Winterwundenland - Christian Witt - E-Book

Winterwundenland E-Book

Christian Witt

0,0

Beschreibung

24 Geschichten voll festlicher Furcht Weihnachten. Das ist Geborgenheit, Vorfreude, Vertrautheit ... und das furchtsame, verdrängte Warten auf den unausweichlichen Moment, wenn niemand mehr bei dir ist, außer der Dunkelheit. Folge mir in 24 Geschichten in die Lücken der Harmonie: Zu entlaubten Tannen, gefrorenen Herzen und vergessenen Türchen, hinter denen sich alles verbirgt - nur keine Schokolade.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 833

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Trigger-Warnung an empfindliche Leser:

Einige der Geschichten in diesem Buch enthalten Szenen mit drastischer Gewaltdarstellung, (nicht einvernehmlichen) sexuellen Handlungen sowie die Beschreibung von Depressionen und anderen psychischen Problemen.

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Nicht wie bestellt

Stillste Nacht

Wenn ein Wunsch sich erfüllt

Hoch vom Himmel

Die Glücksfabrik

Geh nicht hinaus

New Sanity

Gütiger Mann..

Christkinder

Weiße Tochter.

Lasst uns einen Schneemann machen

Eiskönigin

Das schönste Geschenk

Kleine Schneeflocken

A Sign of Hope

Fortgeschritten: Eine Nacht in Noestria

Weihnachtswelt

Risse

Scrooge Night

Nachtdienst

Nacht der Wünsche

Oh Knochenbaum

Ein Geschenk des Himmels

Last Christmas

VORWORT

Weihnachten war mir immer ein Sehnsuchtsort gewesen. Die warme Decke, in die ich mich einhüllen, der liebevoll zubereitete Kakao, um den ich meine steifen Finger schließen konnte. Jene magischen Tage, in denen alles für einen Moment Sinn ergab und die Zeit gefror zu einem glücklichen Stillleben aus glitzerndem Schnee und warmen Umarmungen. Da war etwas zwischen den Lichtern, zwischen dem Kitsch und den Ritualen, inmitten alter Filme, knisterndem Geschenkpapier, traditionellen Liedern und duftenden Tannennadeln. Etwas, das mehr war als die Summe seiner Teile. Ein Versprechen, dass man noch ganz sein darf, in einer kaputten Welt. Und sei es nur für einige Wochen oder Tage.

Doch zugleich, Seite an Seite mit den freundlichen Blicken eines gestaltlosen Wohlgefühls, einer unausgesprochenen Güte, größer und ehrlicher als jede Religion, wanderte auch immer etwas Dunkleres mit. Eine stille Verzweiflung, bizarre Melancholie und schleichende Entfremdung, die sich über all die Jahre und Verluste hinweg aus den Schatten gewagt und immer deutlicher gezeigt hatte, die eisigen Augen lauernd auf mich gerichtet. Mit einem Gesicht, gemacht aus für immer verlassenen Wohnzimmern, staubigen, vergessenen Geschenken und verschlungenen Wegen, die sich ziellos im Eis verlieren.

Von diesem Gefühl. Von diesem Etwas handeln diese Geschichten, jede auf ihre Weise. Gemeinsam mit ihren Protagonisten blicken wir ihm ins Gesicht, werfen einen verstohlenen Blick unter seinen schweren, klammen Mantel und stellen uns allem, was wir dort finden. Meist wird es unansehnlich sein. Unbeschreiblich widerlich und verachtenswert. Und doch … In manchen Momenten, wenn wir atemlos mit der Hand vor dem Mund in der Dunkelheit ausharren … Wenn wir ganz still sind, um nicht jenes Ding auf uns aufmerksam zu machen, das sich unsere Seelen zum Geschenk machen möchte, wird uns auch ein Stück jener Hoffnung und Harmonie erreichen, nach der wir als Menschen so wunderbar süchtig sind.

In diesem Sinne: Have yourself a scary little Christmas!

Weitere Geschichten aus dem Angstkreis:https://www.angstkreis-creepypasta.de/

Wenn ihr mich unterstützen wollt und euch die Geschichten gefallen haben, hinterlasst gerne eine positive Rezension auf Amazon oder einer anderen Plattform.

NICHT WIE BESTELLT

Was für eine Unverschämtheit. Ja, ich weiß, es ist Weihnachtszeit und alle tun immer so, als wäre das ein unplanbarer Ausnahmezustand. Aber fuck it! Wenn ich von meinem Chef eine Deadline kriege, muss ich mich da auch daran halten. Außerdem habe ich dieses blöde Geschenk immerhin schon vor einer Woche bestellt und heute, am Samstag, den 22. Dezember um 17:32 Uhr muss ich noch immer darauf warten. Während meine Freundinnen sich entspannt auf dem Weihnachtsmarkt ihren Glühwein kippen, muss ich zu Hause bleiben, Däumchen drehen und darauf warten, dass dieser vollkommen inkompetente Furz von einem Paketboten mich mit seiner Anwesenheit beehrt. Vielen Dank auch! Wenn diese verfluchte Bluray-Box für Thomas heute nicht kommt, bin ich echt am Arsch.

Ich kenne diesen Kerl erst seit ein paar Monaten und das wird unser erstes gemeinsames Weihnachten. Wenn ich da ohne Geschenk auftauche, war’s das. Morgen ist Sonntag und damit mich am Heiligen Abend durch die Geschäfte zu kämpfen, brauch ich es gar nicht erst zu versuchen. Dort gibt es garantiert nichts, was ihn auch nur im Ansatz interessieren würde oder was er nicht längst schon hätte. Selbst online musste ich mir die Finger wund suchen. Aaarrgh! Es ist echt zum Kotzen. Dabei hätte ich das Paket bereits am Dienstag erhalten sollen. Das hat zumindest die Sendungsverfolgung behauptet. Aber dieser versoffene Paketbote hat genau einmal geklingelt und das ausgerechnet, als ich gerade auf dem Klo war. Als ich mit halb hochgezogener Hose zur Tür gestürmt war, war er auch schon wieder verschwunden. Echt fantastisch. Halleluja! Süßer die Glocken nie klingen.

Jedenfalls hatte ich dem ‘ne gepfefferte E-Mail geschrieben. Also natürlich nicht ihm persönlich. Seine Adresse hatte ich ja nicht. Aber an den Paketdienst, mit der Bitte, diese Worte an den Typen weiterzuleiten, der am Dienstag um 11:48 Uhr nicht in der Lage war, eine Klingel mehr als einmal zu betätigen. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, aber die Mail ging ungefähr so:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich weiß, dass es schwer ist, gutes Personal zu finden. Aber wenn sie jetzt schon den degenerierten Matsch aus dem Rinnstein in eine Uniform stecken und ihm Pakete in die Hand drücken müssen, muss es schlimmer um sie stehen, als ich dachte. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, wie ihr sogenannter Paketbote sich nach nur einmaligem Klingeln mit Lichtgeschwindigkeit wieder aus dem Staub machen konnte. Vielleicht irre ich mich ja auch und das war gar kein Zustellversuch, sondern ein lustiger Klingelstreich. Ich jedenfalls habe nicht gelacht.

Falls das alles wirklich ernst gemeint war, könnte man natürlich auch annehmen, dass ihr Bote einfach nur Angst vor Kunden hat. Vielleicht hat er ja auch die letzten Jahrzehnte in einer Höhle im tiefsten Wald gelebt und vergessen, wie Menschen aussehen oder dass diese lauten Dinger mit den schrillen Stimmen ihn nicht fressen wollen. In diesem Fall sollten sie es mal mit einem guten Psychologen versuchen oder besser noch: diese Ausgeburt an Unfähigkeit hochkant rauswerfen!

Ich verlange jedenfalls von Ihnen, dass Sie diese Nachricht an Ihren sogenannten „Mitarbeiter“ weiterleiten, und vor allem verlange ich, dass ich mein Paket noch vor Weihnachten bekomme, und wenn Sie dafür Santa Claus auf seinem Schlitten durch meinen Schornstein prügeln müssen.

Hochachtungsvoll Caroline Liefert“

Allein der Gedanke daran, wie dieser Vollidiot meine Worte las und sich tierisch darüber aufregte, erfüllte mich mit Genugtuung und war – neben dem heißen Kakao mit Schuss auf meinem Schoß – der einzige Grund, aus dem meine Laune noch nicht vollkommen auf dem Tiefpunkt angekommen war.

Dennoch wurde es höchste Zeit, dass das Paket endlich eintraf. Draußen war es bereits dunkel geworden und zumindest ein mäßiger Schneefall mit feinen Flocken hatte eingesetzt. Vor meinen beiden großen Fenstern gingen immer mal wieder Menschen vorüber, die ihren Weihnachtsbesorgungen nachgingen oder die einfach die winterliche Atmosphäre genossen. Man konnte die beiden Gruppen leicht unterscheiden. Letztere hatten die Hände frei und wirkten relativ entspannt, erstere waren schlecht gelaunt und konnten vor lauter Tüten kaum laufen.

Ich hingegen hatte es mir auf meinem Sessel bequem gemacht. Der Baum war bereits mit sauteuren aber extrem schicken roten und goldenen Designer-Kugeln geschmückt, die Fenster mit Lichterketten dekoriert und im Ofen warteten ein paar Bratäpfel darauf, verzehrt zu werden, die bereits ihren verführerischen Duft verströmten. Auf Weihnachtsmusik musste ich hingegen verzichten, um die Klingel nicht zu überhören. Auch meinen Toilettengang verkniff ich mir jetzt schon seit gefühlten vier Stunden. Verdammt, ich traute mich nicht einmal, meine Social-Media-Accounts zu checken oder auch nur ein Buch zu lesen, aus Angst, mich zu sehr darin zu vertiefen.

Ich sah erneut auf mein Display. 17:43 Uhr. Normalerweise wurden die Pakete am Samstag nur bis 18 Uhr zugestellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mich wieder versetzen würde, wuchs mit jeder Minute. Ich ertappte mich dabei, wie ich inzwischen schon die Sekunden halblaut mitzählte und meine Finger sich in einer Mischung aus Nervosität und Wut in die Lehne meines weißen Ledersessels krallten.

Genau 36 Sekunden danach klingelte es tatsächlich. Vor lauter Schreck fiel mir die Kakaotasse aus der Hand, zerschellte scheppernd auf dem Boden und verursachte einen hässlichen braunen Fleck auf meinem blütenweißen Teppichboden. All das nahm ich jedoch nur am Rande wahr, denn ich rannte einfach nur wie ein Wahnsinniger auf die Tür zu und zog sie auf, bereit, demjenigen, der dahinter warten würde, all meinen Frust ins Gesicht zu kotzen und …

Aber hinter der Haustür wartete … niemand. Absolut niemand. Hektisch stürmte ich aus dem Haus und blickte links und rechts die verschneite, von Laternen erleuchtete Straße hinunter, wobei ich mich beinah auf die Nase gelegt hätte. Aber auch dort konnte ich keine Menschenseele entdecken. Ich sah zur anderen Straßenseite, doch dort ging lediglich ein alter Mann mit seinem Hund Gassi, dem ich ganz bestimmt nicht zutrauen würde, mal eben bei mir zu klingen, und sich dann direkt wieder zu verziehen. Unter anderen Umständen hätte ich angenommen, dass der Klingelterrorist in irgendeiner schmalen Seitengasse verschwunden oder in sein Auto gestiegen wäre, aber die nächste Querstraße war recht weit entfernt und die einzigen beiden Fahrzeuge, die ich sah, bewegten sich auf mich zu, nicht von mir weg.

Nachdem ich noch einige Sekunden ratlos in der Kälte gestanden hatte, ohne auf eine logische Erklärung zu stoßen, beschloss ich, einfach wieder reinzugehen. Gab es nicht auch Magier, die Tricks aufführten, die auf den ersten Blick nicht zu durchschauen waren, sich aber letztendlich immer als nichts weiter als gut durchdachte Blendwerke entpuppten? Gerade zur Weihnachtszeit waren ja eh genug Spinner unterwegs und einer davon lachte sich wahrscheinlich gerade scheckig über mich. Tatsache war, dass ich jetzt das Desaster auf meinem Teppich beseitigen musste. Mein Paket konnte ich wahrscheinlich wirklich …

Moment, was war das? Auf der Schwelle meiner Haustür lag etwas. Im Dunkeln konnte ich es nicht direkt einordnen, aber als ich mich herunterbeugte, entdeckte ich, dass es sich in der Tat um ein Paket handelte. Allerdings war es deutlich zu klein, um alle acht Staffeln von „Dinosaur Warrior“ in der limitierten Director’s Cut Edition zu beherbergen. Es war quadratisch, pechschwarz und maß gerade einmal zehn Zentimeter in Höhe, Breite und Tiefe und erinnerte mich an eines dieser Kästchen, in denen man Ringe aufbewahrte. Einen Poststempel, eine Adresse oder eine sonstige Kennzeichnung besaß es nicht.

Was konnte das nur sein? Womöglich war auch das Teil des Streiches. Vielleicht fand sich darin ein Springteufel, Juckpulver, eine Stinkbombe oder irgendein anderer infantiler Witz. Einen Moment lang dachte ich darüber nach, das Päckchen einfach in den Müll zu pfeffern, aber dafür war meine Neugier dann doch zu stark.

Also hob ich das Paket – welches unerwartet schwer war – vorsichtig auf, schloss die Tür und stellte es auf den Wohnzimmertisch, vor dem sich inzwischen eine eindrucksvolle, hässliche, braune Kakaopfütze ausgebreitet hatte. Keine Ahnung, ob ich das je wieder wegbekommen würde. Notfalls musste ich am Montag wohl einfach einen Teppich kaufen, um diese Sauerei zu kaschieren. Zunächst einmal aber konzentrierte ich mich voll und ganz auf meine unerwartete Lieferung.

Das kleine Paket lag ruhig und harmlos auf dem Marmortisch und doch beugte ich mich so vorsichtig darüber, als würde es sich um eine schlafende Giftschlange handeln. Mit spitzen Fingern hob ich den Deckel ein wenig an, zögerte noch einen Moment und hob ihn dann ganz herunter, wobei ich ihn sofort wieder auf den Tisch fallen ließ und hektisch zurücksprang in Erwartung irgendeiner lauten oder stinkenden Überraschung. Aber nichts davon passierte. Also trat ich wieder vor und beugte mich langsam über die geöffnete Schachtel.

In ihrem Inneren lag eine Christbaumkugel. Auch sie war schwarz, aber ringsherum mit kleinen Perlen besetzt, die wie herabgestiegene Sternensplitter in ihr glitzerten. Zwischen den strahlend weißen Perlen waren auf der Kugel Schneeflocken appliziert, die zwar ebenfalls weiß, dabei jedoch eher matt waren. Die Kugel selbst war derart schwarz, dass sie mehr so wirkte wie ein in die Realität geschnittenes Loch, denn wie ein Gegenstand. Eine silberne Schlaufe, mit der man die Kugel wohl an einen Baum hängen konnte, komplettierte das Ganze.

Noch immer nicht sicher, ob das nicht alles Teil eines verdammt komplizierten Streiches war, berührte ich die Kugel mit den Fingerspitzen. Sie fühlte sich glatt und kühl an und schien nicht aus Plastik, sondern aus sehr massivem Glas zu bestehen, was auch das Gewicht des Paketes erklärte. Dadurch ermutigt, dass sie weder explodiert war noch mir einen Stromschlag verpasst hatte, hob ich die Christbaumkugel vorsichtig aus dem Päckchen. Sie lag unerwartet gut in der Hand und sandte ein feines, aber durchaus angenehmes Kribbeln durch meine Hand, bei dem ich mir aber auch nicht gänzlich sicher war, ob ich es mir vielleicht nur einbildete.

Eigentlich stand ich nicht besonders auf Schwarz, aber diese Kugel war unzweifelhaft schön. Sehr schön. Und irgendwie glaubte ich auch, dass sie recht teuer gewesen sein musste. Aber wer hatte sie mir dort hineingelegt und vor allem warum? Der Paketbote konnte es ja kaum gewesen sein. Außer natürlich, er (oder sein Kollege) hätte nun auch noch die Pakete vertauscht. Aber warum enthielt das Paket dann keine Adresse, keine Kennzeichnung, keine Briefmarke oder sonst irgendetwas, was einem Boten dabei helfen konnte, es zu meinem Haus zu bringen? Das ergab alles einfach keinen Sinn. Auch in der Schachtel selbst war kein Hinweis zu finden. Es war eine stinknormale Pappschachtel ohne doppelten Boden oder Geheimverstecke. Da ich keinen Sinn darin sah, mir weiter das Hirn zu zermartern, hing ich die Kugel kurzerhand an meinen Baum, wo sie zwar wie ein Fremdkörper aussah, aber doch einen gewissen Charme versprühte. Dann holte ich mein Putzzeug, kehrte die Scherben auf und mühte mich an dem Kakaofleck ab, mit dem Ergebnis, ihn noch etwas weiter zu verteilen und seine Farbe von Dunkel- auf Hellbraun zu verändern, was aber auch keine allzu große Verbesserung war. Letztendlich gab ich auf, ließ mich in den Sessel fallen und gab mich der Verzweiflung hin.

Ich sah auf die Uhr. 18:23 Uhr und noch immer keine Spur von meiner Bestellung, obwohl die Sendungsverfolgung frech behauptete, dass das Paket zwischen 14 und 18 Uhr ankommen sollte. Langsam konnte ich mein Geschenk wohl wirklich abschreiben und mein erstes Weihnachten mit meinem neuen Freund wohl auch. Thomas war gutaussehend, dabei recht intelligent und jetzt zumindest auch nicht das allergrößte Arschloch, aber er war niemand, der so etwas einfach wegsteckte, ohne beleidigt zu sein. Und ich konnte das sehr gut verstehen. Einen Typen, der mir an Weihnachten nichts mitbrachte, würde ich sofort hochkant rauswerfen. Sowas ging gar nicht. Verzweifelt dachte ich über Alternativen nach und verwarf sie wieder. Kurz dachte ich sogar daran, ihm die Christbaumkugel mitzubringen, schüttelte dann aber nur den Kopf über diesen idiotischen Einfall. Was zur Hölle sollte der Kerl mit einer Christbaumkugel? Letztlich blieb mir wohl nichts anderes übrig, als am Montag die Läden abzuklappern und auf ein Wunder zu hoffen. Aber wahrscheinlich machte ich mir da was vor: Ich konnte eigentlich nur hoffen, dass der Paketbote ein doppelt so beschissenes Weihnachtsfest haben würde, wie ich.

Wütend und dennoch resigniert schloss ich die Augen, seufzte tief und bemerkte beim Einatmen einen verbrannten Geruch. „Scheiße! Die Bratäpfel!“ rief ich und stürmte zum zweiten Mal an diesem Abend los, um eine Tür zu öffnen. Glücklicherweise war das, was mich hinter dieser erwartete, noch nicht so schwarz wie die ominöse Christbaumkugel. Der obere Teil der vier mit Marzipan gefüllten Äpfel war zwar tatsächlich etwas verbrannt, aber insgesamt wirkten sie noch genießbar und jetzt, wo ich sie sah, wie sie brutzelnd im Backofen lagen, konnte ich es eigentlich kaum erwarten, mir endlich einen davon zu genehmigen. Es gab doch nichts Besseres nach einer Reihe von Katastrophen, als hemmungslos zu naschen. Also schnappte ich mir Besteck samt Teller, legte zwei der Äpfel darauf und ließ die anderen beiden im ausgeschalteten Ofen liegen. Auf dem Weg drehte ich nun doch ein wenig Weihnachtsmusik auf. Irgend so ein Gospel-Kram. Was das anging, war ich eher traditionell unterwegs. Den Anfang machte „Silent Night“.

Ich gab noch ein paar Flüche von mir, dann setzte ich mich wieder in meinen Sessel und wählte den Ausweg in die Kalorienbombe, indem ich mir ein großes Stück aus dem Apfel herausschnitt und es mir gedankenverloren in den Mund stopfte.

Der Geschmack war komisch. Ich hatte etwas Süßes und Fruchtiges erwartet, schmeckte aber stattdessen nur etwas Bitteres. Auch die Konsistenz stimmte nicht. Das, was ich da im Mund hatte, war zum Teil weich, zum Teil aber auch trocken und … irgendwie knusprig. Erst dachte ich an Mandeln, erinnerte mich dann aber daran, dass ich keine verwendet hatte. Beunruhigt sah ich auf meinen Teller hinab und … erschrak. Der Apfel bestand nicht mehr aus weichgekochtem, duftendem Fruchtfleisch mit einer Füllung von zuckersüßem Marzipan, sondern aus einer gallertartigen, schwarz glänzenden Masse in deren Mitte Ameisen, Käfer, kleine Kakerlaken und andere Insekten krabbelten, von denen ich mir gerade einen großen Bissen gegönnt hatte. Ich sah abgeschnittene Insektenköpfe, abgebrochene Beißzangen, den zerteilten Leib eines Käfers, der noch immer versuchte, mit dem Rest seines zerstörten Körpers zu mir zu gelangen. Ich sah noch, wie sich in der schwarzen Masse ein kleines, menschliches Auge auftat, bevor ich den Teller samt der Äpfel wegschleuderte und er mitten in die Vitrine mit meinen kostbaren Sekt- und Weingläsern hinein krachte.

Die Sängerin stimmte die ersten Töne von „Oh night divine“ an, während ich mich zuckend auf den Boden und den gerade erst halbwegs entfernten Kakaofleck übergab. Selbst nach dem zweiten Kotzen erspürte ich noch immer Insektenbeine an meiner Zunge, die ich mir so manisch abstreifte und abkratzte, dass meine Zunge am Ende taub war und brannte. Selbst als ich zum Spiegel rannte und erleichtert feststellte, dass alles von diesem abscheulichen Apfel aus meinem Mund verschwunden war, hatte ich trotzdem noch das Gefühl, dass dort etwas wäre, dass sich dort sogar noch etwas BEWEGEN würde. Zuerst hatte ich sogar den Impuls, mir einen der Einwegrasierer aus meinem Schrank zu nehmen und mir die obere Hälfte meiner Zunge und meine gesamte Mundschleimhaut damit abzuschaben, bis ich endlich wieder wirklich sauber sein würde. Aber noch bevor ich den Rasierer, den ich zu meinem Erschrecken unterbewusst tatsächlich aus dem Schrank geholt hatte, irgendwelchen Schaden anrichten konnte, gewann ich die Beherrschung zurück.

Ich durfte jetzt nicht durchdrehen. Dass, was mir da gerade mit den Äpfeln passiert war, mochte absolut ekelhaft und noch dazu unglaublich unlogisch sein, da die Äpfel noch vor dem Backen komplett frisch gewesen waren, gebackene Insekten sich normalerweise nicht mehr bewegten und Fruchtfleisch nicht innerhalb von ein oder zwei Stunden wegfaulte, aber es waren trotz allem nur Äpfel. Ich würde jetzt einfach ins Wohnzimmer zurückkehren, den Dreck wegräumen, dann die Bratäpfel aus dem Ofen entsorgen und mir irgendwas anderes zu essen machen – oder besser noch – mir eine Pizza bestellen.

Ich atmete noch ein paar Mal tief durch und ging dann endlich zurück ins Wohnzimmer. Auch wenn ich halb darauf gehofft hatte, dass alles nur Einbildung gewesen war, erwartete mich dort die befürchtete Schweinerei. Allein diese verdorbenen Äpfel auch nur zu berühren, war mir so zuwider, dass ich mir zuvor Gummihandschuhe überzog. Dann aber schaffte ich es tatsächlich, sie zu entsorgen. Die beiden übrigen Bratäpfel im Backofen sahen überraschenderweise noch sehr gut aus, aber ich warf sie dennoch weg. Ohnehin fragte ich mich, ob ich Bratäpfel je wieder würde anrühren können.

Als Nächstes entfernte ich mein von schwarzen Fäden durchzogenes Erbrochenes, in dem noch immer Insektenstücke zu sehen waren, was meine Magensäure gleich wieder etwas aufsteigen ließ. Dennoch brachte ich auch das hinter mich und setzte mich dann endlich wieder hin, nahm mir mein Tablet, suchte mir irgendeinen Lieferdienst und bestellte mir eine Pizza, wobei ich nicht wirklich darauf achtete, was ich mir da überhaupt orderte. Zum einen war es mir egal, solange es nur die Erinnerung an mein letztes „Essen“ vertrieb, zum anderen lagen meine Nerven wegen der letzten Ereignisse blank.

Während ich auf meine Bestellung wartete, spielte ich irgendwelche Spiele, konnte mich aber kaum darauf konzentrieren, und das lag nicht allein an meinen kürzlich durchlittenen Erlebnissen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Zwar konnte ich, als ich mich gründlich im Raum umsah, nichts Ungewöhnliches erkennen, aber das Gefühl hielt sich trotzdem hartnäckig. Dann endlich wurde mir bewusst, was der Grund dafür war: Es war die Musik aus meiner Anlage.

War die Stimme der Gospel-Sängerin schon immer tief gewesen, so klang es jetzt, als wäre sie noch einmal um eine knappe Oktave heruntergestimmt worden. Zudem gab es in dem Lied immer wieder unregelmäßige Geräusche, die mal aus einem weißen Rauschen, mal aus einem schrillen Piepsen und mal aus etwas bestanden, das sich wie irres Gelächter anhörte. Am schlimmsten aber waren die Stimmen. Unbekannte Stimmen, die eindeutig nicht der Sängerin gehörten und die mal hoch und schrill, mal dunkel, mal weiblich, mal männlich, mal flüsternd und mal schreiend erklangen. Sie sagten Dinge wie:

„WEISST DU, WO DIE SEELENLOSEN WOHNEN?“

„SIE KRIECHEN!“

„KEINE ANGST. DU BEKOMMST NOCH, WAS DU BRAUCHST, KIND.“

„DREH DICH BESSER NIE MEHR UM!“

„ES WEIß JETZT BESCHEID. ES IST AUF DEM WEG.“

und dergleichen mehr. Gleichzeitig hatte sich auch der Text des Klassikers „Jingle Bells“, der gerade aus den Lautsprechern dröhnte, eindeutig geändert.

„TWO NIGHTS TILL CHRISTMAS EVE YOU THINK YOU’LL FIND A LIGHT WHILE CREATURES OF DECAY ARE SLEEPING BY YOUR SIDE“

Aus meinem unguten Gefühl wurde langsam handfeste Angst. „Was soll der Scheiß!“, schrie ich und stürmte zum CD-Player. Aber als ich versuchte. die CD auszuwerfen, reagierte sie nicht. Auch ausschalten ließ sich das Gerät nicht und die Musik – samt der seltsamen Stimmen – erklang weiterhin. Wie konnte das sein? Erst jetzt stellte ich fest, dass der Player mit der gleichen schwarzen Masse verklebt war, in die ich vorhin unfreiwillig hineingebissen hatte.

Angewidert zog ich mich zurück und wischte meine Finger reflexartig an meiner Hose ab, die daraufhin seltsam warm – aber nicht heiß – zu werden begann. Ich versuchte, den Stecker zu ziehen, aber auch der wurde von der schwarzen Masse an Ort und Stelle gehalten. Langsam begann die Angst übermächtig zu werden. Ich musste hier raus, an die frische Luft oder irgendwohin, wo diese Stimmen und dieses eklige Zeug nicht waren. Vielleicht waren meine Freundinnen noch auf dem Markt. Ich könnte sie anrufen und …

„Ding Dong.“

Es klingelte. Erst war ich verwirrt und fragte mich, wer das wohl sein könnte. Dann aber fiel es mir ein. Klar, der Pizzabote. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Die Pizza selbst war mir inzwischen herzlich egal, aber dort draußen vor der Tür stand ein anderer Mensch. Ein Mensch, dessen Anwesenheit mich trösten konnte, der mir vielleicht sogar beweisen konnte, dass ich mir diesen widerlichen schwarzen Schleim lediglich einbildete.

Also schritt ich zur Tür und riss sie beherzt auf. Was ich jedoch dort sah, war …

… einmal mehr gar nichts. Abgesehen von einem kalten Luftzug, der von draußen in meine gut geheizte Wohnung blies.

Wie konnte das sein? Schon wieder ein Klingelstreich? Nein, unmöglich. So schnell hätte sich nun wirklich niemand wieder verziehen können. Aber eigentlich war das auch egal. Ich würde jetzt meine Tasche und meine Jacke holen, hier verdammt nochmal verschwinden und versuchen, meine Freundinnen zu finden und bei einer von ihnen zu übernachten. Ich schloss die Tür, drehte mich um, um meinen Plan in die Tat umzusetzen, und sah in meinem Sessel die hässlichste Kreatur sitzen, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Sie steckte in der Uniform eines Paketboten, was aber wohl noch das Menschlichste an ihr war. Ihr hässlicher, aufgeblähter Kopf steckte auf einem grotesk langen Hals und war so gebeugt, dass er sich fast auf gleicher Höhe mit seinen Schultern befand. Seine Arme endeten in zwei Fingern, die so lang waren, dass sie beinah bis zu seinem Ellenbogen reichten, und mit denen er im Takt der veränderten Weihnachtsmusik auf die Armlehnen klopfte. Seine Beine waren – wie auch sein Torso – dick und fleischig und ließen keine wirklichen Füße erkennen. In seinem Gesicht ruhte ein irres Lächeln grotesk breiter, mit scharfen Zähnen gefüllten Lippen, hinter denen sich etwas Schwarzes bewegte. Die gleiche schwarze Substanz befand sich auch in seinen Augen oder was auch immer diese verkrüppelten beiden Öffnungen im oberen Teil seines Gesichtes sein sollten. Ein durchdringender Geruch nach altem Schweiß ging von ihm aus.

All das zu erfassen, kostete mich nur den Bruchteil einer Sekunde und es dauerte auch nur unwesentlich länger, bis ich wieder panisch auf die Tür zustürmte. Leider reichte es dennoch nicht.

Zwar erreichte ich die Tür vor dem Wesen, aber ich konnte sie nicht öffnen. Denn auch sie war nun auf einmal mit dieser komischen, schwarzen Substanz überzogen, und so heftig ich auch an ihr rüttelte, es hatte absolut keinen Effekt.

Stattdessen hörte ich nun ein knarzendes Geräusch. Offensichtlich hatte sich die Kreatur aus meinem Sessel erhoben. Von panischer Angst gepackt, versuchte ich es an den Fenstern, die sich aber ebenfalls nicht öffnen ließen.

Inzwischen kamen die Schritte des Wesens näher und als ich mich zu ihm umdrehte, sah ich fast direkt in seine pechschwarzen Augen. Seine zweifingrigen Hände waren nach mir ausgestreckt und sein Mund hatte begonnen, das Weihnachtslied mitzusingen, das gerade lief.

„I’M DREAMING OF A BLACK CHRISTMAS NOT LIKE THE ONES YOU USED TO KNOW …“

Für einen Moment schien die Zeit einzufrieren. Wie in Zeitlupe sah ich diese Kreatur auf mich zukommen. Allerdings bewegte auch ich mich nicht schneller und ich wusste, dass ihre Finger mich erreichen würden, mich ertasten und erforschen würden, wenn ich nicht sofort handelte. Also eilte ich, ohne weiter darüber nachzudenken, die Treppe in den ersten Stock hinauf. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, dass nicht nur die Kreatur, sondern auch der schwarze Schleim mir folgte. Langsam, aber unaufhaltsam wie ein Gletscher.

Trotzdem war das gerade nicht meine wichtigste Sorge. Denn, zwar schaffte ich es zunächst, meinen Vorsprung auszubauen, da sich das Wesen nicht so schnell bewegte, wie ich befürchtet hatte, aber zum einen war noch völlig offen, ob mein Plan, durch das Fenster zu klettern, hinunterzuspringen und Hilfe zu holen, überhaupt Aussicht auf Erfolg hatte, und zum anderen tat das Wesen etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Aus seinen Mundwinkeln – das sah ich während eines schnellen Schulterblicks – erhoben sich plötzlich dürre, astartige Verzweigungen mit klauenartigen Greifwerkzeugen an ihren Enden, mit denen es sich am Geländer festkrallte und die es nun statt seiner langsamen Beine zur Fortbewegung nutzte.

Das Geschöpf setzte sie derart geschickt ein, dass mein Vorsprung sofort wieder dahinschmolz. Die Angst und die Abscheu, die daraufhin in jede Faser meines Körpers schossen, gaben mir noch einmal die nötige Kraft, um mein Tempo zu beschleunigen. Halb rennend und halb stolpernd brach ich förmlich durch die Tür meines Arbeitszimmers, knallte sie hinter mir zu und warf einen raschen Blick durchs Fenster.

Da inzwischen doch eine recht beträchtliche Menge Schnee auf der Straße lag, würde ich wohl hinunterspringen können, ohne mir gleich alle Knochen zu brechen. Das Problem daran war nur, dass ich das Fenster nicht aufbekam. Das verdammte Ding klemmte. Das wiederum, lag nicht etwa an der schwarzen Substanz, die dieses Zimmer offensichtlich noch nicht befallen hatte, sondern an meiner eigenen Faulheit und Dummheit. Das Fenster in meinem Arbeitszimmer ging schon seit etwa drei Wochen nicht mehr und ich hatte mich bisher noch nicht dazu aufraffen können, einen Handwerker zu rufen. Wie zum Henker hatte ich das nur vergessen können?

Ich saß also in der Falle und hörte bereits den Gesang des monströsen Paketboten.

„I’M BRINGING YOU YOUR LAST CHRISTMAS, FOR ALL THOSE NASTY THINGS YOU WRITE …“

An der Lautstärke seines Gesangs und dem Gepolter, das er mit seinen monströsen Mundarmen und seinem massigen Körper verursachte, erkannte ich, dass er sich bereits auf dem Treppenabsatz befand. Ich würde nicht mehr entkommen können.

Aus meiner Verzweiflung erwuchs ein hektisch konstruierter Plan, den ich ohne weitere Überlegungen in die Tat umsetzte. Ich zog den Zimmerschlüssel, der glücklicherweise von innen steckte, von der Tür ab, dann nahm ich mir ein Cuttermesser aus meinem Bastelfundus am Schreibtisch und zog mich in die hinterste Ecke des Zimmers zurück. Kurz darauf wurde der Türgriff hinuntergedrückt und mein Herz machte einen schmerzhaften Sprung, während ich auf das unvermeidliche Erscheinen der Monstrosität wartete.

Anders als in so manchem Horrorfilm, den ich gesehen hatte, drückte das Wesen die Tür nicht langsam und knarrend auf, wie um einen möglichst dramatischen Effekt zu erzielen, sondern stieß sie mit grober Gewalt zur Seite. Ich sah die plumpen Beine der Kreatur, die zweifingrigen Arme und ihr abstoßendes, singendes Gesicht, aus dem sich wie bei einem Spinnennetz dutzende von schlanken, aber stabil wirkenden Astauswüchsen ausbreiteten, die sich nun allesamt gegen Wände, Decken und Boden meines Arbeitszimmers pressten und mit denen sich das Wesen nun ein Stück weit vom Boden abdrückte, während es wie eine lebendige, flexible Walze auf mich zukam.

„MAY YOUR DAYS BE COUNTED TONIGHT MURDERED BY THOSE LITTLE SINS INSIDE“

Sein Gesang eilte ihm voraus, wie die Spitze einer zum Mord erhobenen Lanze, und wurde begleitet von einem unsagbar schlechten Atem und seinem ekelhaften Schweißgeruch. In diesem Moment war ich der Verzweiflung so nah, dass ich mich beinah zum Sterben auf den Boden gelegt hätte. Aber allein die Vorstellung, von diesem Geschöpf verschlungen zu werden, gab mir dann doch den nötigen Mut, um meinen Plan durchzuführen. Während das Ungetüm immer näher kam, rannte ich meinerseits auf es zu und ließ mich, als sein abstoßendes Gesicht kaum mehr einen halben Meter von mir entfernt war, in eine schlitternde Bewegung fallen, während ich das Cuttermesser in einem seiner klumpigen Füße versenkte. Wie ich gehofft hatte, lenkte der Schmerz die Kreatur ab und so gelang es mir tatsächlich, unter ihr hindurch schlitternd in den Flur zu gelangen. Ich konnte kaum glauben, dass mir dieses Manöver tatsächlich gelungen war, aber noch war ich nicht in Sicherheit. Die Tür war noch immer offen und auch wenn der Gesang nun Schmerzensschreien gewichen war, würde das Wesen sich schon bald erholt haben. Ich musste die Tür verschließen, bevor das geschah.

Dummerweise war mir der Zimmerschlüssel aus der Hand gerutscht und lag nun auf der anderen Seite des Flurs, direkt vor der Tür meines Schlafzimmers. Panisch stolperte ich auf den Schlüssel zu, während der Schrei des Wesens verstummte und mir die Geräusche, die ich vernahm, unmissverständlich klar machten, dass es meine Flucht bemerkt hatte. Endlich bekam ich den Schlüssel mit schwitzigen Fingern zu packen. Ich wandte mich wieder zur Tür und sah schon die grinsende Fratze vor mir, die ihre holzartigen Greifarme bereits in Richtung der Tür ausstreckte. Getrieben von einer Überdosis Adrenalin warf ich mich gegen die Tür, drückte sie zu und steckte den Schlüssel ins Schloss. Sofort spürte ich einen gewaltigen Gegendruck und rechnete jeden Augenblick damit, dass das Wesen die Tür in Stücke reißen oder zumindest wieder aufdrücken würde, aber irgendwie gelang es mir dennoch, den Schlüssel umzudrehen. Als ich daraufhin einen Schritt von der Tür zurücktrat, wackelte sie noch ein paar Mal gefährlich, bevor es mit einem Mal aufhörte.

Natürlich war ich deswegen erleichtert. Aber ich traute dem Frieden nicht. Ich konnte das Geschöpf auf der anderen Seite der Türe wütend atmen hören. Ich konnte seine Präsenz geradezu fühlen. Und ich war mir sicher, dass es einfach nur irgendeinen raffinierten und sadistischen Plan austüftelte, um mich dann in einem unaufmerksamen Moment doch noch zu packen und zu fressen.

Die nächsten Minuten jedoch geschah erst einmal nichts. Das heißt: fast nichts. Denn bald schon begann das Boten-Wesen wieder zu singen.

„SILENT NIGHT, HOPELESS NIGHT WE ARE HERE TO DROWN THE LIGHT OH YOU MOTHERLESS, LONELY CHILD WEEP AND NEVER FIND PEACE WEEP AND NEVER FIND PEACE“

Seine Stimme machte mich schier wahnsinnig und so beschloss ich zuletzt, mich doch wieder nach unten ins Wohnzimmer zu begeben. Das jedoch gestaltete sich weitaus schwieriger als gedacht. Denn inzwischen waren große Teile der Treppe – bis auf ein paar kleine saubere Bereiche – von dem schwarzen Schleim bedeckt und ich verspürte wenig Lust, ihm zu nahe zu kommen. Also hangelte ich mich mühsam von Lücke zu Lücke und brauchte auf diese Weise sicher fast fünf Minuten, um die Treppe zu bewältigen.

Unten sah es nicht viel besser aus. Pulsierende, schwarze Ströme der unbekannten Substanz zogen sich in komplizierten Mustern vom Treppenabsatz bis hinunter in mein Wohnzimmer, die Küche und das Badezimmer. Sie erstreckten sich nicht nur über den Boden, sondern auch über die Wände und die Möbel und krochen an vielen Stellen bereits die Decke hoch. Lediglich ein schmaler Streifen von meiner Haustür bis zu meinem Sessel war noch sauber. Die verzerrte Weihnachtsmusik hatte entweder aufgehört oder ich konnte sie einfach nur nicht mehr hören, da meine Anlage komplett unter dem seltsamen, pulsierenden Überzug verschwunden war. Dafür konnte ich nun umso besser den Gesang der Kreatur hören, die in meinem Arbeitszimmer eingesperrt war. Sie klang erschreckend selbstbewusst und fröhlich, nicht so, wie man es von einem Gefangenen erwarten würde.

In meiner wachsenden Panik, versuchte ich erneut die Haustür aufzubekommen, aber so sehr ich auch an ihr rüttelte oder mit beiden Fäusten dagegen hämmerte, es gelang mir auch diesmal nicht, sie aufzubekommen. Also schrie ich um Hilfe und brachte dabei meine Lungen und meine Stimmbänder an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Aber entweder war gerade niemand dort draußen, der mich hören konnte, oder die schwarze Substanz, die inzwischen auch alle Fenster überwuchert hatte, schluckte meine Schreie. Außer natürlich … gegen meinen Willen drängte sich mir noch ein dritter Erklärungsansatz auf. Vielleicht hörten die Leute ja meine Schreie doch. Vielleicht vernahmen Dutzende von Nachbarn und Passanten meine Hilferufe, während sie einkauften, spazieren gingen, ihr Haus dekorierten, Geschenke verpackten, ihre Kinder ins Bett brachten, aßen oder miteinander schliefen. Womöglich hörten sie es. Aber musste das auch bedeuten, dass sie mir helfen würden? Dass sie ihre wichtigen, zeitkritischen oder amüsanten Tätigkeiten wegen der Nöte irgendeiner Frau unterbrachen, die sie kaum kannten? Für eine unbedeutende Fremde? Für eine Verliererin? Für ein Stück Abfall?

Irritiert schüttelte ich den Kopf. Warum hatte ich das eben gedacht? Eigentlich war ich noch nie für mangelndes Selbstwertgefühl bekannt gewesen. „Reiß dich zusammen!“, sagte ich laut zu mir und tat mein Bestes, um meinem eigenen Rat zu folgen.

Ich dachte angestrengt darüber nach, was ich als Nächstes tun konnte, und kam erst jetzt auf den Gedanken, mein Handy zu benutzen. Wie dumm konnte man eigentlich sein? Entgegen meiner Befürchtungen hatte ich sogar Netz.

Sollte ich die Polizei einschalten? Aber was sollte ich ihr sagen? Ich konnte doch wohl kaum erzählen, dass ein monströser Paketbote in meinem Arbeitszimmer wartete und meine Wohnung in schwarzem Schleim versank. Aber vielleicht konnte ich ja irgendetwas erfinden. Hauptsache war doch, dass sie zu mir kamen. Der Rest würde sich schon irgendwie ergeben.

Also wählte ich die 110 und tatsächlich hob auch jemand ab.

„Hallo! H… hier ist Caroline Liefert, Hammerstraße 7. Da ist ein bewaffneter Mann in meinem Haus. Ich habe ihn im Arbeitszimmer eingesperrt, aber ich weiß nicht, wie lange ihn das aufhält. Bitte, kommen Sie schnell!“

Vom anderen Ende erhielt ich keine Antwort. Nur ein leises Knacken.

„Hallo! Hören Sie mich?“

Plötzlich drang eine dunkle, kalte, mir völlig unbekannte Stimme aus dem Hörer.

„Regen Sie sich ab! Es ist kurz vor Weihnachten. Gönnen Sie den Beamten doch mal ein bisschen Ruhe. Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest!“

„Waass?!“, schrie ich. „Sie verstehen nicht. Das ist kein Scherz, das ist kein verdammter Scherz.“ Aber der Beamte antwortete nicht. Mehr noch: Der Polizist – oder wer auch immer mein Gesprächspartner gewesen war – legte einfach auf. Tränen liefen meine Wangen hinunter. Ich versuchte es noch dreimal, bekam aber keine Antwort mehr.

Ich war der Verzweiflung nahe, aber noch nicht bereit, aufzugeben. Also rief ich Marion an. Sie war meine beste Freundin. Sie würde mir ganz sicher helfen.

Es kam ein Freizeichen. Dann noch eins. Und noch fünf weitere. Aber niemand ging ran. Also quatschte ich ihr meinen Hilferuf auf die Mailbox.

„Marion. Falls du mich hörst, bitte komm sofort zu mir nach Hause. Ich stecke hier ziemlich in der Scheiße. Es ist schwer, das am Telefon zu erklären, aber es geht um Leben und Tod.“

Nacheinander rief ich auch noch bei Anna, Jennifer, Lisa und zuletzt bei Vanessa an, die ich allesamt zusammen mit Marion auf dem Weihnachtsmarkt vermutete. In den ersten drei Fällen hörte ich zwar ein Freizeichen, sonst aber rein gar nichts. Trotzdem sprach ich ihnen auf den Anrufbeantworter. Erst bei Vanessa hatte ich mehr Erfolg, wenn auch anders, als ich es mir erhofft hatte.

Vanessa hob ab, aber sie meldete sich nicht, und als ich ihr panisch von meiner Notlage berichtete, erhielt ich keine Antwort. Jedenfalls nicht direkt. Stattdessen hörte ich, wie meine Freundinnen sich miteinander unterhielten.

„Schon wieder Caroline“, sagte Vanessa und klang dabei extrem genervt.

„Wie oft will die es eigentlich noch versuchen?“, fragte Jennifer. „Wann rafft die endlich, dass wir keinen Bock auf ihr Geplärre haben?“

„Wahrscheinlich nie.“, antwortete Anna und fuhr dann – in übertriebener Nachahmung meiner Sprechweise – fort. „Mimimimi, ich habe Angst. Mimimi, ich werde vergewaltigt. Mimimi da ist ein Mörder in meinem Haus. Mimimi ihr müsst kommen und mich retten.“

Alle lachten. Nur ich weinte und konnte nicht fassen, was ich da hörte.

„Du hast sowas von recht.“, sagte Lisa. „Die ist so aufmerksamkeitsgeil. Immer dreht sich alles nur um sie.“

„Exakt.“ stimmte Jennifer zu. „Immer will sie nur im Mittelpunkt stehen. Dabei ist sie nichts weiter als eine dumme, egozentrische, wertlose Bratze. Als hätte man den Matsch aus dem Rinnstein in ein Kleid gesteckt.“

Erneutes Gekicher. Der Magen drehte sich mir um und ich bemerkte nur am Rande, wie der Schleim mir immer näher kam. Mehr automatisch als bewusst wich ich zurück.

„Ich wünschte echt, sie könnte uns jetzt reden hören. Es ist so ermüdend, immer auf gute Freundin zu machen.“ sagte Marion und stach mit jedem Wort in mein Herz hinein.

Vanessa lachte. „Oh, das tut sie auch. Ich habe den Anruf angenommen und sie bekommt jedes Wort mit, das wir sagen.“

„Wie geil!“, sagte Anna kichernd.

„Hör mal zu, Caro-Schätzchen“ begann Marion. „Du kannst dir deine Bettelanrufe sparen. Wir haben hier gerade Spaß unter Freundinnen und falls du dich bislang auch dazu gezählt hattest, solltest du wissen, dass du im Grunde für uns alle nichts weiter bist als eine …“

Weiter kam sie nicht, da ich das Gespräch abbrach. Ich war vollkommen fassungslos. Dieser Anruf hatte mich mehr geängstigt, mehr erschüttert als all die schrecklichen Dinge, die zuvor geschehen waren. Das Monster, das dort oben auf mich wartete, ließ es sich nicht nehmen, mein Elend mit einem bescheuerten Weihnachtslied zu kommentieren.

„WHILE THE BLACK SNOW IS GLISTENING THEY WON’T HELP, ARE YOU LISTENING? A BEAUTIFUL SIGHT, YOU’RE LONELY TONIGHT, WEEPING IN A WINTERWONDERLAND!“

Sein Spott drang kaum zu mir durch. Vielleicht hatten meine Freundinnen – oder wohl eher vermeintlichen Freundinnen – recht. Vielleicht war ich nichts weiter als Matsch aus dem Rinnstein, was ja genau die Worte waren, die ich dem Paketboten an den Kopf geworfen hatte. Was hatte ich schon erreicht, das auch wirklich zählte? Was konnte ich schon besonders gut? Wer war ich überhaupt noch, ohne meine Freunde?

In tiefster Depression stolperte ich zurück auf den Sessel, auf dem der Paketbote gesessen hatte. Sein saurer Schweißgeruch klebte noch immer daran, aber das war mir fast egal. Ich ließ mich einfach fallen, am einzigen Ort, den sich der Schleim noch nicht einverleibt hatte. Selbst an der Decke klebte er nun bereits größtenteils. Erst wollte ich aufgeben, dem Wahnsinn und der Einsamkeit, die um mich herum wuchsen, einfach nachgeben, denn: Welchen Sinn hatte das alles noch? Aber dann fiel mir ein Mensch ein, auf den ich noch würde zählen können. Meine Mutter. Mit zitternden Fingern tippte ich auf ihre Nummer und während das Freizeichen erklang, dachte ich an all die Momente, in denen mich diese Frau schon aus der Scheiße gezogen hatte. Situationen, in denen ich verschuldet war, in denen ich – als Teenie – betrunken den Wagen der Mutter einer Freundin demoliert hatte, da diese mir den Freund ausgespannt hatte, und unzählige weitere peinliche und verfahrene Situationen. Eigentlich war ich wirklich eine ziemliche Katastrophe. Aber Mama würde mir helfen. Das tat sie immer. Auch wenn ich ehrlich gesagt auch nicht wusste, wie genau sie das diesmal anstellen sollte.

Nach dem vierten Klingeln ging sie ran. „Ja.“, sagte sie schroff.

„Hey, Mama. Ich bins, Caro. Ich … Ich weiß nicht, was ich tun soll. Es ist ein Mann hier, der mich umbringen will, und die Polizei will mir nicht helfen und Marion und die anderen auch nicht. Bitte, bitte komm vorbei! Bitte, ich flehe dich an, du musst mir …“

„Ach, muss ich das?“, fragte meine Mutter und fuhr dann in sarkastischem Tonfall fort. „Wenn Töchterchen mal wieder eines ihrer kleinen Probleme hat, muss ihre Mutter natürlich sofort angeflogen kommen. Ich habe ja auch kein eigenes Leben. Nein, ich lebe nur, um zu dienen. Und natürlich würdest du für mich das Gleiche tun. Zumindest, wenn du grad nichts Besseres zu tun hast“. Sie lachte höhnisch. „Weißt du was, ich komm vielleicht in ein paar Stunden mal vorbei, wenn ich das Buch hier zu Ende gelesen habe. Oder auch nicht. Lass dich am besten nicht töten, hab keine Lust, mich auch noch um deine Beerdigung kümmern zu müssen“. Dann legte sie auf.

Ihre Worte prallten wie Hammerschläge gegen meine angegriffene Psyche. Eigentlich hätte ich mir genau das denken können, was aber auch nichts daran änderte, dass das letzte bisschen Hoffnung aus mir entwich. Aus irgendeinem Grund war ich plötzlich jedem, wirklich jedem egal. Ich war allein. Vollkommen allein und gänzlich unwichtig. Kurz dachte ich darüber nach, Thomas anzurufen, aber ich brachte den Mut dazu nicht mehr auf. Immerhin konnte ich ja davon ausgehen, dass er mich genauso verachten würde, wenn es sogar meine eigene Mutter schon tat.

So saß ich auf dem Sessel und starrte auf den herankriechenden Schleim. Mit der Zeit erkannte ich Gesichter darin. Erst zufällig erscheinende Muster, dann aber auch detaillierte, hässliche, entstellte Fratzen. Sie machten mir Angst. Große Angst, aber diese Angst schaffte es nicht mehr, meine Starre zu lösen. Wohin hätte ich auch noch fliehen können? Noch schlimmer wurde es, als die Ungeheuer langsam bekannten Gesichtern wichen. Dem Gesicht meiner Mutter, dem von Marion, Lisa, Vanessa oder von Thomas. Viele der Gesichter lachten und ich wusste mit absoluter Gewissheit, dass sie über mich lachten.

„Aufhören“, verlangte ich schwach, beinah flüsternd. Aber sie hörten nicht auf. Inzwischen hatte der Schleim meine Füße erreicht und ich spürte, wie er durch meine Schuhe drang. Kalt und nass wie schmutziger Schnee. Er würde mich nach und nach verschlingen, würde mich begraben und ersticken. Ich wollte das natürlich nicht. Aber es war beinah, als würde die Substanz meinen Fatalismus nur noch verstärken. Auf dem Schleim liefen – wie Surfer auf einer Welle – nun auch noch Insekten. Es waren Hunderte, Tausende, die sich zielstrebig auf mich zubewegten. In ihrer Masse aus wimmelnden, dunklen, harten Leibern entdeckte ich sogar die halb zerbissene Kakerlake, die ich mit dem Apfel gegessen hatte.

Noch einmal bäumten sich Ekel und Angst in mir auf. Irgendetwas in mir wollte sich noch immer wehren und bis zuletzt kämpfen. Aber der Rest von mir hörte nicht darauf. Ich war wie ein machtloser Passagier in meinem eigenen Körper. Gelähmt von einer Kraft, die nicht meine Muskeln betraf, sondern meinen Willen. Während ich so dasaß und meinem Ende entgegensah, während die Menschen dort draußen sich ohne mich prächtig amüsierten und mein Haus zu einer alptraumhaften Grabkammer mutierte, fiel mein Blick auf den Tannenbaum. Er war noch nicht überwachsen und so sah ich dort die wunderschöne, perlenbesetzte schwarze Christbaumkugel, die vor gerade einmal zwei Stunden auf meiner Türschwelle gelegen hatte.

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Warum habe ich nicht früher daran gedacht? Mit ihr hatte alles begonnen. Sie hat dieses Desaster angerichtet, aber ich war die ganze Zeit über zu blind, zu verängstigt und zu dumm, um diesen Zusammenhang zu erkennen. Wenn ich sie nur zerstören könnte. Wenn ich sie nur mit meinem Handy treffen und zerschmettern könnte, wäre vielleicht endlich alles vorbei. Aber so sehr ich mich auch darum bemühte, mich zu bewegen, so blieb ich doch untätig.

Auf einmal drang ein kalter Luftzug an meine Wange und ich hörte, wie die Tür von außen geöffnet wurde. War das meine Mutter? Eine meiner Freundinnen? Die Polizei? Hatten sie sich letztlich doch entschlossen, mir zu helfen? Diese Vorstellung gab mir noch einmal etwas Kraft, wenn auch leider nicht genug, um die Kugel zu zerstören. Immerhin konnte ich meinen Kopf in Richtung der Tür drehen. Was ich dabei sah, konnte ich kaum glauben: Es war ein Mann in der Uniform eines Paketboten, der dem Monster, welches ich oben eingesperrt hatte, sehr ähnelte. Zumindest, wenn man alles monströse subtrahierte. Er war ein ganz normaler, schlanker, übermüdeter Mann mittleren Alters, mit dunkelbraunen, aber bereits von grauen Strähnen durchzogenen schulterlangen Haaren, hellgrünen Augen und Dreitagebart. Unter seinem Arm trug er ein großes Paket.

„Frau Liefert, richtig?“, fragte er förmlich.

Ich wollte ihm antworten, aber mein Mund weigerte sich, die entsprechenden Worte zu formulieren. Der Mann trat ein und schloss die Tür hinter sich, wobei der Schleim, dessen erbarmungslosen Griff er offensichtlich problemlos hatte sprengen können, sie sofort wieder versiegelte, und ging mit gemessenen Schritten auf mich zu.

„Zuerst muss ich mich bei Ihnen entschuldigen.“, sagte er und klang dabei beinah aufrichtig. Er nahm das Paket in seine Hände und stellte es auf dem schwarz überwucherten Tisch ab. Die Insekten schienen sich nicht weiter um ihn zu kümmern und krochen unbeirrt auf mich zu. Einige Tausendfüßler und eine fette Spinne hatten bereits meine Beine erreicht.

„Leider konnte ich Ihre Lieferung erst verspätet zustellen.“ Jetzt sah ich es auch. Auf dem Paket stand meine Adresse und der Name des Shops, bei dem ich Thomas‘ Geschenk bestellt hatte. Immerhin musste ich mir darüber keine Gedanken mehr machen. Andererseits hatte ich, nun, wo die Tausendfüßler bereits meinen Hals hoch krochen und weitere Insekten ihren Aufstieg begannen, auch andere Sorgen.

„Eigentlich hätte ich sie gar nicht mehr zustellen sollen. Man hat mich nämlich gefeuert, müssen Sie wissen.“ Das Lächeln, welches er präsentierte, war an der Oberfläche freundlich. Aber darunter lauerte etwas zutiefst Wütendes, Enttäuschtes, Wahnsinniges.

„Eine Kundin war anscheinend nicht zufrieden mit meiner Leistung. Oh nein, so gar nicht zufrieden.“ Er beugte sich zu mir vor und sah mir dann direkt in die Augen. Er roch nach Alkohol. Nicht nach viel, aber dennoch hatte er kürzlich getrunken. „Sind Sie jetzt zufrieden?“, fragte er mich.

Als ich nicht reagierte, nickte er wissend und machte eine verwirrende Geste mit der rechten Hand. Plötzlich konnte ich mich wieder bewegen. Zumindest meinen Mund. Weglaufen oder meine Hände bewegen, konnte ich nach wie vor nicht, obwohl ich das angesichts der vielen kleinen Füße auf meiner Haut nichts lieber getan hätte.

„Mein Fehler. Ich hatte ja fast vergessen, dass sie gerade eine wehrlose Schaufensterpuppe sind. Fast wie ich“, sagte er und kicherte kurz. „Also, sind sie zufrieden, Caroline“, wiederholte er seine Frage.

„Nein.“, sagte ich wahrheitsgemäß und mit gebrochener Stimme. „Nein, das bin ich ganz und gar nicht.“ Ich sprach schnell, um den Tausendfüßlern nicht die Gelegenheit zu geben, in meinen Mund zu gelangen. Das schaffte ich zwar, aber ich konnte nicht verhindern, dass die Spinne ihre dürren Beine in mein rechtes Ohr schob. Ein Schaudern ging durch meinen ganzen Körper.

„Das ist gut.“, sagte er. „So sollte es sein.“ Sein Lächeln war an Hohn nicht zu überbieten. „Wissen Sie, wenn ich nicht ins Lager eingebrochen wäre, hätte Ihnen wohl jemand anders Ihr Paket gebracht. Aber das konnte ich nicht zulassen.“ Plötzlich verschwand das irre Lächeln aus seinem Gesicht und er klang nun gleichermaßen wütend und ernsthaft.

„Sie haben mir sehr wehgetan, Caroline. Dieser Job ist ein Haufen Scheiße, aber er war alles, was ich noch hatte. Der Matsch aus dem Rinnstein – so hatten Sie es doch formuliert, nicht? Vielleicht bin ich das. Zumindest fühle ich mich an fast jedem Abend so. Wissen Sie, wie wenig ich verdiene? Wissen Sie, wie lückenlos jeder meiner Arbeitsschritte überwacht wird? Wissen Sie, wie viele Stunden ich Pakete ausliefern muss, bei jedem Wetter, und wenn es nach meinen Sklaventreibern geht, auch dann, wenn ich krank bin? Haben Sie überhaupt nur die geringste Ahnung, WIE VERDAMMT KNAPP MEIN BESCHISSENER ZEITPLAN IST?“ Sein Speichel flog auf mich zu, aber zumindest konnte ich den Kopf wegdrehen. Seine Wut ebbte etwas ab und seine Stimme wurde ruhiger. „Nein, das wissen Sie nicht. Alles, was Sie interessiert, ist, dass sie Ihren hübschen Kram bekommen. Günstig, versandkostenfrei und am besten schon vorgestern. Es ist Ihnen völlig egal, von wem und unter welchen unwürdigen Bedingungen er produziert wird, und es ist Ihnen noch viel egaler, welcher gesichts- und namenlose Diener es Ihnen liefert. Hauptsache, Sie können sich an Ihrem Scheiß erfreuen oder ihn weiterverschenken und dafür ein geheucheltes Dankeschön ernten, während sie fröhlich ihren Glühwein kippen.“

Er unterbrach kurz seine Tirade und atmete tief durch. Ich schloss die Finger fester um das Smartphone in meiner Hand und riskierte einen kurzen Blick zur Christbaumkugel, was angesichts einer ganzen Horde von Ameisen, Gottesanbeterinnen und Käfern, die inzwischen mein Gesicht bevölkerten, nicht einfach war. Aber ich spürte ohnehin, das ich nicht die Kraft hatte, zu handeln. Zumindest noch nicht.

„Aber es ist okay“, sagte er, wobei seine Stimme plötzlich wirklich verständnisvoller klang, beinah entspannt. „Niemand von uns ist perfekt, nicht wahr? Und ja, auch ich profitiere oft genug von der seelenzermürbenden und gesundheitszerstörenden Arbeit anderer. Wahrscheinlich tut das jeder in unserer Gesellschaft. Und letzten Endes ist kaum jemand von uns fehlerfrei. Das muss man verstehen, oder etwa nicht?“

Ich nickte, was mir sicherer erschien als zu sprechen. Wahnsinnige sollte man nicht reizen. Vor allem, wenn man sich selbst praktisch nicht bewegen kann.

„Ah, Sie sehen das also genauso? Interessant. Dann frage ich mich, warum Sie mich dann wie ein Stück Scheiße behandeln, weil ich einmal nicht perfekt nach Ihrer Pfeife getanzt habe. Bin ich etwa kein Mensch? Habe ich etwa kein Recht auf Fairness? Auf RESPEKT?!?“

Das letzte Wort spie er mir wie einen Giftpfeil entgegen.

„Doch, natürlich …“, versuchte ich mich nun doch an einer verbalen Antwort, und schluckte dabei drei Ameisen und einen kleinen Käfer. Tiefer Ekel erfüllte mich. Trotzdem honorierte er meine Bemühungen nicht. Anscheinend war er nicht auf einen echten Dialog aus.

„Versuchen Sie gar nicht erst, sich da rauszureden. Sie haben keinen Respekt. Für niemanden, nicht mal für sich selbst. Sonst wäre es unter Ihrer Würde. andere so zu behandeln. Kein Wunder, dass Sie so allein sind. Haben sie überhaupt begriffen, WIE allein sie sind? Wie unwichtig? Haben Sie es endlich verstanden.“

„Ich bin nicht allein!“, widersprach ich, wenn auch nur, um diesem Wichser irgendwas entgegenzuschleudern. Das weitere ungebetene Passagiere in meinen Mundraum krochen und ich sie mit der Zunge zerdrücken musste, um zu verhindern, dass sie sich auf den Weg in meine Luftröhre begaben, nahm ich in Kauf.

„Oh doch, das sind Sie. Und das wissen Sie auch.“, erwiderte der Bote. „Aber ohne die Sphäre von Gwan Ahn – oder die Sphäre der Enthüllung, wie sie manche nennen – hätten sie es wahrscheinlich nie begriffen. Ich muss zugeben, ich hätte anfangs nie erwartet, dass sie wirklich funktioniert, und selbst als ich es wusste, habe ich lange gezögert, sie einzusetzen. Meine Großmutter hatte mich davor gewarnt, müssen Sie wissen. Aber ihre Absurdität von einer Beschwerde hat das Fass zum Überlaufen gebracht und hinzukam, dass die Sphäre nur in den letzten zehn Tagen des Jahres funktioniert. Fragen Sie mich nicht, warum. Wahrscheinlich geht es eher auf irgendwelche uralte heidnische Magie zurück als auf das Weihnachtsfest, auch wenn die Idee, sie als Christbaumkugel zu tarnen, sicher nicht mein schlechtester Einfall war. Jedenfalls ist das, was sie vermag, recht eindrucksvoll, oder nicht? Doch, doch, das ist es. Die Sphäre hat es mir gezeigt. Sie hat eine Verbindung zu unserer Familie, die sie mental mit uns verknüpft, wenn sie aktiviert ist. Also weiß ich, dass es eindrucksvoll war. Mit der Verkörperung meiner dunklen Seite haben sie ja bereits Bekanntschaft gemacht. Und mit der Fäulnis in ihrem Inneren auch. Immerhin sind sie ja davon umgeben.“

Er lachte böse und eine ungeahnte Wut flutete meinen Körper.

„Die Fäulnis in MEINEM Inneren?“, schrie ich und spuckte dabei einige Insektenstücke aus. „SIE sind der Psychopath, der wegen einer blöden Beschwerde irgendwelche Monster beschwört, um mein Leben zu zerstören, nicht ich!“

„Sie verstehen nicht. Das sind nicht ‚irgendwelche‘ Monster. Das sind Abbilder des Unterbewussten, der verborgenen Wahrheiten. Ich mag kein Mann ohne Fehler sein. Nein, das bin ich ganz gewiss nicht. Sonst hätte die Kugel nicht einen solchen Zwilling von mir erschaffen, wie den, den sie in ihrem Arbeitszimmer eingesperrt haben. Aber wie ich meine eigene Verderbtheit nicht leugnen kann, so ist auch die Ihre evident. Der schwarze Schleim, diese putzigen Insekten, die verfaulten Äpfel, die veränderten Weihnachtslieder. Das alles sind Ausprägungen Ihrer eigenen Dekadenz und Ignoranz. Genau wie die Reaktionen Ihrer Familie und Ihrer sogenannten Freundinnen dem entsprechen, was sie wirklich denken. Nicht an der Oberfläche, gewiss, aber in ihrem tiefsten Inneren. Die Sphäre zeigt Ihnen die Wahrheit. Schonungslos, grell und zugespitzt, aber dennoch bleibt es die Wahrheit.“

In diesem Moment zerriss etwas in mir. Und auch wenn ich befürchtete, dass sie nicht das Einzige waren, was dabei zerstört wurde, so zerrissen immerhin auch meine mentalen Fesseln.

Ich zögerte keine Sekunde und schleuderte das Handy ansatzlos an dem Boten vorbei auf die Kugel (oder Sphäre). Erst sah es so aus, als würde ich sie verfehlen, aber dann traf sie doch die Christbaumkugel (die Sphäre von Gwan Ahn) und zerschmetterte sie in tausend kleine Scherben.

Fast im selben Moment wuchs Entsetzen auf dem Gesicht des Paketboten. „Was haben Sie getan?“

„Ihre beschissene Teufelskugel zerstört!“ Zufrieden stelle ich fest, dass ich mich wieder ganz normal bewegen konnte, streifte und schüttelte angewidert die meisten der zudringlichen Insekten ab, und griff mir das Cuttermesser, dass ich neben mir auf den Tisch gelegt hatte. „Und jetzt verlassen Sie für immer mein Haus oder ich steche Sie ab!“ verlangte ich.

Er reagierte nicht auf meine Worte. „Sie Wahnsinnige!“, rief er nur. „Haben Sie auch nur die geringste Vorstellung davon, was sie da angerichtet haben?“

„Und ob! Ich habe Ihre Psychofesseln abgestreift und Ihr Sadistenspielzeug in winzige Einzelteile zerlegt. Ich kann mich nun wieder frei bewegen, wie Sie sehen und dieser Alptraum ist endlich …“ Dann kam ich selbst ins Stocken. Ich hatte fest damit gerechnet, dass der schwarze Schleim verschwinden würde, dass die Insekten verschwinden würden, dass alles wieder so werden würde wie zuvor. Stattdessen sah ich, wie die Substanz sich aufbäumte und sich wie eine langsame, aber unerbittliche Welle auf uns zubewegte, während auch die Insekten, die bislang abgewartet hatten, ihre Zurückhaltung aufgaben und sich ihr anschlossen. Panisch blickte ich über meine Schulter und sah, dass von der anderen Seite des Raumes eine zweite Welle auf uns zukam.

„Begreifen Sie es jetzt?“, sagte der Bote mit sich überschlagender Stimme, „die Kugel hat diese Erscheinungen für sie real werden lassen, ja. Aber Sie können es ebenso wenig beenden, indem Sie sie zerstören, wie Sie ein laufendes Atomkraftwerk dadurch unschädlich machen können, dass Sie ein Flugzeug hineinkrachen lassen. Ich hätte es für Sie beendet, verdammt nochmal. Ich wollte Ihnen nur eine Lektion erteilen. Ich wollte mir nur etwas Respekt verschaffen.“

„Wie zum Teufel hätte ich das wissen sollen?“, antwortete ich empört. Plötzlich erklang von oben ein lautes, splitterndes Geräusch. „Was war das?“, fragte ich ängstlich und kannte doch bereits die Antwort.

Der Blick des Paketboten war jenseits von Angst. Er war in einer Zone, in der Angst wie eine Erholung wirken musste. „Bevor sie die Sphäre zerstört hatten, waren all das hier Illusionen. Realistisch, furchterregend, täuschend echt. Aber doch Illusionen“, sagte er gepresst, während ich sah, wie ein Ruck durch das Geländer meiner Treppe ging. „Jetzt nicht mehr“, fügte er hinzu, während die ersten Käfer wieder meine Beine hochkrochen und in mein Fleisch bissen. Anders als vorhin schienen sie keine Zurückhaltung mehr zu kennen und auch der schwarze Schleim wuchs und wucherte mit immer größerer Geschwindigkeit.

Von oben erklang eine bekannte Stimme, die aus vollen Lungen sang:

„IT DOESN’T SHOW SIGNS OF STOPPING AND I’VE BROUGHT SOME CORN FOR POPPING THE LIGHTS ARE TURNED WAY DOWN LOW LET IT GROW, LET IT GROW, LET IT GROW“

Ich versuchte panisch, die Insekten loszuwerden, aber es kamen immer mehr. Gleichzeitig warf ich einen Blick auf die Tür und die Fenster und stellte fest, dass sie nun alle gänzlich zugewuchert worden waren. Wir waren rettungslos gefangen. Und das war nicht das einzige Problem.

Ich konnte bereits die astartigen Greifarme des monströsen Boten sehen, die sich beherzt um das Geländer schlangen.

Der menschliche Paketbote hingegen ergriff meine Hand und sah mich zutiefst traurig an. „Es tut mir leid. Ich hätte nicht …“ sagte er, während der Kopf seines Zwillings in unser Blickfeld geriet. Dann fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu: „Ich wünsche Ihnen schon einmal ein frohes Fest. Ich glaube nicht, dass wir den Heiligen Abend noch erleben werden.“

Ich sah keinen Anlass, ihm zu widersprechen.

Und während die Welle aus Alpträumen uns unter sich begrub und der böse Zwilling des Boten seine höhnischen Lieder sang, dachte ich noch, dass ich froh sein konnte, dass ich mich dem größten Schrecken von allen nicht mehr würde stellen müssen. Dem Schrecken, der an Weihnachten besonders grausam wütet und den jeder von uns das ganze Jahr über bekämpft, so gut er kann: Der Gewissheit, ganz allein auf dieser Welt zu sein.

STILLSTE NACHT

Der Flocken Masse klatscht ins Meer

Der Winter fraß die Speicher leer

Hier an der Küste rau und kalt

Ächzt jedes Haus in Gottgewalt

Das Mahl am Tisch noch unberührt

Ein blasser Mann am Feuer friert

Sein Spiegelbild scheint unvertraut

Die Stirn voll Schweiß, das Herz klopft laut

Die Lippen singen rau ein Lied

So wie’s Stunden nun geschieht

So kratzig ist die Kehle schon

vom zitternd müden Bariton

Er wartet in der Einsamkeit

Hat von den Liebsten sich entzweit

Um sie zu schützen vor der Last

Die schon seit Wochen ihn erfasst

In seinen Ohren türmen sich

Abscheulich, fremd und fürchterlich

Die Stimmen, die er lang schon hört,

Die fast den müden Geist zerstört

Raunen in Worten unbekannt

Verzerrt, verworren bar Verstand

Von Dingen, die man niemals fand

Und einem pestgetränkten Land

Tief dröhnend dort vom Kirchenschiff

Wie eine Woge stirbt am Riff

Eilt segensschwerer Schall herbei

Beschwingt sein Herz, belebt es neu

Der tiefe Ton drückt’s Raunen nieder

Erhebt die angstgefror’nen Glieder

Als er sich aus dem Haus bewegt

Nahe dem algenfeuchten Steg

Die gottgegeb’ne Stunde naht

Ein weit’rer Schritt auf jenem Pfad,

Der ihm klar vorgezeichnet war

Seit jener alte Archivar

Sich seiner Bitte hat erbarmt

Nachdem er strengstens ihn gewarnt

Ihm jenes Buch hat offenbart

Von kaltem Wort und alter Art

Darin war in verworr’ner Schrift

Die Rede von der Stadt am Riff

In der ein alter Priester wohnt

Der jeden Pilg’rer reich belohnt

Der jeder Seele Frieden schenkt

Sei sie auch tief in Leid getränkt

Und Stille süß und angenehm

Um Lärm und Aufruhr zu entgeh’n

Die Kirche ragt vor ihm empor

Im Schneegestöber brummt sein Ohr

Fühlt von der Glocke sich umgarnt

Die dröhnt und lockt und schwingt und warnt

Der weiche Schnee schluckt jeden Klang

In ihm erblüht ein wilder Zwang

Zu eilen hoch zum Gottesheim

Das ihm den Ausweg schenkt allein

Noch immer singt er seine Lieder

Daheim hallen dieselben wieder

Wo seine Liebsten ihn verachten

Am Tage vor den stillen Nachten

Die kalte Salzluft reizt die Kehle

In seiner Näh’ weilt keine Seele

Nur eine Möwe schreit verlor`n

Über die Qual in seinen Ohr’n

Mit jedem Schritt, den er vollbringt

Der Chor des Schreckens lauter klingt

Als sei’s der Plan der Wahngestalten

Ihn zwingen, zitternd einzuhalten

Zu sterben frierend hier im Schnee

Unweit der winterlichen See

Wo irgendwo im trüben Wind

Noch Hoffnung, Heil und Leben sind

Doch bitter stemmt er sich dagegen

Hält durch auf tonnenschweren Wegen

Erklimmt den Hügel Stück für Stück

Bis er die Klinke greift und drückt

Das Kirchenschiff ist morsch und feucht

Getaucht in dämmriges Geleucht

Von Kerzen dick und fast verbrannt

Auf grauen Fliesen klebt der Sand

Kaum Licht von Draußen dringt herein

In dieses kleine Gottesheim

Vorn am Altar ein hag’rer Greis

Ihm abgewandt zitiert er leis

Mit heil’ger selbstvergess’ner Wucht

Einen ihm nicht bekannten Spruch

Der salbvoll klingt von Wand und Dach

Wie ein aus Gott entsprung’ner Bach

„Die Welt ist eine harte Gunst,

Ein Stein in eines Dieners Hand,

Der wächst und wuchert unverwandt

In seiner trüben Tage Dunst.

Doch nicht zum Bauen ist er ihm

Von höchster Macht gegeben

Nur wer ihn schleudert ungestüm

Kann wahres Sein erstreben

Wer sich nicht scheut, die Saat zu brechen

Noch eh der Winter sich verzieht

Und alles Falsche zu erstechen

Auf das die Pracht der Nacht erblüht“

Der Mann er grüßt den Priester laut

Als seine Worte enden

Er dreht sich um und hält ein Buch