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Regel Nr. 1 für einen Urlaub mit Freunden: Verlieb dich nie in den Gastgeber!
Ein Sommer in den Hamptons, das klingt nach Strand, Eiscreme und Badevergnügen. Die Realität, in der Anna im Urlaub mit der Familie ihrer Schwester und deren Freunden gelandet ist, sieht leider anders aus. Annas Urlaubsbegleiter zanken über alles: ob die Kinder beim Essen fernsehen dürfen, ob rohe Zucchini giftig und Pools gefährlich sind. Allein ihr Gastgeber, der attraktive Bestseller-Autor Kilian Brand, hält sich aus allem heraus. Keiner der Gäste weiß so recht, warum er sie in das traumhafte Haus am Strand eingeladen hat. Anna will der Sache mit detektivischem Geschick auf den Grund gehen. Dabei ist es allerdings nicht gerade hilfreich, dass sie in Kilians Nähe nicht klar denken kann ...
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2022
Regel Nr. 1 für einen Urlaub mit Freunden: Verlieb dich nie in den Gastgeber! Ein Sommer in den Hamptons, das klingt nach Strand, Eiscreme und Badevergnügen. Die Realität, in der Anna im Urlaub mit der Familie ihrer Schwester und deren Freunden gelandet ist, sieht leider anders aus. Annas Urlaubsbegleiter zanken über alles: ob die Kinder beim Essen fernsehen dürfen, ob rohe Zucchini giftig und Pools gefährlich sind. Allein ihr Gastgeber, der attraktive Bestseller-Autor Kilian Brand, hält sich aus allem heraus. Keiner der Gäste weiß so recht, warum er sie in das traumhafte Haus am Strand eingeladen hat. Anna will der Sache mit detektivischem Geschick auf den Grund gehen. Dabei ist es allerdings nicht gerade hilfreich, dass sie in Kilians Nähe nicht klar denken kann …
Nina Resinek, 1977 in Toronto geboren, hat sieben Jahre als Rechtsanwältin in einer großen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt am Main gearbeitet. Nun lebt sie mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ein paar erfundenen Haustieren in Siegen. »Dich hab ich nicht kommen sehen« ist ihr erster Roman.
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen
Originalausgabe
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Laura von Altrock, Köln
Einband-/Umschlagmotive: © shutterstock: TairA | Bonitas | Regina Bilan | Eisfrei
Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7517-2108-0
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Für meine Eltern
Das ist kein Traum. Meine Träume sind anders. Ich träume von Pythons und brennenden Deckenbalken, die auf mich herabstürzen, aber nicht von Schatten. So etwas Subtiles käme meinem Unterbewusstsein nicht in den Sinn. Diese Schattenbäume, die mich gerade umgeben und mir eine Höllenangst einjagen, müssen echt sein. Außerdem hat man im Traum keinen Splitter im Fuß, oder? Wer weiß …
Ich bin nicht wirklich gut darin, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Schlafwandler wie ich tun sich damit traditionell schwer. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich mich überhaupt Schlafwandlerin nennen darf. Eigentlich wandle ich nicht. Ich sprinte. Es läuft immer mehr oder weniger gleich ab. Zuerst träume ich einen der beiden Albträume, die sich im beschränkten Repertoire meines Gehirns befinden, also entweder von den brennenden Deckenbalken oder von den Pythons. Dann werfe ich die Bettdecke beiseite und sprinte los. Bis ich aufwache.
Ich glaube, so war es auch heute, aber ich könnte es nicht beschwören. Es ist schwierig, sich an Träume zu erinnern, während man mitten in der Nacht halbnackt im Central Park steht. Es muss der Central Park sein – zumindest, wenn das hier kein Traum ist. Denn in der Realität besuche ich gerade meine große Schwester Johanna in New York, und die wohnt in der Upper West Side, nur einen Häuserblock vom Central Park entfernt.
Zum Glück ist kein Mensch in Sicht. Niemand, der mich für drogenabhängig oder irre halten könnte. Wahrscheinlich würde man mich auf die Wache bringen. (Die Wache … Solche Wörter fallen mir nur in Amerika ein.) Der Gedanke an die Wache ängstigt mich noch mehr als die Schattenbäume. Als polizeilich registrierte Schlafwandlerin dürfte ich künftig bestimmt nicht mehr einreisen. Nie wieder Manhattan, nie wieder Leni und ich und Manhattan … Ich fange an zu rennen und hoffe, dass es der richtige Weg ist. Raus aus dem Park, zu Johanna.
Der Asphalt, der mir tagsüber beim Inlineskaten vollkommen glatt vorkam, sticht schmerzhaft in meine nackten Fußsohlen, und ich stolpere ein paarmal in der Dunkelheit, bevor hinter einer Kurve die ersehnte Straßenlaterne auftaucht. Es ist, als hätte jemand die Nachttischlampe angeschaltet. Plötzlich gibt es keinen Zweifel mehr, dass dieser Albtraum Wirklichkeit ist, und ich weiß auch haargenau, wo ich mich befinde. Es sind nur ein paar Meter bis zum Bürgersteig und zur Central Park West, der Straße, die ich überqueren muss, um zu Johannas Haus zu gelangen.
Ich renne kopflos über die Straße und werde beinahe von einem Taxi überfahren. Panisch laufe ich weiter, schnell weg hier. Ich sehe mich schon mit dem Taxifahrer auf der Wache, in eine stinkende Wolldecke gehüllt, die schon wer weiß wen gewärmt hat. Kalt ist es übrigens nicht. Der Officer, der mir gerade vorschwebt, hat mir die Stinkedecke nur aufgedrängt, weil ich nichts trage als eine Unterhose und ein sehr dünnes weißes Unterhemd.
Es ist unfair, dass ich ausgerechnet heute in den Central Park sprinten musste. Normalerweise schlafe ich nämlich in Boxershorts und blickdichtem T-Shirt. Doch gestern ist Johannas Klimaanlage kaputtgegangen, und dieser Juli ist selbst für New Yorker Verhältnisse besonders schwül. Wäre ich nicht Schlafwandlerin, hätte ich nackt geschlafen. Das Unterhemd war ein Kompromiss, Oliver zuliebe. Oliver ist Johannas Mann und muss mich wirklich nicht nackt sehen.
Oliver war tatsächlich der einzige Risikofaktor, der mir in puncto Nacktheit eingefallen war. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass mich mein Sprint über Johannas Türschwelle ins nächtliche Manhattan befördern könnte. Das liegt daran, dass Johanna mich wie ein Schießhund bewacht. Wenn ich bei ihr zu Besuch bin, achtet sie peinlich genau darauf, die Haustür abends zweimal von innen abzuschließen, den Schlüssel abzuziehen und ihn in ihrer Nachttischschublade zu vergraben.
Johanna ist neun Jahre älter als ich. Sie war das Einzelkind, das sich meine Eltern gewünscht haben. Und dann, als sie schon mit einem Bein im Gymnasium und aus dem Gröbsten heraus war, kam ich. Meine Eltern haben sich einigermaßen Mühe gegeben, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich spüre einfach, wenn mir jemand meine bloße Existenz krummnimmt. Sie hatten nicht einmal richtig Lust dazu, einen Namen für mich auszusuchen. Also haben sie die letzten vier Buchstaben aus Johannas Namen genommen. Ich war schon immer nur ein Bruchteil von ihr. Johanna würde mich korrigieren: »Du warst schon immer ein Teil von mir.« Ohne meine Schwester wäre ich wahrscheinlich drogenabhängig oder irre geworden. Inzwischen bin ich vierundzwanzig, aber sie versucht nach wie vor, mich vor allem zu beschützen.
Die Sache mit Kilian Brand muss sie sehr aufgewühlt haben, anderenfalls hätte Johanna niemals vergessen, die Haustür abzuschließen. Es war schon ziemlich untypisch für sie, als sie gestern Abend von der Arbeit nach Hause kam und mit zerzaustem Haar in Straßenschuhen – dafür hätte sie Leni und mich gekreuzigt – ins Wohnzimmer rauschte und atemlos »Wir sind eingeladen!« rief.
Oliver, Leni und ich saßen am Esstisch und bastelten Raupen aus bunten Pomponbällen. Bevor wir Hallo sagen konnten, wiederholte Johanna völlig aus der Puste: »Wir sind eingeladen!«, und ließ sich aufs Sofa plumpsen.
Leni lief sofort zu ihr und rief auf Verdacht: »Super!« Sie umarmte ihre Mutter und kletterte auf ihren Schoß.
»Ich muss das absagen«, keuchte Johanna, woraufhin Leni auf Verdacht das große Jammern anstimmte.
Oliver setzte seine Brille ab und massierte sich den Nasenrücken. »Kannst du uns vorher vielleicht noch verraten, bei wem wir überhaupt eingeladen sind?«
»Bei Kilian Brand.«
Ich wäre gern so cool wie die fünfjährige Leni gewesen, die beim Klang des Namens offenbar nur Kein Kindergeburtstag dachte und ihr Jammern sofort einstellte. Ich dagegen spürte meinen Herzschlag plötzlich im Hals und konnte meine Schwester nur sprachlos anstarren.
Kilian Brand war der Grund, weshalb ich gestern nur einen Tag nach meiner Ankunft den ganzen Nachmittag an diesem Esstisch gesessen und auf Johanna gewartet hatte, anstatt all meine geheimen Lieblingsorte in Manhattan aufzusuchen. Am Morgen beim Frühstück hatte sie ganz beiläufig erwähnt, sie würde mit Kilian Brand zu Mittag essen. Mit ihrer Beiläufigkeit lag Johanna ziemlich weit oben auf der Angeberskala. Sie wusste genau, dass ich alle seine Bücher mehrfach gelesen hatte und bei jedem Schritt durch diese Stadt davon träumte, ihm über den Weg zu laufen. Und nun traf sie ihn einfach so, um ihn zu einer Lesung im Goethe-Institut zu überreden. Den deutschen Bestsellerautor, der seit letztem Herbst in New York lebte. Den ich schon mit sechzehn gelesen hatte, als sich noch kein Mensch für ihn interessierte, auch meine Schwester nicht. Die nun seine Einladung absagen wollte.
Zum Glück war Oliver fast so ein Bücherjunkie wie ich und sagte genau das, was ich sagen wollte: »Erzähl.«
Johanna schob Leni von ihrem Schoß. »Du zerknitterst meine Hose.«
Das kleine rothaarige Mädchen rollte mit den Augen und setzte sich wieder zu uns an den Tisch. »Die weiche Puppe und die nackte Puppe wollen mit Rosalie Finn-Rosalie eine Raupenfarm aufmachen und …«
»Schhhhh, Leni«, kam es aus meinem Mund. So etwas Unfreundliches hatte ich noch nie zu ihr gesagt. Leni und ich ziehen immer an einem Strang. Sie wurde mucksmäuschenstill und fixierte mich mit fragenden Augen, während ihre Mutter von Kilian Brand erzählte.
Das gemeinsame Mittagessen war ins Wasser gefallen. Er hatte kurzfristig abgesagt, und Johanna hatte ihn schon abgeschrieben, als er vor zwei Stunden anrief und einen Kaffee am Union Square vorschlug. Es war toll gewesen. Sie hatten mit ihren Kaffeebechern auf einer Parkbank gesessen und geplaudert wie alte Freunde.
Oliver runzelte die Stirn. »Wie alte Freunde? Worüber denn?«
»Dass wir uns schon zweimal begegnet sind und ich es trotzdem noch nicht geschafft habe, eine Lesung im Goethe-Institut mit ihm zu organisieren.«
Ich war beeindruckt. Wäre ich an Johannas Stelle gewesen, hätte ich den Zweck des Treffens in der Sekunde vergessen, in der Kilian Brand um die Ecke gebogen war. Hatte es überhaupt eine Ecke gegeben, oder hatte er bereits auf der Parkbank gesessen, oder war er von einem Baum gefallen? Hatte er dabei schon zwei Kaffeebecher in den Händen gehabt? Wie hatte er ausgesehen? War er wie einer dieser betont lässigen Millionäre in kaputten Jeans erschienen oder vielleicht sogar im Jogginganzug? Hatte er gelächelt? Einmal, zweimal, nie? Alles Fragen, die ich nicht stellen konnte. Zu aufgeregt.
»Aha, richtig persönliche Themen also«, bemerkte Oliver trocken, aber Johanna beachtete ihn nicht und fuhr fort: »Es war unglaublich, er hat sofort zugesagt. Das Gespräch hat maximal eine Stunde gedauert.«
»Alte Freunde kommen halt schnell auf den Punkt«, warf Oliver ein und klebte zwei Plastikaugen in das Gesicht seiner ausgesprochen gelungenen Raupe.
Johanna ignorierte ihn wieder. »Ich war völlig überrumpelt, als er mich aus heiterem Himmel gefragt hat, ob wir im August schon was vorhaben.«
Oliver sah auf und lächelte schief. »Na ja, einen Abend werden wir schon für ihn freischaufeln können.«
»Einen Abend … ha!« Sie atmete lautstark aus. »Er hat uns eingeladen, die kommenden drei Wochen in seinem Ferienhaus auf Long Island – in den Hamptons! – zu verbringen. Seine Freunde haben abgesagt, und jetzt hat er neun freie Betten. Ich kann acht Leute mitnehmen.« Sie machte wieder dieses ungläubige Geräusch: »Ha!«
Ich hätte auch gern ein Geräusch gemacht, aber ich war wie betäubt. Jemand hätte mich schonend auf dieses Gespräch vorbereiten müssen. Ein bisschen Alkohol vorab wäre schön gewesen.
»Habe ich was verpasst?«, wollte Oliver wissen. »Kennt ihr euch näher?«
»Das ist es ja! Nein! Also …« Johanna hielt inne und legte den Kopf schief. »Ich bleibe beim Nein.«
Oliver legte ebenfalls den Kopf schief. »Du kannst es mir ruhig sagen.« Er unterdrückte ein Lächeln. Oliver ist nie eifersüchtig. Allenfalls, damit Johanna sich prima fühlt.
»Also, als wir uns im Dezember zum ersten Mal getroffen haben – davon habe ich doch erzählt, das war bei der Fotoausstellung im Goethe-Institut, die ich organisiert habe und wo er völlig unerwartet aufgetaucht ist …«
»Weil du ihn eingeladen hast.«
»Aber ich habe doch nicht damit gerechnet, dass seine Agentur das an ihn weitergibt …«
»Was war denn nun, als ihr euch zum ersten Mal getroffen habt?«
»Er kam erst kurz vor Schluss, als kaum noch Gäste da waren. Da haben wir uns festgequatscht.«
»Festgequatscht?«, brach es aus mir heraus. Meine Schwester hatte sich mit meinem Lieblingsautor festgequatscht und mir kein Wort davon erzählt. Das sah ihr ähnlich.
»Ja, ich hatte den Eindruck, dass er ein wenig einsam war. Er war ja gerade erst aus Hamburg hergezogen.« Wichtigtuerin. Bevor ich es laut aussprechen konnte, fuhr sie fort: »Jedenfalls hat er sich dann an mich erinnert, als wir uns im Frühjahr beim Generalkonsul über den Weg gelaufen sind.«
»Beim Generalkonsul?« Ich biss mir auf die Zunge. Ich musste schleunigst meinen entrüsteten Tonfall loswerden. Sonst würde Johanna gleich dichtmachen.
Es ging nur einfach nicht in meinen Kopf, dass jemand wie Kilian Brand, der ein komplettes Buch gegen Networking geschrieben hatte, sich freiwillig auf einen Cocktailempfang voller Diplomaten begab. Selbst meine Schwester, die wirklich gern sah und gesehen wurde, machte sich immer über diese ziemlich steifen Veranstaltungen lustig. Was sie nicht daran hinderte, daran teilzunehmen – am liebsten in Vertretung ihres Chefs, der anscheinend genauso scharf darauf war wie Oliver.
Nach nur zwei Jahren in New York war Johanna fester Bestandteil der deutschen Community. Hin und wieder jammerte sie darüber, dass sie abgesehen von einer Nachbarin und einem Staatsanwalt keine New Yorker kannte, aber in Wahrheit fand sie diesen Mikrokosmos in der Millionenstadt herrlich. Ich wunderte mich manchmal darüber, wie deutsch meine Schwester plötzlich war. Im letzten Jahr war sie – bekennender Karnevalsmuffel – sogar im Dirndl bei der Steuben-Parade mitgelaufen, einem riesigen deutsch-amerikanischen Karnevalsumzug auf der Fifth Avenue. Ausgerechnet hier, in der großen weiten Welt, besann Johanna sich auf ihre Wurzeln. Oliver wartete nur darauf, dass sie auch noch dem Skatclub beitreten würde. Vielleicht war Kilian Brand ja auch Mitglied …
»Alle wollen ihn – also Kilian Brand, nicht den Generalkonsul. Eigentlich ist das tragisch«, sagte sie nachdenklich. »Da will er sich eine Auszeit in Amerika nehmen und gerät prompt in die Fänge der deutschen Community.«
»Genauer gesagt, in deine Fänge«, bemerkte Oliver. »Weiß er, dass du verheiratet bist?«
»Natürlich!«, rief Johanna empört. »Ich habe ihm sogar ein Foto von Leni gezeigt. Er meinte, das Ferienhaus sei ideal für Urlaub mit Kindern. Mit Pool und direktem Zugang zur Badebucht.«
Ich räusperte mich. »Habe ich dir irgendwas getan, oder warum willst du das absagen?«
Doch eigentlich konnte ich ihr keinen Vorwurf machen. Johanna wusste zwar, dass Kilian Brand einer meiner Lieblingsautoren war, aber in Wahrheit wusste sie nichts. Ich liebe meine Schwester, aber sie begreift nicht, was Bücher für mich bedeuten. Johanna liest gern. Genauso wie sie gern kocht oder shoppen oder joggen geht. Für mich hingegen sind Bücher der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens, der Soundtrack meines Alltags – das, wohin ich abends nach Hause komme.
Viele Leute erinnern noch genau, wo sie sich befanden, als sie zum ersten Mal von dem Anschlag auf das World Trade Center, dem Tsunami im Indischen Ozean oder der Nuklearkatastrophe von Fukushima hörten. Ich dagegen weiß, welches Buch ich zu jedem dieser Zeitpunkte gelesen habe. (Beim Tsunami Die Brüder Löwenherz und bei Fukushima Das Hotel New Hampshire. Als die Twin Towers zusammenstürzten, konnte ich noch nicht lesen.) Ich weiß auch Jahre später, in welchem Urlaub ich welches Buch gelesen habe und wie es sich angefühlt hat. Wahrscheinlich würde ich mich nicht an den Urlaub erinnern, wenn ich währenddessen kein Buch gelesen hätte. Was aber nie vorkommt.
In den letzten zwei Jahren, seit Johanna und Oliver in den Staaten wohnen, war ich im Sommer oft zum Schwimmen auf Long Island. Dennoch sind meine ersten Assoziationen mit Long Island nicht die schönen Stranderinnerungen. Ich denke an den großen Gatsby, der in der Dunkelheit steht und sehnsüchtig das grüne Licht an Daisys Steg beobachtet, oder an Max Frisch, der in Montauk durchs Gestrüpp läuft und das Meer sucht. Und natürlich denke ich an einen weiteren meiner Lieblingsautoren, Truman Capote, der mit den Millionären auf Long Island gefeiert und sich dann um Kopf und Kragen geschrieben hat. Okay, jetzt übertreibe ich. Vielleicht denke ich doch zuerst an Leni, die in ihrem Badeanzug mit Kirschmuster Muscheln sucht.
Fakt ist aber, dass ich noch genau weiß, wo und wann ich mein erstes Buch von Kilian Brand, das zugleich Kilian Brands erstes Buch war, gelesen habe. Ich war sechzehn Jahre alt und saß vor einem Geschenkeberg, der meiner Cousine Eva gehörte, die gerade ihren achtzehnten Geburtstag feierte. Eva war nicht so mein Fall und ihre Geburtstagsfeier auch nicht. Während ich also dumm auf dem Sofa herumsaß, fiel mein Blick auf ein gebundenes, knallweißes Buch. (Gibt es Knallweiß? In meiner Erinnerung war es sogar neon-weiß.) Es lag dort ziemlich eingeschüchtert zwischen allerlei Zeug von Chanel und Louis Vuitton, und auf seinem Cover leuchtete in Pink nur die Zahl 27.
Die Zahl traf sofort einen Nerv bei mir, weil Amy Winehouse kurz zuvor mit siebenundzwanzig Jahren gestorben war, was mich damals sehr beschäftigte. Also griff ich zu. Das Buch handelte tatsächlich vom Club 27, jenen Musikern, die alle im Alter von siebenundzwanzig Jahren gestorben sind. Unter anderem. Es enthielt siebenundzwanzig Essays zu verschiedenen Themen. Kilian Brand räumte gleich zu Beginn ein, er hätte lieber einen Song geschrieben. Aber das überstieg seine Fähigkeiten. Ich stellte mir vor, wie er mit den Achseln zuckte. Ich mochte den Klang seiner Gedanken. Er hörte sich wie jemand an, der brennt und es nicht zugibt. Ich inspizierte sein Foto auf dem Einband. Sein schiefes Grinsen kam unerwartet, ich hatte auf ein bisschen mehr Melancholie gehofft. Er sah trotzdem gut aus. Und er war jung, genauer gesagt exakt siebenundzwanzig Jahre alt. Ich weiß noch, wie mir ein Schauer über den Rücken lief.
Ich verließ Evas Geburtstagsfeier als Letzte. Es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich etwas geklaut habe. Inzwischen ist das Buch schmuddelig-weiß vom vielen Lesen.
Und nun, acht Jahre und vier unglaublich gute Bücher von Kilian Brand später, saß ich an Johannas Esstisch und musste mir anhören, dass ich nicht in sein Sommerhaus auf Long Island durfte. Sein Sommerhaus, das nicht etwa irgendwo auf dieser riesigen Insel vor den Toren New Yorks lag, sondern in den Hamptons, die man sonst nur aus Filmen oder Berichten über die Superreichen kannte.
Abgesehen davon, dass es für mich kein glamouröseres Urlaubsziel geben konnte, hatten wir diesen Sommer rein gar nichts geplant. Leni und Oliver, der an der Deutschen Schule Geschichte und Deutsch unterrichtete, hatten bereits seit zwei Wochen Sommerferien, und mein Schwager freute sich wie verrückt darauf, Leni die nächsten vier Wochen bei mir abzugeben und mit Johanna Erwachsenenzeug zu machen. So war das immer. Ich verbrachte meine Semesterferien mit einem Kleinkind, aber das war in Ordnung. Lenis und meine Streifzüge durch Manhattan waren jedes Mal ein Abenteuer. Meinetwegen würde ich mit ihr allein in die Hamptons fahren und im verlassenen Haus des berühmten Schriftstellers versteckte Türen und Geheimgänge entdecken. Oder unveröffentlichte Manuskripte … Ich musste einfach dorthin.
»Anna«, seufzte Johanna, und es klang genauso, wie wenn sie »Leni« sagte. »Weißt du eigentlich, wie viele Leute ich vor den Kopf stoße, wenn ich Kilian Brands Feriengäste auswähle?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Dann lass uns doch nur zu viert fahren, oder hat er etwa gesagt, du musst alle Betten füllen?«
»Anna.« Wieder dieser Ton, als wäre ich fünf Jahre alt. »Wenn das herauskommt, dass ich fünf Betten habe brachliegen lassen … Und dann lädt Kilian Brand womöglich fünf andere Fremde ein, die er auf irgendwelchen Parkbänken aufgegabelt hat. Willst du mit denen in einem Haus wohnen?«
»Das fände ich durchaus spannend«, begann ich, aber Oliver unterbrach mich: »Johanna, das ist jetzt nicht dein Ernst. Du lässt dir die Hamptons entgehen, weil du jemanden vor den Kopf stoßen könntest? Außerdem ist doch klar, wer mitkommt.«
Johanna verdrehte die Augen. »Bitte nicht die.«
»Die?« Oliver ließ seine Raupe auf den Tisch fallen. »Das sind unsere besten Freunde.«
»Ich weiß, aber die besetzen gleich vier Plätze mit den beiden Kleinen.«
»Umso besser«, entgegnete Oliver, »dann musst du dir nur noch über einen Gast den Kopf zerbrechen.«
»Herrje, ich kenne so viele alleinstehende Frauen, die Kilian Brand kennenlernen wollen …«
Meinte sie mich? Nein. Ich hatte noch ein paar Jahre Zeit, bevor man mich als »alleinstehend« abstempeln würde. Zum Glück. Der Mann fürs Leben musste nämlich warten, bis die Sache mit den nächtlichen Sprints ausgestanden war. Derzeit war mein Bett für andere Leute eine Zumutung. Aber hoffentlich nicht mehr lange. Meine Oma und meine Tante Jutta hatten mir versichert, diese blöde Schlafstörung würde sich mit ungefähr Mitte zwanzig auswachsen. So war es bei ihnen gewesen, und bis jetzt hatten sie mit allen Vorhersagen recht gehabt. Pünktlich zur Pubertät war es losgegangen. Jutta hatte schon viel früher prophezeit, dass ich das Sprint-Gen haben würde. Weil mich alles so schrecklich aufwühlte. Irgendwie gehörte das anscheinend zusammen. Das Gen und die Neigung, sich unverhältnismäßig wegen Klausuren oder Flugreisen oder neuen Bekanntschaften verrückt zu machen … Halt! Warum sprach Johanna davon, Kilian Brand kennenzulernen?
»Kennenlernen? Wir werden ihn kennenlernen?«, platzte es aus mir heraus.
»Das lässt sich wohl kaum vermeiden, wenn man zusammen in einem Ferienhaus wohnt.«
»Er wird dort sein?«
»Ja, er verbringt den ganzen August in den Hamptons.«
Jetzt ließ auch ich meine Raupe auf den Tisch fallen. Der Gedanke, dass Kilian Brand einen Haufen fremder Leute in sein Ferienhaus einlud, war schon abwegig genug. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass er nun auch noch seinen Sommer mit diesen Leuten verbringen wollte. Und noch viel weniger, dass ich meinen Sommer mit ihm verbringen würde. Das war wie … eine eierlegende Wollmilchraupe.
Das fand Oliver offenbar auch. »Denk doch mal an Anna und ihr Literaturstudium. Was für einen Motivationsschub ihr das geben würde.«
Johanna verdrehte wieder die Augen. »Wenn Anna irgendwas nicht braucht, dann ist es noch mehr Motivation. Die macht ihren Master im Schlaf.«
Doch Oliver ließ nicht locker. »Kilian Brand wird in der Oberstufe gelesen. Mein Deutsch-LK liest nächstes Jahr eins seiner Bücher.«
»Also daher weht der Wind«, erwiderte Johanna. »Ein Grund mehr, die Einladung auszuschlagen. Wenn du ihm auf die Pelle rückst, sagt er bestimmt meine Lesung im Herbst ab.«
Endlich schaltete sich mein Verstand wieder ein. »Bestimmt lässt er die Lesung platzen, wenn du ihn abblitzen lässt. Womöglich ist der Sommer auf Long Island sogar die Voraussetzung dafür, dass er das überhaupt mitmacht. Er will dich kennenlernen, um herauszufinden, worauf er sich einlässt. So ticken Schriftsteller. Bestimmt hat er eine soziale Störung oder so. Kilian Brand gibt doch sonst keine Interviews. Wenn du ihm absagst, wird er misstrauisch und zieht sich in seine Komfortzone zurück.«
»Du meinst, er testet mich?«
»Klar«, antworteten Oliver und ich gleichzeitig. Wir wechselten einen schuldbewussten Blick aus den Augenwinkeln, aber Johanna war zu bestürzt, um es zu bemerken. Sie stand vom Sofa auf und tigerte im Wohnzimmer umher. Leni, die in der Zwischenzeit eine Raupenfarm auf dem Esstisch gegründet hatte, sah mich verunsichert an. Ich schnitt eine Grimasse, und sie kicherte.
»Na gut«, verkündete Johanna schließlich. »Er soll mir einen Grundriss schicken. Die Zimmer müssen vorab zugeteilt werden, sonst gibt das ein Hauen und Stechen. Wir nehmen Alex, Simone und die Kinder mit. Und ich frage Maike.«
Manchmal kann ich mich selbst nicht leiden. Anstatt vor Freude in die Luft zu springen und meiner Schwester die Füße zu küssen, war mein erster Gedanke: Ein Grundriss? Oh Scheiße, das wird so peinlich … Direkt gefolgt von: Oh nein, bitte nicht Maike …
Ich habe es also ein bisschen verdient, hier durch die Nacht zu rennen und ein paar echte Sorgen zu haben. Inzwischen habe ich Johannas Straße erreicht. Ihr Haus steht in einer langen Kette schnörkeliger brauner Sandsteinhäuser, die nachts alle gleich aussehen. Tagsüber finde ich ihr Haus blind, und zwar so blind, dass ich nie über die Hausnummer nachgedacht habe. Ich laufe die Straße mit pochendem Herzen zweimal auf und ab, bevor ich Lenis lila Matschschuhe oben auf der Treppe zum Hochparterre entdecke. Erleichtert haste ich die steilen Stufen hinauf.
Doch oben angekommen halte ich abrupt inne. Ich kann unmöglich klingeln. Johanna hat mich bewusst im Bücherzimmer (Bibliothek wäre übertrieben) im Erdgeschoss untergebracht, damit ich mir nicht auf der Treppe den Hals breche oder jemanden mit meinem Getrampel aufwecke. Sie legt Wert darauf, dass Leni durchschläft. Wenn ich jetzt klingele … Da bemerke ich, dass die Haustür einen Spaltbreit offen steht. Oh nein. Ich habe sie offen gelassen. Wir sind hier nicht in Kanada oder in meiner harmlosen Sackgasse in der Bonner Südstadt. Bestimmt hat jemand meine Familie geklaut. Oder noch schlimmer: nur Leni. Bei dem Gedanken bricht mir der Schweiß aus. Ich muss sofort in ihr Zimmer schleichen und nachsehen.
Als ich ins Haus huschen will, geht das Licht im Flur an. Johanna sitzt auf der Treppe, die zu den Schlafzimmern führt. Ihre Finger liegen noch auf dem Lichtschalter. Sie hat dort im Dunkeln gesessen und auf mich gewartet.
Ich bleibe im Türrahmen stehen und stammle: »Tut … tut mir leid. Ich habe die Haustür aufgelassen.«
»Nein, du hast sie hinter dir zugeknallt«, sagt Johanna leise. »Davon bin ich aufgewacht, aber als ich unten ankam, warst du schon weg. Ich wusste nicht, in welche Richtung du gelaufen bist. Wenn du noch zwei Minuten länger weggeblieben wärst, hätte ich die Polizei gerufen. Ich habe die Tür aufgemacht, damit du niemanden weckst.«
Typisch Johanna. Die Besonnene, die alles im Blick hat und den Schlaf ihrer Lieben bewacht. Und die mir jetzt eine Riesenstandpauke halten und mich bis in alle Ewigkeit mit dieser Geschichte nerven wird.
Sie steht von den Stufen auf und kommt auf mich zu. Ich will mich schon wappnen, als sie mich ins Haus und in eine feste Umarmung zieht. Da beginne ich unvermittelt zu heulen. Erst jetzt spüre ich das Ausmaß meiner Panik. Ich bin im Central Park aufgewacht. Mitten in der Nacht. Halbnackt. Johanna drückt mich noch fester an sich und flüstert, dass es ihr leidtut. Sie hätte abschließen müssen. Ich schluchze wie verrückt und kann nur vehement den Kopf schütteln. Ich will ihr sagen, es sei allein meine Schuld gewesen. Dass ich ein wandelndes Ärgernis bin und mich endlich in den Griff kriegen muss. Ach, ich will noch viel mehr sagen. Wie gern ich mit ihr tauschen würde. Wie gern ich zur Abwechslung mal die Beschützerin wäre. Die mit dem Überblick, die alles zusammenhält.
Stattdessen bringe ich nur ein mickriges Wort heraus: »Scheißträume.«
Ich wünschte, er wäre nicht dort. Dann könnte ich jetzt in Ruhe den Stau genießen. Wir kriechen im Schneckentempo über den Long Island Expressway unserem Ziel, Sag Harbor, entgegen. Sag Harbor liegt fast am östlichen Zipfel der Insel, etwa eine halbe Stunde vor Montauk.
Ich versuche, mich auf Montauk zu konzentrieren, um mich abzulenken. Wir waren letzten Sommer dort, an diesem Ort, der auch »The End« genannt wird, weil es hinter dem Leuchtturm nur noch das offene Meer gibt. Das melancholische Gefühl, das mich bei dem Gedanken an Montauk überkommt, gehört wahrscheinlich nicht mir, sondern Max Frisch. Wie so viele lesende Lemminge bin ich seiner Erzählung bis zum Land’s End gefolgt. Auch jetzt steckt sein Buch in meinem Rucksack. Auf Johannas Bücherregal ist Verlass. Ich lese Montauk schon zum dritten Mal, obwohl die Geschichte eigentlich nichts mit mir zu tun hat. Alter Mann, der erfolgreicher Schriftsteller ist, verbringt ein Wochenende auf Long Island mit junger Frau, die kein einziges seiner Werke gelesen hat. Natürlich geht es um viel mehr, aber mich interessiert gerade nur diese junge Frau und was für ein Glück sie hatte, dass sie seine Bücher nicht kannte.
Ich wünschte wirklich, Kilian Brand wäre nicht dort. Als ich ihn unbedingt kennenlernen wollte, habe ich nicht bedacht, dass ich dabei auch anwesend sein muss. Vielleicht muss ich sogar mit ihm reden. Ich habe Johanna vorgeschlagen, sie könnte mich als blinden Passagier mitnehmen. Ich würde in irgendeiner Abstellkammer schlafen und tagsüber vorgeben, die Putzfrau zu sein. Kilian Brand hat mit Sicherheit keinen Überblick über das Personal. Das Haus gehört ihm nämlich nicht. Als Johanna ihn um den Grundriss bat, hat sich herausgestellt, dass er es bloß für den Sommer gemietet hat. Johanna meinte, er habe am Telefon laut gelacht. Für wie reich sie ihn eigentlich halte. Und nein, er werde auf keinen Fall den Grundriss herausrücken. Bei Häusern in dieser Preisklasse bliebe alles schön diskret. Schließlich brauchten die Paparazzi nicht zu wissen, wo genau sich der master bedroom befand.
»Paparazzi«, schnaube ich verächtlich. »Für wie wichtig hält der sich eigentlich? Bloß weil seine Bücher auch auf Englisch zu haben sind, interessieren sich die Amis noch lange nicht für ihn.«
Johanna dreht sich im Beifahrersitz zu mir um. »Ich glaube, er meinte die anderen Promis, die dort absteigen. Irgend so ein Countrysänger verbringt mit seiner Familie jeden Sommer in dem Haus.«
Oh. Da fallen mir einige ein … Nein, ich will’s gar nicht wissen. Seit wir uns in diese Blechlawine eingereiht haben, versuche ich vergeblich, mich und die anderen davon zu überzeugen, dass Kilian Brand nicht so richtig toll ist. Damit befinden wir uns schon in Phase zwei meiner Verleugnungstaktik. In Phase eins habe ich mir eingeredet, dass er nicht kommen wird. Promis kommen nie, und wenn doch, dann erst kurz vor Schluss. Phase eins endete leider schon lange vor dem Stau, ungefähr auf Höhe der Throgs Neck Bridge, als Johanna eine Textnachricht von Maike erhielt.
Maike ist schon im Haus, zusammen mit Kilian Brand, und zwar mittlerweile seit zwei Stunden. Es läuft also alles genau nach Johannas Plan. Ohne diesen blöden Plan wären wir wie vernünftige Menschen um spätestens acht Uhr auf der Straße gewesen, um an diesem sonnigen Tag nicht in den Freitagsstau in Richtung Strand zu geraten. Aber Johanna hat sich in den Kopf gesetzt, Maike einen großzügigen Vorsprung zu lassen, damit sie und Kilian Brand sich in Ruhe beschnuppern können. Und wenn Johanna etwas Gutes tun will, kann sie keiner aufhalten.
Es war von Anfang an klar, dass Johanna Maike mitnehmen würde. Ich glaube, ihr Zaudern hatten wir eher Alex und Simone zu verdanken. Maike ist Johannas engste Kollegin im Goethe-Institut. Sie ist genauso alt wie Johanna, aber irgendwie haben die beiden ein komisches Henne-Küken-Verhältnis. Johanna nennt Maike »Kleini«, und Maike tut alles, um meine Schwester zu erfreuen. Sie trinkt sogar mit ihr den ekligen selbstgemachten Eierlikör unserer Tante Jutta, den eigentlich niemand mag außer Johanna und Jutta. Einmal hat Maike es tatsächlich auf sich genommen, den Schnaps ins Land zu schmuggeln. Vielleicht mag sie ihn ja wirklich.
Ob sie Kilian Brands Bücher gelesen hat?
Leni, die neben mir in ihrem roten Autositz geschlafen hat, ist endlich aufgewacht und befreit mich aus meinen Grübeleien. Zuerst krümeln wir gemeinsam das Auto voll mit ihren zuckerfreien Vollkornkeksen, und dann spielen wir Gegenteil. Nach Sonne, Mond, groß, klein, süß, sauer und so weiter frage ich sie, was das Gegenteil von Mama ist. Leni antwortet: »Papa«, aber Oliver lacht und meint: »Anna.«
Leni schüttelt heftig den Kopf und erwidert: »Anna ist mein Gegenteil.«
Johanna dreht sich zu uns um und erklärt Leni zum hundertsten Mal die Bedeutung des Begriffs. Mitunter bemerkt sie nicht, wenn Leni schon einen Schritt weiter ist.
Ich drücke Lenis krümelige Hand und sage: »Du und ich.«
Sie drückt zurück, und plötzlich geht es mir besser. Ich fahre in den Strandurlaub mit Leni.
Sag Harbor ist verschlafener, als ich es mir vorgestellt habe. Doch vielleicht liegt das an der Mittagshitze. Die Luft da draußen flirrt, und die hübschen Holzhäuser rühren sich nicht vom Fleck. Sie wirken weniger protzig als die Villen in Southampton, aber Oliver sagt, wir sollten nicht darauf hereinfallen. Die Streichholzschachteln am Wegesrand kosteten Millionen, und die einzigen Normalos seien vermutlich die Nachkommen der Walfänger, die hier einst gewohnt hätten.
Gerade als Johanna sich über die Abwesenheit der meterhohen Ligusterhecken freut, hinter denen sich die Milliardäre in den Hamptons gern verschanzen, rückt exakt so eine Hecke mit einem hohen Tor in mein Blickfeld, und das Navi behauptet, wir seien am Ziel. Trotz Kameras und Gegensprechanlage fragt niemand nach unseren Namen, das Tor öffnet sich bereits nach dem ersten Klingeln.
Am Ende des Kieswegs erwartet uns ein zweigeschossiges, grau geschindeltes Holzhaus im viktorianischen Stil. Die Veranda ist dicht bewuchert, und auf den zweiten Blick ist die Hecke, die das Grundstück umgibt, vielleicht nur so hoch, weil sie lange nicht geschnitten worden ist. Oliver warnt uns wieder, wir sollten uns nichts vormachen. Der Schein trüge, dies sei kein harmloses Hexenhaus.
Er stellt seinen Kombi in der Parkbucht neben Maikes orangefarbenem Cabrio ab. Kilian Brand ist offenbar zu Fuß gekommen. Oder mit dem Helikopter.
Leni schnallt sich ab und zappelt ungeduldig herum. Sie will raus, aber ich nicht. Ich will zurück nach Manhattan.
Dann sehe ich ihn. Er kommt die Verandatreppe herunter, zwei Schritte hinter Maike. Maike stürmt auf Johanna zu und umarmt sie, als hätten sie sich nicht gestern noch im Büro gesehen. Johanna, Oliver und Kilian Brand schütteln sich die Hände. Er sieht aus wie auf den Bildern im Internet. Schmales Gesicht, ausgeprägte Wangenknochen, Dreitagebart. Seine braunen Haare sind etwas länger als auf den Fotos, er kann sie hinter die Ohren stecken. Er trägt trotz der Hitze eine lange schwarze Jeans, die ihn jung aussehen lässt. Dazu ein graues T-Shirt. Er würde viel besser in eine dunkle Bar im East Village passen als in diese sonnige Einfahrt. Oder vielmehr hinter eine Bar. Der coole Barkeeper, der seine Songtexte in der Gesäßtasche mit sich herumträgt und auf seine Chance wartet …
Jemand klopft an die Fensterscheibe. Es ist Oliver.
»Kommt ihr jetzt?«
Leni will nicht ohne mich aussteigen. Sie krabbelt auf meinen Schoß. Oliver öffnet von außen die Autotür und schaut mich an. Ich weiß, was er denkt. Pokerface, Anna.
Ich kann kein Pokerface, aber ich kann mich hinter Leni verstecken. Ich hieve uns aus dem Auto und winke vage in Richtung Maike und Schriftsteller – schließlich habe ich die Hände voll mit Leni, die ihr Gesicht an meiner Schulter vergräbt, und ihrer Puppe, deren juckender Haarschopf unter meinem Kinn klebt.
Wir folgen den anderen über die Veranda, auf der ein wunderbares Chaos aus Topfblumen, bunt gestrichenen Holzstühlen und Strandspielzeug herrscht, ins Haus. Die Temperatur fällt sofort um gefühlt zwanzig Grad, und ich schaue mich um. Oliver hatte unrecht. Das ist ein Hexenhaus. Das einzig Moderne in diesem Raum ist die klimatisierte Luft. Wir stehen in einer geräumigen Küche und sind von Tellern umzingelt. An allen Wänden hängen Unmengen von Porzellantellern mit blau-weißen Blumenmotiven. Sie drängeln sich auch auf dem Geschirrständer über der antik aussehenden weißen Spüle. Auf dem großen Küchentisch stehen zahlreiche blau-weiß gestreifte Vasen, die mit bunten Wildblumen gefüllt sind.
Wir lungern alle ein wenig befangen um den Küchentisch herum, und Kilian Brand lehnt sich an den gusseisernen Herd, der definitiv aus dem 19. Jahrhundert stammt. Er erkundigt sich, ob wir etwas trinken möchten. Die Frage klingt merkwürdig. Ich glaube, es liegt an den geblümten Porzellantellern. Als unser Gastgeber ist er nun zwangsläufig der Herr der Teller, und das beißt sich mit seiner schwarzen Jeans und allem, was er je geschrieben hat.
Johanna winkt ab, sie wünscht sich jetzt dringend eine Schlossführung. Er sieht belustigt aus, und ich muss unwillkürlich an den Grundriss denken, den er nicht herausgerückt hat. Bestimmt hat sie ihm wegen der Zimmeraufteilung die Ohren vollgejammert. Ich verdrehe die Augen, und da treffen sich unsere Blicke.
»Ich bin Kilian«, sagt er, bevor ich wegsehen kann.
Ich lasse vor Schreck beinahe Leni fallen. Die anderen brauchen einen Moment, ehe sie begreifen, dass der Satz mir galt.
»Das Kind kann seit Jahren laufen, du machst dir noch den Rücken kaputt, Anna«, meint Johanna kopfschüttelnd.
Leni steigt widerwillig von mir ab. Als ich aufschaue, bemerke ich, dass er mich immer noch ansieht. Ich fühle mich, als wäre mein Schutzschild weg. Lieber mache ich mir den Rücken kaputt … Andererseits trage ich Tarnfarben. In meinem kurzen, blau-weiß gestreiften Kleid sehe ich aus wie eine der Vasen. Bestimmt denkt er das auch gerade. Jedenfalls hört er nicht auf, mich mit seinen durchdringenden grünen Augen zu mustern.
»Anna«, sage ich, um dem ein Ende zu setzen.
»Leni«, ergänzt Leni und kopiert meinen schroffen Ton. Dann reißt sie ihre Puppe hoch und fügt fast trotzig hinzu: »Rosalie Finn-Rosalie.«
Ich sehe, dass er sich ein Lächeln verkneift. »Na, dann kommt mal mit, Anna, Leni und Rosalie Finn-Rosalie.«
Oliver hat doch recht gehabt. Das Haus ist überhaupt nicht bescheiden. Die Veranda war so etwas wie der Dienstboteneingang. Normale Gäste legen anscheinend mit ihrer Yacht am Steg an und betreten das Grundstück über die weitläufige Wiese, die an den schmalen Sandstrand unten in der Bucht angrenzt und sich bis oben zum Pool erstreckt. Die Veranda auf der Rückseite des Hauses ist fünfmal größer und zehnmal aufgeräumter als die Rumpelkammer an der Frontseite. Leni und ich würden gern einfach in der riesigen Hängematte liegen bleiben, aber Johanna scheucht uns zurück ins Haus.
Das Wohnzimmer mit seinen hohen Decken erscheint endlos. Sessel unter blau geblümten weißen Hussen und blau-weiß gestreifte Sofas, so weit das Auge reicht. Dazwischen stehen auf Beistelltischen und auf dem Boden allerlei verrostete Deko-Artikel: ein alter Vogelkäfig, eine Gießkanne, Krüge, verschnörkelte Spiegel. Anstelle von Tellern hängen nun Servierplatten an den blassgrauen Wänden, die feucht und rissig aussehen, aber es in Wirklichkeit nicht sind.
»Shabby Chic«, raunt Maike uns anerkennend zu. Sie weicht nicht von Johannas Seite. Mit ihren fast identischen Frisuren – lange, gestufte Haare mit Pony – wirken sie wie ein blonder und ein roter Zwilling. Das ist kein Zufall, sie waren vorgestern noch gemeinsam beim Friseur. Ich bin nicht mitgegangen. Mein kastanienbrauner Bob sieht immer gleich aus, daran kann auch Eddie Scissorhands aus SoHo nichts ändern.
Oliver raunt ehrfürchtig zurück: »Vintage«, und zwinkert mir dabei zu.
Ich muss kichern und raune: »Garage Sale.«
Kilian dreht sich zu mir um und sieht aus, als wolle er lachen. Ich weiß nicht, weshalb er es nicht tut. Vielleicht kennt er die Eigentümer. Ich frage mich, wer die Muscheln gesammelt hat, die in den großen Schalen auf den abgeblätterten weißen Sofatischen liegen. Oder sind sie bloß gekaufte Deko-Artikel, die ein Innenausstatter hier deponiert hat? Der Sand, der auf den Bohlen unter meinen Flip-Flops knirscht, ist jedenfalls echt. Und verheißungsvoll. Ich kann es kaum erwarten, mit Leni die herrliche, sanft abfallende Wiese zum Strand hinunterzulaufen …
Stattdessen folge ich den anderen die Treppe hinauf zu den Schlafzimmern. Kilian geht wortlos voran. Als Immobilienmakler wäre er ein ziemlicher Reinfall. Keine Erläuterungen, nichts. Er öffnet uns nur die Türen und bleibt schweigend im Hintergrund stehen, während wir uns umsehen. Bei unserem Rundgang hat er nur einmal etwas aus freien Stücken gesagt. Als er uns allen das Fliegengitter zur hinteren Veranda aufhielt, meinte er mit einem schiefen Lächeln zu mir: »Hier draußen sieht man dich wenigstens.« Ich habe nur ein genervtes »Haha« herausgebracht und mein Kleid verflucht. Das mit den Einwortsätzen muss aufhören. Ich werde nie wieder ein Buch von ihm lesen können, wenn ich in den nächsten drei Wochen einen Haufen saudoofer Erinnerungen produziere.
Abgesehen vom Garten- und Meerblick unterscheiden sich die vier riesigen Schlafzimmer im Obergeschoss kaum voneinander. Weiß getünchte Dielen, Doppelbetten mit blau-weiß gemusterten Tagesdecken, in der Ecke ein vermeintlich verwitterter Holzschrank. Vor allen Betten liegen dünne Teppiche, die übergroßen Geschirrtüchern in den bewährten Farben ähneln, und vor jedem Fenster steht ein wunderschöner Schaukelstuhl. An den Wänden hängen Bilder von Seesternen und Muscheln.
Das Einzige, was aus dem maritimen Rahmen fällt, sind die Hüte auf den Hutständern, die neben den Betten stehen. Der Hutständer im Zimmer hinter der Treppe trägt einen altrosa Filzhut mit einer blauen Feder, im nächsten Zimmer wohnt eine karierte Cap mit Ohrenklappen, im dritten ein Zylinder, und das Eckzimmer mit Rundum-Meerblick ziert ein graugrüner Tropenhelm.
»Wir nehmen auf jeden Fall den Tropenhelm«, sagt Johanna an Oliver gewandt, als wir wieder hinuntergehen.
Oliver dreht sich zu Kilian um, der als Letzter noch oben steht. »Ich würde eher sagen, der Panoramablick ist für den Schriftsteller.«
Wir bleiben alle auf der Treppe stehen und drehen uns ebenfalls zu ihm um.
Kilian schüttelt den Kopf. »Ich wohne im Poolhaus.«
Johanna und Maike rufen »Oh nein!« und »Das geht doch nicht!«, aber Kilian würgt sie ab: »Wenn es kein Poolhaus gäbe, wäre ich nicht hier.«
Ich muss schlucken. Er braucht Abstand. Wir stören ihn. Warum hat er uns dann eingeladen?
»Aber du störst uns nicht«, versichert Johanna mit einem warmen Lächeln, und ich krümme mich innerlich.
Er lächelt verhalten zurück. »Glaub mir, ich würde euch stören. Belassen wir es einfach dabei.«
Johanna seufzt resigniert, doch während wir die Treppe hinuntertrotten, legt sie fröhlich die Hände auf Maikes Schultern. »Kleini, wir drei nehmen den Tropenhelm und du den Zylinder. Dann bist du nebenan und hast auch Meerblick.«
Zu Johannas und meinem Erstaunen erwidert Maike: »Nein, ich habe mir schon ein Zimmer ausgesucht. Komm mit, ich zeige es dir.«
Meine Schwester sieht nicht begeistert aus, aber wir folgen Maike zurück ins Wohnzimmer. Wir durchqueren den riesigen Raum, und Maike steuert auf eine weiße Holztür zu, die sich in einer Ecke neben einer wuchtigen Vitrine voller Schallplatten versteckt hat.
Ich drücke Lenis Hand und flüstere: »Eine Geheimtür.«
Leni strahlt mich an, und ich strahle zurück. Aus den Augenwinkeln sehe ich Kilian hinter uns. Er hört sofort auf zu grinsen.
Die Geheimtür führt in eine Bibliothek. Kein Bücherzimmer, eine richtige Bibliothek. Die zahlreichen Regale reichen bis unter die hohe Decke, und an einem Regal lehnt eine Holzleiter, die betont morsch aussieht. Das einzige weitere Möbelstück, eine erstaunlich moderne Schlafcouch, steht unter dem großen Fenster mit Blick auf den Pool und die Bucht. Die Couch ist bereits ausgezogen. Ich vermute, der große Koffer am Fußende gehört Maike.
»Ich dachte, wenn ich hier unten schlafe, können Anna und Leni den Zylinder nehmen, und ich bin aus dem Weg«, erklärt Maike, und ich kotze stumm. Ihre Unterwürfigkeit geht mir auf den Zeiger.
Doch Johanna hat nicht zugehört und ruft fast euphorisch: »Anna, dieses Zimmer ist ideal für dich, hier kannst du rennen.«
Es fühlt sich an, als hätte mir jemand einen Fußball mit voller Wucht in die Magengrube geschossen. Für eine Sekunde glaube ich tatsächlich, dass ich umkippe. Ich lasse Lenis Hand los und starre meine Schwester entgeistert an.
»Johanna!«, sagt Oliver vorwurfsvoll, aber Kilian, der hinter Leni und mir in den Raum getreten ist, fragt: »Rennen oder pennen?«
Johanna wirft mir einen schuldbewussten Blick zu und zögert einen Moment. Bitte sag pennen, flehe ich sie wortlos an. Meine Schwester holt hörbar Luft.
»Sei mir nicht böse«, beginnt sie, und ich weiß, was jetzt kommt. Ich will sie unterbrechen, schreien, weglaufen, aber ich kann mich nicht rühren. Ich halte still, während sie mir die Schlinge um den Hals legt. »Ich muss das sagen, zu unser aller Sicherheit.«
»Anna rennt nachts«, teilt sie Kilian mit.
»Nicht immer, manchmal wochenlang überhaupt nicht«, wirft Oliver ein, doch Johanna fährt fort: »Sie hat Albträume und rast wie der Blitz aus ihrem Zimmer. Manchmal mit knallenden Türen. Schlafende Urlauber im Nebenraum und steile Treppen sind also das Letzte, was wir gebrauchen können. Und wir müssen abends daran denken, alle Türen abzuschließen. Ich habe das am Montag vergessen und …«
Oliver unterbricht sie erneut: »Johanna, muss das sein?«
»Ja, das muss sein«, erwidert sie entschlossen. »Der Pool ist direkt hinter der Veranda. Willst du, dass sie ertrinkt?« Sie wendet sich wieder Kilian zu. »Letzten Montag ist Anna um drei Uhr nachts halbnackt im Central Park aufgewacht.«
Halbnackt. Für dieses Detail gibt es keine Entschuldigung. Ich könnte Johanna erwürgen.
Kilian räuspert sich, und ich spüre seinen Blick in meinem Nacken. »Deshalb wolltest du den Grundriss haben.«
Johanna sieht wieder schuldbewusst aus. »Ich wusste nicht, wie ich das am Telefon erklären sollte. Aber wenn dir das Ganze zu heikel ist, fahren wir wieder …«
Das ist mein Einsatz. Es gelingt mir tatsächlich, mich umzudrehen. Ich zucke ein wenig zurück, weil er so dicht vor mir steht, aber ich sehe ihm in die Augen und sage leise: »Es tut mir leid. Ich wollte so gern herkommen, dass ich mir eingeredet habe, es würde schon nicht passieren. Aber meine Schwester hat recht, ich bin … zu heikel. Ich fahre noch heute Abend mit dem Zug nach Manhattan zurück.«
Ich meine jedes Wort ernst. Ich könnte mich ohrfeigen, weil ich die Sache verdrängt habe. Wie konnte ich nur – vor allem nach meinem Sprint in den Central Park. Über den Kilian Brand jetzt vollständig im Bilde ist. Ich könnte Johanna ohrfeigen. Ich will nicht mehr hier sein. Noch nie im Leben habe ich mich so unwohl gefühlt.
Lenis Geschrei reißt mich aus meinen Gedanken. »Nein! Anna muss hierbleiben! Anna ist mein Gegenteil! Mein Gegenteil!«
Oliver packt die schäumende Leni und wird mit ihren roten Zöpfen und der ziemlich harten Rosalie Finn-Rosalie ausgepeitscht, während er sie an Kilian und mir vorbei ins Wohnzimmer bugsiert und die Tür hinter sich schließt.
Kilian hat die Hände in die Hosentaschen gesteckt und sieht mich stirnrunzelnd an. Er scheint abzuwägen, ob er mich nach Hause schicken soll. Das kann er sich sparen, ich fahre sowieso.
»Was ist passiert, nachdem du aufgewacht bist?«
Ich schaue ihn perplex an. »Im Central Park?«
Er nickt.
»Nichts …« Ich spüre, wie ich erröte. »Also, ich hatte Angst, und dann bin ich fast vor ein Taxi und nach Hause gerannt.«
»Wovor hattest du Angst?«
»Ist das nicht klar?«
»Da kommt einiges in Betracht«, sagt er achselzuckend.
»Vor der Polizei.«
Er zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. »Wirklich? Warum?«
Ich verschränke die Arme vor der Brust und trete von einem Bein aufs andere.
»Entschuldigung, das geht mich nichts an«, murmelt Kilian und schiebt sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr.
Ich stelle mir unwillkürlich vor, wie sie sich anfühlt, meine Fingerspitzen kribbeln, und zu meinem Entsetzen plappere ich kopflos drauflos: »Ich weiß nicht, ob es ein Einreiseverbot für Schlafwandler gibt. Für auffällig gewordene Geisteskranke gibt es das bestimmt, und das ist ja quasi dasselbe, und …«
Seine grünen Augen blitzen auf. »Und was?«
»Und ich bin noch nicht fertig mit dieser Stadt.«
Was ich eigentlich sagen wollte, passt auf ein T-Shirt: I NYC. Stattdessen klinge ich wie der Joker in Batman.
Jetzt grinst er doch, obwohl ich das vage Gefühl habe, dass es gegen seinen Willen geschieht. Es stellt irgendetwas mit meinem Puls an, ich kann nicht mehr sprechen. Zum Glück schaltet sich Johanna ein, die den Pool im Garten für viel gefährlicher hält als die Polizei. Maike stimmt ihr zu und findet den Pool sogar gefährlicher als die Heerscharen von Vergewaltigern im Central Park.
»Da gehört ein Zaun drum, auch für die Kinder«, meint Johanna. Sie erzählt etwas von einem sinnvollen kalifornischen Gesetz, das Zäune für Pools vorschreibt, aber ich kann nicht zuhören. Habe ich mich gerade als geisteskrank bezeichnet? Habe ich durch die Blume zugegeben, dass ich mehr Angst vor der Polizei habe als davor, vergewaltigt zu werden? Ich schüttle den Kopf. Das war also mein erstes und wahrscheinlich einziges Gespräch mit Kilian Brand. So viel zu saudoofen Erinnerungen …
Alex, Simone und die Jungs sind eben erst zum Abendessen angekommen. Alex ist Staatsanwalt und musste schnell noch irgendjemanden anklagen. Wahrscheinlich ist er immer noch in Fahrt und wird mich gleich zusammen mit Simone ins Kreuzverhör nehmen – schlimmstenfalls abwechselnd auf Deutsch und Englisch. Alex spricht zwar gut Deutsch, aber meistens wird es ihm nach ein paar Sätzen zu bunt.
Ich zögere es noch hinaus und esse den Schokoladenkuchen, den Maike zum Nachtisch mitgebracht hat, in Zeitlupe. Hätte ich mich bloß nicht auf die Befragung durch den Staatsanwalt eingelassen. Dann säße ich jetzt schon gemütlich mit Johannas zerfledderter Ausgabe von Montauk im Zug. Endstation Sehnsucht: drei Wochen Manhattan, ohne dass ständig jemand reinquatscht. Ohne dass Leni reinquatscht, die ich zweifellos nach wenigen Tagen schrecklich vermissen würde. Ihr verdanke ich das drohende Kreuzverhör.
Als Kilian vorhin nach dem peinlichen Gespräch über meine nächtlichen Eskapaden die Tür zum Wohnzimmer öffnete, stand sie dort mit verheulten Augen und wartete auf mich. Bevor ich den Mund aufmachen konnte, sagte Kilian im Vorbeigehen zu ihr: »Keine Sorge, sie bleibt.«
Ich blieb wie angewurzelt neben Leni stehen. Wie konnte er nur! Nun würde ich sie ein zweites Mal enttäuschen müssen. Auf keinen Fall würde ich als personifizierter Nachtschreck durch diesen Urlaub sprinten. Bestimmt würden die anderen Wetten auf mich abschließen: Wann rennt sie das nächste Mal? Und alles unter den belustigten Augen meines einstigen Lieblingsautors.
»Das … das entscheidest nicht du«, stammelte ich.
»Wer denn dann?«, erkundigte er sich mit genau den belustigten Augen, an die ich gerade gedacht hatte.
»Ich natürlich«, entgegnete ich.
»Das ist dasselbe.«
»Du und ich sind wohl kaum dasselbe.«
»Nein, aber wir wollen dasselbe«, meinte er schlicht.
Ich stutzte. Wir wollen dasselbe. Das klang seltsam. Als wollten wir dasselbe. Meine Wangen wurden heiß, und ich hoffte inständig, dass niemand es bemerkte.
Doch, er hatte es bemerkt – und die anderen vermutlich auch. Jedenfalls gab niemand auch nur einen Piep von sich.
Kilian kratzte sich befangen am Hinterkopf. »Weißt du was«, sagte er und sah plötzlich verärgert aus. »Vielleicht ist es tatsächlich besser, du fährst.«
Da begann Leni wieder zu heulen und klammerte sich an mein Bein. Ich sah Oliver hilflos an. (Johanna konnte ich noch nicht anschauen, erst recht nicht hilflos. Ich war immer noch ziemlich sauer auf sie.)
»Leni, wir fragen Jupiter und Titus«, schlug Oliver vor.
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Kilian den Kopf schief legte, doch vermutlich lag es nur an Jupiter. Oliver ist der Einzige, der den Namen deutsch ausspricht. Dann klingt er besonders bescheuert.
Leni ließ mein Bein nicht los, aber sie hörte auf zu weinen. »Jupiter und Titus wollen Anna«, schniefte sie hoffnungsvoll.
Ich seufzte. Jupiter war vier Jahre alt und Titus zwei. Klar wollten die mich.
»Wenn ihre Eltern nichts dagegen haben, wird Anna bleiben, ja?« Oliver sah nicht Leni an, sondern mich. Ich seufzte erneut. Gegen Oliver konnte ich nichts ausrichten.
Ich warf Kilian einen verstohlenen Blick zu. Er war bestimmt immun gegen Oliver, und er wollte mich nicht mehr hier haben. Was ich verstehen konnte. Er wollte seine Ferien nicht mit einer schlafwandelnden, blau-weiß gestreiften Blumenvase verbringen, die ihm das Wort im Mund herumdrehte. Wir wollen dasselbe. Kein Grund, rot zu werden.
Sag was …
Aber Kilian sagte nichts. Er runzelte nur die Stirn und sah an mir vorbei aus dem Fenster. Dann wandte er sich ab und verschwand durch die Verandatür in Richtung Poolhaus.
Kaum war er weg, blühte Maike auf. Während sie uns half, das Auto auszuräumen, berichtete sie ausführlich über ihre drei exklusiven Stunden mit Kilian Brand. Ich bekam dennoch nur die Hälfte mit, weil Leni um mich herumsprang und gleichzeitig auf mich einredete. Aber was kümmerte es mich, wie Maike und Kilian sich miteinander die Zeit vertrieben hatten …
Zugegeben, irgendwie kümmerte es mich doch. Als Maike eine schwere Klappkiste voller Lebensmittel auf dem Küchentresen abstellte und Johanna ein wenig atemlos davon erzählte, wie sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie einfach alles von ihm gelesen hatte, blieb ich – mit meinem schweren Bücherrucksack auf der rechten Schulter, Johannas vollbeladener Strandtasche auf der linken und Lenis Kuschelkissen im Arm – mitten im Raum stehen und hörte zu.
»Wohl kaum«, hatte er entgegnet.
»Doch, wirklich alles«, hatte Maike versichert.
»Kein Mensch liest Essays.«
»Welche Essays?«
»Siehst du.«
So war jedes Gespräch verlaufen. Alles, was Maike gesagt hatte, war in einer Sackgasse geendet.
»Fabelhaft«, hatte sie bei ihrem ersten Rundgang durchs Haus festgestellt. »Ich habe noch nie in einer Bibliothek geschlafen.«
»Wirklich nicht?«, hatte er geistesabwesend gefragt, während er ein paar Bücher aus den Regalen herausgezogen und wieder zurückgestellt hatte.
»Du etwa schon?«
»Oft.«
Er hatte so gelangweilt geklungen, dass Maike sich eine ganze Weile nicht mehr getraut hatte, ihn anzusprechen.
»Schreibst du gerade an einem Buch?«, hatte sie sich schließlich erkundigt, als sie gemeinsam am Küchentisch gesessen und die unerwartet leckeren Sandwiches gegessen hatten, die er schweigend für sie zubereitet hatte.
»Nein, ich esse.«
Maike tat mir aufrichtig leid. Sie hatte drei Stunden allein mit einem Blödmann verbringen müssen. Das überraschte mich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen wäre ich jede Wette eingegangen, dass sogar Blödmänner Maike beim ersten Treffen nett behandelten. Sie sieht nämlich umwerfend aus. Gertenschlank, blond, Modelgesicht, und sie vermasselt das Ganze nicht einmal mit spießigen Blusen und Perlenohrringen oder so. Zumeist trägt sie enge T-Shirts und dazu extrem kurze Röcke mit Leopardenmuster oder aus schwarzem Leder. Heute trug sie einen pinken Leo-Rock, und man musste einfach ihre endlosen, sonnengebräunten Beine anstarren. Am Jagdinstinkt führte hier also eigentlich kein Weg vorbei. Was war los mit Kilian Brand? Laut Internet fand er Frauen prima.
Selbst wenn man Maikes Reize außer Betracht ließ, hatte ich nicht mit einem Blödmann gerechnet. Schließlich kannte ich seine Stimme aus vier Büchern und siebenundzwanzig Essays, und die war voller Zweifel, Selbstironie und Humor. Ja, was war eigentlich mit seinem Humor passiert? Es war, als hielte er ihn in Schach. Bloß nicht lachen. Vielleicht war er im wahren Leben eine Art Jungfrau und sparte sich das Gute für seine Bücher auf. Vielleicht war es einfach unmöglich, auf dem Papier und im wahren Leben derart geistreich und witzig zu sein. Doch das verlangte ja niemand. Ein paar freundliche Worte hätten schon gereicht.
Aber nun sagte Maike leise zu Johanna: »Ich mag ihn.«
Johanna, die gerade haufenweise Gemüse in den Kühlschrank räumte, hielt inne. Wir wechselten einen ungläubigen Blick, bevor mir einfiel, dass ich noch sauer auf sie war.
»Das brauchst du nicht zu sagen«, meinte Johanna. »Es tut mir leid, dass wir dich so lange mit ihm allein gelassen haben.«
Maike schüttelte den Kopf. »Er ist genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe.«
»Wirklich?«
Johanna und ich hatten gleichzeitig gesprochen, aber Maike schaute mich an. Sie sah ein bisschen bestürzt aus. Ich war auch bestürzt. Maike und ich reden nämlich nicht miteinander. Nie. Das haben wir von Anfang an nicht getan. Ich kenne ihre Gründe nicht, aber meine sind vielfältig. Erstens bestand dank Johannas Anwesenheit nie die Notwendigkeit, mit ihr zu sprechen. Ein Hallo reichte völlig aus, dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Zweitens interessiert es mich einfach kein bisschen, was sie zu sagen hat. Wozu soll ich mich mit dem Echo meiner Schwester unterhalten? Und drittens kann Leni sie nicht leiden. Sobald Maike auftaucht, verschwinden wir im Kinderzimmer.
Das hat wirklich nichts mit Maikes Aussehen zu tun. Ich hätte ihr auch nichts zu sagen, wenn sie grottenhässlich wäre. Hätte ich ein Problem mit hinreißenden Frauen, würde ich meine Schwester meiden. Ich kann zwar nicht ansatzweise mit ihr oder Maike mithalten, aber ich habe Grübchen, für die andere morden würden. Meine Grübchen lassen wirklich keine Wünsche offen, da ist kein Platz für Neid.
Kurz: Maike und ich wechseln kein Wort, warum auch immer. Mein »Wirklich?« war also ein kleines Erdbeben.
»Wie hast du ihn dir denn vorgestellt?«
Es war verrückt. Nun hatten Maike und ich gleichzeitig gesprochen und haargenau dasselbe gesagt. Nur mit unterschiedlicher Betonung. Ihr »du« fühlte sich an wie ein Nadelstich. Als hätte ich kein Recht dazu gehabt, ihn mir überhaupt in irgendeiner Weise vorzustellen. Ich umarmte Lenis Kuschelkissen fester und kaute auf meiner Unterlippe herum. Ich hatte keine Antwort auf ihre und meine Frage.
Maike hingegen schon: »Wie jemanden, der permanent denkt ›I don’t give a f…‹.«
Es sah Maike ähnlich, dass sie den Satz nicht zu Ende brachte. Bloß nicht Johanna verärgern. Was nicht einmal der Fall gewesen wäre, denn Leni war längst außer Hörweite. Sie war mit Oliver und ihrem Köfferchen vorausgestapft.
»Wirklich?«, platzte ich wieder heraus. »Bei jemandem, der verzweifelt versucht, sich und die anderen zu verstehen, stellst du dir ein Arschloch vor? Ich glaube, wir haben nicht die gleichen Bücher gelesen. Ich bin jedenfalls schwer enttäuscht von ihm.«
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, sah ich ihn. Er war noch draußen auf der Rumpelveranda, aber er musste mich gehört haben. Die Tür stand sperrangelweit offen. Für einen winzigen Augenblick trafen sich unsere Blicke, und dann tat ich etwas, das ich mir nie verzeihen werde. Ich zog Lenis Kuschelkissen vor mein Gesicht. Dort stand ich also, mitten in der Küche, und vor meinem Gesicht prangte der freundliche Schneemann Olaf aus der Eiskönigin.
Durch das Kissen hindurch hörte ich gedämpft, wie Kilian seine Hilfe beim Einräumen anbot und sich befangen erkundigte, ob er das Haus lieber nur über die andere Veranda betreten solle. Johanna lehnte beides entschieden ab. Von Maike hörte ich keinen Ton, und ich fragte mich, ob sie sich auch irgendetwas vors Gesicht hielt – vielleicht eine von Johannas Bio-Möhren.
