Wir bleiben in der Nähe - Tilman Rammstedt - E-Book

Wir bleiben in der Nähe E-Book

Tilman Rammstedt

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Beschreibung

„Man möchte Rammstedt ständig zitieren." FRANKFURTER RUNDSCHAU Felix, Konrad und Katharina sind Freunde gewesen. Aber sie haben sich aus den Augen verloren, wie man mit den Jahren vieles ungewollt aus den Augen verliert. Man zweifelt immer öfter, ob man sich für das Leben, das man führt, wirklich entschieden hat. Da bekommen Felix und Konrad einen Brief: Katharina lädt sie zur Hochzeit ein. Sie heiratet einen Tobias, von dem die beiden noch nie gehört haben. Jetzt kommt es darauf an: Überstürzt brechen sie auf, um Katharina davor zu bewahren, sich in einem Leben zu verlaufen, das womöglich nicht ihr eigenes ist. Und sich selbst hoffen sie am besten gleich mit zu retten. In einer kuriosen Verfolgung lauern sie Katharina auf und entführen sie in ein Haus am Meer. Nach ein paar Tagen hat die klarsichtige Katharina genug von dem Spiel und stellt ein Ultimatum. In einer schlaflosen Nacht muss Felix das Ziel finden, für das sich ein Neuanfang lohnt. Der Spiegel lobte Tilman Rammstedt als „präzisen, scharfsinnigen und höchst amüsanten" Erzähler – mit dieser Mischung aus Genauigkeit und Witz stellt sein Roman ganz einfache Fragen: Worum geht es eigentlich im Leben? Welche Entscheidungen müssen getroffen werden? – Und was geschieht, wenn man trotz aller Zweifel seine Wünsche ans Leben ausprobiert? „Tilman Rammstedts Sätze kommen oft ganz einfach daher. Wenn sie komisch sind, erinnern sie mich an Peter Bichsel, wenn sie ernst sind, erinnern sie mich an das Beste von Thomas Bernhard … aber man findet vor allem den ganz eigenen Ton." Elke Heidenreich

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EPUB
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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Tilman Rammstedt

Wir bleiben in der Nähe

Roman

Der Autor dankt der Stiftung Niedersachsen für die Unterstützung der Arbeit an diesem Buch.

Von Tilman Rammstedt sind im DuMont Buchverlag außerdem erschienen:

Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Der Kaiser von China

Erledigungen vor der Feier

eBook 2012

© 2005 DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Groothuis, Lohfert, Consorten (Hamburg)

Umschlagfoto: Nick Dolding, getty images

eBook-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8636-4

Statt Postkarten

Auch das Meer ist nicht gut in Entscheidungen. Ständig ändert es seine Grenzen, fließt vor und zurück, lässt Dinge liegen und nimmt sie beim nächsten Mal dann doch wieder mit, das macht es ganz und gar unmöglich, beim Meer einen klaren Anfang auszumachen. Das Ende hingegen ist deutlich, das Ende ist eine gerade Linie, der Horizont, und auch wenn man natürlich weiß, dass der Horizont nichts beendet, höchstens die eigene Wahrnehmung, auch wenn man weiß, dass sich das Meer vom Horizont nicht so leicht aufhalten lässt, dass es den Horizont nicht einmal wahrnimmt, so ist das letztlich gleichgültig, denn wie bei allen großen Dingen bedeutet Ende auch beim Meer: so weit das Auge reicht.

Das Meer muss aber auch gar nichts entscheiden, ich muss etwas entscheiden, und dabei ist das Meer keine große Hilfe. Es ist zu laut, es lässt zu viel Platz für den Wind, und dennoch bleibe ich, dennoch glaube ich, wenn überhaupt, dann hier auf die Antwort zu stoßen, plötzlich vor ihr zu stehen, beinah über sie zu stolpern, weil es sich jetzt nur noch um einen Geistesblitz handeln kann, einen Glückstreffer, eine Flaschenpost, denn in vier Stunden muss ich etwas entschieden haben, in vier Stunden muss ich die Antwort gefunden haben, und eine überzeugende Antwort muss es sein, eine Antwort, die keine weiteren Fragen erfordert, bei der man nur kurz nickt und sich alles andere erübrigt, doch leider habe ich keine Ahnung, wie diese Antwort aussehen könnte, leider wurde in den letzten Tagen schon so vieles ausgeschlossen, dass das Ausschließen zur Gewohnheit wurde, dass jeder Vorschlag, schon vor dem ersten Nebensatz, manchmal schon vor dem ersten Luftholen seine Ablehnung fand, mein Kopf schmerzt vom kalten Wind, entwirft unablässig Einfälle und gleich danach die dazugehörigen Einwände, und ich weiß nicht, wie ich ihn in den nächsten vier Stunden davon abhalten soll. Wir könnten doch ein aussterbendes Handwerk erlernen. Wir könnten doch ein Hotel eröffnen. Wir könnten Ratgeberliteratur verfassen.

Konrad und Katharina sind vor etwa einer Stunde zum Haus zurückgegangen, wahrscheinlich putzen sie sich jetzt die Zähne oder spülen die Gläser, halten sich noch auf, und ich bin geblieben. Ob ich nicht müde sei, hat Konrad gefragt, und ich habe mit dem Kopf geschüttelt, auch wenn das gelogen war. Ich bin müde, ich bin sehr müde, nur wenig an meinem Körper gehorcht mir noch, nicht die Beine, nicht der Nacken, geschweige denn der Kopf, doch an Schlaf ist nicht zu denken, an anderes ist zu denken, an all das, was mit der Antwort zu tun haben könnte, doch wenn man keine Ahnung hat, wie die Antwort aussehen könnte, dann hat leicht alles mit ihr zu tun, und alles ist zu viel für vier Stunden. Wir könnten Schwerresozialisierbare betreuen. Wir könnten ein Landhaus renovieren. Wir könnten doch wirklich eine Zeitschrift herausgeben.

Vier Stunden, dann klingeln oben im Haus schon wieder die Wecker, und ich werde wohl einen Kaffee gekocht haben, vielleicht sogar den Frühstückstisch gedeckt, das braucht nicht lange. Das Taxi ist bereits bestellt, das wurde schon am frühen Abend erledigt, es wird uns, wie es aussieht, rechtzeitig zum Bahnhof bringen. Das ist der Plan für den kommenden Morgen, der in vier Stunden schon anbricht, das ist die Abmachung, so wird es sich verhalten, wenn diese vier Stunden nicht reichen, hinten und vorne nicht, wenn ich nichts finde, mit nichts beim Frühstück aufwarten kann, wenn alles nun einmal so ist.

Und dann wird es vorbei sein, dann knüpft man wieder irgendwo an, findet sich wieder ein, dann war das hier wohl doch nur ein Urlaub, acht Tage, Haus am Meer, außerhalb der Saison, leider etwas verregnet. Und vielleicht muss man morgen in Paris noch schnell Postkarten kaufen, und eine Einwegkamera, Bilder am Bahnhof, Katharina, wie sie in den Zug steigt, der Eiffelturm von fern, »Frankreich im November«. Aber noch ist es kein Urlaub, noch vier Stunden lang nicht, noch ist es das, was es sein sollte, eine Ausnahmesituation. Es ist nämlich so: Konrad und ich haben Katharina entführt.

Und deshalb sind wir doch schließlich jetzt hier, an diesem Meer, in diesem Land, deshalb muss ich jetzt dringend eine Antwort finden, dringend die verselbständigten Einwände stoppen, dringend Ruhe bewahren, was natürlich gar nicht gelingen kann, denn dringend kann Ruhe nun einmal keinesfalls bewahrt werden, bestenfalls kann man sie dringend vortäuschen, indem man zum Beispiel tief und langsam atmet, ein und aus, indem man die Schultern fallen lässt, indem man, zumindest ansatzweise, versucht, in den Gedanken aufzuräumen, erst einmal alles, was mit der Antwort zu tun hat, irgendwo zu verstauen, um so mit ruhigem Atem und entspannten Schultern wieder allein die Frage vor sich zu haben.

Einatmen. »Wie geht es jetzt weiter?« Ausatmen.

»Wie geht es jetzt weiter«, hat Katharina gefragt, und es war mehr als eine Frage, es war eine Bedingung, eine Drohung, ein Ultimatum, das in vier Stunden ausläuft, und dann geht gar nichts weiter, dann geht es nur noch zurück. Wir könnten Rosen züchten.

Einatmen. »Wie geht es jetzt weiter?« Wie geht es morgen weiter, wie geht es übermorgen immer noch weiter, und nächste Woche, an Weihnachten, im Sommer, nächstes Jahr und auch im Jahr danach? Ausatmen. Wir könnten uns auch an Regenwaldbäume ketten. Wir könnten uns mit einer Touristenfalle eine goldene Nase verdienen. Wir könnten von der Hand in den Mund leben.

»Wie geht es weiter?« Wie geht es mit uns weiter, mit Katharina, Konrad und mir? Wie geht es weiter, nachdem es schon nicht mehr ging? Und warum sollte es dann eigentlich weitergehen, warum ging es überhaupt wieder los? Einatmen.

Katharinas zweiter Brief

Es ging mit Katharinas zweitem Brief wieder los. Es ging wieder los, weil sich Katharina nicht an die Reihenfolge gehalten hat, denn eigentlich sollte ich zuerst, so war das eigentlich ausgemacht, so wurde das beschlossen, vor acht Jahren auf einer Wiese in der Nacht nach Konrads sechsundzwanzigstem Geburtstag. Das weiß ich noch genau, ich weiß immer alles noch genau, ich bin immer der, der sich erinnert. Wer was gesagt hat und wie und manchmal auch, warum. Und selbst, wenn ich mich an manches gar nicht erinnern will, weil es einen nur zusammenzucken lässt oder einfach nicht wert ist, erinnert zu werden, bleibt doch das meiste zurück, ungebeten und rechthaberisch, und deshalb bin ich ganz sicher, dass ich als Erster sollte, dass Katharina als Zweite sollte und Konrad als Letzter, mit einigem Abstand, genauer gesagt so etwa vierzig Jahre nach Katharina und mir.

»Warum denn ich zuerst?«, hatte ich damals gefragt. »Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt heiraten möchte«, und Konrad hatte geantwortet, genau das sei ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich als Erster dran sei, erst lange herumzögern, und dann plötzlich, für alle überraschend, aus dem Nichts. Und Katharina stimmte ihm auch noch zu, wahrscheinlich würde ich die Braut erst eine Woche kennen, vermutete sie, höchstens zwei, und Konrad sagte: »Und ihr heiratet so schnell, dass es natürlich keine richtige Feier geben kann.« Fertigkuchen statt Torte, zehn, fünfzehn Gäste, in einer eilig gemieteten Kneipe. Das waren die Aussichten.

Und ich müsse mir auch keine Sorgen machen, meinte Konrad, sie würden sich gut mit Ulrike verstehen, und Katharina sagte: »Was denn für eine Ulrike?«, ich sollte doch mindestens eine Ann-Sophie heiraten, und Konrad fragte, was sie mir denn zutrauen würde, Ann-Sophie, »Ich bitte dich«, sagte er, und sie einigten sich schließlich auf Antonia, mit Antonia konnten beide leben, auch wenn ich es doch war, der mit ihr leben sollte, aber ich kam nicht zu Wort. Was die Liebe angehe, wisse man selbst immer am wenigsten, belehrte mich Katharina, als ich zaghaft versuchte, auch mal etwas vorzuschlagen, und deshalb fragte ich lieber schnell, wer denn eigentlich als Zweites an der Reihe sei.

Wir überlegten eine Zeit lang, im Kreis auf der Wiese liegend, alle drei den Kopf auf den rechten Arm gestützt. »Wahrscheinlich wohl ich«, sagte Katharina schließlich, und Konrad und ich nickten, aber wir konnten uns beim besten Willen weder auf die Umstände der Hochzeit noch auf irgendwelche Details des Bräutigams einigen. Klar war nur, dass Katharina sehr bald ein Kind bekommen würde, wahrscheinlich schon vor der Hochzeit, einen Sohn, und dass der Vater und Ehemann, über den sonst nichts weiter bekannt wäre, sechs Monate nach der Hochzeit auf tragische Weise umkäme, wahrscheinlich raffte ihn eine Krankheit dahin, und dass deshalb Konrad und ich die Vaterrollen für den armen Kleinen übernehmen würden. »Das ist doch selbstverständlich«, sagte Konrad.

Katharina verschränkte die Arme vor der Brust, vielen Dank, da könne sie ja wirklich beruhigt in die Zukunft schauen.

»Wie heißt der vaterlose Kleine denn?«, fragte ich.

»Ole natürlich«, sagte Konrad.

»Natürlich«, sagte Katharina, noch immer mit den Armen vor der Brust, doch ich konnte sehen, dass ihr irgendetwas an dieser Vorstellung gefiel. Wahrscheinlich sah sie uns gerade Fußball spielen, der Ball geht Ole fast bis zum Knie, Konrad und ich laufen mit Trippelschritten hinter ihm her, keuchen absichtlich laut und rufen: »Nicht so schnell«, und »Gleich hab ich dich«, und so etwas.

Was Konrad betraf, waren wir uns erst sehr unschlüssig darüber, ob er überhaupt heiraten würde, und wenn ja, wie oft. Konrad selbst schlug dreimal vor, einmal zum Üben, einmal betrunken und einmal so richtig, doch Katharina und ich waren uns schließlich fast sicher, dass es nur einmal sein würde, Konrad würde um die siebzig Jahre alt sein, seine Braut achtzig.

»Eine äußerst attraktive Achtzigjährige«, versicherte Katharina, »mit jeder Menge eigenen Zähnen und einem reizend schief zusammengewachsenen Hüftgelenk, so dass du immer einen Schritt neben ihr stehen musst, um sie zu küssen.« Und sie würden natürlich viel reisen, Tunesien, wegen des Klimas, Kreta, Südfrankreich, wunderbar.

Konrad war zufrieden, als Einziger von uns dreien, und noch Monate später schwärmte er uns von seiner zukünftigen Frau vor, von den Falten an ihrem Hals, von seinen Lieblingsaltersflecken und den ausgelassenen Fahrten auf dem Treppenlift, die Zukünftige auf seinem Schoß sitzend, die Arme um seinen Hals verschränkt, »Aber nur auf Stufe zwei, Konrad«, riefe sie. Er stieß uns in diesen Monaten immer wieder an, wenn er Frauen Mitte dreißig sah, »Glaubt ihr, die ist es?«, und auch wenn Katharina und ich nur noch müde »Kann sein« sagten oder »Wahrscheinlich nicht«, rief er ihnen zu: »Ich werde dich bald heiraten. Dauert noch ein paar Jahrzehnte, aber ich freue mich schon.« Anfangs lachten Katharina und ich darüber, nach einer Zeit schämten wir uns. Irgendwann stieß Konrad uns dann nicht mehr an und rief niemandem mehr hinterher, das erleichterte uns, aber die festgelegte Reihenfolge wurde dennoch immer mal wieder erwähnt, als ob es eine Abmachung wäre oder sogar eine allgemein bekannte Tatsache.

Und vor zwei Wochen dann lag der Umschlag im Briefkasten, weiß und gestärkt und mit einer schwarzen Schönschrift beschrieben, die ich nicht gleich erkannte. Es war ein Umschlag, dem man ansah, dass er keinen gewöhnlichen Brief enthielt, und ich starrte lange auf meinen Namen und meine Adresse, als ob es da noch mehr zu sehen gäbe als diese mir bekannten Daten, und wohl erst nach einer knappen Minute drehte ich das Kuvert um, und dort stand Katharinas Name, auch der war mir bekannt, und eine Hamburger Adresse, und das immerhin war mir neu. Ich schloss die Wohnungstür auf, kochte einen Kaffee, obwohl mir ganz und gar nicht nach Kaffee zumute war, legte mich aufs Bett und riss den Umschlag auf.

Er enthielt eine gefaltete Karte aus blassrosa Karton. Vorne stand »Wir heiraten«, innen stand »Katharina Falter & Tobias Ottensen«, hinten standen Ort und Termin der Hochzeitsfeier und daneben handschriftlich »Bitte komm!«

Wer bitte schön war Tobias Ottensen? Ich hatte noch nie etwas von einem Tobias Ottensen gehört, wo kam denn jetzt auf einmal ein Tobias Ottensen her? Und ich stand sofort wieder auf, ging in die Küche, schaute aus dem Fenster, in den Kühlschrank, auf eine Stromrechnung, und dann tat ich das, was ich fast drei Jahre lang nicht getan hatte, ich rief Konrad an. Die Nummer war schnell gewählt, die kannte ich noch auswendig, es klingelte nur einmal, zu kurz, um mir darüber klar zu werden, dass es schließlich Gründe dafür gab, es fast drei Jahre lang überhaupt nicht klingeln zu lassen.

»Wer bitte schön ist Tobias Ottensen?«

»Felix?«

»Ja. Wer ist dieser Tobias Ottensen?«

»Katharinas Freund.«

»Das weiß ich.«

»Warum fragst du dann, wer er ist?«

»Ich meine, hast du von ihm gewusst? Warum heiratet sie den? Kennst du ihn?«

Konrad atmete laut durch die Nase ein. An dieses Geräusch erinnerte ich mich gut. Ich habe ihn schon so atmen gehört bei Telefonaten mit seinen Eltern, bei aufgebrachten Polizisten und Nachbarn, die sich bei ihm über den Zustand des Hinterhofes beklagten, manchmal auch bei mir. Ich mag dieses Atmen nicht. Er sollte jetzt nicht so atmen.

»Nein, ich kenne ihn nicht«, sagte er, und er sagte es sehr ruhig, und erst jetzt fiel mir ein, dass ich gerade Konrads Nummer gewählt hatte, dass Konrad abgehoben hatte, dass ich gerade mit Konrad sprach und dass es nicht so war, wie ich mir das fast drei Jahre lang vorgestellt hatte. Ich wusste nichts mehr zu sagen.

»Sie hat es dir also erzählt?«, fragte er, und ich berichtete ihm von der Einladung und dem »Bitte komm!« und fragte ihn, wann er es denn erfahren habe.

»Erfahren«, wiederholte Konrad, es handele sich doch nicht um eine Beerdigung. »Vor ein paar Wochen«, sagte er dann. »Katharina hat mir einen Brief geschrieben.«

Einen Brief. Mir schrieb sie ein »Bitte komm!« und Konrad schrieb sie einen Brief, einen langen Brief wahrscheinlich, komplett mit Nacherzählung des Heiratsantrags, einer beiläufigen Frage beim Frühstück, und ihren anfänglichen Zweifeln und ihrer Aufregung, ihrer Vorfreude, ihrer Rührung, und das alles schrieb sie schon vor ein paar Wochen, wie viel sind ein paar Wochen, zwei, drei, acht? Konrad hatte es acht Wochen vor mir erfahren, acht Wochen sind eine Aussage.

»Warum hast du mir nichts davon erzählt?«, fragte ich.

»Wann sollte ich dir denn davon erzählen?«

Er hatte Recht. Denn in den fast drei Jahren hatte auch Konrad nicht meine Nummer gewählt, das war auch nicht zu erwarten gewesen, fast drei Jahre lang hatten wir uns nicht gesprochen, nicht gesehen, nur einmal, wie es dann doch manchmal geschieht, in einer U-Bahn-Tür vor ungefähr einem Jahr, als wir aneinander vorbeidrängten, und weil es immer seltsam ist, wenn die Distanz ohne Vorwarnung auf wenige Zentimeter schrumpft, weil sich Augen und Gehirn dann erst einmal neu fokussieren müssen, drängten wir weiter und starrten uns dabei nur an, bis ich schließlich »Konrad« sagte, und Konrad sagte: »Felix«, und dann kam das »Zurückbleiben bitte«, und Konrad stieg nicht wieder ein, und ich stieg nicht wieder aus, und durch die sich schließende Tür machte ich noch diese Telefongeste, den Daumen am Ohr, den kleinen Finger am Mund, und Konrad nickte noch nicht einmal, sah mich nur weiter an, und das war alles schrecklich.

Und an jenem Abend hatte ich den Hörer sogar bereits in der Hand, fand aber doch noch eine Ausrede, den Anruf auf den nächsten Tag zu verschieben, das wäre ja auch albern, jetzt gleich am selben Abend anzurufen, und am nächsten Tag fand ich eine neue Ausrede, und dann noch eine, und dann war es schon zu spät, dann hatte man schließlich schon zu lange gewartet, um das zufällige Treffen zum Anlass zu nehmen.

»Ich habe dich doch jetzt auch gleich angerufen«, sagte ich und wusste, dass der Vergleich nicht galt, aber weil Konrad nichts erwiderte, sagte ich es, wenn auch leiser, noch einmal.

Da war wieder das Atmen. »Felix, mach dich nicht lächerlich. Du weißt es ja jetzt. – Und ich finde auch, du könntest dich ruhig für Katharina freuen.«

Ja, das könnte ich. Ja, das sollte ich sogar. Ja, Konrad hatte Recht, ich machte mich lächerlich, vollkommen lächerlich, und er tat das nicht, was alles noch viel unpassender machte, meine Sätze, die Höhe meiner Stimme, meinen ganzen Anruf.

»Tut mir leid«, sagte ich deshalb, und Konrad sagte: »Schon gut«, und dann schwiegen wir, Konrad an seinem Hörer, ich an meinem, in einem Film würde der Bildschirm jetzt in der Mitte geteilt, so dass wir beide zu sehen wären, und diese Vorstellung gefiel mir.

»Kommst du?«, fragte Konrad dann.

»Wohin?«

»Zur Hochzeit.«

Mir fiel auf, dass ich vor lauter Tobias Ottensen gar nicht auf das Datum geachtet hatte. »Wann ist die denn?«

»Am vierten.«

»Am vierten was?«

»Dezember.«

»Dezember? Das sind nicht mal drei Wochen.«

»Ich weiß.«

Katharina schickte mir eine Einladung drei Wochen vor der Hochzeit, das bedeutete, dass ich nicht auf der ersten Liste stand, dass ich nur nachgerückt war, vielleicht weil irgendein Onkel ins Krankenhaus musste. Mein Name hatte in Klammern gestanden, oder sogar in einer eigenen Spalte gemeinsam mit Grundschulfreundinnen und dem neuen Kollegen, mit dem sie dreimal zusammen Mittag gegessen hatte.

»Ich glaube nicht«, sagte ich, und es klang wahrscheinlich nicht sehr überzeugend, denn Konrad sagte nur, dass ich es mir ja noch mal überlegen könne, und dabei hörte ich das Speichersignal seines Computers. »Ich muss Schluss machen«, sagte er.

»Gut. – Konrad?«

»Ja?«

»Wollen wir uns mal sehen?«

»Ja.«

»Ich ruf dich morgen an, okay?«

»Okay. – Ich muss jetzt auflegen. Bis morgen.«

»Bis morgen. – Und Konrad?«

»Ja.«

»Ich war an der Reihe.«

Konrad lachte kurz. »Ich weiß«, sagte er.

Ich hatte mir Katharinas Hochzeit oft genug vorgestellt, und seltsamerweise nie mit mir als Bräutigam und nur einmal mit Konrad, und diese Vorstellung endete mit viel Tränen und sogar einer Ohrfeige von Katharina. In allen anderen Vorstellungen blieb die Rolle des Bräutigams sehr vage, ein undankbarer Part, meistens namenlos, mit wenig Text und ohne Lacher. Die bessere Rolle hatte natürlich ich, unwahrscheinlich gut aussehend in Smoking und leger gebundener Krawatte, mit einer gründlich ausgearbeiteten Rede voller Witz und dezenten Anspielungen, und am Ende der Rede würde ich alle dazu auffordern, ein Lied zu singen, das es noch zu bestimmen galt, ein bedeutsames Lied, und alle würden singen, und Katharina würde natürlich etwas weinen müssen, und wir umarmen uns lange, und erst sehr spät tanzen wir, wenn die meisten anderen, all die Nebenrollen, all diejenigen, die auf dem Plakat nicht genannt werden, schon gegangen sind, und es ist natürlich ein Walzer, und wir tanzen sehr gut, wir fliegen nur so dahin und reden nicht, wozu denn auch, und dann, ganz spät, sind nur noch Konrad, Katharina und ich übrig, selbst der Bräutigam ist schon gegangen, ja, in der Vorstellung ist das so, das muss nicht erklärt werden, und Katharina sitzt dort im Brautkleid und Konrad links von ihr und ich rechts von ihr, und wir trinken Champagner aus der Flasche, und Katharina sagt: »Jetzt bin ich verheiratet«, und wir müssen lachen, so sehr, dass uns der Champagner aus der Nase läuft, und dann hören wir ein weiteres noch zu bestimmendes Lied, irgendeinen Hit, und wir singen aus vollem Hals mit, und Katharina küsst Konrad und mich auf den Mund und sagt: »Gute Nacht, ihr zwei«, und wir tragen sie auf unseren überkreuzten Armen zum Taxi, und Katharina wirft ihren Kopf zurück und ruft: »Schaut mal, sieht schon alles anders aus«, und Konrad und ich versuchen, auch unseren Kopf zurückzuwerfen, kommen dabei ins Wanken, und beinah wären wir gefallen. Und dann fährt das Taxi weg, Katharinas Oberkörper ragt weit aus dem Fenster, sie winkt mit beiden Armen, und Konrad und ich schauen ihr lange nach, winken noch wild, als das Taxi schon längst nicht mehr zu sehen ist, und wir sind randvoll mit Melancholie und Glück und Champagner, und Konrad sagt: »Katharina ist jetzt verheiratet«, und ich sage: »Katharina ist jetzt verheiratet«, und Konrad sagt: »Irre«, und ich sage: »Aber hallo«, und wir haken uns beieinander ein, gehen langsam in die Richtung, in die das Taxi verschwunden ist. Wir summen zwei verschiedene Lieder, und es ist schon sehr hell.

Nachdem Konrad aufgelegt hatte, trank ich doch den Kaffee und schaute mir noch einmal die Einladung an, las immer wieder die beiden Wörter mit dem Ausrufungszeichen, das Einzige, was wirklich an mich gerichtet war. Ich wollte mich ärgern über die beiden Wörter, ich wollte mich ärgern, dass sie nur zu zweit waren, ich wollte Hunderte von ihnen, mit Dutzenden von Ausrufungszeichen, einigen Fragezeichen und wenig Raum dazwischen, doch ich musste zugeben, dass zwei eine angemessene Zahl war, zwei sind schon viel mehr als gar nichts, und ich musste auch zugeben, dass ich mich über die beiden Wörter freute und froh war, dass auf dem Umschlag nur Katharina als Absender stand, und nicht, wie es sich wohl gehört hätte, beide Namen, Katharina Falter & Tobias Ottensen.

Tobias, wie er Katharina von hinten umarmt, Tobias, wie er Katharina eine versehentlich gelöschte Datei wiederherstellt, Tobias und Katharina mit gleichfarbigen Helmen auf zwei blitzenden Fahrrädern, beim Einkaufen, in einer angeregten Unterhaltung beim Abendessen. Tobias, wie er mich auf der Hochzeit anstrahlt, mich umarmt, als ob wir gemeinsam schon ganze Nächte durchgetanzt hätten, wie er sagt: »Endlich lernen wir uns mal kennen. Katharina hat schon so viel von dir erzählt.« Und was hat Katharina ihm von mir erzählt? Hat sie ihm überhaupt schon von mir erzählt? Vielleicht stellt sie uns auch erst auf der Hochzeit vor. »Felix, das ist Tobias. Tobias, das ist Felix. Ein alter Freund.« Und warum sollte sie das auch nicht tun? Ich bin ein alter Freund, ich bin eintausend Jahre alt, mein Bart ist lang, meine Augen sind wässrig, ich habe viel zu viel Haut für einen verschwindenden Körper, ich komme mit neuen Währungen nicht zurecht, ich brauche lange für alles. Nichts davon stimmt. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich überhaupt ein Freund bin. Und ich war doch an der Reihe, aber bis zum vierten Dezember würde ich das wohl nicht mehr schaffen, das waren nicht einmal drei Wochen, wie sollte das denn möglich sein? Kannst du mir das mal erklären, Katharina, in nicht einmal drei Wochen, wie stellst du dir das denn vor, du hältst dich nicht an die Reihenfolge, es war doch alles abgemacht, nicht einmal drei Wochen, und vieles musste geklärt werden bis dahin.

Katharinas erster Brief

Ausatmen. Und einatmen. Und lieber noch einmal, denn noch hat sich leider nichts geklärt, oder nur wenig, und das wurde gleich ersetzt mit Dingen, die noch schwerer zu klären sind, und jetzt sind es nicht einmal vier Stunden, und mir ist kalt. Wir könnten uns gerne auf eine Pilgerfahrt begeben. Wir könnten Handy-Klingeltöne komponieren, die Charts damit stürmen. Wir könnten ein leer stehendes Bürogebäude besetzen.

Der Wind findet spielend die Eingänge der Kleidung, das Hosenbein, den Nacken, die unbedeckte Stelle zwischen Pullover und Schal. Ich muss in Bewegung bleiben, immer bis zum Felsen und zurück, und ich muss eine Antwort finden, das ist die Abmachung, auf die ich mich einzulassen hatte, und eine klare Antwort soll es sein, auch das gehörte zur Abmachung, weil es ja angeblich auch eine klare Frage war, und Katharina behauptete, dass eine klare Frage eine klare Antwort verdiene, eine konkrete Antwort, »Bitte kein Wischiwaschi«, hat sie gefordert, es durfte kein »Vielleicht« vorkommen, kein »Erst einmal«, kein »Oder so etwas«, noch nicht einmal ein »Oder?«, alles klar und deutlich und uneingeschränkt, so wie Bedingungen auszusehen haben, denn, da hatte Katharina Recht, als Entführer benötigt man nun einmal Bedingungen, zumindest eine davon, und wenn wir die nicht nennen könnten, dann sehe sie damit die Entführung als beendet an.

»Moment«, rief ich, »das sind meine Bedingungen: Dass nichts weiter verschwendet wird, dass wir die Kindereien lassen, dass wir nicht einfach so drauflosheiraten, dass wir uns verdammt noch mal benehmen.«

Und Katharina fragte, wie man sich denn meiner Ansicht nach benehme, ob dafür Entführungen ein gutes Beispiel seien, und ich sagte, ja, das seien sie, denn immerhin sei das doch ein Kontakt.

»Und ein Brief hätte es nicht getan?«

»Nein. Ein Brief wäre nur ein vorsichtiges Anklopfen gewesen, und das gehört sich nicht, nicht für uns.«

Katharina nahm sich eine Möhre und biss krachend den Blattansatz ab. »Was gehört sich denn? Wie soll es denn weitergehen?«, fragte sie, und zum ersten Mal wirkte es so, als ob sie das wirklich gern wissen wollte, und deshalb konnte ich nur die Wahrheit sagen, dass ich keine Ahnung hatte, noch nicht, aber auf jeden Fall anders sollte es sein.

Katharina versuchte, das abgebissene Möhrenende in den Mülleimer zu werfen, es traf den Rand und fiel auf den Boden. »Anders ist eine Menge, anders ist alles andere, das ist zu viel«, sagte sie.

Konrad hatte bis jetzt die ganze Zeit geschwiegen. »Sag du doch mal was«, forderte ich ihn auf. »Wie soll es denn deiner Meinung nach weitergehen?«

»Wenn ich das mal wüsste«, sagte er und schüttelte dabei langsam den Kopf. »Es tut mir leid.«

Ausatmen. Wir könnten einen Piratensender betreiben. Wir könnten eine Eisdiele eröffnen. Und sofort fallen die Einwände darüber her, Eisdiele, schön und gut, aber der Gewerbeschein, das Gesundheitsamt, die Russenmafia, die Vietnamesenmafia und die sizilianische sowieso, und Konrad wäre anfangs ganz begeistert, stände nach ein paar Wochen aber mehr vor als hinter der Theke, und Katharina würde die ganze Zeit Sorten erfinden, die niemand essen möchte, und dann der erste verregnete Sommer, und dann der zweite, und dann streichen wir die Wände wieder weiß, »Wer hatte denn die bescheuerte Idee mit dem Blau?«, fragt Konrad von der Leiter hinab, obwohl es seine eigene Idee gewesen war, aber das sagt man ihm dann besser nicht.

Und wieder einatmen, denn ich muss die Einwände aufhalten, in vier Stunden darf nichts mehr von ihnen zu sehen sein, sonst werden die vorgesehenen Züge erreicht, sonst wird in Großraumabteilen geschwiegen, und in Paris dann, bei einem Kaffee, wenn die Zeit noch reicht, wird sich verabschiedet. »Bis bald« wird womöglich gesagt und gelächelt, und alles ist dann nun einmal so, und so soll es nicht sein. Es soll nicht weiterplätschern, es soll nicht im Hintergrund lauern, es soll nicht auf Abruf bereitstehen, für den Fall, dass wieder einmal nichts zusammenstimmt. Wenn schon, dann soll es jetzt richtig zu Ende gehen.

Und vor fast drei Jahren, mit Katharinas erstem Brief, war es schon einmal zu Ende gegangen, richtig zu Ende gegangen, dachte ich, denn nichts hatte sich verlaufen, nichts hatte sich langsam ausgedünnt, es gab keine stillschweigende Abmachung, ab nun nur noch wenig als selbstverständlich anzusehen, diese Sterbebegleitung von Freundschaften, wie man sie kennt, blieb uns erspart. Es endete beinah so, wie sich das für ein Ende gehört, zu einem genau benennbaren Zeitpunkt, mit einem letzten Satz, mit einem Entschluss, dem man sich zu fügen hatte. Nur war es kein deutlicher letzter Satz, und jetzt, fast drei Jahre später, fügt sich nur noch wenig, und rückblickend ist das Ende dann doch nur der Beginn einer Unterbrechung gewesen. Kaum etwas ist endgültig, das vergisst man leicht.

Vor fast drei Jahren schien es sich jedoch um ein Ende zu handeln, ein klares Ende, aber ein klares Ende hat nicht immer einen klaren Anfang, den sucht man meist vergeblich, der rutscht immer weiter nach hinten, und deshalb empfiehlt es sich, mit den Symptomen anzufangen. Ein Symptom ist schließlich leicht zu erkennen, auch wenn man nur selten weiß, wofür es eigentlich ein Symptom sein soll, da kann man nur Vermutungen anstellen und hoffen, das spätestens dann herauszufinden, wenn das Symptom beseitigt ist, wenn man neu Bestand aufnimmt und sieht, was mit dem Symptom noch alles verschwunden ist.

Schlaflosigkeit ist ein Symptom, Schlaflosigkeit ist besonders leicht zu erkennen, Schlaflosigkeit bietet sich an, dieser vollkommen unangemessene Wachzustand, die Nächte am Tisch, im Sessel, mit aufgerissenen Augen im Bett, das Trommeln der Finger, die unruhigen Zehen und der kurze Atem und das Umherlaufen von einem Zimmer ins andere, um zu schauen, ob es da irgendetwas zu tun gibt, ob da nicht das wartet, was noch schnell erledigt sein muss, und natürlich findet man nichts, und dann das wahllose Ausräumen von Schubladen, das Ordnen von Büchern, alphabetisch, chronologisch, farblich, die geliehenen auf einen eigenen Stapel, um sie endlich einmal zurückzugeben. Und die plötzlichen Ideen zur Umgestaltung der Wohnung, das Regal vielleicht doch in den Flur oder seitlich ins Zimmer ragend, um eine Nische zu schaffen, all das will ausprobiert sein, das Bett unters Fenster, um mit den viel zu offenen Augen wenigstens etwas anderes anzustarren, auch mal was in die Mitte des Zimmers stellen, man braucht den Platz doch ohnehin nie. Dinge werden beschriftet in diesen Nächten, Dinge werden in die passenden Hüllen getan, Dinge werden abgeheftet und ausgefüllt und gereinigt und in den Keller gebracht und weggeschmissen und repariert und gestapelt, und Fenster werden geöffnet und geschlossen und sogar geputzt, während langsam die Sonne aufgeht und in den Wohnungen gegenüber Radiowecker ausgeschaltet werden und man Menschen vor Spiegeln sieht.

Dann kann man aufatmen, dann hat es ein Ende, und ich wartete mit älteren Frauen, die es zu anderen Uhrzeiten nicht zu geben schien, vor dem Supermarkt, bis er endlich aufmachte, vorsichtig lächelten sie mir schon zu. Ich konnte endlich ein Frühstück einkaufen, Obst und Joghurt und Säfte mit zweistelliger Vitaminanzahl, weil es ja vielleicht doch an der Ernährung lag und ein Tag mit gutem Vorsatz begonnen werden sollte, und dann sprang ich doch wieder waghalsig zwischen den Launen, und alles brauchte lange, schon das Zähneputzen, das Wechseln der Kleidung, die U-Bahn-Fahrt ins Krankenhaus waren Tätigkeiten, deren Ende schwer abzusehen war, und am Tag kam sie dann, die Müdigkeit, und sie kam schnell und energisch, dauernd schlief ich kurz ein, fünf Minuten, drei Minuten, eine Minute, zehn Sekunden, beim Mittagessen, im Aufzug, selbst bei längeren Gesprächen, und immer schreckte ich hoch, und dann war es auf einmal wieder Abend, wieder Nacht, und die Augen schlossen nicht richtig, und all das konnte doch nicht so bleiben.

Also mit den Symptomen anfangen, weil die Ursachen immer nur zu benennen sind, weil mit einem Benennen aber noch nichts ausgerichtet ist, und man sich auch nie sicher sein kann, ob diese Ursachen nicht doch auch nur Symptome sind für dritte Symptome und vierte und womöglich fünfte und gar sechste, siebte und selbst wenn es ein Ende dieser Reihe gibt, dann erkennt man es nicht mehr, und vielleicht kann die Reihe auch gar kein Ende haben, weil sie eher ein Kreis ist oder ein gewagteres geometrisches Gebilde, das man mühsam skizzieren muss, um es zu begreifen, am besten mit verschiedenen Farben, Rot für selbst verursacht zum Beispiel, ein helles Blau für rein körperlich und zum Beispiel Grün für sich wechselseitig bedingend, und allein beim Skizzieren vergehen schon wieder ganze Nächte, selbst wenn man schnell die verschiedenfarbigen Stifte beieinander hat, und das Ausmachen der Symptome wird dann selbst zur Ursache, und das geometrische Gebilde muss schnell neu skizziert werden, bis der Supermarkt wieder öffnet.

Also schleunigst mit den Symptomen anfangen, denn auch das braucht seine Zeit, auch das braucht immer neue Ansätze und überraschende Einfälle, Maßnahmen, mit denen das Symptom nicht rechnet, nicht rechnen kann, weil man selbst nicht mit ihnen rechnet, und so kam es auch zu meinem Springseil, zu meinen Patience-Karten, so kam es schließlich auch zu meinem Pyjama.

Eines Morgens beim Frühstück war der Wunsch da, trat aus dem übermüdeten Gefühl des Mangels als klarer Vorsatz heraus, war endlich formulierbar, und ihm konnte nachgegangen werden. Ich ging ihm an einem Donnerstag nach, entschied mich für einen schlicht-blauen aus Flanell. Ob ich eine Happy-Digits-Karte hätte, fragte die Kassiererin, und ich musste lachen, weil Launen sich bei Müdigkeit verselbständigen und man noch erleichtert sein konnte, dass es ein Lachen war, so laut, dass die Kassiererin nach anfänglichem Zögern mitlachte und die Frau, die hinter mir in der Schlange stand, schließlich auch, und ich lachte noch, als ich das Kaufhaus verließ, weil ich überrascht darüber war, wie leicht einem Vorsatz nachgegangen werden kann, weil ich hoffte, dass es damit getan war, dass ich den entscheidenden Schritt hinter mir hatte, dass es jetzt nur noch abzuwarten galt, bis die Wirkung einsetzte, bis sich ein schlicht-blauer Flanellschlaf einstellen würde, mich übermannen würde, und am Abend fragte Katharina dann: »Was bitte ist denn das?«, »Ein Pyjama«, sagte ich, »ein Pyjama«, und Katharina sagte: »Aha«, drehte sich zur Seite und schlug ihr Buch auf. Ich legte mich zu ihr, schaute erst ihren Nacken und dann die Decke an und versuchte an Flanell zu denken, versuchte an das Wort »flauschig« zu denken, das ich auf der Packung gelesen hatte, und machte einige Laute, die wohlig, fast schnurrend klingen sollten, bis Katharina fragte: »Hast du was?«, und ich mich wieder still verhielt. Ich schlief noch nicht in dieser Nacht.

Katharina übernachtete damals meistens donnerstags bei mir, weil Konrad pendelte. Mittwochs bis freitags war er in Frankfurt, seit fast zwei Jahren schon, und gab dort Seminare zu »Spontanen Hierarchien« und »Projektökologie« und »Colleagueism« und anderen Wörtern. »Die glauben mir ja alles«, sagte Konrad, wenn ich die Wörter ungläubig wiederholte, und ich konnte nie ausmachen, ob er das stolz oder verzweifelt sagte.

Zu der Zeit der Donnerstage kannte ich Konrad bereits zwölf Jahre und schon ewig. Katharina kannte ich bereits zehn Jahre, und auch das war ja ewig, an die Zeit vor Katharina und Konrad konnte ich mich schon damals nicht erinnern, da waren nur Fetzen, kurze Szenen, Sätze, in denen es um Dinge ging, die mir nichts sagten, und da waren Menschen, die nach und nach nicht mehr in neue Adressbücher übernommen wurden.

Konrad und Katharina wurden immer übernommen, auch wenn ich die Telefonnummern und Postleitzahlen längst auswendig konnte, sie standen immer auf derselben Seite untereinander, Katharina vor Konrad, was hauptsächlich alphabetische Gründe hatte, bis sie irgendwann auf einmal nebeneinander rückten.