rosie hatte mir angeboten, mich leger zu kleiden, doch ich fühlte mich in meinem gewohnten Business-Outfit selbstsicherer. Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel, bevor ich mir mein Handy schnappte und die Hintertreppe ins Erdgeschoss nahm. Der köstliche Duft von gemahlenen Kaffeebohnen und frisch gebackenem Brot wehte mir entgegen, vermochte jedoch den festen Knoten in meiner Magengegend nicht zu lockern.

In der Küche herrschte bereits fleißige Betriebsamkeit. Rosie, die nicht nur Hotelière war, sondern auch die Leitung des Restaurants innehatte, rollte mit Schokolade belegte Teigstücke zu kleinen Gipfeli, wie die Hörnchen in der Schweiz genannt wurden. Florence, ihre Souschefin, die aus Paris stammte und mit ihren kreativen Ideen eine große Bereicherung darstellte, warf mit einer lockeren Bewegung aus dem Handgelenk einen Pfannkuchen in die Höhe. Ich hielt den Atem an, während er durch die Luft segelte, und rührte mich erst, als er mit einem satten Klatschen wieder in der Pfanne landete.

»Bonjour, Anna«, begrüßte sie mich. »Mon dieu! Du siehst noch blasser aus als sonst. Hast du schlecht geschlafen?«

Besorgt sah Rosie von ihrem Blech auf und unterzog mich ebenfalls einer kritischen Musterung.

»Bestimmt ist ihr ein Geist begegnet. Jedes Hotel, das etwas auf sich hält, braucht mindestens eine herumirrende Seele, die keine Ruhe findet.«

»So ein Unsinn!«, tadelte Rosie ihre Mitarbeiterin mit gespielter Strenge, deren Wirkung vom leichten Zucken ihrer Mundwinkel abgeschwächt wurde. »Setz dich erst mal, Liebes. Ich koche dir einen Tee aus meiner speziellen Kräutermischung, der wird dir guttun.«

Während Rosie Wasser erhitzte, nahm ich auf der gepolsterten Eckbank Platz und überlegte, wie ich das Thema am besten zur Sprache brachte. Es war erst ein Jahr her, dass die Stadlers kurz vor dem Konkurs gestanden hatten. Dank Marco, dessen Idee es gewesen war, die familienfreundliche Pension in ein exklusives Romantikhotel umzuwandeln, schrieb das Château seit Januar wieder schwarze Zahlen. Gemeinsam mit Livia, der besten Freundin seiner Schwester, hatte er verschiedene Eventpakete zusammengestellt, die speziell auf verliebte Paare zugeschnitten waren und je nach Anlass und Saison wechselten. Der Weihnachtsball stellte den Höhepunkt dar und wurde von Gästen aus der ganzen Welt besucht. Wenn man den Gerüchten Glauben schenkte, war jener Ball dafür verantwortlich, dass Livia und Marco, die sich zu Beginn nicht ausstehen konnten, letztendlich zusammengefunden hatten. Doch das war eine andere Geschichte.

Ich legte meine Hände um den dampfenden Becher, den Rosie vor mich auf den Tisch gestellt hatte, und war erstaunt, dass sie sich nicht wieder den Gipfeli zuwandte, sondern sich zu mir setzte. Offenbar gelang es ihr, die Tatsache, dass sie ein Haus voller Gäste hatte, die in einer knappen Stunde ein reichhaltiges Frühstücksbuffet erwarteten, für den Moment auszublenden. Ihre warmherzige Art war einer der Gründe, warum ich mich im Château so schnell eingelebt hatte. Auch Florence, die wie ich Ende zwanzig war, hatte mit ihrer Direktheit und ihrem lebhaften Temperament dafür gesorgt, dass ich mich willkommen fühlte.

»Willst du uns erzählen, was dich bedrückt?«, ermutigte Rosie mich.

»Bestimmt nichts, was ein leckeres Bircher Müsli oder ein fluffiger Pfannkuchen mit Himbeeren und einem Hauch Vanille nicht aus der Welt schaffen kann«, mischte Florence sich ein. Sie war ebenso wie Rosie eine ausgezeichnete Köchin, die für ihre Passion brannte und sich ständig neue Rezepte ausdachte, mit denen sie die Gäste in Entzücken versetzte.

»Marco hat mich eben angerufen und mir erzählt …«, ich hielt inne und atmete tief ein, um mich für den Sturm zu wappnen, der sicher gleich über mich hereinbrechen würde, »dass Adventure World uns einen Hoteltester schickt.« Am liebsten hätte ich die Augen geschlossen, um nicht mit ansehen zu müssen, wie das freundliche Lächeln auf Rosies Lippen erstarb. Doch anstatt in Panik zu verfallen, legte sie mir eine Hand auf die Schulter und bedachte mich mit einem mitfühlenden Blick.

»Und deswegen machst du dir Sorgen?«

»Sollte ich etwa nicht?« Ich hörte selbst den hysterischen Klang in meiner Stimme. Rosie arbeitete lange genug in der Hotelbranche, um sich des Einflusses von besagtem Reiseveranstalter bewusst zu sein.

»Natürlich nicht. Er muss nur einen Bissen von meinem Bœuf Bourguignon probieren, um alle Hotels, die er in seinem bisherigen Leben bewertet hat, zu vergessen.«

Perplex starrte ich Florence an und wünschte mir, einen Bruchteil ihres Selbstbewusstseins zu haben. »Deine Kochkünste in allen Ehren, aber ich würde mich wohler fühlen, wenn wir einen konkreten Plan hätten. Wir könnten zusätzliche Events organisieren oder eine bekanntere Band für den Ball buchen. Hat das Streichquartett eigentlich zugesagt, das während des Begrüßungscocktails spielen soll? Und habt ihr euch schon entschieden, ob ihr dieses Jahr das Weihnachtsmenü selbst übernehmen wollt? Marco meinte, er hätte letztes Mal einen Cateringservice engagiert.«

»Anna«, unterbrach Rosie mich in ungewohnt ernstem Tonfall. »Wir werden nichts dergleichen tun, sondern darauf vertrauen, dass unser Konzept funktioniert.«

»Aber …«

»Livia und Marco haben sich die einzelnen Angebote nicht nur sehr gut überlegt, sie haben sie auch selbst getestet, und die positiven Reaktionen unserer Gäste sprechen für sich. Natürlich steht es dir als PR-Managerin frei, das Programm in deinem Ermessen anzupassen oder zu erweitern, doch wenn du das tust, dann bitte aus den richtigen Gründen und nicht aus einer irrationalen Angst heraus.«

Ich schluckte, da ich wusste, dass sie recht hatte. Als ich die Stelle vor wenigen Wochen angetreten hatte, war ich überrascht gewesen von der Vielfalt der verschiedenen Ausflüge und Events, die man buchen konnte. Alles war genau durchdacht, trotzdem fiel es mir schwer, mich zurückzulehnen und einfach abzuwarten.

»Es könnte sein, dass die Hohensees das Ganze initiiert haben«, gab ich kleinlaut zu und wagte nicht, Rosie in die Augen zu sehen.

Florence stieß einen französischen Fluch aus, von denen sie ein unbegrenztes Repertoire hatte, um ihrer Empörung Luft zu machen.

»Wenn wir uns von ihrem Machtgehabe beeindrucken ließen, hätten wir dich gar nicht erst eingestellt«, erklärte Rosie ungerührt und machte sich wieder an die Zubereitung der Gipfeli.

»Ich wäre zu gern dabei gewesen, als du sie vor vollendete Tatsachen gestellt hast.« Florence stapelte die Pfannkuchen auf einem Teller und stellte sie zum Warmhalten in den Ofen.

»Den Wutanfall meines Chefs hat wahrscheinlich das ganze Hotel mitbekommen.«

»Du musst mir unbedingt erzählen, warum du den heiß begehrten Hotelerben verlassen hast.« Anstatt sich weiter um das Frühstück zu kümmern, lehnte sich Florence gegen die Arbeitsplatte und blickte mich erwartungsvoll an.

Kurz bereute ich, ihr in einer schwachen Minute von meiner Affäre mit Maxim erzählt zu haben. Als Rosie mir aufmunternd zunickte, stieß ich ein Seufzen aus und rief mir jenen schicksalhaften Abend in Erinnerung.

»Wir hatten an dem Tag ein Meeting, bei dem die gesamte Chefetage anwesend war, weil über das Budget für eine weltweite Werbekampagne in Kooperation mit einer bekannten Bademodendesignerin entschieden wurde. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als seine Eltern einen Vorschlag von mir zum ersten Mal nicht direkt abgelehnt haben. Maxim meinte daraufhin, dass ich gute Aufstiegschancen hätte, solange ich bei ihm bliebe und mich von ihm leiten ließe. Zuerst war ich sprachlos, da ich mir meine Stellung im Unternehmen aus eigener Kraft erarbeitet hatte. Als ich ihn darauf hingewiesen habe, hat er mich auf diese spezielle Art angesehen, als wäre ich ein Kind, das noch nicht verstanden hat, wie die Welt funktioniert. Er hat mir einen Arm um die Schulter gelegt und gesagt, dass wir beide wüssten, dass ich ohne ihn gnadenlos untergehen würde. Es sollte ein Scherz sein, trotzdem hat es mich unfassbar geärgert, dass er so wenig von mir hielt und nicht gemerkt hat, wie sehr mich seine Sprüche verletzen.« Ich nahm einen Schluck von meinem Tee und spürte der wohltuenden Wärme nach, die ein bisschen half, die Enge in meiner Brust zu lösen. »Da begriff ich, dass ich nicht länger mit jemandem zusammen sein wollte, der mir immer wieder das Gefühl gibt, nicht gut genug zu sein. Also habe ich ihm gesagt, dass er sich irrt und ich ihm beweisen werde, dass ich es auch ohne ihn schaffe – beruflich und privat. Er hat mir nicht geglaubt. Erst als ich seinem Vater am nächsten Tag meine Kündigung vorgelegt habe, hat er verstanden, dass ich es ernst meine und es mit uns endgültig vorbei ist.«

»So ein aufgeblasener Gockel!«, echauffierte sich Florence. »An deiner Stelle hätte ich auch meine Koffer gepackt.«

»Du hättest dich gar nicht erst auf ihn eingelassen.«

»Sag das nicht. Er ist reich und attraktiv. Da kann man schon in Versuchung geraten. Wenn er dann auch noch gut im Bett ist …«

Verlegen hüllte ich mich in Schweigen. Es war eine Sache, ihr in Gegenwart meiner neuen Chefin zu erzählen, wie es zu der Trennung gekommen war, zumal wir davon ausgehen mussten, dass die neusten Entwicklungen auf dieses Ereignis zurückzuführen waren. Aber das bedeutete nicht, dass ich bereit war, auch mein Intimleben zu offenbaren.

»Apropos attraktive Männer«, fuhr Florence fort, »vielleicht ist der Hoteltester ebenfalls jung und gut aussehend. Dann könnte ich ihn nicht nur mit meinem unwiderstehlichen Essen von den Vorzügen des Châteaus überzeugen …«

»Das wirst du schön bleiben lassen«, ermahnte Rosie sie und hatte erneut Mühe, streng zu klingen. »Du würdest dem armen Kerl derart den Kopf verdrehen, dass er am Ende nicht mehr in der Lage wäre, seinen Bericht zu schreiben.«

»Dann muss sich eben Anna um ihn kümmern.« Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu.

»Oh nein! Ich brauche erst einmal etwas Abstand von der Männerwelt.«

»Berühmte letzte Worte.«

Rosie schob das Blech in den Ofen, ehe sie sich uns zuwandte. »Ich bin überzeugt, dass Marco es mit seiner Warnung gut gemeint hat, aber in diesem Haus werden alle Gäste gleich behandelt. Egal, ob sie die teuerste Suite oder das einfachste Zimmer gebucht haben. Und daran wird auch die Ankunft eines potenziellen Hoteltesters nichts ändern. Haben wir uns verstanden?«

Ich nickte, obwohl es mich in den Fingern juckte, etwas zu unternehmen, um die nahende Bedrohung einzudämmen.

2

Um meine Social-Media-Kampagne ins Rollen zu bringen, besuchte ich die einzelnen Abteilungen im Hotel. Ich wollte unserer Community zeigen, wer hinter den Kulissen für einen reibungslosen Ablauf und das Wohlbefinden unserer Gäste sorgte.

Sergio, ein junger Italiener, der in der Wäscherei beschäftigt war, begeisterte sich direkt für mein Vorhaben und erzählte mir, dass er für sein Leben gern tanzte. Zusammen mit Paul, seinem Schweizer Kollegen, der schon längst im Ruhestand sein müsste, sich aber weigerte, seine geliebte Arbeit aufzugeben, hatte er kleine Choreografien zu aktuellen Charthits eingeübt, während sich die Wäsche in der Trommel drehte. Obwohl Pauls Beweglichkeit etwas eingeschränkt war, machte sein leidenschaftlicher Einsatz das mehr als wett. Die beiden waren ein absolutes Dreamteam. Ich war mir sicher, dass nicht nur Sergios unwiderstehliches Lächeln, sondern auch Pauls Hüftschwung für einigen Wirbel auf Social Media sorgen würden.

Leni, die als Trainerin im Fitnessbereich arbeitete, erklärte sich ebenfalls bereit, verschiedene Übungen zu zeigen und hilfreiche Tipps zu geben, wie man den Urlaub dafür nutzen konnte, seine körperliche Konstitution zu verbessern.

Als ich das Foyer betrat, traf ich auf Roane, die gerade herzlich ein Paar verabschiedete, das offenbar schon häufiger im Château Urlaub gemacht hatte. Ich wartete, bis wir allein waren, ehe ich mein Anliegen vorbrachte.

»Ich weiß nicht, Anna. Eigentlich bin ich nicht der Typ, der sich vor die Kamera stellt und locker drauflosplaudert. Das wäre eher was für Michelle aus dem Housekeeping. Sie liebt es, im Mittelpunkt zu stehen, und schwingt bestimmt gern den Staubwedel – solange ein Scheinwerfer auf sie gerichtet ist.«

»Und wenn ich dich bei deiner Arbeit filme und selbst das Reden übernehme? Es geht mir darum, dass potenzielle Gäste die Möglichkeit haben, dich bereits vor ihrer Anreise kennenzulernen. Schließlich bist du diejenige, die sie beim Einchecken in Empfang nimmt. Solltest du dich damit nicht wohlfühlen, kann ich auch Rosie fragen. Den Videos auf der Homepage nach zu urteilen, scheint sie keine Berührungsängste mit der Kamera zu haben.«

»Ich werde es mir überlegen.«

Zufrieden wollte ich mich auf die Suche nach Michelle machen, als mir ein Gedanke kam. »Sag mal, Roane, wie sehen die Buchungen für die nächsten Wochen aus? Erwarten wir viele neue Gäste?«

»Dein Interesse hat nicht zufällig etwas mit dem Hoteltester zu tun, der das Château beurteilen soll?«

Ich unterdrückte einen Fluch, denn Roanes Frage machte deutlich, dass es in einem Hotel keine Geheimnisse gab. »Woher weißt du davon?«, erkundigte ich mich möglichst beiläufig.

»Florence hat mir vorhin eines ihrer köstlichen Eclairs vorbeigebracht und bei der Gelegenheit erzählt, dass jemand von Adventure World zu uns kommt.«

»Hat sie dabei eventuell auch erwähnt, dass es von Vorteil wäre, wenn nicht das ganze Personal darüber Bescheid wüsste?«

Irritiert schob Roane die Brauen zusammen. »Nein, sonst hätte ich es nicht Heidrun weitergesagt.«

Mir entwich ein Stöhnen. Heidrun hatte die Leitung des Housekeepings inne und sorgte innerhalb von Minuten dafür, dass sich Neuigkeiten im ganzen Team herumsprachen. Andererseits konnte es nicht schaden, wenn alle gewarnt waren.

»Ich habe mir die Reservierungen direkt angesehen. Es gibt einige Paare, die noch vor Weihnachten eintreffen, und zwei allein reisende Herren, die sich fürs Wochenende angekündigt haben. Eine Buchung ist besonders auffällig.« Sie drehte den Bildschirm in meine Richtung. »Ein gewisser Julian Morgner hat die Flitterwochensuite für zwei Personen gebucht. Vor drei Tagen hat er uns mitgeteilt, dass seine Begleitung abgesprungen ist. Ziemlich verdächtig, findest du nicht?«

»Vielleicht ist sie krank geworden.«

»Hätte er dann nicht eher versucht, umzubuchen?«

»Stimmt. Aber gleich die teuerste Suite? Meinst du, ein Hoteltester hat ein so großzügiges Budget?«

»Wir reden hier von Adventure World und nicht von irgendeinem kleinen Reiseveranstalter.« Roane strich sich mit einer Hand die überlangen Ponyfransen aus der Stirn. »Für ihn spricht ebenfalls, dass er das Forever-in-Love-Paket gebucht hat, das zwölf flexibel kombinierbare Events beinhaltet. Wer außer einem Hoteltester macht freiwillig alleine romantische Ausflüge, die für zwei Personen gedacht sind?«

»Das ist in der Tat merkwürdig«, stimmte ich zu. »Was ist mit dem anderen Gast?«

»Finn Berger, er hat vor zehn Tagen eins der schlichteren Zimmer im dritten Stock reserviert.«

»Was darauf hindeuten könnte, dass er herausfinden will, wie wir Gäste behandeln, die sich für die günstigste Zimmerkategorie entscheiden. Hat er sich schon für Events angemeldet?«

Roane rief die Buchung auf und schüttelte den Kopf.

»Es könnte auch sein, dass er wegen der Wintersportmöglichkeiten ins Wallis kommt und nur bei uns gelandet ist, weil in Zermatt nichts mehr frei war«, überlegte ich.

»Oder er wählt spontan eines unserer Angebote aus und überprüft dabei, wie flexibel wir sind. Allerdings reist er im Gegensatz zu Julian Morgner bereits vor dem Weihnachtsball wieder ab.«

»Die ganze Aktion muss recht kurzfristig entschieden worden sein, und wir sind seit Monaten über die Feiertage ausgebucht. Im Falle von Julian Morgner würde das bedeuten, dass er vier Wochen eingeplant hat, um sich ein Urteil zu bilden. Das kommt mir extrem lang vor«, gab ich zu bedenken.

»Vielleicht hat er noch Resturlaub. Oder er muss die Zeit bis zu seinem nächsten Auftrag überbrücken.«

»Würde er dann nicht zu seiner Familie fahren?« Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass jemand es vorzog, Weihnachten allein in einem Hotel zu verbringen.

»Wenn sie so anstrengend ist wie meine, ganz sicher nicht.«

Unschlüssig kaute ich auf meiner Unterlippe herum, musste jedoch zugeben, dass Roanes Argumentation plausibel war. »Kannst du mir sagen, wann er reserviert hat?«

»Einen Moment.« Ihre Finger flogen über die Tastatur. »Vor drei Wochen. Er hatte Glück, dass ein anderes Paar kurzfristig storniert hat.«

»Das könnte zeitlich ebenfalls passen.« Ich seufzte und musste einsehen, dass wir auf diese Weise nicht weiterkamen. »Am besten behalten wir beide im Auge und sorgen dafür, dass es ihnen an nichts fehlt.«

»Und was ist mit Rosies und Hannes’ Leitsatz, dass wir alle Gäste gleich behandeln sollen?«

Ich setzte mein überzeugendstes Lächeln auf. »Das tun wir doch. Nur bei den beiden wachsen wir eben noch ein kleines bisschen über uns hinaus, was Freundlichkeit und Entgegenkommen angeht. Es soll schließlich niemand seinen Job verlieren.«

Roane nickte eifrig, woraufhin mich ein Anflug von schlechtem Gewissen beschlich. Es war nicht fair, sie mit meinen Sorgen zu belasten. Denn wenn man die Sache ehrlich betrachtete, war es vor allem mein Hals, der in der Schlinge steckte. Sollte das Hotel vor Ablauf meiner Probezeit negativ beurteilt werden, konnte ich davon ausgehen, dass meine Tage gezählt waren.

»Noch ein Stück nach rechts. So ist es gut«, rief ich Michelle und Britta zu, die eine weitere Tannengirlande im Foyer aufhängten, während ich rot blühende Weihnachtssterne, deren Blätter mit Goldspray verziert waren, auf den Beistelltischen verteilte. Cremefarbene LED-Kerzen, die täuschend echt aussahen, sorgten zusätzlich zum flackernden Kaminfeuer für eine festliche Stimmung.

Trotz Rosies Anweisung, alles beim Alten zu belassen, hatte ich vorgeschlagen, die täglich wechselnden Menüs auf Büttenpapier zu drucken und das Team statt der üblichen weiß-grauen Uniform elegantes Schwarz tragen zu lassen.

Ich wollte gerade den Trockenblumenstrauß durch ein üppiges Rosenbouquet ersetzen, als Florence sich mit in die Hüfte gestemmten Händen vor mir aufbaute.

»Würdest du mir bitte erklären, warum du unser schönes Hotel in eine überladene Weihnachtshöhle verwandelst?«

»Findest du es übertrieben?« Ich sah mich um und versuchte, mein Werk möglichst objektiv zu betrachten.

»Noch eine Lichterkette mehr und du bringst das Stromnetz im gesamten Wallis zum Erliegen.«

Stöhnend ließ ich mich in einen der Sessel sinken, die so bequem waren, dass ich fürchtete, nie wieder freiwillig aufzustehen. Florence ging vor mir in die Hocke und legte ihre Hände auf meine Knie.

»Was ist denn los mit dir?«

»Ich will doch nur, dass der Hoteltester einen guten ersten Eindruck bekommt.«

»Indem du dafür sorgst, dass der Duft der Blumengestecke ihn in eine Ohnmacht treibt?«

Ich schnupperte und musste mir wider Willen eingestehen, dass der Geruch nach Rosen, Tannenzweigen und frisch gebackenen Vanillekipferln zusammen mit dem weihnachtlichen Raumspray, den ich unter Heidruns geheimen Vorräten entdeckt hatte, vielleicht eine Spur zu intensiv war.

Roane, die an der Rezeption Dienst hatte, räusperte sich und deutete mit einer dezenten Kopfbewegung zum Vorplatz, wo gerade der hoteleigene SUV vorfuhr. Hannes saß selbst am Steuer, da er es sich nicht nehmen ließ, die Gäste persönlich vom Bahnhof abzuholen. Er schaltete den Motor aus und beeilte sich, den Wagen zu umrunden, um die hintere Tür zu öffnen. Ein junger Mann stieg aus und schaute sich interessiert um. Mein Puls schoss in die Höhe. Ich begutachtete ein letztes Mal die Dekoration, bevor ich Michelle und Britta ein Zeichen gab, dass ich ihre Hilfe nicht länger benötigte. Dann griff ich nach Florence’ Arm und zog sie zum Sessel neben mir.

»He, was soll das?«

»Er kommt!«, zischte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, drückte ihr meinen Teebecher in die Hand und schnappte mir ein Buch von einem der Beistelltische.

»Wer?« Sie machte Anstalten, sich umzudrehen, was ich durch einen ermahnenden Blick in ihre Richtung gerade noch verhindern konnte.

In diesem Moment öffnete Tim, unser Page, die doppelflügelige Eingangstür, wo Roane bereitstand, um den Neuankömmling zu empfangen. Er trug eine schwarze Hornbrille, die beim Hereinkommen beschlug, sodass er sie abnahm. Nach einer herzlichen Begrüßung erkundigte sie sich nach seiner Anreise und geleitete ihn zur Rezeption, um die Formalitäten zu erledigen. Er war groß gewachsen und hatte dunkelblondes Haar, in dem sich auf dem kurzen Weg vom Auto zum Hotel einzelne Schneeflocken verfangen hatten. Der klassisch geschnittene Mantel aus schwarzer Wolle sah teuer aus, ebenso wie die gefütterten Wildlederboots, die unter seiner dunkelgrauen Hose hervorlugten. Als er Florence und mich in den hohen Ohrensesseln entdeckte, setzte er seine Brille wieder auf und nickte uns freundlich zu. Atemlos beobachtete ich, wie sein Blick durch den großzügig geschnittenen Raum schweifte, wobei sich zwischen seinen ausdrucksstarken Augenbrauen eine kleine Falte bildete. Oh nein! Erstellte er im Geiste bereits eine Liste mit Mängeln, die ihm ins Auge stachen?

Du musst dir keine Sorgen machen. Es ist alles perfekt vorbereitet, redete ich mir gut zu. Das Feuer im Kamin prasselte munter vor sich hin, das Licht war gedimmt, jedoch hell genug, um einladend zu wirken, und die Musik erfüllte in einer angenehmen Lautstärke den Raum, sodass man sich mühelos unterhalten konnte.

Nachdem Roane ihm den Zimmerschlüssel überreicht und Tim das Gepäck übernommen hatte, ging er auf den Fahrstuhl zu. Hektisch schlug ich das Buch auf und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass der Text auf dem Kopf stand. Schnell drehte ich es um und überflog den unteren Absatz, als Florence’ Schuhspitze gegen mein Bein tippte. Erschrocken hob ich den Blick und begegnete einem Paar grüngrauer Augen.

»Interessante Lektüre?«, fragte er und betrachtete mich neugierig.

Ich nickte, da ich meiner Stimme nicht traute.

»Es geht doch nichts über ein spannendes Buch. Das Château soll über eine gut ausgestattete Bibliothek verfügen.«

»Das stimmt«, sprang Florence für mich ein. »Sie befindet sich gleich im ersten Stock und bietet nicht nur eine breit gefächerte Auswahl an Literatur, sondern auch eine atemberaubende Aussicht auf die umliegenden Berge, falls man einen ruhigen Ort sucht, um seinen Gedanken nachzuhängen.«

Ein leises Pling kündigte die Ankunft des Fahrstuhls an. Tim lief voran und schob den Gepäckwagen in die Kabine. Unser Gast folgte ihm, wandte sich dann jedoch noch einmal zu mir um.

»Darf ich fragen, was Sie lesen?«

Da ich keine Ahnung hatte, wie der Titel des Buchs lautete, nach dem ich spontan gegriffen hatte, musste ich improvisieren. »Stolz und Vorurteil.«

Ein amüsiertes Funkeln trat in seine Augen, das ich mir nicht erklären konnte. Erst nachdem ich hundertprozentig sicher war, dass sich die Türen geschlossen hatten, sprang ich auf. Ich wollte das Buch gerade zurücklegen, als mir die fettgedruckte Kapitelüberschrift auffiel: Wem die düstere Stunde schlägt. Na großartig! Er hatte bestimmt genau gesehen, dass es sich keineswegs um den Klassiker von Jane Austen handelte, was seine Belustigung erklären würde. Sei’s drum. Dann hielt er mich eben für eine überspannte Gästin, die vorgab, eine Vorliebe für gehobene Literatur zu haben.

»Lief doch ganz gut, oder?«, fragte Roane von der Rezeption aus und schien sichtlich erleichtert zu sein.

»Würdet ihr mir liebenswürdigerweise verraten, warum ihr euch so seltsam benehmt?«, forderte Florence ungeduldig.

Roane und ich wechselten einen stummen Blick.

»Wir haben die Reservierungen gecheckt und sind zu dem Schluss gekommen, dass nur Julian Morgner, der Typ, der eben eingecheckt hat und nebenbei bemerkt aussieht wie der junge Brad Pitt, oder Finn Berger der Hoteltester sein können«, erklärte Roane.

»Und das glaubt ihr, weil …?«

»Weil sie die einzigen allein reisenden Gäste sind, die vor Weihnachten eintreffen«, weihte ich Florence in unsere Überlegungen ein.

»Habt ihr schon mal daran gedacht, dass der Hoteltester auch eine Frau sein könnte? Oder jemand, der in Begleitung anreist, um weniger aufzufallen?«

Erschrocken zuckte ich zusammen, da mir diese Möglichkeit nicht in den Sinn gekommen war.

»Wer auch immer es sein mag«, fuhr Florence fort, »ich glaube, es ist besser, wenn wir uns bedeckt halten, so wie Rosie es uns geraten hat. Sollte die betreffende Person merken, dass wir vorgewarnt waren, könnte sich das am Ende ungünstig auf die Beurteilung auswirken.« Sie schnappte sich einen der Weihnachtssterne und drückte ihn mir in die Hand. »Schaff den hier weg, bevor Rosie kommt und sich fragt, wieso der Eingangsbereich aussieht, als wäre man in einem Blumenladen gelandet.«

Zerknirscht verzog ich mich in mein Büro und stellte die Pflanze auf die vielen losen Zettel, die meinen Schreibtisch bedeckten. Ich hatte mir einige Ideen notiert, die darauf warteten, nach Dringlichkeit sortiert in eine Tabelle eingetragen und anschließend umgesetzt zu werden. Am besten machte ich mich direkt an die Arbeit.

Während der Rechner hochfuhr, war ich meinen Gedanken hilflos ausgeliefert. Hatte ich es mit der Dekoration übertrieben? Hätte ich mich Julian Morgner gegenüber begeisterter zeigen müssen, als er sich nach der Bibliothek erkundigte? War ihm aufgefallen, dass ich ihn angeschwindelt hatte? Zum Glück hatte Florence die Situation gerettet. Vermutlich war es tatsächlich das Beste, wenn ich die Füße stillhielt und mich nicht weiter einmischte, sondern darauf vertraute, dass unser Team, das hervorragend eingespielt war, sich um die Gäste kümmerte. Dank Heidrun wussten zumindest alle, dass wir einen Hoteltester erwarteten, sodass das Personal den Gästen noch mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen würde als sonst. Bestimmt machte ich mir vollkommen unnötig Sorgen. Ich beschloss, meinen Vorsatz, optimistisch in die Zukunft zu blicken, endlich in die Tat umzusetzen, und klickte mit neuer Motivation auf den Ordner mit den Excel-Tabellen.

Beim Abendessen, das ich mit einigen der anderen Angestellten im weihnachtlich geschmückten Aufenthaltsraum einnahm, gab es nur ein Thema: die Ankunft des potenziellen Hoteltesters. Es schien sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen zu haben, dass Roane und ich Julian Morgner und Finn Berger im Verdacht hatten. Es wurde wild spekuliert, und ich war froh, als Inga, die im Service arbeitete, das Thema wechselte.

»Das Ehepaar Gruber hat heute Mittag im Restaurant an einem meiner Tische gesessen. Fünf Gänge in absolutem Schweigen. Offenbar haben sie sich nichts mehr zu sagen, und so wie sie sich ansehen oder vielmehr aneinander vorbeischauen, scheint ihre Ehe am Ende zu sein.«

Die romantischen Erlebnisse, die man bei uns buchen konnte, richteten sich an Menschen aller Altersgruppen. Wie Marco mir erklärt hatte, ging es bei seinem Konzept nicht nur darum, den Frischverliebten eine unvergessliche Zeit zu ermöglichen, sondern auch Paare zu unterstützen, die in einer Krise steckten.

Nachdem wir eine Weile zusammen überlegt hatten, wie man den Grubers helfen konnte, zog ich mich in mein Büro zurück, um noch ein bisschen zu arbeiten.

Um kurz vor neun fuhr ich den Laptop herunter und beschloss spontan, eine Runde schwimmen zu gehen. Ich schnappte mir die Tasche mit meinen Badesachen, die immer griffbereit neben dem Schreibtisch stand. Denn auch wenn der Wellnessbereich lediglich eine Aufzugfahrt entfernt war, wusste ich, wie schwer es mir fiel, mich zu motivieren, wenn ich erst einmal in meinem Zimmer war und dem Verlangen nachgab, mich nur ganz kurz auf die Couch zu setzen. Sobald ich es mir erst einmal bequem gemacht hatte, tippte mein Finger aus Versehen auf die Fernbedienung, sodass der Abend schließlich mit Netflix und einer Tüte Chips anstatt mit einer Sporteinheit ausklang. Zum Glück hatte ich die schlanke Statur meines Vaters geerbt, doch in Kombination mit den süßen Backwaren und köstlichen Desserts, mit denen Rosie und Florence uns verwöhnten, sollte ich es dennoch nicht übertreiben.

Da der Pool um diese Zeit für die Gäste bereits geschlossen war, musste ich an der Tür einen Code eingeben. Ich machte mir nicht die Mühe, die Umkleideräume aufzusuchen. Stattdessen ging ich hinter einer großblättrigen Pflanze in Deckung, damit ich von der Panoramaterrasse aus nicht gesehen werden konnte, und zog meinen Bikini an. Der Geruch von Chlor kitzelte in meiner Nase und erfüllte mich mit Vorfreude. Barfuß tapste ich zum Becken. Die Wasseroberfläche lag ruhig vor mir. Mit einem beherzten Kopfsprung tauchte ich hinein. Ich spürte, wie sich meine Muskeln entspannten, als ich schwerelos durchs Wasser glitt. Bevor ich das gegenüberliegende Ende erreichte, öffnete ich die Augen und zuckte erschrocken zusammen. Direkt unter mir schwamm ein Mann in Rückenlage, der auch noch die Frechheit besaß, mir fröhlich zu winken. Prustend hob ich den Kopf aus dem Wasser und suchte mit einer Hand am Beckenrand Halt. Mein Herz hämmerte wild gegen meine Rippen. Kurz darauf durchbrach ein dunkler Haarschopf die Wasseroberfläche. Der Typ öffnete den Mund und schnappte gierig nach Luft.

»Was zur Hölle?«, entfuhr es mir.

Statt mir zu antworten, warf er einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Vier Minuten siebenunddreißig – gar nicht übel.«

»Könnten Sie bitte die Freundlichkeit haben, mir zu verraten, was Sie hier tun?« Immer noch vollkommen perplex, beobachtete ich, wie er eine große schwarze Flosse aus dem Wasser zog und am Beckenrand ablegte.

»Wonach sieht es denn aus?«, hielt er dagegen und strich sich das schulterlange Haar zurück. Wenn die Situation nicht so bizarr gewesen wäre, hätte ich ihn für seine lässige Art bewundern können.

»Sie waren in Ihrem früheren Leben ein Fisch und geben nun Ihr Bestes, um bald wieder ins Meer zurückzukehren?«

Sein Lachen war tief und warm und sorgte dafür, dass ich mich ein wenig entspannte.

»Das kommt der Wahrheit ziemlich nahe.«

»Es erklärt jedoch nicht, wie Sie hereingekommen sind. Der Pool ist ab 21 Uhr für Gäste geschlossen.«

»Eine zuvorkommende junge Dame hat mir die Tür geöffnet, nachdem ich ihr gesagt habe, dass der Ruf des Ozeans mich hergelockt hat.« Das jungenhafte Lächeln, das seine Lippen umspielte, ließ keinen Zweifel daran, dass er Regeln nicht allzu ernst nahm. »Und was ist Ihre Ausrede? Lassen Sie mich raten! Sie sind in Wirklichkeit eine Meerjungfrau, die die Neugier unter die Menschen getrieben hat.« Passend zu seiner Bemerkung kam der Mond hinter einer Wolke hervor und tauchte das Becken in silbriges Licht.

»Das klingt auf jeden Fall spannender als eine überarbeitete PR-Managerin, die ihren Feierabend nutzt, um ihrem Rücken etwas Gutes zu tun.« Obwohl ich es normalerweise vermied, mit Gästen zu flirten, löste seine neckende Art ein wohliges Kribbeln in mir aus, das ich schon viel zu lange nicht mehr gespürt hatte.

»Die Nachteile eines Bürojobs.«

Fasziniert sah ich ihm dabei zu, wie er seine Hände auf dem Beckenrand abstützte und sich in einer einzigen fließenden Bewegung aus dem Wasser stemmte. Mein Blick wanderte über seine breiten Schultern, folgte der ausgeprägten Rückenmuskulatur, glitt tiefer zu der schwarzen Badehose, die seinen wohldefinierten Hintern umhüllte, bis zu seinen durchtrainierten Beinen. Seine gebräunte Haut wurde von kunstvollen Tattoos geschmückt, deren Motive ich in der gedimmten Beleuchtung des Pools nur erahnen konnte.

Er schien zu spüren, dass ich ihn ungeniert anstarrte, denn als er die Flosse aufhob, zuckten seine Mundwinkel, als würde er gegen ein Schmunzeln ankämpfen.

»Gute Nacht, Arielle. Ich bin überzeugt, dass wir uns bald wiedersehen.«

3

»Du hast Augenringe so tief wie die Trientschlucht. Hast du schlecht geschlafen?«, begrüßte Leni mich, als ich den Aufenthaltsraum betrat und zielstrebig auf Rosies köstliche Gipfeli zusteuerte.

»Vielleicht hat Florence recht, und wir haben doch einen Hotelgeist, der nachts umgeht«, mutmaßte Britta, ehe ein ungeduldiges Winken von Heidrun sie dazu veranlasste, vom Tisch aufzustehen und ihren Dienst anzutreten.

»Sag mal, Leni«, begann ich in der Hoffnung, meine Kollegin von meinem desolaten Äußeren abzulenken, »hast du gestern Abend zufällig einem der Gäste Zutritt zum Wellnessbereich gewährt?«

Ich sah, wie sich ihre Schultern bei meiner Frage leicht anspannten. »Warum willst du das wissen?«

»Weil ich noch schwimmen war und unerwartet auf einen Gast getroffen bin.«

»Ja, also, weißt du …«, suchte sie nach einer Erklärung, »mir ist schon klar, dass wir diesbezüglich eigentlich keine Ausnahmen machen, aber er hat mich so nett gefragt. Er ist Apnoetaucher und hat mir erzählt, dass ein ausgiebiges Training das Einzige ist, was ihm gegen den Stress einer anstrengenden Reise hilft.«

»Und das hast du ihm geglaubt?«

»Wusstest du, dass der Weltrekord im Apnoetauchen bei über elf Minuten liegt?«

»Ihr scheint euch ja angeregt unterhalten zu haben.« Offenbar hatte der Typ nicht nur bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wenn ich das Strahlen in ihren Augen richtig deutete.

»Ich habe gestern Abend noch ein wenig recherchiert für den Fall, dass er mich als Trainerin um Rat bittet.« Ich hob skeptisch die Brauen, sodass Leni sich zu einer Rechtfertigung genötigt sah. »Du wolltest doch, dass wir in der nächsten Zeit besonders zuvorkommend zu allen sind. Stell dir vor, er arbeitet für Adventure World und das Ganze war ein Test.«

»Da kann ich dich beruhigen. Julian Morgner war es nicht. Ihn habe ich bereits kennengelernt. Und der andere, der infrage kommt, ein gewisser Finn Berger, reist erst im Laufe des Tages an.« Sie wollte etwas erwidern, doch ich ließ sie nicht zu Wort kommen. »Du hast alles richtig gemacht, Leni, aber warne mich das nächste Mal bitte vor. Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen, als er plötzlich unter mir aufgetaucht ist.«

Ihr Kichern lenkte die Aufmerksamkeit der anderen auf uns, sodass ich schnell in mein gefülltes Hörnchen biss und die Vorstellung verdrängte, was passiert wäre, wenn wir uns nur fünf Minuten früher begegnet wären.

»Das kann ich gern tun, aber was die potenziellen Hoteltester angeht, irrst du dich. Soweit ich weiß, haben beide gestern eingecheckt. Am besten fragst du Roane.«

»Was?!«, stieß ich hervor, bevor mir einfiel, dass ich den Mund voller Schokolade hatte. Doch nachdem ich endlich heruntergeschluckt hatte, war Leni bereits verschwunden. Ich versuchte, die dunkle Ahnung zu verdrängen, die mich befiel, und beendete hastig mein Frühstück.

Im Foyer traf ich auf Rosie, die zusammen mit Roane die Organisation für den Weihnachtsball besprach. Als sie mich erblickte, kam sie lächelnd auf mich zu.

»Anna, wie gut, dass ich dich treffe.« Sie hielt inne und musterte mich. »Alles in Ordnung? Du wirkst ein bisschen blass um die Nase.«

Ich murmelte etwas von einem spannenden Krimi, der mich angeblich bis in die frühen Morgenstunden wach gehalten hatte, da ich ihr schlecht erzählen konnte, dass ein Gast mit einem Talent für denkwürdige erste Begegnungen für meine schlaflose Nacht verantwortlich war.

»Was ich dich fragen wollte: Hast du noch einmal darüber nachgedacht, unser Angebot auszuprobieren? Hannes und ich sind der Meinung, dass du dir ein besseres Bild machen könntest, wenn du die romantischen Events selbst erlebt hast. Das war übrigens auch der Grund, warum Marco damals Livia zu uns eingeladen hat. Man sieht ja, wohin das geführt hat.« Sie seufzte verzückt. »Andererseits könnte ich es verstehen, wenn du nach deiner Trennung erst mal ein bisschen Abstand von Paaraktivitäten brauchst.«

Obwohl es mir widerstrebte, meine gescheiterte Beziehung als Ausrede zu benutzen, nickte ich. Ich mochte Rosie sehr und hatte höchste Achtung vor ihr, aber sie konnte nicht wirklich erwarten, dass ich mitten im vorweihnachtlichen Trubel meiner Arbeit den Rücken kehrte, um in einen Heißluftballon zu steigen. Hatte sie vergessen, dass wir einen Hoteltester zu Gast hatten, der vermutlich auch die Social-Media-Profile des Châteaus checkte? Was mich daran erinnerte, dass ich dringend Material für neuen Content brauchte.

»Ich denke darüber nach.«

»Wunderbar. Und solltest du nach einer Möglichkeit suchen, schnell wieder munter zu werden, mir hilft ein strammer Spaziergang durch den Wald. Oder du reitest eine Runde aus. Don Juan freut sich bestimmt über eine Abwechslung zum Schlittenziehen. Falls du rausgehst, nimm Minnie mit. Sie lungert schon den ganzen Morgen in der Küche herum in der Hoffnung, dass Florence ihr etwas von dem Lachs abgibt, den sie für das Abendessen mariniert.«

Sie war im Begriff, zu gehen, doch ihr Blick blieb am üppig geschmückten Treppengeländer hängen. »Findest du nicht auch, dass Heidrun es in diesem Jahr mit der Dekoration etwas übertrieben hat?«

Ich wollte gerade gestehen, dass ich für das Übermaß an Weihnachtsflair verantwortlich war, als sie entschlossenen Schrittes zu einem der Beistelltische hinüberging und mir einen Weihnachtsstern in die Hand drückte. »Der macht sich sicherlich ganz wunderbar in deinem Büro.«

Damit ließ sie mich stehen und verschwand in Richtung Küche. Roane, die alles von der Rezeption aus verfolgt hatte, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Leni meinte, Finn Berger sei bereits eingetroffen. Stimmt das?«

Sie nickte. »Ein überaus charmanter junger Mann und noch dazu völlig unkompliziert. Er hat darauf bestanden, sein Gepäck selbst zu tragen, und hat Tim trotzdem ein großzügiges Trinkgeld gegeben. Solche Gäste sind mir die liebsten.« Der verträumte Ausdruck in ihrem Gesicht verstärkte das flaue Gefühl in meinem Magen.

»Ist er zufällig ein sportlicher Typ mit schulterlangen dunklen Haaren und einem ausgeprägten Selbstbewusstsein?«

Sie sah mich überrascht an. »Dann hast du ihn schon kennengelernt?«

Ich unterdrückte den Impuls, mir die Hände vors Gesicht zu schlagen, und zwang mich stattdessen, Ruhe zu bewahren. In Gedanken ging ich unser Gespräch noch einmal durch. Auch wenn ich zu Beginn nicht besonders höflich gewesen war, schien ihn unsere Begegnung eher amüsiert zu haben. Ich beschloss, meinen Fauxpas bei nächster Gelegenheit wiedergutzumachen.

»Flüchtig. Hast du sonst noch etwas über ihn herausfinden können?«

»Außer dass er höflich und zuvorkommend ist und verdammt heiß aussieht? Nein. Doch, warte, er scheint Frühaufsteher zu sein. Jedenfalls ist er vor Morgengrauen los, weil er den Sonnenaufgang vom Gipfel eines Berges aus bewundern wollte.« Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. »Für heute Nachmittag hat er eine Massage gebucht. Wenn du mich fragst, will er das tolle Winterwetter nutzen, um Sport zu treiben, und sich nebenbei ein wenig entspannen.«

»Dann wird es das Beste sein, wenn ich meine Bemühungen zukünftig auf Julian Morgner konzentriere.«

»Mach das. Ich werde weiterhin ein Auge auf Finn Berger haben«, entgegnete sie mit einem vielsagenden Grinsen. »Nur für den Fall, dass wir uns irren und er doch der Hoteltester ist.«