Wir Bunkermenschen - Markus Morgen - E-Book

Wir Bunkermenschen E-Book

Markus Morgen

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Beschreibung

Vor allem wollen sie dieses Ziel ja erreichen: einschüchtern, Angst einjagen, Macht ausüben, unterdrücken. Und wenn die Opfer nicht mehr davon reden, dann haben die Täter vollkommen gewonnen. Dies sagt Georg, die Hauptperson im Roman. Liebe Leserin, lieber Leser, stellen Sie sich vor, der Zweite Weltkrieg wäre anders ausgegangen. Und das diktatorische NS-Regime mit seiner menschenverachtenden Ideologie ist an der Macht geblieben! Dieser Roman erzählt davon, in einer fiktiven Familiengeschichte, die in Oberschwaben in einem totalitären Deutschland, gut 50 Jahre nach Kriegsende spielt. Erzählt wird mit vielen historischen Bezügen vom Riss, der durch diese Familie geht und sämtliche Lebensbereiche betrifft: Schulbildung, Arbeit, Kultur, Religion und Freizeit. Antidemokratische Staaten und solche, die ihre rechtsstaatliche Verfassung jüngst aufgaben, gibt es gegenwärtig, im Jahre 2022, viele auf der Erde. Leider ist der Romaninhalt mit Angriffskrieg und Politik des russischen Machthabers auf die demokratische Ukraine höchst aktuell geworden. Trotzdem gibt es berechtigte Hoffnungen durch widerständige Menschen mit ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Menschlichkeit, in der Realität als auch im Roman Wir Bunkermenschen.

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Seitenzahl: 561

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wir Bunkermenschen

TitelseitePrologKapitel I: BunkerlebenKapitel II: KriegsendeKapitel III: Schulbildung, Allgemeinbildung und PädagogikKapitel IV: Gesetze des StaatesKapitel V: Arbeit, Beruf und WirtschaftKapitel VI: Kultur, Literatur und ReligionKapitel VII: Von Ochsen, Hunden und Wölfen im brutalen MenschenreichKapitel VIII: Vergangenheit ist stets GegenwartKapitel IX: WiderstandKapitel X: Der Staat schlägt unbarmherzig zurückKapitel XI: Zwischen Fragezeichen und HoffnungszeichenKapitel XII: Perspektiven für die ZukunftAnmerkungen und historische ErklärungenDanksagungImpressum

Markus Morgen

Wir Bunkermenschen

Ein historisch-politisches Gedankenspiel

Roman

Mauer Verlag

Wilfried Kriese

72108 Rottenburg a/N

Buchgestaltung: Wilfried Kriese

Titelbild: Markus Morgen

2022

Alle Rechte vorbehalten

www.mauerverlag.de

Widmung

Dieser Roman ist allen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Opfern / Geschädigten von totalitären Regimen weltweit gewidmet.

Rechtlicher Hinweis:

Die Hauptpersonen der Ravensburger Familien Blank / Meierlein sind alle fiktiv und erfunden.

Historische Personen als Widerstandkämpfer oder als Politiker sind mit Klarnamen und Lebensdaten nachweisbar, wobei in manchen Fällen die Lebensgeschichte gemäß Romanlogik verändert werden musste.

Weitere Namensgleichungen sind zufällig.

Titelbild: Blick aus einem deutschen Abwehr-Bunker in der Normandie, ehemals Atlantikwall 2016.

Prolog

Jahr 2002

„Schlaft nicht, denn es gibt keinen Frieden auf Erden.“1

Nein, Georg bereute es nicht! Was sollte er sich vorwerfen? Natürlich ist man hinterher immer klüger, denkt er. Aber deshalb, nur um nach außen hin klug zu erscheinen, sich den Mund verbieten zu lassen und die Wahrheit nicht auszusprechen? Nein! Georg kann es sich bis heute nicht vorstellen, dass er damals mit seiner freien Rede im Unrecht gewesen wäre. Und ja, die Betroffenheit seiner Zuhörer war sehr groß. Doch auch hier fühlt er sich durch das alte Sprichwort bestätigt: >Betroffene Hunde bellen!< Und trotzdem wühlt es Georg immer noch innerlich auf, weil es sich so unfair anfühlte und immer noch so anfühlt, selbst wenn er sich nur daran erinnert, was damals geschehen war bei dieser freien Hochzeitsrede für seine Enkelin.

Nach der staatlichen Trauung - kirchliche Trauungen gibt es kaum noch, sie sind offiziell verboten - sitzt das glückliche Paar mit seinen Angehörigen und Freunden im Bürgersaal, versammelt am Kaffee-Tisch: Reden folgen, die letzte Rede hält der Schwiegervater der Braut Waltraud. Sie heiratet einen gewissen Ernst. Ernsts Vater beendet gerade seine Rede:„(…) und so wünsche ich dem Brautpaar für seine gemeinsame Zukunft wirtschaftlichen Erfolg, viel gesunden deutschen Nachwuchs und weiterhin Frieden. Ich möchte meine Rede mit dem deutschen Gruß, dem dreimaligen >Heil Führer< auf dieses strahlend deutsche Brautpaar beschließen.“

Alle Gäste klatschen. Die Braut bedankt sich beim Schwiegervater für die ergreifenden Worte. Danach sagt Waltraud frei heraus:„Jetzt wünsche ich mir von meinem lieben Opa Georgganz spontan eine freie Rede!“

Opa Georg, der gerade an seinem Weinglas trinkt, ist etwas verwundert und dennoch gerührt. Er steht auf, erhebt sein halbvolles Glas und beginnt mit seiner spontanen Ansprache zu den Festgästen.

„Mein liebes Enkelkind Waltraud, liebes Brautpaar, werte Hochzeitsgäste.

Waltraud hat mich ganz unvermutet darum gebeten, an euch eine >freie Rede!< zu halten. Das ehrt und freut mich zugleich. Und wie könnte ich der schönsten Braut, meinem Enkelkind, diesen Wunsch abschlagen? Ich nehme auch die schwierige Herausforderung an, eine >freie Rede< zu halten. Und ich denke, dazu wird mir auch dieses Glas Wein nützlich sein. Denn nicht umsonst heißt es bei den alten Römern auf Lateinisch (Opa hat mal vor gefühlten 100 Jahren Latein gelernt) > in vino veritas<, für strenge Germanen übersetzt: Im Wein liegt die Wahrheit! Nun, für mich bedeutet >freie Rede< im doppelten Sinne: Erstens: Frei, weil sie ganz spontan und unvorbereitet ist. Zweitens: Frei, weil meine Gedanken frei sind und ich diese hier frei äußern möchte, was im Familienkreis auch heutzutage möglich sein sollte! Nun, liebes Brautpaar. Ich wünsche euch von Herzen alles Glück und eine Zukunft, bei der ihr ohne Angst und in Freiheit eine Familie gründen könnt. Ich habe gut aufgepasst, mein Vorredner wünscht euch >weiterhin Frieden<. Nur habe ich leider überhaupt nicht verstanden, welchen >weiterhin Frieden< dein Schwiegervater damit meint. Denn ich finde keineswegs, dass wir in unserem Staat in Frieden leben! Verzeiht, aber so sind halt meine freien Gedanken. Und ich kenne auch viele, die mir versteckt, hinter vorgehaltener Hand (er hält seine Hand vor den Mund)oder flüsternd erzählen, mit welcher Kriegsangst sie leben. Kein Wunder, denn unser Staat „Das Deutsche Reich“2ist entweder mit allen seinen Nachbarländern verfeindet, fühlt sich bedroht oder muss mithilfe modernster Wehrtechnik sowie rund 3 Millionen Soldaten und dem sogenannten Grenzmilitär alle Außengrenzen gleichwie ein Kettenhund bewachen. (In Klammern füge ich hinzu: Österreich gehört zum Deutschen Reich und die Schweiz konnte sich bisher immer wieder freikaufen, weil sie sich erpressen lassen muss).

Ja, damals 1945, als der grausame Krieg nach fast 6 Jahren endlich zu Ende ging, haben viele den Frieden herbeigesehnt und erhofft. Leider erspüre ich und viele meiner Freunde und Bekannten trotzdem kein Friedensgefühl, sondern höchste Anspannung und andauernde Feindschaft zu den Nachbarvölkern.“

Zwischenruf: „Aber, Mensch Opa, wir feiern heute Hochzeit, da ist die Politik ganz fehl am Platze!“

Opa: „Tut mir leid, ich sehe das ganz anders: Das wahre Glück hat sehr viel mit dem gesellschaftlichen Umfeld, der Politik, einfach den Lebensbedingungen im Staate zu tun. Das Glück steht und fällt mit der Lebens-Wirklichkeit. Wie schnell ist es denn vorbei mit eurem Glück? - Wenn Ernst, dein Bräutigam, morgen in den Krieg eingezogen wird, weil`s die Amerikaner mit den Engländern doch noch mal versuchen wollen und ihre drohende Groß-Invasion jetzt starten?

Ich weiß, wovon ich rede: Denn ich bin ja selbst als ganz junger Mensch in die Normandie eingezogen worden. Ja, dort hatte ich mehr als Riesenglück, nicht im Krieg zu fallen! Oder, wenn Ernst wie jeder Deutsche, jedes Jahr ein paar Wochen beim Grenzmilitär die deutschen Außengrenzen sichern muss! Auch hochgefährlich, wegen der zahlreichen Partisanen, die immer wieder Minen- und Bombenanschläge verüben, wobei es einen leicht beide Beine wegreißen kann.

Deshalb leben wir seit 50 Jahren schon gar nicht in Frieden oder >weiterhin Frieden< wie mein Vorredner sagte, sondern in einem Schein-Frieden, der jederzeit in Krieg, einen Vernichtungskrieg umschlagen kann!“

Enkel Bernhart geht laut dazwischen und faucht: „Opa, jetzt halt endlich dein aufrührerisches Maul! Das ist eine Hochzeit, du störst den Familienfrieden!“ Der Opa lässt sich auch von seinem jüngeren Enkel, Bernhart nicht einschüchtern, sondern fährt fort:

„O.K., dann bin ich gerne ein Störenfried, nämlich ein Kämpfer für echtes Glück und wahrhaften Frieden. Denn bisher habe ich nur ein paar Aspekte des äußeren Schein-Friedens geschildert, jetzt noch zur Familie direkt: Denn hoffentlich habt ihr für euer gemeinsames Glück, genug Geld, damit ihr einen Familien-Bunker bauen könnt, den der Staat jeder deutschen Familie vorschreibt.

So ein Bunker ist eher eine Art >Schutzhaft<, worin sich die Familien unterirdisch eingraben müssen. Dieses unterirdische Leben mit allen Schutzmaßnahmen bei Kriegsfall ist sauteuer. Andererseits hoffe und wünsche ich euch eine schöne Hochzeitsreise. Nämlich dorthin, wo deutsche Urlauber gern gesehen sind. Wohl nicht nach Paris, im Land des behaupteten Erzfeindes. In Italien sind wir auch nicht mehr gern gesehen, in der Schweiz schon gar nicht. Die Beneluxstaaten wollen nicht noch mehr deutsche Besatzungsmächte. In Skandinavien sind wir noch geduldet, aber selbst in Norwegen herrscht eine starke Opposition, um den deutschstämmigen Politiker Willy Brandt3und seine Partei. Dennoch, ich bin ja zuversichtlich, irgendwo in diesem großen Deutschen Reich, werdet ihr noch einen Ferienbunker finden. Zum Schluss noch ein Wort zu euren Kindern, die ich euch herzlich gern wünsche. Mehr noch, dass sie endlich in Freiheit aufwachsen können. Leider werden auch Kinder schon von klein auf als Staatseigentum betrachtet und zur rechten Staatsgesinnung herangezogen: Im staatlichen Kindergarten, in den NAPOLA-Schulen, im Jungvolk, in nationalen Zeltlagern, in der HJ, im BDM, in der vormilitärischen Ausbildung, beim Militärdienst und vor allem bei der Berufsausbildung, wo es zuallererst auf die arische Rasse, dann auf die Parteizugehörigkeit und schließlich auf den Machtinstinkt ankommt! So viel zum inneren Frieden. Genau, das musste jetzt einfach mal frei heraus gesagt werden… Ja, ich wünsche euch liebes Brautpaar, echtes Glück und wirklichen Frieden, aber dazu müssen sich die staatlichen Rahmenbedingungen komplett verändern, muss sich das Deutsche Reich mit seinen Nachbarländern aussöhnen.“

Opa Georg, nimmt das Weinglas und spricht seinen Tost aus: „Also, trinken wir auf eine bessere Zukunft für unser geliebtes Brautpaar!“

Kaum einer hebt sein Glas zum Glückwunsch, alle schauen betreten zu Boden oder zur Seite. Betretene Stille beherrscht das Fest. Schließlich nimmt die Braut Waltraud, ihr Glas. Dann steht sie auf, geht demonstrativ langsam und zielbewusst auf ihren Großvater zu, umarmt ihn herzlich. Und sagt dabei laut, für alle hörbar: „Opa, ich bin so stolz auf dich. Ich danke dir für deine freie Rede. Du bist so mutig und wahrhaftig.“ Wieder Stille!Irgendeiner fängt dann doch noch demonstrativ zu klatschen an, ein paar Gäste klatschen verhalten mit. Unter Tränen in den Augen beider lösen sich Enkelin und Opa aus der Umarmung.

Bernhart, der ein Jahr ältere Bruder der Braut Waltraud, bekommt ein knallrotes Gesicht und je stärker er sich gegen das Rot werden wehrt, umso röter und heißer fühlt es sich an, ein lautes Schnaufen vernehmen die Umherstehenden. „Als älterer Bruder möchte ich die Worte des Opas nicht einfach stehen lassen. Ich will sagen, dass die Zukunft und die Jugend auf unserer Seite sind.

Wir sind eine Jugendbewegung und der Opa hat seine Jugendchancen damals leider nicht genützt. Und deshalb macht er heute Staat und Partei schlecht. Ich dagegen habe meine gute Schulbildung, die Werte von (deutscher) Pflicht, Recht und Ordnung diesem Deutschen Reich zu verdanken. Und das ist gut so! Wer die Nation zusammenhält, sich gegen äußere Feinde wehrt, wer Ordnung hält, der bekommt in diesem Staat gute Aufstiegschancen. Die Starken werden gefördert, genau wie es die Natur vormacht, die Schwachen werden aussortiert.“

Irgendeine ferne Verwandte wendet ein: „Jetzt ist aber genug mit Politik. Wir sind auf einer Hochzeit, nicht auf‘m Parteitag.“ „Damit hab‘ ich nicht angefangen“, schnaubte Bernhart zurück und setzte sich wieder hin.

Das Fest geht schließlich irgendwie weiter … Bei Bernharts Gegenrede haben die meisten Gäste auf „Durchzug“ gestellt. Doch was Opa Georg sagte, blieb vielen lange im Gedächtnis. Er hat wohl den Nerv getroffen.

Jedenfalls macht sich Bernhart ernste Gedanken, ob er diesen Vorfall dem SD [Sicherheitsdienst], der SS oder einer anderen Staatsaufsicht melden solle. Laut Gesetz muss er – der Elite-Schüler – dies tun. Denn, wenn er es nicht meldet, wird er selbst angeschwärzt und angezeigt, worin sicher einer der Hochzeitsgäste seine Chance sieht. Sogar im Familienkreis, hier kann er keinem trauen – paradoxerweise würde er nur einem einzigen trauen, seinem „gegnerischen Opa!“ ….

Opa wird wegen „seiner freien Rede“ unbekannterweise angezeigt. Er erscheint auf der Polizeiwache bei SD und SS-Leuten.4Vorwurf: „Wehrkraftzersetzung“. Opa Georg Blank ist nicht auf den Mund gefallen: „Entschuldigung, das ist ja wirklich lächerlich. Ich denke, wir befinden uns im Frieden, nicht im Krieg! Wie kann ich dann auf „Wehrkraftzersetzung“ angeschuldigt werden?“

„Seien Sie still, Sie Staatsfeind…. Halten Sie ihr freches und lautes Lügenmaul! Die Fragen stellen wir, nicht Sie, Herr Angeklagter…!

Und das Urteil fällen auch wir, ein paar Wochen >Schutzhaft< müssten schon drin sein. Auch wenn es Ihnen sicher nicht passt: Wir fällen das Urteil im Sinne des geliebten Deutschen Reiches, im Sinne des Führers und seiner Partei, im Sinne der Volksgemeinschaft und der Gesundung des Volkes. Dies bedeutet: Ausrottung von wucherndem Krebsgeschwür, Ausmerzung der Volksfeinde und Staatsaufwiegler!“

Jahr 1999

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“5

Kapitel I: Bunkerleben

Eines der größten und bedeutendsten Ministerien innerhalb der Regierung war im Deutschen Reich6 das Ministerium für Bau- Grenzschutz und Bunkerwesen. Abgekürzt mit BGB. Einerseits haben die schlimmen Zerstörungen des Krieges vieler deutscher Städte und Industrieanlagen nach Kriegsende gewaltige Aufbaumaßnahmen erfordert. Andererseits waren Politik und Bauhandwerk ganz stark auf den Bau von Bunkern ausgerichtet. Dabei gab es unter der Generalbezeichnung „Der Deutsche Bunker“ eine ganze Liste von Bunkerbau-Arten, ja ganze Bunker-Siedlungen entstanden.

Architekten und zahlreiche Baufirmen widmeten sich nur diesem einen Gebäude, dem Bunker. Neben dem Städte- und Gemeindebunker gab es den Vereinsbunker, Schulbunker, Familienbunker, Haus- und Nutztierbunker, nach Standort bezeichnet, den Waldbunker, den Berghöhlenbunker, den Autobahntunnel-Bunker, Industrie- und Rüstungsbunker, den Zug- und Flugzeug-Bunker, den Hotel- und Gaststätten-Bunker, den Speicherbunker, den Hochbunker, ja sogar den Ferienbunker am Urlaubsort. Häufig kam es vor, dass die Urlaubsreise nur deshalb nicht angetreten werden konnte, weil der verpflichtende Bunkerplatz für die Familie nicht ausreichte. Oftmals deshalb, weil Soldaten durch die ständigen Militär- und Manöverübungen die Bunkerplätze beschlagnahmten. Denn soldatische Kampfhandlungen haben per Gesetz stets vorrangigen Anspruch auf alle Bunkerplätze. Die Pflicht eines jeden deutschen Urlaubers hingegen war, sich am Urlaubsort als Allererstes nochmals ganz persönlich über Bunkerplatz, Art, Lage, Zugang und Technik zu informieren. Fast jede Urlaubsfamilie besichtigte zunächst den zuständigen Schutzbunker, bevor sie überhaupt ins Hotel ging. Denn erst nachdem jedes Familienmitglied seine eigene Bunkerkarte hatte, wurden auch die Hotelzimmer freigegeben. Wer sich nicht an diese allgemeinen Urlaubsregeln und Ordnungen hielt, wurde zur Strafe und Umerziehung die ersten Urlaubstage statt im Hotel, sogleich im kalten Betonbunker, im Erdloch untergebracht. Das hatte zur Folge, dass bei der Besichtigung des zugewiesenen Urlaubsbunkers praktisch immer irgendwelche Leute mit ihrem Urlaubsgepäck bereits im Bunker lebten, die sogenannten Straf-Urlauber.

Der >Führerbunker Berlin< stand immer noch hoch im Kurs:

Trotz lediglich eine Kopie war dieses Berliner Modell am beliebtesten, wenngleich unbezahlbar. Mit den geringen staatlichen Zuschüssen dafür konnte man keine weiten Sprünge machen. Zumal die allermeisten Zuschüsse nur für Radioempfänger und Lautsprecheranlagen gewährt wurden. Aber was nutzte die gute Akustik zum Empfang von Führerrede und Propaganda, wenn die Betonmauern zu instabil waren und dadurch den feindlichen Bomben kaum standhalten konnten. Irgendwo musste man die vielen Milliarden Tonnen Stahlbeton einsparen, weil natürlich Knappheit an Stahl herrschte.

Manche Reiche, vor allem Industrielle, Chefs von Rüstungsfirmen oder Baufirmen leisteten sich die teuerste Bunker-Ausführung, Modell „Deutsche Wertarbeit“. Neben dicken Stahlbeton-Mauern, Sonderstrom-Versorgung und riesigen Vorratskellern, gab es das Bunker-Schwimmbad, das Bunker-Kino und die Bunker-Bibliothek, natürlich nur mit staatlich genehmigten, ausgewählten Büchern. Viele hatten extra Schutzräume für die Haustiere, vornehmlich für den Deutschen Schäferhund, eingerichtet. Manche ließen sogar für ihr Auto, eine extra unterirdische Bunker-Garage bauen.

Eine riesengroße organisatorische Herausforderung war stets die Nahrungsbeschaffung bzw. das Horten der Vorräte im Bunker. Selbst die Mindesthaltbarkeit von 3 Jahren reichte nicht aus und musste ständig kontrolliert werden. Vor allem auch daher, weil sich das Wort Waffenphantom bzw. Monsterwaffe, die von H.7>Wunderwaffe< genannt wurde, in alle Seelen eingebrannt hatte. Jeder Deutsche glaubte aus Überzeugung an die mehrfache Existenz dieser Monsterwaffen. Ihre absolute Vernichtungskraft ging ins Unendliche. Manche selbst ernannten Experten sagten: „Die Atombombe der Amerikaner über Hiroshima ist im Vergleich zur absoluten Vernichtungsgewalt dieser Monsterwaffe ein >Judenfurz<“. Und natürlich hatte man Angst, die Amerikaner hätten schon eine ähnliche Monsterwaffe oder sie könnten an die deutschen Baupläne und deren Waffeningenieure herankommen.

Viele Bewohner rechneten auch damit – Gott verhüte – dass in Deutschland durch menschliches Versagen ein Monsterwaffenunfall ausgelöst werden könnte oder, dass der Feind einen hinterhältigen Anschlag auf die atomare Monsterwaffe verüben könnte und durch die eigene >Wunderwaffe< Mann und Maus in einem Umkreis von 200 km ausgelöscht und vernichtet wären. Freilich auch davor sollten die Millionen von deutschen Bunkern schützen. Deshalb mussten logischerweise die Lebensmittel mindestens 3 Jahre lang haltbar sein.

Naja, über die Bunker gäbe es tausende Geschichten zu erzählen, von Millionen von Menschen, weil eben die Bunker in unserem Land allgegenwärtig sind und niemals aus dem Alltag weggedacht, besser weggesprengt werden könnten.

Deshalb gibt es sogar richtige Ausbildungsberufe im Bunkerwesen, mindestens 3 Jahre Lehrzeit, um am Ende ein staatlich geprüfter Bunker Vorsteher zu werden.

Für die Zulassung zur Ausbildung gehört zuallererst die richtige Gesinnung, ansonsten hast du gar keine Chance. Dann kommen sehr viele technische Wissensgebiete, die zu beherrschen sind dazu: Wissen um Schutz und Dicke der Bunkerwände, Aufbau des Stahlbetons. Ganz wichtig: Zufuhr von Luft und Abfuhr verbrauchter Luft. Zugang zu Wasser, Trinkwasser, Gebrauchswasser. Schutz vor Giftgas, Schutz vor Raketen, Schutz vor Fliegerbomben, Verteidigungstechniken, Gewehre und Schießübungen, Aufbau und Führung einer zusammengestellten Bunkerarmee, Rechtskunde bei Vergehen und Diebstahl (es gelten eigene Bunker-Gesetze).

Weitere Lernfelder sind im Bereich der Psychologie: Aufbau und Abbau von Stress, Themenbereiche wie Platzangst, Panikattacken, Angst vor Dunkelheit, Hysterie und Verhaltenspsychologie bei Gruppendynamik unter existenziellen Krisensituationen. Und zu guter Letzt alles, aus dem Bereich von Lebensmittelaufbewahrung, Verzehr, Schimmel, Parasiten und Schädlinge. Das ungefähr beinhaltet der Ausbildungsberuf des Bunker-Vorstehers, der früher Luftschutzwart hieß. Heute im Volksmund etwas abschätzig „Bunker-Heini“,„Kommando- Heini“ oder „Kontroll-Heini“ genannt wird. In der Tat sind es erfahrungsgemäß spezielle Leute, die unter Tage gerne ihre Machtfantasien ausleben, indem sie sich auf Befehle und Gesetze berufen können.

Fast alle „Bunker-Heinis“, die Wolfgang Meierlein bisher kennengelernt hatte, waren herrisch, intolerant, laut, gesetzesversessen, von sich eingenommen und sehr arrogant. Es mag ja hoffentlich die eine oder andere Ausnahme gegeben haben.

Jedenfalls herrschte schon binnen weniger Stunden oder Tage immer eine Höchstspannung allein im Innern des Bunkers – ohne dass von außen irgendwelche rationale Gefahr bestanden hätte. Regelmäßig erlebte Wolfgang, wie sich der Bunker-Heini meist ein oder zwei scheinbar schwache Leute heraussuchte, um sie dann vor der ganzen Gruppe systematisch fertigzumachen. Wie? Mit Kontroll-Fragen über die Lebensmittel-Haltbarkeit oder mit Schikanen beim Essensverzehr. Eine Lieblingsaufgabe vieler Bunker-Heinis war, dass sie bald herausfanden, welche Nahrung der eine oder andere Bunkerbewohner überhaupt nicht mochte. Waren es z. B. eingemachte Erbsen oder Bohnen oder für Vegetarier „Büchsenfleisch“, dann gab’s regelmäßig die sadistische „Übung“, den zur Schikane Auserwählten zu zwingen, genau dieses Lebensmittel in Mengen zu verzehren. Dies geschah meist unter Spott und Hohn der übrigen Bunkerbewohner.

Aber Wolfgang war ja auch nicht ganz doof. Sicherlich war er nur einer von vielen, der bei diesem Sadisten-Spiel zum Opfer wurde, es jedoch klug für sich einsetzte, indem er nur zum Schein so tat, dieses oder jenes Lebensmittel überhaupt nicht zu mögen, obwohl es insgeheim geradezu sein Lieblingsgericht war. Wolfgang probierte das mal mit Schoko Pudding, den er wirklich liebte. Im Bunker gab er vortäuschend damit an, dass er Schokopudding mit dieser ekligen Milch nicht ausstehen könne. Daraufhin musste Wolfgang natürlich wie erwartet, eine riesige Schüssel Schoko-Pudding vor allen Insassen essen. Na ja, das ging in dem Moment eigentlich ganz gut, weil er mit Äh- und Bäh-Rufen, Grimassen schneidend den „verfluchten“ Pudding verschlang. Letztlich war es dann doch zu viel von diesem geschmacklosen und künstlich angereicherten Schoko- Bunkerpudding, sodass es ihm hundselend wurde. Monatelang rührte Wolfgang danach keinen Schoko- Pudding mehr an. Mittlerweile mag er seine Lieblingsspeise wieder, aber nur den geschmackvollen, vor allem nach Schweizer Machart mit Schwyzer Schoki.

Es konnte natürlich auch recht blöd laufen, wenn dich ein fieser Bunker Genosse verpfiff oder der „Bunker-Kontrolletti“ herausfand, dass du in Wahrheit gerade „zur Strafe“ dein Lieblingsgericht verspeistest. Die Bunker-Heinis haben alle in ihrer Ausbildung gelernt, wie man mit hinterhältigen Aufgaben, Tricks und einschüchterndem Gebrüll einen ungehorsamen „Bunker-Insassen“ gefügig macht.

Heutige Menschen würden das als Psychoterror oder Seelenfolter beschreiben: Essensentzug ist noch harmlos, aber Vollfraß als Strafe bis du „kotzt und kackst“, ist tatsächlich schlimm. Trink-Entzug ist wirklich ganz fürchterlich. Kloputzen unter Gebrüll und Fluch-Attacken ist noch zum Aushalten. Jedoch echt ekelhaft ist folgende Strafe, die „Gehorsams Übung“ genannt wird: Trink-Entzug bis fast zum Verdursten, anschließend Kloputzen und dann die „Folterkrönung!“: Du musst das Klowasser mit Fäkalienresten und Putzmittel saufen. Diese Foltervariante übernahmen sie direkt aus den Konzentrationslagern, wo Häftlinge wegen der unmenschlichen Laune eines Aufsehers z. B. das Dreckwasser aus der Regenpfütze aussaufen mussten. Damals in den 40er- Jahren hieß es: >Ihr seid keine Menschen, sondern Tiere, also sauft auch wie Tiere<.8Aber es ist ja auch klar, dass es Untertage normalerweise keine Regenpfützen gibt, daher ist die Variante mit dem Kloputzwasser, nicht mal originell! Wer sich hierbei vor dem Bunker-Heini weigerte, dessen Gesicht wurde in die Kloschüssel gesteckt. Pfui Teufel!

Es ist derart erniedrigend und tief kränkend, wenn sich so ein Bunker-Heini, durch sein Machtgehabe, seine unbedingte Gehorsamsforderung, sein Psychoterror zum Bunker-Schwein hin (!) entpuppt. Das kommt leider recht häufig vor, weil dem Bunker-Heini durch die vom Staat erlassenen„Bunkergesetze“praktisch uneingeschränkte Macht verliehen wird. Somit ist sein Verhalten ganz legal, er behandelt dich unter dem Deckmantel des absoluten Befehlsgehorsams, den ja der Kriegsfall jedem Bunker-Insassen aufnötigen würde!

Und keiner der anderen - vielleicht 30 oder 60 Bunker-Bewohner - greift ein oder leistet Widerstand, nicht einmal Widerspruch. Denn Gehorsam und Befehl sind die allerobersten Gesetze im Bunker, dem Kriegsdienst und Kriegsrecht geschuldet. Und man kann es gut verstehen, dass es nach einem solchen Vorfall „unter Tage“ häufiger mal vorkommt, dass Wochen oder Monate später das sadistische Bunker-Schwein unbekannter Weise bei Nacht und Nebel selbst mal verprügelt wird. Manch einer der Bunker-Heinis ist aus Rache sogar schon gelyncht worden. Wenn der oder die Schläger jedoch erkannt und gefasst würden – wenn es also rauskommt, wer sich am Bunker-Schwein gerächt hat - dann ist Konzentrationslager mit allerschlimmster Folter noch eine der „leichteren Strafen“. Oft genug wird für solche Rache-Prügeleien die Todesstrafe verhängt. Deshalb muss man sich am Bunker-Heini, in kluger Weise rächen, damit der Verdacht nicht auf einen zurückfällt. Also auf keinen Fall zu früh (nach dem vorangegangenen Vorfall im Bunker) den Racheakt ausführen, sonst wird klar, wer sich am Bunker-Heini rächen will, nämlich der Letzte, der von ihm im Bunker „zur Sau gemacht“ wurde. Deshalb gilt, Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte verstreichen lassen.

Diese Rache-Aktionen sind natürlich lebensgefährlich für die Racheengel, denn überall werden Telefone, Handys, E-Mails und Computer abgegriffen und abgehört. Und andererseits mischen sich oft Spitzel unter die Racheengel. Manche Spitzel täuschen vor, selbst Racheengel zu sein und foltern stattdessen ihren Auftraggeber fast zu Tode. Rache ist naturgemäß boshaft, aber was macht ein Mensch nicht alles, um die dunklen Gespenster der Erniedrigung nach Jahren abzuwehren. Ein gedemütigter und ungerecht behandelter Bunkerbewohner erhofft sich durch den Racheakt Erleichterung. Wenn das schon nicht eintritt, dann wenigstens Vergeltung und Befriedigung seines Rachedurstes.

Leicht vorstellbar ist, dass die Breitenwirkung dieser ständigen Rache Fehden verheerend wirken und im Volk mit Händen greifbar werden: Denn solche im Deutschen Reich institutionalisierten Rachefehden - >Auge um Auge, Zahn um Zahn< - fördern ein Klima des stetigen Misstrauens, der Verdächtigungen und des Unfriedens. Ein Gewaltfrieden im Innern.9Und noch eins muss gesagt werden: Jeder im Bunker Gedemütigte kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass das Bunker-Schwein mit staatlicher Hilfe zum Eigenschutz sämtliche Kommunikationsmittel des Gefolterten, elektronisch, digital oder per Post abhören lässt; und das stichprobenmäßig über Jahre hinweg.

Bernhart, Wolfgangs jüngerer Bruder, der Eliteschüler in der NAPOLA10, hat sogar damit begonnen, eine Ausbildung zum Bunker-Vorsteher zu machen. Bald ist ihm aber klargeworden, dass er sich damit letztlich alle Sympathien des Volkes und Chancen für seine spätere Karriere verspielt. Daher hat er unter einem banalen Vorwand die Ausbildung nach einem halben Jahr abgebrochen. Sein Opa Georg war Gott froh und dankbar darüber und hat extra deshalb in der kleinen Kapelle eine Kerze angezündet, weil er meinte, dass seine Fürbitten endlich von Gottes Gnaden erhört wurden und Bernhart langsam zur Vernunft käme. Dagegen konzentrierte sich Bernhart letztlich umso stärker auf seine nationalsozialistische Schulbildung und belegte weitere staatsbildende Kurse. Man nennt das auch >Punkte sammeln<, um später im gesellschaftlichen Machtkampf zu den Wölfen im Wolfsrudel und nicht zu den Schafen gehören zu müssen.

Bei Opa Georg war manches Verhalten zwiespältig. Einerseits hasste er den Krieg, der ihm seine Jugend genommen hatte, zutiefst, andererseits kam er nicht vom Krieg los. Einmal jährlich traf sich Georg Blank mit anderen Kriegsteilnehmern, den Veteranen, den Davongekommenen aus allen Himmelsrichtungen. Sie trafen sich in dem kleinen bayrisch-schwäbischen Dorf Maria Steinbach, das zugleich ein Wallfahrtsort ist.11

Das Tagesprogramm am Wallfahrtstag, um den 29. September, am Tag des Heiligen Erzengels Michael, weshalb die Veteranenwallfahrt auch Michaelis- Wallfahrt genannt wird, begann mit der feierlichen Aufstellung von über 80 Kriegervereinen mit Fahnen, Flaggen und Banner, sehr häufig wurde dabei die Hakenkreuzfahne mitgeführt; denn diese Machtdemonstration ließ sich die Regierung nicht nehmen. Die Kriegsveteranen, soweit überhaupt gehfähig, marschierten also in die wunderschöne Barockkirche „Zur Schmerzhaften Muttergottes“ zur Messfeier ein. Dabei stand das Gedenken, das Gebet für alle Gefallenen und für die jüngst verstorbenen Kriegsveteranen im Vordergrund. Anschließend verteilten sich die über 1000 Wallfahrer auf die Gasthäuser und das Festzelt zum Mittagessen. Die meisten trafen sich vor allem zum Wiedersehen und gemeinsamen Austausch, was am besten mit der oberschwäbischen Wendung >Hostube halten< beschrieben werden müsste, worin sich auch Gastfreundlichkeit verbirgt.

An diesem Begegnungstag gab es genau genommen in Maria Steinbach zwei Gruppen von Kriegsversehrten: die einen, denen sichtbar eine Granate, Arm oder Bein weggerissen hatte oder deren Gesicht mit einer Riesennarbe entstellt war, die anderen, die seelisch Verkrüppelten, denen man nichts an Verletzung ansah, die jedoch immer wieder von Kriegstraumata heimgesucht wurden, was sich unter anderem in plötzlichen Wutausbrüchen oder tiefem Beleidigtsein widerspiegelte und deren Ehefrauen sowie Kinder mitlitten. Georg Blank war es selbst nicht richtig bewusst, dass er zur zweiten Gruppe zählte, der seelisch Verletzten. Seine innere seelische Verletzung hatte er sich vermutlich beim hilflosen Abwehrkampf während der Invasion in der Normandie, im Sommer 1944, zugezogen, wo ihn letztlich die Gefangenschaft „glücklich“ vor dem Tode rettete. Diese Erfahrungen mussten irgendwo abgegeben werden. Sein Glaube und das Niederschreiben waren ihm dabei eine wichtige Hilfe. Denn hunderte von Schreibheften, in kaum lesbarer altdeutscher Sütterlinschrift drehten sich neben Alltagsgeschichten und Problemen vor allem um seine Kriegserfahrungen. Das Aufschreiben, das Niederschreiben, das Abgeben, Einsortieren und ein ständiges Wiederholen seiner Kriegserlebnisse, die Riesenangst vor dem übermächtigen Feind, der Fronteinsatz, die Trommelfeuer, der Tod von Kameraden und schließlich die Gefangennahme durch die Amerikaner mussten für Georg immer wieder und wieder bedacht und schriftlich festgehalten werden, so dass sein Niederschreiben einerseits erlösendes Ritual, andererseits zwanghaftes Verhalten geworden war.

Äußerst bewusst hingegen war für Georg die Tatsache, dass er zu den „nochmals Davongekommenen“, zu den „glücklich Überlebenden“ zählte.

Die Gründe hierfür konnte er an zahlreichen brenzligen Momenten festmachen. Doch warum? Weshalb? Und wieso stand gerade er hier? Und nicht fünf Meter weiter links, als die Granatsplitter und die Geschosse vorbei zischten oder als der Feind überraschend den hochüberlegenen Angriff abbrach oder als der Flieger seine todbringende Last um Sekunden zu spät abwarf? War es der Herrgott selbst? Welche Schicksalsmacht, welche Schutzengel, Eingebung und Intuition ihn vor dem „Fallen im Feld“ bewahrte, konnte Georg nicht wissen, dafür aber glaubend annehmen. Schlussendlich war ihm klar, dass er dafür der höheren Macht seinen ehrlichen Dank ausdrücken wollte, was ihm ein großes Bedürfnis wurde. Denn gerade das Danken war für Georg ein wichtiger Grund, weshalb er sich mit anderen Kriegsteilnehmern zu dieser Veteranenwallfahrt aufmachte. Und andererseits musste dieses Glück, überlebt zu haben, auch immer und immer wieder in seinen Schreibheften festgehalten werden. Dieses „Glück“ wurde von Georg dann in riesengroßen Lettern aufgeschrieben. Ja, das Notieren war die Selbstvergewisserung, dass er als einfacher Fußsoldat in der Bretagne und in der Nähe der Hafenstadt Paimpol stationiert war. Sein unfassbares Glück war, dass der Kompaniechef Bacherer erst 7 Wochen später seine Soldaten in Richtung Normandie abkommandierte. Auch Georg hat sich ausgerechnet, dass jene Soldaten, die von Anfang an, also mit dem Beginn der Invasion, am 6. Juni 1944, im total unterlegenen Abwehrkampf an den Blutstränden der Normandie Utah, Omaha und Juno Beach kämpfen mussten als „Kanonenfutter“ ganz schlechte Überlebenschancen hatten.

Jedoch er und seine Kompanie warteten im 70 Kilometer entfernten Stützpunkt im Wald bei Paimpol solange ab, bis sie dann erst Ende Juli in den Abwehrkampf, in die Bucht von Dinard und Saint Malo abkommandiert wurden. Diese Nacht im geschützten Bunker bei Paimpol, zum 6. Juni 1944, wird er nie vergessen, als die ganze Kompanie mit den Worten geweckt wurde:„Sofort aufstehen! Die Invasion hat begonnen.“Und sogleich hörten sie das furchtbare Donnern, die Einschläge der entfernten und trotzdem so nahen Artilleriegeschütze, die an den Küsten vor Caen aufschlugen.

Ja, Georg war Frontsoldat, aber nicht sofort mit seiner Artillerie-Kompanie zur gefährlichsten Feindberührung verdammt, sondern erst sieben Wochen später. Und Georg war überzeugt, dass diese SIEBEN WOCHEN späterer Fronteinsatz für ihn und viele Kameraden die Lebensrettung war, was er >das große Glück< nannte. So dass er diese Zahl mitsamt ihren glücklichen Folgen nicht oft genug mit eigenen Worten wiederholen und niederschreiben konnte.

Ein zweites Glück war für Georg dann, dass er bereits nach 14 Tagen Kampf, am 14. August 1944, in Dinard in amerikanische Gefangenschaft geriet. In dicker Schrift und unterstrichen notierte Georg später mehrmals in seine Schreibhefte: „Für mich war mit der Gefangenschaft der Krieg aus!“Diese amerikanische Gefangenschaft auf französischen Boden war schwierig, aber nicht unmöglich.

Selbst so etwas wie Menschlichkeit erfuhr Georg in seiner Gefangenschaft, weil er einmal fast in der großen Mündung des Flusses Trieux ertrunken wäre, wenn ihn da nicht die Jänkis, die Amerikaner herausgezogen hätten, also sogar vom Feind gerettet! Lehrreich und interessant waren auch die Freizeitbeschäftigungen wie Schachspiel und Boxen, was Georg erst in der Gefangenschaft kennenlernte. Das Schachspiel hat er dann an alle seine Kinder weitergegeben.

Nach Kriegsende blieb es nicht aus, dass die scheußlichen Verbrechen von Menschenvernichtung und Kriegshandlungen immer mehr durchsickerten und der Öffentlichkeit breiter bewusst wurden, insofern das Volk überhaupt davon wissen wollte oder andererseits ihr sockelfestes Führerbild nicht beschädigen ließ. Selbst wenn die allermeisten Täter sich in Schweigen und Verdrängung flüchteten, gab es nun mal eine riesige Masse an Opfern, die als körperlich und seelisch verletzte Menschen genug Wege fanden, von diesen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu berichten. Das geschah natürlich niemals über die staatlich kontrollierten Medien, Fernseher, Radio, Zeitungen und Internet, sondern über persönliche Treffen bei Wein oder Bier, bei Kaffee und Kuchen in geschützten Räumen; im besten Fall bei gemeinsamen Ausflügen oder beim Sport mit höchstens zwei weiteren Vertrauten. Die Masse an ermordeten und getöteten Opfern konnte daher niemals totgeschwiegen werden. Allein schon, weil Familienangehörige, enge Freunde oder auch Bekannte der Getöteten Bescheid wussten und zunehmend nach Gehört-Werden und Gerechtigkeit verlangten. Die allermeisten Menschen spürten naturgemäß tief in ihrer Seele:„Was damals menschliches Unrecht war, wird immer Unrecht bleiben, egal, was die Gesetzeslage behauptet!“

Obwohl Bernhart und seine Eltern sowohl Familienangehörige als auch Bekannte von NS-Opfern kannten, konnten sie die Kriegstaten verharmlosen und verdrängen. Selbst dann verdrängen, obwohl Georg der eigene Vater und Opa schon genug schlimme Dinge gesehen hatte und sein Cousin Sepp in Dachau war. Denn dieses Regime bot ja den Unterstützern und Opportunisten neue Möglichkeiten, im Beruf wie auch privat: Echt dumm sei, wer nur wegen der Einforderung von Menschenrechten die eigenen Vorteile verspiele, und sich zu viele Gedanken über Gerechtigkeit mache, war deren Ansicht.

Dass aber jeder Mensch für sein Handeln Verantwortung trägt, selbst wenn nur unbewusst, sieht man am öffentlichen Verhalten H.s. Denn nach Kriegsende, gerade als die scheußlichen Verbrechen immer mehr ans Licht kommen, scheut H. massiv das Licht, vermeidet das Bad in der Menge, das öffentliche Reden vor einer Menschenmenge im direkten Kontakt. Der Führer tritt einen Rückzug in seine unterirdische Welt, in seine vielen Führerbunker an, wohnt abwechselnd in den Riesenbunkern in Berchtesgaden, Tannenberg im Schwarzwald oder Felsennest in der Eifel. Da diese Bunker vollkommen mit neuester Kommunikationstechnik ausgestattet sind, kann H. von dort aus seine Radioansprachen abhalten und Befehle geben. Interessanter ist jedoch die Einschätzung vieler: Wegen eines Restes an Gewissen und Schuldgefühlen versteckt sich der Wolf in seiner Höhle. Andererseits ist seine Bunkerbehausung nicht mit den engen und beschränkten Verhältnissen des Otto-Normalbürgers zu vergleichen. Im riesigen Bunker beim Obersalzberg in Berchtesgaden,12wo die Bauabschnitte A und B gerade noch mit Zwangsarbeitern ganz rasch bis Kriegsende fertiggebaut werden konnten, wurde sogleich nach dem Krieg der Bauabschnitt C fertiggestellt. Die gesamte unterirdische Wohnfläche für H. mit Privaträumen für Eva Braun, den Sekretären und dem Wachpersonal beträgt ca. 1000 m². Ein gehobener Komfort herrscht in seinem Bunker: Wände und Fußboden sind mit Holz ausgelegt. Bemerkenswert sind auch weitere Räume, wie der großzügige Schutzraum für seinen Schäferhund Blondi, ein großes Archiv für die riesige Schallplattensammlung, des fanatischen Wagnerianers mit allen Wagner-Platten, wo auch locker die Redemanuskripte unterkommen konnten.13Ein weiterer Raum ist der große Operationssaal, worin Operationen vom Leibarzt durchgeführt werden können. Auch die unterirdischen Fluchtwege sind einmalig. Ein Schienennetz beim Versorgungsgang führt direkt zum Berchtesgadener Bahnhof und von dort gibt es wieder eine Direktverbindung zum Münchner Hauptbahnhof. Der gesamte Fluchtweg ist streng geheim und strategisch durchdacht. Andere Bunkeranlagen von Nazi-Größen am Obersalzberg haben ebenfalls ihre Besonderheiten. Bormanns und Görings Bunkeranlagen sind ganz nah beieinander. Der laut Plan eingezeichnete Verbindungsgang wurde schließlich aufgrund Görings Veto nicht gebaut.14Göring wollte offenbar nicht, dass Bormann zu viel Einblick in sein unterirdisches Reich erhielt. Vielleicht hatte der Reichsmarschall Göring aber auch Angst davor, dass er, der größte Kunsträuber mit seiner riesigen eingebunkerten und archivierten Kunstsammlung auffliegen könnte oder Bormann ihn damit erpressen würde. Für die Kunstschätze hat sich Göring einen extra großen Schutzraum ausbuddeln lassen. In seiner maßlosen Gier nach Besitz und Kunst, darf Göring sogar die >entarteten Bilder< ganz alleine für sich betrachten.

Jedenfalls stimmt wohl der Satz für die NS Bonzen: „Wer mauert hat’s nötig!“ Die Mauer um H. herum ist nicht bloß architektonisch aus Beton. Nein, sie wuchs auch von Jahr zu Jahr in H.s Kopf. Sein Starrsinn, seine geistige Bunkermentalität im Kopf werden an den wenigen öffentlichen Auftritten, aber vor allem auch in den Radio- und Fernsehansprachen deutlich erkennbar. Hass, Rache, Dummheit werden immer feindseliger vor allem gegen die Alliierten, gegen die Ausländer und wie gehabt gegen die wenigen Juden, die seiner Vernichtung entkamen. Richtig grotesk, denn obwohl es im Deutschen Reich praktisch keine Juden mehr gab, sollten >die Juden< weiterhin für alle Probleme, Schäden und Schwierigkeiten verantwortlich sein, aber diesen dummen Widerspruch hat der Führer in seinem einbetonierten Hass nicht mehr gecheckt. Die Ansprachen gipfelten meist in verhassten Anschuldigungen und sturer Verteidigung allein seiner eigenen Vorstellung und Meinung. Diese Ansprachen wurden auch Jahrzehnte später noch in den 1990er Jahren öffentlich in der Endlos-Schleife von Rundfunk und Fernsehen übertragen. Opa Georg und Wolfgang zwinkerten sich meist dabei zu und sagten laut: „Ach der GröFaZ spricht heute wieder, der sagt ja immer dasselbe nur seine Hetzreden werden sogar schlimmer. Übrigens hieß GröFaZ in diesem Zusammenhang für Opa und Wolfgang: „Größter Falschredner aller Zungen“, was sie natürlich niemanden sonst in der Familie verraten durften. Doch wenigstens konnten sich die beiden darüber austauschen und ihrem ‚dicken Hals‘ Luft verschaffen.

Dieser auf Befehl und Gehorsam bauende Politikstil, prägt schon seit Jahrzehnten das politische Klima und die Lebenskultur im ganzen Deutschen Reich, auch nach dem Tod H.s 195715, als einer der Nazi Bonzen die Nachfolge antritt, auch bei Goebbels Sohn, der sich aber nicht lange als Diktator und Reichskanzler halten konnte. Denn der physisch zwar kleine Schatten des Vaters war in seiner Wirkmacht doch zu groß.16Nach und nach fielen dem Goebbels-Sohn die Lügenreden, die Kriegshetzerei sowie die zahlreichen Affären mit erpressten Filmschauspielerinnen seines Vaters wie ein Bumerang vor seine eigenen Füße. Und schließlich, wer >Sippenhaft< für alle anderen gezielt als Machtmittel einsetzt, muss natürlich damit rechnen, dass sich die Untaten der eigenen Sippe einmal rächen werden.

Ein psycho-hygienisches Ventil für die >Bunkermenschen< sind ihre inhaltlosen Fress- und Sauf-Orgien, die immer unterirdisch stattfinden und zugleich eine lebenspraktische Ausrichtung haben. Durch die Orgien werden die Lebensmittel vor dem Vergammeln gerettet. Denn per Gesetzeserlass zur >Vorbeugung von Krankheit und Volksschaden< müssen alle (!) Nahrungsmittel im Bunker eine Mindesthaltbarkeit von 3 Jahren aufweisen. Das wird auch streng kontrolliert, ebenso Nahrungsmittelmenge und Produktpalette. Dazu gibt es exakte Tabellen und Berechnungen – eine Wissenschaft und ein Wirtschaftszweig für sich. Bei den zu erwartenden Bombenangriffen der feindlichen Nachbarstaaten, allen voran der Engländer und Amerikaner, soll eine mittlere deutsche Bunkergemeinde von ca. 30 Personen gut 3 Jahr lang überleben. Dazu wurden unter anderem riesengroße Wassertanks, vielfach auch spezielle Weinkeller oder Alkoholika-Keller eingebaut. Und wenn man sich nun vorstellt, dass jeder Deutsche einen Bunkerplatz haben sollte, dass unzählige Spezial-Bunker (unterirdische Kuh- und Schweineställe, für Rüstungsgüter, Waffen, Panzer und Flugzeuge also für Militärgerät, für Fabrikation und Produktion, für Regierungsleute, Krankenhäuser und Kegelbahnen) bereits existieren und noch gebaut werden müssen. Dann kann man sich ausrechnen, dass sich der Großteil des alltäglichen Lebens „untertage“ abspielt.

Beliebte Rechenaufgaben lauten im Fach Mathematik folgendermaßen:Eine Stadt hat 600 000 Einwohner: a.) Wie viele Schutzbunker muss die Stadt haben, wenn durchschnittlich 30 Personen pro Bunker untergebracht sind?

b.) Wie groß muss der Bunker-Vorratskeller bemessen sein, wenn diese 30 Leute pro Tag ca. 50 Quadratzentimeter an Nahrungsmittel wegessen und die Nahrungsmittel für 3 Jahre reichen sollen?

c.) Wie viel Kubik Liter Wasser benötigen die 30 Personen für das erste Bunkerjahr, wenn jeder durchschnittlich bla, bla, bla …?

Wie viel Wasser benötigt die Bunkergemeinde im 2. und 3. Bunkerjahr, wenn nur noch 28 bzw. 27 Personen im Bunker leben, da die anderen auf natürliche Weise verstorben sind?

d.) Kann die Bunkergemeinde anhand ihrer Nahrungsmittelvorräte im 3. Jahr für 4 Monate noch zusätzlich 7 Personen aufnehmen, weil im Nachbar-Bunker die Nahrungsmittel ausgegangen sind, da sie dort vom Bunkerwart falsch berechnet wurden – und die Mindesthaltbarkeit nicht beachtet worden war?

Jedenfalls, wenn man sich vorstellt, dass im ganzen Deutschen Reich mindestens 3 Millionen Bunker gebaut worden sind, dann kann man sich leicht denken, dass mindestens alle 14 Tage eine Bunker-Orgie stattfinden muss, damit die dem Verfall drohenden Nahrungsmittel und Getränke verzehrt werden können. Es ist quasi staatsbürgerliche Pflicht, dass jeder Bunkerbewohner sich regelmäßig an den inoffiziell genannten Bunker-Fraß-Festen und der Bunker-Infrastruktur beteiligt. Erstens: durch den Verzehr unzähliger Konservendosen, Gläser und Trockenfutter. Zweitens: natürlich durch finanzielle Beteiligung, beim Nachkauf von Bunkervorräten. Drittens: durch unzählige Schulungen über Verhalten, Psychotricks, Abfallentsorgung, Körperkultur, Verteidigung, Gas-Schutz, Gruppenführung, Kommunikation nach außen, Kommunikation und Bunkerregeln nach innen, Freizeitverhalten, Sexualleben, Verhalten bei Krankheit und Notfall, gegen Bunkerkoller, Regeln bei ansteckenden Krankheiten, Regeln bei direktem Feindkontakt, Basiskenntnisse zum Verschluss und Öffnen des Bunkers, Regeln, wenn Bunker über längere Zeit direkt vom Feind umstellt oder Sauerstoffzufuhr unterbrochen sind, einfache und energiesparende Kochrezepte, Struktur und verschiedene Bunkerdienste (Basiskurs BB I), Verhalten bei Todesfall, Regeln zur Aufnahme zusätzlicher Notsuchender … (Bunker Basiskurs BB II) etc.

Manch einer sagt: Vor lauter Bunker-Fortbildungen „untertage“ habe ich ganz das Leben auf der Erde im Angesicht der Sonne verlernt und vergeudet!

Wenn er (Maier, Müller, Schulze) das aber laut sagt, dann wird er sogleich in den Strafbunker oder in eine Dunkelkammer gesperrt.

Ah, nicht zu vergessen: >Die zahlreichen Regeln zur Bestrafung im Bunker<!

Ganz handfeste, ja existentielle Bunker-Themen drehen sich um die vier Elemente, die auf Erden überlebensnotwendig sind. Jedoch unter der Erde in ganz anderer, neuer Form durch viel Technik aufbereitet werden müssen. Wir sprechen von Erde – Luft – Feuer und Wasser (…). Die nationalsozialistische Staatsführung hat unter dem zweiten Diktator, dem Nachfolger mit seinen SS-Kumpanen, beschlossen, die Bunker langfristig mit Lebensmitteln auszurüsten. Langfristig heißt bis zu drei Jahre lang sollte ein Bunker per Gesetz >lebensmittelautonom< sein!

Dieses Gesetz besagt: Es„sei also laut Beschluss und Gesetz zu prüfen, welche essbaren Tiere und Pflanzen in den Bunkern gedeihen, um das langfristige Überleben der deutschen Rasse in den Bunkern zu sichern“.Bei diesem Gesetzeserlass hat sich Himmler wohl daran erinnert, dass er mit seiner Erstfrau in Bayern eine Hühnerfarm besaß. So sollte getestet werden, inwiefern sich die Massen-Hühner-Haltung auch im Atombunker einführen ließe. Ein großes Problem war naturgemäß der ganze Hühnerkot. Wohin damit? Kaum ertragbar war das laute Gegacker und Geflatter des Geflügels, wodurch mancher Bunkerbewohner fast irre wurde. Abhilfe sollte eine neue Rassezüchtung schaffen: Hühner ohne Stimme, denen die Stimmbänder weggezüchtet wurden. Dabei haben die Verantwortlichen gar nicht gemerkt, dass mit den massenhaften Hühnern eine neue, sehr akute Gefahr drohte, nämlich die Vergiftung durch Salmonellen. Erst als schon Hunderte der Bunkerbewohner daran starben, kam man langsam der Ursache auf den Grund. Die Vermehrung der Salmonellen schien sich untertage sogar vervielfacht zu haben, jedenfalls war diese Salmonellen-Epidemie kaum in Griff zu bekommen.

Die einzigen Tiere, die es tatsächlich unter der Erde gut aushalten, waren wieder einmal die Ratten, die aber niemand essen wollte – sogar hierzu gab es reichsstaatliche Tierversuche und Neuzüchtungen, hin zur essbaren Ratte. Aber, dass Ratten große Krankheitsüberträger sind, wissen fast alle Völker. Nur das volksdeutsche Reich begann systematisch mit der Neuzüchtung von speziellen Bunker-Ratten. Jedoch diese essbaren Bunker-Ratten waren trotz Führererlass dem Volk einfach nicht vermittelbar! Daher kam auch der zweite missglückte Versuch mit der massenhaften Hühnerzüchtung, wiederum per Befehl!

Eine Riesenpanne, einer Gesundheitskatastrophe gleich, war die tonnenweise Verfütterung von Fischfutter an die Hühner. Der Gestank war unvorstellbar. Selbst hochtechnisiert, mit den besten Lüftungs- und Klima-Anlagen der Marktführer aus Hohenlohe ausgerüstet, war es unmöglich gegen diesen ekligen Fischfuttergestank anzukommen. Leider fungierten diese ansonsten Top- Lüftungsanlagen auch noch als Bakterienschleudern.

Viele riesengroße Bunkeranlagen, wie in Mühldorf am Inn oder dem Obersalzberg bei Berchtesgaden oder den zahlreichen Bunkeranlagen der Neckar-Enz-Stellung oder der schon längst von H. verlassenen Wolfschanze sowie den mittlerweile im sowjetischen Machtbereich liegenden Bunkeranlagen, namens „Riese“ im Eulengebirge, könnten von ihrer Größe zur Nutztierhaltung von Hühnern, Schweinen und sogar Kühen herangezogen werden, wenn da nicht zwei unüberwindbare Problemfelder aufgetreten wären: Das Fressen und Tränken der Tiere einerseits und andererseits der tierische Kot.

Manche Bunker-Baumeister suchten die Lösung darin: von Mensch und Tier sauber getrennten Extra-Bunkern. Problem war dabei aber: Wie kommen die tierischen Lebensmittel dann zu den Menschen im anderen, entfernten Bunkersystem? Und welche Menschenrasse versorgt wiederum die Tiere mit Futter? Naja, hierzu wurden Knechte und Mägde aus bäuerlichen Regionen, fremder Völker, vorzugsweise aus dem Osten, Ukraine und Polen herangezogen. Aber diese ausländischen Landarbeiter mussten ihrerseits wieder durch zuverlässige deutsche Wachmannschaften bewacht und zur Arbeit gezwungen werden. Manch einer spottete hinter vorgehaltener Hand: „Das ist also die Einlösung des Führer-Versprechens:„Lebensraum im Osten“.Weil die meisten Bunker-Landarbeiter aus dem Osten stammen, um den eingebunkerten Deutschen ihr Fleisch auf den Teller zu servieren.

Eine geradezu extrem blödsinnige Idee zur Bewältigung der Lebensmittelnachfrage im Bunker hatte Himmler. Großspurig hatte der im Reichstag getönt: >Wenn wir Deutschen im eigenen Land nicht genug Nahrungsmittel in die Bunker schaffen können, dann müssen wir halt unsere Nahrung aus dem Ausland importieren. Darauf habe schließlich das deutsche Herrenvolk geradezu einen >Rechtsanspruch<. Dieser Idiot hatte wohl verdrängt, dass das deutsche Volk mit fast allen seinen Nachbarstaaten tief verfeindet ist. Jetzt schon seit Jahrzehnten, trotz Waffenstillstand. Und im Kriegsfall sowieso, wenn wie geplant das ganze Volk in die Schutzbunker geschickt wird, dann werden sicher keine Versorgungszüge oder Versorgungsflüge vom Ausland zu erwarten sein.

Um autark Fleisch und Milch zu erzeugen, wurden viele Versuche mit Tierherden gemacht. Unterirdisch ist das größte Problem naturgemäß das Gras als Grünfutter. Gras wächst nun mal auf der Wiese über der Erde, der Sonne entgegen. Mit spezieller Bodenkultur und hochtechnisierter Beleuchtungsanlage, dazu spezielle Samen, konnte etwas Gras zum unterirdischen Wachstum herangezogen werden. Weil aber die unterirdische Bodenfläche viel zu gering war, züchteten die Biologen das Gras schichtweise in riesigen Regalen; aber natürlich war auch diese Grasfläche niemals ausreichend und das Ernten des Grases zwischen den engen Regalgestellen war schlichtweg unmöglich. Manche Ziege oder manches Schaf konnte seinen Kopf gerade noch dazwischen klemmen und schräg das Grünfutter – höchstens in der mittleren Höhe – abweiden. Wenn sie’s nur getan hätten, jedoch den Viechern schmeckte das Kunstgras überhaupt nicht, sie hungerten lieber und fingen deshalb recht heftig an zu meckern und zu blöken, so dass wiederum der Lärmpegel in diesen unterirdischen Räumen kaum auszuhalten war. Stimmten dann auch noch die Wachhunde ihr Gebell an, dann herrschte im Bunker ein wahrer Höllenlärm.

Fast unmöglich war es, sich als deutscher „Volksgenosse“ mitsamt seiner Familie dem alljährlichen Überlebenstraining im Bunker zu entziehen. Chancen hatten eigentlich nur die vom übrigen Volk ausgegrenzten „Volksschädlinge“, Behinderte, psychisch Kranke, alte Menschen oder solche Kreaturen, die laut geltendem >Blutschutzgesetz<, Nürnberg 1935, als bunkerunwürdig, in deutscher Amtssprache als >bunkeruntauglich< gestempelt worden waren. Das waren zumeist Menschen, die irgendwann in ihrer Abstammungsliste einen jüdischen oder ausländischen Vorfahren hatten.

Wer also nie an den mehrtägigen Bunkerübungen teilnahm, war innerhalb des Ortes recht schnell erkannt, als einer von Nicht-rein-arischer-Herkunft. Allgemein war das eine verschwindende Minderheit, wozu beispielsweise ein bekannter Journalist namens Helmut Schmidt17gehörte, dessen Großvater väterlicherseits Jude war. Die Schmidt’sche Abstammung wurde durch große öffentliche Hetze in allen Zeitungen v.a. „Stürmer“, „Völkischer Beobachter“ und „Flammenzeichen“ über Wochen hinweg ausgebreitet. Insgeheim wurden jedoch die Hamburger Familie Schmidt und andere Bunkerunwürdige von vielen beneidet, denn sie waren wenigstens von den Torturen, Gesetzen und Bestrafungen der alljährlichen Bunkerübungen befreit. Jedoch mit gesundem Menschenverstand betrachtet, waren solche >mischblütigen Familien< überhaupt nicht zu beneiden. Denn im kriegerischen Ernstfall waren sie aus den Schutzräumen ausgesperrt und dem Bombenhagel ausgesetzt. Von den ständigen Gängelungen bei Bunkerübungen freigestellt zu sein, waren lediglich die einzigen Vorteile, die man hatte, wenn sich in der Abstammungsreihe >unreines Blut< herausstellte. Denn solche Abkömmlinge wurden noch schneller als andere Volksdeutsche einfach mal für Monate in die sogenannte >Schutzhaft<, in die großen Lager nach Dachau, Esterwegen bei Bremen oder Neuengamme bei Hamburg gesteckt. Etwas besser war es noch in den süddeutschen, großen Arbeitserziehungslagern, wie Moosach, zwischen Dachau und München gelegen, oder im Württembergischen Rudersberg und Oberndorf –Aistag oder im Badischen Karlsruhe und Niederbühl. Keiner weiß wohl die genaue Anzahl der deutschen Konzentrationslager, Arbeitserziehungslager, Vernichtungslager, Jugendschutzlager, die großen Außenlager und Tötungsanstalten zur Euthanasie und Aktion T4, die bald wieder eingeführt wurde, doch unter anderem Namen, also ein mörderischer Etikettenschwindel. Die Anzahl von über 1000 solcher Lager18, Folter, Tötungs- und Strafanstalten über das ganze Deutsche Reich verteilt, durfte wohl sehr realistisch sein. Mancher Nazi-Bonze wie Himmler, Höß, Hofmann oder Kögel prägten den Begriff von der > Deutschen Lagerwirtschaft<, der durchaus volkswirtschaftliche Relevanz hatte und einer großen Männerschar >Arbeit und Brot< einbrachte. Oft genug arbeitete die >Deutsche Lagerwirtschaft< weiterhin Hand in Hand mit der starken Rüstungsindustrie, wie zuvor schon in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Offiziell gab es freilich seit H.s Waffenstillstandsabkommen keine deutsche Rüstungsindustrie mehr, das war ja eine der Bedingungen. Jedes Land wusste aber, sowohl der Engländer als auch der Deutsche, dass sich keiner daran hielt. Nur konnten die Deutschen nahezu ihre gigantische Rüstungsindustrie tatsächlich weitgehend in die riesigen Bunkeranlagen nach Mühldorf am Inn, Überlingen oder an geheime Gebirgsorte im Schwarzwald, der Schwäbischen Alb oder den Bayrischen Alpen verlegen. Das Ganze fungierte dann meistens unter dem Namen >Militärisches Sperrgebiet, Stopp Schusswaffengebrauch<! Ein solches Gebiet ist zum Beispiel das gesamte Überlinger Ufer am Bodensee, wo im Goldbacher Stollen große Rüstungsfirmen untertage arbeiten. Bei diesem Sperrgebiet gab es den seltenen Fall, dass sich die Bodensee -Obstbauern und einige mutige Bürger gegen die riesenhafte Ausdehnung des militärischen Sperrbezirkes durch Demonstrationen wehrten. Einer der Demonstrations-Anführer war der relativ bekannte, brotlose Schriftsteller namens Martin Walser19, der dort mit seiner Familie am See wohnte - und diese schöne Gegend nicht kampflos aufgeben wollte. Bei einer Kundgebung an der Überlinger Seepromenade verkündete Walser: „Bis jetzt habe ich lange genug geschwiegen und nichts gesagt. Aber seitdem ich von den Plänen unserer Regierung weiß, dass sie unser weltberühmtes Barockjuwel, die bereits beschlagnahmte Klosterkirche Birnau, zu einem Kriegswaffenlager missbrauchen will, kann und will ich nicht länger mein Maul halten. Und ich bitte euch liebe Mitbürger, ob ihr nun Christen oder Nationalsozialisten seid, gegen die alles umgreifende Bunkermentalität des Dritten Reiches Widerstand zu leisten.“Walser wurde daraufhin von der Gestapo noch vom Fleck weg am Bodenseeufer verhaftet und an einen streng geheimen Ort gebracht.

Der Vorwurf gegen Walser lautete: Geheimnisverrat, Zersetzung der deutschen Verteidigungskraft (während des Krieges hieß der Strafparagraph offiziell Wehrkraftzersetzung), Aufruf zur Meuterei gegen NS-Partei und Vaterland und somit Vaterlandsverräter.

Nach Monaten kam Martin Walser als gebrochener und gehirngewaschener Mann zurück. Walser hatte, wie bereits in den 30er Jahren üblich, bei seiner Haftentlassung unterschreiben müssen, dass er von seiner Haftzeit keinem Menschen erzählt oder womöglich als Schriftsteller darüber schreiben würde, sondern darüber zu schweigen hatte. Ob einer, wie Martin Walser, der sich laufend ausdrücken musste, darüber schweigen konnte, ist mehr als fraglich.

Ob Hunde überhaupt im Bunker zu halten sind, ist ein jahrelanger, erbitterter Streitpunkt. Die Befürworter argumentieren damit, dass H. selbst seinen Schäferhund Blondi im Bunker hielt und dieser ihm gegen Kriegsende sogar noch einen Wurf Welpen hinterließ. Viele Hundegegner argumentieren dagegen wegen der Nahrungsmittel: Die Lebensmittel seien für die Menschen da und es sei sowieso schon schwierig genug Fleisch etc. für 30 bis 300 Leute – je nach Bunkergröße - aufzubewahren, für Hunde sei da kein Lebensraum mehr, da sie ja ohnehin keine Nutztiere seien.

Eine Lösung besteht darin, gemäß der Staatsideologie, die Hunde zu selektieren: also in „bunkerwürdige“ und „bunkerunwürdige Hunderassen“ aufzuteilen: Zunächst in deutsche und ausländische Hunde, dann in Rassehunde und in Mischlingshunde, schließlich in Wach- und Schoßhunde. Die schlechtesten Karten für einen Bunkerplatz haben deshalb Schoßhunde, weil sie nicht „kriegstauglich“ seien. Dagegen gelten die Deutschen Schäferhunde und Rottweiler als deutsche Rassehunde, zugleich als scharfe Wachhunde, daher kriegsverwendungsfähig, obwohl gerade diese Rassen vielmehr an Fressen und Platz beanspruchen. Allein das Gassi-Gehen durch die Bunkergänge ist nahezu unverantwortlich, stinkende Hundekacke als Krankheitserreger, Pfui Teufel!

Es kommt auch öfters vor, dass Bunker-Insassen von bisswütigen Kötern schwerverletzt oder gar getötet werden. Selten wird der Hund dafür bestraft oder gar getötet. Jeder kennt doch die Staatsideologie, die hier auf kleinstem Raum greift: Nämlich, >der Stärkere bekämpft und erledigt den Schwachen<. Das sei einfach von der Natur aus so vorgesehen. Hunde, besonders Wachhunde, haben eben durch ihr Gebiss einen natürlichen Vorteil gegenüber dem Menschen. Und dass ein so armer Hund, der im Bunker keinen Freilauf hat, mal ausraste und zubeiße, sei ja schließlich nicht verwunderlich.

Der Gipfel dieser nationalsozialistischen Hunde-Ideologie ist biologisch und rassisch begründet: Schließlich stehen Hunde, dem heimlichen deutschen Wappentier, dem Wolf sehr nahe, sodass Kampf- und Wachhunde den allerhöchsten Schutzstatus genießen, ihnen unter Umständen sogar einen höheren Schutz als dem Menschen zu gewähren sei. Manche Spötter sagen – natürlich nur im Geheimen:„Jetzt leben wir in einem Hundestaat mit Führers Oberhund Blondi an der Spitze und dem GRÖHAZ an der Leine: dem Größten Hundeführer aller Zeiten!“

Pflanzen: Keine Pflanze wächst ohne Sonnenlicht. Wenn doch, sind die Pflanzen schwach, sie schmecken nach nichts und machen kraftlos…

Selbst die für Bunker speziell gezüchtete deutsche Kartoffel >Siegfried< bräuchte eigentlich Sonnenlicht. Natürlich wächst die Knolle, die Wurzel in der dunklen Erde heran, aber das oberirdische Kartoffelgrün braucht Sonnenlicht, sonst faulen die Kartoffeln vor sich hin. Im besten Fall schmecken solche unterirdische >Siegfried Kartoffeln< nach nichts.

Eine riesige technische Leistung und höchste Ingenieurskunst erfordert die Luftversorgung in den Bunkeranlagen: Sauerstoffzufuhr, Abluft, Ausleitung, Gase, Giftgase, Entlüftungsanlagen, Klimaanlagen, Heizung mittels Luft etc.

Irdisches Leben ohne Sauerstoff ist unmöglich. Daher ist vor allem für Lungenkranke oder für Asthmatiker jeder Bunkeraufenthalt qualvoll, von Riesenängsten mit Ringen um jeden Atemzug bestimmt. Selbst jedem gesunden Bunker-Bewohner kommt irgendwann der Gedanke: Was passiert, wenn im Bunker keine Luft mehr vorhanden ist, dann müssen alle ersticken? Gründe hierfür gibt es genügend: Die Luftzufuhr ist aus technischen Gründen oder wegen Stromausfall unterbrochen; der Feind hat sie abgeschaltet. Der Feind verstopft die Luftschächte. Die zynische Angst davor: Der Feind werfe Chemikalien durch die Belüftungssysteme, z.B. Zyklon B- wie’s die SS-Mörder in ihren Vernichtungslagern vormachten.

Die einen meinen: So hinterhältig und grausam werde weder der Russe, der Iwan noch der Franzmann sein. Andere sagen daraufhin: Wie naiv seid ihr?„Was die Deutschen in Auschwitz-Birkenau, in den Vernichtungslagern Majdanek, Mauthausen, Sobibor etc. an Juden verbrochen haben, das kann auch den Deutschen selbst widerfahren: Menschen in einen Raum sperren und durch Giftgase ermorden, ob unter der Erde im Bunker oder in den falsch getarnten Duschräumen von Birkenau!“Und regelmäßig fragt einer im Streit: „Ist das wirklich so gewesen? Hat man unschuldige Menschen einfach so ermordet?“Und genauso regelmäßig behaupten einige Leugner immer steif und fest: „Solche Vernichtungslager habe es unter H. nie gegeben! Das sei alles gemeine, feindliche Propaganda!“Dabei ist fast jedem bekannt, dass sogar die Schutz-Bunker mit lebendigem „Menschenmaterial“ mit Menschenversuchen geprüft werden. Welchen Schutzwert hat der Bunker gegen Chemie, Giftgase oder Motorengase?Solche Menschenversuche laufen folgendermaßen ab: Unter dem perversen Vorwand, diese Bunker auf ihre Schutzhaftigkeit hin zu testen, werden Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Parteigegner und politische Gefangene im Bunker eingesperrt und danach werden durch die Lüftungsanlagen Chemiestoffe oder gleich Giftgase eingeleitet. Diese eingeschlossenen Menschen sollen dann selber mit Verstand und technischem Wissen Lösungen erarbeiten, wie sie die „gespielten“ Giftgas-Angriffe abwehren. Das Ganze ist kein Spiel, sondern grausamer Psychoterror auf Leben und Tod. Denn diese Giftgastests sind so angelegt, dass stets eine schwierigere Lösungsstufe – bis Stufe 6 – verlangt wird. Vermutlich hat es noch keine Gruppe über Stufe 4 hinaus, geschafft. Jede Gruppe ist letztlich dann spätestens ab Stufe 4 vergast / vergiftet / erstickt worden. Auf diese Weise wird durch hinterhältiges Handeln der Herrenmenschen der ursprüngliche Schutzraum zur Todesfalle. Natürlich wohl begründet und scheinbar dadurch gerechtfertigt: Schließlich könne und müsse man durch derartige realistische Übungen im Ernstfall viel deutsches Blut retten.

Jedoch kam es einmal tragischerweise vor, dass eine reinrassisch deutsche Bunkergruppe bei einer solchen Real-Übung durch den „gespielten“ Giftgas Angriff ermordet wurde. Warum? Die Forschungsleiter und Aufseher erkundigten sich nicht darüber, wer sich in welchen Bunkerräumen aufhielt. So kam es bereits bei der ersten Giftgas Stufe, beim ersten Schwierigkeitsgrad, zu den Todesfällen unter der rassisch deutschen Gruppe, man sagte: es waren 29 Bunkerbewohner laut Pressebericht im „Stürmer“, wobei vermutlich die Todeszahl unwahr ist, weil sie von der Behörde nach unten korrigiert wurde.

Nachdem dieser Verwechslungsfehler vonseiten der Forschungsleute bekannt wurde, haben die Aufseher erst einmal gar nichts unternommen, sondern dieselben Giftgas-Übungen jetzt mit der jüdischen Bunker-Gruppe, den Untermenschen, ausgeführt. Mit Blick auf die Ergebnisliste war dies eine äußerst peinliche Niederlage für die bereits vergaste deutsche Gruppe: Denn die Untermenschen kamen immerhin recht gut bis Schwierigkeitsgrad Stufe 3. Leider nutzte es ihnen auch nichts mehr. Doch das peinliche Ergebnis mit 3:1 für die jüdische Vergleichsgruppe wurde unter„streng geheimer Forschungsbericht“in irgendeiner deutschen Ordnungsmappe abgelegt. Himmler bekam schließlich den Bericht anfangs der 60er Jahre in die Hände und machte durch einen öffentlichen Tobsuchtsanfall während einer Parteirede, die Geheimsache selbst publik. In seiner von früher bekannten Rhetorik brüllte diesmal Himmler vor versammelter Partei:„Es interessiert mich nicht, dass bei diesem Belüftungsversuch Juden ins Gras gebissen haben. Es ist zwar tragisch, dass durch technische Fehler die gleiche Anzahl an Volksdeutschen ums Leben kam.Doch ich finde es wirklich untragbar, dass scheinbar die Judengruppe viel besser bei der Übung abgeschnitten hat als die Volksdeutschen, die Herrenmenschen. Ich verlange solange eine Wiederholung des Experimentes bis die anständigen (!) und braven Deutschen als klare Sieger hervorgehen.“20Mit dieser Parlamentsrede zog sich Himmler allerdings den Volkszorn zu, was ihn fast sein Amt gekostet hätte. Aber in einer Diktatur im Ein-Parteien-Staat, ohne Opposition, stürzt man nicht so leicht vom Thron.

Weitere echt große technische und ingenieursrelevante Herausforderungen waren die Lebensbereiche „Feuer und Wasser“.Dauerhafte Lösungen für die Themen ums Heizen, Brennmaterial, Rauchentwicklung und die Gefahr von Bränden und Feuer mussten entwickelt, gewartet und ständig erneuert werden. Allein schon die Frage nach den Notausgängen und Fluchtwegen ist unter der Erde recht kompliziert.

Und natürlich der ganze Themenkomplex rund um das Wasser: Trinkwasser, Abwasser, Brauchwasser, Klospülung, Wasser für Bad und Dusche, Angst vor Vergiftung des Wassers durch den Feind, was wiederum doppelt bis dreifache Schutzmaßnahmen erfordert. Aber auch das große Problem der Feuchtigkeit und Schimmelbildung als unmittelbare Gefahr für die Bewohner und Lebensmittel.

Alles in allem betrachtet, scheint der Mensch von Natur aus für ein Leben über der Erde mit den notwendigen Elementen Feuer (Sonne), Wasser, Luft und Erde geschaffen zu sein und nicht wie Maulwürfe, die sich in diesen „Unterschichten“ recht wohl finden.

Beim Blick auf die Lebensweise des deutschen Normalbürgers, der geistig stets in Gedanken und physisch mindestens mehrere Tage im Jahr in den Bunkern zubringen musste, drängt sich das Wort des Philosophen Theodor Adorno21auf, ein Wort, das die Wirklichkeit beschreibt. Ein Wort, das zur Kritik, zur Umkehr, zum Widerstand gegen die falsch verordnete Wirklichkeit aufruft, wenn es heißt:„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“Wache und sensible Menschen wie Georg Blank, sein Enkel Wolfgang Meierlein und noch ein paar andere Bürger fühlen existenziell das „Falsche“. Sie streben mit Herz, Hand und Hirn in unstillbarer, unendlicher Sehnsucht nach dem, was das „Richtige“, das richtige Leben sei und ihnen zugleich mit Macht und Gewalt verboten ist.

Jahr 1945

„Lieber ein Ende mit Schrecken als ein

Schrecken ohne Ende.“ (Volksweise)

Kapitel II: Kriegsende

Opa Georg ist mit seinem Enkel Wolfgang bei einem Waldspaziergang, wo sich die beiden gut über Gott und die Welt unterhalten können. „Wolfgang, ich denke sehr oft daran, wie die Welt und das Leben heute in Deutschland wären, wenn alles anders gekommen wäre. Ja, wäre und hätte ...Fahrradkette! Wir wären dann nicht unserer Freiheit beraubt, müssten nicht unser ganzes Leben fremdbestimmt durch Politik, Wirtschaft und Militärwesen bis ins intimste Privatleben auf die Staatsideologie ausrichten. Nun haben wir in diesem Staat an unseren Außengrenzen keine Nachbarn, sondern nur Feinde und Widersacher. Deshalb muss das Deutsche Reich gegen alle seine Feinde kämpfen und sie abwehren! Ja Wolfgang, wenn es dich interessiert, dann erzähle ich dir zuhause bei einem Glas Wein, wie es wirklich zum Kriegsende kam. Mein Geschichtswissen wird sich jedenfalls von dem Lernstoff in deiner Oberstufe deutlich unterscheiden (…).“ Mittlerweile ist es Abend geworden und Opa sitzt mit seinem ältesten Enkel Wolfgang beim Wein in der Küche. Wolfgang ist viel aufgeschlossener geworden, vor allem seit er selbst eine berufliche Krise durchgemacht hat. Viel aufgeschlossener als sein parteitreuer Bruder Bernhart. Opa hat sich gerade ein Viertele Weißwein eingeschenkt und dabei erzählt er von seinem reichen Geschichtswissen: „Schön, dass wir beide mal wieder Zeit füreinander haben. Übrigens merke ich schon länger, dass du Wolfgang wirkliches Interesse an der deutschen Vergangenheit hast. Ein Interesse an der >Wahrheit< ohne Parteibrille – nicht wie dein kleiner Bruder. Wenn du deinen alten Opa einfach mal erzählen lässt, wie ich das >Kriegsende< erlebt und recherchiert habe. O. k. ich gebe zu, dass ich auch nicht alles 100-prozentig in Erfahrung bringen konnte, mich aber redlich darum bemüht habe und weiterhin darum bemühe, den historischen Ereignissen soweit wie möglich nahe zu kommen. Und wenn du danach sicherlich immer noch viele Fragen hast, dann rate ich dir: Gehe diesen Fragen auf den Grund und lass dich nicht von den offiziellen Antworten aus den Geschichtsbüchern, den Zeitschriften, dem Internet und den Weltanschauungslehrern abspeisen.

Solche Lehrtexte sind von der Partei gelenkt und zensiert, vom staatlichen Rundfunk, den Wochenschauen, den Propaganda-Filmen – vom >Stürmer< und >Flammenzeichen< als NS-Zeitungen manipuliert. Ja, ich gebe zu: Es ist sauschwer selbst zu denken, wenn so viele Informationsquellen, sogar im Internet und bei den Buchmessen in Frankfurt gelenkt und vorgegeben sind. Ich hatte es als Bub diesbezüglich leichter, da ich wenigstens meine ersten 10 Lebensjahre22bis 1933, in einem freien Denk- und Sprachraum erleben durfte. Deshalb weiß ich aus persönlich Erlebtem, welche Kraft in dem Satz steckt: >Die Wahrheit wird euch frei machen!<

Nach 1933 merkte ich es zunächst gar nicht, erst wieder einige Jahre später, als mein Denk- und Sprachraum von außen immer enger, beschränkter, einseitiger - wie in einem Tunnel – ohne Ausweichung und im Dunkeln wurde.

Wie kam es zum ‚Waffenstillstand‘ und wie plante der Diktator später seine Nachfolge?

H. hatte sein politisches Testament bereits unter der massiven Bombenbedrohung im Berliner Führerbunker gemacht und wollte sich danach selbst das Leben nehmen, wozu es aber aus ungeklärten Gründen nicht kam. Zunächst hatte er aus fanatischem Hass und Enttäuschung über Himmler und Göring, diese beiden aus der Partei rausgeworfen, wegen angeblicher Kooperation mit dem Feind und wegen >persönlicher Treuelosigkeit<23.

Dann kam es zur erneuten Wendung, einer Ironie des Schicksals: Die vorzeitigen Feindverhandlungen Himmlers und Görings mit den Engländern boten den Schlüssel für die Waffenstillstandsverhandlungen im April 1945.24Hitler selbst hätte nie mit dem alliierten Feind verhandelt. Natürlich auch, weil er riesige Angst davor hatte, dass der feindliche Verhandlungspartner dann ihn, diesen „großen Fisch“, als Geißel gefangen nehmen könnte. Oder, dass man mit ihm so abscheulich und grausam verfahre, ihn foltern und misshandeln, wie seine Befehlsempfänger die SS-Leute mit ihren Gefangenen umgesprungen sind. Die Russen könnten ja leicht auf die Idee kommen, den einst von H. selbst erlassenen Kommissariats-Befehl, damals gegen die russische Militärführung, in diesen Fall gegen H. selbst anzuwenden.25“

Wolfgang ist ganz konzentriert beim Zuhören und fragt genau nach: „Wie konnte sich überhaupt das Blatt nochmals wenden, nachdem der Krieg doch schon längst verloren und entschieden erschien?“

„Ach, mein Junge, wieder sah der Führer diesmal eine allerletzte Chance einigermaßen heil aus dem mörderischen, fast verlorenen Krieg herauszukommen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und trotzdem an der Macht zu bleiben. Himmler und Göring hatten ihm gegen seinen ausdrücklichen Willen die Tür aufgestoßen. Jetzt brauchte H. diese Tür nur noch offen zu halten: Über Himmler und Göring konnte er seine Verhandlungsbedingungen stellen. Mittlerweile ist aus sicheren Quellen, dem englischen Geheimdienst, Churchills Bücher und anderen Aussagen der Verhandlungspartner bekannt, dass die alliierten Staatslenker, die Engländer, Franzosen, Amerikaner und Russen, Hitler als Verhandlungspartner überhaupt nicht akzeptierten. Churchill sprach darüber ganz offen: >Was will dieser großkotzige Führer überhaupt noch mitreden. Der Weltkrieg ist offensichtlich in wenigen Wochen aus und vorbei. Die englische Luftwaffe hat viele feindliche Großstädte in ganz Deutschland in Schutt und Asche gelegt. Die Amerikaner sind seit der Invasion in der Normandie, dem 6. Juni 1944, weit vorgestoßen, die Russen werden in wenigen Tagen die Hauptstadt Berlin einnehmen. Wenn jemand überhaupt Bedingungen stellt, dann sind es die Alliierten, die zukünftigen Sieger und nicht Hitler, der sicherlich in wenigen Wochen (jetzt haben wir Anfang April 1945) den Krieg verloren hat<. Himmler und Göring als Verhandlungspartner überbrachten H. diese Nachricht, was erst einmal in einem wahnsinnigen Wutausbruch des verlierenden Führers endete, wie später durchsickerte:

In seinem Wahn brüllte Hitler >von der alles vernichtenden Wunderwaffe<, >diese Waffe habe die Kraft, die ganze Welt in Fetzen zu reißen<, >eine Atombombe sei dagegen nur ein Luftgewehr<.26Er ließ verlauten: Seine Wunderwaffen haben eine Zerstörungskraft, die im Umkreis von Tausenden! von Kilometern alles Leben vernichten. Und es täte ihm um diese lebensunwerten menschlichen Kreaturen nicht im Geringsten leid. Denn bevor er besiegt werde, werde er alles andere vernichten. Das sei seine verdammte Pflicht und Ehre!!<

Selbst Himmler und Göring verschlug es einen ewigen Moment lang die Sprache. Schließlich wollten sie wissen, wo denn die Wunderwaffen versteckt seien, worauf H. nur ausweichend antwortete. Es seien sogar viele Vernichtungswaffen an vielen Orten positioniert.

Und sobald er den Befehl gebe, werden die Wunderwaffen diese Erdkugel wie einen Luftballon zum Platzen bringen. Dann befahl H. Göring und Himmler mit den von Goebbels gemachten Filmaufnahmen mit Churchill und seiner Entourage folgendes Ultimatum auszuhandeln: Im Namen des deutschen Volkes verlange der Führer:

1.) Ein Ende der Invasion amerikanischer Truppen auf deutschem Boden.

2.) Die sofortige Beendigung der Luftbomben-Angriffe auf deutsche Städte.

3.) Ein Ende der Kriegshandlungen gegenüber der deutschen Hauptstadt Berlin.

4.) Die Reichsdeutsche Führung und das deutsche Volk bieten dem alliierten Feind einen fairen Waffenstillstand an. Damit die Zahl der Kriegsopfer und das Blutvergießen endgültig aufhören.

5.) Der Führer gewährt seinen Kriegsgegnern 72 Stunden Zeit. Wenn bis dahin die Kampfhandlungen und die Fliegerbomben nicht aufhören, dann wird der Führer alle seine Wunderwaffen zum Einsatz bringen und die werden ganze Völker und Länder für immer ausmerzen!!

H. gab diesen Auftrag an Göring und Himmler im Sinne eines Befehles, den sie mit Leib und Leben umzusetzen hatten. Durch die Befehlsgewalt wurde der Erpressungsdruck auf alle Beteiligten erhöht.

H.s Drohung das Kriegsende mit der >Wunderwaffe V2< zu erzwingen, seine verzweifelte Erpressung wird als Rede des Wahnsinnigen bezeichnet. Die vermutlich aus seinem Bunker in Berchtesgaden gehaltene Rede, die sogar auf Englisch, Französisch und Russisch übersetzt wird, hat ungefähr folgenden Wortlaut und ertönte in allen Volksempfängern:

Wenn sich die Amerikaner und Engländer nicht aus der Normandie zurückziehen, dann wird die Wunderwaffe der Deutschen eingesetzt. Damit werden ganz Nordfrankreich und England, sowie große Teile Russlands von der Landkarte ausradiert, ausgelöscht und vernichtet. (H. brüllt): „Wenn aber dieser totalste Vernichtungskrieg nicht sein soll, dann muss sich der Amerikaner aus Nordfrankreich zurückziehen!! Es liegt also in der Hand und in der Verantwortung der Feinde des Dritten Reiches, ob sie die totale Vernichtung ihrer eigenen Völker und ihre Muttererde wollen oder nicht. Wenn aber doch die Vernunft der Feinde siegen sollte, weil schon auf beiden Seiten genug Blut geflossen ist, dann lege ich als Führer der Deutschen und oberster Militärbefehlshaber das ehrliche Versprechen in die Waagschale:

Meine Soldaten und das deutsche Volk werden die Kriegshandlungen beenden, weil schon genug Blut vergossen wurde. Ich bin sogar bereit mit meinen Feinden über die bestehenden Grenzen vor allem im Osten zu verhandeln.

Sollte aber dennoch, trotz dieses großzügigen Angebots die Unvernunft und der feindliche Kriegswille stärker sein, dann wird in unerbittlicher Schlagkraft und Stärke diese neue deutsche Waffe V2 den allergrößten Vernichtungsschlag aller Zeiten – setzen!!!

Das Schicksal und die Zukunft dieser Erde hängen also von der weiteren Kriegshandlung im Westen und im Osten ab. Keiner der Feinde kann hinterher sagen: >Er hätte es nicht gewusst und sei nicht vorgewarnt worden.< Zur Entscheidungsfindung gebe ich den Kriegsgegnern drei lange Tage Zeit. Nach Ablauf von 72 Stunden wird auf meinen Befehl hin der Generalstab die deutsche Wunderwaffe zünden, deren Ziele heute schon feststehen.

Diese Drohrede H.s war letztlich Ausschlag für das Kriegsende: Denn kein Staatspräsident, nicht einmal der kämpferische Winston Churchill, hatte Zweifel daran, dass der wahnsinnige Diktator, seine abscheuliche Vernichtungsdrohung ernst machen würde, wenn das dreitägige Ultimatum verstrichen wäre. H.s Rede rauschte über jeden Volksempfänger und wurde übrigens offiziell ins Englische, Russische und Französische übersetzt und ganz bewusst den dortigen Medien zugespielt.

Churchill hatte die englische Fassung dieser „Wahn-Rede“, wie sie von allen genannt wurde, mindestens fünfmal angehört, um doch irgendwie am Ausdruck, an Rhetorik, Sprache oder Lautstärke herauszufinden, ob der Inhalt ernst zu nehmen oder alles nur Bluff sei. Der Druck auf Churchill war gigantisch, denn jeder wusste, dass er das Vorzugs-Entscheidungsrecht hatte. Wie Churchill, der Erzfeind H.s entscheiden würde, so wurden auch der neu ernannte Präsident Truman27und Stalin entscheiden. Denn eines war den alliierten Präsidenten im Kampf gegen den gemeinsamen Feind klar: Gemeinsam gehen wir als Alliierte Streitkräfte gegen H. in die gleiche Richtung!“

Churchill ließ als Entscheidungshilfe seinen Geheimdienst-Mann Ralph Bennett28zu sich kommen und fragte ganz sachlich nach dessen Geheimwissen über die deutsche Kriegsführung. Denn vor kurzer Zeit war es Bennett und seinem Team gelungen, den Sprachcode und die Botschaften der Deutschen abzuhören und noch wichtiger, sie zu entschlüsseln. Bennett hielt die Existenz dieser Vernichtungswaffen sogar für sehr wahrscheinlich. Und als Beweis erklärte Bennett Churchill: In den entschlüsselten Funksprüchen werde immer wieder von solchen Waffen gesprochen. Daraufhin sei Churchill ganz bleich geworden und habe bekundet, dass sie nun aus Klugheit nachgeben müssten, bevor der wahnsinnige deutsche Diktator die ganze Welt auslösche. Und sogleich veranlasste Churchill, dass Truman, Stalin und de Gaulle zu benachrichtigen seien: Dazu bräuchte man keine 3 Tage Bedenkzeit, sondern sofortige Ausrufung des Waffenstillstandes, weil höchste Gefahr im Verzug!

Wolfgang bekräftigt die Ausführungen seines Opas: „Das ist ja die brutalste Erpressung, wovon ich je gehört habe. Die ganze Welt mit ihrer Vernichtung zu erpressen, unfassbar!“

„Wenige Monate später“, so fährt der Opa fort, „im August 1945, bekam die ganze Welt den Beweis, was furchtbare Atombomben für eine Vernichtungs- und Zerstörungskraft von Menschenleben haben. Denn auf Trumans Geheiß wurde über Japan, Hiroshima und Nagasaki durch den Abwurf der amerikanischen Atombomben29das Schrecklichste wahr. Neben der Auslöschung von über 160 000 Menschenleben von einer Sekunde auf die andere und den Langzeitfolgen sowie Töten mit zeitlicher Verzögerung von nochmals ca. 140 000 Japanern, war diese Schreckenstat gleichzeitig Spiegel und Warnung davor, was das Hitlerdeutschland mit Amerika machen würde, wenn es seine V-Waffen (Vergeltungswaffen), wie angedroht auf europäische Hauptstädte und mittels U-Booten auf die amerikanische Ostküste abfeuerte. Nein, war die einhellige Meinung der alliierten Staatspräsidenten, jetzt muss Schluss mit der Atomkriegsführung sein, der Drache, das Böse, Nazi-Deutschland darf nicht weiter gereizt werden. Sie waren davon überzeugt, dass das Nachgeben im April 1945, also vier Monate zuvor, der richtige Entschluss war, bevor alles >für Mann und Maus< zu spät gewesen wäre.“

Wie ging es dann nach dem Waffenstillstand weiter?“, fragte Wolfgang.